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Full text of "Zeitschrift für internationales privat- und Strafrecht mit besonderer Berücksichtigung der ..."

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HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 



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Zeitschrift 



für 



Internationales Privat- nnd Strafrecht 

l 

mit besonderer Berücksichtigung der 

Reolitsliülfe. 



Begründet und herausgegeben 

von 

Ferdinand Böhm, 

Oberlandesgeriehtnrath am kgl. Oberlandesgeriehte Nürnberg. 

Unter Mitwirkung der Herren: 

Dr.Ä, Älexif Sektionsrath imk.JustizminiBterium in Budapest. — Dr. C. D, 
Asser jun,, Advokat in Amsterdam. — Dr, van Bar, Geh. Justizrath und 
Üniv.-Professor in Göttingen. — Dr, Barazetti, Üniv.-Professor in Heidel- 
berg. — Dr. Beatichetj Üniv.-Professor in Nancy. — Dr. Berghohm, Staats- 
rath in Dorpat — Dr. von Bamhardy Reichsgerichtsrath in Leipzig. — 
Angelo Majorana Calatabiano, Univ.-Professor in Catania. — Giuseppe 
Majorana Calatabiano, Univ.-Professor in Catania und Adv. am Gassations- 
hof in Rom. — Dr. Ambroise Colin, Üniv.-Professor in Caen. — F. P. 
Contusii, Üniv.-Professor in Neapel. — Dr. Delius^ Gerichtsassessor in Biele- 
feld. — JB. DiiUm, Esqu. Counsellor - at - law in New -York. — Pasquale 
Fiore, Üniv.-Professor in Neapel. — G. Fioretti, Avv. in Neapel. — 

Dr. Friedher g, Üniv.-Professor in Leipzig. — 

(Fortsetzung nachstehend.) 



Erster Band. 




(Carl £nke.) 



/ 






HARVARD COLLEGE LIBRARY 

6IFT OF 

fP?i«ö AIHMACUI^R 

MAY 12 1925^ 
MAY 12 192:) 



Alle Rechte vorbehalten. 



K. b. Hof- o. Univ.'Baohdraokerel von Fr. Junge (Jong« u. Sohn) in Srl*ng«il. 



Fortsetzung dar Usta dar Harren Mitarbeiter: 

E. Fromagwt, Advokat am Appellhof in Paris. — Dr. L. Fuld^ RechtsaDwalt 
in Mainz. — Br. B. Gete, Reichsanwalt in Christiania. — Dr. J. Gold- 
schmidt, Rechtsanwalt am Kammergericht in Berlin. — Landgerichtsrath 
Dr. Grenser in Dresden. — Dr. Gretenerj Univ. -Professor in Bern. — 
Grünetodldy Amtsgerichtsrath in Metz. — Dr. Freih. von Haan, Sektionsrath 
im k. Justizministerium in Wien. — Dr. Haenel, Üniv.-Professor in Kiel. — 
Dr. Hafner, Bundesrichter in Lausanne. — Dr. Hagerup, Üniv.-Professor 
in Christiania. — Dr. Hamaker, Üniv.-Professor in Utrecht. — Dr. Harhurger, 
Landgerichtsrath und Dozent an der Universität München. — Dr. Heck, Dozent 
an der Universität Berlin. — Dr. Heimburger, Dozent a. d. Universität Heidel- 
berg. -— M. Heinsheimery Oberlandesgerichtsrath in Karlsruhe. — W.Heinzer- 
ling, Oberlandesgerichtsrath in Darmstadt. — Dr. Hübler, Üniv.-Professor in 
Berlin. — Dr. Jellinek, Üniv.-Professor in Basel. — Dr. Jettel, Sektionsrath 
i. Ministerium d. Aeussem in Wien. — Dr. Jitta, J., Advokat in Amster- 
dam. — Dr. Kahn, Referendar in Mannheim. — Dr. Kayser. Geh. Legatiöns- 
rath und Dirigent der Kolonialabtheilung i. Auswärtig. Amt zu Berlin. — 
E. Keyssner, Kammergerichtsrath in Berlin. — Dr. Klöppel, Rechtsanwalt 
beim Reichsgericht und Dozent an der Universität Leipzig. — Dr. Koenig, 
Üniv.-Professor in Bern. — Dr. Kohler, Üniv.-Professor in Berlin. — Dr. 
KrasnopoUki, Üniv.-Professor in Prag. — Dr. Laband, Üniv.-Professor in 
Strassbnrg. — Dr. Lammasch, Üniv.-Professor in Wien. — A. Lebon, Chef 
des Cabinets d. Präsidenten d. Senats und Professor der Staatswissenschaft 
in Paris. — Dr. Ernest Lehr, Üniv.-Professor in Lausanne. — Leoni, Mini- 
sterialrath in Strassburg. — Dr. Lieven, Rechtsanwalt in St. Petersburg. — 
Dr. Lippmann, Reichsanwalt in Leipzig. — Dr. von Marquardsen, Üniv.- 
Professor in Erlangen. — Dr. von Härtens, russ. Staatsrath u. Üniv.-Professor 
in St. Petersburg. — Dr. von Martitz, Üniv.-Professor in Tübingen. — 
Dr. von Maurer, Üniv.-Professor in München. — Dr. F. Meili, üniV.-Professor 
in Zürich. — Dr. A. Menger, Üniv.-Professor in Wien. ~ Dr. Memen, 
Landrichter in Hechingen. — Dr. MitteUtein, Amtsrichter in Hamburg. — 
A. Porter Morse, Counsellor of the Supreme Court etc. in Washington. — 
Dr. H. J. A. Mulder, Advokat und Rechtsanwalt beim Hohen Rath in Haag. — 
Neubauer, Kammergerichtsrath in Berlin. — Dr. d^ Olivecrona, vormal. Rath 
am obersten Gerichtshofe von Schweden in Stockholm. — Dr. Pann, Hof- und 
Gerichtsadvokat in Wien. — Dr. Petersen, Reichsgerichtsrath in Leipzig. — 
Dr. Bivier, Üniv.-Professor in Brüssel. — Dr. von Bohland, Üniv.-Professor 
in Dorpat. — Don Vicente Bomero y Girön in Madrid. — Dr. Bosehblatt, 
Üniv.-Professor in Krakau. — Dr. Bosenthal, Üniv.-Professor in Jena. — - 
Dr. Boskowski, Üniv.-Professor in Lemberg. — E. B. Salem, Advokat in Salo- 
nichi. — Dr. i^aZomon, Rechtsanwalt in New- York. —• Dr. Ä'cÄanxr«, Regierungs- 
rath im Reichs-Patentamt in Berlin. -— vonScf^elling, kaiserlich deutscher Vize- 
Konsul in Konstantinopel. — G. Scheuffler, Amtsrichter in Johann-Georgen- 
stadt. — F. Schlauer, Polizeipräsident in Zürich. — Dr. Schrutka-Bechten- 
stamm, Üniv.-Professor in Wien. — Dr. Schuster, Barrister at Law in London. — 
Sehwd, Landgerichtsrath i. k. Justizministerium zu Stuttgart. — A. Setti, S. 
Procuratore del R6 in Rom. — Stadler, Reg.-Rath i. Justizministerium i. 
Strassburg. — Dr. Stoerk, Üniv.-Professor in Greifswald. — - Dr. Strisower, 
Dozent an der Universität in Wien. — A. von Travaglia, Staatsprokurator 
in Rom. — Dr. Vauthier, Advokat u. Üniv.-Professor in Brüssel. — Voigt, 
Rechtsanwalt in Halle. — Dr. Freih. von Völderndorff, Ministerialrath in 
München. — Andre Weiss, Üniv.-Professor in Dijon. — Dr. Weizsäcker, 
Landgerichtsrath im Justizministerium in Stuttgart. — Dr. S. Zeisler, 
Advokat in Chicago. — Dr. Zorn, Üniv.-Professor in Königsberg. — Dr. 
Zucker, Üniv.-Professor in Prag. — Dr. Zürcher, Üniv.-Professor in Zürich 

u. A. m. 



Inhaltsverzeichniss 

des I. Bandes 1890/91. 
I. 

Abhandlungen. 

Seite 

Die Doktrin des internationalen Privatrechts. Von Dr. F. Meili, 
ordentl. Professor an der Universität in Zttricfa, AasocU de V Institut 
de droit intem<xti(mal, Advokat 1, 135 

Die international-rechtlichen Bestimmnngen im nenen italienischen 
Strafgesetzbuch. Von Aty. Aug, Setti, B. Procuratore del Re in 
Rom 24 

Rechtsschutz der Photographie in den Verbandsländem der Bemer 
internationalen Uebereinknnft zum Schutze von Werken der Litera- 
tur und Kunst Von Amtsgerich tsrath Grünewald in Metz . . 31 

Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. Theorie 
und Praxis des internationalen Privatreohts, von L, v. Bar, zweite 
umgearbeitete Auflage des internationalen Privat- und Strafrechts, 
2 Bde. 1889. Von Dr. Klöppel, Rechtsanwalt beim Reichsgericht 
und Priyatdozent in Leipzig 34, 190 

A, van Bulmerincq, Nekrou)g. Von Universitätsprofessor Dr. Bara- 
zetti in Heidelberg 48 

Von der Vormundschaft über die Minderjährigen nach dem gegenwärtig 
geltenden spanischen Rechte. Von Professor Dr.Ernest Lehr, Mit- 
glied des Völkerrechtlichen Instituts in Lausanne 170 

Recbtagmndsätze des deutschen Reichsgerichts in Auslieferungssachen. 
Von Dr. jur. Delius, Gerichtsassessor in Bielefeld 176 

Zur Frage der Bevormundung fremder Staatsangehöriger. Von Amts- 
richter Seheuffler in Jonanngeorgenstadt 181 

Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit nach französischem 
Rechte Von Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fuld in Mainz . . 186, 316 

Ueber die räumlichen Grenzen ftir die Wirksamkeit des Strafgesetzes 
vom Standpunkte des neuesten österreichischen Strafgesetzentwurfs. 
Von Universitätsprofessor Dr. Zucker in Prag 204 

Der Gerichtsstand Air Klagen gegen Ausländer nach österreichischem 
Rechte. Von Dr. Josef Rosenhlatt^ Universitätsprofessor und 
Rechtsanwalt in Krakau 285 

Die räumliche Kollision der Gesetze bei Feststellung der Rechts- 
yerhältnisse zwischen einem ausserehelichen Kinde und seinem natür- 
lichen Vater, unter Zugrundelegung des Allgemeinen Preussischen 
Landrechts. Von Rechtsanwalt Voigt in Halle a/S 304, 461 

Der KongresB von Montevideo und das internationale Vertragsrecht 
der südamerikanischen Staaten. Von Dr. Heck, Gerichtsassessor 
und Priyatdozent in Berfin 324, 477, 592 



VI iDhaltsverzeichniss. 

Seite 

lieber die im Jahre 1890 yorgenommeneD Aenderungen des schwedi- 
schen Strafgesetzbuchs von 1864. Von Dr. K. d^OUvecrona in 
Stockholm 346 

Die Aaslieferung nach den Verträgen und Gesetzen des Königreichs 
Italien. Von Carlo Travaglia, K. Sahst. Generalprokurator in 
Rom 441 

Beiträge zur Systematik der internationalen Rechtspflege. Von Re- 
gierungsrath Dr. Arnold Paniif Hof- und Gerichtsadvokat in Wien 483 

Die rechtliche Stellung der im Auslände naturalisirten Ottomanen. 
Von Advokat Salem in Salonichi 551 

Die internationalen Wirkungen des Wechsels in Ansehung des italieni- 
schen Rechts und der italienischen Jurisprudenz. Von F. P. Con- 
tuzei, Advokat, Professor des internationalen Rechts an der k. Uni- 
versität Neapel 572 

Rechtsschutz der photograp bischen Erzeugnisse in den ausserhalb des 
Berner Urheber-Verbandes stehenden Kulturländern. Von Amts- 
gerichtsrath Grünewald in Metz 582 

Streitige Gerichtsbarkeit fremder Konsuln in zivilisirten Ländern. Von 
Dr. jur. Max Mittelstein^ Amtsrichter in Hamburg 651 

Internationalrechtliche Fragen in den Arbeiterversicherungsgesetzen. 
Von Dr. Ludtoig Fuld, Rechtsanwalt in Mainz 675 

Abnahme des Versprechenseides im Verfahren der nichtstreitigen 
Rechtspflege. — Ausstellung des sog. Affidavit des englisch-ameri- 
kanischen Prozessrechts. Von Kammergerich tsrath Neuhauer in 
Berlin 680 

n. 

Bechtspreehnng. 

Deutschland 51, 210, 359, 502, 600, 683 

Vereinigte Staaten von Amerika: 
Entscheidungen amerikanischer Gerichtshöfe. Mitgetheilt von Herrn 

Advokaten Dr. Sigmund Z eisler in Chicago 373 

Belgien: 
Entscheidungen der belgischen Gerichtshöfe aus den Jahren 1889 
und 1890. Mitgetheilt von Herrn Maurice Vauthier, Advokat 

und Universitätsprofessor in Brüssel 220, 380 

Dänemark: 
Dänische Rechtsprechung. Mitgetheilt von Sr. Exzellenz Herrn 

Justizminister Dr. Nellemann in Kopenhagen 227 

Frankreich: 
Bericht über französische Rechtsprechung in Bezug auf internatio- 
nales Privatrecht. Mitgetheilt von Herrn üniversitätsprofessor 

L. Beauchet in Nancy 64, 696 

Grossbritannien : 
Englische Entscheidungen aus dem Jahre 1889. Mitgetheilt von 
Herrn Dr. Ernst Schuster, Barrister-at-Lato in London . 82, 230 
Italien: 
Italienische Rechtsprechung. Mitgetheilt von Herrn Universitäts- 
Professor F. P. Con t« 2^ 5t in Neapel 232,515,612 

Oesterreich* 

Rechtsprechung der österreichischen Gerichtshöfe 83, 236, 385, 518, 615, 703 
Schweiz: 
Rechtsprechung des schweizerischen Bundesgerichts: Mitgetheilt von 
Herrn Bundesrichter Dr. Hafner in Lausanne 88, 245, 394, 526, 622, 711 



Inhaltsyerzeichniss. 



VII 



Seite 



Mitgetheilt von Herrn Freih. von Haan, Sektionsrath im 

k. k. Justizininistcrinm in Wien % 

Aus der Zeitschrift für Schweizer Strafrecht von Dr. Stoosn . . 248 



m. 

Gesetzgebung, Yerordnungen, Erlasse der obersten Jnstlz- 

yerwaltungsstellen. 

I. Deutschland: 

1. Keichsgesetze, kaiserl. Verordnungen etc. . 100, 249, 402, 528, 714 

2. Gesetze, Verordnungen etc. der einzelnen Bundesstaaten: 

Preussen 101, 250, 530, 714 

Bayern 101, 250. 403 

Sachsen 102, 250, 404, 715 

Württemberg 102,404,530,710 

Baden 103,251,405,532 

Hessen 103 

Mecklenburg-Schwerin 405 

Sachsen-Weimar-Eisenach 251 

Sachsen-Altenburg 251, 406 

Sachsen-Koburg-Gotha 406 

Schwarzburg-Rudolstadt 406 

Schaumburg-Lippe 407 

Lippe 407 

Lübeck 407 

n. Ausw&rtige Staaten. 

Vereinigte Staaten von Amerika 532, 635 

Brasilien 532 

Bulgarien 535 

Columbien 636 

Dänemark 104, 251, 407 

Finnland 536 

Frankreich 253, 409 

Grossbritannien 412 

Japan 636 

Luxemburg 107 

Mexiko 253, 537 

Norwegen 253, 412 

Oesterreich 108, 256, 637 

Portugal 637 

Russland 108 

Schweden 414 

Schweiz 414, 638, 717 

Spanien 639 

Ungarn 260, 639 

IV. 

Internationale Verträge iio, 261, 416, 538, 721 

V. 
Bechtsyerliältnisse in den dentselien Selmtzgebieten 118, 420, 722 



yill Inhaltsverzeichniss. 

Seite 

VI. 

Yermiselite Mittheilangen 120, 263, 421, 539, 640, 723 

vn. 

Literatarberichte : 

a) Bücheranzeigen 128, 268, 424, 546, 643, 726 

b) Zeitschriftenüberschau 282, 438, 547, 648, 733 

vm. 

Antorenverzelehniss 735 

IX. 
Register Aber Bücheranzeigen und Zeitschrlftenfiberschan 738 

X. 
Alphabetisches Sachregister 739 



Die Doctrin des internationalen 

Priiratreclits. 

Von 

Dr. F. Meili, 

ordentl. Professor an der Univerntät Zürich, 
Associ^ de rinstitat de droit intemation&l, 

Advocat. 

Das internationale Privatrecbt repräsentirt eine Wissenschaft; die 
bis jetzt in den Hörsälen der deutschen Universitäten keinen breiten 
Baum einzunehmen pfl^e, — eine um so grössere Rolle spielte sie 
im praktischen Leben. 

Stellt das internationale Privatrecht wirklich eine selbständige 
Wissenschaft dar? Wie ist ihr Stoff systematisch zu begrenzen? Gibt 
es nicht ganz einfache Mittel^ die damit verbundenen Schwierigkeiten 
zu lösen? Welchen historischen Gang nahm die Disziplin und welche 
Ziele verfolgt sie|? Wie ist sie praktisch zu fördern? 

Dies sind die Fragen ^ welche ich hier in ungezwungener Weise 
kurz diskutiren möchte^ wobei ich sofort hinzufüge ^ dass ich ganz 
wesentlich die zivilistische Seite der Materie im Auge habe. 

I. 

Zu keiner 2<eit durfte man im gleichen Grade wie heute sagen^ 
dass der Mensch ein internationales Rechtssubjekt ist. Das Familien-^ 
Personen-, Sachen-, Obligationenrecht, das Handels- und Wechselrecht und 
das Erbrecht der verschiedenen Staaten kommt dadurch in internationale 
Berührung, dass die Angehörigen verschiedener Nationen sich heiratheu, 
dass sie Verträge über Liegenschaften und Sachen, über Schuldtitel, 
Käufe über Aktien und Obligationen abschliessen, dass sie fem von 
der heimathlichen Scholle sterben, ferner dadurch, dass Angehörige 
des gleichen Staats im Auslande Rechtsakte vornehmen oder dass 
sie dort Immobilien haben. Die damit verbundene Möglichkeit von 
Kollisionen wird erweitert, wenn man daran denkt, dass Auswärtige 
bei uns Prozesse führen, dass sie sich an Konkursen betheiligen oder 
dass sie mit unseren Stra^esetzen eine zu weitgehende praktische 
Bekanntschaft machen oder dass unsere Angehörigen dies im Auslande 
thon. 

Z«ittehrlft f. intern. Privat- u. Strafrooht etc., Band I. ' \ 



2 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Die wissenschaftliche Erörterung der hier im Grossen gekenn- 
zeichneten Eventualitfiten von Rechtsdissonanzen und von Bechtsdiffe- 
renzen ist zwar längst an die Hand genommen worden: die Doctrin 
des internationalen Privatrechts besitzt eine ehrwürdige Vergangenheit, 
und es muss als ein grosser Irrthum bezeichnet werden ; wenn man 
glaubt, diese Disziplin sei erst der Neuzeit entsprungen^). Es liegt 
auch auf der Hand, dass schon im Alterthume (bei den Indern, 
Aegyptem, Ph((niziem, Griechen imd Römern), zumal unterstützt durch 
die Schiffahrt, eine reiche Fülle von Beziehungen unter den Ange- 
hörigen verschiedener Staaten entstanden sein musste. Sobald mehrere 
Völker auf dem Erdenrunde miteinander in Verkehr treten, wird das 
internationale Recht praktisch und nur dann, wenn es auf der Welt 
blos ein Volk geben sollte oder wenn jedes mit einer chinesischen 
Mauer umgeben wäre and sich isoliren würde, wäre weder für das 
Völkerrecht noch für das internationale Privatrecht Raum geschaffen. 

Dagegen kann allerdings nicht bestritten werden, dass das inter- 
nationale Recht des Alterthums, soweit wir es überhaupt feststellen 
können, unausgebildet ist und dass die juristischen Sätze sehr dürftig 
und kümmerlich gewesen sein mögen, aber ein Recht gab es immer- 
hin, um die aus jenem Verkehre hervorgegangenen Konflikte zu 
lösen, — ein Recht, das freilich mit unseren heutigen Anschauungen 
vielfach völlig im Widerspruch steht**). 

Im Alterthume fehlte allerdings zur Entfaltung unserer Disziplin 
die Anerkennung jenes grossen Prinzips, auf das wir heute stolz sein 
können: die privatrechtliche Gleichstellung der Fremden mit den Ein- 
heimischen. Es fehlte femer die Berechtigung, die staatsrechtliche 
Verbindung mit dem einheimischen Staate auf die einfachste W^eise, 
nämlich durch die Auswanderung, zu lösen. Es fehlte der wirkliche 
Sinn und die praktische Ausgestaltung der internationalen Rechts- 
gemeinschaft, wenn wir auch bei hervorragenden Personen des Alter- 
thums diese Idee schon finden***). Erst die spätere Zeit mit ihrer 
Steigerung des Verkehrs, sodann die Entdeckung von Amerika, die 
gewaltige Konkurrenz der Industriestaaten, die Erstellung der grossen 
Verkehrsmittel und die Errichtung der Eisenbahnen, der Telegraphen 
und Telephone gaben dem internationalen Rechte den jetzt so mäch- 



♦) Laurent^ Droit civil international I Nr. 9. 

**) Berühmt ist die Stelle bei Montesquieu Esprit des lois liv. I c. III: 
Toutes les nations ont un droit des gens ; et les Iroquois memes qui mangent 
leurs prisonniers en ont un, Ils envoient et regoivent des ambassades; ils 
connaissent des droits de la guerre et de la paix: le mal est que ce droit 
des gens n^est pas fondi sur les vrais principes, 

***) Viel zitirt ist die Stelle, in der Cicero de officiis III 6 von der com- 
munis kumani generis societas spricht. Allein Cicero war, wenn ich so 
sagen darf, der juristische Bluntschli des Alterthums. Beide hielten das 
bestehende Recht von dem Rechte der Zukunft nicht scharf auseinander. 
Gewiss kommt der Wahrheit näher der Satz , dass die Völker ausserhalb 
des römischen Weltreichs Barbaren waren: ^gewtes in quibus romana pax 
desinit**. 



Die Doctrin des interuationaien Privatrechts. 3 

tigen und grossartigen Impuls, — ich möchte sagen, sein modernes 
Temperament. Welche Veränderungen diese Transportmittel der Neu- 
zeit gegenüber dem Alterthume hervorrufen, zeigt handgreiflich die 
völkerrechtliche Thatsache, dass nach einem Vertrage zwischen einer 
Stadt auf Kreta und Rhodus für den Ejriegsfall statuirt war, es sollen 
die Verbündeten innerhalb dreissig Tagen zweihundert Mann 
stellen*), — unsere modernen Militärs werden staunen über diese antike 
Leiatungs&higkeit. Die grossen Verkehrsmittel der Neuzeit, die da- 
durch geschaffene imd geförderte Beise- und Wanderlust der Menschen, 
die durch den Telegraphen herbeigeführte Möglichkeit einer blitzartig 
wirkenden Weltschrift und das heute ermöglichte telephonische Welt- 
gespräch sind es, die den Menschen auf die grosse universale Bild- 
flSche stellen und ihn aus dem Territorium des Einzelstaats auf den 
Boden der Welt hinaufheben. Freilich tritt zu jenen Faktoren noch 
ein anderer wichtiger Umstand hinza: ich meine die jetzige ungeheure 
Bevölkerung der Erde. Was war im Grunde genommen das Alter- 
thum gegenüber dem heutigen Menschenmaterial? 

Wir stehen also vor dem Resultate , dass sich heutzutage die 
Rechtsbeziehungen der Völker fast ebenso leicht abwickeln, wenn sie 
sich auf dem internationalen Boden bewegen, wie wenn sie sich inner- 
halb der Marksteine des einzelnen Staates vollziehen. Für das ganze 
internationale Rechtsleben der Neuzeit sind die geographischen Grenzen 
fJEtst indifferent. Und daher kommt es, dass es sich so grossartig entfaltet. 

Angesichts dieser modernen Gleichwerthigkeit des internationalen 
Lebens mit dem nationalen ist auch das internationale Recht zu einer 
ganz andern Bedeutung gelangt, zu einer juristischen Relevanz, die 
ihm sogar in den glänzendsten Zeiten des Alterthums und der spätem 
Perioden nicht zukommen konnte. Insofern kann und darf man sagen, 
dass wir in dem internationalen Privatrechte eine moderne Disziplin 
vor uns haben. Die quantitative Steigerung der internationalen Be- 
ziehungen fordert eine intensive Pflege der daraus hervorgehenden 
Rechtsfragen heraus und speziell das internationale Privatrecht ist ein 
Thema permanenter Aktualität der Neuzeit geworden**). Die Materie 
erscheint also als eminent praktisch und als wohl geeignet, einen 
eigenen und selbständig zu bearbeitenden Zweig der Rechtswissenschaft 
zu bilden. Ja man darf ohne Uebertreibung sagen, dass es keine 
Zeit gegeben hat, in welcher eine abgeklärte Wissenschaft des inter- 
nationalen Privatrechts so nöthig gewesen wäre wie jetzt. 



*) Vergl. Egger, Etudes hütoriques sur les traitis puhlies^ Paris 1866, 
S. Vni und 298. 

**) Höchst charakteristisch ist die Bemerkung von Schule, die er im 
Vorwort zu dem Kataloge der Bibliothek des Reichsgerichts II. Band Leipzig 
1890 (einer geradezu meisterhaften Arbeit) macht. Das Reichsgericht hat 
darnach fast täglich die Gesetzgebung des Auslandes zu berücksichtigen: 
„so bedurften innerhalb weniger Tage ein Zivilsenat das Handelsgesetzbuch 
von Haiti und das Zivilgesetzbuch von Chile, ein Strafsenat das Straf- 
gesetzbuch Russlands und das von Luzern**. 

1* 



4 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Allein welches Bild gewährt heute diese Doctrin? Die neuesten 
deutschen Schriftsteller klagen über ihre Verworrenheit*), über die 
utilitarische und prinziplose Kasuistik**) und über eine tiefe Zer- 
klüftung. Die deutschen Universitäten zeigen einen merkwürdigen 
Indifferentismus gegenüber dieser Disziplin: es besteht in keinem Lande 
deutscher Zunge ein selbständiger Lehrstuhl für internationales Privat- 
recht**'*). Die Materie wird zwar in den Vorlesungen über die Pan- 
dekten^ über das deutsche Privatrecht und über Völkerrecht berührt, — 
yyCausa brevitatis*' wird sie wohl auch etwa ganz weggelassen f). Ich 
glaube Niemandem Unrecht zu thun, wenn ich sage, dass, ganz unter- 
geordnete Ausnahmen vorbehalten, die Wissenschaft des internationalen 
Privatrechts an den deutschen Hochschulen gründlich vernachlässigt 
worden ist: sie steht auf dem Gefrierpunkte. Die Literatur — dieses 
stets getreue Spiegelbild des wissenschaftlichen Niveau — \vird in der 
neuen Zeit nur von wenigen deutschen Juristenff) kultivirt und ist 
gänzlich arm an monographischen Bearbeitungen. 

In den auswärtigen Staaten liegt die Sache erheblich anders. 
In England und Amerika bestehen besondere Professuren über diese 
Doctrin, in Italien, Frankreich fff), in Belgien ebenfalls. Damit steht 
in innigem Konnex die Thatsache, dass in diesen Ländern stets eine 
ganze Keihe hervorragender wissenschaftlicher Arbeiten erscheint, die 
bald das System der Doctrin umfassen, bald separate Fragen heraus- 
greifen. 



*) Vesque v, Püttlingen, Handbuch des in Oesterreich-Ungarn geltenden 
internationalen Privatrechts mit besonderer Berücksichtigung des Staats- 
und Völkerrechts, 2. Aufl. S. 17. 

•*) Franken, Deutsches Privatrecht § 7. 

***) Die Regierung des Kantons Zürich hat im Februar 1890 den ersten 
kühnen Wurf gethan, indem sie an der Universität einen neuen Lehrstuhl 
für das internationale Privatrecht und für vergleichende Jurisprudenz er- 
richtete. Die Thatsache, dass ich diesen Lehrstuhl bekleide und eingehende 
Studien über die ganze Literatur gemacht habe , gibt mir wohl das Recht, 
hier offen und ungeschminkt zu reden. 

t) Insofern existirt ein literarisch-historisches Präzedens. Alberictts de 
Rosate (f 1354) berührte das Thema auch, allein er erklärte, die Doktoren 
reden über diese Materie gewöhnlich viel, er aber lasse sie „cattsa brevi- 
tatis'^ weg. Vgl. Laini^ Introduction au droit international privi, Paris 1888, 
I S. 125. 

tt) Indem ich diese Ausnahme hervorhebe, ist es ganz klar, dass ich 
die monumentale Arbeit des grossen Internationalisten v, Bar, Theorie und 
Praxis des internationalen Privatrechts I. u. 11. Bd. 2. Aufl. im Auge habe. 
Dieses durch ungeheuren Fleiss und durch die Zusammenfassung des Stoffes 
ausgezeichnete wissenschaftliche Werk ist der einzige ernsthafte Repräsen- 
tant der deutschen Doctrin des internationalen Privatrechts. Die sehr 
tüchtige Arbeit von Böhm, Die räumliche Herrschaft der Rechtsnormen 
(1890) ist eine Leistung für die Praxis und sie will nichts anderes sein. 

ttt) Als ich im Winter 1889 in Paris wieder juristischen Studien oblag, 
wurde an der Ecole de droit eine Vorlesung gehalten über internationales 
Privatrecht und eine separate über internationales Strafrecht und zwar von 
zwei verschiedenen Dozenten. 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 5 

Auch das Deutsche Reich kann sich diesen Aufgaben auf die 
Dauer nicht entziehen. Gerade das internationale Privatrecht muss 
von den Juristen aller Staaten an die Hand genommen werden, weil 
in der gemeinsamen Arbeit aller Nationen ein moderirendes Element 
liegt, das ein Korrektiv schafft gegen das üeberwuchem einseitiger 
nationaler Faktoren. Und speziell die Betheiligung des deutschen 
Geistes kann und muss von allen Internationalisten mit Freude be- 
griisst werden. Mit der neuen Weltstellung, die sich das Deutsche 
Reich errungen hat, hat es auch weitgehende praktische Interessen, 
die Materie des internationalen Privatrechts im grossen Stile anzu- 
fiissen, — bei dem hohen Stande der deutschen Jurisprudenz können 
die kosmopolitischen Juristen nicht fehlen. Eine gründliche Aenderung 
wird freilich erst dann eintreten, wenn an den deutschen Universitäten 
eigene Professuren für die grosse Wissenschaft des internationalen 
Privatrechts gegründet werden: jede wissenschaftliche Disziplin ver- 
langt zu ihrem Gedeihen der dauernden und selbständigen akademi- 
schen Pflegstätten*). Ohne dieselben geht sie unter, sie verödet 
und verläuft in den Sand praktischer Routine und die Judikatur hält 
sich an gewisse handliche Formeln oder sie entscheidet nach den 
Gesichtspunkten momentaner Einfälle: Gelegenheit und Verlegenheit 
spielen die massgebende Rolle. Allerdings müssen an die Seite aka- 
demischer Professuren noch weitere Mittel treten, wenn die Wissen- 
schaft des internationalen Privatrechts gedeihen soll. Ich betonte 
schon bei anderer Gelegenheit**), wie nöthig es z. B. wäre, in Deutsch- 
land eine Gresellschaft zu gründen ähnlich der Societe de LSgislation 
etrangSre in Paris. Femer sind Detailuntersuchungen nöthig theils 
historischer theils dogmatischer Natur, — unsere Disziplin wimmelt 
von interessanten Fragen, man mag sie anfassen wo man will. Ins- 
besondere ist es auch ein wirkliches Bedürfniss, welches nun hier be- 
friedigt wird, eine eigene deutsche Zeitschrift zu besitzen, in welcher 
Theorie und Praxis zum Worte kommt und in welcher die gericht- 
lichen Urtheile „XM ntUze und steure der hemoehkommenden herren und 
Shepphin'^ publizirt werden. 

Die Pflege des internationalen Rechts kommt übrigens auch dem 
internen Recht zu gute: sein Studium leitet zwar von den positiven 
Marksteinen des partikulären Staates ab, dagegen führt es um so mehr 



♦) Ich habe auf die Nothwendigkeit dieser Reform des juristischen 
üniversitätsprogramms schon in einem Vortrage hingewiesen, den ich (1889) 
in der juristischen Gesellschaft zu Berlin hielt. Er ist publizirt unter dem 
Titel: Die internationalen Unionen über das Recht der Weltverkehrsanstalten 
und des geistigen Eigenthums (Leipzig 1889). Vgl. S. 70, 71, 78 u. 79. 
Allerdings hat Deutschland gegenwärtig die grosse Arbeit des Zivilgesetz- 
buches vor sich. Indessen dürfte diese Thatsache doch kein triftiger Grun^ 
zn müssigem Abwarten auf dem internationalen Gebiete sein um so weniger, 
da Niemand die Vollendung und Einführung des Deutschen Zivilgesetzbuchs 
vorhersagen kann. 

**) Vgl. die erwähnten internationalen Unionen S. 78 Note 1. 



6 Professor Dr. F. Meili in Zürieh. 

in das Innere des juristischen Erdreichs und in seine Tiefen. Ja es 
ist meine vollste Ueberzeugung, dass die Jurisprudenz auf dem inter- 
nationalen Gebiete ihre Renaissance erleben wird, sie wird sich hier 
verjüngen, weil ihr ganz neue Gesichtspunkte eröflftiet werden, weil 
der Horizont erweitert wird imd weil die beschränkte territoriale Auf- 
fassung einem idealen und universalen Blicke Platz macht* Auf dem 
Terrain des internationalen Privatrechts werden die Juristen verhindert, 
blosse Rechtsantiquare zu werden: ein Goldregen feiner eleganter und 
ungelöster Fragen ergiesst sich hier über die Juristen, welche Praxis 
mit Theorie verbinden, und das mühsame und öde Studium blosser 
juristischer Pfahlbauten tritt nach und nach in den Hintergrund, wo- 
hin es gehört*). Denn die Jurisprudenz ist eine praktische Wissen- 
schaft auf theoretischer Grundlage, sie ist für das Leben geschaffen, 
damit sie der Gerechtigkeit diene und den sozialen Bedürfnissen. 

So stehen wir bei der Disziplin des internationalen Privatrechts 
allerdings vor einem grossen und weiten Gebiete, das die verschieden- 
artigsten Kräfte zur Mitarbeit herausfordert: es ist ein ganzes weit- 
verzweigtes System der Jurisprudenz, das von Grund aus neu bear- 
beitet werden muss, in gewissem Sinne ist es eine neue juristische 
Provinz, welche einem lachenden Gefilde gleich speziell auch die 
deutschen Juristen auf den Plan ruft, auf welchem sie grosse Lor- 
beeren ernten können. 

n. 

Was ist nun aber unter dem internationalen Privatrechte zu ver- 
stehen? Der Taufiiame, dieser erste noth wendige Fixpunkt, ist be- 
kanntlich streitig und auch die Traktandenliste der Doctrin dieser 
Materie keineswegs unangefochten. Ja ich gehe nicht zu weit, wenn 
ich sage, dass auch in juristischen ELreisen darüber eine weitgehende 
Begriffsverwirrung herrscht**). Es ist also nöthig, hier eine klare 
Scheidelinie zu ziehen über den quantitativen Inhalt der Lehre im 
Verhältnisse zu den anderen juristischen Gebieten. 

Wir konmien der Sache auf den Grund, wenn wir den festge- 
stellten und allgemein anerkannten Grenzmarken des internen Rechtes 
nachgehen und sie in Parallele setzen zu dem internationalen Recht. 
Denn um es gleich von vorneherein klar imd deutlich zu sagen, 
muss die Materie, welche man unter der Bezeichnung des internatio- 
nalen Privatrechts zusammenfasst, wissenschaftlich g^nau so eingetheilt 
und auseinandergehalten werden, wie dies bei dem Stoffe des inter- 
nen Rechts geschieht. Wie wir hier Staats- und Verwaltungs-Recht, 
Privatrecht, Zivil- und Strafprozess - Recht sowie Strafrecht unter- 

*) Beiläufig verweise ich auch auf den schönen Ausspruch über unsere 
Materie von Story, Confltet of laws^ 8. Aufl. 1883 S. 15 Note: We hnaw of 
no matter in jurisprudence so unsettled or none that shotUd more teach men 
distrust of their ovm opinions dt eharity for those of others. 

**) AusfQhrliche Erörterungen über die Nomenklatur und ihre Herkunft 
finden sich bei v, Martitz^ Internationale Rechtshttlfe in Strafsachen, I. Abth. 
S. 400-426. 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 7 

scheiden^ so rnttssen auch bei dem internationalen Rechte folgende 
Gruppen festgehalten werden: 

1. Das internationale öffentliche Recht: 

a) Völkerrecht (externes Staatsrecht)^ 

b) internationales Verwaltnngsrecht^ 

c) internationales Frozessrecht: 

a) internationales Zivilprozessrecht^ 
ß) internationales Konkursprozessrecht^ 
y) internationales Strafprozessrecht, 

d) internationales Strafrecht. 

2. Das internationale Privatrecht: 

a) internationales Zivilrecht (Personen-, Familien-; Sachen-, Obli- 
gationen- und Erbrecht), 

b) internationales Handels-, Wechsel- und Yersicherungsrecht, 

c) internationales Seerecht, 

d) internationales Yerkehrsrecht. Dabei kann speziell heraus- 
gehoben werden: 

a) das internationale Eisenbahnrecht, 
ß) das internationale Postrecht, 

y) das internationale Telegraphen- und Telephon-Recht. 
Die zwei grossen Gruppen des internationalen öffentlichen Rechts 
und des internationalen Privatrechts stehen ganz ebenso selbständig 
da, wie im internen Rechte das Staats- (und öffentliche) Recht auf der 
einen und das Privatrecht auf der andern Seite. Es ist daher ganz 
unrichtig, wenn ein berühmter Jurist*) gesagt hat, dass das inter- 
nationale Privatrecht einen Zweig des Völkerrechts darstelle, — die 
Wendung w&re ebenso geistreich und wenig zutreffend, wenn man sagen 
wollte, das Zivilrecht sei ein Theil des Staatsrechts. 

Allerdings ist es richtig, dass die Ausscheidung dort wie hier 
nicht absolut durchgeführt werden kann, — es sind an beiden Orten 
zahllose Berührungspunkte vorhanden und man wird auch bei dieser 
Gelegenheit wieder an die Frage erinnert, ob wirklich die Eintheilung 
in öffentliches und privates Recht festgehalten werden könne**). In- 
dessen müssen wir ganz zweifellos schon aus didaktischen Gesichts- 
punkten die zwei Gebiete des staatlichen Herrschaftsrechts auf der 
einen und des rechtlichen Operationsfeldes der Privaten unter einander 
ausscheiden. 

1) Das Völkerrecht (droit des gens) umfasst diejenigen Normen, 
gemäss welchen die Ansprüche der mit einander verkehrenden 
Staaten im Verhältnisse zu ihnen bestimmt und realisirt werden. 



*) Laurent I Nr. 1: Le droit international privi est une branche du 
droit international public que Von appelle d^ordinaire droit des gens. Vgl. 
auch Nr. 3. 

**) Unter den Juristen ist die Thatsache wenig bekannt, dass schon 
Demosthenes so unterschied (Timokr. 192): oi vof^oi jisqI x<üv Idiwv und oi 
xtQi %&v sfQog j6 dtffjiöoiov. 



8 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

In der alten Zeit war allerdings der Krieg fast das einzige 
Rechtsverhältnisse in welches die Völker zu einander traten, 
heute prävalirt das friedfertige internationale Bechtsleben^ wie 
wohl es ja wahr ist^ dass sich die europäischen Völker fast 
wie Gladiatoren gewappnet gegenüberstehen. Aber es ist doch 
ein Triumph des modernen Völkerrechts^ dass die Okkupation 
neuer Territorien, wie die Vertheilung des bisher disponibel 
gewesenen afrikanischen Bodens auf dem Wege vertragsmässiger 
Verständigung vor sich geht. 
2) Das internationale Privatrecht fasst die auf dem Boden 
des privatrechtlichen Weltverkehrs entstehenden Interessen und 
Hechte der einzelnen Individuen ins Auge. Allein schon Sa^ 
vigny hat angedeutet, dass in diesem Gebiete völkerrechtliche 
Gesichtspunkte mitspielen*). In der That ist dies richtig und 
man kann im Speziellen betonen: 

a) gerade der Ausgangspunkt des internationalen Privatrechts 
bildet eine präjudizielle Vorfrage, welche Stellung nämlich 
den Fremden im Rechte angewiesen ist; 

b) die praktische Durchführung des internationalen Privat- 
rechtsanspruchs setzt in der Regel völkerrechtliche Ver- 
träge voraus**); 

c) die völkerrechtlichen Verträge behandeln in der Regel 
öffentliche und private Rechtsinteressen zugleich. Ein 
Hauptbeispiel liefert der internationale Vertrag über den 
Schutz der submarinen Kabel, in welchem (Art. 7) die zivil- 
rechtliche Haftpflicht der Kabeleigenthümer statuirt wird 
gegenüber den Eigen thümem von Schiffen, die zur Verhütung 
von Kabelschädigungen ein Vermögensstück opfern***). Ich 
erinnere übrigens auch an Handels- und Niederlassungs- 
Verträge, in denen häufig rein privatrechtliche Fragen 
(Patent-, Marken-, Autor -Recht) erledigt werden, — die 
praktische Diplomatie hält sich durch die Ausscheidung 
des völkerrechtlichen und privatrechtlichen Stoffs nicht für 
gebunden. 



*) Savigny, System YIII S. 27. Freilich stecken auch in den Normen 
des internen Zivilrechts vielfach Öffentlich-rechtliche Erwägungen, so dass 
auch hier eine Analogie besteht zwischen dem internationalen und natio- 
nalen Privatrecht. 

**) Keller^ Pandekten § 12 am Ende hat also Recht, wenn er sagt, dass 
unsere Lehre über das Privatrecht hinaus in das Völkerrecht hineinrage. 
Aber viel zu pessimistisch ist es, was er gleich darauf hinzufügt, dass 
häufig einfach das Recht des Stärkern gelte: ,, Dieser Stärkere ist in 
unserer Lehre durchweg das Land, in welchem das Rechtsgeschäft seinen 
Effekt, insbesondere Staatshülfe, Urtheil und Exekution finden soll.'' 

***) Art. 7 de la Convention internationale pour la protection des cäbles 
sousmarins lautet, soweit er hier in Betracht fallt: Les propriitaires des 
navires ou bdtiments qui peuvent prouver quHls ont sacrifii une ancre^ un 
filet ou un autre engin de peche, pour ne pas endommager un cdble saus- 
marin, doivent etre indemnises par le propriüaire du cdble. 



Die Dootrin des internationalen Privatrechts. 9 

Allein es leuchtet ein^ dass die Unterscheidung des Völkerrechts 
und des Privatrechts denjenigen Stoff nicht erschöpft^ der dem öffent- 
lichen und privaten Rechte des internen Lebens parallel Ifiaft. Und 
hier seigt sich eben, dass der Name des internationalen Privatrechts 
nicht zutreffend ist und dass damit fast nothwendigerweise Irrthümer 
verbunden sein müssen. In der Literatur ist gerade diese Frage der 
Nomenklatur noch nicht genügend erklärt. Zwar herrscht darüber 
fast vollkommene Uebereinstimmung, dass man klug daran handle, 
die Doktrin unter jenem Sammelnamen zusammenzufassen. Freilich 
gibt es einzelne englisch-amerikanische Juristen (Bürge, Story, Whar- 
Um), die von dem Konflikte der Gesetze sprechen, und sie stehen 
dabei im Einklänge mit altem Schriftstellern über unsere Materie*). 
Lange Zeit herrschte speziell der Name Statuten koUision vor, auch 
kam derjenige des Fremdenrechts vor. ThÖl verwendete die Bezeich- 
nung Kollision koordinirter Kechtssätze, Scmgny und nach ihm v, Oerber 
sprach von der räumlichen Herrschaft der Gesetze oder von den ört- 
lichen Grenzen der Bechtsregeln. Die französischen Schriftsteller reden 
regelmässig von droit internatumal prive (im Gegensatze zu dem droit 
des gens), und dieser Ausdruck ist auch von englischen Juristen adop- 
tirt worden**). Die deutsche, österreichische, italienische, spanische, 
holländische und belgische Literatur***) verwendet ihn ebenfalls, so 
dass der Taufhame internationales Privatrecht als allseitig anerkannt 
und akkreditirt erklärt werden kannf). £s ist nun Thatsache, dass 
in der Regel unter dieser Bezeichnung die ganze Materie des inter- 
nationalen Rechts verstanden wird, in welchem die Interessen und 
Rechte der Privatpersonen in Frage kommen, also nicht blos das 
Zivilrecht, sondern auch die Vollziehung von Zivil- und StrafurtheÜen 
und die strafrechtliche Verfolgung von Verbrechern, soweit hier der 
internationale Boden engagirt ist. Die doktrinelle Antithese besteht 
also einfach in den zwei Gebieten des Völkerrechts und des internatio- 
nalen Privatrechts. Jedenfalls geht die Ansicht hervorragender Juristen 
dahin ff), dass das internationale Straf- und Prozessrecht zu dem inter- 

*) z. B. JJ. Huber f de conflictu legum in diver sie imperiis; Roderiburg^ 
de jure quod orüur ex etatutorum vel consuetudinum discrepantium ean- 
fdelu; HerHu»^ de eolUsione Ugum priveUarum inter se; P. Voety de etatutis 
eorumque eoncureu. 

**) J^eHlake u. Fhillimore reden von private international law, 
***) Bezeichnenderweise heisst allerdings das grosse Werk von Laurent 
droit civil international. 

t) Freilich wurde gegen den Namen auch opponirt. Vgl. z.B. Holland 
in der Revue de droit international XII S. 573 und 574. Andere wollten 
den Ausdruck „intermunicipal law*^ oder „droit privi exterritorial*^ verwen- 
den. VgL darfiber Pradier-FodMy Droit international public europSen et 
amSrieain III Nr. 1528. 

tt) Vgl. z. B. V, Bar I. Vorwort IX und X. LainS^ Iniroduction I 
S. 14. Derselbe im Bulletin de la Sociiti de Legislation comparie XXI 384. 
Schon Foelix, Droit international privi 4. Aufl. I S. 2 war dieser Ansicht, 
wogegen die Bearbeitung von Demangeat (Note a) opponirte. 



10 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

nationalen Privatrechte gehöre^). Der französische Jurist Laine 
betont^ dass das internationale Privatrecht allerdings in einzelne Oe- 
biete zerlegt werden könne, wie ich sie oben angeführt habe, allein 
er fügt sofort hinzu, dass dies wirkliche T heile des internationalen 
Privatrechts seien. Und so kommt LainS dazu, die Materie mit Bezug 
auf ihre wesentlichen Bestandtheile so zu definiren: 

das internationale Privatrecht ist dasjenige Recht, das die Be- 
ziehungen der Staaten bezüglich der Konflikte der Gesetze regelt. 
Von einem weitem Gesichtspunkte aus definirt LainS unsere Dis- 
ziplin folgendermassen **) : 

Das internationale Privatrecht ist dasjenige Becht, das nach Fest- 
stellung der Nationalität der betreffenden Individuen die Be- 
ziehimgen der Staaten regelt bezüglich der juristischen Stellung 
ihrer Unterthanen, die Wirksamkeit der von ihren Gerichten 
erlassenen Urtheile und der von ihren Beamten vorgenommenen 
Rechtsakte, endlich und ganz besonders das Recht, das die Be- 
ziehungen ordnet, welche sich aus dem Konflikt ihrer Gesetze 
ergeben. 

Indessen leuchtet ein, dass das Wort Privat recht hier auf 
dem internationalen Boden in einem ganz andern Sinne und Umfange 
gebraucht wird, als das interne Recht es verwendet. Unvermerkt 
wird darunter verstanden dasjenige Recht, das sich auf Private im 
internationalen Rechtsleben bezieht, möge dieses Recht die Privat- 
rechtssphäre, also das Zivilrecht im eigentlichen Sinne berühren 
oder die Art der Verfolgung der Rechtsansprüche auf dem internatio- 
nalen Gebiete (also das internationale Prozess- und Konkursrecht) oder 
das Recht der BestraAmg betreffen (also das internationale Straf- und 
Strafprozessrecht). Will man die Umfassungsmauern des internationalen 
Privatrechts so weit ziehen, so findet man dabei allerdings, wie auch 
schon hervorgehoben wurde***), einen einigenden Gresichtspunkt, näm- 
lich denjenigen der Wirkung, welche die Rechtsordnung der einzelnen 
Staaten gegenüber den Individuen ausübt. Allein bei dieser Umgren- 
zung .des Stoffs ist die Bezeichnung internationales Privatrecht nicht 
richtig: sie tritt in scharfen Widerspruch zu der Systematik, die uns 
aus dem internen Rechte geläufig ist. Will man im Anschlüsse an 
hergebrachte Anschauungen das internationale Privatrecht richtig be- 
zeichnen, so müsste man darunter blos das internationale Zivil- 
recht mit Inbegriff des Handels-, Wechsel- und Verkehrs- 
rechts verstehen. Darauf gestützt wäre unsere Materie korrekt 
folgendermassen zu definiren: 



*) Es gibt freilich auch französische Juristen, die anderer Ansicht 
sind, z. B. neben dem eben zitirten Demangeat Despagnet, Frida de droit 
inUmaHonal pHvi (Paris 1886) S. 16, und Survtlle ei Arthuye, Cours iU- 
mentaire de droit international privi (Paris 1890) S. 7. 
*•) LainS l S. 17. 
♦*♦) V. Bar Vorwort a. a. 0, 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. H 

Das internationale Privatrecht nmfasst denjenigen Komplex von 
Begeln und Bechtssätzen^ welche das Herrschaftsgebiet derselben 
unter verschiedenen Völkern abgrenzen, wenn die privat recht- 
lichen Beziehungen eine Konkurrenz oder Kollision jener Nor- 
men oder Prinzipien herbeiführen oder herbeizuführen scheinen. 
Man könnte auch folgendermassen sagen*): 

Unter dem internationalen Privatrecht ist dasjenige positive 
vom Bichter anzuwendende Privatrecht zu verstehen, dessen Re- 
geln und Grundsätze wisseuschaftlich aus der Thatsache abzuleiten 
sind, dass ein und dasselbe privatrechtliche Bechtsverhältniss hin- 
sichtlich seiner Entstehung, seiner Gültigkeit nach Form oder 
Inhalt, seines Fortbestandes oder seiner Beendigung, in den 
räumlichen Herrschaftsbereich mehrerer politisch von einander 
unabhängiger Rechtsgebiete hineinbezogen werden kann oder 
muss. 
Nach meiner Ueberzeugung hat es ein hohes doktrinelles Interesse, 
den Ausdruck internationales Privatrecht in dieser Begrenzung**) auf- 
zufassen, weil im internationalen Zivil- (und Handels-) Rechte ganz 
andere Prinzipien gelten als im internationalen Prozess-, Straf- und 
Stra^rozessrechte. Die Entfaltung der staatlichen Souveränität hat 
bei der Anwendung des internationalen Zivilrechts grondsätzlich keine 
Rolle zu spielen, dagegen ist dies allerdings ein erheblicher Gesichts- 
punkt nicht blos bei dem Völkerrechte sondern auch bei den oben 
genannten Materien und bei dem internationalen Verwaltungsrechte. 
Gerade diesem Unterschiede lege ich eine grundlegende Bedeutung 
bei, und ich glaube, dass sie in der Literatur nirgends zum Aus- 
drucke gebracht worden sei***), — ich komme auf die Frage im wei- 
teren Verlaufe dieser Abhandlung zurück. 

Freilich opponire ich keineswegs gegen die Verwendung des her- 
gebrachten Kollektivnamens: derselbe ist eingebürgert und es hätte 
erhebliche Gefahren, wenn man an dieser Zivilstandsfrage immer and 



*) V. HolUendorff, Handbuch des Völkerrechts I S. 54. Beiläufig ge- 
sagt, ist es nicht richtig, wenn v. Bar J S. 3 nur den Fall als Gegenstand 
des internationalen Privatrechts heraushebt, dass Angehörige verschie- 
dener Staaten in Verkehr treten. 

*^ Vgl. auch Despagnet a. a. 0. S. 17, der die Materie so definirt: le 
droit g[ui dhermine le domainerespectif des loia civiles des diverses nations, lors- 
que ces Uns se rencontrent ä Voccasion d'un rapport privi entre particuliers. 
Viel umständlicher und unzutreffender A. Weiss, Droit international prive, 
2. Aufl. Paris 1890 S. XXXII, sowie Surville et Arthuys a. a. 0. S. 6 und 7. 
***) Dagegen ist die richtige systematische Gliederung hervorgehoben 
worden von W. JDolk, Intematümaal Privaatrecht, Utrecht 1870, I S. 1. 
Nenestens theilt Pasquale Fiore (bearbeitet von Antoine), Le droit inter- 
national privi I (1890) Vorwort IV, die Materie ein in : a) droit civil inter- 
national^ b) droit commercial international^ c) droit judiciair e international, 
d) droit pSnal intemationaL Auch das oben citirte Buch von Surville 
et Asrthuys scheidet die Materie in Droit civil, Frocidure und Droit 
eommercM. 



12 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

immer wieder rlitteln wollte*). Aber ich lege einen doktrinellen Werth 
darauf, dass man sich der prinzipiellen Unrichtigkeit der Bezeichnung 
voll bewusst werde. So wie das internationale Privatrecht verstanden 
wird, begreift es alle internationalen Gesetzes- und Rechtskonflikte 
bezüglich der Privaten in sich, und man müsste eigentlich in An- 
lehnung an die frühere Nomenklatur (canflietus oder coüi^ hgtmi) 
von den Kechts- und Gesetzeskonflikten im internationalen Leben der 
Privaten sprechen**), mögen sie sich auf das Zivilrecht, Strafrecht 
oder Prozessrecht beziehen. 

Im Grunde wiederholt sich auf dem internationalen Rechtsgebiete 
ein Vorgang, der sich auch im internen Rechtslebeu abgespielt hat. 
Auch das interne Zivilrecht, Straf- uud Prozessrecht bildete doktri- 
nell lange ein Ganzes, das dogmatisch in einer Lehre abgehandelt 
wurde***). Und ganz wie dort das Strafrecht sich am frühesten als 
eine selbständige Wissenschaft heraushob, so geht es auch im inter- 
nationalen Rechte, und es wird speziell auch in der deutschen Wissen- 
schaft geschieden: 

a) das internationale Privatrecht, 

b) das internationale Strafrecht. 

Es lag eben doch zu klar auf der Hand, dass unter dem inter- 
nationalen Privatrecht das internationale Strafrecht nicht verstanden 
werden konnte. 

Die Ablösung und Ausscheidung der verschiedenen Gebiete un- 
serer Materie ist zweifellos eine dringende Aufgabe der Wissenschaft, 
uud wir müssen uns die Nothwendigkeit dieser Operation scharf vor 
Augen fuhren. Haben wir uns aber zum Bewusstsein gebracht, dass 
unter dem Kollektivnamen des internationalen Privatrechts ganz hete- 
rogene Dinge zu verstehen sind, so mögen dieselben immerhin unter 
einem einheitlichen architektonischen Gewölbe kurz zusammengefasst 
werden f). 



*) Auch Fusinato^ introduzume ad un corso dt diritto internazionale 
pubblico e privato II S. 8 spricht sich so aus. 

**) Die frühere zivilistische Theorie hat das Wort Konflikt oder Kolli- 
sion bei jedem Ineinandergreifen zweier Rechte verwendet. Dies ist nicht 
mehr gebräuchlich. Es ist aber mit Fug bemerkt worden, dass der Name 
Konflikt die Vorstellung hervorruft, als ob immer bei inteniationalen Fragen 
eine Disharmonie bestehe, was nicht zutrifft. 

*♦*) Ich verweise z. B. auf P. Gudelinus (f 1615) de jure fiavissimo. Er 
erörtert neben dem Zivil- auch das Prozessrecht und verwendet den Titel 
de judiciis civilibus quae postrema pars est juris privati. Ein mir 
noch näher liegendes Beispiel ist Hs, J. Leu, Eydgenössisches Stadt- und 
Landrecht (1727) I S. 8. Er redet von jus civile und fUgt bei, „zu diesem 
letztem wird auch nicht undienlich sowohl was dieAbsträffung derVer- 
brechen und den sog. Kriminalprozess belanget als auch die Beur- 
theilung der Ehesachen gezogen werden**. 

t) Auch das Völkerrecht hatte lange mit der Aussonderung fremden 
Stofi's zu kämpfen. Im Anfange dieses Jahrhunderts gab Goudon ein Buch 
heraus mit dem Titel du droit public et du droit des gens I und II, Paris 
1808. Der Verfasser spricht darin weitläufig über die Ehe und benützt 



Die Doetrin des internationalen Privatrechts. 13 

Nach dem Gesagten würde die Doktrin des internationalen Pri- 
vatrecbts alle diejenigen Gebiete in sich begreifen, welche die Wir- 
kung über die Kompetenz der Normen fremder Rechtsgebiete gegen- 
über Privaten betreffen. Das ganze internationale Eecht würde darnach 
rein äusserlich nur in zwei Theile gruppirt: 

1) Das internationale Privatrecht: 

a) Das internationale Zivilrecht. 

b) Das internationale Strafrecht. 

2) Das Völkerrecht*). 

Dabei gilt aber die stillschweigende Reservation, dass in dem 
Lehrplane die Materie weiter ausgeschieden wird, wie ich im Anfange 
erörterte. 

Auch die französische Doktrin äussert sich in der neuem Zeit 
mit Bestimmtheit dafür, dass das internationale Strafrecht als eine 
besondere Disziplin aufzufassen sei**). 

in. 

Es gibt Juristen, welche in unserer Doktrin mit dem Gedanken 
debütiren, dass das internationale Privatrecht in einem umfassenden 
Kodex niedergelegt werden müsse. Es wird dabei davon ausgegangen, 
dass dieses Recht jetzt schon paragraphenmässig festgestellt werden 
könne. Zwar werden die vorhandenen Divergenzen der Gesetzgebungen 
als Thatsache hingenommen, aber dabei die prinzipiellen Gesichts- 
punkte angesucht, welche für die einzelnen Fälle des internationalen 
Rechtslebens entscheidend sein sollen. Dieser Weg wurde von mehreren 
Juristen voTgeschlagen***). Hervorragende Versuche rühren her von 
Dudky Field in den ChUlines of an international Code-f) und von Ä, de 
Damin^Petrushevecz im Freds d^un Code du droit international j-f) und von 

dann (I. 48) diese günstige Gelegenheit, um Klagen über die Ammen ein- 
zufiechten. Das Buch mündet harmonisch aas in den ewigen Frieden 
(II. 269), — der Gedanke lag 1808 allerdings nahe! 

*) Bezeichnend aber gewiss unzutreffend ist die Thatsache, dass die 
Disziplin des Völkerrechts vielfach mit dem Lehrstuhle des Strafrechts 
vereinigt wird, während sie doch offenbar mit demjenigen über das Staats- 
recht verbunden werden muss, wenn für die Materie kein eigener Lehr- 
stuhl gebildet werden will, wie es eigentlich geschehen sollte. 

*♦) Vgl. A, Weiss a. a. 0. S. XXXV, sowie im Journal de droit inter- 
national XIV, 259 Note 1, ebenso SurviUe et Arthuys a. a. 0. S. 7. 

***) ygl. G, Boszkowski: de la codißcation du droit international in Revue 
de droit international XXI. 521 spez. 522 und 523. Die Arbeit von Parodo, 
Saggio di codifieazione del diritto internasionale , Turin 1861, konnte ich 
leider nicht erhältlich machen. 

t) Die ganze Arbeit von Dudley Field (2 Bände 1872), enthaltend 
1008 Artikel, ist ins Französische übersetzt von A. Bölin, Projet d'un Code 
international (1881), und ins Italienische von Pierantoni, Prime linee di un 
Codice intemtusUmale, Für das internationale Privatrecht kommen nur 
Art. 539—702 in Betracht. 

tt) Diese in Leipzig 1861 erschienene Schrift des 1871 verstorbenen 
Autors behandelt auch das Völkerrecht Die Vorschläge über das inter- 
nationale Privatrecht sind im zweiten Theile Art. 176—218 zusammen- 
gestellt. 



14 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Z/. Levy im International Code tvitk maiericUs for a Code of inter- 
national law*). 

Diesen Anstrengungen gegenüber muss scharf betont werden, dass 
wir noch lange nicht so weit sind, um definitive Normen über inter- 
nationales Privatrecht in umfassenden Gesetzbüchern zu formuliren: 
unserer Zeit fehlt unzweifelhaft noch der Beruf dazu. So wenig wie 
die ähnlichen Bestrebungen im praktischen Völkerrechte**) gedeihen, 
so wenig wird mit dem allgemeinen Begehren nach Kodifikation un- 
sere Doktrin wahrhaft gefördert. 

Nach meiner Ansicht mangeln noch alle Bedingungen flir eine 
Kodifikation des internationalen Privatrechts. Ich werde im sp&teren 
Verlaufe dieser Abhandlung genauer entwickeln, in welcher Weise die 
Doktrin praktisch an die Hand genommen werden muss, — hier ge- 
nüge die Bemerkung; dass 

1) es gänzlich fehlt an den grundlegenden historischen Arbeiten, 

2) die massgebenden Prinzipien noch vollkommen unsicher und be- 
stritten sind, 

3) bis anhin blos private Gresellschaften (wie namentlich das In- 
stitut de droit international) in der Disciplin thätig waren ^ — 
die vereinzelten Ausnahmen werde ich sofort berühren^ 

4) die Rechtsphilosophie sich von unserem Gebiete fast ganz fern- 
hielt ***). 

Erst wenn in allen diesen Kichtungen genügende Vorarbeiten ge- 
macht sind, kann man im £rnste daran denken^ die Kodifikation ins 
Auge zu fassen. Bis dahin ist der Versuch, die Lösung der Kon- 
flikte durch ein allgemeines Gesetzbuch herbeizuführen^ eine Chimäre. 
Ueberdiess muss betont werden, dass die Kodifikation zunächst auf 
einzelne Gebiete, wie namentlich das internationale Zivilrecht be- 
schränkt werden sollte, wenn man überhaupt mit dem Plane begin- 
nen will. 

Allerdings gibt es einzelne wichtige Staats vertrage unter den 
europäischen Staaten, welche gewisse Fragen des internationalen Zi- 
vilrechts, des Prozess- und Stra&echts behandeln: diese Instrumente 
sind erhebliche Vorarbeiten für die spätere Ausgestaltung der Doktrin. 



*) Diese Schrift erschien in London 1887. 

**) Bekannt sind die Versuche von Bluntaehlif Das moderne Völkerrecht 
der eivilisirten Staaten als Rechtsbuch dargestellt (1878). Aus neuester 
Zeit ist zu erwähnen Pasquale Fiore^ il diritto internationale codificato e 
la aua eanxione giuridica (1890). Die zutreffende Antwort auf derartige 
Versuche hat schon längst F. v. Martens^ Einleitung in das positive Völker- 
recht (Göttingen 1796) Vorwort S. VII, gegeben. £r betonte dort, es dünke 
ihm „aller Wahrscheinlichkeit entblösset zu sein und in die Reihe des Pro- 
gpects eines ewigen Friedens zu gehören '^f wenn man glaube, dass unsere 
europäischen Völker je zusammentreten sollten, um über den Umfang der 
Rechte der Völker allgemeine positive Bestimmungen zu machen und ,,80 
sich eines eodicia juris gentium positivi zu vergleidien**. 

***) Einen ersten Anfang machte F. Miceli, Filosofia del diritto inter^ 
nazionale^ Florenz 1889. 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 15 



Es ist auch richtige dass die einzelnen Staaten mehr oder weniger 
erhebliche Normen Über das internationale Zivilrecht^ das Prozess- und 
Strafrecht in ihren Gesetzbüchern*) erlassen haben^ allein sie sind 
ausserordentlich dürftig , — die italienische Gesetzgebung**) macht 
eine Ausnahme. 

Einen andern Weg schlugen die südamerikanischen Staaten (PerU; 
Chili^ Argentinien^ Bolivia, Ecuador^ Venezuela^ Costarica^ Honduras) 
ein: muthig warfen sie sich auf den Gedanken der umfassenden Ko- 
difikation. 

Schon im Jahre 1877 redigirten die Abgeordneten dieser Staaten 
ein grosses Yertragsprojekt über die Hauptgebiete des internationalen 
Privatrechts***). Der Entwurf; der übrigens nie adoptirt wurde, behan- 
delte acht Hauptfragen: 

1) über das Gesetz, welches den stahts und die Handlungsfähigkeit 
der Personen regulirt und die Güter sowie die im fremden Lande 
abgeschlossenen Verträge, 

2) über die in fremden Ländern abgeschlossenen Ehen, 

3) über das anzuwendende Erbrecht, 

4) über die gerichtliche Kompetenz betreffend abgeschlossene Rechts- 
akte, 

5) über die internationale Gerichtsbarkeit betreffend Vergehen, die 
im fremden Staat begangen wurden, 

6) über die Exekution von Gerichtsurtheilen und anderen gericht- 
lichen Akten, 

7^ über die Legalisation, 

8) über Fragen, welche allen Theilen gemeinsam sind. 

Im Januar und Februar 1889 fand ein zweiter internationaler 
Kongress statt, imd es betheiligten sich dabei Abgeordnete von Bra- 
silien, Chili, Argentinien, Bolivia, Peru, Paraguay und Uruguay. Die- 
selben einigten sich auf acht Vertragsentwürfe f) Über: 

1) Das internationale Zivilrecht, 

2) „ „ Handelsrecht, 

3) „ „ litterarische imd künstlerische Eigenthum, 

4) „ „ Strafrecht, 

5) „ „ Prozessrecht, 



*) Ich werde diese Materialien, so weit sie sich auf das internationale 
Civil- u. Handelsrecht beziehen, nächstens publiziren. 

**) VgL darüber Coniuzzi, La codifieaziane del diritto intemazionaU 
prvoato, Neapel 1887. 

***) Vgl. Contuzziy Diritto intemazianale privato (1890), S. 299—324. 
Der Vertragsentwurf ist in extenso von Is^eubauer abgedrückt in Gold- 
sdmidt^H Zeitschrift für Handelsrecht, N. F. X. 546—555. Vgl. weiter 
S, 556—583. Ueber frühere Bestrebungen jener Staaten referirt Catellani, 
Diritto inUmcutionäle privato e i stwi recenti progresH vol. H^ u. III (1888) 
S. 976 ff. 

f) Vgl. Pradier ' FodirS in der Eetme de droit inttmationaly XXL 
217—237, 561—577, und Contuezi, Diritto inttmaziofMde, S. 835—380. 



n 



1G Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

6) die internationalen Handels- und Fabrikmarken, 

7) „ „ Erfindungspatente, 

8) die Ausübung der liberalen Berufsarten. 

Diese Vertragsentwürfe verdienen die grösste Aufmerksamkeit auch 
der europäischen Juristen*). 

Die genannten Versuche erinnern an gewisse Vorgänge in Eu- 
ropa. Im Jahr 1870 fanden zwischen Frankreich und Spanien Verhand- 
lungen über die Materie des internationalen Zivil- und Prozessrechts 
statt**), und schon im Jahre 1867 waren von Italien diplomatische 
Verhandlungen eingeleitet, um zu einem System von Prinzipien in un- 
serer Wissenschaft zu gelangen. Sie wurden 1881 wieder aufgenom- 
men, führten aber noch nicht zu einem praktischen Resultate***). 

Aus diesen Vorgängen dürften wir allerdings gewisse Leluren 
ziehen, und ich meine insbesondere sagen zu können, dass die Diszi- 
plin ganz anders in die Hände genommen werden muss, wenn wir 
sie ernstlich fördern wollen. Vorläufig wird es gut sein, wenn wir 
die Kodifikation noch in Kühe lassen f) und um so mehr die Dok- 
trin als solche pflegen, historische und dogmatische und vergleichende 
Studien treiben, — überhaupt einer tiefgründigen Behandlung der grossen 
Probleme näher treten, welche auf dem Boden des internationalen 
Privatrechts entstehen und fast Tag für Tag neu auftreten. 
pMi Vorläufig fehlt auch noch der rechte internationale Geist, und es 
mangeln die grossen Gesichtspunkte, welche auf diesem Gebiete so 
nöthig sind. Die kleinliche Betonung des internen Rechts und seine 
direkte Anwendung auf internationale Rechtsfragen ist der beste Be- 
weis dafür, wie weit wir noch entfernt davon sind, die Streitigkeiten 
auf das wahre und zutreffende Rechtsterrain zu stellen. Wer dem in- 
ternationalen Leben gerecht werden will, muss es nicht in den Nie- 
derungen und nach den engen Gesichtspunkten des internen Rechts 
prüfen, er muss insbesondere in zivilrechtlichen Streitigkeiten nicht 
stets die Souveränität des einheimischen Staates in den Vordergrund 
stellen, als ob die Anwendung des Privatrechts eine Frage des Öffent- 



*) Ich werde das Vertragsprojekt über das internationale Zivil- u. 
Handelsrecht in der vorhin erwähnten Broschüre publiziren. 

**) Vgl. V, Bar I, S. 16. 
**•) Darüber berichtet Neubauer in Goldschtnidt'B Zeitschrift, N.F. XXI. 
S. 397—426. Vgl. femer S. 426—443. 

t) Es ist vielfach darüber gesprochen worden, dass der Entwurf des 
deutschen Zivilgesetzbuchs keine Normen über das internationale Privat- 
recht statuirt So auffallend diese von E. Muskat^ Das zukünftige deutsche 
Zivilrecht S. 9, registrirte Thatsache ist and so sehr sie auf den ersten 
Blick beklagt werden kann (vgl. M, Hachenburg, Das französisch-badlsche 
Recht und der Entwurf des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs, I. Liefe- 
rung, S. 15 u. 16), so halte ich doch die Verschiebung der Fragen ftlr 
richtiger. Es existirt übrigens ein Entwurf von 26 Artikeln, der freilich 
nicht veröffentlicht wurde. Ich entnehme diese Notiz dem zitirten Buche 
von Survüle et Arthuys S. 11 Anm., — also auf dem Umwege über Frankreich ! 



Die Doctrin des internationalen Pmatrechts. 17 

liehen Kechts wäre^ — er muss sich auf eine höhere^ auf eiae wahr- 
haft internationale Warte begeben*). 

IV. 

Neben der Kodifikation des internationalen Privatrechts wird auch 
vielfach von einem allgemeinen Weltprivatrecht gesprochen^ und es 
existirt ein weit verbreiteter Irrthum, der mit unserer Materie den Ge- 
danken verbindet; als ob sie einen Komplex uniformer Weltrechts- 
normen darstelle oder darstellen müsse. Nach dieser Auffassung würde 
oder müsste das internationale Privatrecht gewissermassen die Quint- 
essenz der territorialen Gesetze repräsentiren : es wäre die vera religio 
der Jurisprudenz 7 welche die zentralen Prinzipien darin vereinigen 
würde, von denen sich die andern ^ d. h. die territorialen^ als solche 
sekundärer Natur abheben. 

Gegen diese Auffassung der Dinge ist Front zu machen ^ ganz 
ebenso wie gegen jene Zukunftsbilder, in denen allgemeine internatio- 
nale Gerichtshöfe oder internationale Schiedsgerichte gespiegelt werden 
und mit denen sich auch häufig der Gedanke des Weltstaats**) und des 
Völkerparlaments vermischt, — die bekannte Gründung des ewigen 
Friedens schliesst regelmässig als harmonisches Finale die Schwärmerei 
dieser unklaren Betrachtungen ab. 

Das Hecht ist die Verkörperung des Zweckgedankens und der 
Interessen und schon deswegen hat es seinen Sitz nicht in der schwin- 
delnden Höhe einer Atmosphäre, die von dem Boden der menschlichen 
Thätigkeit so endlos entfernt ist. Die Juristen müssen sich überhaupt 
hüten, für ihre Theorien einen Standort auszuwählen, der dem Kreise 
jener realen Interessen bisanhin nicht zugänglich war. So sehr ich 
hoffe, später noch das Eecht der Luftschiffahrt schreiben zu können***), 
so hat mich doch meine bald zwanzigjährige Beschäftigung mit der 
Advokatur davor gehütet, meine Anschauungen und Grundsätze mit 
jener phantasiereichen und poesievollen Verklärung zu umgeben, — 
Juristen sind keine Dichter, und wenn sie Dichter sind, so sind sie 
regelmässig schlechte Juristen f). 



*) Ich werde im spätem Verlaufe dieser Abhandlung zeigen, wie ich 
dies verstehe. 

**) Nenestens erschien eine Broschüre, betitelt: Homerule und Föde« 
ration nebst Bemerkungen über Gesetz, Regierung und internationale 
Anarchie und einem Vorschlage zu der Föderativ-Union Frankreichs und 
Englands als dem wichtigsten Schritt zu der Föderation der Menschheit, 
von einem Doktor der Medizin aus dem Englischen übersetzt (Berlin 1890). 
Der Autor spricht davon, dass sich alle Nationen mit einander föderiren 
sollten. Auch redet er von einem gemeinsamen höchsten Parlament, das 
Repräsentanten aller Nationen enthalten würde. 

***) Wie ich schon in meiner Broschüre, die Anwendung des Expropria- 
tioBBrechts auf die Telephonie (Basel 1888) S. 65, sagte. Der lenkbare 
Ballon muss kommen. 

t) Hugo Chrotius war freilich ein Dichter, wie ich ai& Ässer, Studien 
op het Gebied van Beckt en Staat (1889) S. 340, und aus der Vorlesung 
von Mäkintoach, abgedruckt bei Vattel, U droit des gtns (Ausgabe von 
Zeitachrift f. intern. Privat- u. Strafirecht etc., Band I. 2 



18 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Die Idee eines Weltrechts ist eine Chimäre^); der Weltstaat und 
das Völkerparlament ein Hirngespinnst^ und die Schwätzereien Über den 
ewigen Frieden dürften wenigstens einige Zeit suspendirt werden. In 
den Büchern ist der ewige Frieden überhaupt längst hergestellt, — 
der Abb6 de S. Pierre hat das Friedensinstrument redigirt; es ist 
darüber unendlich viel geschrieben und gesprochen worden. Nur die 
Unterzeichnung des Vertrages steht merkwürdigerweise immer noch aus. 

Das internationale Becht kann nach meiner Ueberzeugung nur 
dann einen ernstlichen Fortschritt machen und nur dann gedeihen, 
wenn es speziell auch in Deutschland durch die hier empfohlene Nüch- 
ternheit wieder rehabilitirt wird. 

Gewiss hat das Völkerrecht, das durch so weit gehende Phan- 
tasien gründlich diskreditirt worden ist, die Aufgabe, die Kechtsver- 
hältnisse der Staaten unter einander im Krieg und Frieden festzustellen 
und diejenigen kautelarischen Schranken abzustecken, die speziell' im 
Kriegszustande beobachtet werden müssen. Allein ich möchte fragen, 
was es für einen Sinn habe, rein ideale Postulate zu vertreten, wenn 
man weiss, dass der erste Kanonenschuss das ganze Lehrgebäude über 
den Haufen wirft. In allen diesen Fragen muss die Wissenschaft dem 
Leben parallel gehen und nur diejenigen Fortschritte befürworten, die 
erreichbar sind. Das internationale Privatrecht seinerseits hat 
allerdings auch nicht blos die Aufgabe, die bestehenden positiven 
Normen zu erfassen, sondern nach neuen Prinzipien zu forschen, welche 
für die internationalen Konflikte zutre£Pend sind. Aber die juristischen 
Stürmer und Schwärmer vergessen so häufig, dass die Weltgeschichte 
sich in langsamem Tempo bewegt, — im Gegensatze zu der indivi- 
duellen Kurzlebigkeit hat sie die nöthige Zeit, um mit Kühe den kom- 
menden Dingen entgegenzusehen. 

Allerdings gibt es gewisse Gebiete, welche sich für eine interna- 
tional gleichförmige Unifikation eignen, sobald die Juristen sich damit 
noch eingehender beschäftigen. Da nämlich, wo wirkliche Weltinsti- 
tute bestehen und da, wo gemeinsame reale Interessen der zivilisirten 
Erde in Frage liegen, können sich nach und nach gleiche Kechts- 
Sätze herausbilden**). Dies trijfiPt zu in folgenden Spezialgebieten: 
1) im Wechselrechte. 



Pradier-Fodiri) III, 358, sehe — , allein wer kennt oder liest Gedichte von 
Grotius? Ein grosser Jurist und ein grosser Dichter zugleich ist einzig 
F. Bahn. 

*) Schon Renault, Introduction ä Vitude du droit intematümäl (Paris 
1879) S. 30/31, sagt treffend: Ce ä quoi il faut viser surtout, ce tCesi pas 
d Vuniformiti des lais dans tous les pays, ce qui est chimM^ue et peu 
desirable mais ä VHablissement de rhgles fixes pour les conflüs qui peuvent 
s'ilever. H faut que dans un cos danni les intiressis puissent savair queUe 
loi ils daivent observer pour agir valablement, sans que la ditermination de 
cette loi puisse dipendre du hasard qui soumettra leur acte ä tel ou tel 
trtbunal, 

**) Vgl. Bradier-Fod^i III, Nr. lößC. 



Die Doetrin des internationalen Privatrechts. 19 

Der Wechsel ist ein juristischer Weltvagabnnd itn guten Sinne. 

Die internationalen Kongresse in Antwerpen und Brüssel haben 
hier schon tüchtig vorgearbeitet*). Das gesetzgeberische Material ist 
gesammelt **). 

2) im Handelsrechte. 

ffier gibt es eine Reihe von Fragen, die unifizirt werden können***). 
Ich erinnere an das Hecht der Aktien, Ch^ues, Inhaberpapiere, — 
die modernen Börsenunionen und Syndikatsuntemehmungen liefern einen 
neuen kasuistischen Beweis dafür, dass die territorialen Grenzen hier 
indifferent sind. 

Die Handelsgesetze des Erdballs sind gesammelt f). 

3) im Patent-, Marken-, Muster- und Modellrechte. 
In dieser Materie besteht eine internationale Konvention zum 

Schatze des gewerblichen Eigenthums von 1883. Zu derselben gehö- 
ren: Frankreich (mit Tunis), Belgien, Niederlande, Italien, Spanien, 
Portugal, Serbien, Schweiz, Brasilien, Guatemala, femer traten hinzu 
England, Schweden und Norwegen, die Vereinigten Staaten von Ame- 
rika. Ursprünglich gehörte auch Salvador und Domingo dazu, sie 
traten aber aus. Dagegen ist Salvador im Juli 1890 wieder Mitglied 
dieser Bechtsunion geworden ff). 

Leider steht das Deutsche Keich und Oesterreich dieser Konven- 
tion noch fem, allein ich glaube doch, dass auch diese Staaten ihr 
in nicht femer Zeit beitreten werden f f f ). Alle die Bechte, mit denen 
sich die Konvention beschäftigt, können erst dann gedeihen, wenn sie 
auf internationalem Boden anerkannt und gleichmässig geordnet sind. 

Wichtige Vorarbeiten liefert hier die Sammlung der Patentgesetze 
von Oareis (I — IV, 1879 — 1885) in Verbindimg mit seiner Publika- 
tion „die patentamtlichen und gerichtlichen Entscheidungen in Patent- 
sachen" (I— Vn, 1881—1890). 



*) G, Cohn in der Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft IV 
S. 1—226; Ladenburg VII, 437; Speiser in der Zeitschrift für Schweiz. R., 
N. F. Vni, 143. Ferner in GoldschmidfB Zeitschrift für Handelsrecht, 
N. F. XVII, 118 u. XXI, 163. 

**) S. Barchardty Vollständige Sammlung der deutschen und auslSn- 
disohen Wechselgesetze, I u. II (1871). 

***) Schon Pradier-FoderS sagt in seinem Pride commerciäl 2. Aufl. Vor- 
wort S. n, dass das Handelsrecht der wesentlichste Rechtscolportenr sei: 
„£e niffociant qui HahlU ees eomptairee aux extrimitie du monde, n'est ü 
pas U Premier pUnipotentiaire de la civilisaUion ?^^ 

t) 0. Bor^rdty Die geltenden Handelsgesetze des Erdballs, I— V, 
1883—1887. 

ff) Der Text der internationalen Konvention ist abgedruckt in der von 
mir besorgten Ausgabe der schweizerischen Gesetzgebung über den Schutz 
der Erfindungen, Marken, Muster und Modelle (Zürich 1890). 

ttt) Vgl. meine Broschüre: Die internationalen Unionen, S. 37ff., 79u.80, 
und meine Schrift: Die Prinzipien des schweizerischen Patentgesetzes (Zü- 
rich 1890) S. 112. Bei dieser Gelegenheit verweise ich auch auf die vom 
internationalen Bureau in Bern herausgegebene Zeltschrift „2a propriHi 
industriell. 



20 trofesBor Dr. F. Meili in Ztiricli. 

4) im Autorreclite. 

Auch hier besteht ein internationaler Verband zum Schutze von 
Werken der Literatur und Kunst vom 9. September 1886*). Zu 
dieser Union gehören neben dem Deutschen Keich auch Belgien^ Spanien^ 
Frankreich (mit Tunis); England^ Italien^ Haiti^ Luxemburg und die 
Schweiz. Leider fehlt speziell noch Bussland imd die Vereinigten 
Staaten von Amerika. 

Diese Union hat einige sehr wichtige Sätze aufgestellt**). 

Auch hier sind erhebliche Materialsammlungen publiairt worden***). 

5) im Verkehrsrechte; speziell im Eisenbahn-; Post-, Tele- 
graphen- und Telephon-Rechte. 

Die in Sicht stehende Eisenbahnrechtsunionf ) ist mit einem voll- 
ständigen Zivilgesetzbuch über das internationale Eisenbahnfracht- 
recht ausgerüstet. Dieser Codex wird die naturgemässe Tendenz habeu; 
sich nach und nach auf das interne Eisenbahnfrachtrecht auszu- 
dehnen. Dazu kommt die Weltpost- und Welttelegraphen-Union. 

In allen diesen Materien haben wir schon eine ganze Keihe inter- 
national gleicher Bechtssätzeff). 



*) Sie ist abgedruckt bei Constant^ Code gSnSral des droiU d'auteur, 
Paris 1888, S. 3 ff. 

•*) Ich verweise auf^.o. Orellif Der internationale Schutz des Urheber- 
rechts, Morel in Blumers Bundesstaatsrecht III S. 504 ff., Soldan, L'union 
internationale pour la protection des oeuvres littiraires et artistiques , Paris 
1887, und auf meine internationalen Unionen S. 36—44, 63. Daselbst ist 
weitere Literatur angegeben. 

***) Lyon- Caen und K. Delalain^ Lots frangaises et etrangeres sur la 
propriSte litteraire et artistique suivies des Conventions internationales 2 vol. 
Ich möchte auch hier auf die vom internationalen Bureau in Bern heraus- 
gegebene Zeitschrift „Le droit d'auteur'^ hinweisen. 

t) Bei dieser Gelegenheit mache ich die Juristen auch auf das vom 
preussischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten herausgegebene Archiv 
für Eisenbahnwesen aufmerksam. Seit 1880 steht es unter der Leitung 
eines grossen Sachkenners, A, von der Leyen, Es wird dann dem Eisen- 
bahnwesen aller Länder der Erde grosse Aufmerksamkeit geschenkt. 
Insbesondere werden darin auch alle Gesetze und wichtigen Verordnungen 
regelmässig fortlaufend theils in Uebersetzung theils in Auszügen veröffent- 
licht. Dieses Archiv hat also eine hohe internationale Bedeutung. — Am 
13. Okt. 1890 ist jener Entwurf über das internationale Eisenbahnfrachtrecht 
in Bern von den Vertretern der Konventionsstaaten unterzeichnet worden. 
Er unterliegt nun blos noch der Genehmigung der Einzelstaaten. 

tt) Hier darf ich auf meine Arbeiten verweisen und zwar neben den 
zitirten internationalen Unionen auf: a) die internationalen Eisenbahn- 
verträge (Hamburg 1887). Diese Schrift ist eine etwas erweiterte Be- 
arbeitung eines Beitrages zu t;. Holteendorjirs Handbuch des Völkerrechts, 
lU, 286—290. Ich habe darin das internationale Uebereinkommen über den 
Eisenbahnfrachtverkehr mit allen Bestandtheilen abgedruckt (S. 63—141). 
Beiläufig gesagt findet sich der Wortlaut auch in dem Nouveau Becuiil 
des traitis von Martens-Stoerk Nouv. S. XIII S. 447 ; b) die Haftpflicht der 
Postanstalten (Leipzig 1877); c) das Telegraphenrecht, 2. Aufl. (Zürich 
1873); d) das Telephonrecht (Leipzig 1885); e) das Recht der modernen 
Verkehrs- und Transportanstalten (Leipzig 1888) ; f) das Pfand- und Kon- 
kursrecht der Eisenbahnen (Leipzig 1879). — Das internationale Tele- 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 21 

6) im Seerechte. 

Das Gebiet der disciplina navalis hat seit alten Zeiten die Tendenz 
internationaler Vereinheitlichung in sich getragen: ehrwilrdige Sätze 
reichen hier in das heutige Leben hinüber und daran schliessen sich 
moderne Vereinbarungen*). 

Diese hier herausgehobenen und ähnliche Materien sind 
es, welche successive international einheitlich geordnet 
werden können. Allein schon bei diesen Spezialgebieten wird der 
historische Prozess lange dauern, weil die naturgemässe Voraussetzung 
der Ünification, nämlich eine sorgfaltige und eingehende Vergleichung 
des bestehenden Eechtsmaterials noch fehlt. Hier muss der Fleiss und 
das Talent der Juristen ansetzen. 

Im Uebrigen aber ist die Konflikts- und Reibungsperiode 
des Rechts die naturgemässe Vorstation jeder Vereinheitlichung, sofern 
und soweit sie überhaupt angestrebt werden kann und soll. 

Was endlich noch die internationalen Schiedsgerichte oder die 
internationalen Appellationshöfe anbetrifft, so habe ich keinen Zweifel 
darüber, dass der Gedanke, wenn er sorgfaltig beschränkt und 
disziplinirt wird, auf. dem internationalen Boden fruchtbringend ver- 
werthet werden kann. Nicht nur wäre es möglich sondern in der 
That auch wünschenswerth, gewisse Streitfragen speziell aus dem inter- 
nationalen Zivilrechte und überhaupt denjenigen Kontroversen, welche 
mit privaten Interessen und mit denjenigen der Staaten enge zu- 
sammenhängen, einem internationalen ordo jvdicioru/ni zu unterstellen**). 
Allein hier gilt es erst recht wieder, einen breiten Strich zu ziehen 
zwischen dem wirklich Erreichbaren und den pia desideria. Auch auf 
diesem Gebiete schaden die blossen Träumereien, und es ist die grösste 
Nüchternheit dringend anzurathen. Am richtigsten ist es, bei spezi- 
ellen Fragen anzufangen, und wenn die Institution sich auf einem be- 
schränkten Gebiete bewährt, so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit 
dafür, dass sie auch auf andere Streitigkeiten ausgedehnt wird***). Ich 



graphenbureau in Bern gibt eine sehr verdienstliche Zeitschrift „Jotirnal 
tSligraphtqne*^ heraus, das internationale Postbureau eine solche unter dem 
Kamen j^Union postaU^^ — die letztere zeichnet sich durch höchst indiffe- 
rente Artikel aus. 

*) Vgl. LewiSy die New- York und Antwerp Rules in OoldschmidVs 
Zeitschrift N. F. IX 491, femer XXI 146, 161, sodann Voigt, die neuen 
Unternehmungen zum Zwecke der Ausgleichung der in den Seestaaten 
geltenden Haverie und Seefracht- Rechte (1882), femer Asser, Studien 
S. 334/5, und endlich Journal de droit international privS IV 131. 

**) Die Idee der Schiedsgerichte und ihre praktische Anwendung ist 
fibrigens alt, auch wenn man die Amphictyonen nicht als ihre Vorläufer 
ansieht. Vergl. darüber Egger S. 67. Der Äbhi de St. Pierre verwendete 
sich fOr „internationale Handelstribunale^. Vergl. «. HoUzendorff die Idee 
des ewigen Völkerfriedens S. 19. Ich hoffe später auf diese interessante 
Partie des internationalen Rechts genauer zurückkommen zu können. 

**") Ein sehr zu beachtendes Buch über diese Materie ist von Kamarowski 
geschrieben worden, fibersetzt von Westmann und mit einem Vorwort ver- 
seben von Lctcointa: Le tribunal international (Paris 1887). Vergl. auch 



J 



22 Piofessor Dr. F. Meili in Zürich. 

meine z. B.^ dass Kontroversen über die Auslegung von StaatsvertrSgen^ 
die sich auf Privatrechte beziehen (Patent-, Marken-, Autor-Rechte*)), 
Fragen über die Interpretation von Eisenbahnverträgen (ich erinnere 
an den Gotthardbahnvertrag), über die Exekution von Urtheilen (ich 
erinnere an den Vertrag zwischen Frankreich und der Schweiz) einem 
internationalen Appellationsgerichte unterstellt werden könnten u. sollten. 

Auch abgesehen von diesen Streitigkeiten wesentlich privatrecht- 
licher Natur ist es möglich, dass die Idee internationaler Schieds- 
gerichte praktische Anerkennung findet, sofern der Bogen nicht allzu 
stark gespannt wird**): das von Ooldsohmidt entworfene und vom 
Institut de droit intemationcU genehmigte Keglement ist bereit und die 
Praxis kann beginnen***). 

V. 

Es liegt nahe, die Doktrin des internationalen Privatrechts in 
direkte Verbindung zu bringen zu einem andern Zweige der Juris- 
prudenz, ich meine zu der vergleichenden Eechtswissenschaft und zu 
dem interprovinzialen und interkantonalen Rechte. Indessen möchte 
ich davor warnen. 

Die vergleichende Jurisprudenz verfolgt andere Ziele als das inter- 
nationale Privatrecht, und ich halte die Verbindung beider Disziplinen, 
wie sie in Frankreich von Dozenten und Schriftstellern angewendet 
wirdf), nicht für rationell. 

1) Die vergleiche^nde Rechtswissenschaft; hat das vorhandene Ge- 
setzesmaterial festzustellen und dabei einen möglichst grossen 
Kreis von Territorien ins Auge zu fassen, — das internationale 
Privatrecht muss sich eine weise Beschränkung in der Gegen- 
überstellung des Materials auferlegen. 

2) Die vergleichende Rechtswissenschaft muss den Verwandtschafts- 
grad der einzelnen Normen aufsuchen und dieselben in Reih und 
Glied stellen. Sie strebt daher mit Vorliebe darnach, Aehn- 
lichkeiten der Gesetze anzudocken, — das internationale 



Eouard de Card: Varhitrage international (Paris 1877) und Th, de St. 
Georges d^Armstrong^ De Vutiliti de Varhitrage I, Paris 1890. Ich verweise 
auch auf -Mcwer: Völkerrechtliche Schiedsgerichte (1890) namentl. S. 39 u. 40. 

*) Ich erinnere an die schon erwähnte internationale Konvention von 
1883, betrefifend das gewerbliche Eigenthum, und an diejenige von 1886, be- 
treffend den Schutz von Werken der Literatur und Kunst. 

**) Dies geschieht z. B. zu Gunsten des Pabstthums in dem Buche von 
Ferin: Vordre international (Paris 1888). 

***) Beme de droit international VII, 277—282. 

t) Bei dieser Gelegenheit ist bedingungslos anzuerkennen, dass sich 
die französischen Juristen in der vergleichenden Jurisprudenz sehr grosse 
Verdienste erworben haben. Die SocUte de Legislation comparie in Paris 
(zu der übrigens auch eine Anzahl deutscher Juristen gehört) geht mit 
g^tem Beispiel in der Materialsammlung voraus: ihre Publikationen im 
Annuaire (I— XVIII) und Bulletin (I— XX) sind sehr werthvoll. Die Gesell- 
schaft feierte 1889 ihre zwanzigjährige Existenz. Vergl. Rolin-Jacquentyns 
in der Bevue de droit international XXI, 368—381. Dieser Verein hat auch 
eine Reihe werthvoller Uebersetzungen fremder Gesetzbücher veranlasst. 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 23 

Privatrecht nährt sich aus den Dissonanzen ^ um die aus der 
„Zusammenstossung^ der Gresetze *) entstehenden Konflikte zu lösen. 

Dagegen ist es zweifellos richtige dass heide Disziplinen sich sehr 
nahe berühren: die Atmosphäre ihrer Wirksamkeit ist dieselbe. Die 
eine Wissenschaft fördert die andere und die des internationalen 
Privatrechts setzt das Studium u. das Eindringen in fremde Gesetze als 
nothwendig voraus. 

Was das interprovinziale oder interkantonale Privatrecht anbetriflft, 
so ist dasselbe ebenfalls vom internationalen Privatrechte zu trennen. 
Schon Wäditer hat dies betont*^); allein seine Wamimg ist übersehen 
worden. Freilich ist es richtig^ dass beide Materien geschichtlich auf 
das Engste zusammenhängen. Die alten Schriftsteller (namentlich 
die jjScriptores stattUarn^^) haben allerdings ganz wesentlich inter- 
provinziales Becht behandelt ^ allein keineswegs ausschliesslich ^ wie 
Laurent meinte***). 

Lame hat den glänzenden Beweis dafür geliefert^ dass Laurent 
sich in diesem Punkte irrte f). Allein es bestehen zwischen den beiden 
Materien auch erhebliche Divergenzen. 

1) Die interprovinzialen Niedergelassenen haben eine andere poli- 
tische Stellung als die Fremden^ und deswegen rechtfertigt 
sich auch eine andere zivilrechtliche Beurtheilung privatrecht- 
licher Streitigkeiten. 

2) In interprovinzialen Verhältnissen ist doch die höchste Staatsgewalt 
die eine und gleiche, und es kann deswegen ein Nachgeben der 
betheiligten Faktoren eher erwartet oder verlangt werden als im 
internationalen Verkehre. 

Ich halte es deswegen nicht für richtig, wenn die Doktrin des 
interprovinzialen Privatrechts auf gleiche Linie mit dem internationalen 
gestellt imd gesagt wird, dass an beiden Orten ohne weiteres die 
nämlichen Grundsätze zu gelten haben ff). Nach meiner Ansicht lässt 
sich eine verschiedenartige Behandlung in einzelnen Fragen ganz wohl 
denken und rechtfertigenfff), indessen ist hier nicht der Ort, 
darüber weitläufiger zu reden. (Forts, folgt im nächsten Hefte.) 

*) So drückt sich He, J. Leu, EydgenöBsisches Stadt- und Landrecht, 
1727, I S. 41, aus. 

*♦) Wächter im zivil. Archiv XXIV S. 274 Note 80. 
***) Laurent, I Nr. 257 und 258. Der grosse Jurist hat hier mehr Phan- 
tasie als Aktenkenntniss entwickelt. 

t) Laini I S. 77 ff. Zu seinem Beweismaterial füge ich noch Boulle- 
noist Queetione aur lee dSmiesions de biene (Paris 1727) S. 148/9, hinzu. 

tt) In dieser Beziehung kann ich also der Auffassung des grossen 
Saviffny, VIII 19, 27, 108, nicht folgen. Sie wurde aber adoptirt von 
Stcibbe, deutsches Privatrecht I S. 173 (§. 29 I), und von v. Gerher, D.P.R. 
§. 32 Note 3. Vorsichtiger drückt sich Brins, Pandecten I §. 23, aus, wenn 
er sagt, dass die betreffenden interkantonalen Streitigkeiten „von der Art** 
des internationalen Privatrechts seien. 

ttt) In gleichem Sinne drttckt sich auch Speiser aus (Z. fUr Schweiz, ß. 
N. F. IX 271, 281). Abgesehen von dieser Frage weiche ich aber von 
S^peieer ab. Vergl. auch v, Bar l 275. 



24 Aw. Aug. Setti in Rom. 



international-rechtlichen Bestimmungen im neuen 
italienischen Strafgesetzbuch. 

Von Aw. Aug. Setti, 
S. Procuratore del Be in Rom. 

Die Artikel des neuen italienisclien Strafgesetzbuchs, welche Be- 
stimmungen des internationalen Strafrechts enthalten, sind Nr. 5, 6, 7, 
8, 9; aber auch die Art. 3 und 4 haben allgemeine Bestimmungen, 
die mit diesen verwandt sind, und glauben wir daher, auch diese mit- 
theilen zu sollen: 

„Art. 3, Wer eine strafbare Handlung im Gebiete des Königreichs he- 
geht, wird nach italienischem Gesetz bestraft. 

Der Italiener wird im Königreich abgeurtheilt y auch wenn er im Aus- 
lände bereits abgeurtheilt worden ist. 

Der Ausländer, welcher im Auslande bereits abgeurtheilt worden ist, 
wird im Königreich abgeurtheilt, wenn der Justizminister die Bestrafung 
verlangt, 

Art, 4, Der In- oder Ausländer, welcher im Auslande ein Verbrechen 
gegen die Sicherheit des Staates, oder der Fälschung des Staatsstegeis, oder 
Fälschung der im Königreich gesetzlichen Kurs habenden Münzen oder italie- 
nischer Staatskreditpapiere begeht, für welches das italienische Gesetz eine 
Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren festsetzt, wird nach diesem Ge- 
setze bestraft. 

Er u)ird im Königreich, auch wenn er schon im Ausland bestraft ist, 
dann abgeurtheilt, wenn der Justizminister die Bestrafung verlangt. 

Die vorstehenden Bestimmungen finden auch Anwendung, wenn es sich 
um ein mit kürzerer Freiheitsstrafe bedrohtes Verbrechen handelt, sofern 
der In- oder Ausländer sich im Gebiete des Königreichs aufhält, 

Art, 5, Der Inländer, welcher ausser den im vorhergehenden Artikel 
bezeichneten Fällen im Ausland ein Verbrechen begeht, für welches da^ 
italienische Gesetz eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren festsetzt, 
wird nach diesem Gesetz bestraft, sofern er sich im Gebiet des Königreichs 
aufhält, aber die Strafe wird um Ve gefffindert und an die Stelle von Zucht- 
hausstrafe (ergastoJo) tritt Einschliessung (reclusione) von 25—30 Jahren, 
Handelt es sich um ein mit kürzerer Freiheitsstrafe bedrohtes Verbrechen, 
so tritt Verfolgung nur auf Antrag des Beschädigten oder auf Verlangen 
der auswärtigen Regierung ein. 

Art, 6, Der Ausländer, der ausser den Fällen des Art, 4 im Auslande 
zum Nachtheil des Staats oder eines Inländers ein Verbrechen begeht, welches 
das italienische Gesetz mit einer Freiheitsstrafe von mindestefis Einem Jahre 
bedroht, wird nach diesem Gesetz bestraft, sofern er sich im Gebiet 
des Königreichs aufhält, aber die Strafe wird um '/a gemindert und 
an die Stelle von Zuchthaits tritt Einschliessung (reclusione) nicht unter 
20 Jahren, 

Die Strafverfolgung tritt nur auf Verlangen des Justizministers oder 

auf Antrag der Partei ein. Ist das Verbrechen zum Schaden eines andern 

Ausländers begangen, so wird der Beschuldigte auf Verlangen des Justiz- 

ministers nach Massgabe des Abs, 1 dieses Artikels bestraft, sofern 

1) es sich um ein mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 3 Jahren de- 

bedrohtes Verbrechen handelt. 



Die intern.-rechtl. Bestimmungen im neuen ital. Strafgesetzbuch. 25 

2) ein Auslieferungsvertrag nicht besteht oder die Auslieferung von der 
Regierung des Ortes der Strafthat oder van der heimathlichen Regie- 
rung des Beschuldigten nicht angenommen wird. 
Art. 7. In den Fällen des Art, 5 und 6 imrd ein Strafverfahren nicht ein- 
gdeüeti 

1) bei Verbrechen, fü^ u>elehe nach Art, 9 Abs, 1 Auslieferung unzu- 
lässig ist; 

2) wenn der Beschuldigte im Ausland rechtskräftig freigesprochen oder die 
Strafe verbüsst hat oder wenn die Strafe verjährt ist. 

Doch iann auf Antrag der Staatsanwaltschaft gegen den Inländer, 
gegen den für ein im Auslande begangenes, von den in Nr. 1 dieses Artikels 
bezeichneten verschiedenes Verbrechen im Auslände eine Verurtheilung aus- 
gesprochen wurde ^ welche nach italienischem Gesetz als Hauptstrafe oder 
Straffolge die Unfähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter oder eine an- 
dere Unfähigkeit nach sich ziehen würde, — das Gericht aussprechen, dass 
das ausländische Urtheil im Königreich die eben bezeichneten Wirkungen 
habCy vorbehaltlich des Rechts des Verurtheilten, Erneuerung 'des im Aus- 
lände erfolgten Verfahrens zu verlangen, bevor dem Antrag der Staatsanwalt- 
schafl Folge geleistet wird. 

Art, 8, Wenn in den Fällen der vorausgehenden Artikel eine Erneue- 
rung des im Auslande erfolgten Verfahrens stattfindet, so wird die im Aus- 
lande verbüsste Strafe unter Berücksichtigung der Art derselben und gegebenen 
Falls unter Anwendung der Bestimmungen des Art. 40 abgerechnet. 

Art. 9. Die Auslieferung des Inländers ist unzulässig. Die Auslie- 
ferung des Ausländers ist unzulässig wegen politischer Delikte oder mit 
solchen im Zusammenhang stehender Reate, 

Die Auslieferung des Ausländers kann nur angeboten und zugestanden 
werden von der kgl, Staatsregierung und nach vorgängiger entsprechender 
Entscheidung des Gerichts des Aufenthaltsortes des Ausländers, Doch kann 
auf Verlangen oder Angebot der Auflieferung die vorläufige Verhaftung des 
Ausländers angeordnet werden,*^ 

I. Das Recht der Beaufsichtigung der Rechtspflege steht dem 
Staate innerhalb seines Gebietes als Ausfluss der Souveränität (Hoheits- 
recht) zu. Art. 11 der Einleitung zum ital. Zivilgesetzbuch enthielt 
bereits die Vorschrift: Die Strafpolizei- und öffentlichen Sicherheits- 
gesetze gelten für Alle^ welche sich im Gebiet des Königreichs befin- 
den. Das römische Recht schrieb vor: Ibi eum poena plecti debere, 

ubi fadnus admissum est. L. 3 pr, Dig, de re müit, — Praeses 

höhet ifUerdv/m inipervmn et adversus extraneos homines si quid ma/iiu 
eommisermt; nam et in mandatis principtmi est, ut curet is, qui pro- 
vindae praeest, maUs homvnibus promnciam purgare, nee distinguitur 
unde sint (L, 3 Dig, de off. praes,). Es ist also die Landesgerichts- 
barkeit ^ welche der Obrigkeit des Ortes criminis patrati das Recht 
zu strafen ertheilt, ohne Unterscheidung des Ausländers bei Vergehen 
und üebertretungen. 

Bei den Reaten^ welche der Inländer im Königreich begeht^ ist 
die Wiederaufnahme des Verfahrens, welches im Ausland stattgefunden 
hat, obligatorisch, fUr den Ausländer ist sie fakultativ theils aus 
Gründen der Politik, theils aus Rechtsgründen, soweit die Verurthei- 
lung im Aasland auch in unserem Staate für genügend erachtet wird. 
In der Relation des ZanardeUi von 1887 ist zu lesen: ,7Mir scheint, 
dass sofern die inländische Rechtsprechung sich als einverstanden mit 



26 Avv. Aug. Setti in Rom. 

der ausländischen Vemrtheilung erklären kann (gegen den Ausländer); 
ein neues Ürtheil überflüssig ist, welches weniger richtig sein könnte, 
als das an dem Orte, wo der Karakter und die Präzedentien des 
Beschuldigten bekannt waren, erlassene. Das trifft bei dem Inländer 
nicht zu, weil, abgesehen davon dass er in den meisten Fällen nir- 
gends besser gekannt ist als im eignen Land (auch hinsichtlich der 
Kückfälligkeit), das nationale Rechtsbewusstsein sich mit einer Rechts- 
pflege, welche ihr nicht das Zutrauen und die Garantien der einheimi- 
schen bietet, nicht leicht begnügen würde (§ XVI). ^ 

Es versteht sich endlich von selbst, dass bei der auszuspre- 
chenden Strafe die Schwere und Dauer der vom Beschuldigten im 
Ausland verbüssten Strafe in Rechnung gezogen werden muss (s. Art. 8 
wie oben zitirt). 

II. Bezüglich der ausserhalb des Gebiets des Königreiclis begange- 
nen Reate schrieb der Ent^nirf vor: „Niemand kann wegen der ausser- 
halb des Königreichs begangenen Reate bestraft werden, ausser in 
den vom Gesetz bestimmten Fällen." Aber die k. RevisionskommiBsion 
bemerkte, eine derartige Bestimmung sei unnötig, da sie implidte in 
den Art. 3, 5, 6, 7 enthalten sei; überhaupt solle das Gesetz keine 
Normen fUr die Praxis enthalten, imd die gegenwärtige Bestimmung 
würde nicht zur Anwendung kommen. Deshalb blieb sie im Straf- 
gesetzbuch weg. Doch wurde das in ihr enthaltene Prinzip nicht be- 
seitigt und nur bestimmt, bis zu welchem Pimkte das Stra%esetz mit 
Rücksicht auf eine gute Staatsverwaltung die Grenzen des König- 
reiches überschreiten und die Unzureichendheit des ausländischen Ge- 
setzes korrigiren dürfe. 

Von den drei Prinzipien, die in dieser Materie auf dem Gebiete 
der Wissenschaft und des positiven Rechts sich entgegenstehen, Terri- 
torialität, Personalität und Universalität des Strafgesetzes, hat das 
italienische Strafgesetzbuch der Territorialität den Vorzug gegeben. — 
Materielle Territorialität nämlich; denn die juridische würde auf die 
Rechtfertigung eines Systems hinauslaufen, welches sich auf die Per- 
sonalität stützen müsste, deshalb konnte sie nicht angenommen wer- 
den, ausser soweit sie sich auf eine subsidiäre und ergänzende Straf- 
rechtspflege der auf die materielle Territorialität gestützten beschränkt; 
subsidiär indem sie durch die Auslieferung des Beschuldigten an den 
Staat des begangenen Delikts geübt wird ; suppletorisch in den Fällen, 
wo die Auslieferung oder Verbannung nicht möglich ist, da hier die 
Nothwendigkeit der Rechtsvertheidigung des Staates des Aufenthalts 
gerade so, wie wenn der Reat gegen sein Territorium begangen wäre, 
eintritt. 

Aber auch diese von der Wissenschaft erforderte Beschränkung 
konnte im italienischen Stra%esetz nicht ganz durchgeföhrt werden. 
Das neue Gesetzbuch musste dem Umstand Rechnung tragen, dass die 
Mehrheit der europäischen Gesetzgebungen die Personalität des Straf- 
gesetzes annehmen, indem sie ungeme die Auslieferung der Lands- 



Die intern.-rechtl. Bestimmungen im neuen ital. Strafgesetzbuch. 27 

leute zugeben« Daraus entsteht die Nothwendigkeit, sie im Vater- 
land abzuurtheilen und folgeweise als Korrelat die Nothwendigkeit^ in 
dem Staate des Beschädigten die Ausländer^ welche im Ausland gegen 
einen Einheimischen Strafhandlungen begehen^ abzuurtheilen. Das 
Gresetabuch hält deshalb in beschränkter Weise das Becht gegen In- 
länder^ die im Ausland Straf handlungen begehen^ und gegen Fremde, 
die im Ausland gegen Einheimische sich verfehlen; aufrecht, und lässt 
nur eine suppletorische Strafeinschreitung gegen Ausländer, die im 
Ausland zum Schaden der Ausländer sich verfehlen, zu. 

Der Bericht des Ministeriums spricht jedoch den Wunsch aus, 
dass das gegenseitige Zutrauen der Nationen und die zunehmende 
Gleichförmigkeit der Straf- imd Prozessgesetze nach und nach die Ab- 
neigung des Nationalgefühls gegen die Auslieferung des Inländers be- 
seitigen und so das von dem englischen Auslieferungsgesetz vom 
9. August 1870 mit Aenderungen vom 5. August 1873 imd dem der 
Vereinigten Staaten Amerikas vom 3. März 1869 gegebene Beispiel 
befolgt werden würde. 

Das Institut des internationalen Rechtes hatte in seiner Sitzimg 
zu Oxford 1880 dieselbe Maxime ausgesprochen, welche bei der Ver- 
sammlung 1883 zu München auf Vorschlag der Professoren JBSon^a und 
Dr. van Bar aufgestellt wurde. Gegenwärtig wird sie von den nam- 
haftesten Schriftstellern über internationales Strafrecht aufrecht ge- 
halten, es wird genügen zu zitiren: BucceUati, Noeüo, Bonsa, Cor- 
nazxamari, Impaüomeni, Martens, HoUzendarff, lAsxt, Martin^ Bard, 
Bolin, Benault, Rohland, Hälschner, Binding etc. 

in. Sehen wir nun zu, in welchen Fällen die StraQustiz unserer 
Gerichte für im Ausland begangene Strafhandlungen einzutreten hat. 
Es sind diese: 

1) Delikte gegen die Sicherheit des Staats, Fälschung von im 
Königreich kursirenden Münzen, italienischer Staatkreditpapiere 
(Art. 4). 

2) Andere Delikte gegen den italienischen Staat (Art. 6). 

3) Delikte an Inländern begangen (Art. 6). 

4) Delikte von Ausländem zum Schaden von Inländern begangen 
(Art. 6). 

5) Delikte der Ausländer gegen Ausländer, fakultativ, wenn beim 
Mangel von Auslieferungsverträgen die Auslieferung vom Staate 
delicti commissi oder vom Heimathsorte des Beschuldigten nicht 
angenommen wird (Art. 6, Abs. 2). 

Die unter 1 und 2 genannten Delikte bieten keine Kontroversen 
bezüglich der Anwendbarkeit der Strafgesetze auf im Ausland be- 
gangene Delikte, es handelt sich hiebei um Reate, welche das poli- 
tische und ökonomische Leben des Staats betre£Pen, die schwereren 
Nr. 1, die leichteren Nr. 2. Bezüglich dieser Reate hat das Recht zu 
strafen sowohl der beschädigte Staat als der Staat cHminis pairati, 
„aus der Beschädigung entsteht die Strafverfolgung^. Bei den Reaten 



28 Avv. Aug. Setti in Rom. 

Nr. 1 ist kein Unterschied zwischen In- und Ausländem, der Aufent- 
halt im Königreich ist nicht Voraussetzung, es kommt nichts darauf 
an, ob das ausländische Gesetz die Handlung filr strafbar erklärt oder 
nicht oder anders bestraft oder als verjährt erscheinen lässt. Die 
Voraussetzung, dass der Beschuldigte sich im Königreich aufhalte^ ist 
nur verlangt, wenn die persönliche Freiheitsstrafe eine geringere als 
5 Jahre im Maximum ist. Man nahm an, dass die Anwesenheit des 
Verbrechers im Staat diesen zur Vertheidigung gegen ihn berechtige. 
Fakultativ hat man in beiden Fällen die Wiederaufiiahme des Ver- 
fahrens auf Antrag des Ministers gemacht, da man nicht a priori von 
Misstrauen gegen das ausländische Ürtheil ausgehen wollte. 

Bei den Delikten, von denen unter Nr. 2 die Rede, zum Schaden 
des Staates, wurde bestimmt, dass sie, wenn von Ausländem begangen, 
strafbar sind, weil wenn von Inländern begangen, sie den Regeln 
über die von Inländern im Auslande begangenen Delikte unterworfen 
sind ; für sie gelten die im Art. 6 bestimmten Normen mit der Neben- 
bestimmung, dass gegen diese Delikte, welche in irgend einer Weise 
(auch beim Brand eines italienischen Gesandtschafts -Gebäudes) dem 
italienischen Staate nachtheilig sein könnten, auf Verlangen des Justiz- 
ministers vorzugehen sei, während bei Delikten von Ausländem zum 
Nachtheile von Inländern nur auf Klage des Beschädigten einge- 
schritten wird. 

Für die unter Nr. 3, 4 und 5 benannten Delikte setzt das Straf- 
gesetzbuch einige allgemeine und einige besondere Regeln fest. 

Die allgemeinen Regeln zu 3, 4, 5 sind: 

a) dass der Beschuldigte sich im Königreich befinde. Es ist kein 
Unterschied zwischen dem, der sich freiwillig und dem, der gezwimgen 
in Folge Auslieferung oder höherer Gewalt dort ist. Wenn er sich 
jedoch in Folge imerlaubter Mittel mittels Täuschungen dort befände, 
würde er auf Reklamation des fremden Staates in das Territorium, 
wo er früher war, zurückzubringen sein; ' 

b) dass der im Ausland abgeurtheilte Beschuldigte keinem Straf- 
verfahren mehr unterstellt werden solle, wenn er rechtskräftig freige- 
sprochen ist; 

c) dass der Schuldige keinem Strafverfahren unterliegt, wenn er 
bereits bestraft, die Strafe verbüsst oder erloschen ist; ist die Strafe 
theilweise verbüsst, so ist ein Strafverfahren zulässig (Art. 7 Nr. 2); 

d) dass kein Verfahren stattfindet wegen politischer Vergehen 
und Reate zum Nachtheil eines fremden Staates, während bei Delikten 
gegen den italienischen Staat nach Art. 4 bis Art. 7 Nr. 1 verfahren 
wird; 

e) dass das anzuwendende Gesetz immer das italienische ist und 
die Strafe milder ist, als wenn das Delikt auf inländischem Terri- 
torium begangen wäre. 

Die Gründe sind einleuchtend. 
Die speziellen Regeln sind: 



Die intem.-recfatl. Bestimmungen im neuen ital. Strafgesetzbuch. 29 

a) dasB gegen einen Inländer von Amtswegen vorzuschreiten ist 
(wo er aucli ist und ob zum Schaden eines In- oder Ausländers das 
Delikt begangen), wenn die gesetzliche Strafe nicht unter 3 Jahren 
(Art. 5) beträgt. Ist die Strafe von geringerer Dauer, so wird blos in 
Folge einer Klage des Beschädigten oder auf Verlangen des auswär- 
tigen Staats (sei es des begangenen Delikts, sei es des beleidigten 
Staats) eingeschritten; 

b) dass gegen einen Ausländer, der sich gegen den Staat oder 
einen Inländer verfehlt hat, eingeschritten wird, wenn die Strafe im 
Minimum nicht weniger als ein Jahr, bei Delikten zum Schaden eines 
Ausländers nicht weniger als drei Jahre beträgt. 

IV. Ausser den aufgezählten Fällen (es sind dies die verschiedenen 
Hypothesen der Exterritorialität im Strafrecht) findet eine Einschreitung 
wegen im Ausland begangener Delikte nicht statt. Es kann jedoch 
zur Auslieferung des im Inlande befindlichen Ausländers geschritten 
werden. Das Institut der Auslieferung ergänzt die Vorschriften der 
Stra%esetze bezüglich der Territorialität und Exterritorialität. 

Die hierüber angenommenen Prinzipien sind, im Art. 9 enthalten, 
folgende: 

a) Für den italienischen Bürger machte die vorherrschende Per- 
sonalität des Strafgesetzes das absolute Verbot der Auslieferung noth- 
wendig. Es könnte die Frage entstehen, ob dies auf den Ausländer, 
welcher das italienische Bürgerrecht erworben hat, nachdem er das 
Delikt im Ausland begangen hat, Anwendung finde. Juristische Konse- 
quenz spricht dafür, dass hier die Auslieferung stattfindet, sowohl um 
dem Prinzip des Ortes delicti patrati den gebührenden Vorzug zu 
sichern, als auch, weil andernfalls der Erwerbung des Bürgerrechts 
eine rückwirkende Kraft, die die Straflosigkeit des Schuldigen zur 
Folge hätte, beigelegt würde; 

b) ftir den Ausländer kann die Auslieferung nicht bewilligt wer- 
den bei im Ausland begangenen politischen Delikten gegen den aus- 
wärtigen Staat, und er kann im Königreich nicht abgeurtheilt werden^ 
eben weil die Auslieferung des Beschuldigten verboten ist. Auch in 
dem Falle, wenn das politische Beat einem mit Italien verbündeten 
Staat zum Nachtheil gereichte, darf die Auslieferung nicht stattfinden, 
es sei denn^ dass die That die Sicherheit des italienischen Staats be- 
drohe, in welchem Fall nach Art. 4 einzuschreiten ist; 

c) dass wegen eines von einem Ausländer an einem Ausländer 
begangenen Delikts nicht vorgeschritten werden kann, solang nicht 
die Auslieferung angeboten und von der auswärtigen Regierung nicht 
angenommen worden ist (Art. 6 Nr. 2); 

d) dass gegen einen Inländer, der im Ausland wegen eines — 
nicht politischen — Heats verurtheilt ist, welcher nach italienischem 
Gesetz die Unfähigkeit, öffentliche Aemter zu bekleiden oder andere 
Unfähigkeiten nach sich zieht, das Grericht aussprechen kann^ dass solche 
Unfidiigkeit als Folge der ausländischen Verurtheilung eintritt, vor- 



30 Ayv. Aug. Setti in Rom: Die intern.-rechtl. Bestimmungen etc. 

behaltlich des Rechts des Verurtheilten^ nochmalige Verhandlung zu 
verlangen (Art. 7). Der Grund dieser Bestimmung liegt darin ^ dass 
es^ wenn der im Auslande verurtheilte Inländer zurückkehrt und die 
Voraussetzungen eines erneuten Verfahrens gegen ihn ermangeln^ 
schädlich wirken müsste^ wenn er in der Heimath die Rechte ausüben 
könnte, deren er sich unwürdig gemacht hat^); 

e) beim Vollzug der Ausliefenmg ist das beste System das belgisch- 
holländische , welches die Auslieferung zu einer Justiz-Sache macht; 
ohne der politischen Beh(5rde das Recht; sie zu ändern oder zu ver- 
weigern; zu benehmen. Die Staatsregierung bietet sie an nach vor- 
gängiger mit der am Aufenthaltsort des Beschuldigten kompetenten Justiz- 
behörde konformen Erwägung des Falls. Die Justizbehörde hat zu unter- 
suchen; in rechtlicher Hinsicht, ob nach Vorschrift der Gesetze und 
Verträge die Auslieferung angeboten und bewilligt werden kann, be- 
züglich des ReatS; ob er mit einem politischen Delikt konnex oder 
ob gleichzeitig gemeines und politisches Recht verletzt oder endlich ob 
der gemeine Reat politischen Karakter hat^); in thatsächlicher Hinsicht, 
ob der Beschuldigte Ausländer ist; ob er erst nach begangenem Delikt 
Inländer geworden; ob genügende Verdachtsgründe gegen ihn vor- 
liegen. 

Die besonderen Formen der Prozedur imd die Garantien für ein 
richtiges Urtheil sind in Art. 2 £inf.-Best. zum Strafgesetzbuch ge- 
regelt, welcher sagt: für den Ausspruch nach Art. 9 Abs. 2 Straf- 
Ges.B. ist der Appellgerichtshof (Abtheilung für Strafsachen) des 
Distrikts, in welchem der Beschuldigte sich aufhält; zuständig. 

Nebenbei ist im Art. 9 der kompetenten Behörde (Staatsregierung 
und Administrativ-Beamte, die sie vertreten) die Befugniss vorläufiger 
Verhaftung des Ausländers, dessen Auslieferung verlangt wird, ein- 
geräumt. 

Dies sind die Normen des neuen, mit dem 1. Januar 1890 in 
Kraft getretenen italienischen Stra%esetzbuches. Sie verdienten eine 
weitläufigere Auseinandersetzung, sowohl der Prinzipien, auf die sie gebaut 



1) Es ist gleichgültig, ob das ausländische Urtheil diese Unfähigkeiten 
enthält oder nicht und sie definirt. Da dasselbe keinen Einfluss auf den 
ins Königreich zurückgekehrten Inländer hat, ist die Intervention des 
italienischen Gerichts immer erforderlich. Art. 1 der EinfQhrungsbestim- 
mungen zum ital. Strafges.Buch bestimmt, dass der im Art. 7 erwähnte 
Ausspruch von dem Appellgericht zu erlassen ist n. die Kompetenz nach der 
Heimath, dem Wohnort oder dem Aufenthalt des Beschuldigten sich regelt; 
wenn keiner dieser Orte bekannt ist, ist der Gerichtshof zuständig, bei dem 
der Staatsanwalt zuerst die Einschreitung beantragt hat. 

2) Ueber diese MateHe vergleiche: Bonsa, del delitto poUtieo in rap- 
porto con la extradüüme (Annuario delU sciense giuridiche, 1881); — Le 
dein poUHque e rextradition (Bevue de droit intern. 1882); •— jBoZtti, 
Us itifractione pölitiquea (Bevue d, dr. int, 1884); — Lammasch, Das 
Recht der Auslieferung wegen politischer Verbrechen. Wien 1884; — 
Impallomeni, B codice pendle italianOt Tit. 1 p. 89 ff. Firenze 1890. 



Amtsgerichtsr. Grünewald in Metz: Rechtsschutz d. Photographie etc. 31 

sind^ als der verschiedenen Fragen, die sich bei ihrer Anwendung er- 
geben können. 

Da wir uns kurz fassen mussten, haben wir nur das Wesent- 
lichste andeuten können. 

Rom, 15. September 1890. 

Aw, Äug, Setti, 
SosHtuto Procuratore del Be al Tribunale de Borna, 



Rechtsschutz der Photographie in den Verbandsländern 

der Berner internationalen Uebereinkunft zum Schutze 

von Werken der Literatur und Kunst 

vom 9. September 1886. 
Von 
Amtsgerichtsrath Grünewald in Meta. 

Ueber die Frage, ob und welchen Rechtsschutz gegen Nachbildung 
Photographien und die dazu gehörigen photomechanischen und photo- 
chemischen Erzeugnisse zu beanspruchen haben, herrscht sowohl in 
den Gesetzen als auch in der Rechtswissenschaft und Rechtsprechung 
der modernen Rulturstaaten eine grundsätzliche Verschiedenheit der 
Auffassung. Nach der einen trägt die Photographie künstlerischen 
Earakter an sich und zwar nicht blos nach dem durch sie beab- 
sichtigten Zweck, sondern auch nach dem erzielten Ergebnisse. Man 
geht davon aus, dass sich in den Erzeugnissen der Photographie stets 
eine künstlerische Idee des Photographen selbst offenbare. Diese sei 
darin zu suchen, dass der Photograph bei Aufnahme von Bildnissen 
die Personen gruppiren, beleuchten und drapiren, bei Aufnahme von 
Landschaften den richtigen Stand- und Zeitpunkt der Beleuchtung, 
Wolkenlage wählen, die Lichtstärke benutzen und berechnen, also 
Kenntnisse besitzen und eine Thätigkeit entwickeln mtlsse, welche 
künstlerische Vorbildung voraussetzt. Dabei sei unerheblich, dass die 
Handarbeit selbst zu grossem Theil durch den Apparat ersetzt wird. 

Dagegen misst die andere Anschauung jenen Punkten nur eine 
sekundäre Bedeutung bei und legt das Hauptgewicht darauf dass die 
Herstellung der Photographie weit mehr mechanisches Erzeugniss der 
Natur, eines chemisch -optischen Prozesses, als das der Kunst sei. 
Soweit eine künstlerische Fertigkeit des Photographen hinzutrete, 
k5nne nur von einer Kunst in der Photographie, nicht aber von der 
Photographie als Kunst die Rede sein. Dieselbe trage daher nur die 
Natur eines Kunstgewerbes an sich. 

Von den letzt dargelegten Gesichtspunkte geht das deutsche 
Photograpbieschutzgesetz vom 10. Januar 1876 aus. Dagegen kommt 



32 Ämtsgerichtsräth Grünewald in Metz. 

in den übrigen Yerbandsstaaten — abgesehen von den Ländern HaSti, 
Liberia und Tunis ^ deren Kechtsauffassung wir bisher nicht zu er- 
mitteln vermochten — entweder in deren Gesetzen selbst oder in 
ihrer Doktrin und Jurisprudenz die andere ^ oben zuerst dargelegte 
Anschauung zum Ausdruck. 

In Frankreich sprechen sich Rechtswissenschaft und Eecht- 
sprechung (vgl. ü. Trib. Paris v. 10. April 1862, v. 29. April und 
6. Mai 1864, des Kass.-Hofs v. 28. Nov. 1862 und Appellhofes zu 
Paris vom 12. Juni 1863) übereinstimmend dahin aus, dass auf die 
Photographie das Gesetz über das literarische Eigenthum vom 19. Juli 
1793 anwendbar sei, wiewohl dieselbe damals noch nicht erfunden 
war. Es wird angenommen, dass ihre Erzeugnisse unter die „dess-his^' 
im Sinne der Art. 1 und 7 des erwähnten Gesetzes fallen, indem mit 
diesem Ausdrucke die Werke der Zeichenkunst im weitesten Sinne des 
Wortes zu verstehen seien. Auch sei der künstlerische Elarakter des 
Erzeugnisses, der nach französischer Ansicht in der Photographie liege, 
nicht der künstlerische Werth das massgebende Kriterium. 

Ebenderselben Auffassung folgt die Rechtsprechung in Belgien 
und Spanien, deren Urhebergesetze die Photographie gar nicht er- 
wähnen. Art. 1 und 21 des belgischen Urhebergesetzes vom 22. März 
1886, Art. 3 des spanischen Urhebergesetzes vom 10. Januar 1879 
schützen die Kunstwerke im allgemeinen ohne Rücksicht auf dessen 
Art. 

In Frankreich — um auf dies Land nochmals zurückzukom- 
men — ist gegenwärtig der Entwurf eines neuen Urhebergesetzes 
ausgearbeitet. In Art. 25 desselben, der die W^erke, denen Rechts- 
schutz gewährt wird, aufzählt, sind unter Ziff. 4 die Erzeugnisse 
der Photographie, Heliogravüre oder jedes anderen ähnlichen Verfah- 
rens ausdrücklich genannt. 

Das englische Urhebergesetz vom 29. Juli 1862 räumt in den 
Art. 25 und 26 der Photographie den gleichen Rechtsschutz 
wie den Gemälden und Zeichnungen ein. Italiens früheres Ur- 
hebergesetz vom 25. Juni 1865 hatte die Photographie unerwähnt 
gelassen, und die sich auf dies Gesetz stützende Rechtsprechung ihre 
Erzeugnisse als einfache mechanische Werke der Sonne und Caniera 
obscura erklärt. Zwar enthält ebensowenig das neue Urhebergesetz 
vom 19. September 1882 eine Bestimmung bezüglich der Photogra- 
phie. Allein die neuere Doktrin, namentlich die Schriftsteller Drago, 
Amar und Brogi stellen in ihren Darlegungen die Photographie den 
übrigen artistischen Erzeugnissen, z. B. der Lithographie und dem 
Kupferstich, gleich, indem sie ausser den Eingangs dargelegten Grün- 
den noch beifugen, dass ihre Schöpfungen zum mindesten denen der 
„peintres — copistes'^ gleich zu achten seien. In demselben Sinne 
haben sich das italienische Ministerium in einem Berichte hierüber 
vom April 1886, die sämmtlichen italienischen Handelskammern und 
der Appellhof zu Venedig im Urtheil vom 19. März 1887 aus- 



Rechtssohutz der Photographie etc. 33 

gesprochen. Die Schweiz ertheilt in Art. 9 und 10 Abs. 1 ihres 
Urhebergesetzes vom 23. April 1883 ansdrücklich den in ihrem Lande 
von Inländern hergestellten oder wenigstens in der Schweiz erschie- 
nenen oder veröffentlichten Photographien gesetzlichen Schutz. 

Ans all dem ergibt sich; dass gegenüber den Verbandsländern die 
deutsche gesetzliche Auf&ssung von der Natur der Photographie allein 
steht Bei der Berathung der internationalen Uebereinkunft kam die- 
ser Punkt zur Sprache. Da aber hierüber eine Einigung mit Deutsch- 
land nicht zu erzielen war^ so verglich man sich dahin^ dass die Pho- 
tographie in der Uebereinkunft nicht zu erwähnen sei. Dafür wurde 
aber im Schlussprotokoll vom 9. September 1886 erklärt^ dass die- 
jenigen Yerbandsländer^ welche die photographischen Erzeugnisse als 
Kunstwerke ansehen und schützen, diesen Schutz auch den auswär- 
tigen Urhebern von Photographien zukommen lassen. 

Daraus folgt, dass die Yerbandsstaaten Belgien, Spanien, Frank- 
reich, Grossbritannien, Italien und Schweiz, welche die Photographie 
als Kunsterzeugniss schützen, verpflichtet sind, ihren Bechtsschutz 
nicht blos gegenseitig den in diesen Ländern hergestellten photogra- 
phischen Erzeugnissen, sondern auch den deutschen zu gewähren, wie- 
wohl das deutsche Gresetz den entgegengesetzten Standpunkt vertritt. 

Dadurch hinwiederum hat Deutschland nach dem im internationalen 
Rechts verkehre geltenden Grundsatz der Gegenseitigkeit, wiewohl es 
in seinem Photographieschutzgesetz die Ausländer grundsätzlich vom 
Kechtsschutze ausschliesst, denselben gleichwohl den in den Yerbands- 
ländem erscheinenden photographischen und photomechanischen Er- 
zeugnissen zu gestatten. 

Bei dieser Bechtslage haben die vor der internationalen Ueber- 
einkunft zwischen den Verbandsstaaten, insbesondere von Deutschland 
mit Frankreich am 19. April 1883, mit Belgien am 12. Dezember 
1883 und mit Italien am 20. Juni 1884 abgeschlossenen Verträge, 
welche den Photographien ausdrücklich gegenseitigen Schutz verwei- 
gern, ihre rechtliche Bedeutung verloren. 

In Bezug auf die Dauer des Schutzes in den einzelnen Ver- 
bandsländem ist zunächst Art. 2 Abs. 2 der internationalen Ueber- 
einkunft massgebend, wonach dieselbe die im Ursprungslande des 
Erzeugnisses gewährte nicht übersteigen darf. 

Demnach gemessen die deutschen Photographien in den Ver- 
bandsländem nur den in § 6 des deutschen Gesetzes vom 10. Januar 
1876 ausgesprochenen Schutz gegen Nachbildung auf ftinf Jahre, auch 
wenn sich derselbe in jenen Staaten auf längere Zeit erstreckt, z.B. 
in Frankreich auf Lebensdauer des Urhebers und 10 Jahre nach sei- 
nem Tode, in Grossbritannien auf Lebenszeit imd 7 Jahre nach dem 
Tode des Urhebers, in Italien auf 10 Jahre. 

Umgekehrt wird in Deutschland der beschränktere deutsche Bechts- 
schutz auch für die Beurtheilung der in den Verbandsländem erschie- 
nenen und nach Deutschland in Verkehr gebrachten photographischen 

Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. 3 



34 I^r. Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht u. PriYatdozent in Leipzig. 

Enseugnisse Platz greifen, weil man hier fremden Werken keinen 
höheren Schutz einränmen kann, als die einheimischen selbst gemessen. 

Ueberdies ist der Gennss des Rechtsschutzes nach Art. 2 Abs. 2 
der internationalen Uebereinkunft noch von der Erftülnng der in den 
Gesetzen des Ursprungslandes der Photographie vorgeschriebenen 
Bedingpingen und Förmlichkeiten abhängig. Der Urheber hat also blos 
diejenigen seines Landes, nicht die dbs Auslandes zu erfüllen. Es 
gut der Grundsatz „locus regit <icium", welcher einen bedeutenden Fort- 
schritt in der Erleichterung des internationalen Verkehrs auf dem Ge- 
biete des Urheberrechts herbeigeführt hat. 

Anlangend die einzelnen Länder, so muss nach § 5 des deutschen 
Gesetzes v. 10. Jan. 1876 die Photographie selbst oder der Karton der- 
selben den Namen bezw. die Firma des Verfertigers der Originalauf- 
nahme oder des Verlegers, den Wohnort beider und das Kalenderjahr, 
in welchem die rechtmässige Abbildung zuerst erschienen ist, enthal- 
ten. Frankreich (Art. 5 Gresetz v. 19. Juli 1793), Belgien (Gresetz 
y. 22. März 1886), England (Gesetz v. 29. Juli 1862), Italien (Art. 21 
des Gesetzes v. 19. September 1882), Spanien (Gesetz y. 10. Januar 
1879) und die Schweiz (Art. 9 lit. a und Art. 3 Abs. 1 Gesetz y. 
28. April 1883) yerlangen Eintragung des photographischen Werks 
in ein Register und Hinterlegung yon Exemplaren bei bestimmten 
Behörden. Nach der in diesen Ländern herrschenden Rechtsaüffassung 
begründet der auf dem Bilde stehende Name des Urhebers eine Rechts- 
yermuthung zu seinen Gunsten. Sache desjenigen, der die Urheber- 
schaft bestreitet, ist es, seine Behauptung im Wege des Gegenbeweises 
darzuthun. 



Die leitenden Grundsätze des internationalen 

Privatrechts. 

Theorie und JPraoois des internationalen ^Bri/vatreehts. 

Von L, V, Bar. Zweite umgearbeitete Auflage des internationalen 
Priyat- und Strafrechts. 2 Bde. Hannoyer, Hahn' sehe Buchhandlung 
1889. (Erste Aufkge in 1 Bde. 1862.) 

Von Dr. Klöppel, Rechtsanwalt b. Reichsgericht u. Priyatdozent in Leipzig. 
Wie weit Deutschland nicht nur in der Behandlung, sondern selbst 
in der Beachtung des internationalen Priyatrechts während der letzten 
Jahrzehnte zurückgeblieben ist, stellt sich handgreiflich in der That- 
sache dar, dass yon der einzigen erschöpfenden Bearbeitung des Ge- 
genstandes erst nach länger als einem Yierteljahrhundert eine neue 
Ausgabe erschienen ist. Es muss dem yerdienstyoUen Verfasser hoch 
angerechnet werden, dass er nach so langer Zwischenzeit es noch ein- 
mal unternommen hat, die zweite Auflage dieses der Praxis unent- 
behrlich gewordenen wissenschaftlichen Wegweisers zu einem, wie die 
Vorrede mit Recht henrorhebt, wesentlich neuen Werke zu gestalten. 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 35 

Schon der Umfang des Werkes ist; ungeachtet der Ausscheidung des 
internationalen Straf- und Strafprozessrechts ^ welche sich nicht nur 
durch die fiir den Verfasser bestimmend gewesenen Susseren Gründe 
empfehlen dürfte ^ auf mehr als das Doppelte gewachsen; statt des 
einen Bandes der ersten Auflage liegen zwei vor^ jeder einzelne stär- 
ker als jener. Und diese Vermehrung des Inhaltes trifft weniger noch 
die Einzelnheiten der früher behandelten Stoffe^ obwohl auch hier die 
Ergänzungen mit der ,, unvergleichlichen" Bereicherung des Gegen- 
standes durch Bechtsprechung und Literatur Schritt halten, als die 
Einßigung ganz neuer Abschnitte über Gebiete, welche in der ersten 
Auflage noch nicht oder nur nebenher behandelt waren. So ist jetzt 
das zweite Buch, fast ein Drittel des ersten Bandes, den Fragen über 
Domizil und Staatsangehörigkeit gewidmet, für welche in der ersten 
Auflage ein kurzer Unterabschnitt genügte; ebenso sind im ersten und 
nennten Buche das Handelsrecht und die Urheberrechte, im zwölften 
das Konkursrecht abgehandelt. Schon diese Erweiterung und verän- 
derte Anordnung des Inhalts spiegelt demnach die ,, ungeahnte" Ent- 
wicklung ab, welche die Wissenschaft des internationalen Privatrechts 
in der Zwischenzeit erfahren hat. 

An den Einzelergebnissen der ersten Bearbeitung ist der Ver- 
fasser um so weniger irre geworden, als sie, wie er im Eingange der 
Vorrede sagen darf, „im Grossen und Ganzen" mehr und mehr in 
der gerichtlichen und diplomatischen Praxis, in gelehrten Versamm- 
lungen, in Gresetzgebung und Staatsverträgen anerkannt worden sind. 
Nicht diese Ergebnisse zuerst aufgestellt, sondern sie vertreten, also 
mit glücklichem Takte schon damals den Durchschnitt der widerstrei- 
tenden Meinungen gezogen zu haben, der sich in Wissenschaft und 
Praxis am besten bewährt hat, nimmt der Verfasser für sich in An- 
spruch. Aber die Uebereinstimmung in den Ergebnissen macht ihn 
keineswegs gleichgültig gegen den Weg, auf welchem sie gewonnen 
sind. Vielmehr nehmen, angeregt durch die von der italienischen 
Schule aufgestellte, von namhaften französischen und belgischen Schrift- 
stellern übernommene Nationalitätstheorie, auch die grundsätzlichen 
Erörterungen in dieser Auflage einen breiteren Kaum als in der ersten 
ein. Schon in der Vorrede erklärt der Verfasser, dass er, gezwungen 
zu jener Richtung Stellung zu nehmen, dadurch Veranlassung gefunden 
habe, die besonders in der deutschen Jurisprudenz herrschende Theo- 
rie Savigmfs einer erneuerten Prüfung zu unterwerfen, in Folge deren 
seine jetzige Grundauffassung, obschon an Savigwifs Lehre sich an- 
schliessend, doch neben dieser eine nicht völlig unselbständige Stel- 
lung einnehme. In der That zeigt die Ausführung des Buches selbst, 
dass der Verfasser sehr viel weiter von Savigny abgerückt ist, als 
seine Bescheidenheit gestehen will. Bezeichnet er doch geradezu die 
beherrschende Formel Samgny'sj die leider auch das deutsche Keichs- 
gericht wiederholt wie einen Bechtssatz behandelt, ,,es sei dasjenige 
Bechtsgebiet aufsuchen, in welchem das einzelne Eechtsverhältniss 

3* 



36 I^r* Klöppel, Hecbtsanw. b. Keichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

seinen Sitz habe^^ treffend als ein unklares Bild^ welches einen wirk- 
lichen Fehler der Auffassung verdecke (I S. 77) und diesen Fehler 
deckt er anderswo (S. 107) als Schliessen im Kreise auf: „denn um 
zu wissen^ ob bestimmte Thatsachen ein Eechtsverhältniss darstellen 
oder hervorbringen^ muss man dieselben an einem bestimmten Gesetze 
oder Rechte als der massgebenden Norm messen ^ d. h. zuvor das 
Recht oder Gesetz kennen^ von dem sie beherrscht werden". (Mit 
Ungrund wirft übrigens der Verfasser nach Wächter's Vorgang den 
gleichen Denkfehler der Theorie der wohlerworbenen Rechte vor; denn 
Niemand kann in einem Rechte als wohlerworben geschützt werden, 
der nicht behauptet, es irgendwo und -wie erworben zu haben, und 
damit ist selbstverständlich das Recht gegeben, nach welchem seine 
Behauptung zu beurtheilen ist.) Wenn gleichwohl der Verfasser noch 
glaubt, an Savigny sich anzuschliessen, so ist dies nur so erklärlich, 
dass er dessen anderer Formel ,,das Rechtsgebiet aufzusuchen, wel- 
chem das Recht sverhältni SS seiner Natur nach angehört" die Wendung 
gibt, „das materielle Prinzip des internationalen Privatrechts ist nichts 
anderes als . . die mit einer gewissen Noth wendigkeit sich geltend 
machende Natur der Sache", fiir welche jeweils auch die „Bedürfnisse 
des Verkehrs" als Hülfs- oder Wechselbegriff verwendet werden (I S. 1 06, 7). 
Wird dabei andererseits der frühere Zusammenhang mit der TFöcÄ- 
^' sehen Regel, nach Sinn und Greist der heimischen Gesetze des Rich- 
ters die Grenzen der Anwendbarkeit ihrer Bestimmungen zu erfor- 
schen, noch soweit festgehalten, als man diesen Gesetzen eben eine 
sinnwidrige Anwendung geben würde (S. 109), wenn man sie gegen 
„die Natur der Sache" anwendete, so ist doch das Prinzip dem Ver- 
fasser stark genug, um besonderer Gesetze nicht zu bedürfen, denn 
„die Natur der Sache, die innere Vernunftmässigkeit, gilt und hat 
von selbst Kraft". Dass er als vermeintlicher Schüler Savi'gny's mit 
diesem Satze mitten auf dem Boden des von Savigny grundstürzend 
bekämpften Naturrechts wieder angelangt ist — davon hat der Ver- 
fasser kein Arg, ebensowenig wie von der beengten Lage, in welche 
gleichwohl er seine selbstkräftige Natur der Sache bringt, wenn er sie 
nur zwischen zwei oder drei positiven Rechten wählen lässt, die mög- 
licherweise alle gleich sehr der „inneren Vernunftmässigkeit" in der 
Behandlung des Rechtsverhältnisses Gewalt anthun, wenn diese einmal 
nur nach der Vernunft des Beurtheilers ohne Rücksicht auf geschicht- 
liches Recht bestimmt wird. 

Wir werden dem Verfasser nicht zu nahe treten mit der An- 
nahme, auf welche eine gelegentliche Verweisung uns führt, dass er 
mit seiner „Natur der Sache" bei Ooldschmidt in die Schule gegangen 
ist, welcher (Handelsr. I § 34 zu Nr. 2) ausflihrt: „Genügen die vor- 
handenen Rechtssätze auch bei freiester Behandlung nicht, den sich 
immer neu gestaltenden Verhältnissen ihre rechtliche Norm zu geben, 
so liegt der WissenscJiaft die Aufgabe ob, die dem Wesen und in- 
neren Zweck dieser Verhältnisse — der sog. Natur der Sache (nor 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 37 

turalis ratio) entsprechenden und gleichsam immanenten Bechtsgesetze 
selbstthätig zu finden und darzulegen. '^ Die Annahme solcher „imma- 
nenten Kechtssätze^' ist eben der Kern der Naturrechtslehre^ während 
die geschichtliche Schule gelehrt hat^ dass das positive Recht durch 
die auch bei gleichen natürlichen Verhältnissen nach Volk und Zeit 
wechselnde Rechtsanschauung bestimmt werde. Fragt man freilich wei- 
ter^ wodurch dieser Wechsel der Rechtsanschauung bedingt sei; so ist 
darauf die geschichtliche Schule ebenso die Antwort schuldig geblieben^ 
als Ihering bei seiner sonst berechtigten Kritik auf die weitere Frage^ 
zwischen welchen Streittheilen dann am letzten Ende der „Kampf ums 
Recht" geführt werde; und die Unfähigkeit, den eigenen Gedanken 
auszudenken; macht hier wie da den Rückfall in das vermeintlich über- 
wundene Naturrecht erklärlich genug. Wenn aber diejenige wissen- 
schaftliche Ansicht als die überlegene sich erweist, welche zugleich den 
Schlüssel zur Erklärung der entgegengesetzten bietet, so wird die ge- 
schichtliche Schule dann ihre Gregnerin endgültig überwimden haben, 
wenn sie zu der Einsicht sich bekennt, dass die jeweilige Rechtsan- 
schauung eines Volkes bestimmt ist durch das jeweilige Kraftverhält- 
niss zwischen der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Macht der 
Einzelnen oder ganzer Gesellschaftsschichten und der Macht des wirth- 
schaftlichen und sittlichen Gremeingefiihls der Volksgesammtheit. Denn 
wie Jeder das natürlich nennt, was seinen Neigungen, Gewöhnungen 
und Vorurtheilen entspricht, so wird auch der einzelne Vertreter der 
Wissenschaft immer die „Natur der Sache" und die immanenten Rechts- 
sätze eines Verhältnisses je nach dem bestimmen, wie sich nach seiner 
Lebensstellung und Bildung in seinem Geiste jenes Kraftverhältniss 
abspiegelt. Je mehr im bestimmten Falle die allgemeine Anschauung 
sich zu klarem Bewusstsein entwickelt hat, je unbefangener der Ein- 
zelne sich ihr hinzugeben vermag, desto unbedenklicher wird es sein, 
wenn er diesen Inhalt des lebendigen Empfindens aus einer Art von 
Misstrauen in seine Beweglichkeit und, um ihn gegen zufällige Re- 
gungen abzuscheiden, in die Abstraktion des Verhältnisses hinüberlegt 
und ihn hier als „Natur der Sache" wiederzufinden glaubt. Je schwan- 
kender in einer gewissen Richtung zur Zeit die allgemeine Rechts- 
anschauung sich bewegt, desto näher liegt die Grefahr, dass der Einzelne 
sie nach vorgefassten „juristischen", wirthschaftlichen und sonstigen 
Begriffen zu schulmeistern und ihr deren Niederschlag als „Natur der 
Sache" entgegenzuhalten sich sicher fühlt; nicht minder nahe aber 
auch die entgegengesetzte Gefahr, dass der in der unklaren Strömung 
Schwimmende unfertige Vorstellungen und unreife Anwandlungen für 
die Natur der Sache ausruft. Alles in allem wird Jeder bereit sein, 
die Lücken besserer Gründe durch das jedem gleich zugängliche Stich- 
wort zu verdecken. Nicht ohne Misstrauen also lässt sich der Ueber- 
tragung des Stichworts als „materiellen Prinzips" in das Gebiet 
des internationalen Privatrechts zusehen, auf welchem die allgemeine , 
Aufgabe des Privatrechts sich mit der andern verschlingt, der Macht 



1 



38 ^T^' Klöppel, Rechtoanw. b. Reichsgericht n. Privatdozent in Leipzig. 

des Staates zur Bechtsetzimg auf seinem Grebiete Schranken zu ziehen 
gemäss der gemeinsamen Rechtsanschauang einer als rechtlich ver- 
bunden gedachten Völkergemeinschaft. Wird nun vollends diese letz- 
tere Au%abe^ statt sie als einen Ausgleich zwischen Staats- und völ- 
kerrechtlichen Anforderungen zu behandeln, wieder nur unter dem 
privatrechtlichen Cresichtspunkte einer möglichst geeigneten Beurthei- 
lung der Rechtsverhältnisse als solcher angegriffen, wie vom Verfasser 
nach dem Vorgange Savigny's geschieht ^ so kann das vermeintliche 
,,Prinzip^ in der Anwendung nur auf ein wechselndes Abwiegen von 
Zweckmässigkeits- und Billigkeitsgründen hinauslaufen, wobei Fehler 
des Ergebnisses nur dadurch vermieden werden, dass nach dem Zuge 
eines gesunden Grefuhls ein Fehler der Beweisführung den andern ver- 
bessert. Es wäre auch nicht abzusehen, wie es der ,^ inneren Vernunft- 
mässigkeit^ als Prinzip hier anders ergehen sollte, als es ihr in der 
Greschichte des Naturrechts ergangen ist. Gleich Orotius stellte diess 
Prinzip der recta ratio au^ aber seine ratio war eben eine andere als 
die Pufendorfs und wieder eine andere die ra^io von Chr. Wolff; die 
Vernunft Känfs war eine andere als die Vernunft Fichle^s und wieder 
eine andere die Vernunft Karl BottecJ^s. Alle diese Systeme sind als 
solche gefallen gerade weil sie nach der heilig ernsten Versicherung 
ihrer Urheber nur den gediegenen Krystall der inneren Vemunft- 
mässigkeit darstellten — wie auch der Verfasser gelegentlich harmlos 
fragt, ob man denn lieber das Unvernünftige aufstellen wolle^ als 
seine Natur der Sache annehmen. Geblieben ist von allem nur, was 
seine wirkliche Vernunftmässigkeit nicht durch die Selbstversicherung, 
sondern durch die That imd die Anerkennung der Nachfolgenden be- 
währt hat; und wenn ein Schriftsteller sich vorweg so gewissenhaft 
an das Beste hält, was Wissenschaft und Rechtsprechung ihm bieten, 
wie der Verfasser, so werden seine Ergebnisse nur selten durch das 
unzureichende Prinzip beeinträchtigt sein; es würde kaum Anlass sein, 
mit ihm über das Prinzip zu streiten, wenn er es nicht so nachdrück- 
lich an die Spitze gestellt hätte. 

Gleichwohl können wir daraus nicht die Folgerung zulassen, dass 
eine Erörterung der leitenden Grundsätze überhaupt und zumal in die- 
sem Felde müssig wäre. Gerade das Buch des Verfassers weist doch 
eine Menge von Fragen auf, über welche es auch nicht annähernd zu 
einer gemeinen Ansicht gekommen ist, und es lohnt doch den Ver- 
such, ob nicht durch eine Verständigung über die Chrundgedanken einer 
übereinstimmenden Lösung dieser Fragen näher zu kommen wäre. In 
manchen Fällen möchte wohl auch die angenommene Meinung durch 
eine Klärung der Grundgedanken zu berichtigen sein. Vor allem 
aber würde es zur Festigung des gewonnenen Bestandes internatio- 
naler Rechtsätze beitragen, wenn sich zeigen Hesse, dass sie ohne 
Zwang unter einfache und greifbare Grundsätze sich unterordnen las- 
sen; und nicht minder müsste dadurch die Beweisführung in der Mehr- 
zahl der Fragen sich vereinfachen. In diesem Sinne soll hier eine 



Die leitenden GrundsStze des internationalen Privatrechts. 39 

solche Erörterung in Anlehnung an das vorliegende Bnch und beson- 
ders unter stillschweigender Bezugnahme auf dessen werthvoUe Dar- 
stellung der älteren und neueren Theorien versucht werden. Kei- 
neswegs aber ist dabei die Meinung^ als ob allgemeine Sätze sich 
aufstellen liessen^ aus welchen ohne Weiteres die Lösung der £inzel- 
fragen folgen würde. Vielmehr wird dem Worte des VerÜASsers aus 
der ersten Auflage sein volles Becht zugestanden^ dass Einzelunter- 
Buchungen die besten Prüfsteine allgemeiner Grundsätze sind; und 
vielleicht wird es uns verstattet sein, in solchen Untersuchungen über 
den einen oder andern Theil des Gebietes die hier zu entwickelnden 
Grundsätze zu bewähren und wenn nöthig zu berichtigen. 

I. 

Eine nothwendige Vorfrage der Erörterung ist, unter welchem 
Gesichtspunkte dieselbe angestellt werden soll; und der schon berührte 
Gregensatz der vorwiegend privatrechtlichen von der Staats- und völ- 
kerrechtlichen Auffassung tritt noch ganz besonders zu Tage in der 
Axt, wie der Verfasser die Ansicht zurückweist^ dass die Kollision 
verschiedener Partikularrechte innerhalb derselben Staatsgrenzen nicht 
gleich zu behandeln sei der Kollision von Gesetzen verschiedener, 
völkerrechtlich selbständiger Staaten, also nicht ohne Weiteres unter 
die Grundsätze des internationalen Privatrechts falle. Er meint diese 
Ansicht (I S. 125 f.) „einfach^ durch die Bemerkung zu widerlegen, 
„dass im internationalen Privatrecht überhaupt nur das der Natur der 
Sache Entsprechende zu gelten haf^, jene Ansicht also „nur darauf 
sich stützen kann, dass sie entweder für das Verhältniss verschiedener 
Staaten oder für das Verhältniss verschiedener Theile eines Gresammt- 
Btaates etwas der Natur der Sache Widersprechendes, d. h. etwas Un- 
vernünftiges will'^. Eine beissendere Verspottung dieser Logik der in- 
neren Vernunftgemässheit hätte der böswilligste Gregner nicht aussinnen 
können. Für die Leute, welche die so „einfach^ ad abaurdti/m geführte 
Ansicht vertreten haben — darunter kein Geringerer als Wächier — 
ist es eben die Frage, ob das, was im Verhältnisse verschiedener Na- 
tionalstaaten „unvernünftig" wäre, dies auch unter Angehörigen der- 
selben Nation, die in demselben Staate leben, nothwendig sein muss, 
und umgekehrt. Im ersteren Verhältnisse hält es der Verfasser für 
„vernünftig", die Anwendung auswärtiger Bechtsnormen insoweit aus- 
zuschliessen, als sie dazu dienen würde, im Gebiete des Staats Bechts- 
verhältnisse zu verwirklichen oder Handlungen und Leistungen zu er- 
zwingen, welche nach der Gesetzgebung des Staates daselbst nicht 
geduldet bezw. daselbst nicht erzwungen werden sollen (I S. 132), 
er wird also dasselbe auch im Verhältnisse verschiedener Partikular- 
rechtsgebiete für vernünftig halten. Nun kann ein Gesetz nicht bün- 
diger erklären, dass ein Bechtsverhältniss nicht verwirklicht oder eine 
Leistung nicht erzwungen werden soll, als der Satz des französischen 
Code civil: la recherdie de la patemitS est inierdüe. Der Verfiuser 



40 I^r* Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht n. Privatdozent in Leipzig. 

muss es also vernünftig finden^ dass die rheinischen Gerichte die Va- 
terschaftsklage abweisen; anch wenn deren Voraussetznngen vollständig 
in einem andern Grebietstheile desselben Staates begründet sind. Wäch- 
ter nnn findet dies eben durchaus unvernünftig, und der Verfasser 
müsste hier doch einsehen, dass seine Vernunft nicht den Anspruch 
erheben kann, für die Vernunft aller andern zu gelten. In der That 
kann eine derartige Zurückweisung eines wohlerworbenen Rechtes von 
Seiten eines fremden Staates ihren guten 6nmd in einer Verschieden- 
heit der sittlichen Anschauung haben, welche das, was der eine zu- 
lässt, in dem andern schlechthin verwerflich macht, jedenfalls kann 
die Rechtsgleichheit des Fremden nicht dahin ftlhren, ihm Ansprüche 
zuzugestehen, welche den Einheimischen in gleichem Falle versagt 
sind. Innerhalb desselben Nationalstaates aber ist eine solche Ver- 
schiedenheit der sittlichen Anschauung eine Unwahrheit, ihre Behaup- 
tung also unvernünftig, und der Angehörige desselben Staates braucht 
sich nicht auf die Rechtsgleichheit des Fremden zu berufen. Auch 
ist keines von den Beispielen, welche der Verfasser dagegen anführt, 
irgend stichhaltig. Zwischen England und Schottland besteht in der 
That eine ursprüngliche Verschiedenheit des Volksthums, welche zumal 
unter dem Einflüsse der verschiedenen kirchlichen Entwicklung einen 
Gegensatz der sittlichen Anschauung wohl erklärlich macht, den die 
politische Verbindung nicht verwischt, den vielmehr die fortdauernde 
Trennung der Gesetzgebung und der höchsten Gerichtsgewalt wach 
gehalten hat. So ist es wenigstens verständlich, wenn auch keines- 
wegs sehr vernünftig, dass ein in Schottland geschiedener und wieder 
verheiratheter Ehegatte in England wegen Bigamie verurtheilt wird. 
Ganz unglaublich ist der Vergleich des Verhältnisses einer Über- 
seeischen Kolonie zum Mutterlande mit dem zweier deutscher G^biets- 
theile, deren Grenzen sogar die alten Stammesmarken willkürlich 
durchschneiden. 

Indess kommt es für unsern Zweck gar nicht darauf an, in wie- 
weit die Gerichte verschiedener Rechtsgebiete desselben Staates, wenn 
die Trägheit seiner Gesetzgebung es versäumt hat, Widersprüche wie 
die oben angeftlhrten zu beseitigen, genöthigt sein mögen, die Kolli- 
sion ihrer Partikularrechte nach Analogie des internationalen Privat- 
rechts zu beurtheilen. uns liegt nur daran, von den Grundsätzen des 
letzteren und ihrer Anwendung jeden Einfluss solcher innerstaatlicben 
Ausnahmezustände, wie sie heute bezeichnet werden dürfen, gänzlich 
fem zu halten. Das internationale Privatrecht ist ausschliesslich als 
Theil des Völkerrechts zu behandeln; seine Aufgabe ist die Aus- 
gleichung staatsrechtlicher und völkerrechtlicher Anforderungen, und 
der privatrechtliche Gesichtspunkt kommt nur so weit in Betracht, 
als er in die Anforderungen der einen und der andern Seite selbst- 
verständlich aufgenommen ist, da es sich eben darum handelt, ob die- 
sem oder jenem gemäss die Privatrechtsverhältnisse zu beurtheilen 
sind, bei welchen Angehörige verschiedener Staaten und in solchen 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 41 

belegene Sachen zuBammentreffen. Und in Anknüpfung hieran ist 
dann noch eine Vorbemerkung angezeigt. 

Die früher herrschende Theorie der Statutenkollision ist in Nord- 
italien ^ wo sie verbreitet^ in Frankreich und den Niederlanden^ wo 
sie ausgebildet, in Deutschland, wo sie aufgenommen worden — 
fiberaU unter dem gleichen Gesichtspunkte einer Verschiedenheit der 
BechtssStze unter der Herrschaft derselben Staatsgewalt behandelt 
worden. Sie hat also recht eigens darauf ausgehen müssen — wie 
weit es ihr gelungen sein mag, ist gleichgültig — in Wirklichkeit 
jede Kollision zu vermeiden; denn derselbe, wenn auch fictive Gre- 
setzgeber, auf dessen Anordnung oder Zulassung die verschiedenen 
Rechtssätze zurückgeführt werden mussten, konnte sich nicht haben 
widersprechen woUen. So weit, das eine Statut sich erstrecken sollte, 
musste das andere zurücktreten und umgekehrt. Gerade wegen dieses 
Ansgangsptmkts ist die Statutentheorie für das internationale Privat- 
recht schlechthin unbrauchbar, jede nicht nur unmittelbare, sondern 
auch nur mittelbare Anlehnung an dieselbe kann auf diesem Gebiete 
nur verwirrend wirken und sollte wenigstens von der Wissenschaft 
überwunden werden, auch wenn die Rechtsprechung durch eine ver- 
altete Landesgesetzgebung noch gefesselt bleibt. Damit ist vorweg 
unsere Stellung zu der Theorie der italienischen Schule gegeben, die 
wie der Verfasser treffend nachweist, nur eine imberechenbare Aus- 
dehnung des Personalstatuts durch ein ebenso unberechenbares Prinzip 
der öffentlichen Ordnung korrigirt, sodass man im gegebenen Falle 
meist zu jeder Entscheidung kommen kann, je nachdem man die eine 
oder die andere Karte ausspielt — eine Theorie, der ungeachtet die- 
ser nachgewiesenen Unbrauchbarkeit der Verfasser aus rSthselhaften, 
jeden&lls nicht juristischen Beweggründen eine tiefe Verbeugung mit 
einem so wenig geschmack- wie sinnvollen Seitenblick auf „eine wider- 
liche, in neuerer Zeit anderwärts üblich werdende Ueberspannung der 
Nationalitätsidee^ zu machen sich veranlasst sieht (I S. 101). 

£ine Kollision der nationalen Rechtssysteme ist . unvermeidlich, 
solange die europäische Gesittung auf der Wechselwirkung verschie- 
dener Kulturvölker von ausgeprägter Eigenart beruht; sie ist aber 
auch unverfänglich, wie sich am sprechendsten darin gezeigt hat, dass 
die Zeit eines ungeahnten Aufschwungs des Weltverkehrs genau zu- 
sammenfällt mit der Zeit des wiedererwachten Bewusstseins dieser 
nationalen Eigenart. Der Weltverkehr kann auch nicht wohl davon 
berührt werden, dass in einem Lande dieselbe Ehe als geschieden, in 
einem anderen als fortbestehend gilt, auch nicht davon^ dass ein nach 
seinem Heimathrecht Minderjähriger in einem andern Staate als hand- 
lungsfähig bei einem dort geschlossenen Geschäfte festgehalten wird, 
während der Heimathstaat die Verpflichtung nicht anerkennt, selbst 
nicht davon, wenn Bestandtheile derselben Erbschaft in verschiedenen 
Staaten nach verschiedenen Rechtssätzen vertheilt werden. Alle diese 
FSlle, so oft sie im Einzelnen und Kleinen auftauchen mögen, gehen 



42 ^'- Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

an dem grossen und frnclitbaren Verkehre nahezu spurlos vorüber. 
Die Wissenschaft des internationalen Privatrechts braacht also ihre 
KisiSt nicht zu verzetteln^ um solche Kollisionen aus der Welt zu 
schaffen, sie kann unbedenklich die Widersprüche hinnehmen^ die aus 
der Selbständigkeit der nationalen Rechtsordnungen sich morgen neu 
erheben würden ^ wenn sie heute nothdürftig verkleistert wären. Sie 
wird dann ihre Kraft mit vervielfachtem Gewichte auf die Stellen 
werfen können ^ an welchen die gleichmässige Behandlung derselben 
Rechtsverhältnisse durch das ganze Gebiet des Weltverkehrs ein un- 
abweisliches Gemeinbedürfniss ist. 

Der Ausgangspunkt unserer Untersuchung ist also : wie weit reicht 
die Macht des Staats, Recht für die Einzelnen zu setzen nach der in 
ihm geltenden Rechtsanschauung? Daran schliesst sich die zweite 
Frage: wie weit ist diese Macht des Staates durch eine bestimmte 
Rechtsanschauung der Völkergemeinschaft, also durch das positive 
Völkerrecht zu Gunsten der Anwendung eines fremden Rechtes be- 
schränkt, so dasB er ohne Verletzung einer völkerrechtlichen Verpflich- 
tung seinen Richtern eine andere Anweisung nicht geben kann und 
der Richter in Ermangelung einer bestimmten Anweisung sich daran 
halten muss? 

n. 

Die Frage, nach welchem Rechte der Richter einen bestimmten 
Streitfall zu entscheiden habe; setzt schon voraus, dass dieser Richter 
mit diesem Streitfalle be£asst und dass er zur Entscheidung desselben 
zuständig ist. Wer also jene Frage nach vorwiegend privatrechtlichem 
Gesichtspunkte zu lösen unternimmt, müsste dafür zunächst doch den 
Grund durch die Erörterung des internationalen Prozessrechts legen, 
statt diese, wie der Verfasser, jener Untersuchung nachfolgen zu lassen. 
Für unsern Ausgangspunkt aber fällt beides noth wendig zusanmien: 
soweit wie die Gerichtsgewalt erstreckt sich auch die Macht des Staats, 
nach seiner Rechtsordnung Recht zu setzen, oder vielmehr jene Ge- 
walt ist selbst, nur die Verwirklichung dieser Macht. Die G«richts- 
gewalt aber als Theil der Staatsgewalt erstreckt sich zunächst auf 
alles, was innerhalb des Staatsgebietes sich befindet und dort vorgeht, 
auf die Personen, welche sich dauernd oder vorübergehend darin auf- 
halten, so lange eben der Aufenthalt dauert, auf die Sachen, welche 
darin belegen sind, auf die Handltmgen, welche darin vorgenommen 
oder begangen werden. Die eigenen Staatsangehörigen aber sind der 
Gerichtsgewalt des Staates unterworfen auch unabhängig von ihrem 
Aufenthalte innerhalb seines Gebiets, so lange sie nicht aus dem 
Staatsverbande entlassen sind. Endlich kann der Staat seine Gerichts- 
gewalt auch ausüben über Fremde, welche sich derselben freiwillig 
unterwerfen. In keiner dieser Richtungen kann eine Handlung der 
Grerichtsgewalt oder eine Wirkung des Rechtsspruches in den berech- 
tigten Machtkreis eines andern Staates eingreifen ausser zufolge einer 
völkerrechtlichen Beschränkung der letzteren. Innerhalb seines Maeht- 



Die leitendes Grundsätze des internationalen Privatrechts. 43 

kreisas aber hat der Staat die Zustftndigkeit der Gerichte nach freiem 
£rmes8en zu bestimmen^ er kann also auch ihre Grenzen enger ziehen 
als nach dem bezeichneten Umfange seiner Gewalt zulässig wäre, nur 
kann er sich dadurch dem völkerrechtlichen Anspruch auf Bechts- 
gewährung nicht entziehen. 

Dass nun innerhalb dieses Machtkreises die G^richtsgewalt aus- 
geübt werde gemäss der Bechtsordnung dieses Staates ^ also diese 
Bechtsordnung auch bestimmend ist für die sachliche Entscheidung 
des Bichters, liegt an sich im Begriffe der Bechtsprechung; und soweit 
jene nur aus der lebendigen Uebung (sog. Gewohnheitsrechte) erkenn- 
bar ist^ also nur immittelbar im Bechtsbewusstsein ihr Bestehen hat, 
leuchtet es ohne Weiteres ein^ dass es der härteste Widerspruch wäre^ 
wenn der Bichter entscheiden sollte nach einem fremden Bechtsbewusst- 
sein entgegen dem eigenen« Wenn es gleichwohl in bestimmten Fällen 
dazu kommen soll; dass der Bichter ohne Bewusstsein eines solchen 
Widerspruchs fremdes Becht anwende ; so wird schon hier klar, dass 
dazu zweierlei erfordert wird: einmal dass dieses Zurücktreten des 
eigenen vor dem fremden Bechte durch ein umfassenderes Bechts- 
bewusstsein des ganzen völkerrechtlich verbundenen Yölkerkreises ge- 
fordert und so zu einem in das besondere Becht Jedes Volkes ein- 
greifenden positiven Bechte — eben dem^ was wir internationales 
Privatrecht nennen — gestaltet werde; dann, dass dieses Becht doch 
auch in dem besonderen Bechtsbewusstsein jedes Volkes die Stelle 
bereit finde, an welcher es sich frei einfügen kann, statt fremdartig 
einzuschneiden. Ein innerer Widerspruch muss hier unmöglich sein, 
weil doch das allgemeine Bechtsbewusstsein des Völkerkreises nur in 
dem Bewusstsein aller einzelnen dazu gehörigen Völker bestehen kann. 

Das Verhältniss des Bichters zur Bechtsordnung seines Staates 
wird kein anderes, wenn diese im Gresetze niedergelegt ist. Denn 
der Inhalt des Gresetzes ist nach geschichtlicher Anschauung nur ,,das 
schon vorhandene Volksrecht^^, der Gresetzgeber ^ steht nicht ausser 
der Nation, vielmehr in ihrem Mittelpunkt, so dass er ihren Geist, 
ihre Gresinnungen^ ihre Bedürfnisse in sich konzentrirt . . als der 
wahre Vertreter des Volksgeistes anzusehen ist^ (Savigny, System I 
S. 39). Die Absicht des Gesetzgebers kann also nicht sein, einen 
neuen Bechtsinhalt willkürlich zu erfinden, sondern dem im Bechts- 
bewusstsein vorgefrmdenen „ein äusserlich erkennbares Dasein zu geben, 
durch dessen Macht jede individuelle Meinung beseitigt wird.^ (das.). 
Dazm stimmt durchaus die staatsrechtliche Auffassung des Gresetzes, 
nach welcher es die bindende Anweisung an den Bichter ist, wie 
er dem wirklichen Bechtsbewusstsein des Volkes gemäss die Gerichts- 
gewalt zu handhaben hat, während er, soweit die Anweisung nicht 
reicht, selbst als erlesener Träger dieses Bechtsbewusstseins das Becht 
zu schöpfen hat. Aber auch wer mit der vorherrschenden Meinung 
davon ausgeht, dass der Gresetzgeber die Verhältnisse ordnen ,, wolle", 
wird zugeben müssen^ dass er diese Ordnung nur zu erreichen vermag 



44 Dr. Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

vermittelst der „Anwendung" seines Gesetzes durch den Richter, 
der allein für den bestimmten Fall bindend entscheiden kann, was 
dem Gesetze gemäss ist. Jedenfalls kann die Anweisimg des Gesetzes 
die Pflicht des Richters, nach der Rechtsordnung seines Staates zu 
urtheilen, soweit dem nicht ein positiver Völkerrechtssatz entgegen- 
steht, nur verschärfen. 

Hieraus ergibt sich dann, wie unzutreffend die vom Verfasser 
(I S. 74) aufgenommene Einwendung Savigny^s (System Vm S. 126) 
gegen den TTöcÄfer'schen Satz ist, der Richter habe im Zweifel das 
Recht seines Staates anzuwenden. Der Satz ist nur vielleicht nicht 
der glücklichste Ausdruck dafür, dass der Richter die Rechtsordnung 
seines Staates im ganzen Umfange seines berechtigten Machtkreises 
so lange zu handhaben hat, als nicht die Voraussetzungen eines ein- 
schränkenden Völkerrechtssatzes besonders dargelegt und ausser Zweifel 
gestellt sind. In den „zahlreichen Fällen, worin für die eine oder 
andere Meinung scheinbare Gründe, gewichtige Autoritäten, Präjudizien 
der Grerichte vorgebracht werden" (Savigny a. a. 0.), kommt es aller- 
dings immer darauf an, ob sich aus dem Inbegriff des Vorgebrachten 
für den Richter seinem pflichtmässigen Urtheile nach genügende Gründe 
ergeben, von der Anwendung des heimischen Rechtssatzes zu Gunsten 
eines fremden abzugehen. Es ist dies nur dasselbe Verhältniss eines 
allgemeinen Rechtssatzes zu seiner Einschränkimg, welches auch inner- 
halb der staatlichen Rechtsordnung überall wiederkehrt. — Wenn also 
Savigny diese Auffassung des Verhältnisses mit der Behandlung der 
Beweislast im Zivilprozess zusammenwirft, so ist das offenbar un- 
richtig, führt aber auf die andere Frage, welche der Verfasser (I S. 132 ff.) 
lebhafk bejaht, ob der Richter ausländisches Recht von Amtswegen 
anzuwenden habe? Vorweg muss dabei die Fragestellung als schief 
zurückgewiesen werden, ob das ausländische Recht für den Richter 
nur „Thatsache" sei. Wenn es feststeht, dass ausländisches Recht 
überhaupt anzuwenden, so ist dies für den Richter Recht so gut wie 
das einheimische, und er hat sich von Amtswegen die Kenntniss des- 
selben zu verschaffen, wenn auch mit Beihülfe der Parteien, doch gewiss 
nicht im Wege des prozessualen Beweisverfahrens, in welchem nur 
das Vorbringen der Parteien beachtet werden darf. Die Frage da- 
gegen, ob im gegebenen Falle ausländisches Recht anzuwenden sei, 
ist immer durch thatsächliche Umstände bedingt, welche in der 
Richtung vorgebracht oder wenn sie sonst vorliegen, geltend ge- 
macht werden müssen, dass dadurch die Berufung auf ausländisches 
Recht begründet werde. Dass der Richter über den Kopf der Par- 
teien hinaus ein von seinem heimischen abweichendes Recht anwende, 
auf welches keine derselben sich berufen hat, ist mit der Pflicht des 
Richters umsoweniger vereinbar, als den Umständen, aus welchen sich 
die Anwendbarkeit des fremden Rechts ergeben soll, wenn die eine 
Partei sich darauf berufen hätte, die andere Partei möglicher Weise 
andere Umstände hätte entgegenstellen können, aus welchen sich die 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 45 

gegentheilige Schlussfolgerung ergeben würde. — Dem Erfolge nach 
ist diese Anffassimg wenn auch meist vermittelst der schiefen Be- 
handlung des ausländischen Rechts als Thatsache überhaupt^ oder mit 
sonst unzulänglicher Begründung weit überwiegend in der Recht- 
sprechung angenommen ; und dies bestätigt gewiss^ dass sie dem ge- 
sunden Rechtsgefühl entspricht. Für die gegentheilige Ansicht des 
Verfassers sprechen auch keineswegs schlechthin die von ihm (I S. 133 
N. 4) angeführten Urtheile des vormaligen Reichsoberhandelsgerichts^ 
die in ihrer wirklichen Entscheidung nur dahin gehen ^ dass die Be- 
rufung auf das ausländische Recht noch in der höheren Instanz nach- 
geholt werden könne^ vorausgesetzt dass die thatsächlichen Unterlagen 
dafür schon beigebracht sind oder noch vorgebracht werden können. 
Die (8. 135 N. 10) angeführte Entscheidung des Reichsgerichts^ das 
Gericht brauche die Anwendung des inländischen Rechts nicht beson- 
ders zu rechtfertigen^ wenn keine der Parteien auf die Anwendung 
ausländischen Rechts hinweise ^ bestätigt gerade die hier vertretene 
Auffassung; eben darum aber kann es auch nicht als „Vereinbarung 
im Prozesse^ angesehen werden^ wenn die Parteien Übereinstimmend 
von der Bezugnahme auf fremdes Recht absehen^ da sie sich nur auf 
das stützen^ was „einer besonderen Rechtfertigung nicht bedarf ''. 

Anders freilich ist die Frage zu beantworten, wenn das heimische 
Gesetz selbst dem Richter Anweisung zur Anwendung eines fremden 
gibt; dann hat er eben diese als sein Gesetz zu beachten, und die 
Parteien müssen darauf vorbereitet sein. Aber gerade dass diesen so 
ein fremdes Recht statt des einheimischen aufgenöthigt werden kann, 
spricht gegen die Zweckmässigkeit einer solchen Anweisung. Ohnehin 
wird sich der Gesetzgeber dabei immer zwischen die doppelte Gefahr 
eingeklemmt finden, entweder hinter der Entwicklung des Völkerrechts 
zurückzubleiben und damit den Richter auf eine völkerrechtswidrige 
Rechtsprechung zu verpflichten, oder aber durch eine irrige Theorie 
bestimmt über das positive Völkerrecht hinauszugehen und so dem 
fremden Rechte Zugeständnisse zu machen, welche nicht geboten sind 
und daher das Rechtsgefühl der eigenen Staatsangehörigen nur ver- 
wirren können. Dieser letztere Vorwurf kann besonders dem sächsi- 
schen G^setzbuche nicht erspart werden. 

Aus dem Dargelegten ergibt sich endlich die Unhaltbarkeit des 
andern Wächter'acheii Satzes: der Richter habe, in Ermangelung einer 
ausdrücklichen Anweisung für die Anwendung fremden Rechts, bei 
jedem einzelnen Gesetze seines Landes zu untersuchen, ob es dem 
Sinn und Geiste desselben gemäss sei, dass es auf Verhältnisse, die 
im Auslande begründet oder bei denen ein Ausländer betheiligt ist, 
angewendet werde oder nicht. Nicht nur, dass „die aprioristische 
Untersuchung über Sinn und Geist der Gesetze in Gefahr ist, der 
individuellen Willkür zu verfallen, wenn nicht weitere Anhaltspunkte 
gewonnen werden können", wie der Verfasser (I S. 74) treffend be- 
merkt, obwohl er neben diesem Splitter in des Nachbarn Auge den 



46 ^^' Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

Balken im eigenen nicht bemerkt. Die ganze Voraussetzung ist 
grundlos und widerspricht dem eigenen ersten Satze Wächter^s, dass 
der Richter im Zweifel immer das Recht des eigenen Staates anzu- 
wenden hat. Denn soll er es anwenden^ auch wo es ernstlich zweifel- 
haft ist. ob diese Anwendung seinem Sinne und Greist entspricht; so 
mtisste der Richter es also in solchen Fällen mit Bewusstsein darauf 
ankommen lassen ^ dass seine Anwendung dem Sinne und Greiste des 
Gresetzes nicht entspricht — oder aber diese sind an sich niemals ein 
Hindemiss der Anwendung des Gesetzes auch auf Verhältnisse von 
Ausländem. Unzuträglichkeiten in der Ausführung ^ die ja auch bei 
Entscheidungen über inländische Verhältnisse nicht zu vermeiden sind; 
wird in der fraglichen Richtung jedenfalls besser begegnet; wenn statt 
mit Wächter dem Richter von Amtswegen nach dem vermeinten Sinn 
und Geist des Gresetzes den Parteien ein ausländisches Recht auflegen 
zu lassen; diesen in die Hand gegeben wird; nach bestimmten und 
einfachen; nicht erst im Sinn und Geist der einzelnen Gesetze un- 
sicher zu suchenden Voraussetzungen sich auf die Anwendung eines 
anderen Rechts zu berufen. 

m. 

Offensichtlich ist Wächter von dem richtig eingeschlagenen Wege, 
den Ausgangspunkt auf staatsrechtlichem Boden zu nehmen; nur da- 
durch abgeführt wordeu; dass er an dieser Beurtheilung ausschliesslich 
festhielt unter gänzlicher Verkennung der positiven Schranken; welche 
das Völkerrecht der Gerichts- und Rechtsordnungsgewalt des einzelnen 
Staates gezogen hat. Es ist darin dem Verfasser durchaus beizu- 
pflichten; dass die Zulassung auswärtiger Rechtssätze in gewissem 
Umfange ;,für jeden Staat Rechtspflicht und nicht Sache nur willkür- 
licher Gefälligkeit ist" (I S. 105). Nur dass dann auch diese Bechts- 
pflicht streng nach dem positiven Völkerrecht und nicht nach einer 
Formel zu beurtheilen ist; die aus allem positiven Rechte herausfallt. 
Wächter aber irrt nicht nur darin ; dass er (Arch. f. civ. Pr. Bd. 24 
S. 240) die völkerrechtlichen Beziehungen gewisse Einräumungen an 
die fremde Gesetzgebung nur „räthlich machen"; dass er nur ,3ück- 
sichten der Nützlichkeit; der Billigkeit; der Freundlichkeit; der Konni- 
venz; des natürlichen Rechts u. dgl." gelten lässt. Er irrt ganz be- 
sonders auch darin ; dass er die Beachtung dieser Rücksichten aus- 
schliesslich dem Gesetzgeber zuweist; durch diesen aber den Richter 
gänzlich von den völkerrechtlichen Beziehungen absperrt. Allerdings 
ist diese Absperrung möglich; soweit der Gesetzgeber dem Richter 
bestimmte Anweisungen für die Anwendung fremden Rechts gibt. Hat 
er aber diese nicht gegeben; so kann sich der Richter nur und muss 
sich halten an das im sog. Grewohnheitsrechte bethätigte lebendige 
Rechtsbewusstsein. Gerade in der hier fraglichen Beziehung aber ist 
die völkerrechtliche Gewohnheit; die als solche allerdings nur Staat 
gegen Staat binden würde; nothwendig zugleich Gewohnheitsrecht jedes 



Die leitenden Grnndsätze des internationalen Privatrechts. 47 

eiszelBen Staats der Völkerrechtsgemeinschaft, da sie nnr mittelst der 
Sechtsprechnngsorgane aller dieser Staaten sich bethütigen kann. 

Diese yölkerrechtliche Grewohnheit nun baut sich auf zwei Grund- 
sfitzen auf^ deren erstem der Verfasser unter der Bezeichnung ;, gleiche 
BechtsflLhigkeit der Fremden und der Staatsangehörigen^' eine beson- 
dere Ausführung (I S. 281 — 300) gewidmet hat. Wir ziehen den 
Ausdruck ^gleiche Behandlung der Fremden und der Staatsangehörigen 
in privatrechtlicher Beziehung^ vor^ weil sich ihm die Anwendung auf 
Rechts- und Handlungsf^igkeit wie auf einzelne Rechte ebenm&ssig 
unterordnet. Aus diesem Grundsatze allein aber lassen sich bestimmte 
Folgerungen für die Anwendung ausländischen Rechts noch nicht 
ziehen^ denn streng genommen würde er gerade dahin führen , den 
Fremden in allen Beziehungen nach dem einheimischen Rechte zu 
behandeln. Vollends nicht Iftsst sich aus diesem Grundsatze die Gel- 
tung des ^ Personalstatuts ^ im Sinne der italienischen Schule ableiten^ 
die vielmehr y wie die auf gleicher Grundlage ruhende Beurtheilung 
der HandlungsfUdgkeit nach der Staatsangehörigkeit unter Umständen 
zu einem Vorrechte des Fremden vor dem Einheimischen führt. Wenn 
der Fremde ; der nach unserem Rechte handlungsflüiig ist, ein in 
unserem Staat geschlossenes Geschäft auf Grund seiner Handlungs- 
unfähigkeit nach dem Heimathsrechte anfechten dürfiie, so würde er 
in der That ein Vorrecht vor unsem Staatsangehörigen haben; auch 
kann ein Staat nicht völkerrechtlich genöthigt sein^ eine derartige 
Unsicherheit in seinen täglichen Verkehr hineintragen zu lassen. 
Andererseits kann die Gleichstellung des Fremden mit dem Einheimi- 
schen nicht die Folge haben^ dass er im fremden Staat günstiger be- 
handelt werde als in seiner Heimath; ist er dort handlungsfähig , so 
muss er auch im fremden Gebiet sich so behandeln lassen, wenn er 
es auch nach dem dortigen Rechte nicht sein würde. 

Der zweite Grundsatz, an welchem der Verfasser sein privatrecht- 
liches Prinzip ganz vorübergeführt hat, geht dahin, dass die Staaten 
der Völkerrechtsgemeinschaft gegenseitig ihre Rechtseinrichtungen als 
der gemeinsamen Gresittung entsprechend anerkennen. Dieser Satz, 
dessen volle Geltung gerade das Kennzeichen der vollbürtigen Mit- 
gliedschaft im Völkerrechtskreise ist, trägt für sich allein das wich- 
tige System der Rechshülfe und Auslieferung. In Verbindung mit 
dem ersten Grundsatze aber erzeugt er den unmittelbar anwendbaren 
Grundgedanken des internationalen Privatrechts, der kein anderer ist, 
als der Stein, den die Bauleute (d. h. die deutschen Systematiker) 
verworfen haben — : der Schatz der im Auslande wohlerworbenen 
Rechte. Einen „wahren, aber allerdings beschränkten Sinn^' muss 
ihm doch auch der Verfasser (I S. 109) zugestehen. In der That, 
wenn der Vorwurf des Elreisschlusses schon oben widerlegt ist, gleiten 
auch die übrigen Einwendungen Wächters daran ab, da es keinem 
Verständigen beifallen wird, irgend einen Grundsatz ohne Beschrän- 
kung durchzusetzen. Wenn Wächier (a. a. O. Bd. 25 S. 5) meint, der 



48 Professor Dr. Barazetti in Heidelberg. 

Grundsatz würde dahin führen^ dass ein gerade den Staatsangehörigen 
gegebenes Verbotsgesetz als unwirksam behandelt würde, so ergibt 
dies eben die Einschränkung^ dass der Grundsatz nicht gilt; wenn 
ein Staatsangehöriger unter Umgehung des einheimischen Gesetzes im 
Auslande ein Kecht erworben haben will oder eine Verpflichtung ein- 
gegangen sein soll. Wenn er weiter befürchtet^ es könne leicht „die 
Gesetzgebung des fremden Staates Bechte anerkennen ^ die den sitt- 
lichen und religiösen Prinzipien ^ den Begriffen von Becht und Ge- 
rechtigkeit und den Anforderungen der öffentlichen Ordnung^ der 
Sicherheit des Verkehrs und der Sorge für das ökonomische Wohl der 
Bürger, auf welche die Gesetzgebung unseres Staates gebaut ist, 
geradezu widersprechen ^'^ so führt dies auf eine zweite Einschränkung, 
dass auch auf Grund von Rechten, die im Auslande wohlerworben 
sind, im Inlande keine Ansprüche erhoben werden können, welche 
durch die inländische Gesetzgebung aus den angeführten Rücksichten 
ausgeschlossen sind. Die Tragweite zu bestimmen, welche diesen 
Einschränkungen im Verhältnisse zum Grundsatze selbst zu geben ist, 
zugleich aber nachzuweisen, dass innerhalb dieser Schranken der 
Grundsatz einerseits ausreicht, den ganzen positiven Inhalt des inter- 
nationalen Privatrechts zu tragen und andererseits ebenso eine scharfe 
Grenze gegen übertriebene Zugeständnisse an ausländisches Recht zu 
ziehen, wird die weitere Au%abe dieser Abhandlung sein. Dass aber 
der Gnmdsatz die oben (S. 43) aufgestellte Forderung erfüllt: die 
Yölkerrechtliche Schranke der Geltung des einheimischen Rechts müsse 
sich ohne Widerspruch in das besondere Rechtsbewusstsein jedes Vol- 
kes einigen, bedarf keiner weiteren Ausführung. Denn der Schutz 
wohlerworbener Rechte ist in jedem gereifiteren Rechtsbewusstsein 
anerkannt; es bedarf also nur 4er weiteren Anerkennung der Gleich- 
berechtigung des Fremden und seiner heimathlichen Rechtseinrichtungen, 
um die Ausdehnung des Schutzes auf seine den letzteren gemäss er- 
worbenen Rechte innerhalb der bezeichneten Grenzen als eine For- 
derung des eigenen Rechtsbewusstseins zu erkennen. 

(SchluBS folgt.) 
Leipzig. Dr. Klöppel. 

A. V. Bnlmerineq f. 

Eine Zierde der deutschen Rechtswissenschaft hat der unerbitt- 
liche Tod hinweggerafft: am 18. August 1890 starb zu Stuttgart 
Augtist Michael von Buhnerincq, der berühmte Lehrer des Staats- 
und Völkerrechts und der Politik an der Heidelberger Hochschule. Er 
hatte gerade sein 68. Lebensjahr vollendet, als er abberufen wurde. 
Der Tod kam ihm, dem Schwerleidenden, als Erlöser, dies mag den 
Ueberlebenden zum Tröste gereichen — für die Wissenschaft starb 
er zu frühe, zumal auch seine bis zu seinem Ende anhaltende Schaffens- 
kraft zur Annahme berechtigte, dass das arbeitsreiche Leben de^ 



A. V. Biümerincq f. 49 

Mannes noch nicht am Ziele angelangt sei^ derselbe vielmehr noch 
manche treffliche Arbeit auf dem von ihm so erfolgreich bebauten 
Felde des öffentlichen Rechts zu Tage fördern werde. 

August Michael von Bulmerincq, geboren zu Riga am 12. Au- 
gast 1822; studirte zu Dorpat und Heidelberg die Rechte^ wid- 
mete sich nach zurückgelegten Studien — 1848 — in seiner Hei- 
math anfänglich der juristischen Praxis ^ ging jedoch bald zum Lehr- 
£ache übw. Er habilitirte sich nämlich schon 1853; nachdem er im 
Jahre 1852 mit Mathilde Hernmark, des Oberbürgermeisters von Riga 
Tochter^ den Ehebund geschlossen hatte — die Wittwe betrauert tief 
des treuen Gatten Heimgang — y an der Universität Dorpat auf Grund 
seiner Schrift : ,, Das Asylrecht in seiner geschichtlichen Entwickelung^^ 
welche ihm die Ernennung zum etatsmässigen Privatdozenten erwirkte. 
1856 wurde Bulmermcq ausserordentlicher, 1858 ordentlicher Professor 
des Staats- und Völkerrechts und der Politik , nachdem er 1856 auf 
Grund seiner Dissertation: *De natura pHneipiorum juris inter gentes 
positivpt den juristischen Doktorgrad erlangt hatte — ; schon 1849 war 
er zu Dorpat auf Grund der Abhandlung: ^Von der Wahl und dem 
y^ahren des freiwilligen Schiedsgerichts^ Magister der Rechte ge- 
worden. Bulmerincq las anfänglich — war er ja doch Praktiker 
gewesen — auch über Handels-, Wechsel- imd Seerecht, widmete jedoch 
seine Lehrthätigkeit bald ausschliesslich den oben genannten Öffent- 
lichen Fächern. 

Schon zu Riga wirkte Bidmerincq durch rege Betheiligung an 
gemeinnützigen Unternehmungen für die kulturelle und materielle Ent- 
wickelung der Ostseeprovinzen; noch mehr war dies der Fall zu 
Dorpat: hier betheiligte er sich an der durch seine Bestrebungen im 
Jahre 1863 ins Leben gerufenen „Baltischen Wochenschrift für Land- 
wirthschaft; Gewerbefleiss und Handel", deren Redakteur er mehrere 
Jahre hindurch war, und schrieb viele Abhandlungen in die „Baltische 
Monatsschrift;^. 

Während seiner Dorpater Professur erschien auch — 1858 — 
sein Werk: „Die Systematik des Völkerrechts." Nachdem Bulmerincq 
darch Zurücklegung einer 25jährigen Dienstzeit volles Pensionsrecht 
erlangt hatte, folgte er einem schon lange gehegten Wunsch, gab seine 
Stellung in Dorpat auf und siedelte 1875 nach Deutschland über, wo 
er seinen Wohnsitz in Wiesbaden nahm. Hier lag er ausschliesslich 
schriftstellerischer Thätigkeit ob und war insbesondere seit 1877 als 
Berichterstatter der Kommission für Seekriegsrecht bei dem Institut de 
droit international, bei dessen am 10. September 1873 zu Grenf er- 
folgten Gründung er hervorragend betheüigt war, unermüdlich thätig — 
u.a. legt hiefür seine Schrift über die T>prises maritimes<i Zeugniss ab. 
Als 1881 durch Bluntschli's Tod die Lehrkanzel des allgemeinen Staats- 
rechts, des Völkerrechts und der Politik an der Universität Heidelberg 
erledigt wurde, nahm Bulmerincq, dem Drange folgend, seine Lehrthätig- 
keit wieder au&unehmen; den an ihn ergangenen Ruf zur Uebemahme 

Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafrecht eto., Band I. ^^ 



50 Prof. Dr. Barazetti in Heidelberg. — A. v. Balmerincq f. 

der verwaisten Lehrkanzel an und wurde so an Bluntsehli's Stelle Pro- 
fessor in Heidelberg. Er bekleidete die Professur seit Ostern 1882 
und war unausgesetzt bis zu seinem Tode im Amte thätig. 

Durch seine zahlreichen Abhandlungen auf dem Gebiete des 
Völkerrechts in Fachzeitschriften ^ seine 1874 erschienene „Praxis^ 
Theorie und Kodifikation des Völkerrechts"^ seine bereits oben an- 
geführten Schriften erschien Bidmerineq bereits damals als eine der 
ersten Autoritäten auf besagtem Grebiete. Sein Ansehen wuchs nodi 
mehr durch seine in Heidelberg fortgesetzte erfolgreiche schriftstelle- 
rische Thätigkeit und vorzugsweise durch sein 1887 in Marqtiardsen's 
Handbuch des öffentlichen Rechts der Gregenwart herausgegebenes 
„Völkerrecht oder internationales Recht "^ welches mit Recht in einem 
von Kariowa verfassten Nekrolog Bulmfwrincq's als vielleicht die reifste 
Frucht seines schriftstellerischen Wirkens bezeichnet wird (in diesem 
Werke erscheint Bulmerincq auch als ein ganz hervorragender Kenner 
des internationalen Privatrechts — er ist wohl auch der Erste, 
der diese schwierige Rechtsdisziplin mit der Darstellung des Völker«- 
rechts verbunden hat)^ und auch seine akademische Lehrthätigkeit trug 
nicht wenig dazu bei; seinen Ruf immer fester zu begründen. Ehren 
und Auszeichnungen aller Art wurden ihm zu theil^ u. a. sei* erwähnt, 
dass ihm das histitut de droit international, als es vor einigen Jahren 
in Heidelberg tagte, als Präsidenten die Leitung seiner Verhandlungen 
übertrug — und sein erfolgreiches theoretisches und praktisches Wirken 
auf dem Gebiete seiner Fachwissenschaft veranlasste nicht wenige Stu- 
dirende, namentlich auch solche aus den entferntesten Ländern des 
Auslandes^ Heidelberg au&usuchen. 

Bidmerincq's Hauptverdienst liegt darin, dass er erfolgreich be- 
strebt war, dem Völkerrecht den ihm gebührenden Rang unter den 
übrigen Rechtsdisziplinen zu verschaffen. Mit Recht und überzeugend 
suchte er das Völkerrecht vom Naturrecht loszulösen, da er die früher 
übliche Verbindung jenes mit diesem als eine durchaus verkehrte, ja 
geradezu verwirrende erkannt hat. So gelang es ihm, die Völker- 
rechtsdisziplin von dem sie umgebenden naturrechtlichen Nebel zu 
befreien und dem Gedanken, dass sie eine selbständige Disziplin des 
praktischen positiven Rechts sei, siegreiche Geltung zu verschaffen. 
Von diesen Grundanschauungen ausgehend, legte er in Wort und 
Schrift das Hauptgewicht auf die völkerrechtlichen Verträge und Kon- 
ventionen, die er richtig als die gewichtigsten Offenbarungen des inter- 
nationalen Völkerverkehrs erkannte, und auf welche er das positive 
Völkerrecht zurückführte. 

Er war unablässig bemüht, der hochwichtigen Disziplin des Völker- 
rechts die ihr vielfach seither auf den Universitäten vernachlässigte 
Rangstellung unter den übrigen juristischen Disziplinen zu verschaffen, 
er trat mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität hiefür ein imd gelang 
es ihm auch durch die Art und Weise, in welcher er seine Hörer die 
Bedeutung und praktische Seite der Völkerrechtswissenschaft durch 



Recbfaprechung: Dentschland. 5 t 

Anleitung ztir Interpretation und Bearbeitung von Vertrl^en lehrte^ 
viele derselben zur Nacheiferang und zum Fortschreiten auf dem ihnen 
von ihm gewiesenen Wege zu veranlassen^ so dass er nicht nur durch 
seine trefflichen Schriften^ sondern auch durch seine erfolgreiche Lehr- 
thiitigkeit fortleben wird — und auch sein dem Gemeinwohl un- 
ausgesetzt gewidmetes Leben wird den Ueberlebenden unvergessen 
bleiben. Sein Andenken wird über den Tod hinaus dauern und ge- 
segnet sein. 

Heidelberg im September 1890. Baraxetti. 



Reclitsprecliung. 
Deutschland. 

A. Bürgerliches Recht einschliesslich des Handels-, 
Wechsel- und Konkursreohts. — Zivilprozess. 

Eheliches Güterrecht 

Das badische Recht entscheidet die Frage, in welchem ehelichen Gü- 
terrechtsverhftltnisse in einem gewissen Zeitpunkte Ehegatten beimMangel 
eines die ehelichen Güterrechtsverhältnisse regelnden Ehevertrages sich 
befinden, dahin, dass diese sich nach dem Kechte desjenigen Staates 
richten, dessen Staatsangehöriger der Ehemann ist. Urth. d. E.G. ^) 
vom 18. Februar 1890 (Entsch.*^) Bd. 25 S. 342). In den Gründen 
dieser Entscheidung ist darauf Bezug genommen, dass zunächst inhalt- 
lich des § 2 lit. 1 des VI. badischen Konstitutionsedikts vom 7. Juni 
1808 über die Grimdverfassung der verschiedenen Stände (Bad. Reg.Bl. 
von 1808 Nr. 18, 19) für die Erbfolge die Gesetze desjenigen Staates 
massgebend sind, dessen Staatsangehöriger der Erblasser ist, dass 
bei der Kegelung des Güterrechtes es sich auch wie beim Erbrecht 
um die Zusammenfassung des Vermögens als einer Einheit handelt, 
daher anzunehmen ist, dass der Gesetzgeber auch für das eheliche 
Güterrecht das Gesetz der Staatsangehörigkeit als massgebend erachten 
wollte. Weiter ist ausgeföhrt, dass diese Anschauung auch in Akten 
der badischen Gesetzgebung in bestimmter Weise zum Ausdrucke ge- 
langt sei, so in der der Gesetzeskraft theilhaftigen Yerordnimg vom 
16. Juni 1818 über das eheliche Güterrecht der Ausländer, welche 
seit 1810 in das Grossherzogthum Baden gezogen sind oder noch ein- 
ziehen (Bad. Beg.Bl. 1818 Nr, 14 S. 85), den Verordnungen vom 



1) R.G. = dentsches Reichsgericht. 

2) Entsch« = Entscheidungen des Reichsgerichts in Zivil8a<)hen. 

4* 



52 Bechtsprechung : Deutschland. 

30. März 1811 (Bad. Reg.Bl. 1811 Nr. 10 S. 41), vom 8. Juni 1820 
(Bad. Reg.Bl. Nr. 10 S. 51), dem prov. Gesetze vom 31. Dezember 
1846 (Bad. Reg.Bl. 1847 Nr. 1 S. 1) und Art. 16 des bad. Einf.- 
Gesetzes vom 6. August 1862 (Bad. Reg.Bl. Nr. 40) zum allg. deutschen 
Handelsgesetzbuche, femer dass solche Anschauung auch der badischen 
Wissenschaft und Gerichtspraxis entspreche, in welcher Hinsicht ver- 
wiesen ist auf Behaghel (Lehrbuch und Abhandlung: „die ehelichen 
Güterverhältnisse der Ausländer etc.**), und Barazetti (Einleitung in 
das französische Zivilrecht S. 219, 230/31), dann auf die Urtheile 
des vormaligen badischen Oberhofgerichtes vom 171 Dezember 1863, 
6. April 1868, 6. April 1878 (Annalen der badischen Gerichte Bd. 32 
S. 166, Bd. 37 8. 8 ff., Bd. 45 S. 17 ff.). 

Vormundschaft. 

a. Die Frage, ob ein in Baden domizilirter Staatsangehöriger des 
Königreichs Preussen aus dem Gebiete des allgemeinen Landrechts als 
überlebender Ehegatte gesetzlicher Vormund seiner minderjährigen Kin- 
der (Bad. Landr. Satz 390) wird oder ob zufolge Landr. Satz 3 Abs. 3 
4as heimathstaatliche Yormundschaftsrecht (§11 der preuss. Yormund- 
schaftsordnung vom 5. Juli 1875) massgebend ist, wurde vom Reichs- 
gericht in einem Urtheüe vom 31. Mai 1889 (Entsch. Bd. 24 S. 330) 
im Sinne letzterer Alternative entschieden aus folgenden Gründen: 

Nach der Yorschrift des bad. Landr. Satz 3 Abs. 3 bezw. Art. 3 
Abs. 2 Code civil sind die ,,G^etze, welche den Zustand und die 
Rechtsfähigkeit der Personen bestimmen^, deren Staatsangehörigkeit 
entsprechend in Anwendung zu bringen, also das Personalstatut, nicht 
das nationale Recht im allgemeinen. Das G^etz bezeichnet nicht das 
Heimathrecht als dasjenige, nach welchem der bestehende Konflikt zu 
lösen, das massgebende Statut erst zu bestimmen ist, sondern es ent- 
scheidet die international-rechtliche Frage selbst, und zwar dahin, dass 
das Personalstatut des Heimathstaates gelte. Die Meinung ist di^ 
dass ein Ausländer einen Rechtsakt gültig schliessen könne, wenn er 
nach seinem Heimathsrechte hierzu fähig ist, ungeachtet er nach dem 
inländischen Gesetze hierzu nicht befUhigt wäre. Der inländische 
Gregenkontrahent hat sich daher nur zu vergewissem, ob das nationale 
Recht des Ausländers, mit welchem er einen gewissen Rechtsakt vor- 
nehmen will, diesen hierzu befähigt erkläre, ohne weiter imtersuchen 
zu müssen, ob derselbe etwa im Inlande sein Domizil, und zwar 
dieses nach den von dem Landesrechte des Fremden hierfür aufge- 
stellten Erfordernissen habe, und ob nach den in dessen Heimathstaate 
geltenden international-rechtlichen Yorschriften das Personalstatut sich 
nach dem Wohnsitz bestimme. Zwar würde der badische Richter die 
Rücksicht, welche die badische Landesgesetzgebung den Angehörigen 
fremder Staaten trägt, durch die Anwendung des badischen Familien- 
rechtes als des Rechtes des Wohnsitzes insofern nicht verletzen, als 
er das Motiv zur Anwendung des inländischen Rechtes dem nationalen 



Bflrgerliches Recht etc. — Zivilprozesa. 53 

Gesetze des Nichtbadeners entnähme ^ allein der inländische Richter 
hat der Vorschrift seines Landesgesetzes zu folgen^ wenn dieses die 
Frage^ ob das Personalstatut eines Ausländers nach dessen Domizil 
oder nach dessen Nationalität zu bestimmen sei, in letzterem Sinne 
entscheidet. Die räumlichen Grenzen des GreltungsgebieteS; welche die 
ausländische Gresetzgebung diesem Personalstatut gesteckt hat, sind flir 
den inländischen Richter nicht massgebend, sie können durch die aus- 
ländische Gesetzgebung, deren Macht auf das Staatsterritorium be- 
schränkt ist, für ihn nicht verbindlich werden, vielmehr nur durch 
die eigene, und diese hat dem Personalstatut des Ausländers die Gel- 
tung ohne Rücksicht auf den Wohnsitz desselben in einem anderen 
Lande bis zum Wechsel der Staatsangehörigkeit eingeräimit. Es liegt 
auch kein genügender Grund zu der Annahme vor, dies sei nur be- 
dingungsweise geschehen, nämlich für den Fall, dass der fremde Staat 
der Geltung des Personalstatutes seiner Angehörigen nicht selbst engere 
Grenzen anweise, denn der Inländer soll nach L.R. S. 3 Abs. 3 hin- 
sichtlich seines Zustandes und seiner Rechtsfähigkeit ohne Rücksicht 
auf seinen Wohnsitz oder Aufenthalt unbedingt unter dem inländischen 
Gesetze stehen, was auf den gleichen Willen hinsichtlich des Auslän- 
ders schliessen lässt. Es soll nicht im einzelnen Falle dem Richter 
zur Aufgabe gemacht werden, zu untersuchen, wieweit er der fremden 
Gresetzgebung eine Konzession zu machen habe, sondern es ist ihm 
(\xr alle Fälle als Norm vorgeschrieben, dass das Personalstatut nach 
der Staatsangehörigkeit zu bestimmen sei. Auch die Rücksicht ist fUr 
den inländischen Richter hier nicht massgebend, womöglich zu der 
gleichen Entscheidung zu gelangen, welche über den nämlichen Rechts- 
streit von den Gerichten des Heimathstaates eines Ausländers zu er- 
warten wäre. Die Verschiedenheit der Entscheidungen ist durch die 
Ungleichheit der fiir die international-rechtlichen Fragen geltenden 
Gresetzesbestimmungen bedingt. Der badische Richter wird auf den in 
Preussen domizilirten Badener stets das badische Personalstatut an- 
wenden, der preussische Richter das preussische Gresetz, wenn er das 
Domizil für die Rechtsanwendung entscheidend hält, üeberdies würde 
auch der preussische Richter, wenn er durch den in Baden befindlichen 
Wohnsitz eines Preussen zur Anwendung des badischen Rechts ange- 
wiesen wäre, nach dem erwähnten Satze 3 Abs. 3 des bad. Landrechts 
zu dem preussischen Personalstatute behufs Entscheidung des Rechts- 
streites zurückgreifen dürfen, sodass wiederimi eine Ungleichheit der 
Entscheidung das Ergebniss wäre. 

b. Auch einem Ausländer kann auf dessen Ansuchen von dem 
Vormundschaftsrichter, in dessen Bezirke derselbe nach § 21 der Z.P.O. 
einen persönlichen Gerichtsstand hat, ein Zustandsvormund zur Ver- 
tretung in vermögensrechtlichen Angelegenheiten bestellt werden; Gesetz 
vom 20. Februar 1882 § 4. Beschl. des O.L.G. zu Dresden vom 19. No- 
vember 1889 (Annalen des k. sächs. O.L.G. zu Dresden Bd. XI S. 430). 



54 Rechtsprechung: Deutschland. 

Oerüiches Recht bei Kontraktsverhaltnissen: im Allgemeinen; bei 

Wechselverträgen, 

Die Frage, nach welchem örtlichen Rechte Kontraktsverhältnisse 
zu beurtheilen sind, ist in erster Linie danach zu beantworten, welchem 
Rechte die Kontrahenten die Rechtswirkungen des Vertrages unterstellen 
wollten. Auch bedarf es in dieser Richtung keiner ausdrücklichen 
Erklänmg, sondern es gentigt, dass der Wille der Parteien dem er- 
kennenden Richter aus schlussigen Gründen ersichtlich ist. — Dies 
gilt auch für wechselrechtliche Verpflichtungen in Fällen, wo der (aus- 
ländische) Ausstellungsort nicht mit dem (inländischen) Erfüllungsort 
zusammenfällt. Urth. des Reichsgerichts vom 5. November 1889 (Entsch. 
Bd. 24 S. 112)»). 

Seerecht. 

a. Für die Beurtheilung der in einem deutschen Hafen zu er- 
füllenden Verpflichtung des Verfrachters aus den Konnossementen ist 
das deutsche Recht massgebend. Urth. d. R.G. vom 25. Mai 1889 
(Entsch. Bd. 25 S. 107). 

b. Bei Erlagen aus einer auf o£Pener See zwischen Schiffen fremder 
Nationen stattgehabten Kollision hat dör in foro arresti angerufene 
Richter das jv^ fori, nicht aber das sogenannte Recht der Flagge auf 
das schuldige Schiff anzuwenden. Urth. des O.L.6.*) Hamburg vom 
24. September 1888 (Hans. Ger.Ztg. 1888 S. 271, Goldschmidt, Zeitschr. 
für Handelsrecht Bd. 37 S. 522). Vgl. auch Urth. des O.L.G. Hamburg 
vom 21. Juni 1889 (Hans. Ger.Ztg. 1889 S. 235, Qoldschmidt, etc. 
Bd. 37 S. 523). 

c. Für die Frage, in welchem Umfange für den durch eine in 
Deutschland vorgenommene Handlung (Arrestirung eines englischen 
Schiffes) angerichteten Schaden Ersatz zu leisten ist, sind lediglich 
die Grundsätze des deutschen Rechtes massgebend. Urth. des O.L.G. 
Hamburg vom 24. November 1888 (Hans. Ger.Ztg. 1889 S. 74, Gold- 
Schmidt etc. Bd. 37 S. 522). 

d. Unterlässt es der ausländische Rheder, der sich freiwillig einem 
deutschen Gericht unterworfen hat, die Normen anzugeben, nach denen 
er bezüglich des Umfangs seiner Haftung beurtheilt zu werden bean- 
sprucht, so ist der angerufene Richter gar nicht in der Lage, ein an- 
deres, als das in seinem Lande geltende Recht zur Anwendung zu 
bringen, es sei denn, dass eben dieses ihm vorschreibe, in einem 
solchen Falle nach dem Rechte der Flagge zu urtheilen. Urth. des 
O.L.G. Hamburg vom 21. Juni 1889 (Hans. Ger.-Ztg. 1889 S. 235 f., 
Qoldschmidt, Zeitschr. etc. Bd. 37 S. 523). 

e. Beginn der Ueberliegezeit bei Beladung des Schiffes. 



>) S. auch reichsgerichtliche Entsch. Bd. 4 S. 246, Bd. 9 S. 225, Bd. 20 
S. 333, Bd. 23 S. 31. 

*) O.L.G. = Oberlandesgericht. 



Bürgerliches Recht etc. — Zivilprozess. 55 

Ein Frachtvertrag begründet RechtsverhältniBse Dicht nur an dem 
Bestimmungsorte des Schiffes^ sondern auch am Abladeplatz^ imd nichts 
zwingt zu der Annahme^ dass diese yerschiedenen^ an verschiedenen 
Orten begründeten Eechtsverhältnisse einem und demselben Recht unter- 
stehen mÜBSten (Entsch. d. R.O. Bd. 9 S. 53). Die Abladung^ wenn- 
gleich Theil der Erfüllung des Frachtvertrags, bildet einen in sich 
abgeschlossenen Rechts Vorgang , der jedenfalls insoweit dem örtlichen 
Rechte des Abladehafens unterliegen muss; als es sich um die Voraus- 
setzungen rein äusserlicher ordnungsmässiger oder ordnungswidriger 
Abladung und der daraus für die Kontrahenten des Frachtvertrages 
fiiessenden Rechtsfolgen handelt. Zu den Voraussetzungen dieser Art 
gehören die Vorbedingungen, welche zu erfüllen sind, um die Ueber- 
liegezeit beginnen zu lassen, ürth. des O.L.G. Hamburg vom 11. No- 
vember 1889 {Seuffert, Archiv N. F. Bd. 15 Nr. 161). 

Erbrecht. 

a. Erbschaftsanfall an einen Verschollenen. Für 
die Frage, ob einem Verschollenen eine Erbschaft anfallen kann, 
ist nicht das Recht des letzten bekannten Wohnortes des Verscholle- 
nen, sondern das Recht des letzten Wohnortes des Erblassers mass- 
gebend, ürth. des R.6. vom 7. Januar 1890 (Entsch. Bd. 25 S. 142). 
Ans den Gründen: Es ist unrichtig, wenn das Berufnngsgericht den 
Satz, dass das Dasein gewisser, von dem Vorliegen eines bestimmten ge- 
setzlichen Thatbestandes abhängender Zustände und Eigenschaften einer 
Person, wodurch deren Rechts- und Handlungsfähigkeit bedingt wird, 
nach demjenigen örtlichen Rechte sich bestimmt, welchem die Person 
selbst durch ihren Wohnsitz angehört, auf den vorliegenden Fall an- 
wendet. Kein Gesetz kann anordnen, dass der Zustand des Lebens 
von einem bestimmten Thatbestande abhängen soll, wohl aber kann 
der Gesetzgeber vorschreiben, dass bei diesem Thatbestande bis zum 
Beweise des Gegentheils vermuthet werden soll, dass eine bestimmte 
Person noch oder nicht mehr lebe. Derartige gesetzliche Präsumtionen 
gehören dem materiellen Rechte an, und die Anwendbarkeit derselben 
ist nach demjenigen Rechte zu beurtheilen, welchem überhaupt das 
konkrete Rechtsverhältniss (hier die Erbfolge in den Nachlass eines 
Verstorbenen) unterliegt*»). 

b. Ausschlagung der Erbschaft. Wenngleich für 
die Frage, ob eine Erbschaft rechtsgültiger Weise erworben sei, 
lediglich das am letzten Domizil des Erblassers geltende Recht 
massgebend ist, so folgt doch daraus nicht, dass der in einem 
andern Rechtsgebiet lebende Erbe nun auch verpflichtet sei, die vom 
Recht der Erbschaft für die Ausschlagung vorgeschriebenen 
Formalitäten zu erfüllen oder die bezüglichen Fristen einzuhalten. 



*) Die gegentheilige Ansicht ist ausgesprochen in einem Urtheile des 
Obertribunals zu Stuttgart vom 8./10. Juli 1862 {Seuffert, Archiv Bd. 15 
Nr. 199). 



56 Recbtsprecbnng: Denttichland. 

Es widerspricht dem Prinzip des internationalen Rechts^ dass InlfKnder 
ohne ihr Zuthun und während sie im Lande sich aufhalten (vgl. Urth. 
des preuss. Obertribunals v. 1. Nov. 1850, Entsch. Bd. 20 S. 304) 
durch ausländische Gesetze verpflichtet werden (vgl. 3), Bar, Intern. 
Privatr. 2. Aufl. Bd. 2 S. 343 Note 9). Urtli. d. O.L.G. Hamburg v. 
17. Dezember 1889 {Seuffert, Archiv N. F. Bd. 15 Nr. 160). 

Konkurs. 

Die am 6. Januar 1854 zwischen Sachsen und Oesterreich ab- 
geschlossene üebereinkimft wegen der gegenseitigen Behandlung von 
Konkursfällen ist durch § 207 der deutschen Konkursordnung und 
§ 4 des Einführungsgesetzes hiezu nicht ausser Kraft gesetzt, viel- 
mehr fortdauernd gültig. Urth. d. RG. vom 1. Juli 1889 (Entsch. 
Bd. 24 S. 12). Aus den Gründen: Der § 4 des Einführungsgesetzes 
ziu: Konkursordnung hebt lediglich die Vorschriften der „Landesgesetze" 
auf. Staatsverträge werden dabei nicht erwähnt, lassen sich auch unter 
dem Ausdrucke „Landesgesetze" nicht begreifen. Rechtsnormen, welche 
in Staatsverträgen enthalten sind, beruhen nicht, wie Landesgesetze, 
auf einer Verfügung der gesetzgebenden Gewalten, sondern auf der 
Willenseinigung der vertragschliessenden Staaten und können deshalb 
in der Regel blos mit Zustimmung beider Vertragschliessenden ausser 
Geltung gesetzt werden. Das einseitige Abgehen von dem geschlossenen 
Vertrage würde wohlerworbene Rechte des andern Theils verletzen. 
Die Motive zu § 4 bemerken ausdrücklich, dass der Gesetzentwurf in 
die bestehenden Verträge mit ausserdeutschen Staaten nicht eingreifen 
wolle. 

Wirkung der Verjährung von Schuldforderungen nach englischem 

Recht. 

Hierüber sprechen sich die Gründe eines Urtheils des Reichs- 
gerichts vom 18. Mai 1889 (Entsch. Bd. 24 S. 392) dahin aus: 

Es ist eine Konsequenz des eigenthümlichen Wesens der Klage- 
verjährung im Sinne der englischen Verjährungsgesetze (Ges. 21 James I 
Cap, 16 sect 7 und 4 Anne Cap, 16 Sect. 19 über die limitation of 
aetwns\ dass die betreffenden Verjähi'ungen gegen die von dem Gläu- 
biger vor deutschen Gerichten erhobene Klage nicht mit Erfolg geltend 
gemacht, geschweige denn darauf eine Klage auf Anerkennimg der 
Nichtexistenz oder des Aufgehobenseins der Schuldforderung gegründet 
werden kann. 

Im Gegensatze zu der Wirkung der Verjährung nach dem eng- 
lischen Gesetze 3, 4 W, m. 4 cap. 27 j^Act for the limitation of actions 
and suits rehiing to Real Property^ wird nach den Prinzipien des 
englischen Rechtes über die durch die Satzungen der Statutes verord- 
neten Verjährungen von Schuldforderungen die Schuld selbst durch die 
Verjährung keineswegs aufgehoben, sondern nur ein geltend zu machen- 
der Vertheidigungsbehelf für den Schuldner im Falle der Verfolgung 
der verjährten Forderung durch Klage oder Kompensationseinrede vor 



Bürgerliches Recht etc. — Zivilprozess. 57 

den Gerichtshöfen in dem Geltungsgebiete des betreffenden Verjährungs- 
gesetzes g^eben. Ebenso beurtheilen die englischen Gerichtshöfe auch 
die Wirkung gleichartiger Verjährungsgesetze des Auslandes^ ja selbst 
ihrer eigenen ,^ Colanies and possessüms^ , d. h. sie gestehen der nach 
denselben eingetretenen Verjährung die Wirkung eines durchgreifenden 
Vertheidigungsbehelfes (einer bar for the reniedy) in einem vor eng- 
lischen Gerichten angestrengten Prozesse nicht zu. 

Voraussetzungen der öffentlichen Zustellung an eine Partei im 

Auslande, 

Die nach § 186 der deutschen Zivilprozessordnung für den Noth- 
fall gestattete öffentliche Zustellung — mit der Fiktion einer wirklich 
erfolgten Behändigung — setzt voraus, dass keine andere Zustellungs- 
form zum Ziele führen könne (Motive zu § 179 des Entw.), während 
nach der von der kaiserl. deutschen Botschaft zu Paris gewordenen 
Auskunft die in Paris zu bewirkende Zustellung der Erläge an die 
Beklagte nach den für Zustellung der Klage in Frankreich bestehenden 
Vorschriften erfolgen kann. Wenn demnach diese Zustellung, wenn 
auch kostspielig, dennoch nicht anausführbar ist, so mangelt es an 
den Voraussetzungen des § 186 Abs. 2 der Z.P.O. Beschl. des Ober- 
landesgerichts Darmstadt vom 1. Mai 1889 (Seuffert, Archiv N. F. 
Bd. 15 Nr. 222). 

Einflusslosigkeit des im Auslande über das Vermögen des Beklagten 
eröffneten Konkurses auf die vor einem deutschen Gerichte anhängige 

Klage. 

§ 218 der deutschen Zivilprozessordnung, wonach im Falle der 
Eröffiiung des Konkurses über das Vermögen einer Partei das Ver- 
fahren, wenn es die Konkursmasse betrifft, unterbrochen wird, bis 
dasselbe nach den für den Konkurs geltenden Bestimmungen aufge- 
nommen oder das Konkursverfahren aufgehoben wird, betrifft den von 
einem inländischen Gerichte eröäneten Konkurs. Dies ergiebt schon 
die Einweisung auf die Bestimmungen über Aufiiahme des Verfahrens 
über die Klage oder über Aufhebimg des Konkursverfahrens. Un- 
möglich können damit auch Vorschriften des fremden Rechtes gemeint 
sein, welche möglicher Weise die Voraussetzungen und Wirkungen des 
Konkurses in ganz anderer Weise ordnen, eine Auüiahme des Einzel- 
verfahrens während des Konkurses z. B. nicht oder nur beschränkt 
2nilassen. Es können hier nur die Bestimmungen der deutschen Kon- 
kursordnung (§§ 8, 9, 132 Abs. 2, 134 Abs. 3) gemeint sein. Be- 
schluss des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 25. April 1889 (Annalen 
der bad. Gerichte 1889 S. 164)«). 



*) S. dagegen Mahl, Reichsstaatsrecht S. 303 und Labandy Reichsstaats- 
recht I. Auf. S. 150, 155, 195 und 196. 



58 Rechtsprechung: Deutschland. 

Arrestgrund des § 797 Abs. 2 der deutsehen Zivilprozessordnung, 

Die Bestimmung des § 792 Abs. 2 der deutschen Zivilprozess- 
ordnung, wonach als ein zureichender Arrestgrund es anzusehen ist, 
wenn das Urtheil im Auslande vollstreckt werden mtisste, setzt im 
Inlande befindliches Vermögen des Beklagten voraus, auf welches der 
Arrest vollzogen werden kann. Ein Arrest auf bereits im Auslande 
befindliches Vermögen aus jenem Grunde ist unstatthaft. Beschluss 
des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 24. Dezember 1888 (Annalen 
der bad. Gerichte 1889 S. 49). 

Pfändung einer Forderung beim Drittschuldner im Auslande, 

Die Frage, ob der deutsche Richter für befugt zu erachten ist, 
die Pfändung der Forderung eines Schuldners auch dann zu verfügen, 
wenn der Drittschuldner ein Ausländer ist und im Auslande wohnt, 
ist bejaht in dem ürth. des R.G. vom 2. Mai 1885 (Jurist. Wochen- 
schrift 1885 S. 261)''). 

Ist die Vollstreckung deutscher ürtheile in Dänemark verbürgt? 

Z.P.O. § 661 Nr. 5. 
Das kgl. Sachs. Landgericht Dresden hat in einem am 7. No- 
vember 1889 verkündeten, rechtskräftig gewordenen Ürtheile der Klage 
auf Vollstreckung eines dänischen Urtheiles stattgegeben im Hinblick 
auf eine vom Kläger beigebrachte amtliche Auskunft des dänischen 
Justizministeriums zu Kopenhagen vom 3. Oktober 1889, welche nach 
der Uebersetzung des gerichtlich beeideten Dolmetschers folgender- 
massen lautet: 

,Jn Anlass Ihres hier eingereichten Antrags vom 27. v. M., 
in welchem vorgefragt wird, ob ein von einem deutschen Gre- 
richte in einer Zivilsache abgegebenes Urtheil im hiesigen 
Lande vollstreckt werden kann, wird zur gefälligen Nachricht 
dienstlich mitgetheilt, dass die Vollstreckbarkeit des Urtheils 
wohl nur erworben werden kann mittels einer gegen den Ver- 
urtheilten anhängig zu machenden Sache, dass aber nach dem, 
was bisher angenommen worden, in dieser Sache dem fremd- 
ländischen Ürtheile dieselbe Rechtswirkung beizimiessen sein 
wird, als in Artikel 661 des deutschen Prozessgesetzes den 
ausländischen Urtheilen beigelegt ist.^ 

'') Verneint dagegen wird jene Frage in der Abhandlung von L&nd- 
gerichtsrath Dr. Roller in Waldshut (Zeitschr. f. deutschen Zivilprozess 
Bd. 10 S. 474). Dort ist unter Mittheilung der betreff, amtlichen Schreiben 
noch angeführt: Die schweizerischen Kantone Zürich und Bern sehen die 
Pfändung einer dem Schuldner gegen einen dort domizilirten Drittscholdner 
zustehenden Forderung durch ein deutsches Gericht nicht als Eingriff in die 
Jnstizhoheit an, daher fUr deutsche Gerichte Nichts entgegenstehe, eine solche 
Pfändung zu erlassen. Die Baseler (Stadt) Gesetzgebung lässt die Zustel- 
lung einer durch ein deutsches Gericht erfolgten Forderungspf&ndung an 
einen in Basel wohnenden Drittschuldner dann zu, wenn der Schuldner im 
deutschen Reiche wohnt, jedoch nur mit Vorbehalt. 



Bürgerliches Recht etc. — Zivilprozess. 59 

In den Gründen des landgerichtlichen Urtheils heisst es: „Es 
wird von den deutschen Schriftstellern für zweifelhaft angesehen ^ ob 
in Dänemark die Gregenseitigkeit „verbürgt^ sei. Zu vgl. Wach, Handb. 
des deutschen Zivilprozessrechts I 8. 251 Z. 6; Francke in Bicseh, 
Zeitschrift für Zivilprozess Bd. VIII S. 71 f.; Böhm, Handbuch des 
Bechtshülfe Verfahrens 8. 189 f. Die Ansicht Buhnefrincqs — Völker- 
recht S. 234 — dürfte auf einem Missverständnisse beruhen. — Das 
erkennende Gericht hält jeden berechtigten Zweifel für beseitigt durch 
die vom Kläger beigebrachte amtliche Auslassung des dänischen Ju- 
stizministeriums. Nach dieser von massgebender 8telle abgegebenen 
Erklärung ist in Dänemark zwar wie nach deutschem Rechte auf Zu- 
lassung der Zwangsvollstreckung förmlich zu klagen^ in dem Verfah- 
ren aber^ unter Ausschluss jeder materiellen Nachprüfung^ lediglich 
das Vorhandensein der auch nach deutschem Prozessrechte erforder- 
lichen Voraussetzungen festzustellen. Den Worten „nachdem, was 
bisher angenommen worden^ in dem Schreiben des dänischen Justiz- 
ministeriums ist eine Einsohränkung der Bürgschaft ftlr die Gregen- 
seitigkeit nicht zu entnehmen, weil ein künftiges Abweichen von dem 
bisher Bechtsüblichen in keiner Weise beanzeigt erscheint, vielmehr 
durch die dänische Gesetzgebung geradezu ausgeschlossen werden dürfte. 
Zu vgl. Wack a. a. 0. 8. 291 Note 72. [WmgWs Archiv fUr zivil- 
rechtliche Entscheidungen sächsischer Justizbehörden, Jahrgang 1890 
8, 92 fr.)«) 

Vollstreckung ausländischer Schiedssprüche. 

Die Vollstreckung aus einem ausländischen Schiedssprüche ist 
zulässig, sofern solcher, was die Form seiner Abfassung, der Zustellung 
an die Parteien und der Niederlegung bei dem zuständigen Grerichte 
betrifft, den im öffentlichen 'Interesse gegebenen Bestimmungen des 
§ 865 der deutschen Zivilprozessordnung entspricht. Urth. des Ober- 
landesgerichts Eju'lsruhe vom 29. Dezember 1887 (Annalen der bad. 
Gerichte 1889 8. 257). 

Vollstreckbarkeitserklärung ausländischer Schiedssprüche, insbesondere 
eines Schiedsspruches des Börsenschiedsgerichts zu Triest. — Ver- 

bürgung der Gegenseitigkeit mit Oesterreich, 

Hierüber ist den Gründen eines Urtheils des Obersten Landes- 
gerichts für Bayern vom 14. Februar 1890 (Sammlung etc. Bd. 12 
8. 532) Folgendes zu entnehmen: 

,, Unhaltbar ist die Behauptimg des Bevisionsklägers, dass nur 
ordentliche 8taatsgerichte Entscheidungen erlassen können, denen der 
Karakter eines richterlichen Urtheils zukomme. Der § 660 der deut- 
scben Zivilprozessordnung spricht nur von dem Urtheile eines aus- 
ländischen Gerichts. Auch das deutsche Prozessrecht kennt besondere 
Gerichte, deren Entscheidungen zweifellos die Bedeutung richterlicher 



') S. auch unten „Gesetzgebung etc.''. Dänemark Nr. 10, 



60 Kechtsprechang: Deatsohland. 

Urtheile zukommt^ §§ 13 u. 14 des Reichs-Gerichtsverfassungsgesetzes. 
Nicht darauf kommt es an^ ob das ordentliche oder ein besonders vom 
Gesetze zugelassenes Gericht spricht; sondern ob die Entscheidung 
als Akt der staatlichen Jurisdiktionsgewalt sich darstellt oder ob sie 
zurückzuführen ist auf die freie Vereinbarung der Parteien als einzige 
Quelle der getroffenen Entscheidung .... Mit Recht hat nun das 
Berufiingsgericht an der Hand des österreichischen Börsengesetzes vom 
1. April 1875 und des nach Anordnung desselben geschaffenen ^ von 
dem nach dem Börsengesetze zuständigen Ministerium genehmigten 
Börsenstatuts angenommen, dass dem Triester Börsenschiedsgerichte 
nicht die Eigenschaft eines auf den Vertragswillen der Parteien 
zurückzuführenden Schiedsgerichts, sondern die eines Gerichts zu- 
komme, das eine von der Staatsgewalt übertragene Gerichtsbarkeit 
ausübt. Das Börsenschiedsgericht steht nach Art seiner vom Privat- 
willen unabhängigen Eonstituirung, mit Rücksicht ferner auf die ihm 
vom Staate zugewiesene, gleichfalls vom Parteiwillen unabhängige 
regelmässige Kompetenz, wonach es über die an der Triester Börse 
abgeschlossenen Börsengeschäfte abzuurtheilen hat, auf gleicher Stufe 
mit den arhitres forccs des französischen Rechts, Code de comm. 
Art. 51 u. ff., deren Entscheidungen nicht als Ausfluss eines Privat- 
komprommisses, sondern als Akte staatlicher Jurisdiktion betrachtet 
werden." 

In dem obigen Urtheile ist auch festgestellt , dass in Bezug auf 
Vollstrecktmg der Urtheile sowohl im Deutschen Reiche wie in Oester- 
reich in der Rechtsprechung die Gegenseitigkeit als verbürgt ange^ 
sehen werde*). 

Oegenseitigkeit mit dem Kanton Bern in Bezug auf Vollstreckung 

von deutschen Zivilurtheilen. 

Der Appellations- und Kassationshof zu Bern hat auf Verlangen 
um Ertheilung einer Bescheinigung über bestehende Gregenseitigkeit 
unterm 16. Febr. 1889 Erklärung dahin abgegeben: 

dass er die nach § 388 des Bemer Zivilprozessgesetzes in seine 
ausschliessliche Kompetenz fallende Bewilligung der Vollstreckung von 
Zivilurtheilen ausländischer Gerichte regelmässig ohne Prüfung 
der materiellen Richtigkeit derselben ertheilt, wenn: 

1) die Zuständigkeit des urtheilenden Gerichtes ausser Zweifel steht, 

2) die Rechtskraft des Urtheils von der kompetenten Behörde be- 
scheinigt ist, 

3) keine Verstösse gegen Fimdamentalsätze des Prozessrechts, wie 
z. B. die Gestattung des richterlichen Gehörs, zu Tage liegen, 

4 ) die Entscheidung, deren Vollstreckmig begehrt wird, mit keiner 
im dortigen Staatsgebiete geltenden zwingenden Rechtsnorm im 
Widerspruche steht, 

9) Vgl. hiezu unten unter „Rechtsprechung in Oesterreich'' und Seufferi. 
Archiv Bd. 39 Nr. 171, Bd. 41 Nr. 79, Bd. 43 Nr. 312. 



Bürgerliches Recht etc. — Strafrecht u. Stra^rozess. 61 

b) wenn nicht bekannt ist, dass Gregenrecht nicht gehalten wird. 
Das mit der VoUstrecknngsklage angegangene deutsche Gericht 
(Amtsgericht) hat auf Grund obiger Erklärung die G^enseitigkeit ver- 
bürgt erachtet tlnd demzufolge Vollstreckungsurtheil erlassen; die bie- 
gten eingelegte Berufimg wurde durch Urtheil des Landgerichts 
vom 7. Okt. 1889 als unbegründet zurückgewiesen, in der Erwägung, 
dass die in der Erklärung des Appellations- und Kassationshofes zu Bern 
angeführten Versagungsgründe sämmtlich mit den Voraussetzungen, 
deren Fehlen § 661 Abs. 2 der deutschen Z.P.O. fordert, sich decken 
und insbesondere die in der obigen Erklärung konstatirte thatsäch- 
liche Uebung der Vollstreckung ausländischer Urtheile als genügende 
Verbüigimg der Gegenseitigkeit zu erachten sei, zumal aus derselben 
hinreichende Gewähr für die Stetigkeit der üebung entnommen werden 
könne. 

B. Strafrecht und Strafprozess. 

Beihülfe im Auslände. 

Ist die als Beihülfe zu qualifizirende Thätigkeit im Auslande ent- 
wickelt, die Hauptthat dagegen im Inlande begangen, so ist die Bei- 
hülfe nicht nur im Auslande, sondern auch im Inlande geleistet worden. 
Urth. d. R.G. vom 18. März 1889 (Entsch. in Strafs. Bd. 19 8. 147). 

Diebstahl auf hoher See. 

Ein auf einem deutschen Handelsschiffe während der Fahrt auf 
hoher See verübter Diebstahl ist nach deutschem Rechte zu beur- 
theilen. ürth. d. K.G. vom 18. Juni 1889 (Archiv f. Strafr. v. Qolt- 
damer Bd. 37 S. 288). 

Deutsches Strafgesetzbuch § 4 — Reichsgesetz über die Erwerbung 
und den Verlust- der Bundes- und Staatsangehörigkeit vom 1. Juni 

1870 §18, 

Wer sofort nach Aushändigung der Urkunde über die nachge- 
suchte Entlassung aus der Staatsangehörigkeit des deutschen Bundes- 
staates, dessen Angehöriger er war, seinen Wohnsitz ausserhalb des 
Grebiets des Deutschen Reichs verlegt hat, kann, wenn er auch später 
diesen Wohnsitz wieder aufgegeben hat, wegen eines im Auslande 
verübten Verbrechens der Urkimdenfälschung und Vergehens des Be- 
trags im Deutschen Reiche nicht verfolgt werden. Beschl. des bayer. 
Obersten Landesgerichts vom 18. April 1889 (Sammig. der Entsch. in 
Strafsachen Bd. 5 S. 841). 

Vertraa zwischen Bayern und den Vereinigten Staaten von Amerika 
vom 26. Mai 1868, aie StacUsanaehörigkeit der wechselseitigen Ein- 
wanderer betr.j Art. IL 

Die gegen einen bayerischen Staatsangehörigen wegen der von 
ihm durch Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Amerika 
begangenen Verletzung der Wehrpflicht rechtskräftig ausgesprochene 



62 ReohtsprechuDg: Deutschland. 

Strafe ; deren Vollstreckung noch nicht verjährt ist, kann bei Eück- 
kehr desselben nach Bayern vollstreckt werden^ auch wenn er inzwisch^i 
Angehöriger der Vereinigten Staaten geworden ist. Beschl. des bayer. 
Obersten Landesgerichts vom 9. Oktober 1888 (Sammig. d. Entsch. in 
Strafsachen Bd. 5 S. 250). 

C. Reohtshülfe. 

a« Reehtsliülfe unter deutselieii Gerieliteii« 

Rechtshülfe in Disziplinarsachen, 

Die Bestimmungen des deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes 
§§ 157 ff. über Rechtshülfe; insbes. § 160, können keine analoge An- 
wendung finden; wenn eine Landesdisziplinarbehörde gerichtliche Recbts- 
hülfe in Anspruch nimmt. Entsch. des R.G. vom 21. Oktober 1889 
(Entsch. in Strafs. Bd. 19 S. 438). Aus den Gründen: Wenn auch 
in dem Disziplinarverfahren gegen preussische Beamte (um welches es 
sich hier handelte) infolge von Verweisung der preuss. Landesgesetz- 
gebung oder vermöge Analogie Bestimmungen der Keichsstrafprozess- 
gesetzgebung Anwendung finden sollten; so müssen doch diejenigen 
Bestimmungen von solcher Anwendung ausgeschlossen bleiben; welche 
eine auf besondere Voraussetzungen begründete Zuständigkeit der Gre- 
richte bestimmen; wie § 160. Weiter wurde erwogen, dass die Be- 
stimmungen der §§ 157 — 161 des deutsch. G.V.G.; welche von der 
Eechtshülfe handeln, wie aus § 157 in Verbindung mit § 2 des Ein- 
führungsgesetzes zum G.V.G. hervorgeht; auch in den Motiven zu den 
§§ 127—138 des Entwurfs (Hahn, Materialien S. 164 ff.), sowie bei 
der Kommissionsberathung (Hahu; Materialien S. 317) aufs bestimmteste 
betont ist; nur von der von den ordentlichen Gerichten gegenseitig in 
bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten und Strafsachen, also von der ordent- 
lichen streitigen Gerichtsbarkeit zu leistenden Rechtshülfe handeln. 

Beitreibung von Geldstrafen und Gerichtskosten, 

Zum Zwecke der Beitreibung erkannter Geldstrafen und der Gre- 
richtskosten bedarf es innerhalb des Deutschen Reiches eines Ersuchens 
um Rechtshülfe nicht. Die erkannten Geldstrafen sind nach § 161 
des G.V.G. durch unmittelbare Beauftragung eines Gerichtsvollziehers 
zur Vollstreckung zu bringen, wobei nach § 162 die Inanspruchnahme 
des Gerichtsschreibers nachgelassen ist. Ebenso kann die Vermittelang 
des Gerichtsschreibers auch für die Einziehung der Kosten in Ansprach 
genommen werden. Beschluss des R.G. vom 19. Dezember 1889 (Entsch. 
Bd. 25 S. 364). 

Kommissarische Vernehmung nach § 222 der deutschen Straf- 
prozessordnung, 

Wenn ein Amtsgericht unter Bezugnahme auf § 222 der Straf- 
prozessordnung die kommissarische Vernehmung anordnet, ist voraus- 
zusetzen; dass dasselbe einen der in § 222 bezeichneten FftUe su- 



Recbtshülfe. 63 

treffend erachtet tind kann alsdann der ersuchte Richter nicht deshalb 
das Ersuchen ablehnen, weil nach seiner Auffassung keine der Voraus- 
setzungen der fraglichen Gresetzesstelle vorliege. Beschluss des O.L.G. 
Stuttgart vom 21. Dezember 1889 (Jahrbücher der Württemberg. Rechts- 
pflege Bd. 3 S. 85). 

Rechtskül/egesetz van 1869, 

Das G^etz vom 21. Juni 1869, die Rechtshülfe im Norddeutschen 
Bimde betreffend, ist auf den Verkehr des Ehrengerichts der Anwalts- 
ordnung mit den Gerichten anderer deutscher Bundesstaaten nicht an- 
wendbar. Beschluss des O.L.G. Darmstadt vom 28. Januar 1890 (Archiv 
für prakt. Rechtswissenschaft Bd. 16 S. 76). 

b. Reehtslifilfe ^^e^^enüber dem Auslände« 

Auslieferung van Verbrechern, 

Hat das Ausland auf Grund eines mit Deutschland geschlossenen 
Vertrags einen flüchtigen Verbrecher an Deutschland ausgeliefert, so 
kann der Grrund der Ausliefenmg, sowie die Form desselben niemals 
Gregenstand eines der Strafverfolgung entgegenzusetzenden Einwandes 
sein. — Wird der Ausgelieferte wegen eines anderen, vor seiner Aus- 
liefenmg b^angenen Delikts als wegen des in der Auslief enmgsurkunde 
gedachten strafrechtlich verfolgt und verurtheilt, so ist eine Rechts- 
norm verletzt worden und unterliegt das Urtheil der Aufhebung. Urth. 
des R.G. vom 29. August 1888 (Archiv für Strafrecht v. Oaltdamer 
Bd. 36 S. 404). 

Beitreibung ausländischer üntersuchungs - und Straf erstehungs- 

hasten. 

Die bei einem ausländischen Gerichte erwachsenen Untersuchungs- 
und Straferstehungskosten k(5nnen nicht im Wege einer bei einem 
inlitndischen Grerichte erhobenen Klage rechtswirksam geltend gemacht 
werden, da kein zivilrechtliches Verhältniss besteht, sondern nur ein 
öffentlich rechtliches, und ohne Staatsvertrag die Beitreibung im In- 
lande nicht zulässig ist. Beschluss des Amtsgerichts Waldshut 1889 
(Annalen der bad. Gerichte 1889 S. 318). 

Die Redaktion der bezeichneten Zeitschrift bemerkt hiezu ganz 
richtig, dass die ergangene Entscheidung schon durch den völkerrecht- 
lichen Grundsatz sich rechtfertige, dass kein souveräner Staat zur Voll- 
streckimg der im Auslande gegen einen Inländer ergangenen Straf- 
ortheile mitwirkt. 



64 RechtsprechuDg. 



Frankreich. 

Berieht über französische Beehtsprechnng in Bezng auf 

internationales Priyatreeht. 

Mitgetheilt von Herrn 
li« Beaaehet, 

Professor an der Universität in Nancy. 

I. Zivilrecht. 

Persönliche Handlungsfähigkeit. 

Der Franzose^ welcher im guten Glauben und ohne alle Kennt- 
niss davon; dass ein Fremder in seinem Lande mit einem Kechts- 
bei stand (conseil judiciaire) versehen ist, von demselben als Deckung 
für Lieferungen einen von ihm allein ohne Mitwirkung seines Rechts- 
beistandes unterzeichneten Wechsel erhalten hat; kann die Zahlung 
dieses Wechsels gegen den Unterzeichner vor den französischen Ge- 
richten einklagen, soweit dieselben in der Sache selbst zuständig sind. 
(Paris, 20. März 1890, G. P. 90. 1. 710).*) — Dieses Urtheü entspricht 
der Kechtspraxis, welche in der Anwendung des heimathlichen Gesetzes 
eines Ausländers gewisse Modifikationen eintreten lässt, besonders wenn 
das Interesse eines Franzosen mit im Spiele ist. Aber die meisten 
Autoren machen, und wir glauben mit Kecht, in der Anwendung des 
die Geschäftsfähigkeit des Ausländers betreffenden Gesetzes nur in dem 
Falle eine Ausnahme, wenn derselbe seinen Stand und seine Hand- 
lungsunfähigkeit betrügerischerweise verheimlicht hat: „fraus omnia 
corv/mpitf'. 

Ehescheidung. 

1. Die Befugniss, Ehescheidung zu verlangen ; gehört unter die- 
jenigen Rechte, welche im eigentlichen Sinne Privatrechte heissen^ 
deren Genuss im Prinzip gemäss Artikel 1 1 des Code civil ausschliess- 
lich den Landesangehörigen vorbehalten ist. Der Aufenthalt eines 
Ausländers in Frankreich^ mag er auch noch so langjährig sein, kann 
ihm dieses Recht nicht verschaffen, welches nur aus einer vorschrifts- 
mässigen Ermächtigung, seinen Wohnsitz in Frankreich zu nehmen, 
hervorgehen kann; der nach dem Gesetze seines Heimathlandes einge- 
tretene Verlust seiner ursprünglichen Nationalität kann keinen 
•Einfluss auf seine Stellung gegenüber dem französischen Gesetze haben, 



*) Abkürzungen: 

D. F. = Dalloz pöriodique, 

S. = Sirey, 

P. F. = Pandectes francaises pöriodiques, 

G. P. = Gazette du Palais, 

Ann. =: Annales de droit commercial. 



Frankreich. 65 

imd fflr die Rechtsverluste; welche er sich möglicherweise in seiner 
Heimath durch seine Abwesenheit zugezogen hat^ kommt ihm in Frank- 
reich kein Ersatz zu. (trib. cw, Seim, 20. Mai 1890, G. P. 90. 1. 798). 
In dem vorliegenden Falle berief sich der Kläger auf die Bestimmungen 
des Art. 21 des deutschen Gesetzes vom 1. Juni 1870, nach dessen 
Wortlaut die deutschen Unterthanen^ welche das Reichsgebiet seit 
10 Jahren verlassen haben^ ihrer Nationalität verlustig gehen, infolge- 
dessen kein deutsches Gericht nach dem Wortlaut der deutschen Gesetze 
augenblicklich zuständig wäre^ um über seinen Prozess Recht zu 
sprechen^ und er also ausser Stande wäre, seine Rechte vor Gericht 
geltend zu machen. Diese Behauptung hat der Gerichtshof I. Instanz 
zu Paris nicht gelten lassen. Die Entscheidung widerspricht nach un- 
serer Ansicht der herrschenden Rechtspraxis und könnte zu schweren 
Unzukömmlichkeiten führen. 

2. Im Falle, wo ein in der Schweiz naturalisirter Franzose sich 
in diesem Lande hat scheiden lassen, kann die Frau, welche das Ur- 
theil vollzogen hat, indem sie auf die Glitergemeinschaft verzichtete 
und die Regulirung der ihr hierauf zustehenden Yergütungsforderungen 
annahm, sich hinterher nicht dem Vollzug der Liquidation in 
Frankreich widersetzen unter dem Verwand, es handle sich um eine 
Status&age, und die Entscheidung der Schweizer Gerichte könnte gegen 
sie nicht geltend gemacht werden. (Paris 10. Mai 1889, P. F. 90. 5. 17.) 

Ehevertrag. 

1. Um bei einer ohne Ehevertrag zwischen einem Ausländer und 
einer Französin eingegangenen Ehe das anwendbare Güterrechtssystem 
festzustellen, ist zu untersuchen, welches die wahrscheinliche 
Absicht der Parteien gewesen ist, und der Richter kann in Er- 
wägung der die Verehelichung begleitenden Umstände entscheiden, dass 
sie sich stillschweigend dem System der gesetzlichen Gütergemeinschaft 
haben unterwerfen wollen. (Paris, 12. Juli 1889, P. F. 90. 5. 1.) — Diese 
Lösung entspricht der Anschauung, welche heutzutage in der Theorie 
und in der Rechtspraxis vorzuwiegen scheint und wonach zur Fest- 
stellung des auf die Güter der Ehegatten anzuwendenden Güterrechts- 
Systemes nur ihr muthmasslicher Wille in Betracht zu ziehen ist. 
Was die Umstände anlangt, nach denen sich der Wille feststellen 
lässt, den bei den Parteien die Annahme des gesetzlichen Systemes 
voraussetzt, so liegt hier eine Thatfrage vor, worüber dem Richter 
die absolute Entscheidung zukommt, welche der Beurtheilung des 
Kassationshofes entzogen ist. (Cass. 18. Mai 1886, P. F. 86. 1. 156.) 

2. Nach denselben Grundsätzen wurde entschieden, dass, obwohl 
das System der gesetzlichen Gütergemeinschaft in Ermangelung einer 
^gentheiligen Vereinbarung in Frankreich nach Art. 1393 des Code 
dvü das gemeine Recht sein soll, die in diesem Texte enthaltene 
Regel, welche auf der muthmasslichen Absicht der Parteien beruht, 
sich nicht auf die ausserhalb Frankreichs zwischen einem Franzosen 

Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafirecht etc., Band I. 5 



66 Rechtsprechung. 

und einer Ausländerin geschlossenen Ehen erstreckt; und dass in diesem 
Falle die Kichter zur Fesstellung des auf die Privatinteressen der 
Ehegatten anwendbaren Systemes nach den besonderen^ mit jedem Falle 
verbundenen Umständen ermitteln müssen, welches der Wille der Kon- 
traktirenden gewesen ist (trib. civ. Seine 22. Mai 1890^ G. P. 90. 
1. 791). 

Wohnsitz, 

Eine Frau kann sich auf die ihrem Gatten als Ausländer be- 
willigte Ermächtigung; seinen Wohnsitz in Frankreich zu nebmen^ 
berufen. (Paris, 13. Aug. 1889, D. P. 90. 2. 161.) — Vor dem neuen 
Nationali^tsgesetz vom 26. Juni 1889 war die Frage, ob die einem 
ausländischen Familienoberhaupt bewilligte Ermächtigung, Wohnsitz 
in Frankreich zu nehmen, von seiner Frau und seinen minderjährigen 
Kindern beansprucht werden könnte, sehr bestritten. Heute erscheint 
es nicht mehr zweifelhaft, dass die Ermächtigung eine kollektive Wir- 
kung hat. In der That lässt das oben angeführte Gesetz von 1889 
nicht mehr den streng persönlichen Karakter zu, welchen früher die 
Naturalisation bot, denn nach seinem Art. 12 erstreckt sich die von 
einem Ausländer erworbene Naturalisation vollrechtlich auf seine minder- 
jährigen Kinder und auf seine Frau. Ebenso können auch die gross- 
jährigen Kinder auf ihren Antrag in den zu Gunsten des Familien- 
oberhauptes gefassten Naturalisations-Beschluss mit aufgenommen wer- 
den; daraus geht implicite hervor, dass der Frau imd den Kindern 
auch die Erlaubniss zum Wohnsitze, welcher die unerlässliche Vor- 
bedingung zum Wechsel der Nationalität ist, zugute kommen muss. 
Die umfassende Wirkung der Erlaubniss zum Wohnsitze leitet sieb 
auch noch aus Art. 13 — 3^ des Gesetzes von 1889 her, nach dessen 
Wortlaut die Frau und die minderjährigen Kinder des Ausländers, 
welcher diese Erlaubniss erhalten hat und gestorben ist, bevor er die 
Naturalisation erlangte, sich auf die dem Gatten und Vater bewilligte 
Ermächtigung stützen kann, welche er beantragt hat, um ihre Naturali- 
sation in Frankreich zu erlangen. 

Hypothek. 

Die gesetzliche zu Gunsten der verheiratheten Frau auf dem 
Immobiliar ihres Gatten ruhende Hypothek ist eine Schöpfung des 
Privatrechts und kann folglich nicht von der ausserhalb Frankreichs 
mit einem Ausländer verheiratheten Ausländerin beansprucht werden. 
Gleichwohl verhält es sich anders, und die ausländische Frau hat ein 
Recht auf die gesetzliche Hypothek im Falle diplomatischer Rezipro- 
zität. Uebrigens braucht die diplomatische Reziprozität, um dies zu 
bewirken, nicht identische Privatrechte zum Inhalt zu haben; es g^ 
nügt, wenn diese Rechte zu den Vorzugsrechten der Gläubiger gehören, 
dass man sie mit gleicher Geltung in den Gesetzgebungen der beiden 
Länder findet, welche sie gegenseitig den Landesangehörigen bewilligt 
haben. Aber die Gültigkeit der gesetzlichen Hypothek der ausländ!- 



Frankreich. 67 

sehen Frau onterliegt der Beobachtung der vom französischen Gesetz 
angestellten Regeln^ namentlich des Art. 1328 des (Jode civü, welcher 
verlangt; dass die Akte^ um gegen Dritte wirksam zu sein, ein sicheres 
Datum haben müssen. (Paris, 13. August 1889, D. P. 90. 2. 161.) 
Diese Entscheidimg entspricht der konstanten ßechtspraxis, welche 
sich über den Karakter der gesetzlichen Hypothek der verheiratheten 
Frau gebildet hat Man gibt übrigens allgemein zu, dass die im 
Interesse Dritter Torgeschriebenen Formalitäten, namentlich die bei 
Uebertragung von Immobiliar oder einer Hypothek vorgeschriebenen 
Massregeln der Publizität nach dem Territorialgesetz geregelt sein 
müssen. £s muss sich daher geradeso mit den Regeln verhalten, 
welche vorschreiben, dass ein Akt ein sicheres Datum haben muss, 
um Dritten entgegengestellt werden zu können. 

Ndtionalität. 

1. Wer auf französischem Gebiet von einem Vater ge- 
boren ist, der auf einem im Augenblick seiner Geburt mit 
Frankreich vereinigten und seitdem wieder abgetretenen 
Gebiet zur Welt kam, ist anzusehen, als sei er in Frankreich 
von einem Ausländer geboren, welcher selbst hier geboren wurde. 
So verhält es sich speziell mit dem in Frankreich Geborenen, dessen 
Vater auf einem kraft des Vertrags von 1814 wieder abgetretenen 
Gebiet geboren war. (Cassation, 22. April 1890, G. P. 90. 1. 772.) 
Diese zum erstenmal dturch ein Urtheil der Ej*iminal>Kammer vom 
7. Dezember 1883 bestätigte Lösung scheint zu einer konstanten Rechts- 
praxis werden zu wollen. 

2. Die Bestimmungen des Art. 21 des Code civil, welche den- 
jenigen mit Verlust seiner Eigenschaft als Franzosen bedroht, der ohne 
Elrmächtigung der Regierung Militärdienst im Auslande genommen 
hat, kann nicht auf den Franzosen Anwendung finden, der in einem 
Lande wohnhaft, wo der Bürgerkrieg ausbricht, dort in eine zum 
Schutze der Personen und Güter der Einwohner gegen die Ausschrei- 
tungen einer der in den Kampf verwickelten Parteien organisirte Frei- 
willigen-Abtheilung eintritt und keinen Sold von der Gemeinde oder 
dem Staate bezieht. (Cassation, 30. April 1890, G. P. 90. 1. 760.) — 
Vor dem Gesetze vom 26. Juni 1889 waren Theorie und Rechtspraxis 
einig in der Entscheidung, dass der im Auslande ohne Ermächtigimg 
der Regierung genommene Militärdienst nur dann den Verlust der 
französischen Nationalität nach sich ziehe, wenn die Einreihung in 
das reguläre Heer eines fremden Staates stattgehabt hat, aber nicht, 
wenn sie in Freikorps oder aber im Solde eines Prätendenten oder 
einer nicht anerkannten Regierimg stattgefunden hat. Diese Lösung 
muss noch unter der Herrschaft des neuen Gresetzes zugelassen werden, 
welches in dieser Hinsicht den Wortlaut des alten Art. 21 des Code 
ewü nicht geändert und sich darauf beschränkt hat, denselben im 
Art. 17 — 4^ wieder aufzuführen. 

5* 



68 Rechtsprechong. 

3. Die Aufllegong des neuen Nationalitätsgesetzes 
vom 26. Juni 1889 hat mehrere gerichtliche Entscheidungen veran- 
lasst. Von den wichtigsten heben wir diejenigen hervor ^ nach deren 
Inhalt a) das Gesetz vom 26. Juni 1889 keine rückwirkende 
Kraft hat imd folglich der in Frankreich von einem Ausländer 6e- 
borene, welcher dem Gesetze vom 7. Februar 1851 gemäss in dem 
Jahre nach dem Zeitpimkt seiner Grossjährigkeit sich auf seine Eigen- 
schaft als Ausländer berufen hat; nicht verlangen kann, dass er in 
Anwendung des Art. 8 § 3 des neuen Gesetzes als französischer Bürger 
erklärt werde , gestützt auf die rückwirkende Kraft dieses Gesetzes 
und auf die Wohlthat eines neuen Bechtes, welche für ihn aus dessen 
Bestimmungen hervorginge (trib, civ, Lille, 5. Dezember 1889, G. P. 
90. 1. 185). b) Gemäss demselben Grundsatze, dass das neue Gesetz 
keine rückwirkende Kraft hat, kann derjenige nicht für einen Fran- 
zosen erklärt werden, welcher als Kind eines im Auslande geborenen 
Vaters in Frankreich zur Welt kam und seine Grossjährigkeit unter 
der Herrschaft des alten Art. 9 des Code civil erreicht hat, weil er 
zur 2^it seiner Grossjährigkeit in Frankreich wohnhaft und vor Ueber- 
schreitung seines 22. Jahres im Augenblick der Kundmachung des 
neuen Gesetzes die Eigenschaft eines Franzosen gemäss dem Art. 8 § 4 
der neuen Fassung nicht abgelehnt hätte, c) Wenn nach dem Inhalte 
des durch das Gresetz von 1889 modifizirten Art 8 § 1 des Code eivü 
das uneheliche Kind, dessen Herkunft während seiner Minderjährig- 
keit durch Anerkennung oder Urtheil festgestellt worden ist, der 
Nationalität desjenigen seiner Eltern folgt, in Bezug auf welchen der 
Beweis seiner Abstanmiung zuerst erbracht ist, so ist die Nationalität, 
welcher das minderjährige Kind folgt, nothwendigerweise diejenige, 
welche seinem Vater oder seiner Mutter am Tage seiner Greburt selbst 
eigen war und nicht diejenige, welche der Anerkennende seitdem 
möglicherweise erworben hat, und welcher er gerade an dem Tage zu 
eigen hatte, wo diese Anerkennung erklärt wurde. (Nancy, 25. März 
1890, G. P. 90. 1. 627.) d) Die Bestimmung des durch das Gesetz 
von 1889 modifizirten Art. 12 § 3 des Code civil, welche unbeschadet 
der Möglichkeit der Ablehnung zur Zeit der Grossjährigkeit die Eigen- 
schaft von Franzosen vollrechtlich den minderjährigen Kindern 
des naturalisirten Ausländers zuertheilt, hat eine allgemeine 
Tragweite und findet nicht nur auf die Naturalisation durch Dekret, 
sondern auf jede Art der Erwerbung der französischen Nationalität 
mit der Gunst des Gesetzes Anwendung; insbesondere wird Franzose, 
unbeschadet der Möglichkeit der Ablehnung bei seiner Grossjährigkeit, 
das minderjährige imeheliche Kind einer Ausländerin, welche dasselbe 
anerkennt, nachdem sie die französische Nationalität durch Verhei- 
rathung mit einem Franzosen erworben hat. (Gleiches Urtheil.) 

Naturalisation, 

1. Einer ständigen Rechtspraxis gemäss, nach welcher die von 
einem Franzosen im Auslande einzig zum Zwecke der Umgehung des 



Frankreich. 69 

firanxöflischen Gesetzes erworbene Naturalisation in Frankreich keine 
Bechtswirknng haben kann^ wurde entschieden^ dass, wenn ein Ehegatte 
französischer Herkunft sich einzig zu dem Zweck als Ausländer naturali- 
siren lässt, um so ausserhalb Frankreichs eine vom französischen 
Gesetze verbotene Ehescheidung durchzusetzen , diese Naturalisation 
gegenüber der Frau nicht geltend gemacht werden kann^ und diese 
wohl berechtigt ist^ vor den französischen Gerichten die Nichtigkeit 
der zweiten Ehe zu betreiben^ welche ihr Gratte nach seiner Scheidung 
im Auslande eingegangen hat (Paris 14. Mfirz 1889^ D. R 90. 2. 88.) 

2. Die Naturalisation eines Franzosen im Ausland kann nicht 
als betrügerisch angesehen werden^ wenn dieselbe vorschriftsmXssig 
durch ein Dekret der französischen Regierung genehmigt worden ist. 
(Cass. 25. März 1889, 8. 90. 1. Üb.) 

3. Die von einem minderjährigen Frannosen im Auslande er- 
worbene Naturalisation hat die Denationalisirung zur Folge, wenn der 
Franzose seit seiner Grossjährigkeit die Kundgabe seines Willens er- 
neuert und von den ausländischen Behörden eine Bestätigung darüber 
erhalten hat Die Entscheidung, welche konstatirt, dass eine im Aus- 
lande erworbene Naturalisation den vom ausländischen Gesetze vorge- 
schriebenen Gültigkeitsbedingungen genügt, ist endgültig und fällt 
nicht unter die Beurtheilung des Kassationshofes. Derselbe Karakter 
kommt der Entscheidung zu, welche erklärt, dass das Naturalisations- 
gesuch frtri von jedem betrügerischen Hintergedanken gegenüber dem 
französischen Gesetze war. (Cass. 26. Februar 1890, G. R 90. 1. 610.) 

Literarisches Eigenthum. 
Wenn ein ausländisdier Verfasser oder dessen Stellvertreter in 
Frankreich einem französischen Verleger, dessen o£Fenkundiger Wunsch 
es ist, den Schatz des französischen Gesetzes zu geniessen, das Kecht 
der Vervielfältigung eines musikalischen Werkes, welches 
in Frankreich zum erstenmal veröffentlicht wird, abtritt, so 
muss das Werk als französisch gelten ; demzufolge kann die Dauer des 
Schutzes einzig durch die Vorschriften des französischen Gesetzes bestimmt 
werden, ohne dass diejenigen des ausländischen Gesetzes in Betracht zu 
ziehen sind. (Paris, 22.Nov. 1888, S. 90. 2. 121.)— Wenn man in der 
llieorie und vom gesetzgeberischen Standpunkt aus über die Frage 
streiten kann, welches das Kriterium sei, nach dem man sich in der 
Bestimmung der Nationalität eines Werkes richten müsse, so erscheint 
e« nicht zweifelhaft, dass vom Standpunkt des französischen Gesetzes 
aus der Ort der Veröffentlichung allein für die Frage in Betracht zu 
kommen hat, ob ein Werk französisch oder ausländisch ist. 

Erbreckt. 

1. Der französisch-schweizerische Vertrag vom 15. Juni 

1869 hat mit der Ertheilimgder Kompetenz an die schweizerischen Gerichte 

zur Entscheidung über die Streitigkeiten bezüglich der Liquidation 

und der Th^ung des testamentarischen oder nicht testamentarischen 



70 Rechtsprechung. 

Nachlasses eines in Frankreich gestorbenen Schweizers und bezüglich 
der zwischen den Erben und den testamentarisch von ihm Bedachten 
anzustellenden Berechnungen^ und mit der Stipulirung^ dass man sich 
bei der Theilung, Lizitation und der Veräusserung der Immobilien 
nach den Gesetzen des Landes, wo sie gelegen sind; zu richten 
habe; gerade anerkannt, dass die Mobiliar-Nachlässe nach dem 
Gresetz oder den Personalstatuten der Heimath des Verstorbenen zu 
regeln seien; folglich bleibt die Befugniss des Schweizers in Bezug 
auf die Verfügung über das Mobiliar, aus welchem sein Nachlass be- 
steht, den bei ihm geltenden Personalstatuten unterworfen; die gesetz- 
lichen Erben können als ünterthanen der Schweiz über die in Frank- 
reich hinterlassenen Mobilien des Testators den Vorbehalt oder das 
Sonderrecht beanspruchen, welches ihnen das schweizerische Gesetz 
gewährt; und dies selbst dann, wenn der Erblasser entgegen diesem 
Gesetz testamentarische Universalerben eingesetzt haben sollte, welche 
nach dem Wortlaut des französischen Gresetzes ein Recht auf den 
Gesammt-Nachlass hätten. (Cass. 11. Februar 1890; P. F. 90. 1. 90.) 

2. Der Verwalter des Nachlasses eines Ausländers, welcher 
ermächtigt worden war, in Frankreich zu wohnen und daselbst 
seine Hauptniederlassung hatte; ist trotz der Aufstellung eines anderen 
Verwalters durch ein ausländisches Gericht berechtigt, alle nützlichen 
Massregeln zu ergreifen und; selbst hinsichtlich der Ausländer; welche 
sich als Inhaber von Werthstücken oder zur Feststellung von deren 
Bedeutung nöthiger Stücke finden; die Grösse dieser Erbschaft zu 
konstatiren. (trib. civ. Seine, 6. Februar 1890, G. P. 90. 1. 350.) 

8 . Der Ausländer ist hinsichtlich seines Mobiliar-Nachlasses 
nur von dem Gesetze seines Heimathlandes abhängig; in dieser Hinsicht 
ist es unerheblich, dass er thatsächlich seinen Wohnsitz in 
Frankreich gehabt hat. Eine solche Unbeständigkeit hat stets gewisse 
Folgen, namentlich was die Bestimmung des zuständigen Richters 
betriff;, lässt aber den Grundsatz der Anwendung des heimathlichen 
Gesetzes des Erblassers unberührt. (Aix, 27. März 1890, G. P. 
90. 1. 601.) 

n. Handelsrecht. 

Znsammenstoss {zur See). 

1. Der Ausländer; welcher vor einem französischen Gerichtshof 
wegen eines durch ein ausländisches ihm gehöriges Schiff in ausländi- 
schen Gewässern verursachten Zusammenstosses verklagt ist; kann auf 
Grund der Artikel 435 und 436 des Handelsgesetzbuches Antrag 
auf Abweisung der Klage stellen; dieser Antrag kann übrigens 
gegen die Versicherer des vom Zusammenstoss betroffenen Schiffes 
gerichtet werden; sei es, dass sie in ihrem eigenen Namen, nach 
Art. 1382 des C. civ. auf Ersatz des Schadens klagen, dass sie die 
Klage gegen den Urheber dieses Schadens richten, nachdem sie sieb 



Frankreich. 71 

in das Klagrecht haben snbrog^ren lassen. (Paris ^ 1. August 1888^ 
Ann. 89 p. 19.) — Dieses ürtheil schliesst sich an die Theorie an, 
welche in der französischen Rechtsprechung vorwiegt^ und welche in 
der Frage^ welcher Gesetzgebung die Bestimmung der zu erfüllenden 
Förmlichkeiten zukommt ^ um die EntschSdigungsklage wegen eines 
Znsammenstosses und die mit deren Nichtbeachtung verbundene Ab- 
weisung zu wahren^ sich für das Gfesetz des Gerichts entscheidet ^ bei 
welchem die Klage anhängig ist. 

2. Der von dem Zusammenstoss betroffene Kapitän ist mit seiner 
^^^ S^^^ d^^ Urheber des Unfalls abzuweisen^ wenn er bei seiner 
Landung in einem fremdländischen Hafen sich damit begnügt hat^ 
vor dem französischen Konsul zu protestiren^ ohne dass dieser 
Protest gerichtlich angezeigt wurde ^ und selbst ohne dass ein dies- 
bezüglicher Antrag gestellt wurde. (Montpellier, 10. Juli 1889, G. P. 
90. 1. 39.) 

3. Wenn der Artikel 15 des internationalen Abkommens vom 
1. September 18 84 über die Zusammenstösse den beiden Kapitänen 
nur vorschreibt, an Steuerbord zu kommen, wenn sie sich sehen, so 
verbietet er ihnen nicht, es zu thun, wenn sie sich nicht sehen; man 
kann also dem Kapitän nicht einen Fehler vorwerfen, welcher dieses 
Manöver ausgeführt hätte im Falle, wo er, ohne das andere im Nebel 
verborgene Schiff zu sehen, die Damp^feife vor sich gehört hätte. 
(Gleiches Urtheil.) 

Seeversicherung, 

Durch eine in einer Seeversicherungspolice, welche ein Franzose 
im Ausland mit einer fremdländischen Versicherungsgesellschaft ab- 
geschlossen hat, angebrachte Klausel kann für den Fall eines Rechts- 
streites rechtswirksam die Zuständigkeit des Gerichtshofs des Ortes, 
wo die Police unterschrieben wurde, begründet werden, welches auch 
der Wohnsitz des Versicherten sei (Cassation, 13. März 1889, Ann. 89 
p. 1 43). — Die Rechtskraft der in eine Seeversicherungspolice eingetra- 
genen schiedsrichterlichen Klausel wird in der Theorie imd in der 
Kechtsprechung zugegeben. 

Konkurs. 

Die Handelsgerichte sind nicht zuständig für die Entscheidung 
über die Klage auf Vollstreckung fremdländischer Urtheile, welche 
einen Konkurs erklärt und einen gerichtlichen Vergleich bestätigt 
haben. (Handelsgericht der Seine, 25. April 1890, G. P. 90. 1. 
716.) — Die Rechtsprechung in diesem Sinne ist konstant. 

Zinsen, 

Die von einem Handelshause im Auslande, wo es seinen Sitz hat, 
nachgesuchte KjrediteröfFnung, welche von ihm an diesem Sitze an- 
erkannt und unter seine Aktiva eingetragen wird, zur Verwendung bei 
seinen Operationen an den verschiedenen Plätzen in den Ländern, wo 
es Beziehungen hat, kann nicht unter das französische Gesetz über 



72 Rechtsprechung. 

den ZinsfuBS vom 3. September 1807 fallen. (Caes. 19. Februar 1890^ 
G. P. 90. 1. 460.) — Die französische Kechtsprechung und die grosse 
Mehrheit der Autoren haben immer zugegeben^ dass das Gresetz vom 
3. September 1807 nur ein rein lokales Interesse habe^ indem es 
nicht hindere^ dass die Gerichte nach einem ausländischen Gesetz 
rechtsgültig gemachte Zinsbedingungen zu einem höheren Fusse als 
dem des firanzösischen Gesetzes anerkennen. Der Kassationshof gibt 
sogar ZU; dass in dem Falle^ wo die Anleihebedingungen zwischen den 
Parteien in Frankreich geregelt worden sind; es gentigt; wenn diese 
Anleihe im Auslande realisirbar war und thatsächlich realisirt wurde^ 
damit das ausländische Gesetz anwendbar sei. 

Wechsel. 
1. Das im Auslande nach den vom ausländischen Gresetze vor- 
geschriebenen Formen bewirkte Indossament eines Handelspapi^es 
ist in Frankreich gültig; selbst danu; wenn die Fomv gegen das franzö- 
sische Gesetz verstösst. So verhält es sich mit dem Indossament eines 
Wechsels; das in Belgien bewirkt und nicht datirt wurde; indem das 
Fehlen des Datums nach dem belgischen Gresetze die Grültigkeit des 
Indossaments nicht ungültig macht. (PariS; 14. Dezember 1888; D. P. 
90. 1. 60.) — Kechtsprechung und Theorie sind in Frankreich einig in 
der Anerkennung der Anwendung der Kegel „loetis regit adum'^ 
sowohl bei der Ausgabe als bei dem Indossament eines Handelspapiers, 
eine Regel; welche in Art. 85 der deutschen Wechselordnung aus- 
drückliche Anerkennung gefunden hat. 

. 2. Im selben Sinne ist geurtheilt worden; dass im Auslande zu 
Gunsten eines dritten; französischen Inhabers indossirte Wechsel (Trat- 
ten) rechtsgültig sind; obwohl das Indossament in blanco geschehen 
ist; wenn diese Art des Indossaments nach der ausländischen Gesetz- 
gebung statthaft ist. (Paris; 19. Januar 1889; Ann. 89 p. 44.) 

Gewerbliches Eigenthum. 

1. Die Neuheit einer Erfindung kann dadurch bewiesen 
werden, dass der Frfinder auf Grund einer offiziellen Prüfung der zur 
Unterstützung seines Gesuches beigebrachten Beweise sich ein Patent 
in Deutschland hat ausstellen lassen. (Nancy; 7. Mai 1889; D. P. 
90. 2. 145.) — Diese Lösung erscheint uns als zu absolut. In der 
That; wenn nach den Art. 13 ff. des deutschen Gesetzes vom 
25. Mai 1877 das Patentgesuch erst nach einer Art Untersuchung; 
welche sich nicht nur auf die Begelmässigkeit dieses Gesuches; sondern 
auch auf die Patentfähigkeit der Erfindung erstreckt; vom Patentamt 
zugelassen wird; so bildet diese vorgängige Prüfung doch keinen Beweis, 
sondern nur eine Vermuthung für die Neuheit der Erfindung. Nach 
den Art. 27 ff. des Gesetzes behalten die betheiligten Parteien 
das Becht; auf Nichtigkeit des Patents zu klagen und folglich zu be- 
weisen; dass die Erfindung; für welche ein Patent bewilligt worden 
ist; nicht den K^rakter der Neuheit besitzt. 



Frankreich. 73 

2. Wenn ein firanzÖsischer Geschäftsmann in Frankreich eine 
Fabrikmarke deponirt hat^ deren er sich seit langen Jahren bediente, 
80 ist diese Deponirung selbst dann gUltig, wenn vorher dieselbe 
Marke durch ein ausländisches Handelshaus in einem fremden Staate, 
der keinen diplomatischen Vertrag mit Frankreich hatte, deponirt 
worden wäre; es schuldet demzufolge der Nachahmer dieser Marke 
Schadenersatz mit Zinsen und kann die Beschlagnahme der nach- 
gemachten Gregenstände selbst dann angeordnet werden, wenn der 
Fabrikant, welcher auf Bechnung des ausländischen Hauses handelt, 
im guten Glauben handelte. (Riom, 13. Juni 1888, D. P, 90. 2. 126.) 
— Diese Lösung konnte nach unserer Meinung keinen Zweifel 
entstehen lassen, denn in dem vom französischen Gesetz über die 
Fabrikmarken angenommenen System ist die Deponirung einfach eine 
Erklärung des Eigenthumsrechts der Marke, und dieses Recht besteht 
schon vor der Deponirung von dem Tage an, wo der Deponirende 
Gebrauch von seiner Marke gemacht hat. 

8. Wenn auch nach dem Gesetze vom 26. November 1873 die 
Bestimmungen der betreffs der Fabrikmarken gültigen Gesetze zu 
Gunsten der Ausländer unter der Bedingung anwendbar sind, dass die 
Gresetzgebung ihres Landes oder internationale Verträge den Franzosen 
dieselben Garantien zusichern, so unterstellt der Art. 6 des Gesetzes 
vom 28. Juni 1857 in solchem Falle den Schutz der ausländischen 
Marken ihrer vorgängigen Deponirung auf der Gerichts- 
schreiberei des Handelsgerichts des Departement der Seine; folglich 
kann der Italiener, welcher nach der Konvention vom 20. März 
1883 Schutz seiner Marke geniesst, aber eine regelrechte Deponirung 
der Marke im Ursprungslande imd eine Deponirung in Frankreich 
bei der Grerichtsschreiberei des Handelsgerichts der Seine nicht nach- 
weist, in Frankreich wegen widerrechtlicher Aneignung oder Nach- 
ahmung der Marke den Rechtsweg nicht betreten. Dieselben Grund- 
sätze sind anwendbar in den Seestädten der Levante im Falle der 
vor der französisch-konsularischen Jurisdiktion betriebenen Rechtsyer- 
folgung. (Aix, 7. Februar 1890, Ann. 90 p. 79.) — Der in die Kate- 
gorie Derjenigen gehörige Ausländer, welchen die französische Gesetz- 
gebung (Gesetze vom 28. Juni 1857 Art. 5 und vom 26. Nov. 1873 
Art 9) in Frankreich das Eigenthumsrecht ihrer Marken gewähr- 
leistet^ muss, wenn er sich in Frankreich deren Grebrauch sichern will, 
ihre Deponirung entweder auf der Gerichtsschreiberei des Handels- 
gerichts seines Wohnorts oder, wenn er nicht in Frankreich wohnhaft 
ist, auf der des Gerichts des Ortes, wo seine Hauptniederlassung ist, 
oder in Ermangelung einer solchen . Niederlassung in Frankreich, auf 
der Grerichtsschreiberei des Handelsgerichts der Seine bewirken. Erst 
nach dieser Deponirung kann der Ausländer strafrechtliche Verfol- 
gung wegen der rechtswidrigen Nachahmung oder Aneignung seiner 
Marke fahren. 



74 Rechtsprechung. 

Ausländische Handelsgesellschaft 
1. Englisch ist^ welches auch die Nationalität der Mehrheit 
ihrer Aktionäre oder Verwalter sein mag, die in London gegrün- 
dete Handelsgesellschaft^ welche dort ihren Sitz hat und dort 
als solche nach dem Gesetze betreffend die Handelsgesellschaften ein- 
getragen ist; folglich muss zur Liquidation dieser Gesellschaft gemäss 
den Bestimmungen des englischen Gesetzes geschritten werden. Nach 
der Vorschrift dieses Gesetzes können die gerichtlich ernannten Li- 
quidatoren nicht ohne Weiteres von den Aktionären einer Gresell- 
Schaft mit beschränkter Haftung Nachzahlung fordern ^ sondern nur 
auf Grund eines kontradiktorisch zwischen den Liquidatoren nnd den 
Aktionären erlassenen und einem jeden der letzteren notifizirten ge- 
richtlichen Beschlusses. Bei Nichtbeobachtung dieser letzteren Vor- 
schrift ist die von Liquidatoren vor den französischen Grerichten er- 
hobene Klage auf Nachforderung abzuweisen. (Paris, 23. Jan. 1889, 
Ann. 89 p. 111.) — Was die Nationalität der Gesellschaften betrifft, so 
haben sich die französischen Grerichte mehrmals geweigert, solche als 
ausländisch zu betrachten, welche sich nur zum Zwecke der Umgehung 
der Strenge der französischen Gesetze im Auslande konstituirt hatten. 
Die in der Theorie wie in der französischen Rechtsprechimg am meisten 
geltende Meinung geht dahin, dass die Nationalität einer Gresellschaft 
durch den Ort ihrer Hauptniederlassung bestimmt wird. Nur weichen 
die Autoren und die Urtheile von einander ab, wenn es sich um die 
Bestimmung handelt, was unter Hauptniederlassung zu verstehen ist. 
Für die einen ist die Hauptniederlassung nach Art. 102 des C. civ. 
der Sitz der Gesellschaft, d. h. ihr Verwaltungssitz; ftlr die anderen 
ist es der thatsächliche Mittelpunkt des Betriebes und der gesellschaft- 
lichen Angelegenheiten. — Das oben angeführte Urtheil erkennt übri- 
gens gemäss einer konstanten Eechtsprechung an, dass die ausländi- 
schen juristischen Personen, wenn sie ihren Betrieb in Frankreich 
haben, von den in jenem Lande gültigen Gesetzen abhängig bleiben, 
wo sie sich konstituirt haben, und dass sie ebenso einen Personal- 
status haben wie die physische Person jenseits der Grenzen ihres 
Vaterlandes. 

2. Eine Gesellschaft, deren Hauptniederlassung sich im 
Auslande befindet, besteht gesetzlich und nicht als einfache wirk- 
liche Gesellschaft in Frankreich, sobald die vom ausländischen Ge- 
setze für seine Gründung vorgeschriebenen Bedingungen vorschrifts- 
mässig befolgt sind. Wenn die französische Filiale dieser Gresellschaft 
durch ein französisches Gericht in Konkurs erklärt worden ist, kann 
der in der Folge ernannte Konkursverwalter einen französischen Ak- 
tionär auf Abzahlung seiner Aktienwerthe verklagen, ohne dass dieser 
dagegen auf die Behauptung sich stützen könnte, dass die ausländischen 
Urtheile, welche die Liquidation der Gesellschaft und Forderungen auf 
Nachzahlung anordnen, in Frankreich nicht für vollstreckbar erklärt 
worden sind. Der beklag Aktionär wäre nicht berechtigt, sich dar- 



Frankreich. 75 

viber zu beschweren^ dass er nicht vor das ausländische Gericht 
beigeladen worden sei; er konnte solches gar nichts ohne seinen natür- 
lichen Richtern entzogen zu werden^ weil es sich um eine in Frank- 
reich durch einen Franzosen eingegangene Verpflichtung handelt. 
(Paris, 14. Nov. 1889, Ann. 90 p. 53.) — Die französische Recht- 
sprechung, welche den Grundsatz der Universalität und Einheit des 
Konkurses nicht anerkennt, gibt zu, dass eine ausländische Gesell- 
schaft in Frankreich in Konkurs erklärt werden kann, selbst wenn sie 
daselbst nur eine einfache Filiale hat; damit die Konkurserklärung 
der Gesellschaft in Frankreich möglich sei, gentigt es, wenn sie 
daselbst Handel treibt, irgend eine Niederlassung dort hat, wäre sie 
auch von untergeordneter Bedeutung. Wenn die Gesellschaft gleich- 
&lls im Auslande in Konkurs erklärt worden ist, so bestehen nach 
diesem System die beiden Konkurse gänzlich unabhängig von ein- 
ander, und es können folglich, wie das obenangeführte Urtheil zu- 
gegeben hat, die vom französischen Konkursverwalter verfolgten Schuld- 
ner des französischen Konkurses nicht einwenden, dass der auslän- 
dische Konkurs in Frankreich nicht vollstreckbar erklärt worden sei, 
um sich diesen Verfolgungen zu entziehen. 

3. Dem gleichen Prinzip entsprechend ist ein Urtheil dahin er- 
gangen, dass eine ausländische Gesellschaft regelrecht in Frankreich 
an dem Orte vorgeladen wird, wo sie eine Filiale hat. (Paris, 1. August 
1888, Ann. 89 p. 18.) 

Transport, 

Wenn eine Versendung auf dem Wege des direkten internatio- 
nalen Transportes vermittelst der Eisenbahn aus Spanien nach Frank- 
reich bewerkstelligt worden ist, ist das spanische Gesetz über die 
Verjährung selbst vor einem französischen Grerichte anwendbar, wenn 
der Empfänger einen Portonachlass gegen die eine oder andere Ge- 
sellschaft wegen zu hoher Kosten für die spanische Strecke geltend 
macht. Im Falle eine Aenderung in der spanischen Gesetzgebung seit 
der Absendung eingetreten ist, hat man sich nach der Dauer der neuen 
VeijShmngszeit zu richten, obgleich sie kürzer ist als die alte. 
(Handelsgericht Bordeaux, 27. April 1889, Ann. 90 p. 85.) — In der 
Streitfrage über die Verjährung im internationalen Recht scheint das 
obenangeführte Urtheil sich für die Anwendung des Gesetzes des 
Vertragsortes zu entscheiden. 

Verkauf, 

Wenn ein Waare n verkauf in Frankreich zwischen zwei Franzosen 
abgeschlossen worden ist, wovon der eine Theilhaber eines im Aus- 
land gelegenen Handelshauses ist und im Uebrigen die Lieferung be- 
sagter Waaren in Frankreich zu geschehen hat, so steht dieser Ver- 
kauf ausschliesslich unter französischem Gresetz ; folglich fällt die gegen 
genannten Theilhaber erhobene Klage auf Zahlung des Preises unter 
die durch Art. 64 des französischen Handelsgesetzbuches zu Gunsten 



76 ReobtspreohuQg. 

der TLeilhaber^ welche von der Liquidation aasgescUossen sind, fest- 
gestellte fünfjährige Verjährung^ nicht unter diejenige des ausländi- 
schen Gesetzes. (Bordeaux, 1. März 1889, D. P. 90. 2. 89.) — Was 
die Anwendung des französischen Gesetzes auf den Kaufvertrag betrifft, 
so war die bejahende Lösung ausser Zweifel und dies aus doppeltem 
Grunde : erstens weil der Vertrag in Frankreich abgeschlossen worden 
war, und zweitens weil er gleichfalls in Frankreich vollzogen werden 
sollte. Aber was die Anwendung des französischen Gresetzes auf die 
Verjährung der aus dem Kaufvertrag entstandenen Klage betrifft, so 
ist die durch das ürtheil gegebene Lösung zweifelhafter. Sie wider- 
spricht der neuesten französischen Rechtsprechung, welche im Wider- 
streit der Gesetze bezüglich der erlöschenden Verjährung sich für 
Anwendung des am Wohnsitz des Schuldners gültigen Gesetzes aun- 
spricht. Aeltere Urtheile, die uns besser begründet erscheinen, haben 
die Anwendimg des Gesetzes desjenigen Ortes zugelassen, welcher i.ea 
Vertrag bestimmt, d. h. meistens der lex lod contractus, 

111. Prozessverfahren. 

Cautio judicatiim solvi, 

1. Die ottomanischen Untert hauen haben in Frankreich die Cati- 
iio jtuliccUum solvi zu stellen. Sie sind davon weder durch ein an- 
gebliches Kecht der Gegenseitigkeit befreit, welches darauf be- 
ruht, dass die Kaution in der Türkei vor den zur Entscheidung über 
Streitigkeiten zwischen Ottomanen und Ausländern errichteten gemisch- 
ten Gerichten nicht erfordert wird, da der kaiserliche Firman vom 
18. Februar 1856, welcher diese Gerichte geschaflfen hat, nicht als 
ein diplomatischer Vertrag im Sinne des Art. 11 des C. dv. au%efasst 
werden kann, noch durch die Klausel der meistbegünstigten 
Nation, indem diese Klausel auf den Erlass der Cautio judicaium solvi 
keine Anwendung findet (trib. civ. Seine, 26. März 1890, G. P. 90. 1. 
670). — Diese Entscheidung weist, nach unsrer Ansicht mit Becht, 
die von gewissen Autoren zugelassene und selbst durch Urtheile be- 
stätigte Meinung zurück, nach welcher eine Befreiimg von der Elau- 
tion jtidicatum solvi in den Verträgen zu sehen wäre, welche für die 
ausländischen Staatsangehörigen in Frankreich die Behandlung der 
meistbegünstigten Nation ausbedingen. Diese Stipulation hat offenbar 
wie der Art. 11 des deutsch-französischen Vertrages von 1871 und 
Art. 1 des französisch -englischen Vertrages vom 16. Mai 1882 nur 
auf die üandelsbeziehungen der kontraktirenden Mächte Bezug. 

2. Jedoch ist nach dem französisch-portugiesischen Ver- 
trage vom 9. März 1858, welcher zu gegenseitigen Gunsten der An- 
gehörigen beider vertragschliessenden Parteien freien und leichten 
Zutritt bei Verfolgung und zum Schutze ihrer Rechte vor den Ge- 
richtshöfen ausbedingt, der Portugiese als Kläger in Frankreich von 
der Zahlung der Kaution judicatum solvi befreit. (trib. civ. 
Seine, 8. März 1890, G. P. 90. 2. 670.) 



• Frankreich. 77 

Kompetenz. 

1. In Sachen der Scheidung von Tisch und Bett oder der 
Ehescheidung zwischen Ausländern sind die französischen Ge- 
riclite^ obwohl inkompetent in der Entscheidung über die Hauptsache^ 
doch kompetent für Erlass der provisorischen Massregeln^ welche 
namentlich die Obhut der Kinder, die der Frau zuzuweisenden Ali- 
mentengelder und die von ihr zur Wahnmg ihrer Hechte beantragten 
Arreste betreffen. (Paris, 26. März 1889, D. P. 90. 2. 128.) — Die 
firanzösiche Eechtsprechung hat, trotzdem sie es als Grundsatz aufstellt, 
dass die französischen Gerichte inkompetent in der Entscheidung über 
Streitigkeiten zwischen Ausländem sind, gestützt auf § 1 des Art. 3 
des C civ. immer zugegeben, dass sie nichtsdestoweniger provisorische 
und schützende Massregeln zwischen Ausländern anordnen könne, so- 
wohl was Personen als was Güter betriflFt. 

2. Im Falle, wo eine durch ihre Ehe mit einem Deutschen zur 
Ausländerin gewordene Frau französischer Hevkunft gegen ihren Gatten 
vor einem französischen Gericht Ehescheidung beantragt, ist dieses 
Gericht kompetent, wenn der Beklagte ausbleibt oder nicht 
in limine litis die Einrede der Eigenschaft; des Ausländers geltend 
macht, oder wenn er darauf verzichtet; das Gericht kann übrigens 
nicht von Amtswegen diese Einrede würdigen, (trib. civ. Seine, 
2. August 1889, G. P. 90. 1. 192.) — Man gibt allgemein in Theorie 
und Rechtsprechung zu, dass wenn der beklagte Ausländer zu Anfang 
des Prozesses Stillschweigen beobachtet, er schweigend den franzö- 
sischen Gerichtsstand anninunt und diese Kompetenz weder in erster 
noch in zweiter Instanz ablehnen kann. Ebenso ist es allgemeine An- 
sicht, dass, selbst wenn in Statusfragen die Inkompetenzeinrede nicht 
in limine litis erhoben worden ist, die Gerichte die Entscheidung über 
die Sache behalten können. Doch haben gewisse Entscheidungen er- 
achtet, dass in Statusfragen diese Einrede zu denen der „öffentlichen 
Ordnung" gehört. 

3. Der auf Ehescheidung Beklagte, welcher auf Grund seiner 
Eigenschaft als Ausländer die Kompetenz der französischen Gerichte 
ablehnt, muss von vornherein nachweisen, dass er fremder Nationalität 
15t und andererseits beweisen, dass er im Ausland einen wirklichen 
Wohnsitz hat, vor dessen Kichter die Klage dienlicherweise eingebracht 
werden könnte; in Ermangelung dieser doppelten von ihm zu liefern- 
den BeweisMhrung muss die Inkompetenzeinrede abgewiesen werden, 
(trib. civ. Seine, 6. Juni 1890, G. P. 90. 1. 800.) 

4. Wenn auch grundsätzlich die französischen Gerichte inkom- 
petent sind in der Entscheidung über Streitigkeiten in Privatsachen, 
welche zwischen Ausländem entstehen, so verhält es sich nicht so, 
wenn die Klage den Ersatz für einen der Person oder den 
Gütern eines Ausländers durch einen anderen Ausländer 
zugefügten Schaden zum Zweck hat, selbst dann, wenn die schä- 



78 Rechtsprechang» 

digende Handlang nicht durch ein Strafgesetz gehemmt wäre; in die- 
sem Falle klagt der Ausländer mit vollem Kecht den Ausländer vor 
einem französischen Gericht an. (Zivilgericht Montpellier^ 7. Novem- 
ber 1889, G. P. 90. 1. 54.) — Die Kompetenz der französischen Ge- 
richte ist nach dem System der Kechtsprechung unzweifelhaft, wenn die 
von dem beklagten Ausländer begangene Schädigung ein crimen oder 
ein delictv/m bildet. Diese Anschauung wurde in dem oben erwähnten 
Urtheil auf den Fall eines quasi delictu/in ausgedehnt. 

5. Die französischen Gerichte sind nach dem Wortlaut des Art. 420 
des Zivilprozessgesetzbuches kompetent in der Entscheidung über Strei- 
tigkeiten zwischen Ausländern bezüglich des Vollzuges eines in 
Frankreich abgeschlossenen und daselbst zu vollziehenden Vertrages, 
(trib. civ. Seine, 6. Februar 1890, G. P. 90. 1. 351.) 

6. Das Handelsgericht, welches in Frankreich einen Ausländer 
in Konkurs erklärt hat, ist kompetent in der Entscheidung über 
alle aus diesem Konkurs entsprungenen Klagen, welches 
auch die Nationalität der Beklagten sei, gegen den der Konkursver- 
walter klagbar vorgeht; insbesondere ist es kompetent in der Ent- 
scheidung über die Klage, welche eine von dem Gemeinschuldner 
während der kritischen Periode gemachte Zahlung zum Gregenstand 
hat. (Paris, 6. Dezember 1889, Ann. 90 p. 104.) — Wenn ein 
französisches Grericht einen Konkurs hat aussprechen können, so ist es 
kompetent in der Entscheidung über alle aus dem Konkurs entsprungene 
Klagen, welches auch die Nationalität der Parteien sei. 

7. Für Beurtheilung des Falls eines Zusammenstosses von 
Schiffen besteht kein besonderer Gerichtsstand. Es kommen daher die 
allgemeinen Grundsätze zur Anwendung. Der Art. 14 des C. dv., 
wonach der Ausländer wegen im Auslande eingegangener Ver- 
pflichtungen gegen einen Franzosen vor die französischen Grerichte 
geladen werden kann, findet sowohl auf kontraktliche Verpflichtungen 
als auf diejenigen Anwendung, welche aus einer eine Privatklage ver- 
anlassenden Handlung hervorgehen. In Ermangelung eines Wohnsitzes 
oder Aufenthaltes des Ausländers in Frankreich muss er vor dem Gre- 
richt des Wohnsitzes des Klägers eingeklagt werden. Diese Hegel 
kann nur in dem einen speziellen Grerichtsstand begründenden Falle 
eine Ausnahme erfahren, und Art. 420 des Ziyilprozessgesetzbuches 
ertheilt in Sachen eines Zusammenstosses von Schiffen dem Gerichte 
des Zufluchtshafens, welches weder derjenige des Reisezieles, noch 
der der Landung, noch derjenige der Auszahlung der Entschädigung 
ist, keine Kompetenz. (Aix, 28. Februar 1889, Ann. 90 p. 17.) — Die 
Bechtsprechung erklärt gemäss Art. 435 und 436 des Handelsgesetz- 
buches, dem Zwange gewisser Nothf alle Kechnung tragend, in Sachen 
eines solchen Zusammenstosses für zuständig bald das Grericht des der 
Unglücksstätte nächst gelegenen Ortes, bald dasjenige des Hafens, 
wohin das vom Zusammenstoss betroffene Schiff seine Zuflucht genom- 
men hat, bald dasjenige des Ankunftshafens nach dem Zusammenstoss 



Frankreich. 79 

auf der Fahrlinie ^ bald selbst dasjenige des Ortes ^ wo die Proteste 
erhoben worden sind. 

Ausländisches UrtheiL 

1. Die Formen des Zivilprozesses werden durch das Gresetz des 
Landes bestimmt; wo die Klage erhoben wird; folglich ist die in 
Frankreich an einen Franzosen durch einen Engländer ergangene Vor- 
ladung vor den englischen Richter nach den Fristen des eng- 
lischen Gesetzes und bewirkt durch den Beamten des den Prozess 
betreibenden Anwalts gültig. Die durch Versäumnissurtheil aus- 
gesprochene; rechtskräftige Verurtheilung in die Kosten kanu; wenn 
dieselbe entsprechend dem englischen Gresetze auch nicht zugestellt ist; 
für vollstreckbar erklärt werden. (Paris, 17. Februar 1888, D. P. 90. 
2. 5.) — Es wird allgemein anerkannt; dass ein ausländisches Urtheil 
in Frankreich nur dann fUr vollstreckbar erklärt werden kanU; wenn 
der Beklagte vorschriftsmässig vor das ausländische Grericht geladen 
worden ist. Das oben erwähnte Urtheil hat mit Recht den sich auf 
die Unregelmässigkeit der Vorladung stützenden Abweisungsantrag ab- 
gelehnt; denn dieselbe war dem Gresetz des Gferichtes gemäsS; vor 
welchem die Klage eingeleitet war; abgefasst und zugestellt worden, 
was nach der allgemein in Frankreich herrschenden Meinung zu ihrer 
Gültigkeit gentigt. 

2. Die französischen Grerichte können ausländische gegen Personen 
ausgesprochene XJrtheile; welche nicht in den Prozess gesetzt und vor- 
geladen wurden, auf die Klage zu antworten, nicht berücksichtigen, 
da die freie Vertheidigung zum öffentlichen Recht gehört und Niemand 
ungehört verurtheilt werden kann. (Aix, 27.März 1890, G. P. 90. 1.601.) 
— Konstante Rechtsprechung. 

Ausländisches Gesetz. 

1. Die Einwendung, dass der Rechtsstreit nach ausländischem Ge- 
setz hätte entschieden werden müssen, kann nicht erst vor dem Kas- 
sationshof vorgebracht werden, da diese Einrede Feststellungen von 
Thatsachen erfordert, welche lediglich durch die Richter der Haupt- 
sache gemacht werden können. (Gass., 15. Juli 1889, D.P. 90. 1. 100.) 

2. Derjenige, welcher sich vor französischen Gerichten auf die 
Bestimmungen eines ausländischen Gesetzes beruft, dessen Anwendung 
er fordert, muss den Inhalt dieses Gesetzes beweisen; und es 
genügt nicht, nur eine Abschrift davon vorzulegen, deren Ursprung 
und Authenzität nicht feststeht. (Bordeaux, 1. März 1889, D. P. 90. 
2. 89.) — Dieses Urtheil bestätigt die Rechtsprechung, wonach der fran- 
zosische Richter sich nicht nach den Bestimmungen des ausländischen 
Gresetzes zu erkundigen und sie anzuwenden braucht, wenn die sich 
darauf berufende Partei nicht den Beweis dafür erbringt. Was die 
Art der Beweisführung für die Bestimmungen des ausländischen Ge- 
setzes betrifft, so geht aus den Urtheilen hervor, dass die Gerichte 
den Werth der vorgelegten Urkunden nach den Umständen zu wür- 



80 RecfatsprechuDg. 

digen haben und diese Würdigung in das ausschliessliche Gebiet des 
Thatrichters gehört. 

Zustellungen. 

1. Nach Art. 69 § 9 des Zivilprozessgesetzbuches müssen die- 
jenigen^ welche das französische Gebiet ausserhalb des Konti- 
nents bewohnen^ und diejenigen, welche im Auslande ansässig 
sind, bei der Staatsanwaltschaft des Grerichts vorgeladen werden, wo 
die Klage erhoben ist. Daraus folgt, dass, wenn die Bathskammer 
fcha/mbre des reqmtes) auf den Antrag eines Bewohners von Tunis den 
Zulassungsbeschluss erlassen hat, derselbe bei der Staatsanwaltschaft 
des Kassationsbofes zuzustellen ist mit Ladung des Beklagten vor die 
Zivilkammer. (Cass. 20. November 1889, D. P. 90. 1. 54.) 

2. Der § 9 des Art. 69 des Zivilprozessgesetzbuches ist übrigens 
nur in dem Falle anwendbar, wo die vorzuladende Partei keinen 
bekannten Wohnsitz in Frankreich hat; insbesondere muss ein 
Franzose, obgleich er eine Niederlassung im Ausland hat, der in 
Art 68 desselben Gresetzbuches verzeichneten Grundregel gemäss, wenn 
er einen Wohnsitz in Frankreich hat, an diesem Wohnsitz und nicht 
bei der Staatsanwaltschaft des Gerichtes, wo gemäss Art. 69 § 9 die 
Klage erhoben werden soll, vorgeladen werden. (Cass. 20. Novem- 
ber 1889, D. P. 90. 1. 171.) 

lY. Straf recht. 

Kompetenz. 

Der Ausländer, welcher angeklagt ist, in Frankreich einem 
Banquier von im Ausland gestohlenen Werthpapieren abgetrennte Kou- 
pons angeboten und versucht zu haben, sich deren Werth auszahlen 
zu lassen, indem er betrügerische Schliche anwandte, um an das Vor- 
handensein eines erdichteten Guthabens glauben zu machen, kann 
nicht die Kompetenz der französischen Gerichte ablehnen unter 
dem Vorwand, die von ihm begangene Handlung bilde nicht das Ver- 
gehen des Betrugs, sondern Hehlerei bezüglich der im Ausland ge- 
stohlenen Gfegenstände begangen durch einen Ausländer in Frankreich, 
überdies, wenn aus den Feststellungen des angegriffenen Urtheils her- 
vorgeht, dass der ihm zur Last gelegte Betrug durchaus verschieden 
ist von der angeblichen Hehlerei und seine Strafbarkeit nicht von 
dem Vorhandensein eines vorher begangenen Verbrechens abhängt. 
(Cass. 8. November 1888, s. 90. 1. 287.) — Da der im Ausland be- 
gangene Diebstahl vor die französischen Gerichte nur in dem Falle 
gehört, wenn er von einem Franzosen begangen ist, so kann die Heh- 
lerei, welche nur eine Art von Theilnahme am Diebstahl darstellt, 
selbst wenn sie in Frankreich begangen wird und auf Gegenstände 
Bezug hat, die von einem im Ausland durch einen Ausländer be- 
gangeneu Diebstahl herrühren, nicht der Gegenstand strafrechtlicher 
Verfolgung vor den französischen Gerichten sein. Es ist dies in 



Prankreieb. 81 

der Theorie und in der Kechtsprechung feststehend. Aber im vor- 
liegenden Falle lag dem Angeklagten ein von der Hehlerei verschie- 
denes und in Frankreich begangenes Vergehen zur Last. Die franzö- 
sischen Gerichte waren daher kompetent darUber zu erkennen. 

Im Auslande begangenes Verbrechen. 

Der Franzose^ welcher sich in Belgien eines oder mehrerer Ver- 
gehen wider die Sittlichkeit (also nach französischem Gesetze 
^oalifizirter Verbrechen) schuldig macht; kann in Frankreich verfolgt 
und abgeurtheilt werden ^ wenn er dorthin zurückgekehrt ist^ selbst 
wenn er in Belgien wegen desselben Falles ^ der vom belgischen Ge- 
setz als Vergehen angesehen wird^ verfolgt worden wäre, wenn das 
in letzterem Lande gefällte Urtheil in coräumaeiam ergangen ^ nicht 
endgültig und nicht vollstreckbar ist. (Cass. 17. Oktober 1889^ D. P. 
90. 1. 138.) — Da Art. 5 § 3 code mstr. crim, bestimmt; dass keine 
Verfolgung in Frankreich stattfinden kann; ^wenn der Angeschuldigte 
beweist; dass er im Ausland endgültig verurtheilt worden ist^; muss 
unter endgültigem Urtheil eine unwiderrufliche Entscheidung verstan- 
den werden; wogegen kein Kechtsmittel mehr möglich ist. Was die 
Frage betrifft; ob man sich auf den Standpunkt des französischen 
oder des ausländischen Gesetzes stellen musS; um zu bestimmen; ob 
das ausländische Urtheil einen endgültigen Karakter in dem eben 
angedeuteten Sinne hat; so spricht das oben erwähnte Urtheil impli- 
dtey und zwar mit Kecht auS; dass man die ausländische Gesetz- 
gebung in Betracht ziehen muss. 

Auslieferung. 

Wenn ein des qualifizirten Diebstahls beschiüdigtes Indi- 
viduum sich in die Schweiz geflüchtet hat und ausgeliefert worden 
ist; bleibt die Auslieferung rechtswirksam bestehen für den Fall; wo 
die Untersuchung den qualifizirten Diebstahl auf die Bedeutung eines 
einfachen Diebstahls zurückgeführt hat; sei es weil dieses letztere 
Vergehen als eine Abweichung von der Anklage oder weil es unter die 
Uebertretnngen gehört; für welche die Auslieferung nach den zwischen 
Frankreich und der Schweiz abgeschlossenen Verträgen verlangt wer- 
den kann. Selbst im Falle; wo der Angeklagte das Recht hat; seine 
Auslieferung für nichtig erklären zu lassen; kann das Gericht; bei 
welchem regelrecht die Verfolgung anhängig gemacht ist; sich nicht 
für inkompetent erklären und sich ersparen^ ein Urtheil zu fälleU; 
vorbehaltlich des Kechts des Angeklagten; seine Lifreiheitsetzimg und 
Wiederverbringung an die Grenze zu verlangen. (LyoU; 13. Mai 1889; 
P. F. 90. 5. 14.) 



Zeitflchrift f. intein. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. Q 



82 Rechtsprechung: Grossbritannien. 



Grossbritannien. 

Englische Entselieidiiiigeii ans dem Jahre 1889, 

mitgetheilt von Herr.^ Dr. Ernst Schuster^ Barrister-at-Law in London. 

I Per sanenr echte. 

a) Staatsangehörigkeit. 

Ein auf Grund des Naturalisationsgesetzes von 1870 in England 
naturalisirter Ausländer ^ der seine frühere Staatsangehörigkeit nicht 
aufgegeben oder verloren hat^ hat die Rechtsstellung eines englischen 
Unterthans nur insoweit; als sie nicht mit seiner Rechtsstellung als 
Unterthan oder Bürger seines heimathlichen Staats kollidirt. 

Dementsprechend wurde ein Antrag auf Bestellung eines Vor- 
munds für die in Frankreich wohnenden Kinder eines in England 
naturalisirten Franzosen^ der seine Staatsangehörigkeit nicht angegeben 
hatte und in Frankreich verstorben war^ abgewiesen ^ obgleich ein 
grosser Theil des Nachlasses sich in England befand (In re Baurgoise 
41 Gh, D. 310). 

b) Domizil.. 

1. Bei der Beweisaufnahme darüber ^ ob Jemand in einem gege- 
benen Zeitpunkt an einem gegebenen Orte domizilirt war^ sind auch 
solche Thatsachen erheblich, welche erst nach dem gegebenen Zeitpunkt 
eingetreten sind (In re Orove 40 Gh. D. 216). 

2. Nicht die Aussagen einer Person, deren Domizil ermittelt 
werden öoll, sondern ihre Handlungen sind massgebend (N. MuUen 
V. Wadsworth 14 App. G. 631). 

c) Legitimität. 
Die Legitimität eines Kindes ist nach dem Rechte des Orts zu 
beurtheilen, an welchem die Eltern zur Zeit der G«burt domizilirt 
waren. Unter Anwendung dieses Grundsatzes wurden die Eander eines 
in England domizilirten und daselbst verstorbenen Genfers, der die 
Mutter derselben erst nach deren Geburt geheirathet hatte, für illegitim 
erklärt, ol^leich die Grenfer Behörde auf Antrag des Vaters die Kinder 
s. Z. für legitim erklärt hatte. (Nach englischem Recht ist die Le- 
gitimation unehelicher Kinder überhaupt unmöglich.) (In re Qrove 40 
Gh. D. 216.) 

IL Obligationenrecht. 

Die Gültigkeit einer Vertragsbestimmung ist zwar prima foune 
nach dem Rechte des Orts zu beurtheilen, an welchem der Vertrag 
abgeschlossen wird, doch hat das Gericht stets die besonderen umstände 
des Falls zu prüfen und danach zu entscheiden, ob nicht ein anderes 
Recht anwendbar ist. 

Eine englische Aktiengesellschaft schloss in Boston durch Ver- 
mittelung ihres daselbst wohnenden Vertreters einen Seefrachtvertrag ab, 
der den Transport einer Ladung von Boston nach England auf einem 



Oesterreioh-Ungarn. 83 

englischen SchifPe zum Gegenstand hatte, nnd in weichem die Haftung 
der Verfrachterin für Fahrlässigkeit des Schiffers oder der Mannschaft 
ausgeschlossen wurde. Nach dem in Boston (Staat Massachussets) gel- 
tenden Rechte ist eine derartige Bestimmung ungültig. Die Ent* 
Scheidung erklärt sich ftlr die Anwendbarkeit des englischen Rechts 
und dementsprechend für die Gültigkeit der Klausel. (In re Missouri 
Steamship Company 42 Ch. D. 321.)^) 



Oesterreich- Ungarn. 

Seehtepreehiing der Geriebtshofe in Oesterreich-Üngani. 

Räumliche Herrschaft der ßechtsnormen. 

a. lieber einverständlich mit Berufung auf internationales Recht ge- 
stellte Begehren um Trennung der im Auslände von ausländischen 
Altkatholiken abgeschlossenen Ehe durch das von beiden hierum ge- 
betene^ nach dem Wohnorte des Ehegatten zuständige österreichische 
Eh^ericht ist auf Grund der einschlägigen Normen der inländischen 
Gesetze grundsätzlich nicht nach ausländischen Gesetzen^ sondern nach 
den inländischen Gesetzen mit Rücksicht auf das zu wahrende jits 
publicum^ zu erkennen. Entsch. des Oberst. Ghf. in Wien vom 11. Januar 

1888 (G.Ztg. 1888 Nr. 10, Spruchpraxis 1888 S. 149). 

b. Die Zulässigkeit einer Rechtshülfehandlung ist nach dem 
fiir das ersuchte Gericht geltenden Rechte zu beurtheilen. Entsch. des 
Oberst- Ghf. vom 16. Aprü 1887 (Spruchpraxis Bd. 4 S. 186). 

Wohnsitz. 

Der Wohnsitz eines Geschäftsreisenden bestimmt sich nach 
dem Wohnsitze des Kaufmanns, bei dem er bedienstet ist. Entsch. 
des Oberst. Ghf. vom 29. Januar 1890 (Spruchpraxis 1890 S. 248). 

Oertliche Gerichtszuständigkeit. 

ä. Eine beklagte ausländische Gesellschaft kann es nicht ab- 
lehnen, dort Recht zu nehmen, wo sie eine Agentie zur Yermittehmg 
des Verkehrs mit dem Publikum in ihren Angelegenheiten bestellt und 
das in Oesterreich verfangene, naturgemäss in den örtlichen Wirktmgs- 
kreis dieser als Zweigniederlassung erscheinenden Agentie fal- 
lende Rechtsgeschäft abgeschlossen hat. Entsch. des Oberst. Ghf. vom 
21. November 1889 (Spruchpraxis 1890 S. 178). 

b. Der Besitz einer Fabrik seitens einer Handelsfirma begründet 
eine Niederlassung im Sinne des § 58 J.N. und somit den Gerichts- 



1) Entscheidungen, betreffend den Zivilprozess, folgen im nächsten 
Hefte der Zeitschrift. 

6* 



§4 Reclitäprecliung> 

stand der Zweigniederlassung. Entsch. des Oberst. Gbf. rem 
14. Juli 1889 (Spruchpraxis 1890 8. 178). 

c. lieber die Gültigkeit einer zwischen zwei in O esterreich 
domizilirenden Ehegatten geschlossenen Ehe haben die österreichi- 
schen Gerichte zu entscheiden^ wenn auch die Ehe im Auslande ge- 
schlossen wurde; die Ehegatten Ausländer sind und der österreichische 
Bichter möglicherweise ausländisches materielles Eecht in Anwendung 
zu bringen hat. Entsch. des Oberst. Ghf. vom 16. September 1888 
(Spruchpraxis 1890 S. 162). 

d. Die Zuständigkeit zur Untersuchung der von einem österreichi- 
schen Staatsbürger im Auslande geschlossenen Ehe hat sich nur 
nach dem letzten gemeinschaftlichen Wohnsitze der Ehegatten zu 
richten. Ein österreichischer Grerichtshof ist demnach zur Untersuchung 
der Gültigkeit einer von einem österreichischen Staatsbürger im Aus- 
lande geschlossenen Ehe dann nicht kompetent; wenn die £2h^atten 
ihren Wohnsitz immer im Auslande hatten. Entsch. des Oberst. Ghf. 
vom 16. März 1890 (Beil. zu den Jur. Blättern vom 11. Mai 1890 
N. 19). 

e. Bei Prüfung der Zuständigkeit eines österreichischen Grerichts 
kommt die Staatsbürgerschaft des Klägers nicht in Frage. E. d. 
Oberst. Ghf. vom 12. März 1890; den Eechtsstreit um ein österreichisch- 
ungarisches Privilegium zwischen einer in Paris ständig domizilirenden 
Industriegesellschaft (Klägerin) und einem in Berlin ständig wohnen- 
den schweizerischen Unterthan (Beklagten) betreffend (Beil. z. Just. 
M.V.B1. 1890 Nr. 549). 

f. Die österreichisch-ungarischen Staatsbürger unterstehen in 
streitigen und nichtstreitigen Angelegenheiten sowohl untereinander 
als mit Unterthanen dritter Staaten im osmanischen Reich der Zu- 
ständigkeit der k. k. österreichischen Konsulargerichte; können daher 
in keinem Falle vor die Lokalgerichte gezogen werden. E. d. Oberst. 
Ghf. V. 22. Oktober 1889 (Spruchpraxis 1890 S. 72). 

Beweiskraft der in Deutsehland geführten Handelsbücher. 

a. Der GedankC; dass einem aus dem Auslande stammenden Be- 
weismittel die dem inländischen Gesetze entsprechende Beweiskraft im 
Inlande nur insofern beigemessen werden könne ; als die gleiche Be- 
handlung inländischer Beweismittel im Auslande dargethan werde; ist 
den im internationalen Verkehre angenommenen Grimdsätzen ebenso 
fremd; wie der österreichischen Gesetzgebung. Auch in Beziehung 
auf den Beweis durch Handelsbticher ist nichts Aehnliches ausge- 
sprochen. Das hier zunächst in Betracht zu ziehende Patent vom 12. De- 
zember 1875 beruft sich auf die Reziprozität nur zur Motivirung der 
exzeptionellen Bestimmung; welche gestattet; den inländischen B[an- 
delsbüchem im Prozesse gegen Ausländer ein über die Vorschrift des 
inländischen Gesetzes hinausgehende Beweiskraft einzuräumen. Dies 
ist nur eine Konzession; nicht bestimmt; eineb neuen Eechtssatz ans- 



Oesterreich-Ungarn. 85 

znspreeheii. E. d. Oberst. Ghf. v. 24. Juli 1889 (Beil. z. Jur. Bl. 
Nr. 499, Spruchpraxis 1890 8. 71). 

b. Uebiör die Pflicht zur Vorlage von im Auslände geftthr- 
ten Handelsbüchern s. E. d. Oberst. Ghf. und Kassationshofs vom 
1. April 1890 (Beil. Nr. 664 zum Just.M.V.Bl.). 

Einwendung der Streitanhängigheit. 

Die Einwendung derStreitanhängigkeit ist unzulässig, wenn dieselbe 
Kechtssache bei einem französischen Gerichte anhängig ist. Es wurde 
erwogen, dass die Anhängigkeit eines Streites bei einem ausländischen 
Gerichte in Beziehung auf die Zulässigkeit der Einwendung 
der Streitanhängigheit bei einem inländischen Gerichte nur 
dann gleichgesetzt werden könnte, wenn ein bei dem ausländischen 
Grerichte erwirkter Exekutionstitel im Inland in Gewährung der Rechts- 
hülfe, ohne eine vorher vor dem inländischen Gerichte durchzuführende 
meritorische Verhandlung der Streitsache vollstreckbar wäre, dass aber 
ein solches Recht shülfeverhältniss zwischen Oest erreich und Frankreich, 
wie sich schon aus dem Dekrete der obersten Justizstelle vom 1. März 
1809 Z. 726 ergibt, nicht besteht. E. d. Oberst. Ghf. vom 29. Mai 
1888, Z. 6526 (Just.M.Verordn.Bl. 357, Spruchpraxis 1888 S. 322). 

Unwirksamkeit ausländischer ürtheile gegen minderjährige Oester- 

reicher. 

ITrtheile ausländischer Gerichte haben, wenn die Prozesspartei 
Gestenreicher und nach österreichischem Rechte noch minderjährig ist, 
bezüglich dieser im Inlande keine Wirkung. E. d. Oberst. Ghf. vom 
13. November 1888 (Jur.Bl. 1888 Nh 52, Spruchpraxis 1889 S. 101). 

Vollstreckbarkeit ausländischer ürtheile. 

a. Ein Ersuchschreiben des ausländischen Gerichts gehört nicht zu 
den Voraussetzungen der Vollstreckbarkeit ausländischer Ürtheile. E. 
d. Oberst. Ghf. vom 1. April 1890 (Beil. z. Just.M.V.Bl. 1890 Nr. 665). 

b. ürtheile rumänischer Gerichte sind in Oesterreich nicht voll- 
streckbar. E. d. Oberst. Ghf. v. 30. Januar 1889 (Beil. z. Just.M.V.Bl. 
1889 Nr. 120). 

c. In Oesterreich hat der Exekutionsbewilligung eines in Preus- 
sen gefällten Urtheils (wegen bestehender Gegenseitigkeit) eine Entschei- 
dung über die Zulässigkeit der begehrten Vollstreckung vorauszugehen. 
Um mm diese Entscheidung im kürzesten Wege herbeizuführen, ge- 
nügt es wohl, eine einfache kontradiktorische Verhandlung durch dies- 
bezügliche Vernehmung des Gegners einzuleiten, bei welcher sich le- 
diglieh auf die Erörterung und Prüfung der wenigen (in den österr. 
Grea.) bezeichneten Formalpunkte zu beschränken ist, um eine moti- 
virte Entscheidung zu fällen. Es ist also nicht das ordentliche Ver- 
fahren einzuleiten. E. d. Oberst. Ghf. v. 17. September 1889 (Spruch- 

?raxis 1890 S. 135). Bezug genommen, ist auf die Hofdekrete vom 
8. Januar 1792, 15. Februar 1805 und 4. August 1840. 



86 Rechtsprechung. 

d. In dem über die Vollstreckbarkeit eines von einem ausländischen 
Grerichte gefällten Urtheils einzuleitenden Delibationsverfahren 
kommt das materielle Rechtsverhältniss nicht weiter in Frage. E. d. 
Oberst. Gbf. vom 7. Dezember 1886 (Spruchpraxis Bd. 4 S. 110). 

e. Auf Grund eines Urtbeils eines preussischen Gerichtes wurde 
die Exekution gegen den Sachfälligen bei einem ungarischen Be- 
zirksgerichte nachgesucht. Dasselbe wies den Exekutionssucher zum 
Nachweise des gesetzlichen Bestandes der Reziprozität zwischen Oester- 
reich-XJngam und Preussen an. Die kgl. Tafel in Budapest; annullirte 
das ganze Verfahren mit folgender Motivirung: ^Ein Exekutionsansuchen 
auf Grund eines ausländischen Urtheils unterliegt der Bestimmung des 
§ 3 der G.O. LX 1881 (Exekutionsordnung). In einem solchen Falle 
ist gemäss § 10 desselben Gesetzes vor der meritorischen Erledigung 
des Exekutionsgesuches mit beiden Parteien ausnahmslos eine Tag- 
satzung zu halten." Jurist. Bl. 1889 Nr. 38 S. 450. 

f. Ein von einem preussischen Gericht im Mahnverfahren erlassener 
bedingter Zahlungsbefehl, welchem wegen nicht erhobenen Wider- 
spruchs ein VoUstreckungsbefehl beigesetzt ist, kann gleich einem 
rechtskräftigen Urtheil in Oesterreich für vollstreckbar erklärt worden. 
E. d. Oberst. Gbf. vom 25. Juni 1889 (Jurist. Bl. 1889 Nr. 42 
8. 502). 

g. Im Verfahren wegen Vollstreckbarkeitserklärung eines von 
einem deutschen Gerichte geschöpften Urtheils bat der österreichi- 
sche Richter nicht die individuelle, sondern niu: die allgemeine 
reichsländische Gerichtszuständigkeit zu prüfen. E. d. Oberst. 
Gbf. V. 25. Mai 1887 (Spruchpraxis Bd. 4 S. 297). 

h. Die Rücksichten der Reziprozität berühren nur die Voraus- 
setzungen der Vollstreckbarkeit, keineswegs aber die Form des Ver- 
fahrens, in welchem der Bestand dieser Voraussetzungen zu ^läutern 
ist. E. d. Oberst. Gbf. v. 23. August 1887 (Spruchpraxis Bd. 4 
S. 364). 

i. Sofern es sich um die pcto. Vollstreckbarkeit eines deutschen 
Urtheils in Oesterreich angezweifelte Reziprozität handelt; sind die 
§§ 660 und 661 der deutschen Zivilprozessordnung massgebend, wo- 
nach das Vollstreckungsurtheil ohne Prüfung der Gesetzmässigkeit der 
Entscheidung zu erlassen ist. Die Einwendung nicht gehöriger La- 
dung wird durch die entgegengesetzte Konstatirung im Urtheile selbst 
widerlegt. E. d. Oberst. Gbf. v. 29. Dezember 1886 (Spruchpraxis 
Bd. 4 S. 160). 

k. Zum Vollzuge von Exekutionsakten^ welche lediglich zur Sicher- 
stellung auf Grund nicht rechtskräftiger Erkenntnisse ungarischer 
(also auswärtiger) Gerichte bewilligt wuräen^ fehlen die nach allgemei- 
nen und speziellen Rechtsgrundsätzen erforderlichen Vorbedingungen 
der Exekution; solche Akte sind daher in Oesterreich nicht vollstreck- 
bar. E. d. Oberst. Gbf. v. 18. Aprü 1886 (Spruchpraxis Bd. 8 S. 202). 



Qesterreich-Ungarn. 87 

1. Die ZuBt^tiiig eine« von einem deutschen Gerichte erlassenen 
ArrestbeschluBses auf Pf^dung eines in Oesterreich befindlichen 
Vermögens an den in Oesterreich wohnenden Drittschuldner 
wurde verweigert mit folgender Begründung: ^Die Zustellung an die 
Länderbank hat den Zweck und die Eechtswirkung; die bewilligte 
Pfändung in Vollzug zu setzen (§ 780 Abs. 3 der deutschen Zivil- 
prozessordnung); dieselbe stellt sich sonach als der Vollzug einer von 
einem auswärtigen Gerichte gegen einen Inländer auf sein im Inlande 
befindliches Vermögen bewilligte provisorische Vorkehrung dar. { Für 
solche FcÜle darf aber der österreichische Kichter dem ausländischen 
keine Bechtshülfe leisten. Es bestehen in Oesterreich keine ausdrück- 
lichen gesetzlichen Bestimmungen darüber^ ob provisorische Exekutions- 
oder Sicherheits Verfügungen ausländischer Gerichte hier vollstreckbar 
sind oder nicht. Es kann demnach diese Frage nur von Fall zu Fall 
unter Anwendung des Grundsatzes der Reziprozität beantwortet wer- 
den. Wie sich das Deutsche Reich und die einzelnen Staaten d^- 
selben der vorliegenden Frage gegenüber verhalten, ob dort proviso- 
rische Exekutions- oder Sicherstellungsverfügungen fremder Gerichte in 
Vollzug gesetzt werden, liegt nicht vor. Die mit Just.Min.Erl. vom 
28. März 1880 Z. 3938 den österreichischen Grerichten bekannt ge- 
gebenen §§ 660 und 661 der deutschen Z.P.O. r^eln nur die Voll- 
streckung rechtskräftiger Urtheile fremder Gerichte. Es ist auch nicht 
bekannt, dass thatsächlich derartige provisorische Verfugungen öster- 
reichischer Gerichte im Deutschen Reiche über allf^liges Ansuchen 
vollzogen werden. Bei dieser Sachlage erscheint die requirirte Zustel- 
lung Tmstatthaft.^ 

Aber auch die Zustellung einer auf obige Arrestbewilligung sich 
beziehenden Kostenrechnung der preussischen Gerichtskasse, worin es 
hiess^ dass die Länderbank für diese Kosten zu haften und den Be- 
trag einzusenden habe, widrigenfalls ohne weitere Mahnung die Bei- 
treibung im Zwangsverfahren eintrete, wurde nach Erkenntniss des 
obersten Gerichtshofs vom 17. Februar 1886 als unzulässig befunden, 
da es sich hier nicht um eine einfache Zustellung, sondern um ein 
Exekutionsansuchen handelt, die Aufforderung zur Kostenzahlung mit 
dem Beisatze gestellt werde, dass im Falle der Nichtzahlung die Bei- 
treibung im Zwangsverfahren eintreten würde und die Frage, ob die 
qu. öisterreichische Länderbank, welche als Zweitschuldner belangt 
werde, in dieser Eigenschaft überhaupt in Anspruch genommen wer- 
den könne, noch unentschieden sei. (Spruchpraxis Bd. 3 S. 153.) 

m. Die Klage auf Vollstreckbarkeit eines vom Schiedsgerichte 
der Berliner Produktenbörse gefüllten Urtheils kann nicht ex 
pnmo decreto wegen mangelnder Förmlichkeiten des schiedsrichter- 
liehen Kompromissvertrags und auch nicht wegen mangelnden Nach^ 
weises über die Zustellung der Klage und des schiedsrichterlichen Ur- 
theües zurückgewiesen werden; es muss vielmehr hierüber der Gegner 



88 Rechtsprechtmg. 

gehört werden. E. d. Oberst. 6hf. vom 17. Juli 1889 (Spruchpraxis 
1890 8. 57). 

Nachlc^sbehancUung. 

a. Dem Gläubiger; welcher Forderungen gegen denNachlass eines 
Ausländers anmeldet; ist keine Präklusivfrist zur gerichtlichen Grel- 
tendmachung zu bestimmen. E. d. Oberst. Ghf. v. 1 2. Februar 1 889 
(Beil. z. Just.M.V.Bl. Nr. 429, Spruchpraxis 1889 S. 179\ 

b. Der Nacblass eines in Wien wohnhaften Ausländers, zu dessen 
Abhandlung ein ausländisches Gericht zuständig erkannt ist, ist nicht 
fondsgebührenpflichtig. E. d. Oberst. Ghf. v. 18. März 1890 (No- 
tariatszeitung 1890 8. 129). Dagegen hat ein Erkenntniss des öster- 
reichischen Verwaltungsgerichtshofs vom 5. März 1889 Z. 852 (mit- 
getheilt in der österr. Gerichtshalle 8. 60) ausgesprochen: Gehört der, 
wenn auch ausserhalb Oesterreichs verstorbene Ausländer einem Staate 
an, welcher die österreichischen Staatsangehörigen den gleichen Ab- 
gaben, wie seine eigenen Bürger unterzieht, so ist der in Oesterreich 
zurückgebliebene bewegliche Nachlass auch dann gebührenpflichtig, wenn 
das österreichische Gericht denselben nicht zu pflegen hat. 

c. Ueber Anwendung der Bestimmung über die besonderen Vorkeh- 
rungen in Rücksicht der Verlassenschaften der Ausländer zur Be- 
friedigung der österreichischen Gläubiger des Erblassers (§ 138 
des Patentes vom 9. August 1854) s. E. d. Oberst. Ghf. v. 27. Fe- 
bruar 1890, mitgetheilt in Nr. 16 der Beilage zu den Jur. Blättern 
V. 20. April 1890. 

Vormundschaft 

üeber Ausübung der Pflegschaftsgerichtsbarkeit rücksichtlich der 
Kinder von Ausländem, welche in Oesterreich ihren ordentlichen Wohn- 
sitz haben, s. E. d. Oberst. Ghf. v. 28. Januar 1890, mitgetheilt unter 
Nr. 538 der Beilage zum Just.M.V.Bl. 



Schweiz. 

Reehtsprechiing des schweizerischen Bondesgerichts. 

L Mitgetheilt von Herrn Buodesrichter Dr. Hafner in Lausanne aus der 
«Revue der Gerichtspraxis im Gebiete des Bundeszivibrecbts* : 

Art, 29 B.Oes. über Organimtion der Bundesrechtspflege und 

Art. 662 O.R.^). 

Für die Frage^ durch welches örtliche Kecht ein Kechtsv^hJÜtniss 
beherrscht werde, ist das zur Zeit der Begründung desselben geltende 
Recht massgebend. Bezüglich von Verträgen, die vor Inkrafttreten 
des eidgen. O.R. abgeschlossen worden sind^ ist daher das Bundes- 



1) CR. = Schweizerisches Obligationenrecht. 



Schweiz. 89 

gericht an den bezüglichen Entscheid des kantonalen Grerichts ge- 
bunden. Ent8ch. y. 26. April 1890 i. S. Metropole c. Griseb 
(Revue etc. Bd. 8 S. 91). 

Ferhältniss des eidgen. O.B. zum kantonalen OewohnheitsrechL 

Bedeutung der Bärsenusancen. 

Das eidg. O.R. hat in den von ihm geregelten Materien ^ soweit 
nicht besondere Vorbehalte gemacht sind^ das gesammte bisherige kan- 
tonale Gesetzes- und Grewohnheitsrecht aufgehoben^ wie ihm denn, da 
es ftbr die gesammte Schweiz absolut gemeines Recht schafft^ auch in 
Zukunft weder durch kantonales Gesetz noch durch Grewohnheiten 
derogirt werden kann. Wären (was übrigens nicht der Fall ist) die 
Bestimmungen von Börsenusancen als Gewohnheitsrechtssätze^ als objek- 
tive Rechtsnormen zu betrachten^ so wären sie durch das eidgen. O.R. 
aufgehoben. Dieselben können nur als stillschweigend vereinbarter 
Vertragsbestandtheil; als lex contracttis in Betracht kommen. Entsch. 
t. 13. September 1888 i. S. Gebr. Weller c. Abt (Revue etc. Bd. 7 
8. 3). 

Art. 6 und 10 des Bundes- Oes.f beireffend die persönliche Handlungs- 

fäldgkeit^). Handlungsfähigkeit der Schweizer im Auslände, Muss 

die Bevormundung eines Schweizers zu ihrer Wirksamkeit auch an 

seinem ausländischen Wohnorte publizirt werden? 

I. H. von R.; Kt. Luzeru; stand in seiner Heimathgemeinde 
imter staatlicher Altersvormundschaft; bevor er das Alter der Voll- 
jährigkeit erreichte, wurde gegen ihn im Jahre 1868 die Bevogtigung 
wegen Verschwendung ausgesprochen und dies im luzemischen Amts- 



') Art. 6: ,,Die (in Art. 5 Ziff. 1 und 2 we^en Verschwendung, geisti- 
ger oder körperlicher Gebrechen, dann bei fieiwilliger Begebung unter 
Vonnundacbaft) vorgesehenen Beschränkungen der Handlungsfähigkeit 
wirken Dritten gegenüber erst, nachdem sie in einem amtlichen Blatte des 
Kantons, in welchem die Vormundschaft verhängt wurde, und wenn der 
Bevormundete in diesem Zeitpunkte in einem anderen Kanton seinen Wohn- 
ritz hatte, auch in diesem Kanton veröffentlicht worden sind. Nach dieser 
YeröffentÜehung erzeugen die von dem Entmündigten vorgenommenen 
Beohtsgeschäfte, welche nicht durch das kantonale Recht ihm zu freiem 
Abschlnss vorbehalten sind, nur diejenigen Wirkungen, welche das Bandes- 
gesetz fiber das Obligationenreoht in den Art. 30, 32, 33 und 34 den von 
Personen mit beschränkter Handlungsfähigkeit abgeschlossenen Verträgen 
des Mobiliarverkehrs zuerkennt* 

Art. 10: »Die Bestimmnngen dieses Gesetzes gelten für alle Schweizer, 
seien sie im Inlande oder im Auslande wohnhaft. 

Die persönliche Handlungsfähigkeit der Ausländer richtet sich nach 
dem Rechte des Staates, dem sie angehören. 

Wenn jedoch ein nach dem Rechte seines Landes nicht handlungs- 
flbiger Ausländer in der Schweiz Verbindlichkeiten eingeht, so wird er 
verpflichtet, insofern er nach schweizerisohem Rechte handlungsfähig wäre.** 



90 Rechtsprechung. 

blatte publizirt. Später lies sich H. in niederländisch-indische 
dienste anwerben; nach Beendigung seiner Dienstzeit hielt er sich 
eine Zeit lang in Harderwyk (Holland) auf und schloss dort im 
Jahre 1882 mit W. in Harderwyk einen Vertrag ab, wodurch er dem- 
selben sein mütterliches (in R. vormundschaMich verwaltetes) Erbgut 
abtrat. W. trat nunmehr klagend gegen den inzwischen in die 
Schweiz zurückgekehrten H. auf, indem er Aushändigung des ab- 
getretenen Erbgutes verlangte. Dieses Begehren wurde von allen In- 
stanzen abgewiesen, vom Bundesgericht mit folgender Begründung: 
,^ Fragt sich, ob der Beklagte bei Abschluss des Vertrags vom 2. De- 
zember 1882 handlungsfähig war, so ist dafiir für den schweizerischen 
Richter gemäss Art. 10 Abs. 1 des B.Gres. vom 25. Juni 1881 aus- 
schliesslich schweizerisches und in keiner Beziehung fremdes (hollän- 
disches) Recht massgebend. Denn das zitirte B.Gres. schreibt ja aus- 
drücklich vor, dass seine Bestimmungen fiir alle Schweizer, wohnen 
sie im In- oder Auslande, gelten, ohne für Verpflichtungen, welche 
Schweizer im Auslande eingegangen haben, eine Ausnahme anzuer- 
kennen, wie sie allerdings in Art. 10 Abs. 3 ibidem für Verpflich- 
tungen statuirt sind, welche Ausländer in der Schweiz übernehmen. 
Nach schweizerischem Rechte nun war der Beklagte bei Abschluss des 
Vertrags vom 2. Dezember 1882 nicht handlungs- bezw. verpflich- 
tungsfähig, da er damals wegen Verschwendung in seiner Heimath 
entmündigt war. Diese Bevogtigimg ist weder mit dem Eintritt des 
Volljährigkeitsalters noch mit dem Inkrafttreten des B.Ges. vom 
25. Juni 1881 weggefallen, sondern hat zur Zeit des Abschlusses des 
Vertrages noch fortgedauert. Die fernere Einwendung, dass die 
durch die Bevogtigung eingetretene Beschränkung der Handlungs- 
fähigkeit dem Kläger gegenüber gemäss Art. 6 des B.Gres. vom 
25. Juni 1881 deshalb nicht wirke, weil sie in Holland nicht publi- 
zirt worden sei, ist offenbar imrichtig. Art. 6 cit. findet im vor- 
liegenden Falle überhaupt keine Anwendung, denn die Entmündigung 
des Beklagten ist vor dem Inkrafttreten des B.Gres. erfolgt, und es ist 
daher die Frage, ob bezw. in welcher Weise dieselbe publizirt werden 
musste, um Dritten gegenüber rechtswirksam zu werden, nicht nach 
dem zitirten B.Gres., sondern nach dem zur Zeit der Entmündigung 
geltenden Rechte zu beantworten. Uebrigens bezieht sich Art. 6 nur 
auf interkantonale, nicht auf internationale Verhältnisse, und er schreibt 
nur vor, dass, wenn der Entmündigte zur Zeit der Entmündigung in 
einem anderen Kanton wohne, als in demjenigen, der die Vormundschaft 
verhängt, die Entmündigung auch im Wohnortskantone veröffentlicht 
werden müsso, keineswegs dagegen, dass eine solche Veröffentlichung 
auch an jedem späteren Aufenthaltsorte des Bevormundeten stattzu- 
finden habe, was ja unter Umständen, wenn der Bevormundete ohne 
Bewilligung und Wissen der Vormundschaftsbehörde den Aufenthalt 
wechselt, völlig imdurchführbar wäre^. Entsch. v. 20. April 1888 i. S- 
Wolf/Helfenstein (Revue etc. Bd. 6 S. 3). 



Schweiz. 91 

Art. soff, utid Art. 76 des O.R. Äussereheliche Schwängerung. 

M. F. belangte den A. D. auf Bezahlung von 4000 Franken 
Schadensersatz oder einer entsprechenden jährlichen Pension für Unter- 
halt und Erziehung ihres ausserehelichen Kindes^ unter der blossen 
Behauptung, dass derselbe der Vater dieses Kindes sei. Dabei bemerkte 
sie^ dass sie die Klage nicht auf das freiburgische Patemitätsgesetz^ 
sondern lediglich auf Art. 50 ff. O.E.^) stütze. 

Die EJage wurde vom Bundesgerichte abgewiesen. Gründe: 
Die blosse Thatsache der Schwängerung einer Weibsperson ist weder 
gegenüber der Mutter noch gegenüber dem Kinde eine unerlaubte 
Handlung, sofern nicht Umstände vorliegen; welche die Zustimmung 
der Mutter zu dem fleischlichen Umgange ausschliessen (Verführung, 
Grewalt, Irrthum u. s. w.). Solche Umstände sind aber von der 
Klägmn nicht einmal behauptet worden. Die auf die blosse That- 
sache der Vaterschaft gestützte Klage ist keine EJage aus unerlaubter 
Handlung, sondern hat, wie der Deflorationsanspruch der Mutter, ihr 
Fundament in dem natürlichen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen 
Vater und Kind und gehört daher dem Familienrechte an. Nach 
Art. 76 O.E.^) Wlt sie daher unter das kantonale Becht. Die Zu- 
lassung einer solchen Schadensersatzklage würde zur Folge haben, 
dass auf einem Umwege die Vaterschafts- und Alimentationsklage in 
denjenigen Kantonen eingeführt würde, welche dieselbe unziüässig er- 
klären. Entsch. vom 24. März 1888 i. S. Fragni^re c. Duriaux 
(Revue etc. Bd. 6 8. 5)»). 

OtrÜiche Anwendung des Rechts bezüglich obligationenrechtlicher 

Verhältnisse. 

Für die örtliche Eechtsanwendung rücksichtlich obligationenrecht- 
licher Verbältnisse ist seit dem Inkrafttreten des eidgenössischen O.R. 
nicht mehr kantonales, sondern eidgenössisches Becht anwendbar, so 
dass in dieser Beziehung nicht mehr die Bestimmungen der kantonalen 
Gesetzbücher, sondern die durch Doktrin und Praxis gemäss Sinn und 
Geist des eidgenössischen Gesetzes zu entwickelnden Grundsätze gelten. 
Entsch. V. 28. März 1890 i. S. Westermann c. Oetling & Cie. 
(Kevue etc. Bd. 8 S. 91). 

') Art. 50ff. d. O.R. handeln von der Haftung aus unerlaubten Hand- 
loDgen. 

*) Art. 76 O.R.: „Die Entstehung von Schuldverpflichtungen aus 
FamiUen- oder erbrechtliohen Verhältnissen sowie aus Gründen des öffent- 
lichen Rechts wird durch das kantonale oder das bezügliche eidgenössische 
Recht geregelt." 

^) Vgl. Hüber, j System und Geschichte des Schweiz. Privatreohts, 
1 S. 484 ff.; Boasei y Manuel du droit civil de la suisse etc., S. 49f.; Eoth, 
System des deutschen Privatrechts, II S. 368 f., 380 f.; Puchelt^ Zeitschrift 
fUr französisches Zivilrecht, II S. 336—350, XVI S. 574 und XVIII S. 688; 
Zoduiriä-ISicTielt f Handbuclf des französischen Zivilrechts, 6. Auflage II 
S. 700 Kote 14a.£.; Sirey, Cod. civ. annot^, 3. Aufl. Art. 340 Anm, Uff. 
tt. Art. 1382 Anm. 355—506. 



92 Rechtoprechnng. 

Vergleich; inwiefern steht derselbe unter eidgendssisch^n Bechte? 

Verträge; welche inhaltlicli dem durch das schw. O.R. normirten 
Rechtsgebiete angehören ; unterstehen auch dann den Bestimmungen 
dieses Gesetzes^ wenn sie im Wege des Vergleiches, zu Abwendung 
rechtlicher Entscheidung über bestrittene Ansprachen abgeschlossen 
werden. Entsch. v. 22. November 1889 i. S. Erben Jenni c. Blumer 
(Revue etc. Bd. 8 S. 44). 

Kompensation grundversicherter Forderungen- 

Die Tilgung grundversicherter Forderungen durch Verrechnung 
(Kompensation) steht ausschliesslich unter kantonalem Recht, also auch 
danu; wenn dasselbe für die Ausübung des Kompensationsrechtes be- 
züglich solcher Forderungen keine besonderen Bedingungen aufstellt; 
sondern lediglich (wie z. B. nach Cod. civ. fran^.) die allgemeinen 
zivilrechtlichen Bestimmungen über die Kompensation zur Anwendung 
kommen. Entsch. v. 20. Dezember 1889 i. S. Groudard u. Cons. c. 
üavard (Revue etc. Bd. 8 S. 47). 

Anfechtung van Rechtsgeschäften eines Schuldners wegen Verkürzung 

der Gläubiger, 

Der Inhalt der Verpflichtung zur Rückgewähr, wie sie demjenigen 
obliegt; welchem gegenüber ein von ihm mit einem Gemeinschuldner 
abgeschlossenes Geschäft wegen Verkürzung der Gläubiger aufge- 
hoben worden ist, richtet sich gemäss Art. 889 O.R.*) nach kanto- 
nalem Recht. Das letztere Recht entscheidet daher, ob diese Ver- 
pflichtung auf Rückgewfthr schlechthin gehe oder nur auf RückgewShr 
gegen Erstattung der aus dem aufgehobenen Rechtsgeschäft dem EjHidar 
gemachten Gegenleistung. Entscli. v. 4. April 1888 i. S. Ersparniss- 
kasse Luzern c. Konkursmasse Egli (^Revue etc. Bd. 6 8. 15). 

ErbrechtskonkordcU vom 15. Juli 1822. Beariff der Erbstreitigkeüen. 

Streit tiher die Grösse des Weiberguts. 

Zu den Erbstreitigkeiten ; ftir welche gemäss obigen Konkordats 
der heimathliche Richter des Erblassers zuständig ist, gehören auch 
ErbtheilungsstreitigkeiteU; insbesondere Streitigkeiten über die Grültig- 
keit einer abgeschlossenen Erbtheilung. Der Streit über die Höhe der 
Weibergutsforderung der Wittwe des Erblassers resp. darüber, ob die 
Wittwe von der mit Verwaltung des Nachlasses befassten Behörde als 
Nachlassgläubigerin mehr erhalten habe; als ihre Weibergutsß^rdernng 
betrage; ist keine erbrechtliche Streitigkeit, sondern diese Klage qnali- 
iizirt sich als eine persönliche (Rückforderung8-)Klage und ist daher 
am Wohnort des Beklagten anzubringen. Entsch. v. 16. März 1888 
i. S. Huber u. Gen. (Revue etc. Bd. 6 8. IBOj. 

*) Art. 889 O.K.: „Die Anfechtung von Rechtsgeschäften, welche ein 
Schuldner in der Absicht abschliesst, seine Gläubiger zu beeinträchtigen, 
wird bis zum Erlasse eines eidgenössischen Gesetzes über Beitreibung im 
Konkurs nach dem kantonalen Recht beurtbeilt.*^ 



ScWeiz. 93 

Art. 56 und 43 Abs. 2 B.Oes. über Zivilstatid und Ehe. Besteht ein 
Eheaerichtsstand für Deutsche in der Schweiz? Folgt bezüglich der 
Vollziehung von Ehescheidungsurtheilen die Verbürgung der Gegen- 
seitigkeit aus Art. 43 Abs. 2 leg. cit? 

Hiertiber hat sich das Bundesgericht folgendermassen ausgesprochen: 
Es ist grundsätzlich durchaus an der von dem Bundesgericht in der 
Entscheidung in Sachen Graberg (amtl. Sammlung Y S. 264 ff.) aus- 
gesprochenen Anschauung festzuhalten, dass zur Erbringung des in 
Art. 56 des Bundesgesetzes Über Zivilstand und Ehe geforderten Nach- 
weises nicht schlechthin die Beibringung einer Erklärung der betreffen- 
den Staatsr^erung erforderlich ist, sondern es genügt, wenn aus der 
Gesetzgebung oder Gerichtspraxis des ausländischen Staates dargethan 
wird, dass die von dem auswärtigen Gericht am Wohnorte der Ehe- 
gatten ausgesprochene Scheidung anerkannt wird, bezw. anerkannt 
werden moss. 

Allein dieser Nachweis ist hier nicht erbracht. Es ist zwar nach 
den Thatsachen des vorliegenden FaUes nicht zu bezweifeln, dass der 
RJiATnjmn Sch. Seinen Wohnsitz in der Schweiz hat und dass dies 
auch von dem deutschen VoUstreckungsgerichte würde anerkannt werden; 
es darf also als feststehend angenommen werden, dass das schweizerische 
Gericht zur Beurtheilung der Ehescheidungsklage nach der deutschen 
Reichszivilprozessordnung (§ 568) kompetent wäre und dass dies auch 
von den deutschen Gerichten anerkannt würde. Allein nach § 661 
Ziffer 5 der deutschen Reichszivilprozessordnung ist nur die Voll- 
streckung ausländischer, wenn auch von einem kompetenten Gerichte 
ausgehender, Urtheile auch dann zu versagen, „wenn die Gegenseitig- 
keit nicht verbürgt ist". Wenn Sch. es unternommen hat, darzuthun^ 
dass in Ehescheidungssachen „nach der Lage der deutschen und schwei- 
zerischen Gresetzgebung'^ das Requisit der Reziprozität „begriffsmässig" 
gar nicht „in Betracht kommen" könne, so ist darauf einfach zu er- 
widern, dass die deutsche Zivilprozessordnung die YoUstreckbarkeit 
aller ausländischen Urtheile ohne Unterschied, also auch diejenige der 
Ehescheidungsurtheile, davon abhängig macht, dass die Gegenseitigkeit 
verbürgt sei, wie denn auch das wUrttembergische Justizministerium 
in seinem auf den vorliegenden Fall bezüglichen Reskript auf diese 
Gesetzesbestimmung ausdrücklich hinweist. Dass nun von den deutschen 
Gerichten anerkannt wurde, es sei im Kanton Zürich die Gegenseitig- 
keit in Bezug auf die Vollstreckung deutscher Urtheile verbürgt, steht 
keineswegs fest. Wenn Sch. ausgeführt hat, in Bezug auf Ehescheidungs- 
urtheile folge die Verbürgung der Gegenseitigkeit f^r die ganze Schweiz 
ohne Weiteres aus Art. 43 des Zivilstands- imd Ehegesetzes, so ist 
dies nicht richtig. Die Auslegung des Art. 43 ist bekanntlich eine 
sehr bestrittene und es ist z. B. vom Bundesrathe, im diametralen 
Gegensatze zu den Behauptungen des Sch., die Ansicht ausgesprochen 
worden, ausländische Scheidungsurtheile über schweizerische Eheleute 
dürfen nach Art. 43 leg. cit. in der Schweiz überhaupt nicht voll- 



94 Rechtsprechung. 

zogen werden (vergl. Salis, in der Zeitschrift fllr schweizerisches 
Recht, N. F. Bd. Vlll S. 45 ff.). Mag nun^ was hier nicht weiter zu 
untersuchen ist^ diese Auslegung richtig oder unrichtig sein^ so steht 
doch jedenfalls soviel fest^ dass Art. 43 einen Rechtssatz^ wonach aus- 
ländische Scheidungsurtheile in der Schweiz voUzogen werden mttssten, 
nicht enthält; selbst wenn nicht richtig sein sollte^ dass nach dem- 
selben schweizerische Ehegatten^ auch wenn sie im Auslande wohnen^ 
in Ehescheidungssachen stets fort ausschliesslich der schweizerischen 
Oerichtsbarkeit unterstehen '')^ so schreibt doch Art. 43 nicht vor^ dass 
ausländische Scheidungsiu*theile von den Kantonen vollzogen werden 
müssen. Dass sodann die im Kanton Zürich rücksichtlich der Voll- 
streckung ausländischer ürtheile geltenden kantonalrechtlichen Normen 
derart seien^ dass danach die deutschen Gerichte die G^enseitigkeit 
als verbürgt betrachten würden, ist von den Rekurrenten nicht dar- 
gethan worden. Entsch. vom 17. Mai 1889 i. S. Eheleute Schönlen 
(Revue etc. Bd. 8 8. 17). 

Art. 1 Abs. 3 des Staatsvertrags zwischen der Schweiz und Frank- 
reich vom 15. Juni 1869, betreffend Gerichtsstand und Vollziehung 
von Zivilurtheilen. Gerichtsstand des Aufenthaltes. 

Der in Art. 1 Abs. 3 des Staatsvertrags zwischen der Schweiz 
und Frankreich vom 15. Juni 1869 aufgestellte Gerichtsstand erfor- 
dert die wirkliche persönliche Anwesenheit der Parteien und findet 
daher auf juristische Personen keine Anwendung; i)a/fc>« 185211 143; 
Ourtiy Staatsvertr. v. 15. Juni 1869, S. 56 — 58. Entsch. vom 11. Mai 
1888 i. S. Ph6nix c. Girod (Revue etc. Bd. 6 S. 16). 



^) Hiezu ist in einer Redaktionsnote der Revue etc. bemerkt: Art. 43 
Abs. 2 leg. cit. kann doch wohl kaum anders aufgefasst werden, alB dass 
der darin begründete Gerichtsstand kein auBSchlieaslicher sei 
(„kann**), sondern mit dem Gerichtsstande des Wohnsitzes im Auslande 
konknrrire, sofern ein Ehegeriehtsstand in dem betreffenden ausländi- 
schen Staate für Schweizer (resp. Fremde) überhaupt besteht, worüber 
selbstverständlich die betreffende ausländische Gesetzgebung entscheidet. 
Gerade für den Fall, dass ein solcher Gerichtsstand am ausländischen 
Wohnsitze für Fremde nicht bestehen sollte (was ja vorkommt), will das 
schweizerische Gesetz die Schweizer schützen. Oder soll der in Amerika 
wohnende (vielleicht dort geborene) Schweizer, der gemäss der dortigen 
Gesetzgebung eine Ehe eingegangen hat und nach Art. 54 Abs. 8 B.V. 
gtiltig eingehen konnte, nach Art. 43 Abs. 2 leg. cit. gezwungen Bein, 
die Scheidungsklage in der Schweiz anhängig zumachen? Und wenn er nun 
doch im Auslande geschieden worden ist und sich wieder verehelicht 
hat? Kann dann die Anerkennung der neuen Ehe verweigert werden? 
Nach Art. 54 Abs. 3 B.V. doch wohl nicht. Eine andere Auslegung des 
Art. 43 Abs. 2 leg. cit. verträgt sich n. E. mit Art. 54 Abs. 3 B.V. und 
mit dem sonst auch das B.G. über Zivilstand und Ehe beherrschenden 
Territorialprinzip schlechterdings nicht. 



Schweiz. 95 

Art. 1 des schweizerisch-französischen Staatsvertrags vom 15, Juni 
1869 f betreffend Gerichtsstand etc. Kann die Bestimmungen die- 
ses Staaisvertrags ein Angehöriger eines dritten Stcuites, welcher 
in einem der Vertragsstaaten unter einer Firma ein Handels- 
geschäft betreibt, anrufen? 

6. M. aus Deutschland hatte in Paris mit dem Franzosen P. die 
Kollektivgesellschaft G. M. & Cie. gebildet. Später trat P. aus und 
das Gesellschaftsyermögen ging in Aktiven und Passiven auf O. M. 
über. Zu diesen Aktiven gehörten zwei Wechsel auf H. in £.^ welche 
in Zürich beim Bevollmächtigten von 6. M. & Cie. in Verwahrung 
lagen. Auf diese beiden Wechsel legte G. in Z. für eine ihm an- 
geblieh an G. M. & Oie. zustehende Forderung Arrest^ worüber G. M. 
als über eine V^letzung des französisch-schweizerischen Staatsvertrags 
vom 15. Juni 1869, weil seine Firma „G. M. A Cie." eine franzö- 
sische sei, sich beschwerte. Das Bundesgericht wies die Beschwerde 
ab. Gründe: „Nach dem Vorbringen beider Parteien vor dem Arrest- 
richter, welche massgebend bleiben müssen, ist Arrestbeklagter zweifellos 
einzig G. M. Da nim derselbe nicht Franzose ist, Art 1 des er- 
wfthnten Staatsvertrags aber sich nach feststehender Praxis nur auf 
Streitigkeiten zwischen Franzosen und Schweizern bezieht, 
so muss der Rekurs als unbegründet abgewiesen werden. Der Umstand, 
dass G. M. in Frankreich unter einer Firma ein Handelsgeschäft be- 
treibt, ändert hier selbstverständlich nichts. Wie es sich verhalte, 
wenn der Arrest gegen eine in Frankreich domizilirte Kollektivgesell- 
schaft gelegt wäre, ist nicht zu untersuchen, denn dieser Fall liegt 
nicht vor". Entsch. v. 24. Dezember 1886 i. S. G, Marx (Bevue etc. 
Bd. 5 & 21). 

Art, ly 3 und 15 des Staatsvertrags zwischet^ der Schweiz und Frank- 
reich vom 15. Juni 1869. Gerichtsstand der Vereinbarung. Kann 
der Frorogationsvertrag nur in der Form der Domizilerwählung 

geschlossen werden? 

Der Verzicht auf den in Art. 1 des Staatsvertrags garantirten 
Gerichtsstand des Wohnsitzes und die Begründung der Zuständigkeit 
eines bestimmten anderen Grerichts kann nicht blos in der in Art. 3 ib. 
erwähnten französisch-rechtlichen Form der Domizilerwählung, sondern 
durch jede andere auf die Begründung der Zuständigkeit eines be- 
stimmten anderen Gerichtes gerichtete Willenserklärung erfolgen, und 
es müssen die von einem in solcher Weise zuständig gewordenen Ge- 
richte des einen Vertragsstaates erlassenen Urtheile im andern nach 
Massgabe des Art. 15 ff. ib. vollzogen werden, fintsch. vom 6. Oktober 
1888 i. S. Fancillon-Pagiis o. L^ret (Revue etc, Bd. 7 S. 20). 



96 Rechtapreohnng. 

Oerichtsstandsvertrag zwischen der Schweiz und Frankreick vom 
15. Juni 1869. Vorladungen und ürtheilserößnung an Franzosen, 
welche sich in der Schweiz thatsächlich aufhalten, aber in Frank- 
reich ihren Wohnsitz haben; ist dafür das französische Recht 

massgebend f 
Franzosen^ welche sicli zwar thatsächlich in der Schweiz auf- 
halten, jedoch ihr Domizil (noch) nicht in der Schweiz, sondern (noch) 
in Frankreich haben und dort belangt werden, können die Zitationen 
nach Massgabe der für die Anlegimg von Ladungen in Fällen, wo 
der zu Ladende nicht angetroffen wird, im französischen Prozessrechte 
vorgeschriebenen Formen zugestellt werden. Art. 20 des Gerichts- 
Standsvertrages mit Frankreich findet in solchen Fällen keine Anwen- 
dung. Ebenso kann die Zustellung des ürtheils iu den Formen des 
französischen Prozessrechts (durch Anschlag an der ThUr des Sitzungs- 
saals des urtheilenden Gerichts und Zustellung an den Staatsanwalt 
beim betreffenden Zivilgericht) erfolgen. Entsch. vom 13. Juli 1889 
i. S. Rajon & Cie. (Revue etc. Bd. 8 S. 55). 

n. Mitgetheilt von Herrn Freih. von Haan^ Sektionsrath im k.k. Justiz- 
ministerium in Wien: 

ürtheil des schweizerischen Bundesgerichts vom 28. Februar 1890, 
betreffend den Auslieferungsvertrag zwischen der Schweiz und 

Oesterreich' Ungarn. 

Die österreichisch-ungarische Gesandtschaft in Bern verlangte im 
Auftrage ihrer Regierung beim schweizerischen Bundesrath die Aus- 
lieferung des deutschen Reichsangehörigen X., eines Bauunternehmers 
aus Stuttgart, der nach Basel übersiedelt war, gestützt auf den Haft- 
befehl eines österreichischen Kreisgerichts. 

In dem Haftbefehle wurde X. beschuldigt des in den §§ 197, 
200 imd 201 des österreichischen Strafgesetzbuchs bezeichneten, nach 
§ 203 mit der Strafe von 5 bis 10 Jahren schweren Kerkers be- 
drohten Verbrechens des Betrug^, begangen dadurch, dass X. in B 

(Galizien) im Mai und Juni 1887, in der Absicht dem A. einen Ver- 
mögensschaden von mehr als 300 fl. zuzufügen, denselben durch listige 
Vorspiegelungen, insbesondere dadurch, dass er sich als einoi reichen 
Bauimtemehmer und Besitzer einiger Realitäten ausgab, in Lrrthmn 
führte und von demselben einen 'Betrag von 4000 fl. herauslockte, 
welcher Handlungsweise er durch die Aussagen des Beschädigten und 
durch die von diesem vorgelegten Briefe rechtlich verdächtig erscheine. 

Bei seiner Einvemalune in Basel protestirte X. gegen seine Aus- 
lieferung. Der Regierungsrath des Kantons Baselstadt erklärte, dass 
er gegen die Auslieferung seinerseits eine Einwendung nicht erhebe. 
Der schweizerische Bundesrath übermittelte die Akten dem Bmides- 
gerichte zum Entscheide im Sinne des Art. 58 O.G. 

In der dem Bundesrathe zu Händen des Bundesgerichts einge- 
reichten Eingabe des Anwalts des X. wurden gegen die BewÜligung 
der Auslieferung im Wesentlichen folgende Gründe geltend gemacht: 



Schweiz. 97 

Das Verbrechen solle im Mai oder Juni 1887 begangen worden 
sein. Nun habe X. seit Dezember 1887 bis zu seiner im Januar 
1890 c^olgten Uebersiedlimg nach Basel unbehelligt in seiner Vater- 
stadt Stuttgart gewohnt. Während seines dortigen Aufenthalts haben 
die galizischen Behörden^ die nunmehr seine Auslieferung verlangen^ der 
gleichen Sache wegen gegen ihn die Strafverfolgung im Gerichtsstande 
seines Wohnsitzes beantragt; es sei dieselbe aber von der Staatsanwalt- 
schaft in Stuttgart abgelelmt und den galizischen Behörden die Ver- 
folgung der Sache im Gerichtsstande der begangenen That tiberlassen 
word^ä. Der Grund^ welcher die Staatsanwaltschaft zu dieser Ver- 
fügung veranlasst habe, sei aller Wahrscheinlichkeit nach der^ dass 
der Thatbestand nach dortigem Kechte gar nicht als Verbrechen an- 
gesehen worden sei. Der gleiche Grund nun mtisse auch zur Abweisung des 
Anslieferungsbegehrens führen. § 150 des Baselstädtischen St.G.B. be- 
stinune: ,7 Wer um sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögens- 
vortheil zu verschaffen^ das Vermögen eines Andern dadurch beschädigt; 
daas er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unter- 
drückung wahrer Thatsachen einen Irrthum erregt oder unterhält^ begeht 
einen Betrug.^ Dem Haftbefehle sei nim weiter Nichts zu entnehmen; als 
dass X. dem A. seine Kreditfähigkeit in günstigem Lichte dargestellt 
und ihn dadurch zur Hingabe von 4000 fl. bewogen habe. Dagegen 
sei nicht gesagt, wie hoch der Vermögensschaden sich belaufe, noch 
ob überhaupt das Darlehen noch geschuldet werde und ob dasselbe 
eventuell nicht erhältlich sei. Danach sei der Thatbestand des Be- 
trugs nicht; jedenfalls nicht noth wendiger weise gegeben. Da es sich 
um ein Darlehen handle, so mangle die Rechtswidrigkeit des erlangten 
Vermögensvortheils; überdem habe X., der übrigens die ihm vorge- 
worfenen falschen Vorspiegelungen gänzlich bestreite, von den 4000 fl. 
800 fl. zurückgezahlt und stehe er mit seinem Gläubiger in einem 
Kontokurrentverhältnisse; letzterer wolle die Strafverfolgung blos zur 
Erleichterung der Realisirimg seines rein zivilrechtlichen Anspruches 
benutzen. Die Bezeichnungen „reicher Bauunternehmer'-^ und „Be- 
sitzer von Realitäten", die sich X. beigelegt haben solle, seien so 
deimbar und unbestimmt, dass dadurch allein jedenfalls A. nicht zur 
Gewährung des Darlehens bewogen worden sei; höchstens könnte er 
sich deshalb, nach bewilligtem Darlehen, über dessen Sicherheit etwas 
allau guten Hoffnungen hingegeben haben. Von Erregung eines straf- 
rechtlich relevanten Irrthums könne also nicht gesprochen werden. 
Dafür, dass ein Betrug nicht vorliege, spreche auch die späte Ein- 
reichung der Straf klage. Die Frage, ob der im Haftbefehl angeführte 
Thatbestand objektiv die Merkmale eines Verbrechens trage, sei 
zweifellos nach dem Gesetze des requirirten Staates, also nach basel- 
städtischem G^etze zu beurtheilen. Die im Artikel 2 a. E. des 
schweizerisch-Österreichischen Auslieferungsvertrags enthaltene Bestim- 
mung, dass sich die Frage ^ ob eine Handlung im Verbrechensgrade 
strafbar sei, nach den Gesetzen des requirirenden Staats beurtheile^ 
Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafrecbt etc., Band I. 7 



98 Rechtsprechung. 

stehe dem nicht entgegen. Denn dort sei nur von der Strafbarkeit 
eines Thatbestands die Rede^ der bereits als Verbrechen vorausgesetzt 
werde; hier aber handle es sich um die andere Frage^ ob eine Hand- 
lung überhaupt unter den Begriff des Verbrechens zu subsumiren sei. 
Diese Frage sei nach dem Gesetze des requirirten Staates zu benrtheilen 
und im vorliegenden Falle nach baselstädtischem Gesetze zu verneinen. 
— Dazu komme noch: der schweizerisch-österreichische Auslieferungs- 
vertrag bewillige die Auslieferung solcher Individuen^ welche sich aus 
Oesterreich nach der Schweiz oder umgekehrt ^geflüchtete haben. 
Diese Fassung^ welche sich von derjenigen anderer Auslieferungsverträge 
unterscheide^ sei keine zufällige; gleichwie nach den Strafgesetzen in 
der Regel die Verhaftung eines Angeschuldigten nur dann statthaft 
sei, wenn er als der Flucht verdächtig erscheine, so solle die rigorose 
Massregel der Auslieferung nur auf diejenigen Individuen angewendet 
werden, welche in einem Vertragsstaate eine Zuflucht vor d«r straf- 
gerichtlichen Verfolgimg gesucht haben. X. habe aber gar nicht sich 
aus Oesterreich nach der Schweiz geflüchtet, überhaupt letzteres Land 
nicht als Zufluchtsort gegen die Strafverfolgung in Oesterreich au%e- 
sucht, vielmehr sei er nach Basel gekommen, weil er dort eine Anzahl 
grosser Bauten übernommen habe, während, wenn er sich im minde- 
sten unsicher geftihlt hätte, gewiss einfach in Deutschland geblieben 
wäre, wo die Behörden seine Strafverfolgung bereits abgelehnt hatten. 

Das Bundesgericht erkannte: die Auslieferung des X. an das 
österreichische Kreisgericht in .... wegen Betrugs wird bewilligt. 

Das Bundesgericht zog in Erwägung: 

1. Wenn Art. 1 des schweizer.-österreichischen Auslieferungsver- 
trags vom 17. Juni 1855 die Verpflichtung zur Auslieferung derjenigen 
eines Auslieferungsverbrechens beschuldigten Individuen statuirt, welche 
„sich aus Oesterreich nach der Schweiz oder von der Schweiz nach 
irgend einem Gebiete des Kaiserthums Oesterreich geflüchtet haben ^, 
so kann dieser Bestimmung nicht die vom Kequirirten behauptete enge 
Auslegimg gegeben werden. Dieselbe ist vielmehr dahin zu inteipre- 
tiren, dass die Auslieferungspflicht rücksichtlich aller Individuen be- 
steht, die sich der Strafverfolgung wegen eines Auslieferungsverbre- 
chens in einem Vertrags Staate entziehen und im Gebiete des anderen 
Vertragsstaates betreten werden. Darauf, aus welchem Grunde oder 
zu welchem Zwecke der Verfolgte das Gebiet des anderen Vertrags- 
staates aufsucht, kann (jedenfalls dann, wenn letzteres freiwillig ge- 
schehen ist) nichts ankommen; es ist durchaus unerfindlich, warum 
die Auslieferungspflicht dann zessiren sollte, wenn der in einem Ver- 
tragsstaate Verfolgte das Gebiet des andern nicht unmittelbar, auf der 
Flucht vor der eingeleiteten strafrechtlichen Verfolgung, sondern erst 
später, nachdem er vorher in einem dritten Staate Zuflucht gesucht 
und gefunden hatte, zu geschäftlichen und dergleichen Zwecken be- 
tritt. Wenn auch allerdings in letzterem Falle der Verfolgte das Gre^ 
biet des req[uirirten Staates nicht deshalb aufsucht, um dort zuerst 



Schweiz. 99 

eine Zuflucht vor der strafirechtliehen Verfolgung zu finden^ so entzieht 
er sich doch der strafrechtlichen Verfolgung im requirirenden Staate 
und will das Gebiet des requirirten Staates als Zufluchtsort^ wo er 
gegen die Verfolgung geborgen sei, benutzen. Dies soll aber eben 
durch die Auslieferungsverträge ausgeschlossen werden. Hierüber be- 
steht denn auch^ soweit wenigstens hierseits bekannt, in Doktrin und 
Praxis des Auslieferungsrechts kein Zweifel (vergl. u. a. Lammasch, 
Anslieferungspflicht und Asylrecht S. 872 f.). 

2. Dagegen ist dem Requirirten zuzugeben, dass seine Auslieferung 
nur dann zu bewilligen ist, wenn die ihm durch den Haftbefehl zur 
Last gel^^ Handlung auch nach einheimischem (schweizerischem resp. 
baslerischem) Kechte als eines der im Art. 2 des schweizerisch-Öster- 
reichischen Auslieferungsvertrags aufgezählten Auslieferungsdelikte straf- 
bar ist. Allerdings bestimmt Art. 2 cit. am Ende^ dass ,,die Be- 
urth eilung der Frage, ob im gegebenen Falle eine der vorstehend be- 
zeichneten Handlungen im Verbreohensgrade strafbar sei, sich nach 
den Gresetzen desjenigen Staates richte, welcher die Auslieferung be- 
gehre^. Allein diese Vorschrift erklärt das Gesetz des requirirenden 
Staates nur dafür als massgebend, ob eine den Thatbestand eines 
der im Artikel 2 au%ezählten Delikte erflillende Handlung (mit Rück- 
sicht auf den Betrag des eingetretenen oder beabsichtigten Schadens 
u. 8. w.) als Verbrechen im engeren Sinne, d. h. als Delikt schwerster 
Ordnung, rücksichtlich welcher einzig die Auslieferungspflicht stipulirt 
wird, strafbar sei. Dag^en bestimmt sie nicht, dass auch die Frage, 
ob eine konkrete Handlung überhaupt strafbar sei imd den That- 
bestand eines Auslieferungsdelikts erfülle, sich nach dem Rechte des 
requirirenden Staates beurtheile. In dieser Richtung muss es vielmehr, 
allgemeinen Grundsätzen gemäss, dabei bewenden, dass die Auslieferung 
nur dann zu bewilligen ist, wenn die Handlung nach dem Rechte des 
um die Auslieferung angegangenen Staates sich als eines der zur Aus- 
lieferung verpflichtenden Delikte qualifizirt. 

3. Im vorliegenden Falle nun wird die Auslieferimg wegen Be- 
trugs verlangt. Da nach Art. 2 Ziff. 3 des Auslieferungsvertrags der 
Betrug zu den Auslieferungsdelikten gehört, so ist, da die sämmtlichen 
übrigen Requisite der Auslieferung gegeben sind, die Auslieferung zu 
bewilligen, sofern die dem Requirirten im Haftbefehle zur Last gelegte 
Handlung derart ist, dass in derselben der Thatbestand des Betrugs 
nach schweizerischem resp. baselstädtischem Strafrechte gefanden werden 
kann. Eine Prüfung der Frage, ob hinlängliche Schuldindizien vor- 
liegen, ob nach Gestalt der Sache der objektive und subjektive That- 
bestand des Betrugs in concreto wirklich gegeben sei, steht dem Bundes- 
gerichte nach dem Auslieferungsvertrage nicht zu. Dasselbe kann nur 
untersuchen, ob in abstracto in der dem Requirirten zur Last gelegten 
Handlung, sofern dieselbe erwiesen wird, die gesetzlichen Thatbestands- 
merkmale des Betrugs gefimden werden können. Allerdings mag es 
unter Umständen als hairt erscheinen, eine Auslieferung zu bewilligen^ 

7* 



100 Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 

trotzdem hinlängliche Schuldindizien nicht vorzuliegen scheinen. Allein 
der Auslieferungsvertrag behält in dieser Richtung dem Ausliefenings- 
richter keine Kognition vor; die über die Auslieferung entscheidende 
Behörde hat dieselbe zu bewilligen, sofern die im Haftbefehle behaup- 
tete That ihrer Art nach gemäss inländischem Strafrechte als Aus- 
lieferungsdelikt qualifizirt werden kann; die Erwägung^ ob hinlängliehe 
Schuldindizien vorliegen; um eine so harte Massregel; wie die Aus- 
lieferung es ist; zu rechtfertigen; steht nicht ihr; sondern der die 
Strafverfolgung betreibenden Behörde zu; der Auslieferungsvertrag geht 
eben davon aus, dass diese Behörde besser in der Lage sei; die ge- 
dachte Frage zu beurtheileu; als der Auslieferungsrichter; und ohne 
genügende Gründe zu einem Auslieferungsbegehren nicht schreiten 
werde. Danach muss denn im vorliegenden Falle die Auslieferung 
bewilligt werden. Dem Verhafteten wird im Haftbefehle zur Last ge- 
legt; dass er in schädigender Absicht durch falsche Vorspiegelungen 
dem Geschädigten ein Darlehen von 4000 fl. abgelockt habe. Hierin 
kann nur der * Thatbestand eines nach § 150 des baselstädtochen 
St.G.B. strafbaren Betrugs geiiinden werden; insbesondere erscheint 
der Vermögensvortheil; den Jemand dadurch erlangt; dass er einem 
Andern durch falsche Vorspiegelungen (gegen Einräumung eines werth- 
losen oder minderwerthigen Forderungsrechtes) einen Betrag als Dar- 
lehen ablockt; als ein rechtswidriger und liegt in einem solchen Falle 
eine rechtswidrige Vermögensbeschädigung vor. Ob in concreto er- 
wiesen oder wahrscheinlich gemacht sei; dass die Darleheashiugabe 
wirklich durch widerrechtliche falsche Vorspiegelungen seitens des 
Kequirirten verursacht sei; hat das Bundesgericht; wie bemerkt; niebt 
zu untersuchen. 



Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse der obersten 

Justizverwaltungsstellen etc. 

I. Deutschland. 
1. Beichsgesetze^ kaiserliehe Yerordnniigen ete. 

a. Nach Eeichsgesetz vom 6. Juli 1890 (R.G.B1. 1890 S. 139) 
Art. 1 kann die dem Konsul des Deutschen Beichs in Samoa 
für die Inseln von Samoa zustehende Gerichtsbarkeit mit 
Zustimmung des Bundesraths durch kaiserl. Verordnung eingesclir&nkt 
werden. In Art. 2 wird die Uebernahme einer Bürgschaft zu Lasten 
des Beichs für die Kosten der an Stelle der Konsulargerichtsbarkeit 
einzurichtenden Bechtspflege in Samoa ^) im Höchstbetrage von 2000 
amerik. Dollars jährlich genehmigt. 



1) S. unten „Internationale Yertrfige** Nr. 7. 



Deutschland. Einzelne Bundesstaaten. 101 

b. Kais. Verordnungen Tom 7. Febmar 1890^ betr. die Rechtsver- 
hftltnisse im Schutzgebiete der Marsch allinseln^ vom 6. Mai 1890^ 
betr. die Uebertragung der Befugnisse des ehemaligen Landeshaupt- 
manns auf den kais. Kommissar für das Schutzgebiet der Neu- 
Guinea-Kompagnie^ und vom 10. August 1890, betr. die Bechts- 
verhSltnisse in dem südwestafrikanischen Schutzgebiete. (R.G.B1. 

5. 55 u. 171). 

2. GesetEe, Yerordnungeii etc. der einzelnen Bundesstaaten. 

PreaBBen. 

1. In Betreff der Auslieferung von Verbrechern enthält der 
nichtamtliche Theil des Justizministerial - Blattes 1889 S. 8 — 30 eine 
Zusammenstellung über das behufs Erwirkung von Auslieferungen 
ZQ beobachtende Verfahren. 

2. Allgem. Verf. d. Just. -Min. vom 15. September 1889, betr. 
die vorläufige Festnahme von Beschuldigten^ welche nach den 
Niederlanden oder aus denselben geflüchtet sind, behufs Sicherung 
ihrer Ausliefenmg (Just.Min.Bl. S. 194). Verwiesen ist auf die Allg. 
Verf. vom 21. Dez. 1879 (Just.Min.Bl. S. 476) und auf Ju8t.Min.Bl. 
1889 S. 8 Ziff. 38. 

3. AUg. Verfügung des Just.-Min. vom 9. November 1889, betr. 
die Mittheilung von Strafnachrichten an ausländische Re- 
gierungen (Just.Min.Bl. S. 268), ergangen zur Ergänzung der Allg. 
Verf. vom 30. Juni 1888. 

Bayern. 

1. Zur Ergänzung der Min.»Bekanntm. vom 28. Mai 1888, betr. 
Mittheilung der Verurtheilung von Ausländern, erging weitere 
Bekanntmachung der Ministerien der Justiz und des Innern vom 

6. November 1889 (Just.Min.Bl. S. 201). 

2. Bezüglich der Ausweisung von Ausländern aus dem 
Reichsgebiete bestimmt die Entschliessung des k. bayer. Staats- 
ministeriums der Justiz vom 12. Juni 1890 (Just.Min.Bl. S. 257); dass 
in denjenigen Fällen, in welchen die Verurtheilung eines Ausländers, 
welcher in Bayern keinen ständigen Aufenthaltsort besitzt, wegen ver- 
schiedener Reate erfolgt, die Ueberweisung an die Landespolizei- 
behörde aber nur wegen eines dieser Reate ausgesprochen worden ist 
und die Strafen wegen der verschiedenen Reate an verschiedenen Orten 
EU erstehen sind, für die Zuständigkeit zur Verfügung der Verwahrung 
im Arbeitshause oder zur Ausweisung aus dem Reichsgebiete nicht 
der Ort der Verbüssung der Strafe für jenes Reat, mit Beziehung 
auf welches die Ueberweisimg an die Landespolizeibehörde ausge- 
sprochen worden, sondern der Ort, an welchem der Verurtheilte 
zur Entlassung kommt, massgebend ist. 

3. Die nunmehr geltenden Vorschriften über Behandlung der 
Gesuche um Auslieferung von Verbrechern sind enthalten in 
den gemeinschaftlichen Bekanntmachungen der k. Staatsministerien des 



102 GeBetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 

k. Hauses und des Aeussern, der Justiz^ des Innern, dann der Finanzen 
und zwar: 

a. vom 16. Juli 1890 (Just.Min.Bl. S. 205 ff.), betreffend das Ver- 
fahren bei Auslieferung von Verbrecliern an ausserdeutsche Staaten, 

b. vom 9. Juli 1890 (JustMin.Bl. S. 210 ff.), betr. das von den 
Justizbehörden behufs Erwirkung von Auslieferungen zu beobachtende 
Verfahren. 

4. Durch gemeinschaftliche Bekanntmachung der k. Staatsmini- 
sterien des k. Hauses und des Aeussern, der Justiz und der Finanzen 
vom 17. Okt. 1890, die im Auslande zu erledigenden Ersuch- 
schreiben der Justizbehörden betr. (Just. M.-Bl. S. 291) hat 
die Ziffer 6 der Bekanntmachtmg vom 28. Nov. 1887 (Just M.-B1. 
S. 279) folgenden Zusatz erhalten: 

In dem Ersuchen um Zustellung ist die Prozesssache nebst Akten- 
zeichen und die Person, an welche die Zustellung zu bewirken ist, 
sowie das zuzustellende Schriftstück genau zu bezeichnen. Femer ist 
auf jede zuzustellende Urkunde unmittelbar tmter dem oberen Rande 
der ersten Seite der Vermerk zu setzen: ,, Zuzustellen an (Name des 
Adressaten) in (Wohnung des Adressaten)". 

1. Verordnung vom 1. November 1889, betr. die Mittheilung von 
Strafnachrichten an ausländische Kegierungen (Jn8t.Min.Bl. 
S. 33), ergangen zur Ergänzung der Verordnung vom 28. Juni 1888 
(Just.Min.Bl. S. 13). 

2. Verordnung vom 19. April 1890, die im Auslande zu be- 
wirkenden Zustellungen betr. (Just.Min.Bl. S. 12). 

Wfirttemberc:. 

1. Verfügung des Justizministeriums vom 15. September 1888, 
betreffend die im Auslande zu erledigenden Ersuchungsschreibe n 
der Justizbehörden (Amtsblatt des Just.-Min. S. 43). 

Hiezu ergänzend: Verf. des Just.-Min. vom 29. Mai 1890 (Amts- 
blatt etc. S. 40). 

2. Verf. des Just.-Min. vom 2. August 1889, betr. die Gebühren 
der deutschen Konsulate anlässlich von Ersuchen der Grerichte in 
Armen Sachen (Amtsbl. etc. S. 34). Bezug ist genommen auf die Verf. 
des Just.-Min. vom 15. Mai 1888 im gleichen Betreff (Amtsbl. etc. S. 22). 

3. Verf. des Just.-Min. vom 4. November 1889, betr. die an 
Belgien, Brasilien, Italien, Luxemburg, die Schweiz und Spanien zu 
machenden Mittheilungen über Verurtheilung von Angehörigen 
dieser Staaten (Amtsbl. etc.S. 49), zur Ergänzung der Verf. des Just. -Min. 
vom 30. Juni 1888, betr. die Mittheilung von Strafnrtheilen an aus- 
ländische Regierungen (Reg.Bl. S. 285). 

4. Verf. des Just. -Min. vom 16. August 1889, betr. die den 
französischen Konsuln im Deutschen Reiche bezüglich der Abgabe 
von gerichtsseitig erforderten Erklärungen oder Zeugnissablegun- 
gen einzuräumende Behandlung (Amtsbl. etc. S. 87), 



Deutschland. Einzelne Bundesstaaten. 103 

5. Bekanntmachung des Ju8t.-Min. vom 21. Juni 1890^ betr. den 
direkten Verkehr der Gerichte und Staatsanwälte mit der Ejriminal- 
abtheilung der Polizeidirektion in London (Amtsbl. etc. S. 46): 

Der Chef der Kriminalpolizei in London hat im Interesse der 
Kostenerspamiss für die mit ihm telegraphisch verkehrenden Behörden 
ffir sich die abgekürzte Telegrammadresse „Scotland-Yc^rd, London" 
eintragen lassen^ so dass alle telegraphischen Mittheilimgen unter dieser 
Adresse gemacht werden können. 

6. K. Verordnung vom 17. Juni 1890^ betreffend die Zuständig- 
keit und das Verfahren bei Anträgen auf Auslieferung von 
Verbrechern an das Ausland (Reg.Bl. S. 143 ff.). 

Baden. 

Bekanntmachung des grossh. Staatsministeriums der Justiz, des 
Kultus and Unterrichts vom 22. Mai 1890, die Eheschliessung 
russischer, griechischer und ungarischer Staatsangehöriger 
betreffend (Ges. u. V.Bl. 1890 8. 215); s. auch unter ,, Vermischte 
MittheOungen^. 

HeMten. 

In Bezug auf die im Ausland zu erledigenden Ersuchungs- 
schreiben ist laut Amtsblatt des grossh. hessischen Ministerium 
des Innern und der Justiz vom 8. Oktober 1890 (Nr. 10) den Ju- 
stizbehörden empfohlen : 

1. in den hiezu geeigneten Fällen die Betheiligten zu befragen, 
ob sie auf die Benachrichtigung von dem zum Zweck der Erledigung 
des Ersuchens anzuberaumenden Termin verzichten, und bejahenden 
Falls dies in dem Ersuchungsschreiben zum Ausdruck zu bringen, in 
welchem Falle dann in dem Schreiben diejenigen Personen nicht be- 
zeichnet zu werden brauchen, welche nach inländischem Recht zur 
Theilnahme am Termin berechtigt sind; 

2. darauf hinzuwirken, dass das im Wege der Rechtshülfe zu 
erledigende Beweisthema und ebenso in gedrängter Darstellung der 
zum Verständniss des Beweisthemas erforderliche Sachverhalt in das 
Ersuchungsschreiben selbst aufgenommen und dadurch die Beifügung 
anderer Schriftstücke, soweit thunlich, entbehrlich gemacht wird; 

3. bei Ersuchen um Vernehmung von Zeugen und Sachverstän- 
digen ausdrücklich anzuftihren, ob die Vernehmung eine eidliche oder 
nicht eidliche sein soll, und die Eingangs- und Schlussnorm bei ab- 
zuleistenden Eiden vollständig anzufllhren; 

4. die zuzustellenden Urkunden selbst unmittelbar unter dem 
oberen Rand mit Adresse: „Zuzustellen an (Namen und Wohnort) "^ 
zu versehen. 



104 Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 



II. Auswärtige Staaten. 

Dftneiiiark^). 

1. Zulassung der Ausländer zur Rechtsverfolgung und 
Rechtsvertheidigung. In Dänemark sind Fremde ohne irgend eine 
Rücksicht auf Gegenseitigkeit zur vollen Privatrechtsgleichheit mit den 
Einheimischen zugelassen. 

2. Gerichtsstand. Die Bestimmungen über den Gerichtsstand 
gelten gleichmässig für Einheimische wie für Fremde. Im Uebrigen 
sind die dänischen Bestimmungen über den Gerichtsstand ziemlich 
verschieden von den deutschen und enthalten namentlich nicht so viele 
Ausnahmen von dem forum domicilii, 

3. Btatusfragen. Die Rechtsverhältnisse des persönlichen 
Standes werden in Dänemark von dem Gesetze des Wohnsitzes be- 
herrscht. 

4. Alter der Mündigkeit, Minderjährigkeit^ Volljährig- 
keit. In Dänemark (und auch in Norwegen) besteht ein Mittelding 
zwischen Unmündigkeit und voller Mündigkeit , welches bei der Ver- 
gleichung mit anderen Ländern nicht ausser Betracht gelassen werden 
darf. Die volle Unmündigkeit; während welcher die betreffende Person 
unter Vormundschaft steht; währt nur bis zum 18. Jahre. Hierauf 
folgt eine Periode — als Minderjährigkeit bezeichnet — , welche sich 
vom 18. Jahre bis zum 25. Jahre (in Norwegen bis zum 21. Jahre) 
erstreckt; während dieser steht die Person nicht unter Vormundschaft; 
man bestellt ihr einen Kurator; dessen Zustimmung zu allen das Vw- 
mögen verpflichtenden Rechtsgeschäften erforderlich ist; wogegen der 
Minderjährige auf eigene Hand Rechtsgeschäfte eingehen kanu; welche 
ihn nur zu persönlichen Leistungen verpflichten; wie z. B. der Dienst- 
botenvertrag oder Arbeitsvertrag. Ausserdem ist auch zu bemerken, 
dass Mannspersonen (aber nicht Frauenspersonen) durch k. Verwilligung 
noch vor dem 25. Jahre für vollmündig erklärt werden können; wenn 
besondere Umstände hiefür sprechen und sind solche Bewilligungen 
namentlich dann nicht schwer zu erhalten; wenn die betreffende Person 
über 22 Jahre alt ist. 

5. Prozesskostenkaution; Gerichtsgebühren. In Däne- 
mark wird den Ausländem weder in Zivil- noch in Strafsachen eine 
Prozesskostenkaution abgefordert; vielmehr sind dieselben ebenso ge- 
stellt wie die Inländer. Die Gerichtsgebühren müssen von Inländern 
wie von Ausländern vorausbezahlt werden. Ob im einzelnen fremden 
Lande Reziprozität gewährt wird oder nicht; kommt nicht in Betracht 



^) Die oben folgenden Mittheilungen über dänisches Recht verdankt 
die Redaktion der besonderen Gewogenheit Sr. Exzellenz des Herrn Justiz- 
ministers Dr, NelUmann in Kopenhagen. Die Uebersetzung wurde gütigst 
von Herrn Universitätsprofessor Dr, von Maurer in München besorgt. 



AuBwfirtige Staaten. 1U5 

6. Armenrecht. In Dänemark existirt das Institut des Armen- 
rechts Tor allen Instanzen. Ausländer sind hievon nicht ausgeschlossen. 
Die näheren Bestimmungen Über das Armenrecht sind in einem Mi- 
nisterialerlasse vom 30. Juli 1858 zusammengestellt. 

7. Zustellungen. Die Vornahme von Zustellungen kann von 
Ausländem direkt bei den hiezu angestellten Bestellungsleuten requi- 
rirt werden, den sogen. Staevningsnuiend^) — , welche also diesen Theil 
der Funktionen des deutschen OerichtsvoUziehers haben, — und diese 
sind verpflichtet, für Jeden, Inländer oder Ausländer, diese Greschäfte 
gegen taxmässige Bezahlung zu besorgen. Indessen wird oft auf 
diplomatischem Wege durch fremde Gesandte oder Konsuln an die 
dänische Kegierung das Ansuchen gerichtet, solche Zustellungen in 
reinen Privatsachen zu besorgen, und das dänische Justizministerium 
gewährt dann seine Httlfe, indem es die lokalen Behörden anweist, 
die Mittheilung der Übersandten schriftlichen Aktenstücke zu besorgen 
und darüber, dass dies geschehen sei, Bescheinigung zu ertheilen, was 
solchenMls gratis geschieht. Doch wird solcher Beistand vom Justiz- 
ministerium nicht auf das Ansuchen von Privaten gewährt, sondern 
nur auf Vermittelung fremder Regierungen. 

8. Beweisaufnahme bei dänischen Gerichten. Um die 
Beweisaufnahme bei dänischen Grerichten zum Gebrauche bei im Aus- 
lande geführten Prozessen zu erreichen, bedarf es keiner Requisition 
seitens ausländischer G^richtsstühle oder anderer Behörden, vielmehr 
können die Parteien, welche zu solchem Behufe persönlich oder durch 
einen Advokaten zu erscheinen haben, direkt die Beweisaufeahme 
requiriren, sofeme sie nachweisen, dass im Auslande Über das Rechts- 
verhältniss wirklich ein Prozess geführt wird, welchen sie durch die 
Beweisaufnahme aufgeklärt zu sehen wünschen. Aber es geschieht 
oft, dass in reinen Privatsachen von ausländischen Grerichten auf 
diplomatischem Wege Requisitionen von Beweisau&ahmen einlaufen, 
und das Justizministerium gewährt da seine Hülfe, indem es einen 
Advokaten beauftragt, das Zeugenverhör u. dgl. für die ausländische 
Partei aufnehmen zu lassen, worauf dann die Rechnung für dessen 
Honorar und für die Rechtsgebühren der Regierung zugestellt wird, 
welche die Requisition einsandte. Bei der Aufiiahme von Zeugen- 
verhören oder anderen Beweisverhandlungen vor dänischen Grerichts- 
stühlen sind die Regeln des dänischen Rechts zu befolgen, und der 
Richter ist nicht berechtigt, auf Begehren auswärtiger Behörden von 
diesen abzuweichen, sowie auch die Zeugen (oder Schaumänner) nicht 
verpflichtet sind, sich einem Verhör oder einer Vereidigung in anderen 
Formen zu unterwerfen, als welche das dänische Recht vorschreibt. Auch 
die Gegenpartei hat ein unbedingtes Recht auf deren Befolgung (z. B. 
bezüglich der Vereidigung). 



') Wörtlich Obersetzt: Ladungsroänner. 



106 Gesetzgebung, VerordDangen, Erlasse etc. 

9. Auskunft über dänisches Recht. In Bezug auf die Frage^ 
wie der Beweis Über dänisches Kecht vor fremden Gerichtsstühlen zu 
erbringen sei, respondiren weder die Grerichtsstühle noch das Justiz- 
ministerium auf Anfragen hierüber; doch kann das Justizministerium 
— wie in Belgien — über den unmittelbaren Inhalt eines Gesetzes 
oder ganz unbestreitbare einzelne Kechtssätze Bescheinigung ertheilen. 
Die einzige Behörde in Dänemark, welche eine von der Gesetzgebung 
anerkannte Kompetenz zur Ertheilung von Responsa über dänisches 
Kecht besitzt, ist die juristische Fakultät an der Universität zu Kopen- 
hagen, zufolge ihrer Instruktion vom 9. Juni 1786, § 20. 

10. Vollstreckung ausländischer Zivilurtheile. Die Voll- 
streckbarkeit eines ausländischen Urtheiles kann vor den dänischen 
Gerichten nur mittels einer gegen, den Verurtheilten anhängig zu 
machenden Sache erwirkt werden; die Thätigkeit des dänischen Gie- 
richtes erstreckt sich jedoch nicht auf das Materielle der Futscheidung. 
Der Verurtheilte kann vor dem dänischen Gerichte Einspruch erheben, 
wenn nach dänischen Gesetzen das auswärtige Gericht nicht zuständig 
war, wenn das Urtheil nach dem ausländischen Gesetze nicht voll- 
streckbar, bezw. noch appellabel ist und wenn die auswärtige Ent- 
scheidung gegen dänische Prohibitivgesetze verstösst. Reziprozität wird 
nicht verlangt. Mit Schweden besteht ein Traktat über die gegen- 
seitige Exekution der beiderseitigen Urtheile, worüber in der Bekannt- 
machung vom 13. Juni 1861 gehandelt wird. 

11. Konkurs. Wenn eine im Auslande angesessene Person in 
Konkurs geräth. wird in der Regel Nichts im Wege stehen, dass dessen 
in Dänemark befindlichen Vermögensbestandtheile in die ausländische 
Konkursbehandlung mit einbezogen und nach Umständen dem aus- 
ländischen Konkursgerichte überschickt werden können. Indessen wird 
doch durch ein Plakat vom 30. November 1821 hievon die Ausnahme 
gemacht, dass Arrest, und weiterhin, wenn der Arrest durch Urtheil 
bestätigt worden ist, Exekution in das hier liegende Gut des Aus- 
länders zulässig ist, ohne dass die ausländische Konkursbehandlnng 
dies verhindern würde. Ebenso kann ein Pfandrecht an liegendem 
Gute durch Zwangsverkauf des Pfandes ohne Rücksicht auf den im 
Auslande anhängigen Konkurs des Eigenthümers geltend gemacht 
werden. Ob der Verfolgende Ausländer oder Inländer ist, bleibt sich 
gleich. Es steht also analog wie nach deutschem Recht (K.O. § 207). 

12. Dänisches Gesetz über den Schutz der Waarenmarken 
vom 11. April 1890. Dieses Gesetz, diurch welches das Gesetz 
gleichen Betreffs vom 2. Juli 1880 ausser Geltung gesetzt wurde, ist 
im Wesentlichen gleichartig und gutentheils sogar gleichlautend mit dem 
norwegischen Gesetze vom 26. Mai 1884 und weiterhin auch dem 
schwedischen Gesetze vom 5. Juli 1884 gleichen Betreffs, welche 
letztere beide Gesetze Professor Dr. Max Pappenheim im Bde. XXXIV 
von Ooldschmidfs Zeitschrift für das gesammte Handelsrecht S. 207 — 13 
und 214 — 21 in deutscher Uebersetzung mitgetheilt hat. Dasselbe ge- 



Aoawärtige Staaten. 107 

währt zunächst Jedem^ der im dänischen Reiche „Fabrik- oder Hand- 
werksthätigkeity Landwirthschaft^ Bergbau, Handel oder ein anderes 
Gewerbe^ betreibt, das ausschliessliche Hecht auf die Führung einer 
von ihm gewählten Waarenmarke, wenn er diese nur in der gesetzlich 
vorgeschriebenen Weise einregistriren lässt und den hiefür vorge- 
schriebenen Betrag von 40 Kronen entrichtet, auch von 10 zu 10 
Jahren den Eintrag gegen Entrichtung einer Gebühr von 10 Kronen 
erneuern lässt. Nach § 14 kann aber der gleiche Rechtsschutz, Gegen- 
seitigkeit vorausgesetzt, auch Personen durch königl. Anordnungen ver- 
willigt werden, welche ausserhalb des dänischen Reiches entsprechende 
Nahrungszweige betreiben, vorausgesetzt, dass der Anmelder 1) nach- 
weist, dass er die Bedingungen erfüllt hat, welche der ausländische 
Staat für den Erwerb des Waarenmarkenschutzes angestellt hat; 

2) dass er sich für alle die Waarenmarke betreffenden Rechtssachen 
dem Gerichtsstande vor dem See- und Handelsgerichte in Kopenhagen 
unterwirft und einen im dänischen Reiche wohnhaften Bevollmächtigten 
bestellt, welcher in seinem Namen vor Gericht zu antworten hat: 

3) aber soll die Waarenmarke nicht im weiteren Umfange und nicht 
für längere Zeit geschützt werden als in dem fremden Staate. Einige 
weitere auf die Einregistrirnng bezügliche Punkte sind auswärts Woh- 
nenden gegenüber besonderer königl. Bestimmung vorbehalten« 

1. Gesetz vom 28. März 1883, die Fabrik- und Handels- 
marken betreffend (H.A.*) 1889 I 8. 698). 

Art. 9: Ausländer, welche im Grossherzogthum Gre werbe- oder 
Handelsniederlassungen besitzen, gemessen in Betreff deren Fabrikate 
den Rechtsschutz des Gresetzes, sofern sie die vorgeschriebenen Förm- 
lichkeiten erfüllt haben. 

Dasselbe gilt auch ftir die Ausländer und Luxemburger, welche 
ausserhalb des Grossherzogthums Gewerbe oder Handel treiben, falls 
in den Staaten, in welchen sie Niederlassungen besitzen, internatio- 
nale Verträge den luxemburgischen Marken Reziprozitätsverhältniss zu- 
sichern. 

Diese Verträge sind der Genehmigung der gesetzgebenden Gewalt 
nicht unterworfen. 

Die Eintragung der Marken von Ausländem oder Luxemburgern, 
welche im Grossherzogthum keine Gewerbe- oder Handelsniederlassung 
besitzen, hat nur insoweit und so lange rechtliche Wirkung, als diese 
Marken in dem Staate, in welchem sie ursprünglich eingetragen wor- 
den, gesetzlich geschützt sind. 

2. Beschluss vom 30. Mai 1883, die Ausführung obigen 
Gesetzes betr. (H.A. 1889 I S. 700). 



*) H.A. r= Deutsches Handelsarchiy. 



108 Gesetzgebung, Verordnangen, Erlasse etc. 

Oesterrelcli. 

Das österreichische Reichsgesetzblatt, Jahrgang 1890, enthält in 
Nr. 19 das Gesetz vom 6. Januar 1890, betreffend den Marken- 
schutz, dessen § 19 bestimmt: ,, Hinsichtlich des Schutzes von Mar- 
ken, sowie der Namen, Firmen, Wappen oder geschäftlichen Benen- 
nungen der Etablissements ausländischer Unternehmungen sind die 
mit den betreffenden Staaten geschlossenen Verträge oder Konventio- 
nen massgebend." 

Aus dem Verordnungsblatt des k. k. Justizministeriums vom 
Jahr 1890 sind anzuführen: 

1. In Nr. 2 Verordnung vom 23. Dezember 1889, betreffend den 
Schriftenwechsel mit den Gerichten in El sass-Lothr Ingen (findet 
nur auf dem diplomatischen Wege statt) ; 

2. auf Seite 5 Mittheilung über Zeugenbeweisaufnahme in 
den Vereinigten Staaten von Amerika in vor ausländischen Ge- 
richten anhängigen Rechtssachen (s. unten „Vermischte Mittheilungen^ ). 

3. in Nr. 4 Verordnung vom 25. Januar 1890, betreffend die 
Zustellung von Geschäftsstticken an Parteien im Auslande; 

4. in Nr. 11 Verordnung vom 13. Februar 1890, in Betreff der 
Portobehandlung der Korrespondenz der k. k. Justizbehörden mit 
Behörden und Parteien im Deutschen Reiche und in Betreff der 
Auslagen und Grebühren, welche aus der Besorgung gerichtlicher Zn- 
stellungen an Parteien auf dem Wege der Rechtshtilfe zwischen 
Oesterreich und Preussen erwachsen: 

5. auf Seite 61 Verordnung des Justizministeriums vom 20. März 
1890, betreffend das Gesetz vom 6. Januar 1890 über den Marken- 
schutz. 

6. in Nr. 22 Verordnung vom 28. April 1890, betreffend die 
mit der kaiserlich russischen Regierung ausgetauschte Deklaration 
über die Ausdehnung der Bestimmungen des zwischen der österreichisch- 
imgarischen Monarchie und dem Kaiserthum Russland wegen Einfüh- 
rung einer direkten Korrespondenz am 2. April 1884 abge- 
schlossenen Staatsvertrags (Ö.R.G.Bl. Nr. 134) auf die beiderseitigen 
Militärbehörden, 

7. in Nr. 32 Verordnung des Justizministeriums vom 17. Juni 
1890, betreffend die Vollstreckung der Urtheile der ftlrstlich 
montenegrinischen Gerichte in Oesterreich: 

„Den k. k. Gerichten wird zum Behufe der Beobachtung der 
Gegenseitigkeit zur Kenntniss gebracht, dass nach einer Erklärung 
der fürstlich montenegrinischen Regierung Erkenntnisse und Entschei- 
dungen der k. k. Zivilgerichte von den Behörden in Montenegro 
nicht vollstreckt werden." 

Bnssland. 

1. üeber die Erhebung von Erbschaftsgebühren von den 
Nachlässen in Russland verstorbener Ausländer verordnet das 



Auswärtige Staaten. 109 

in der Gesetzsammlung Nr. 86 vom 18. April 1889 veröffentlichte 
allerhöchst bestätigte Beichsrathsgutachten Nachstehendes: 

Dem Art. 20 des Zusatzes I zu Art. 363 (Anm. 2) des Steuer- 
reglements (Sw. Sak. Bd. Y, Forts, vom Jahre 1886) ist folgender 
Wortlaut zu geben: 

„Von Ausländem in Russland gehörigem unbeweglichen oder be- 
weglichen Vermögen^ welches als Elrbschaft an russische Unterthanen 
oder Ausländer tibergeht ^ wird die Erbschaftssteuer auf denselben 
Grundlagen erhoben ^ wie von dem Nachlass im Reiche verstorbener 
russischer Unterthanen. Hierbei wird, falls gemäss den bestehenden 
Konventionen das nachgelassene bewegliche Vermögen der Ausfolgung 
an den diplomatischen oder Konsularagenten des Staates, in dessen 
Unterthanenschaft sich der Verstorbene befand, unterliegt, die Steuer 
von dem betreffenden Nachlasse bei dieser Uebergabe erhoben.^ 

2. Das k. k. Österreichische Generalkonsulat in St. Petersburg 
theilt in einer Kundmachung vom April 1890 verschiedene in Russ- 
land geltende gesetzliche Normen mit, deren Kenntniss von allge- 
meinem Interesse sind: 

Wechselunfähigkeit. 
Wechselverpflichtungen dürfen in Russland nicht eingehen: 

1) Angehörige des Priesterstandes aller Konfessionen, 

2) Bauern^ sobald sie nicht die vorgeschriebenen Handelsdokumente 
gelöst haben, und 

3) Ehefrauen ohne Zustimmung ihres Gatten, es sei denn, dass sie 
selbständig Handel treiben. 

Wechselprotest. 
Ein auf einen Termin ausgestellter Wechsel muss 10 Tage nach 
dem Verfalltage vom Notar ordnungsgemäss auf den Aussteller und 
Trassaten, sowie auf sämmtliche Giranten protestirt werden. Ein 
a vista ausgestellter Wechsel muss spätestens 12 Monate nach dem 
AnsstetlvngBdatum protestirt werden. 

Wechsel Verjährung. 
Am Verfalltage nicht protestirte Wechsel verlieren ihre Wechsel- 
kmft and alle Giranten werden von ihren Verbindlichkeiten befireit. 
Der Wechselakzeptant indess bleibt für seine Unterschrift als ftlr eine 
gewöhnliche Schuld innerhalb 10 Jahren verpflichtet, indem nach 
russischem Rechte überhaupt ein jeder Anspruch, der innerhalb 10 Jah- 
ren nicht geltend gemacht wurde, seine Rechtskraft verliert. 

Beweiskraft der Geschäftsbücher. 
Rechtmässig geführten Geschäftsbüchern wird innerhalb 10 Jah- 
ren 'das Redit, als Beweismittel zu dienen, zugestanden. Gegen Nicht- 
kanflevte aber sind Gesohäftsbüeher nur innerhalb eines Jahres als 
Beweismittel zulässig. Fakturen und Noten haben an und für sich 
nur dann in Gerichtsangelegenheiten Bedeutung, wenn sie von dem 
£mpflbiger. der Waaren unterseichnet sind. 



110 Internationale Verträge. 

Kechtsgtiltigkeit von im Auslandie ausgestellten 
Wechseln, Vollmachten, Verträgen u. dgl. 

Jedes Dokument, welches nach den Gesetzen des Landes, wo es 
ausgefertigt ist, als Wechsel betrachtet wird, wird auch in Russland 
als solcher anerkannt, wie überhaupt Akte und Dokumente jeder Art 
(ausser solchen über Immobilien in Russland), welche in fremden LSn- 
dern vollzogen sind, wie Vollmachten, Verträge etc., wenn sie den 
Gesetzen des Landes, in welchem sie ausgestellt wurden, entsprechen, 
auch in Russland rechtsgültig sind; nur müssen dieselben mit der 
diesbezüglichen Bestätigung seitens der russischen Missionen oder Kon- 
sulate versehen sein. 

Forderungen gegen einen in Konkurs gerathenen 
Schuldner. Vorgehen in Konkursfällen. 

Ansprüche (ausländische) an einen zahlungsunfähigen Schuldner, 
welche nicht binnen Jahres&ist nach Publikation der 2iahlung6unfähig- 
keit in der amtlichen St. Petersburger Zeitung „Senatsky VjedomosH" 
bei der Konkursverwaltung oder bei dem Kammergerichte angemeldet 
werden, werden bei der Vertheilung der Konkursmasse nicht berück- 
sichtigt. In Konkursfällen ist auch darauf zu achten, dass sich min- 
destens die in einer und derselben auswärtigen Stadt befindlichen 
Gläubiger über eine und dieselbe Persönlichkeit als Vertreter der von 
ihnen angemeldeten Forderungen einigen; zur Vertretung in Konknrs- 
fällen soll stets nur ein Advokat vorgeschlagen werden, da eine an- 
dere Persönlichkeit doch wieder gezwungen wäre, mit einem solchen 
in Verbindung zu treten. 



Internationale Verträge. 

1. Niederlassungsvertrag zwischen dem Deutsehen 
Reiche und der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 
31. Mai 1890 (Deutsch. Reichs-Gesetzbl. S. 131 ff.): 

^Ari. 1, Die Deutschen sind in jedem Kanton der Eidgenossenschaft 
in Beeug auf Person und Eigenthum auf dem nämlUhen Fusse und emf 
die nämliche Weise aufzunehmen und zu behandeln, wie es die Angeköriaen 
der anderen Kantone sind oder noch werden sollten, Sie können insbesondere 
in der Schweiz ab- und zugehen und sich daselbst dauernd oder zeitweilig 
aufhalten, wenn sie den Gesetzen und Polizeiverordnungen n€ichleben» 

^ Jede Art von Gewerbe und Handel, welche den Angehörigen der ver- 
schiedenen Kantone erlat^t ist, wird es auf gleiche Weise auch den Deut^ 
sehen sein, und zwar ohne dass ihnen eine pekuniäre oder sonstige Mehr» 
leistung auferlegt werden darf 

Art. 2. Um die in dem Artikel 1 bezeichneten Rechte beanspruchen tu 
können, müssen die Deutschen mit einem Zeugniss ihrer Oesandtsehaft ver- 
sehen sein, durch welches bescheinigt wird, dass der Inhaber die deutsche 
BeichsangehÖrigkeit besitzt und einen unbescholtenen Leumund geniessi. 

Art. 3. Die Schweizer werden in Deutschland unter der im Artikel 2 
des gegenwärtigen Vertrages enthobenen VorausHttung die nämlidien BeMe 



Internationale Verträge. Hi 

und VartheiU genitssen^ wie sie der Artikel 1 des gegenwärtigen Vertrages 
den Deutschen in der Schweiz zusichert, 

Art. 4. Durch die Bestimmungen der vorstehenden Artikel wird das 
Becht eines jeden der vertragenden Theile, Angehörigen des anderen Theiles, 
entweder in Folge gerichtlichen ürtheils oder aus Gründen der inneren und 
äusseren Sicherheit des Staates, oder auch aus Gründen der Armen- und 
Sittenpolizei den Aufenthalt zu versagen, nicht berührt. 

Art. 5. Die Angehörigen des einen der beiden Länder, welche in dem 
anderen wohnhaft sind, bleiben den Gesetzen ihres Vaterlandes über die 
Müit&rpflieht oder die an deren Stelle tretende Ersatzleistung unterworfen 
und können deshalb in dem Lande, in welchem sie sich aufhalten, weder zu 
persönlichem Militärdienste irgend einer Art, noch zu einer Ersatzleistung 
angehalten werden. 

Art. 6. Im Falle eines Krieges oder einer Enteignung zum Öffentlichen 
Nutzen sollen die Bürger des einen Landes, die in dem anderen wohnen 
oder niedergelassen sind, den Bürgern des Landes bezüglich des Schadens* 
ersatzes für die erlittenen Beschädigungen gleichgehalten werden. 

Art. 7. Jeder Vortheil in Bezug auf Niederlassung und Gewerbeaus- 
Übung, den der eine der vertragenden Theile irgend einer dritten Macht, 
auf welche Weise es immer sei, gewährt hohen mochte oder in Zukunft noch 
gewähren sollte, wird in gleicher Weise und zu gleicher Zeit gegenüber dem 
anderen vertragenden Theile zur Anwendung kommen, ohne dass hierfür der 
Abschluss einer besonderen üebereinkunft nöthig wird. 

Art. 8. Die Angehörigen des einen Theiles, welche sich auf dem Ge* 
biete des anderen TJieiles befinden, aufhalten oder niedergelassen haben und 
in die Lage kommen sollten, auf Grund der Bestimmungen des Artikels 4 
weggewiesen zu werden, sollen sammt Familie auf Verlangen des ausweisen- 
den Theües jederzeit von dem anderen Theile wieder übernommen werden. 

Unter gleichen Voraussetzungen verpflichtet sich jeder Theil, seine vor- 
maJigen Angehörigen, auch wenn sie das Staatsbürgerrecht nach der inländi- 
echen Gesetzgebung bereits verloren haben, solange sie nicht in dem anderen 
oder einem dritten Staate angehörig geworden sind, auf Verlangen des an- 
deren Theiles wieder su vbemehmen. 

Mine polizeiliche Zuweisung soll jedoch, sofern nicht das HeimathrecTU 
des Zuzuweisenden durch eine noch gültige unverdächtige Heimathurkunde 
dargethan ist, gegenseitig nicht stattfinden, bevor die Frage der Uebemahme- 
pßtcht erledigt und die letztere von dem Pflichtigen Theile ausdrücklich an* 
erkannt ist. 

Die Transportkosten bis zur Grenze zwischen Deutschland und der 
Schweiß werden von dem zuweisenden Theile getragen'^). 

Art. 9. Beide Theile befialten sieh in Bezug auf solche Personen, 
wetthe vor Erfüilung ihrer Militärpflicht die Staatsangehörigkeit gewechselt 
haben, das Beeht vor, ihnen die Befugniss zum bleibenden Aufenthalte oder 
die Niederlassung in ihrem früheren Heimathlande zu untersagen. 

Art. 10. Die deutschen Eigenthümer oder Bebauer von Grundstücken 
in der Schweiz und umgekehrt die schweizerischen Eigenthümer oder Bebauer 
von Grundstücken im Gebiete des Deutschen Beichs geniessen in Bezug auf 
die Bewirthsehaftung ihrer Güter die nämlichen Vortheile, wie die am 
gleichen Orte wohnenden Inländer, unter der Bedingung, dass sie sich allen 
für die Landesangehörigen geltenden Verwaltungs- und Polizeiverordnungen 
unterwerfen. 



1) Das Uebereinkommen zwischen Bayern und der Schweiz vom 21. De- 
zember 1881 .bezüglich der Uebemahme Ausgewiesener ist auch gegenüber 
obigem Vertrage in Kraft geblieben. 



112 Internationale Verträge. 

Art, 11. Jeder der vertragenden Theile verpfluMet sich, dafür su 
sorgen^ dass in seinem Gebiete denjenigen hülfsbedürftigen Angehörigen des 
anderen TheileSf welche der Kur und Verpflegung henöthigt sind, diese nach 
den am Aufenthaltsorte für die Verpflegung der eigenen Angehörigen 'be- 
stehenden Grundsätzen bis dahin eu Theü werde, wo ihre Rückkehr in die 
Heimath ohne Nachtheil für ihre und Anderer Gesundheit geschehen kann. 

Ein Ersatz der hierdurch oder durch die Beerdigung Verstorbener er- 
wachsenen Kosten kann gegen die Staats-, Gemeinde- oder andere öffentliche 
Kassen desjenigen der vertragenden Theile, loelchem der Hülfsbedürftige 
angehört^ nicht beansprucht werden. Für den Fall, dass der Hülfsbedürftige 
selbst, oder dass andere privatrechtlich Verpflichtete zum Ersatz der Kosten 
im Stande sind, bleiben die Ansprüche an diese vorbehalten. 

Die vertragenden Theile sichern sich auch wechselseitig zu, auf Antrag 
der zuständigen Behörde die nach der Landesgesetzgebung zulässige Hülfe 
zu leisten, damit denjenigen, welche die Kosten bestritten haben, diese nach 
billigen Ansätzen erstattet werden. 

Art. 12, Der gegenwärtige Vertrag soll am 10, Juli 1890 in Wirksam- 
keit treten und bis zum 31, Dezember 1900 in Kraft verbleiben. 

Im Falle keiner der vertragenden Theile zwölf Monate vor dem Ablaufe 
des gedachten Zeitraumes seine Absicht ^ die Wirkungen des Vertrages auf- 
hören zu lassen, kundgegeben haben sollte, bleibt derselbe in Geltung bis 
zum Ablaufe eines Jahres von dem Tage an, an welchem der eine oder der 
andere der vertragenden Theile ihn aekündigt hat. 

Gegenwärtiger Vertrag soll baldmöglichst ratifizirt und die Auswechse- 
lung der Ratißcations-Ürkunden spätestens bis zum 10. Juli l. Js. in Bern 
bewirkt werden.*^ 

Inhaltlich des Schlussprotokolles zu vorstehendem Vertrage 
vom gleichen Tage, dem gleiche Kraft wie dem Vertrage selbst zu- 
kommt; haben vor Unterzeichnung des Vertrages die Bevollmächtigten 
krafit Ermächtigung ihrer beiderseitigen Regierungen eine Verständigung 

über folgende Punkte getroffen: 

„1, Bezüglich der bayerischen Staatsangehörigen isA der k. hayerieehe 
Gesandte bei der Eidgenossenschaft zur Ausstellung des im Art. 2 erwähnten 
Zeugnisses zuständig'^), 

2. Solange die Schweiz vermöge ihrer Gesetzgebung nicht eine BesÜmmung 
darüber trifft, dass für ihre Angehörigen, um die Bechte dieses Verbroges 
im Deutschen Beiche zu beanspruchen, das im Art. 2 erwähnU Zeugniss 
ausschliesslich von ihrer Gesandtschaft und ihren Konsulaten in Deutsch- 
land ausgestellt werden muss, werden die detUschen Behörden einem von der 
betreffenden schweizerischen Gemeindebehörde ausgestellten Heimathechein 
und einem von dieser ertheilten Leumundszeugniss , sofern diese Urkunden 
von der zuständigen Behörde des Heimathkantons beglaubigt sind, dieselbe 
Bedeutung wie dem im Art. 2 erwähnten gesantUschaftlichen Zeugniss bei- 
legen, 

3. Die Angehörigen des einen Vertragsstaates, welche kraft des Ver- 
trages vom 27. April 1876 im Gebiete des anderen in gesetemässiger Wein 
die Niederlassung erhalten haben, werden derselben ohne weitere Färmli^ 
keit nach den Bestimmungen des hetUigen Vertrages theHhaftig bleiben» 

4. In Bezug auf die Heimbeförderung der unter Art, 8 des fieuitigen 



2) Der für die k. bayerische Gesandtschaft in Bern erforderliche Nach- 
weis unbescholtenen Leumundes bayerischer Staatsangehöriger, welche in 
der Schweiz Aufenthalt nehmen wollen, ist durch ein Zeugniss der heimath- 
lichen DistriktspolizeibehOrde zu erbringen. Entscbl. des k. Staatam. des 
Innern vom 27. Juli 1890 (Amtsblatt d. M. d. J. 1890 S. 352). 



Internationale Verträge. Il3 

Vertrages ertoähnien Personen werden die mittelst Zusatzprotokolls vom 
21. Dezember 1881 zu dem Niederlassungsvertrage vom 37, April 1876 fest- 
gesetzten Bestimmungen solange in Wirksamkeit bleiben, als nicht das ge^ 
nannte Protokoll durch ein neues Uebereinkommen ztoischen beiden Re- 
gierungen ersetzt sein wird 

5. Die beiden kontrahirenden Staaten geben sich die gegenseitige Zu- 
sicherung^ dass in cUlen Fällen, wo der Art. 9 in Anwendung kommen wird, 
der Ausweisung vorausgehend, die Verhältnisse genau untersucht und er* 
wogen werden sollen, und insofeme die Umstände ergeben, dass der Natio- 
nalitätswechsel bona fide und nicht zum Zweck der Umgehung der Militär- 
pflicht erfolgt ist, die Ausweisung unterbleiben soll,^ 

Der neue Vertrag enthält nur wenige Abweicliungen von dem 
früheren NiederlassungSTertrage vom 27. April 1876. 

Die hauptsächlichste Abänderung betriffl; den Art. 2. Der Mhere 
Vertrag bestimmte in Art. 2, dass^ um in der Schweiz Wohnsitz zu nehmen 
oder sich dort niederzulassen; die Deutschen mit einem Heimathsscheine 
und einem von der zuständigen HeimathsbehÖrde ausgestellten Zeugnisse 
versehen sein mussten, durch welches bescheinigt wurde^ dass der In- 
haber im VoUgenusse der bürgerlichen Ehrenrechte sich befinde und 
einen unbescholtenen Leumund geniesse. Diese Bestimmung hat; wie 
bekannt; zu Zweifeln und Reklamationen Anlass gegeben. Die neue 
Fassung des Art. 2 entspricht besser den Interessen beider vertrag- 
schliessenden Theile. Durch solche ist einerseits klargestellt; dass die 
Schweiz damit dem Deutschen Reich gegenüber lediglich die eine Ver- 
pflichtung übernimmt; denjenigen Deutschen; welche das vorgeschrie- 
bene Zeugniss über ihre Staatsangehörigkeit und ihren Leumund bei- 
bringen; die im Art. 1 bezeichneten Rechte zu gewähren. Anderseits 
ist durch die Vorschrift; dass das vorerwähnte Zeugniss durch die 
Gesandtschaft ausgestellt werden muss; die Ausstellung des Zeug- 
nisses einem Organe anvertraut; welches zur Pflege der internationalen 
Beeiehungen zwischen beiden Ländern vorzugsweise berufen ist; womit 
Anstände vermieden werden ; welche sich daraus ergeben; dass die 
früher mit der Ausstellung beauftragt gewesenen Behörden zum Theil 
die in Betracht kommenden und öfter schwierigen staatsrechtlichen 
Fragen nicht immer richtig und objektiv entschieden. Regelmässig 
wird zwar der Gesandte ein solches Zeugniss schon auf Grund der 
bezüglichen Urkunden der Behörden auszustellen in der Lage sein; 
er wird aber auch; wenn ihm die Papiere des neu Ansiedelnden zwei- 
felhaft erscheinen oder sonstige Bedenken gegen die Richtigkeit der 
Angaben obwalteu; sich an die zuständigen Zentralbehörden der Bun- 
desstaaten wenden und deren Entscheidung einholen. Die nunmehrige 
Vereinbarung enthält bei der Leichtigkeit; mit welcher die Gesandt- 
schaft in Bern erreicht werden kann; für die deutschen Reichsangehö- 
rigen keine Unbequemlichkeit. Die Vorzüge des nunmehrigen Art. 2 
vor der früheren Fassung sind dabei ausser Zweifel. 

In Art. 4 des neuen Vertrags sind die Voraussetzungen; unter 
welchen jedem Theile gegenüber den Angehörigen des anderen Theiles 
das Recht der Ausweisung zustehen soll und welche in dem früheren 
Zeitschrift für intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. g 



114 Internationale Verträge. 

Vertrage in Art. 7 in einem Zwischensätze beigefligt waren^ als eine 
selbständige Vorschrift; zum Ausdruck gebracht^ in Folge dessen der 
jetzige Art. 8 die entsprechende Aenderung erfahren musste. 

Im Uebrigen enthält der neue Vertrag keine Abweichimg von dem 
fi'üheren. Nur in dem Schlussartikel (jetzt Art 12) ist der erste Satz 
des zweiten Absatzes vom früheren Art. 1 1 weggelassen, da die dort er- 
wähnten älteren Niederlassungsverträge zwischen den einzelnen deutschen 
Staaten und der Schweiz schon seit nunmehr 14 Jahren ihre Gültig- 
keit verloren haben. 

Vgl. hiezu Verhandlungen des Deutschen Reichstags; insbesondore 
die Denkschrift; Stenograph. Berichte^ 8. Legislaturperiode^ I. Seasicm 
1890/91; erster Anlageband Nr. 50, und die Berichte über die Beichs- 
tagssitzungen vom 9«; 13. und 16. Juni 1890. 

2. Zur Konvention zwischen dem Deutschen Reiche und 
Russland hinsichtlich der Regulirung von Hinterlassen- 
schaften vom —^iJ^^I??'— 1874 (Reichsgesetzblatt 1875 S.136ff.): 

31. Oktober ^ ^ ^ 

a. Die Auffassung; dass nach Art. 1 der Konvention die Vorschriften 
der Art. 2 ff. derselben nicht Platz zu greifen hätten; falls für die 
zuständige Behörde nach Massgabe der Landesgesetze keine Veranlas- 
sung bestände; den Nachlass sicher zu stellen; ist nicht zu billigen. 
Vielmehr sind in allen Fällen des Ablebens eines russischen Staats- 
angehörigen in Deutschland die Vorschriften der Konvention zur An- 
wendung zu bringen; gleichviel ob nach dem sonst bestehenden Rechte 
die gerichtliche Sicherung und Ordnung des Nachlasses geboten oder 
ausgeschlossen ist. Denn der Vorbehalt am Schlüsse des Art. 1 macht 
die Anwendbarkeit der Artikel 2 bis 11 nicht davon abhängig^ dass 
im einzelnen Falle für die Ortsbehörde die Verpflichtung; Sicherungs- 
massregeln zu treffen, auf Grund des Art. 1 gegeben sei; sondern er 
zeigt nuT; dass neben der Vorschrift des Art. 1 die Bestimmung der 
Artikel 2 — 11 ihre selbständige Bedeutung haben. Anderseits lässt 
der Inhalt der letzteren; insbesondere der des Art. 2 in Verbindung 
mit Art. 11 keinen Zweifel darüber; dass dieselben alle Fälle ; in 
welchen Angehörige des einen Landes im anderen sterben; treffen wolle, 
dass mithin in den bezeichneten Fällen die Rechte und Befugnisse der 
konsularischen und diplomatischen Vertreter des anderen Theils stets 
und ausschliesslich durch die Art. 2 — 11 bestimmt werden. Entschl. 
des grossh. Sachsen- Weimarschen Ministeriums vom 12. Februar 1889 
(S. W. Reg.Bl. S. 151). 

b. Die Bestimmung des Art. 10 Abs. 2 der Konvention bezieht 
sich nicht blos auf denjenigen beweglichen NachlasS; welcher sich in 
dem Staate befindet; wo der Erblasser gestorben ist; sondern auch 
auf den im Heimathsstaate des Erblassers befindlichen Theil jenes 
Nachlasses. Urth. des R.G. vom 19. Juni 1890 (Jur. WochenBchrift 
1890; S. 309 ff.). 



InternationAle Verträge. 115 

3. Betreffend die Abhandlung der Nachlässe der in 
Oesterreich verstorbenen russischen Staatsangehörigen be- 
stimmt die Verordnung des österr. Justizministeriums vom 18. Februar 
1887 Z. 2561: 

Mit Beziehung auf den § 23 des kaiserlichen Patentes vom 9. Au- 
gust 1854 (B.G.Bl. Nr. 208) wird den Gerichten bekannt gegeben^ dass 
die Bestimmungen des Art. XIX des Handels- und Schiffahrtsvertrages 
mit Russland vom 2./ 14. September 1860 (R.6.B1. Nr. 272) von Seite 
der kaiserlichen russischen Regierung nicht dahin aufgefasst werde^ 
dass die Regulirung des bew^lichen Nachlasses der in Russland ver- 
storbenen österreichischen Staatsangehörigen dem Heimathstaate zu 
überlassen sei. Da, wie aus wiederholten Fällen entnommen wurde, 
das Vorgehen der russischen Behörden mit dieser Auffassung Überein- 
stimmt und eine für alle Fälle ausreichende Erklärung der kaiserlich 
russischen Regierung über die Behandlung des beweglichen Nachlasses 
der in Russland verstorbenen hierländisehen Staatsangehörigen nicht 
vorliegt, somit die Benehmungsweise der russischen Behörden gegen- 
über solchen Nachlässen mit Bestimmtheit nicht bekannt ist (2. Absatz 
des § 23 obigen Patentes), so tritt der Fall ein, dass die Gerichte 
über den hierlands befindlichen beweglichen Nachlass eines russischen 
Staatsangehörigen wie über die Verlassenschafl eines Inländers zu ver- 
fahren haben. 

Hiedurch wird in den Bestimmungen des erwähnten Artikels XIX 
über die Theilnahme des Konsular- bezw. diplomatischen Vertreters an 
der Verfassung der Inventur und an sonstigen zur Sicherung des 
Nachlasses erforderlichen Vorkehrungen, insofeme solche Vorkehrungen 
überhaupt nach den hierländisehen Gesetzen eintreten, sowie über die 
Ausfolgung der Nachlassgegenstände — wenn dieselben nicht den hier- 
lands sich aufhaltenden Interessenten oder ihren Vertretern übergeben 
werden, — an die genannten Funktionäre nichts geändert. 

Die Bestimmungen des an sämmtliche Oberlandesgerichte gerich- 
teten Erlasses vom 8. März 1833, Ziff. 2775, bleiben aufrecht, inso- 
fern dieselben nicht durch den Umstand, dass die Abhandlungspflege 
nunmehr durch die Gerichte zu geschehen hat, eine Einschränkung er- 
fahren. 

4. Zur Vereinbarung zwischen Oesterreich einer- und 
Schweden und Norwegen anderseits vom 20. September 1889 
wegen wechselseitigen Schutzes der Fabrik- und Handelsmarken ent- 
hielt das österr. Reichsgesetzblatt 1890 S. 122 eine Kundmachung der 
österr. Regierung vom 10, Mai 1890. 

5. Zur revidirten Rheinschiffahrtsakte vom 17. Oktober 
1868 (s. Zt. vereinbart von den Regierungen von Bajem, Baden, 
Frankreich, Hessen, den Niederlanden und Preussen): 

a. Das Rheinschiffahrtsgericht erster und zweiter Instanz in Mann- 
heim hat erkannt, dass Art. 32 der revidirten Rheinschiffahrts- 
akte vom 17. Oktober 1868, bezw. Art. 34 der Polizeiordnung 

8* 



116 Internatioiiale Verträge. 

für die SchifGahrt mid Flösserei auf dem Kheine vom 8« Sep- 
tember 1887 neben § 366 Nr. 10 des deutschen Stra%esetzbiicii8 
in der Fassung der Novelle vom 26. Februar 1876 nicbt mehr 
unbeschränkte Geltung habe. Vgl. Anoalen d. bad. Gerichte 
1889 S. 268 ff. Dort ist auch verneint^ dass bei den Bhein- 
Schiffahrtsgerichten eine dritte (Bevisions-) Instanz bestehe, 
b. In der Sitzung der Rheinschiffahrtskommission vom 9. August 
1889 wurde von den Bevollmächtigten der Bheinuferstaaten die 
Erlassung gemeinsamer polizeilicher Vorschriften Über die Beför- 
derung von Petroleum in Kastenschiffen auf dem ßheine verein- 
bart, welche die Zustimmung sämmtlicher betheiligten Staaten 
gefunden haben*). 

6. Zum internationalen Vertrage vom 6. Mai 1882, betreffend 
die polizeiliche Regelung der Fischerei in der Nordsee 
ausserhalb der Küstengewässer (Deutsches R.G.B1. 1884 S. 25) 
wurde von den betheiligten Regierungen zu Art. 8 Abs. 5 (Anbringung 
der Unterscheidungsbuchstaben und Nummern an den Fahrzeugen) un- 
term I.Februar 1889 weitere Vereinbarung getroffen (D. R.G.B1. 1890 
S. 5). 

7. Zwischen der Schweiz und demKongostaate wurde unterm 
16. November 1889 ein Freundschafts-, Niederlassungs- und Han- 
delsvertrag abgeschlossen (Schweiz. Handelsamtsbl. 1889 Nr. 184, 
Deutsches Handelsarchiv 1890 I S. 94). 

In Beziehung auf Auslieferung der Verbrecher und den 
Vollzug von Rogatorien soll nach Art. 15 zwischen den kontra- 
liirenden Theilen eine besondere Uebereinkunft abgeschlossen werden. 
Bis zum Inkrafttreten dieser Uebereinkunft soll die Schweiz im Kongo- 
staate imd dieser in der Schweiz alle Rechte geniessen, welche die 
kontrahirendeu Theile einem anderen, nicht angrenzenden Staate in 
dieser Beziehimg eingeräumt haben oder in Zukunft einräumen wer- 
den. Für alle Fälle gilt als vereinbart, dass jedes desfallsige Be- 
gehren, welches von dem einen Theile an den anderen gestellt wird, 
ohne Weiteres die Zusicherung der Gegenseitigkeit in sich schliesst. 

8. Generalakte der Samoakonferenz der Bevollmäch- 
tigten von Deutschland, den Vereinigten Staaten von Ame- 
rika und Grossbritannien vom 14. Juni 1889. 



3) Für Bayern mit Min. -Bekanntmachung vom 22. Januar 1890 (Ges. 
n. V.B1. S. 91) zur öffentlichen Eenntniss gebracht. 

Weitere neuere, auf die Rheinschiffahrt bezügliche Vorschriften ent- 
halten für Bayern die Verordnungen vom 24. Dezember 1888, dieAichoB^ 
der Rheinschiffe betr. (Ges. u. V.Bl. 1889 S. 1) , vom 24. Dezember 1888, 
die Untersuchung der Rheinschiffe betr. (Ges. u. V.Bl. 1889 S. 24) und 
vom 27. Mai 1889, die polizeilichen Vorschriften für den Schiffahrtsbetrieb 
auf dem Rheine entlang der badisch-bayerisohen Grenze betr. (Ges. u. V.BL 
S. 91). 



Internationale Verträge. 117 

Die vorbezeichnete Uebereinkunft (Deutscher Reichsanzeiger vom 
22. Januar 1890, D. Handelsarchiv 1890 I S. 65) bestimmt in Art. III 
in Bezug auf die Errichtung eines obersten Gerichtshofes für 
Samoa und dessen Zuständigkeit: 

Es wird ein oberster Gerichtshof in Samoa eingesetzt ^ welcher aus 
einem Biehier besteht; der letztere wird Oberrichter von Samoa genannt 
Er soU einen Geriehtsklerk und -Marschall einsetzen (Abschn, 1). 

JDie Entscheidung des Oberrichters über Fragen innerhalb seiner Zu- 
ständigkeit soü endgültig sein (Abschn, 2). 

Uier oberste Gerichtshof soll zuständig sein für alle Fragen ^ weiche 
unter den Bestimmungen der Generalakte entstellen; die Entscheidung oder 
Anordnung des Gerichtshofes darüber soll für alle Einwohner Samoas bin- 
dend sein. 

Der Gerichtshof soll auch die Berufungsinstanz mit Bezug auf die 
Munünpalmagistrate und -Beamten bilden (Abschn, 4), 

Der Oberrichter ist befugt, nach seinem Ermessen und attf schriftliches 
Ers%tehen einer der streitenden Parteien Beisitzer einzusetzen , je einen von 
der Nationalität einer jeden der streitenden Parteien, um den Gerichtshof 
bei der Berathung zu unterstützen, aber ohne entscheidende Stimme (Abschn, 6), 

Der ausschliesslichen Zuständigkeit des obersten Gerichtshofes sollen 
übertragen werden: 

1) alle Zivilprozesse, betreffend Ghrundeigenthum in Samoa und alle darauf 
bezüglichen BedUe, 

2) aUe Zivilprozesse jedweder Art zwischen Eingeborenen und Fremden 
oder zwischen Fremden verschiedener NationaUtät, 

3) {Ule Verbrechen und Vergehen von Eingeborenen gegen Fremde oder 
von solchen Fremden, welche nicht einer Konsulargerichtsbarkeit unter- 
worfen sind, unter Beobachtung der Bestimmungen, welche über die 
Gerichtsbarkeit des Munizipalmagistrats des Distrikts von Apia be- 
stimmen (Abschn. 9). 

Die Praais und das Verfahren des Gemeinen-^ Billigkeits- und Ad- 
miralitätsrechtes, wie es in den Gerichtshöfen von England gehandhabt wird, 
sollt soweit anwendbar, auch die Praxis und das Verfahren des obersten 
Gerichtshofes bilden; der Gerichtshof ist indessen befugt, für Verbrechen 
diejenigen Strafen zu verhängen, welche für dieselben durch die Gesetze der 
Vereinigten Staaten, Englands oder Deutschlands bestimmt sind^ je nachdem 
der Oberrichter es für am meisten zweckentsprechend erachtet ; soweit einge- 
borene Samoaner oder andere Eingeborene der Südsee - Inseln in Betracht 
kommen, ist er befugt , Gesetze und Gewohnheiten von Samoa anzuwenden 
(Abschn. 10). 

Die obigen Bestimmungen berühren die bestehende Konsular-Gerichts* 
barkeit in Fragen, welche zwischen Schiffern und Seeleuten von Schiffen der 
betreffenden Nationalität entstehen, nicht (Abschn. 11). 

Nach Art. V wird für den Munizipalbezirk von Apia ein Muni- 
zipalrath, bestehend aus sechs Mitgliedern und einem Vorsitzenden, 
mit einer in Abschn. 8 u. 4 dieses Artikels bestimmt begrenzten Ge- 
richtsbarkeit über den Munizipalbezirk, eingesetzt. 

9. Zum Vertrag zwischen Bayern und den Vereinigten 
Staaten von Amerika vom 26. Mai 1868, die Staatsangehörig-^ 
keit der wechselseitigen Einwanderer betr., s. oben S. 61. 

10. Gerichtsstandsvertrag zwischen der Schweiz und Frank- 
reich vom 15, Juai 1869 s. oben uuter Rechtsprechung des schwei- 
zerischen Bundesgerichtes. 



118 RechtsverhältniBse in den deutschen Schutzgebieten. 



Rechtsirerliältnisse in den deutschen 

Scliutsgebieten. 

1. Deutsches Kolonialblatt. 

Als Amtsblatt für die deutschen Schutzgebiete wird im AaswSr- 
tigen Amte zu Berlin ein 

Deutsches Kolonialblatt 
herausgegeben^ welches (bei Mittler & Sohn^ Hofbuchhandlung in 
Berlin, Abonnementpreis 2 Mark vierteljährlich) am 1. und 15. jeden 
Monats erscheint und enthält: 

1. die von den Beichsbehörden ausgehenden Gesetze und Verord- 
nungen für die deutschen - Schutzgebiete; 

2. die von den Behörden in den Schutzgebieten erlassenen Ver- 
ordnungen; sowie sonstige von denselben an die Behörden der Heimath 
gerichtete MittheilungeU; 

3. alle auf die Beamten in den Schutzgebieten bezüglichen Per- 
sonalnachrichten ; 

4. die der Schiffahrt an den Küsten der Schutzgebiete dienlichen 
Mittheilungen; z. B. Über Seezeichen; Untiefen etc.; 

5. die Uebersicht der nach und von den Schutzgebieten sich be- 
wegenden deutschen Eariegsschiffe; sowie Nachrichten über dieselben. 

Der nichtamtliche Theil ist insbesondere in seiner Abtheilung 
;,£Lleine Mittheilungen ^ bestimmt; fortlaufend die neuesten Nachrichten 
tlber die deutschen Schutzgebiete zur Kenntniss des Publikums zu 
bringen. 

2. Kolonialabtheilung im Auswärtigen Amte zu Berlin. 

Die seit dem 1. April d. Js. im Auswärtigen Amte gebildete 
IV. Abtheilung wird nach einer Verfügung des Reichskanzlers vom 
29. Juni c. fortan den Namen ;,Kolonial-Abtheilung'^ fuhren. 

Soweit es sich um die Beziehungen zu auswärtigen Staaten und 
um die allgemeine Politik handelt; bleibt die Kolonial- Abtheilung dem 
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes unterstellt. In allen eigent- 
lichen Kolonialangelegenheiten dagegen; insbesondere auch in allen or- 
ganisatorischen Fragen, wird in Zukunft die KolonialabtheUung derartig 
selbständig unter der Verantwortung des Eeichskanzlers Aingiren, dass 
der Abtheilungsdirigent dem obersten Chef der Eeichsverwaltung un- 
mittelbar die erforderlichen Vorträge erstattet und unter der Bezeich- 
nung „Auswärtiges Amt; Kolonial- Abtheilung" die von der letztem 
ausgehenden Schriftstücke selbst zeichnet. 

Es wird sich empfehlen; Schreiben und sonstige Sendungen; welche 
für die Kolonial-Abtheilung des Auswärtigen Amts bestinmit sind, mit 
einem bezüglichen Vermerke zu versehen (Deutsches Kolonialblatt 
S. 119). 



Rechtflverhältiiifise in den deutschen Schutzgebieten. ng 

3. Verträge mit Eingeborenen im Schutzgebiete der Mar- 
schall-Inseln. 
Eine Verordnung des kaiserlichen Kommissars vom 16. Oktober 
1886 (Deutsch. Kolonialblatt 1890 S. 49) bestimmt, dass jeder Ver- 
trag mit Eingeborenen über ein Werthobjekt von mehr als 2000 Mk. 
schriftlich al^eschlossen werden muss, dass mündliche Nebenabreden 
ohne rechtliche Wirkung sind und dass jeder Vertrag der vorbezeich- 
neten Art zu seiner Gültigkeit der vorherigen Genehmigimg des kai- 
serlichen Kommissars bedarf. Zuwiderhandlungen gegen diese Verord- 
nung werden mit Geldstrafe oder Gei^ngniss bis zu 3 Monaten ge- 
ahndet. 

4. Schutzgebiet der Marschall-Inseln. 

a. In Ergänzung der V^ordnung vom 13. September 1886, betreffend 
die Becfatsverhältnisse im Schutzgebiete der Marschall-Inseln (Reichs- 
Gesetzbl. S. 291), wurde eine kaiserliche Verordnung vom 7. Februar 
1890 (Reichs-Gesetzbl. S. 55) erlassen. 

b. Eine kais. Verordnung, betreffend die Grerichtsbarkeit über die 
Eingeborenen im Schutzgebiet der Marschall-Inseln (Deutsch. Reichs- 
anzeiger vom 3. März 1890, Deutsch. Handelsarchiv 1890 I S. 208), 
ermächtigt den Reichskanzler, die erforderliche Anordnung für die 
Regelung der Grerichtsbarkeit über die Eingeborenen des Schutzgebiets 
der Marschall-Inseln zu treffen. 

c. Zur Ergänzung der Dienstanweisung, betreffend die Ausübung der 
Gerichtsbarkeit im Schutzgebiete der Marschall-Inseln, vom 2. Dezember 
1886 wurde eine weitere Dienstanweisung vom 10. März 1890 (Reichs- 
anzeiger vom 14. März 1890, Handelsarchiv 1890 I S. 203) erlassen, 
welche u. A. bestimmt, dass zur Ausübung der Gerichtsbarkeit zweiter 
Instanz der kaiserliche Kommissar ermächtigt ist und dass die Grerichts- 
barkeit erster Instanz von den übrigen, durch den Reichskanzler zur 
Ausübung der * Gerichtsbarkeit ermächtigten Beamten wahrgenommen 
wird. 

5. Südwestafrikanisches Schutzgebiet. 

Das deutsche Reichsgesetzblatt (1890) enthält in Nr. 26 S. 171 
eine in Ergänzxmg der Verordnung vom 21. Dezember 1887 (Reichs- 
Gesetzbl. S. 535) erlassene kaiserl. Verordnung vom 10. August 1890, 
betreffend die Rechtsverhältnisse in dem südwestafrikanischen Schutz- 
gebiete. 

Nacb § 1 dieser Verordnung unterliegen der Grerichtsbarkeit alle 
Personen, welche in dem Schutzgebiete wohnen oder sich aufhalten, 
oder bezüglich deren, hiervon abgesehen, ein Grerichtsstand innerhalb 
des Schutzgebietes nach den zur Geltung kommenden Gesetzen begründet 
ist, die Eingeborenen jedoch nur, soweit sie dieser Gerichtsbarkeit 
besonders unterstellt werden. 

6. Neu-Guinea-Kompagnie. 

Nach kaiserl. Verordnung vom 6. Mai 1890 (Reichs-Gesetzbl. 
8. 67) sind die gesammten richterlichen und Verwaltungsbefagnisse 



120 Vermischte Mittheilungen. 

des ehemaligen Landeshauptmanns auf den kaiserl. Kommissar för das 
Schutzgebiet der Neu-Guinea-Kompagnie übertragen worden, nachdem 
die Landesverwaltung dieses Schutzgebietes von dem Reich über- 
nommen worden ist. 

7. Deutsch-ostafrikanische Gesellschaft. 
Durch Bundesrathsbeschluss vom 4. Juli 1889 (Deutscher Reichs- 
anzeiger vom 18. September 1889, Deutsches Handelsarchiv 1889 I 
S. 609) wurde der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft auf Grund 
ihres als Satzungen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, neue 
Fassung vom 27. April 1889, bezeichneten und vom Reichskanzler 
genehmigten Gresellschaftsvertrags nach Massgabe des § 8 des Ge- 
setzes vom 15. März 1888, wegen Abänderung des Gresetzes, betreffend 
die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete, die Fähigkeit bei- 
gelegt, unter ihrem Namen Rechte, insbesondere Eigenthum und andere 
dingliche Rechte an Grundstücken zu erwerben, Verbindlichkeiten ein- 
zugehen, vor Gericht zu klagen und 'verklagt zu werden. 

Vermischte Mittheilungen. 

(Rechtshülfe gegenüber den deutschen Gewerbegerich- 
ten.) Gemäss § 60 des Gresetzes vom 29. Juli 1890, betreffend die 
Gewerbegerichte (Deutsch. R.G.B1. S. 155) haben die ordentlichen Gre- 
richte den Gewerbegerichten nach Massgabe der Bestimmungen des 
Gerichtsverfassungsgesetzes Rechtshülfe zu leisten. 

(Helgoland.) Laut Art. XII Z^ff, 4 des Abkommens zwischen 
dem Deutschen Reich und Grossbritannieu über verschiedene die Kolo- 
nialinteressen betreffende Fragen bleiben in Helgoland die bestehenden 
heimischen Gesetze und Gewohnheiten, soweit es möglich ist, unver- 
ändert fortbestehen. 

(Alimentationsklagen in der Schweiz.) Die 'Zustellung einer 
auswärts (in Bayern) erhobenen Klage wegen Ansprüchen aus ausser- 
ehelicher Schwängenmg an einen schweizerischen Bundesangehörigen 
wurde vom Obergerichte Aargau abgelehnt unter Hinweisung auf 
Art. 59 Abs. 1 der schweizerischen Bundesverfassung, welcher bestimmt, 
dass für ,, persönliche Ansprachen" — als welche nach schweizerischer 
Praxis die Alimentationsklagen aufgefasst werden, der aufrechtstehende 
(d. i. nicht im Zustande der Insolvenz befindliche) Schuldner, welcher 
in der Schweiz einen festen Wohnsitz hat, vor dem Richter seines 
Wohnorts gesucht werden müsse ^). 

1) Nach dem Aarganischen Gesetze ist übrigens die auswärtige Mutter 
eines ausserehelichen Kindes keineswegs rechtlos gestellt. AUerdings ist 
dieselbe nach Art. 221 des Aarganer bürgerlichen Gesetzbuchs nicht befugt, 
die Anerkennimg ihres Rindes durch den Vater im Wege der Klage zu 
verlangen , dagegen kann nach Art. 229 eine Klage auf Leistung eines 
Beitrages an die Kosten der Verpflegung und Erziehung des Kindes gegen 
den ausserehelichen Schwängerer bei dem Gerichte des Wohnortes desselben 
gestellt werden. 



Yennischte Mittheilaogen. 121 

(Erbsehaftserwerb nach italienischem Recht.) Gemäss 
der im Königreich Italien in Kraft bestehenden gesetzlichen Bestim- 
mtmgen geht der Besitz der Verlassenschaftssachen unmittelbar vom 
Erblasser auf die Person des Erben ohne materielle Beeitzergreifong 
über; die Erbseigenschaft kann durch einen von dem Prfttor mittels 
des beeideten Zeugnisses von vier Personen errichteten Atto di noto- 
rietä bewiesen werden. (Oesterr. Spruchpraxis 1889 S. 119.) 

(Eheschliessung russischer^ griechischer und ungari- 
scher Staatsangehöriger.) Die kaiserlich russische Regierung be- 
trachtet als Erfordemiss einer gültigen Eheschliessung russischer Staats- 
aogehöriger, auch wenn dieselbe im Auslande vor sich geht^ die 
Trauung durch einen Geistlichen von der Konfession des betreffenden 
russischen Staatsangehörigen^ also bei orthodoxen Russen die Trauung 
durch einen Geistlichen der griechischen Kirche. 

Die gleiche Sachlage besteht hinsichtlich griechischer Staatsange- 
höriger, die im Auslände eine Ehe eingehen wollen. 

Auch seitens der ungarischen Regierung werden die von ungari- 
schen Staatsangehörigen im Auslande geschlossenen Zivilehen als gültig 
nicht angesehen, wenn der standesamtlichen Eheschliessung nicht die 
kirchliche Trauung nachgefolgt ist. 

(Zwangsvollstreckung ausländischer Entscheidungen in 
Rnnvänien.) Laut Verordnung des k. k. Osten*. Justizministeriums 
vom 16. November 1889 (Oesterr. J.M.Ver.BL S. 219) hat die 
k. rumänische Regienmg die Erklärung abgegeben, dass Ersuchschreiben 
der k. k. Grerichte um Grewährung der Zwangsvollstreckung in Rumänien, 
wenn von dem Vollstreckungswerber unterlassen wurde, einen Vertreter 
zu bestellen, der in Rumänien domizilirt und die Schritte einzuleiten 
hat, welche bei der Exekutionsführung in Rtmiänien seitens der exe- 
kntionsführenden Partei nothwendig sind, künftig nicht mehr berück- 
sichtigt werden können, weil die Aufstellung eines Vertreters von 
Amtsw^en für die abwesende Partei auf deren eigene Gefahr imd 
Kosten nach den rumänischen Gesetzen unzulässig erscheine. Es haben 
deshalb Parteien, welche dort Exekution ftlhren wollen, mittels einer 
förmlichen, zum Gebrauch vor der Behörde in Rumänien sich eignen- 
den Vollmacht einen Bevollmächtigten zu bestellen, der in Rumänien 
seinen ständigen Wohnsitz hat und dem es obliegt, die Schritte ein- 
zuleiten, welche seitens der Partei bei der Exekutionsführung erfor- 
derlich sind^ und auch die Taxen und Gebühren, welche fUr die ein- 
zuleitende Amtshandlung zu bezahlen sind, für die abwesende Partei 
zu erlegen. 

Zugleich ist auf die Ausschreiben, betr. die Bestellung von rumä- 
nischen Advokaten, im österr. Just.Min.Ver.Bl. 1886 S. 116, 1887 
S. 135 und 1889 S. 77 hingewiesen. 

(Zeugenvernehmung auf Requisition fremder Gerichte 
in den Vereinigten Staaten von Amerika.) Einer im Verord- 
nungsblatt des k. k. österr. Justizministeriums vom 11. Januar 1890 



122 Vermischte MittheilungeTi. 

publizirten Mittheilung über einen Erlass des Staatsdepartements 
in Washington sind folgende Bestimmungen der revidirten Statuten, 

welche auf Bequisitionsschreiben Bezug haben, zu entnehmen: 

^§ 4071, Die Einvernehmung eines in den Vereinigten Staaten woh$§- 
haften Zeugen kann stets erlangt werden^ wenn der vor einem ausländischen 
Gerichte anhängig gemachte Prozess, in welchem diese Zeugenaussage ge- 
braucht werden soll^ auf die Wiedererlangung von Geld oder sonstigen 
Eigenthums dbzieUt wenn der Staat, in welchem dieser Prozess anhängig 
ist, mit den Vereinigten Staaten im Frieden lebt und wenn die betreffende 
Staatsregierung entweder selbst Prozesspartei ist oder doch ein Interesse an 
dem Verlaufe des Prozesses hat. 

Wenn ein Auftrag oder ein Bequisitionsschreiben um eine derartige 
Zeugenvernehmung zugleich mit einzeln aufgeführten, an den Zeugen gerich- 
teten Fragepunkten von dem Prozessgerichte ergeht, so soll, nachdem dieser 
Auftrag oder dieses Bequisitionsschreiben dem Bezirksrichter jenes Distrikts, 
wo der Zeuge wohnt oder gefunden wird, vorgelegt und demselben gehörig 
nachgewiesen worden ist, dass die fragliche Zeugenvernehmung der sie er- 
bittenden Partei von wesentlicher Bedeutung erscheint, dieser BicTiter eine 
Vorladung an den Zeugen erlassen, womit derselbe aufgefordert wird, vor 
dem in dem Auftrage oder dem Bequisitionsschreiben namhaft gemachten Be- 
amten oder Commissioner zu erscheinen und sein Zeugniss in dem Prozesse 
abzulegen. 

Kein Zeuge soll gezwungen werden, zu erscheinen oder im Gründe dieses 
Paragraphen auszusagen, ausgenommen wenn es sich um die Beantwortung 
von speziellen Fragepunkten handelt, welche in der obangeführien Weise und 
in Begleitung eines derartigen Auftrages oder Bequisitionsschreibetis erlassen 
worden sind, 

Woferne aber die Vertreter aller Parteien der Abhörung beiwohnen, 
können sie einverständlich bestimmen , dass auch andere Fragen als jene, 
welche in dem den betreffenden AufPi^ag oder das betreffende Bequisitions- 
schreiben begleitenden Fragebogen enthalten sind, an den 2kugen gestellt 
werden, es sei denn, dass der in Bede stehende Auftrag oder das Bequisi- 
tionsschreiben die Stellung von Zusatzfragen ausschliesst. 

In der an den Zeugen gerichteten Vorladung soll angegeben sein, wo 
und wann derselbe zu erscheinen hat. Der hiefHr bestimmte Ort soU inner- 
Tialb hundert Meilen von dem Platze liegen, wo der Zeuge wohnt oder wohin 
ihm die Ladung zuzustellen ist. 

§ 4072, Kein Zeuge soll verhalten werden, bei Gelegenheit einer der- 
artigen Einvernehmung oder sonst einer Abhörung, welche auf Ghrund eines 
Bequisitionsschreibens erfolgt, irgend eine Eröffnung oder EnthaUung tu 
macl^n, welche ihn selbst belasten könnte, sei es ncich den Gesetzen des 
Staates oder Territoriums, wo die Vernehmung stattfindet, sei es nach den 
Gesetzen eines andern oder fremden Staates, 

% 4073. Wenn Jemand es verweigert oder unterlässt, an dem in der Vor- 
ladung festgesetzten Orte und zu der darin bestimmten Zeit zu erscheinen, 
vorausgesetzt, dass die Vorladung in (^emässheit des % 4071 erlassen worden 
ist, oder wenn Jemand zwar erscheint, aber sich weigert auszusagen, so soU 
er denselben Strafen unterliegen, die auf ihn anwendbar wären, hätte er sich 
eines derartigen Vergehens bei einem Verhöre in einer vor einem Bezirks- 
gerichte der Vereinigten Staaten anhängigen Bechtssaehe schuldig gemacht. 

8 4074, Jeder Zeuge, welcher erscheint und aussagft, soll von der Partei, 
Vlber deren Einschreiten er vorgeladen worden ist, dieselben Gebühren und 
Meilengelder erhalten, wie sie den Zeugen in den vor den Bezirksgerichten 
der Vereinigten Staaten anhängigen Prozessen zugestanden werden, 

(Rechtliche Wirksamkeit der eidlichen Erklärung einer 
Partei vor einem amerikanischen Konsul in Deutschland zu 
einem in New-York anhängigen Bechtsstreite. Mitgetheilt von 



Vermiflohte Mittheilungen. i2d 

Herrn Kammergerichtsrath Neubauer in Berlin.) In einem vor deut- 
BchetS. Gerichte anhängigen Bechtsstreite^ in welchem dem Einwände 
der in New-York bereits al^enrtheilten Sache u. A. auch damit be- 
gegnet wurde, dass das Urtheil des Gerichtes in New-York an unheil- 
barer Nichtigkeit leide, weil die Partei ein „Affidavit^' vor einem ameri- 
kanisehen Konsul in Deutschland abgegeben habe, wurde über diese 
Frage das Bechtsgutachten eines Anwalts in New-York erholt, welches 
sich hierfiber dahin ausspricht: 

a) In dem Rechtsstreite (New York caae) sind Zeugenaussagen, ein- 
schliesslich der Aussagen der Beklagten, vor einem amerikani- 
schen Konsul in Deutschland abgegeben. Die Urkunden darüber 
können nicht aufgefunden werden. Nach Angabe des Anwalts 
der Beklagten, S., hat er sie nach der Benutzung den Beklagten 
zurückgesendet. Nach Mittheilung der Anwälte beider Parteien 
haben die Inhaber der beklagten Handlung vor dem amerikani- 
schen Konsul eidliche Erklärungen abgegeben. Die Einsicht der 
Gerichtsakten ergibt, dass der Richter am 15. September 1881 
anordnete, es solle eine Vernehmung der Beklagten vor dem 
amerikanischen General-Konsul oder in dessen Abwesenheit vor 
dem Yice-Konsul stattfinden (ordermg a commission to be sent 
to eoca/imne aü the defendants and others), und dass diese An- 
ordnung mit Zustimmung der Anwälte beider Parteien erlassen 
wurden. Aus den Akten ergibt sich femer, dass die Aussagen 
zweier Herrn P. vor dem Konsul bei der Verhandlung flrial) 
zum Beweise verlesen worden sind (read in evidence). Danach 
muss wenigstens zwei Inhabern der beklagten Handlung von dem 
Konsul ein Eid abgenonmien worden sein. 

b) Diese Art zu verfahren ist in Zivilsachen angemessen (power). 
Freilich hat ein amerikanisches Gericht die Befiigniss, auf einen 
zur gehörigen Zeit zu diesem Zwecke gestellten Antrag im Wege 
der Höflichkeit (comüy) die in solcher Weise aufgenommenen 
Aussagen zurückzuweisen (suppress), falls der Einwand (objedion) 
erhoben wird, es widerspreche dem Landesrechte (local law), dass 
ein amerikanischer Konsul einem deutschen Unterthan einen Eid 
abnehme ^). 



^) In dem vorliefsrenden Gutachten eines deutschen Recbtslehrers ist 
ausgeführt: Das Recht zur Abnahme von Eiden sei ein Ausfluss staatlichen 
Hoheitsreehtes und könne nur von Behörden oder Personen ausgeübt wer- 
den, welchen es diurch Gesetz oder Staatsvertrag übertragen sei. Fremde 
Konsuln seien in Preussen nur insoweit zur Abnahme von Eiden befugt, 
als ihnen eine Berechtigung dazu durch Vertrag eingeräumt sei. Nach 
Art. 9 des Vertrages vom 11. Dezember 1871 (R.G.Bl. 1872 S. 92) dürften 
Konsuln der Vereinigten Staaten nur Erklärungen von Angehörigen ihres 
Landes in deren Wohnungen oder im Konsulatsgebäude entgegennehmen, 
nicht aber andere Personen als amerikanische Unterthanen eidlich verneh- 
men. Die Vernehmung sei auch nicht durch sogenannte commis8ioner9 



124 Vermischte Mittheilangen. 

Der Antrag, die Aussagen aus diesem Grunde zurückzuweisen 
fstippress), muss aber in der Verhandlung fbefore ihe iriäl) ge- 
stellt werden. Aus einer solchen Unregelmässigkeit; &lls (assu- 
fning) es eine Unregelmässigkeit ist; kanu; nachdem die Aus- 
sagen verlesen sind und auf Grund derselben ein Urtheil erlangt 
ist, nichts flir die Partei Günstiges (advaniage) hergeleitet werden. 

c) Es handelt sich nicht um einen wesentlichen Mangel (imparta^U 
defect). Im vorliegenden Fall hat der Kläger dem Verfidiren 
(practice) in der Verhandlung (hefore the trial) nicht nur nicht 
widersprochen; sondern er hat durch seinen Vertreter thatsäch- 
lich zugestimmt; dass die Aussagen so erfordert werden sollten; 
und er hat schweigend der Verlesung der vor einem amerika- 
nischen Konsul beschworenen Aussagen beigewohnt. 

d) Nach amerikanischem Rechte ist ein solches Urtheil als gültig 
fvcUid) anzuerkennen. Es würde gültig seiu; selbst wenn der 
Eidesabnalime durch einen amerikanischen Konsul widersprochen 
worden wäre, und das Gericht würde trotz eines solchen Wider- 
spruches anordnen können; die Aussagen seien einschliesslich 
der Eidesabnahme vor einem amerikanischen Konsul abzugeben. 
Darin würde nicht etwas gesetzlich Ungehöriges flegcU impro- 
priety) liegen, und zwar deshalb; weil aus der Rücksicht auf das 
internationale Recht; welches einen llieil des amerikanischen 
Einzelnstaaten-Rechtes (mimieipal law) bildet, von den Gesetz- 
gebern; öffentlichen Behörden imd Staatsrechtslehren! eine Ver- 
bindlichkeit; fremdes Recht zu befolgen; nicht anerkannt wird; 
imd die Anwendimg stets nur als Höflichkeit (matter of comity) 
angesehen wird. Für amerikanische Gerichte ist; soweit es sich 
um die Gerichtspraxis handelt (remedies in matters of practice are 
concerned), stets nur das eigene Landesrecht (loccd law) mass- 
gebend. 

In dem Falle Lincoln wider Battelle hat der höchste Gerichts- 
hof von New- York (vgl. WendelFs Berichte S. 475) bei Erör- 
terung des FalleS; wenn ein amerikanischer Konsul Aussagen ent- 
gegengenommen und Zeugen vereidet hat in einem Lande ; in 
welchem das inländische Gesetz es verbietet, dass den Untertha- 
nen de« Landes Eide von anderen Personen als ihren eigenen 
Gerichtsbeamten abgenommen werden, sich dahin ausgesprochen: 
Soweit diese Sache (cause) in Betracht kommt; sind die Beauf- 
tragten (commissioners) befugt (have power), Eide abzunehmen^ 
und das so erlangte Zeugniss ist ausreichend (competent). 

Ueberdiess kommt hier in Betracht; dass beide Parteien mit 
der Ertheilung des Auftrags an den amerikanischen Konsul ein- 



amerikauisüher Gerichte zulässig. Die amerikanischen Gerichte mttssten, 
falls Nichtamerikaner in Deutschland vernommen werden sollten, deatsche 
Gerichte um die Vernehmung ersuchen. 



Vermischte Mittheilungen. 125 

▼erstanden waren (consented iocts eommissioner) und dass ihre Ver- 
treter ohne Widerspruch die Verlesung der Aussagen in der Ver- 
handlung (cU ihe Med) persönlich anhörten. Nach amerikanischem 
Rechte binden damit die Vertreter die Vertretenen^ so dass^ selbst 
wenn das Urtheil nicht richtig war (wrong), nur Berufung an ein 
amerikanisches Gericht zulässig war. Ist nicht Berufung ein- 
gelegt und eine Aenderung erfolgt, so bewendet es bei dem Ur- 
theile (ü muat stand). 

In Verfahrensfragen (matters of procedti/re) entscheidet ftir Ge- 
richte der Vereinigten Staaten in Fällen solcher Art die Praxis 
des Staates^ in welchem das Gericht den 8itz hat. Demzufolge 
ist für Bechtsstreitigkeiten, welche in New- York verhandelt sind, 
die in New-York Übliche Praxis massgebend. Die Prozess-0. 
für New-York § 910 schreibt vor und schrieb vor zur Zeit, als 
diese Bache verhandelt wurde und schon einige Jahre zuvor, eine 
Aussage sei zurückzuweisen (nmst be suppressed), wenn aus dem 
affidavit sich ergibt, dass sie in imgehöriger oder regelwidriger 
Weise (improperly or vrregularly) abgegeben ist, und das Gericht 
könne auf Antrag der beschwerten Partei nach Mittheilung an 
den Gegner die Znrückweisimg anordnen. Ist Widerspruch in 
der Verhandlung fbefore the trial) nicht erhoben, obschon dazu 
Zeit war, so gilt der Widerspruch als aufgegeben (tvaifved). 

Vgl. Newton wider Porter, 69 New-York Berichte, 8.183 (New- 
Yorker Appellationsgericht). — Im vorliegenden Falle wurde vor 
dem Bezirksgericht des südlichen Bezirks von New-York ver- 
handelt; die Aussagen wurden abgegeben fretumed) am 3. Mai 
1882. Verhandelt wurde am 10., 11. und 12. April 1883. Da- 
zwischen war ausreichend Zeit, das Gericht um eine Anordnung 
wegen Zurückweisung der Aussagen anzugehen, falls dafür ein 
Anlass bestand. Wie aus den Grerichtsakten und den Mitthei- 
lungen beider Anwälte sich ergibt, ist ein solcher Antrag nicht 
gestellt worden (no such application was made). 
(Mexiko: Zeugenbeweis in Handelssachen. — Nur zwei 
Instanzen für Handelssachen. — Rechtskraft der Urtheil e. — 
Hypothek auf bewegliche Handelsgüter. — Bankerutt.) Das 
Gesetar eriaubt keinen Zeugenbeweis in Handelssachen, wenn nicht vor-* 
her ein Entstehungsgrund der Klage schriftlich bescheinigt werden kann. 
Der Urtheilssprnoh in zweiter Instanz ist als solcher vollstreckbar; 
es gibt keine weitere Instanz. 

Die frühere Einrichtung der Hypothek auf bewegliche Handels- 
güter ist abgeschafft. 

Ein Bankerutt kann jetzt durch einen Gläubiger und einen In- 
haber eines verfallenen Dokuments beim Gerichte gefordert werden^ 
während es früher dreier Gläubiger und dreier verfallener Obligationen 
bedurfte, um einen Bankerutt gerichtlich zu erklären (Deutsch. Handels- 
archiv 1890 I 8. 230). 



126 Vermischte Mittheilungen. 

(Chinesisches Recht.) Nach chinesischem Recht ist eine an 
eine dritte Person zedirte Forderung aus einem Schuldschein durch 
den Zessionar gegen den Aussteller nicht klagbar (Deutsch. Handels- 
archiv 1888 I S. 368). 

(Korrespondenz mit den Gerichtsbehörden in der Schweiz.) 
In der durch Bekanntmachung vom 2. März 1888 im Zentralblatt für 
d. Deutsche Reich 1888 verl>£Pentlichten Uebersicht über die schweize- 
rischen Gerichtsbehörden ist das Yerzeichniss der Gerichtsbehörden im 
Kanton Zürich wie folgt zu berichtigen: Das Obergericht in Zürich, 
das Bezirksgericht in Zürich , die Staatsanwaltschaft in Züridi, die 
Bezirksanwaltschafit in Zürich^ das Bezirksgericht in Arbitern, das 
Statthalteramt in Affoltern^ das Bezirksgericht in Horgen^ das Statt- 
halteramt in Horgen, das Bezirksgericht in Meilen, das Statthalteramt 
in Meilen, das Bezirksgericht in Hinweil^ das Statthalteramt in Hinweil, 
das Bezirksgericht in Uster, das Statthalteramt in Uster, das Bezirks- 
gericht in Pf ftffikon, das Statthalteramt in Pf ttffikon, das Bezirksgericht 
in Winterthur, die Bezirksanwaltschaft in Winterthur, das Bezirks- 
gericht in Grossandelfingen, das Statthalteramt in Grossandelfingen, das 
Bezirksgericht in Bülach, das Statthalteramt in Bülach, das Bezirks- 
gericht in Dielsdorf, das Statthalteramt in Dielsdorf. 

Ersuchen um Rechtshülfe in Zivilsachen sind an die benannten 
Bezirksgerichte, solche in Strafsachen Mr die Bezirke Zürich und 
Winterthur an die dortigen Bezirksanwaltschaften, für die Übrigen an 
die Statthalterämter zu richten. (Preuss. Just.M.Bl. 1890 S. 73, 
bayer. Just.M.Bl. S. 36.) 

(Die italienischen Handelsgerichte) sind zufolge G^etzes 
vom 25. Januar 1888 seit 1. April 1888 vollst&ndig aufgehoben. Die 
früher zur Zuständigkeit der Handelsgerichte gehörigen Rechtssachen 
sind an die bürgerlichen und Zuchtpolizeigerichte Übergegangm, wer- 
den aber nach wie vor nach Handelsrecht entschieden. 

(Gerichtsorganismus in Dänemark.)^) Dieser ist nunmehr ein 
etwas anderer als in Norwegen, da neuerdings mehrfache Verschiedenheiten 
entstanden sind, wie denn z. B. die Vermittlungsämter in Norwegen in ge- 
wissen geringen oder liquiden Sachen Jurisdiktion klangt haben, wäh- 
rend sie in Dänemark, wie ursprünglich auch in Norwegen, keine Ju- 
risdiktion haben, vielmehr nur angewiesen sind zu vermitteln, und wenn 
die Vermittlung zu keinem Vergleiche führt, die Parteien auf den Rechts- 
weg vor den gewöhnlichen Gerichten zu verweisen haben. In Bezug 
auf Dänemark wäre etwa Folgendes zu sagen. Ausserhalb der Haupt- 
stadt bestehen 3 Instanzen: Untergerichte (Einzelrichter), Oberlandes- 
gerichte (Kollegialgerichte, 5 Richter in jeder Sache im Königreieh) 
und das Höchstegericht (Kollegialgericht, 9 Richter in jeder Sache; 
Sitz in Kopenhagen). In der Hauptstadt bestehen nur 2 Instanaen, 
indem man als erste Instanz Kollegialgerichte (5 Richter in jeder 



3) S. oben S. 104 Note 2. 



VermiBchte MittheUungen. 127 

Sache) hat^ ntfinlich für Zivilsachen das Hof- und Stadtgericht; und 
für Kriminalsachen das Kriminal- und Polizeigericht. Von diesen 
appellirt man an das Höchstegericht. Ausserdem besteht in Kopen- 
hagen ein See- und Handelsgericht (Kollegialgericht mit einem rechts- 
kundigen und mehreren see- und handelsknndigen Bichtern); von 
welchem man an das Höchstegericht appellirt. Der Oberlandesgerichte 
sind ausserhalb der Hauptstadt 4: eines für die Inseln, welches mit 
dem Hof- und Stadtgericht in Kopenhagen vereinigt ist; eines für 
Jütland (in Yiborg); eines für Island (in Beykjav^) und eines 
für die westindischen Inseln (auf St. Croix). Um von den Unter- 
gerichten an die Oberlandesgerichte appelliren zu können, ist der 
Begel nach eine Swm/ma appeüabüis von 20 Kronen erforderlich, für 
die Appellation von den Oberlandesgerichten und den Kopenhagener 
Grerichten an das Höchstegericht eine solche von 200 Kronen. Die 
allgemeine Segel, von welcher jedoch gewisse Ausnahmen bestehen, 
ist die, dass jede Bechtssache vor die Yermittlungsümter zu bringen 
ist, ehe dieselbe von den Gerichtsstühlen angenommen wird; an diese 
wird sie verwiesen, wenn kein Vergleich erzielt wird, — wird aber 
ein Vergleich erzielt, so wird dieser schriftlich abgefasst und ist ebenso 
exequirbar wie ein Urtheil. Das Vermittlungsamt wird von Laien 
bekleidet. Die militärische Rechtspflege steht selbständig, imd ausserhalb 
der übrigen G^richtsorganisation, mit ihrem eigenen Berufungssysteme. 
In geistlichen Amtsvergehenssachen hat man eigene geistliche Qerichts- 
stühle ; aber diese stehen unter dem Höchstengericht als oberster Instanz. 

(Auslieferungsvertrag zwischen Deutschland und dem 
Kongostaat.) Am 25. Juli d. Js. wurde zwischen Deutschland und 
dem Kongostaat ein Vertrag unterzeichnet, welcher die Auslieferung 
Yon Verbrechern, sowie die Grewährung sonstiger Bechtshülfe zwischen 
den deutsch-afirikanischen Schutzgebieten und dem Kongostaat regelt. 

(Statistisches über Auslieferung von Verbrechern in 
Oesterreich.) Vom österreichischen Justizministerium wurden im 
Jahre 1889 Verbrecherausliefenmgen bewilligt: an Ungarn 32, Bos- 
nien-Herzegowina 1, das Deutsche Beich 78 (nämlich an Baden 2, 
Bayern 46, Preussen 16, Sachsen 5, andere Staaten 5), an Italien 7, 
Montenegro 2, Bumänien 3, Bussland 16, an die Schweiz 1, zusammen 
140 Personen. 

(Bussisches Sammelwerk über mit anderen Staaten ab- 
geschlossene Konventionen.) Auf Anordnung des russischen 
Justizministeriums ist der „Now. Wr.^ zufolge ein Sammelwerk der 
Konventionen über die Auslieferung von Verbrechern, die von Bussland 
mit einigen europäischen Staaten abgeschlossen sind, erschienen, ebenso 
auch der Konventionen über Hinterlassenschaften und der Konven« 
tionen über die unmittelbare Korrespondenz der Gerichtsbehörden. 

(Statistisches über das Personal der Bichter, Staats- 
anwälte und Advokaten in Bussland.) Ueber den Personaletat 
der Bichter, Prokuratoren und Advokaten in Bussland enthält der 



128 Literaturberichte 

^SbomikSßwedeni^ des rassischen Justizministeriums (1888)intereeBante 
Mittheilungen. Im ganzen europäischen Russland inklusive Kaukasus 
kommen auf eine Bevölkerung von 99 140 000 Personen 8769 Richter 
der verschiedenen Instanzen^ d. h. je einer auf 11 362 Einwohner. 
Auf jeden Richter erster Instanz kommen 44 650 Einwohner^ zweiter 
Instanz 103 818, dritter Instanz 587 271 und der höchsten Instanz 
885 232 Einwohner. — Die Oberprokuratur zählt 41 Personen, die 
Prokuratur der Gerichtshöfe 42 Personen und die der Bezirksgerichte 
und diesen gleichstehenden Instanzen 653 Personen, im Granzen also 
736 Personen. — Die Zahl der offiziellen Advokaten beläuft sich auf 
5034; diejenige der nichtoffiziellen ist ohne Zweifel eine weit grössere. 
Vereidigte Rechtsanwälte gibt es im Ganzen 1617; die Zahl der 
Rechtsanwaltsgehülfen beträgt 657 und diejenige der zur Praxis be- 
rechtigten Privatanwälte 2000. Auf St. Petersburg allein entfallen 
268 vereidigte Rechtsanwälte und 229 Rechtsanwaltsgehülfen; auf 
Moskau 259 vereidigte Rechtsanwälte und 104 Gehülfen. Dann folgen 
Warschau mit 210 resp. 69; Kiew mit 69 resp. 39; Charkow mit 54 
resp. 23 und Odessa mit 46 resp. 38. 

Die Privatanwälte, welche zur Praxis bei den Gerichtshöfen und 
Bezirksgerichten berechtigt sind, entfallen annähernd in demselb^i 
Yerhältniss, wie die vereidigten Rechtsanwälte, auf die grösseren Städte^ 
während die nur zur Praxis bei den Friedensgerichten berechtigten 
Personen sich vorherrschend im westlichen Gebiet finden, wie in Kiew, 
Odessa, Warschau, Wilna und Petrikau. 

Was das eigentliche Richterpersonal betrifft, so zählen: der Senat 
112 Personen; die Gerichtshöfe 166 Personen; die Bezirksgerichte, 
Gouvernements- und städtischen Gerichte (in den Baltischen Provinzen) 
955; die Friedens- und Kreisgerichte 2251; femer gibt es 3758 
Ehrenfriedensrichter und 1484 Gemeinderichter und Gerichtsbeisitzer im 
Warschauer Bezirk, in Summa 8769 Richter. 



Liiteraturberielite« 

1. ThaUer^ JEd» Des FailUtes en droit campari avec une Hude sur le 
riglement des faüliUs en droit intemati<mal. Paris^ Ä* Mousseau 1887. 
. 2 Vol. 414 d: 386. 

Thäller, der verdiente Herausgeber der Annales de droit commerddl^ 
beginnt sein Buch mit der Erklänmg „cect est, avant toui, un livre de 
science*^^ und er hat sein Versprechen redlich gehalten. Die nächste Ver- 
anlassung, gerade diesen Gegenstand in ausführlicher Monographie su 
bearbeiten, bot eine Preisausschreibung der Academie des Sciences morales 
et politiques über folgendes Thema : Des riformes gut pourraient etre intro- 
duites dans la Ugislaiion des faillites en France, ctaprhs Vexamen compari 
des Ugislations itranghres, für dessen gelungene Behandlung dem VerfaiBser 
der wohlverdiente Preis zuerkannt wurde. £r war jedoch erheblich Aber 
den Rahmen der gestellten Aufgabe hinausgegangen, indem er nicht nur 
eine vergleichende Darstellung der Gesetzgebungen über den Konkurs 
lieferte, sondern auch die Grundsätze entwickelte und auseinandersetzte, 
welche im internationalen Recht zur Anwendung kommen oder kommea 



'Literatnrberiohte* J[29 

sollten. ThaUer hat sieh seine Aufgabe nicht leicht gemacht and ist keiner 
Schwierigkeit ans dem Wege gegangen , sondern hat alle Fragen, welche bei 
der wissenschaftlichen oder gesetzgeberischen Behandlung des Konkurs- 
xechtes zu verschiedenen Auffassungen und Kontroversen Anlass gegeben 
haben, einlässlich, gründlich und unter Berttcksichtigung beinahe aller 
bekannter Gresetzgebungen kritisch besprochen und erörtert, so dass der 
Leser wenige Streitfragen finden wird, auf welche ihm nicht die ausgiebigste 
Belehrung und Auskunft zu Theil würde. 

Der UntersuchuDg wird eine Einleitung mit historischer Uebersicht über 
die Gesetzgebung des Eonkurswesens in Rom, dem Mittelalter und der 
neueren Zeit in Frankreich und den übrigen europäischen Staaten voraus- 
geschickt. Der Verfasser unterscheidet drei verschiedene Gruppen, die 
tranzösische, germanische und die anglo-sächsische, welche sich in wesent- 
lichen Beziehungen von einander unterscheiden. In der französischen 
Gruppe beschränkt sich der Konkurs auf Kauf leute , während in der deut- 
schen zwischen Kaufleuten und Nicht-Kaufleuten kein Unterschied gemacht 
wird, obgleich besondere Bestimmungen für die ersteren nicht ausgeschlossen 
sind. Ueberdies anerkennt ThcUler ausdrücklich, dass sich die deutsche 
Gesetzgebung von den übrigen durch ihren mehr wissenschaftlichen Ka- 
rakter auszeichne. Auch die schweizerischen Bestrebungen, zu einer ein- 
heitlichen Gesetzgebung zu gelangen, werden übersichtlich geschildert, 
wobei jedoch ein endgültiges Urtheil noch nicht abgegeben werden konnte, 
weil Über dem Ganzen noch das Schwert des Beferendums schwebte. Die 
dritte Gruppe wird namentlich durch die englische bankruptey vertreten, 
deren Eigenthümlichkeiten von dem Verfasser anschaulich gesdiildert wer- 
den S. 10^ — 124. Auf den eigentlichen Gegenstand seiner Abhandlung ein- 
gehend, diskutirt der Verfasser in einem ersten Kapitel die viel bestrittene 
Frage über die Ausdehnung des Konkurses auf Nicht-Kaufleute und die 
gleiche Behandlung derselben mit den Kaufleuten. Nach Abwägung der 
Gründe und Gegengriinde entscheidet sich Thaller gegen die verschiedene 
und für die gleiche Behandlung. Dagegen vermag ihm die schweizerische 
Einrichtung, wonach die blosse Eintragung in das Handelsregister darüber 
entscheidet, ob die Betreibung auf Konkurs oder auf Pfändung gerichtet 
werden soll, keine unbedingte Zustimmung abzugewinnen. Mit Recht, denn 
entscheidend waren nicht Grundsätze, sondern die Rücksicht auf einzelne 
Kantone, welche ohne diese Unterscheidung das Gesetz würden verworfen 
haben. Immerhin wird man die Gründe für und wider das eine oder das 
andere System selten vollständiger und unparteiischer zusammengestellt 
finden als auf S. 125—- 211 des Thaller^Bchen Werkes. Die Erfahrung hat 
gelehrt, dass mit beiden gewisse Härten verbunden sind, welche im Interesse 
des Schuldners sowohl als des Gläubigers auf das Unvermeidliche reduzirt 
werden sollten, namentlich die gleiche Behandlung des unglücklichen 
Schuldners mit dem liederlichen oder betrügerischen. Das zweite Kapitel 
ist daher den „adoucissementa ä apporter ä la faillite*' und der ^cricttum 
€Pune proeMure paralUle plus indulgente^ gewidmet. Thaller durchgeht die 
sämmtlichen bekannten Gesetzgebungen mit Bezug auf die Konkurserklärung, 
das Konkordat und die bürgerlichen Folgen der ersteren, wobei namentlich 
auf die neueste englische Gesetzgebung Rücksicht genommen wird. Zu 
denselben gehört die Beschränkung der Verfttgungs- oder Verwaltungs- 
berechtigung des Schuldners, wodurch nachtheilige Folgen für die Gläubiger 
vermieden werden sollen. Die Beschränkung oder Unfähigkeit wird dessaistsse- 
fneni genannt und bildet den Gegenstand des dritten Kapitels. Sie ist die 
nothwendige Folge des Konkurses und des Uebergangs der Vermögensver- 
waltung in offizielle Hände und findet sich daher in allen Konkursgesetzen, 
wenngleich mit verschiedenen Anfangsterminen und auch verschiedener 
Sirenge. Der Konkurserklärung geht gewöhnlich eine provisorische Ein- 
stellung in der Vermögensverwaltung voraus, ein official receiver nach 
dem englischen Gesetz; in Frankreich trat das rigime provisoire des con^ 

Zcttsehriit f. tetern. Privat- a. Strafrecht eto , Band I. ^ 



i3Ö Literatarberichte. 

caräats ein, während welches der Schuldner ohne Mitwirkung des Liqui- 
dators keine Verfügung treffen kann. In Frankreich sind £e Anaiehteo 
darüber getheilt, ob diese Folge nicht erst als Folge der gerichtlichen 
Liquidation eintreten solle. Nach englischem Recht geht in Folge der oc^^tuift- 
cation of bankruptcy das Vermögen des Schuldners nicht auf die Gläubiger 
über, sondern auf einen truHee, welcher die Vertheilung zu besorgen 1^ 
Diese cession wirkt als daiio in soltUum und befreit den Schol&er tob 
jeder weiteren Verpflichtung mit Bezug auf die nicht gedeckte Schuld- 
restanz. 

Nach franz. Rechte beginnt die Dispositionsunfähigkeit mit der ersten 
Stunde des Tages, an welchem die faillite ausgesprochen worden ist^ und 
es tritt die Ungültigkeit nachher eingetretener Rechtsgeschäfte ein ohne 
Rücksicht auf bona fides, wobei eine Ausnahme nur gemacht wird mit Be- 
zug auf Zahlung eines Wechsels an den Falliten ohne Kenntniss der Kon- 
kurserklärung. Andere Gesetzgebungen lassen die Dispositionsunfahigkeit 
und die Ungültigkeit der abgeschlossenen Rechtsgeschäfte mit der Ver- 
öffentlichung des Urtheils beginnen oder dem Anschlag desselben im 
Gerichtslokal. Ebenso ergreift nach den einen der Konkurs nur das bei 
seiner Erklärung vorhandene Vermögen, nach den anderen dagegen audt 
später anfallendes oder erworbenes. Die Verschiedenheiten beziehen sich 
femer auf die Frage, ob der Pfändung entzogene Gegenstände zur Masse 
gezogen werden können oder befreit seien, wie weit sich der Alimentations- 
anspruch erstrecke, ob zwischen Massakosten und Massaschulden , Massa- 
gläubigern und Konkursgläubigem zu unterscheiden sei; ob dem Schuldner 
das Recht zustehe, geltend gemachte Forderungen zu bestreiten, oder ob 
dasselbe nur den Gläubigem selbst und ihren Vertretem zuzuerkennen 
seL Nach durchgeführter Vergleichung der verschiedenen Systeme gibt 
Hialler dem französischen den Vorzug, welches dem Konkursiten das Be- 
Btreitungsrecht einräumt. Dessenungeachtet hält er eine Reform rathsam, 
welche die Dispositionsunfahigkeit des Konkursiten weniger unerträglich 
erscheinen li^se, und in dieser Beziehung möchte er dem deutschen Kon- 
kursrecht vor dem französischen den Vorzug geben und namentlich eine 
Fortsetzung des Geschäftes durch den Konkursiten selbst, wenn er Ver- 
trauen verdient, gestatten. Der erste Band schliesst mit dem vierten Ka- 
pitel n^ la piriode suspecte*", S. 863—407. 

Ein Konkurs pflegt nicht plötzlich auszubrechen , aber mit der Zeit 
mehren sich die Voraussetzungen eines solchen. Der Schuldner strengt die 
letzten Kräfte an und bietet alle Mittel auf, die drohende Katastrophe ab- 
zuwenden, und der Gläubiger, welchem die Bedrängniss nicht verborgen 
bleibt, sucht seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, bevor der Sturm 
losbricht. Diese Periode nennt man la piriode suspede und ihr ist das 
vierte Kapitel gewidmet. Eine Reihe von Rechtsgeschäften wird in diesem 
Drange abgeschlossen, theils bona theils vuila fide; die wenigsten nütaen 
dem Schuldner, während die meisten die Interessen der Gläubiger schädigen. 
Dagegen soll die Gesetzgebung Schutz gewähren, und es geschieht dies 
auf verschiedene Weise. Da auch eine weitgehende Anwendung der 
l^auliana nicht hinreicht, so werden die Wirkungen der Konkurserklärung 
zurückdatirt, und die von Thaller gegebene vergleichende Uebersicht der 
verschiedenen Gesetzgebungen liefert hinlänglichen Stoff zu Reformvor- 
schlägen. 

Der zweite Band beginnt mit dem fünften Kapitel ,,De8 criandertf de 
Vinfluence de la faüliU 9ur leur sort reepedif^ des differents ardres d'ayamit 
droit'* S. 1 — 159, und es gehört dasselbe wohl zu den reichhaltigsten und 
lehrreichsten des ganzen Buches. Zur Sprache kommen die verschiedenen 
Klassen der Gläubiger, privilegirte und nicht privilegirte ; Forderungen 
wegen Nichterfüllung von Vertragen, Retentionsrechte, Kompensation, Grund- 
und Faustpfandgläubiger, Ansprüche auf Entschädigung wegen Auifhebung 
eines Lieferungsvertrages, stqppage in traneitu^ gericmtliches Pfandrecht, 



Literaturberlcbte. 131 

Ehifliiss der Eonkurserklfirung auf das eheliche Gflterrecht nnd die Rechte 
der Ehefrau, auf Mitschuldner etc. Der Raum gestattet nicht, auf die 
Einsehiheiten einzugehen, aber die Uebersioht mag genügen, um einen Be- 
griff von der Reichhaltigkeit des Abschnittes zu geben und zum eigenen 
Studium anzuregen. Die folgenden Kapitel handeln : 6. von der ouveriure de 
la faiUite, juridicHan, syndics et autres organes de la liquidation, mit einer 
reehtflvergleichenden Tabelle; 7. I^oduetion et verificfUüm des erianees, so- 
htüans de la faiUite und 8. Des faillites de soeiHis nach den verschiede- 
nen Gesetzgebungen unter besonderer Berücksichtigung der französischen, 
deutschen und englischen. Das letzte und Schlusskapitel des Werkes ge- 
hört nicht mehr der vergleichenden Rechtswissenschaft, sondern dem inter- 
nationalen Privatrecht an, denn es handelt „Dm faülües en droit inter- 
national* S. 385—379. Bei der Rechtsvergleichung werden die Gesetze 
der verschiedenen Staaten mit einander verglichen und nach ihrem Werthe 
gegeneinander abgewogen, ohne Rücksicht auf einen wirklichen oder mög- 
lichen Konflikt. Jeder Staat sucht seine Aufgabe nach seiner besten Ein- 
sieht zu lOsen und die Interessen seiner Angehörigen zu schützen. Daraus 
aber können und müssen Konflikte entstehen, wenn die in den verschiedenen 
Staaten anerkannten Grundsätze und angewendeten Mittel nicht die nSm- 
Uehen, sondern widerstreitende sind. Dies ist nun mit Bezug auf das 
Konkursrecht unzweifelhaft der Fall, und es fehlt daher nicht an Be- 
mfihnngen, Mittel aufzufinden, um diesen Widerstreit zu beseitigen oder 
seine Folgen abzuschwächen. Man hat hiefÜr die Universalität des Kon- 
kurses vorgeschlagen und auch Thaller schwebt diese Lösung als Ideal vor. 
Indessen anerkennt er bei dem gegenwärtigen Stande der Gesetzgebungen 
die absolute Unmöglichkeit, mit dieser Forderung durchzudringen oder das 
Prinzip selbst durdizuftthren, und empfiehlt daher einstweilen als das einzig 
mögliche den Abschluss von Verträgen auf möglichst gleichen Grundlagen 
und die Aufnahme übereinstimmender Grundsätze in die partikulären Zivii- 
gesetzgebungen. Auf Einzelheiten tritt Thaller nicht ein, sondern begnüg^ 
sieh mit der Diskussion der prinzipiellen, entscheidenden Fragen. K(h%ig, 

2. JE» Mauard de iJard. Müdes de droit international. Paris, Pedone- 
Lauriel, 1890, 8^, 232. 

Diese Studien bilden den XXVIII. Band der bei Pedone-Lauriel er- 
seheinenden Bibliaih^e internationale et diplomtxtique und enthalten sieben 
selbständige und von einander unabhängige Abhandlungen, welche früher 
in vraschiedenen Zeitschriften erschienen sind. Der Verfasser hat sich 
schon früher durch verschiedene Schriften auf dem Gebiete des öffentlichen 
und Völkerrechts bekannt gemacht und seine Ansichten verdienen daher 
die Beachtung, weiche ein gründlich gebildeter Fachmann beanspruchen 
darf. Von seinen früheren Schriften erwähnen wir namentlich: Varbitrc^e 
inUmational dans le pftssi^ le prisent et Vavenir 1877; La guerre conti- 
nentale et la propriiti, 1877; Condition de Vindividu ni en Franee de pa- 
rents Hrangers d'aprhs le Code civil et d'aprhs le proposition de la loi sur 
la naÜonalitS, 1887. Von den gegenwärtig gesammelten Abhandlungen 
handelt die erste „de VSchange des actes de Vitat civil entre naiions par la 
voie dipUnnatiaue f und schildert die Nothwendigkeit einer genauen und 
authentischen Konstatirung des Zivilstandes oder der Veränderungen des- 
selben der Bürger eines Landes, in Folge von Geburt, Verheirathung oder 
Tod; erörtert sodann die gesetzlichen Bestimmungen des französischen Rechts, 
betreffend die Uebermittlung der Zivilstandsakten auswärts wohnender Fran- 
zosen an die heimathlichen Behörden, und gibt eine Uebersicht der Be- 
mühungen der französischen Regierung, den gegenseitigen Austausch dieser 
Akten und ihre Zusendung auf diplomatischem Wege zu einem allgemein 
verbindlichen und vertraglich geordneten zu machen, und man kann mit 
dem Verfasser nur bedauern, dass diese Bemühungen noch nicht den ge- 
wünschten Erfolg gehabt haben. Weniger allgemeine Zustimmung darf der 

9* 



132 Literaturbericbte. 

Verfasser mit Rücksicht aaf den Inhalt der zweiten Abhandlung erwarten. 
Dieselbe ist überschrieben „Xe« annexions et lea plihücitee dans Vhistoire 
cantemporaine'^ und der Verfasser handelt darin von den Gebietsabtretungen 
lind damit verbundenen Volksabstimmungen, welche durch Napoleon III 
bei den Franzosen und Italienern in guten Geruch gekommen sind, wenn 
in Folge von Friedensschlüssen oder Eroberungen Gebietsabtretungen rer- 
langt und zugestanden werden mussten. Er stellt dabei den Gnmdaata 
auf y^que taut traüi portant cession de territoire, aprhs avoir eti condu 
par les gouvemements respectifs, devra itre soumis ä la ratificcUion des po- 
pulatüms^* und ist der Hoffnung, es werde derselbe in Zukunft allgemein 
anerkannt und befolgt werden. Selbstverständlich findet das entgegen- 
gesetzte Verfahren der deutschen Regierung mit Rücksicht auf Elsass- 
Lothringen seine Billigung nicht. Wir theilen weder die Ansichten noch 
den Glauben des Verfassers. In Italien waren die Bevölkerungen der an- 
nexirten Gebiete Überall die Verbündeten Victor Emanuels und er half 
ihnen durchführen, was sie wünschten und begonnen hatten; die Abstim- 
mung sanktionirte nur ein fait accampli. Will man auf eine solche Ab- 
stimmung und einen solchen Volkswillen Gewicht legen, so darf man nicht 
auf halbem Wege stehen bleiben, sondern muss den Bevölkerungen einzelner 
Provinzen oder der Grenzgebiete überhaupt das Recht einräumen, jeden 
Augenblick über ihre Regierungsform oder ihren Anschlnss an einen an- 
deren Staat abzustimmen und der Initiative den weitesten Spielraum zu 
lassen, denn es ist nicht einzusehen, weshalb eine solche Abstimmung nur 
stattfinden sollte, um eine von den betheiligten Regierungen bereits ver- 
einbarte Abtretung zu Sanktioniren, d. h. um einen bereits verzehrten Bra- 
ten zu verzehren. Bei der Abtretung von Nizza undSavoyen waren beide 
Regierungen einig; die beiden Provinzen waren der Preis für die franzö- 
sische Kriegshülfe und ihre Abtretung diente gleichzeitig zum Schutze 
Frankreichs gegen den mächtig erstarkten Gegner. Allerdings wurde die 
Abstimmung vorbehalten, allein man sagte der Bevölkerung von beiden 
Seiten: „paus etta lihrea dedire non ä condition que vous diteaoui^\ Wäre 
der Krieg für Frankreich-Italien unglücklich ausgefallen, so würde auch 
die Abstimmung unterblieben sein. Nach dem zweiten Dezember liess Na- 
poleon auch über seine Präsidentschaft abstimmen, allein zuerst stimmte 
die Armee und erst nach ihrem quos ego das Volk. Bei Elsass-Liothringen 
kam nicht in erster Linie das Interesse der dortigen Bevölkerung in Be- 
tracht, sondern das militärische, politische und nationale des Deutschen 
Reiches. Die Abtretung gehörte zu den Friedensbedingungen, und die 
Frage, ob derselbe geschlossen oder der Krieg fortgesetzt werden sollte, 
konnte doch unmöglich von der Abstimmung einer feindlich gesinnten Be- 
völkerung abhängig gemacht werden. Wie wenig Aussicht auf allgemeine 
Anerkennung die Ansicht des Verfassers hat, beweist der jüngste Vorgang 
mit Helgoland, wo nicht nur eine Abstimmung nicht in Aussicht genom- 
men wird, sondern Gladstone sogar eine Diskussion und Ratifikation des 
Abtretungsvertrages durch beide Häuser des Parlaments als ungehörig, 
unkonstitutionell und einen Eingriff in die Rechte der Ej'one bezeichnet 
hat. Die dritte und sechste Abhandlung: „2a naturaUsaUim tn AlgMe^ 
und „les indigknes mtMulmans de VAlgirie dans les (issembUs lociUes*\ be- 
ziehen sich auf die besonderen Verhältnisse der Bevölkerung Algiers, der 
eingebomen Muselmänner und Juden und der fremden Einwanderer, sowie 
auf die Betheilignng der ersteren an den politischen Versammlungen. Trotz 
aller Erleichterungen, wodurch die französische Regierung die einheimische 
Bevölkerung mit der französischen zu assimiliren und ihre Nationaliaining 
zu befördern suchte, repräsentirte doch die französische Bevölkerung 1886 
nur 7^/o der Gesammtbevölkerung. Von allgemeinerem Interesse ist die 
vierte Abhandlung, welche von der Oodifikation des Kriegsrechts handelt: 
„{e droit international moderne et la codification des Ms de la guerre eot^ 
tinentaW. Von einzelnen Gelehrten und dem Institut für Völkerrecht wurde 



Literatarberichte. 133 

dieser Gegenstand schon wiederholt behandelt nnd berathen, und yerschie- 
dene Gesetzesentwflrfe wurden von deDselben ausgearbeitet und den Re- 
gierongen zur Beachtung empfohleu. Der Wunsch, dass ein kontinentaler 
Krieg nach allgemein anerkannten Grundsätzen geführt werden solle, ist 
nicht nur ein berechtigter, sondern auch ein allgemeiner ; indessen scheint 
eine Einigung* über dieselben noch in weiter Feme zu liegen. Der Ver< 
fasser wiederholt den früher oft erhobenen und nach unserer Ansicht nicht 
begründeten Vorwurf, dass die deutschen Belagerungstrnppen das Innere 
befestigter Plätze beschossen haben, um eine raschere Uebergabe zu er- 
zwingen, während Lieben die These verfocht, ein kurzer aber kräftig ge* 
fuhrter Krieg sei humaner als ein verlängerter. In anderen Beziehungen 
erwiesen sich jedoch die Schwierigkeiten keineswegs als unüberwindliche, 
und der Wunsch des Verfassers, dass der Tag kommen möge, „of« le prqjet 
de eodification des ueages de la guen-e aera enfin rialise et fera sentir au 
monde aes tncomparablea bienfaits*^^ kann einer sympathischen Aufnahme 
sicher sein. Dafür sprechen die bisher auf diesem Gebiete gemachten Ver- 
suche und erzielten Resultate, namentlich die Genfer Konvention, deren 
Grandgedanken allmälig kraft ihrer eigenen Schwere durchgedrungen sind. 
Gleichen Erfolg hatte die St. Petersburger Konvention vom 11. Dezember 
1868, betreffend das Verbot der explosiblen Greschosse unter 400 Gramm, 
während der ebenfalls von Russland zusammenberufene Brüsseler Kongress 
von 1874 resultatlos verlief. Die fünfte Abhandlung ^^raaaistance judi^ 
cüUre et lea itrangera en France^*^ handelt von der Ertheilung des Armen- 
rechts an Fremde in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten und der gleichför- 
migen Regelung dieses Rechtsschutzes durch die staatliche Gesetzgebung 
und Staatsverträge. In der siebenten Abhandlung „Varbitrage international 
au XIX ailcW^ befürwortet de Card die Schlichtung von Streitigkeiten 
durch internationale Schiedsgerichte, welche an Stelle der Entscheidung 
durch die Waffen treten sollen, und um seiner Argumentation mehr Ge- 
wicht zu verleihen, gibt der Verfasser eine Uebersicht der Troppenmassen, 
welche die grösseren Staaten im Kriegsfalle ins Feld stellen können, und 
glaubt er sich auch auf das Alabama Schiedsgericht als einen glücklichen 
und nacfaahmungswürdigen Vorgang berufen zu dürfen. Ob jedoch das 
damalige schiedsrichterliche Urtheil gerade ermuthigend wirkte, scheint 
uns zweifelhaft, weil offenbar die Vereinigten Staaten von Amerika damals 
weit mehr erhielten, als sie mit Fug und Recht beanspruchen konnten und 
wohl auch mehr, als sie sich als gewissenhafte Richter in eigener Sache 
selber würden zugesprochen haben. Indessen werden die Staaten doch 
vielfach geneigt sein, in Fragen, wo es sich nicht um die nationale Ehre, 
sondern um blosse Geldforderungen handelt, den Entscheid eines interna- 
tionalen Schiedsgerichtes anzurufen. So haben die Vereinigten Staaten und 
Dänemark die Entscheidung der Reklamation von Carlos Butterfield & Co. 
dem englischen Gesandten Sir Edmund Monson in Athen als Schiedsrichter 
übertragen und hat in den letzten Tagen Portugal eingewilligt, den zwi- 
schen Nordamerika und England einerseits und Portugal andererseits herr- 
schenden Streit um die Delagoaeisenbahnen einem schweizerischen Schieds- 
gerichte zur definitiven Erledigung zu übertragen. König. 
ä. Le Sueur et Eng. Dreyfuss* La nationaliti, Commentaire de la 
lai du 26. Juin 1889^ auivi de modhlea et de formulea accompagni de 
tdbles alphabitique et analytique. Paria. Pedone-Lauriel 1890. 8^. 804. 
F. 7. 50. 

Vom 26. Juni 1889 datirt das neue französiche Gesetz über den Erwerb 
und Verlust des Staatsbürgerrechtes, „loi aur la nationalit&% wodurch die 
Art. 7, 8, 9, 10, 12, 13, 17, 18, 19, 20 und 21 des Code civil nicht uner- 
hebliche Veränderungen erjfuhren. Das vorliegende Werk bildet einen aus- 
führlichen Kommentar zu demselben, und als Beamte des Justizministeriums 
waren die beiden Verfasser vorzugsweise zu dieser Arbeit berufen. Ihnen 
standen Quellen zur Verfügung, welche anderen nicht so leicht zugänglich 



134 ' Literatarberichte. 

waren, and in Folge ihrer amtlichen Stellung waren sie mehr als femer 
Stehende in alle Einzelnheiten des Gesetzes und seine Anwendung einge- 
weiht. Das Gesetz selbst wird in einem Anhang vollständig mitgetheilt 
sammt den EinfUhrungs- und Vollziehungsdekreten. Die Verfasser sind 
keiner Schwierigkeit aus dem Wege gegangen, sondern hab^n alle wichti- 
geren Fragen, deren Lösung gestützt auf das Gesetz nothwendig wird, 
einlässlich besprochen und alle kund gewordenen Ansichten kritisch mit 
Unbefangenheit und Unabhängigkeit gewürdigt und mit ToUer Freiheit 
den richtigen Sinn des Gesetzes aufgesucht und festgestellt Die französi- 
sche Nationalität wird nicht nur erworben durch Heirath, Abstammung und 
Naturalisation, sondern auch durch Geburt auf französischem Gebiet, und 
hier liegt der Punkt, welcher die internationalen Interessen berührt. Unter 
welchen Voraussetzungen und Bedingungen die französische Regieiung 
Fremde in das Staatsbttrgerrecht aufnehmen kann, ist ausschliesslich Sache 
der französischen Gesetzgebung zu bestimmen. Dagegen werden aller- 
dings die Interessen anderer Staaten berührt durch die Bestimmungen, 
wonach unter gewissen Voraussetzungen ein Fremder, ohne Rücksicht auf 
seinen Willen und seine Absicht, ipso jure als Franzose gilt und als sol- 
cher behandelt werden soll. Diess ist der Fall, wenn einem Fremden, wel- 
cher in Frankreich geboren ist, ebendaselbst ein Kind geboren wird. 
Dasselbe hat nicht nur das Recht, die französische Nationalität zn bean- 
spruchen, sondern es ist Franzose, und seine französische Nationalität re- 
sultirt aus der Thatsache, dass zwei Generationen auf französischem Gmnd 
und Boden geboren worden sind. Dieser Grundsatz findet sogar dann An- 
wendung, wenn diese Geburten nur zufällig auf französischem Grund und 
Boden stattgefunden haben, und es wird davon selbst dann keine Aus- 
nahme gemacht, wenn der in Frankreich geborene Vater sich im diploma- 
tischen Dienste eines auswärtigen Staates befindet. Dabei genügt es, daas 
der Vater in einem Gebiete geboren worden ist, welches zur Zeit seiner 
Geburt zu Frankreich gehörte, z. B. in Belgien oder Elsass-Lothringen. 
Das nach der Lostrennung dieses Landestheiles von Frankreich dem Vater 
in Frankreich geborene Kind ist Franzose und von Rechtswegen fransö- 
sischer Staatsbürger, ohne dass es irgend welcher Erklärung bedürfte. Ist 
dagegen nur das Kind und nicht auch der Parens in Frankreich geboren, 
so gUt es nach Art. 8. II 4 dann als Franzose, wenn es bei Erreichung des 
Alters der Volljährigkeit in Frankreich domizilirt ist, und nicht binnen 
Jahresfrist die französische Nationalität ausdrücklich und in gesetzlicher 
Form ablehnt, unter Beibringung des Beweises, dass es die NationalitSt 
seiner Eltern beibehalten und den Militärpflichten in seinem Heimath- 
lande Genüge geleistet habe. Unter diesen Voraussetzungen ist der in 
Frankreich Geborene vom Eintritt seiner Volljährigkeit an französischer 
Staatsbürger. Hat dagegen der in Frankreich geborene Ausländer bei 
Eintritt seiner Mehrjährigkeit seinen Wohnsitz im Auslande, so findet Art. 9 
auf ihn Anwendung, wonach zur Erwerbung der französischen Nationalitat 
eine besondere Erkläning erforderlich ist. Ausser durch Abstammung, 
Geburt auf französichem Gebiet und Naturalisation wird die französische 
Nationalität auch durch Heirath erworben, wenn die auswärtige Frau einen 
Franzosen heirathet, wodurch jedoch allfällige Kinder ans einer früheren 
Ehe nicht berührt werden. Hat dagegen die Französin einen Ausländer 
geheirathet, so erlangt sie nach Auflösung der Ehe die französische Na- 
tionalität nicht ipso jure wieder, sondern es bedarf dazu einer besonderen 
Erklärung, der Niederlassung in Frankreich und der obrigkeitlichen Be- 
willigung, welch' letztere sich auch auf die minderjährigen Kinder er- 
strecken kann, wenn die Ehe durch den Tod des fremden Ehemannes auf- 
gelöst worden ist. Kömg, 



Die Doctrin des intemationaleii 

Pri-ratreclits *). 

Von 

Dr. F. MeUi, 

ordenü. Profeasor an der UniTersität Zürich, 
Associ^ de rinsdtut de droit international, 

AdYOcat. 

(Fortsetzung und Schluss.) 

VI. 

Welchen historischen Gang nahm die Doctrin des internatio- 
nalen Privatrechts? 

Die rechtsgeschichtliche Seite dieser Materie ist noch lange nicht 
genügend erforscht und es fehlt insbesondere an einer durchsichtigen 
und die ununterbrochene Entwicklung erfassenden Behandlung der- 
selben, — dem schon zitirten Werke von Laine kommt freilich in dieser 
Beziehung eine sehr hervorragende Bedeutung zu**). Die Probleme, 
an denen wir heute studiren, haben in den früheren Jahrhunderten 
die hervorragendsten Köpfe beschäftigt. Wenn auch ihre Erörterungen 
hauptsächlich Rechtskonflikte im Auge haben, die sich aus der Kon- 
kurrenz verschiedener Statuten in einem und demselben Staate ergaben, 
so bleibt es doch wahrlich in höchstem Grade interessant zu konsta- 
tiren, was eine ^liLcemxi jim^-^ wie Bartolu^ über unsere Doctrin ge- 
schrieben hat, was ein ^vi/r eo'/^llentissimi ingenir^ wie Argentraeus 
oder Molinaeus darüber dachte, es bleibt hochwichtig, was die beiden 
Voet (^ Vater und Sohn\ Burgundits, Bodenburg , Ulr. Ihiher , sodann 
Bouüenois, Bouhier, Froland u. A. über unsere Lehre geschrieben haben. 
Zum Verständnisse unserer Disziplin muss die Vergangen- 
heit gründlich studirt werden und nur dann können wir die 
heutige Doctrin richtig würdigen und weiterbilden. Un- 
zweifelhaft ist dieser Weg mühevoll und schwerfällig, allein derjenige 
irrt sich, der da glaubt, dass die Geschichte des internationalen Privat- 
rechts eine unnöthige und unpraktisclie Zuthat sei, die etwa blos ziu: 
Garnitur der Materie diene. 



•) Vgl S. 1—23 oben. 
**) Laini, Introdudion au droit international prive. Bis jetzt ist nur 
der erste Band erschienen. Dieses Werk muss jeder Internationalist be- 
sitzen und sorgfältig studiren. Gengier, das deutsche Privatrecht 3. Aufl. 
(1876) S. 41 irrt sich, wenn er glaubt, dass die Lehre der collisio statuto- 
rum eine Zeit lang als gleichsam gegenstandslos aus dem Gesichts- 
kreis verschwunden sei und dass dann (nach dem Sachsen- und Schwaben- 
spiegel) erst im 17. Jahrhundert Wissenschaft und Praxis ihr wieder Auf- 
merksamkeit zugewendet haben. Die von Gengier (a. a. 0.) selbst be- 
fürwortete „historisch qnellenmässige Basis*" fehlt dieser Darstellung 
gar sehr. 

Zeitschrift f. intern. Privat- u. Strafrecht etc., Banil 1. \Q 



l-]H Professor Dr. F. Meili in Zfirich 

Wo föngt die Rechtsgeschichte unserer Lehre an? Nimmt man 
Froland zur Hand, so meint man, sie beginne mit ihm und Alles, 
was vor ihm gegangen , sei im Grunde nutzlos und unbedeutend *). 
Allein es kann keinem Zweifel unterliegen, dass wir viel weiter zu- 
rückgehen müssen. Um in das grosse geschichtliche Material 
Ordnung zu bringen, müssen einzelnePeri öden ausgeschie- 
den werden. 

Was das römische Recht anbetrifft, so kann die Doctrin des 
internationalen Privatrechts nicht daran angeschlossen werden, und ob 
das Recht der früheren Zeiten [z. B. das indische, das babylonische« 
ägyptische, griechische Recht) etwas darüber disponirt hat. ist gegen- 
wärtig noch nicht festgestellt. 

Zwar bemerken wir, dass Bartolus, BaMvs, Argentra-eus, Molv- 
naeus, Memus, Hertm^j Rodenburg, Burgundus, Uhr. Huber und auch 
die französischen Juristen des vorigen Jahrhunderts und die gegen- 
wärtigen Theoretiker noch auf Stellen des römischen Rechts hin- 
weisen. Auch bedarf es kaum einer grossen Phantasie, um zu sagen, 
dass die Römer ihr nationales Recht im Auslande stets betont und ftir 
sich geltend gemacht haben. Allein ans dem Corpus Jims kann nicht 
entwickelt werden, welche Grundsätze die Kollisionsfälle im Verkehre 
entschieden haben. Vielfach zitirt werden namentlich folgende Normen^ 
komischer Weise, um die entgegengesetztesten Meinungen zu recht- 
fertigen : 

1) 1. 34 R. J. 50, 17. 

Semper in stipulationibus et in ceteris contractibus id sequimur, quod 
actum est: aut 8% non pareat quid actum est^ erit cansequeiis , ut if 
8equamur^ quod in regione, in qua actum est, frequentatur. 
Quid ergo, si neque regionis mos appareat, quia varius fuit? ad id, 
quod minitiium eat^ redigenda summa est. 

2) 1. 20 de jurisdiet, 2, 1. 

Extra territorium jus discenti impune non paretur. Idem est et 
si supra jurisdictionem suam velit jus dicere. 

3) h 1 pr, de usur, 22, 1. 

Cum judicio bonae fidei disceptatur, arbitrio judicis usurarum modtis 
ex more regionis tibi contr actum est, constituitur , ita tarnen ut 
legi non offendat. 

4) 1. 65 de jud. 5, 1 **). 

Exigere dotem mulier debet illic, ubi maritus domicilium habuit, nota 



*) Froland , Memoires concenians la nature et Ja qualiti des Statuts 
Einltg. XVIT. Je puis dire etre le premier qui dans le ttoyaume de France 
ait fait un traiti giniral sur ces matieres. Je ne parle point de ce que 
les Docteurs et JuiisconsuUes italiens ont dit ä lettr sujet. Ce quHls ont Serit 
se riduit ä peu de chose. Ebenso urtheilt er über Christinaeus , Bur- 
gunduSf Eodenburg, Stockmann, Voet „et quelques autres*^ (Einleitung XVIII). 
Dasselbe sagt er über Bartolus I S. 16, 17, 19 und 20, und er stellt sich 
selbst lebhaft in den Vordergrund I S. 23 (verglichen mit Einleitang 
XVIII). 

♦♦) Vgl. Thibnut, Pandekten (8. Aufl.) S. 323 Note z. 



bie boctnn de» inteniationRlen Privatrechts. IH^ 

übt instrumentum dotale conscriptum est : nee enim id genus contractus 
etft^ ut et euin locum spectari oppoi-teat^ in quo inatrumentum dotis 
factum eat, quam eutn, in cujus domieilium et ipsa mulier per con- 
diiionem matrimonii erat reditura. 

5) 1. 6 ^ evict.. 21; 2. 

St fundus venierit^ ex consuetudine eja^l re(jioni8 t'n qua negotium 
gestum est pro emotione caveri oportet, 

6) 1. 21 0. et A. 44, 7. 

Contraxisse unusquisque in eo loco intellitjitur in quo. ut solveret, $e 

obligavit. 

Allein es ist nunmehr fast allgemein anerkannt, dass diese (und 
andere) römischen Sätze nicht die Kolli sions fälle der verschiedenen 
Gesetze im Auge haben ^^. In der That konnte sich das internationale 
Privatrecht im römischen Rechte auch nicht entfalten, weil unter Cara- 
müa (211 — 217) allen Einwohnern des Staats imd damit fast der 
ganzen damaligen Welt das Bürgerrecht verliehen und weil damit die 
Anwendung des römischen Rechts verbunden wurde : mit diesem grossen 
staatsrechtlichen Akte war juristisch die urbs zum orbis geworden. 
Das nationale Privatrecht war damit ein international 
gleiches geworden**), - Dank jenen Einflüssen, welche unter 
der kurzen Bezeichnung des jus gentium znsammengefasst werden. 
Man muss sich aber hüten zu glauben, dass das jv^ gentium mit dem 
internationalen Privatrechte identisch oder auch nur verwandt sei. 
Zwar ist es richtig, dass das, was \nr Völkerrecht nennen, im römischen 
Rechte ebenfalls mit jus gentium bezeichnet wurde, — ein blosser ge- 
schichtlicher Vorläufer war das fas gentium, ganz ähnlich wie auch 
im Privatrechte das sakrale Recht dem menschlichen oder staatlichen 
TorauBging ***)* Allein es gibt bekanntlich noch eine ganz andere 
Bedeutung des Wortes jus gentiu/m^ das im römischen Privatrechte so 
bedeutungsvoll geworden ist. Und darunter muss man dasjenige fremde 

*} Vgl. z. B. Asser-Bivier^ EUments de droit international privi S. 7 
Anm. ; Vangerow, Pandekten I § 27 und v. Bar I S. 23—25, 601 Note 7. 

**) Vor diesem Akte aber müssen die Kollisionen der Rechte häufig 
vorgekommen seiu, indessen steht nicht fest, wie sie gelöst wurden. Vgl. 
WäckUr im Civ. A. 24 S. 242—251 ; Voigts Jus naturale aequum et banum 
IV 285—331 ; Fusinato in Bevue de droit internaUonal XVII S. 278—296. 
Die Schrift von Schmidt, Zum internationalen Recht der Römer (Leipzig 
1888), bezieht sich auf völkerrechtliche Fragen. — Dass die behauptete 
Bechtseiiüieit sogar noch im fünften Jahrhundert nach Christus einzelne 
partikuläre Verschiedenheiten zuliess, ist speziell auch aus dem syrisch-römi- 
sehen Recfatsbuche, herausgegeben von Bruns und Sachau (Leipzig 1880), 
ersichtlich. Vgl. S. 276, 303, 336. 

*♦*) Tacitus Annalen I, 41 redet von jus et sacra legationis et fas gen- 
anm und \^^\8eneca de ira 111,2 kommt die Stelle vor: violavit legationes 
ruptojure gentium. Wenn Leist, Altarisches Jus gentium (1889) S. 555 
sagt, auch heutzutage sei ausserhalb der Staatsgrenzen für die inter- 
nationale Stellung der Völker unter einander nur „Themisrecht** vorhan- 
den, so ist dies nicht ganz richtig. Im heutigen Völkerrechte gibt es 
z. B. in den Staatsverträgen bindende menschliche Satzungen. Vgl. auch 
S. Brie, Die Fortschritte des Völkerrechts (Breslau 1890) S. 3 u. 4. 

10 -^^ 



138 Professor Dr. F. Meili in iSttrich. 

Recht verstehen^ das im Laufe der Zeiten bei dem beständigen Wachs- 
thum des römischen Reiches in das römische Zivilrecht anfgenommen 
wurde. Dieses jus gentium bildet einen Bestandtheil des alt-arischen 
Stammkapitals^), es besteht aus Resultaten irUher Entwicklung wie 
namentlich der babylonisch-chaldäischeii**), ferner der ägyptischen***) 
imd sodann der griechischen Zeitf), — man sieht ^ wie zutreffend 
Sohm bemerkte, das jus gentium sei nicht wie ein Hagelwetter über 
das jus civile gekommen ff). Mag es sich nun auch mit dem Stand- 
punkt von Revillout verhalten wie ch will, dass das römische Recht 
nur ein Abklatsch fremder Satzangen sei ttt), so ist das jus gentium 
nicht dasjenige, was wir heute internationales Privatrecht nennen. 
Dagegen lag der psychologische Grund, fremdes Recht zu 
adoptiren und in das jus civile aufzunehmen, in dem 
grossen internationalen Verkehrsleben der Römerfff-|'), — 



*) Ich verweise auf Leibt^ Gräco-italiscbe Recbtsgeschichtc (1884) and 
alt-arisches jus gentium (1889) S. 385, 386, 540, 541 , sowie Bemhöft, Zeit- 
schrift fQr vergleichende Rechtswissenschaft IX S. 1 ff. Die neuem Er- 
hebungen zeigen geradezu überraschende Resultate, und ich glaube nicht, 
dass sie ernsthaft angefochten werden können. Wir müssen damaeh 
unsere juristischen Studien viel weiter zurückverlegen und mit den 
alten inaischen Rechtsbttchem beginnen oder sie wenigstens zur Verglei- 
chung heranziehen. Vgl. JoUy^ Outlines of an history of the Hindu law 
of partition inheritance and adoption (1885), Jolly in der Zeitschrift für ver- 
gleichende Rechtswissenschaft I, 234—260 u. III S. 232; Köhler das. III, 
161—201; Vm, 89—147. Es ist wahr, dass die Zeit des Erlasses der 
indischen Gesetzbücher noch nicht genau festgestellt ist. Früher glaubte 
man z. B., dass Manu 1000 Jahre vor Christus datire. Diese Ansicht ist 
jetzt preisgegeben. Vgl. Stenzler, Yägnavalhyas Gesetzbuch (Berlin 1849) 
Vorw. S. X, und A, Kägi, der Eigveda die älteste Literatur der Inder 
2. Aufl. (1881) S. 138 Note 25a. 

**) Von ausserordentlicher Bedeutung sind die assyrisch-babylonischen 
Eeilschrifturkuuden aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Sie sind jetzt 
zum Theil übersetzt. Vgl. Kohler u. Peiser^ Aus dem babylonischen Rechts- 
leben I. Heft (1890) u. Kohler, Zeitschr. ftlr vergl. Rechtswissenschaft UI, 
201—218 u. V, 876—84; femer Peiser, Jurisprudentiae Babylonicae quae 
supersunt (1890) u. Peiser, Babylonische Verträge (1890). 

***) Vgl. das Werk von E. Bevillout, Les Migations en droit igypiien 
compari aux autres droits de Vantiquite (Paris 1886) Einleitung LXXXI o. 
sodann S. 95, 96, 150, 151, 165, 170, 255, 531; femer E. Bevillout, Cours 
de droit igypHen I (Paris 1884). 

t) Das griechische Recht hat unzweifelhaft auf das römische ebenfalla 
eingewirkt. Das 1884 ausgegrabene Gesetz von Oortyn zeigt denn auch, 
wie hoch entwickelt es war, und die Römer schickten nicht umsonst eine 
Gesandtschaft nach Griechenland, bevor die zwölf Tafeln erlassen wurden. 
Vgl. Bücheier u. E. Zitelmann, das Recht von Gortyn (1885) u. Bemhöft 
in der Zeitschrift für vergl. R.W. VI, 281, 430. 

tt) Sohm, Institutionen des römischen Rechts, 3. Aufl. (1888) S. 42. 
ttt) Bevillout, Obligations a. a. 0. S. 95 u. 96, meint sogar sagen sn 
können . . . nous nous rapprochons insensiblement sans nous en douter des 
points de vue auxquels s^Haient placis les peuples les plus tneux du monde. 

tttt) Neben dem Rechte der fremden Völker kommen dabei ursprünglich 
auch die Satzungen der Provinzen (jus provinciale) in Betracht. 



Die Dootrin des internationalen Privatrechts. 139 

der Grnnd, weswegen wir in der modernen Zeit auswärtiges Recht 
respektiren^ ist derselbe. Das jus gentium wurde in das römische 
Zivilrecht verweben, so dass es schliesslich einen Bestandtheil dessel- 
ben ausmachte*). Ich möchte darnach sagen, dass der römische Prätor 
(inbesondere der praetor peregrinus) in unserer Frage mit einer 
recht 8 vergleich enden Station bezeichnet werden kann**). 

Nachdem die römische Weltherrschaft und damit auch die Rechts- 
Universalität verschwunden war^ trat eine Periode ein, welche für die 
Lehre des internationalen Privatrechts reichliches Material geboten 
hätte, allein alles Recht befand sich damals in einem bedenklichen 
Zustande. Freilich wurde in der Zeit der leg es Barbarorum (und 
schon kurz vor der Justinianischen Gesetzgebung) der interessante 
Versuch gemacht, für die römischen Einwohner in Deutschland, Frank- 
reich. Spanien besondere Normen zu erlassen, welche bei Streitig- 
keiten unter ihnen gelten sollten. Und es lässt sich in der That 
sagen, dass z. B. die lex Romana Wisigothorum , die lex Romana 
BurgundUmum {^Papian^^) auf der einen Seite und die Volksrechte 
auf der andern Seite das internationale Privatrecht jener Zeit dar- 
stellen***). Es muss übrigens unter diesen Verhältnissen ein wunder- 
bares Chaos gewaltet haben, auch wenn man annimmt, dass sich der 
Bischof Agohardus von Lyon in einem Schreiben au Ludwig den 
Frommen ,,in etAvas übertreibender Weise" ausgesprochen hat: plerumque 
cantingit, ut simul eant aut sedeant quinque Jumiines et nullU'S eorum 
amimunem legem cum aUero habe/it-f). Um die praktische Durch- 
führung des massgebend gewesenen Personalitätsprinzips Überhaupt als 
möglich zu begreifen und zu verstehen, muss man sich an die jn'o- 
frjisio juris erinnern, die allerdings noch nicht vollständig aufgeklärt 



*) Eine andere Ansicht entwickelt Voigt a. a. 0. II S. 657 ff., 661 
Er meint, das jus gentium habe ein selbständiges internationales Privat* 
recht enthalten, welches als solches den S^erkehr zwischen den Peregrinen 
unter sich normirte. Vgl. Fusinato, Revue D, J.XVII S. 285 und 286; und 
Sohm, Institutionen S. 43 Note 1: das jus gentium bewegt sich in den 
Schranken des jW eivile im weiteren Sinne und ist nicht der Gegensatz, 
sondern ein Theil des römischen Rechts. Vgl. auch v. Degenkolb^ Rechtsein- 
heit und Rechtsnationalität (1884), der mit Fug betont, dass das Kömische 
alles Römerthuros in der späteren Zeit in der Ausstrahlung vom zentralen 
Punkte aus liege (S. 17). 

**) E. Revillout, Ohligatüms a. a. 0. S. 186 nennt den Prätor un ma- 
gistrat pour ainsi dire internationaL 

***) Vgl, Savigny^ Creschichte des römischen Rechts im Mittelalterl, S.115; 
Despagnet a.a.O. Nr. 83 (es ist soeben eine z w e i t e Auf läge dieses Werkes 
eraebienen; siehe darin Nr. 130): Brunner ^ Deutsche Rechtsgeschichte I 
S. 259 und Stobbe im Jahrbuch des gemeinen deutschen Rechts VI (1863) 
S. 21-60. 

t) Hertius erwähnt diese »Stelle auch in seinen Commentationes vol. I 
Sectio IV § LXXIV de collisu legum und fügt die Seufzer hinzu, die Ago- 
hardus bei dieser Gelegenheit ausstiess: atque utinam placeret omnipotenti 
Deo, ui 8ub uno piissimo Rege una omnes regerentur lege. 



I iO Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

ist. Indessen enthielt die Erklärung: ego N, N. ex genie Ronianonim, 
Gothorumj Longohardorum professtis »um, ex Jure tnvere Rmtumo. 
OothicOy Longobardico etc. doch höchst wahrscheinlich eine rechtliche 
Deklaration, die ein fiir alle Male erfolgte nnd in ein Register ein- 
getragen wurde*). Sie war also, wenn ich so sagen darf, ein das 
Kecht deklarirender Zivilstandsakt. Laurent hat dieses Rechts- 
institut der professio juris auch fiir das moderne Leben praktisch ver- 
werthen wollen. Ich verweise auf den Entwurf, den er im amt- 
lichen Auftrage redigirt hat. In Art. 15 wird folgende Norm vor- 
geschlagen**): 

Vitranger qui coniracte eii Belgique doit diclarer 
8on Statut personnel et, s^il y a lieuy Vincapaciti dont ü 
est frappi. S^il ne fait point cette declaratton, les tiers qui 
traitent avec lui pourront demander Vapplication du Statut beige, 
pourvu qu^ils soient de honne foi. 

Qiiand les parties dressent en Belgique un acte authentique de 
leut's Conventions t le notnire devrUy sous sa responsahilite, exiger 
qu^elles declarent si eil es sont etrangeres et quel est leur Statut. 

Um das Prinzip der Personalität des Rechts zn verstehen^ gibt 
es Übrigens ein einfaches Mittel. Man hat sich nur die rechtliche 
Stellung zu vergegenwärtigen, welche z. B. Europäer in Japan und 
in andern exotischen Gregenden einnehmen: auch sie stehen unter 
ihrem persönlichen Rechte. Richtiger dürfte es freilich sein^ anstatt 
von der Personalität des Rechts zu reden, den fraglichen Zustand 
als den des Racen rechts***) zu bezeichnen. Ein grosser Irrthum, 
den Laurent begangen hat, besteht nun freilich darin, dass er 
dieses Raceurecht der hges Barbararum als den historischen Vor- 
läufer desj heutigen Nationalitätsprinzips erklärte, — diese Ansicht 
ist zweifellos unrichtig. Das Racenrecht beruht auf dem Gedanken, 
dass der einzelne Stanmi für sich allein unabhängig dastehe trotz 
des zersplitterten Staats und dass das Stammes- oder Racenrecht rück- 
sichtslos allein und in allen Richtungen massgebend sei. Das Na- 
tionalitätsprinzip, das wir der italienischen Schule des 19. Jahrhun- 
derts verdanken, hat eine ganz andere und eine tief ideale Basis: es 
baut sich auf dem Stolze eines einheitlich nationalen Staatsgedankens 
auf, und es will deswegen gewisse Gebiete (und keineswegs alle 
Fragen) nach dem nationalen Rechte behandelt und entschieden 
wissen f ). 



*) Savigny, Geschichte 1 S. 148. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte l 
8. 272 und 278. bestreitet die Richtigkeit dieser Ansieht. 

*♦; Vgl. meine Broschüre, Die Codifieation des internationalen Civil- nnd 
Handelsrechts (Leipzig 1890) S. 18 ff. 

***) Dieser Taufnamc j'ener historischen Periode dürfte auch deswegen 
erwünscht sein, weil die französische llieorie das Nationalitätsprinzip der 
italienischen Schule als System der Personalität bezeichnet. 

t) Laini ist es, der (a a. 0. I 56 ff., 60 ff.) den IiTthum von Latt- 
rent in ansgezeichnoter Weise aufgedeckt hat. 



Die DoctriD des internationalen Privatrechts. |4I 

An die Stelle des Racenrechts trat die auf dem Bodeu der Feu- 
dalitSt entstandene Territorialität. Das öffentlich-rechtliche Dienst- 
verhJÜtniss, welches die ruhebedürftigen Angehörigen der einzelnen 
Völker kraft der Feudalität eingingen, wurde auch für das Privat- 
recht firuchtbar verwendet und darauf übertragen*). Aus der feu- 
dalen Rechtsstellung wurde nämlich deduzirt, dass alle im 
lokalen Umkreise eines lehensrechtlichen Territoriums be- 
findlichen Personen und Sachen dem Gesetze desselben 
ausschliesslich unterworfen seien. Hier liegt meines Erachtens 
die psychologische Erwägung, welche den allmäligen üebergang des 
Racenrechts in das Territorialrecht begreiflich und verständlich macht**). 
Natürlich war die Gestaltung dieses historischeu Prozesses, wie er sich 
in Frankreich, Deutschland und England abwickelte, verschieden. Aber 
die Quintessenz des Territorialprinzips ist in dem einen Satze richtig 
wiedergegeben: omnes eommttidi'nes sunt reales (touies coutv/me^ sont 
reelles) oder in jenem anderen: quidquid est in territorio est de terri- 
forio. Unter der Feudalität kam ganz logisch der Gedanke auf, dass 
der Mensch gewissermassen von dem Stück Erde besessen sei, in dem 
er Wohne: bona personam non seqmintw sed persona^ ipsas ad se tra- 
fmnt. Diese Lehre hatte eine ausserordentliche Bedeutung***) und sie 
entwickelte sich in einer Weise, dass wir heute noch tief in ihren 
Geleisen wandeln, ohne dass wir es uns zum klaren Bewusstsein 
bringen f). 



*) Das öffentlieh-rechtliche Dienstverhältniss wai' die priu%ipale 
Eigenschaft der Feudalität. Vgl. Rothf Feudalität und Unterthanenverband 
(Weimar 1863) S. 211. Bei der mangelhaften Scheidung des öffentlichen 
und privaten Rechtsgebietes war aber die Vermischung beider Gesichts- 
punkte fast eine logische Konsequenz. 

♦*) Vgl. auch Brice (übersetzt von Domergue) Le aaint Empire Bomain 
Germanique, Paris 1890 S. 155, 161. Hier wird treffend gesagt: la feo- 
daliti naisaanU ne fut qU*un premier pas hör 8 de Vanarchie, 

•**) Die Bestimmungen des Sachsenspiegels (1224-1235) sind ihr 
legaler Ausdruck. Vgl. a) 1. Buch A.30: JeUch inkomen man entfH erbe 
binnen deme lande zu Sachsen nach des landes rechte und nicht nach 
des mannts rechte^ he si Beier^ Swdb oder Franke, b) 3. Buch A. 33 § 2: 
Jeclich man müz ouch antwurten vor me kunge , in allen staten, näh sime 
rechte, und nicht näh des clegeres rechte. (Vgl. Ausgabe von Weiske-Hilde- 
6raiMsr4.Aufl.S.19.) Das Gleiche gilt vom Schwabenspiegel (1273-1275). 
Vgl. l.Theil c. XXXII. Ein ieglich man, der uz einem lande in daz andere 
kumt, und wil vor geriehte reht nemen umb ein gut, daz in dem lande lit, 
er muz reht nemen nach des landes rehte und niht nach sines landes rehte. 
(Vgl. Ausgabe von Gengier 2. Aufl. S. 30.) Laini zitirt auch franzö- 
sische Coutumes, welche ähnliche Normen enthielten (a. a. 0. S. 282/3). 

t) Im Jahre 1869 redete der Grosse Rnth des Kantons Bern einer grund- 
sätzlichen Territorialität das Wort, als er über ein neues einheit- 
liches Gesetzbuch fltr sein ganzes Gebiet diskutirte und beschloss: es 
sei der Abschnitt des EinleitungHtitels in dem Sinne zu genehmigen, dass 
das Territorialprinzip als Grundregel fKr d.is internationale und inter- 
kantonale Privafrecht in möglichster Ausdehnung durchzuführen sei. 



142 Professor Dr. F. Meili in Zürich.; 

Bevor freilich das System der Territorialität sich so recht ent- 
faltete, entstand auf dem Boden von Italien in äusserlicher Anlehnung 
an das römische Kecht die erste ernstliche Theorie des inter- 
nationalen Privatrechts. Dort blühten im 12. Jahrhundert Gemein- 
wesen empor, die kraft ihrer beinahe vollständig gewordenen Autono- 
mie Munizipalgesetze erliessen, die Statuta genannt wurden. Die 
kleinen aber industriellen Staatswesen traten vielfach in Verkehr und 
so entstanden Rechtskonflikte, d. h. die historisch echt und recht zu 
nennenden Fälle der Statutenkollisionen. 

Da nun in Italien und speziell in Bologna das römische Recht 
wieder besonders kultivirt wurde, lag es nahe, die Lösung jener Diver- 
genzen im römischen Rechte zu suchen. Es entstanden nun drei 
Fragen : 

1) sind die Statuten rechtsgültig*), 

2) wenn ja, welcher Anwendungskreis kommt ihnen zu im Ver- 
hältnisse zum römischen Rechte als dem jiis cmnmun'ey 

3) wie ist der Konfliktsfall zu lösen. 

Auf diese Weise entstand unsere Doctrin und ihr Taufhame der 
Statutenkollision. Die theoretischen Ausfilhrungen wurden verbunden 
mit der /. 1 C. de inrnima trinitate et fide eatholica et td nemo de ea 
publice contefidere audeat 1. 1 und speziell mit den Worten: 

cunetoa populos quos clementtae nostrae regit imperium in iali 
volumus religione veraari quam divinum Fetrum apostolum tradidisse 
Bomanis, 

Unsere Doctrin hatte also von Anfang an eine stark kirchliche 
Umgebung, und es ist viel darüber gestritten worden, wer denn eigent- 
lich die Juristen habe veranlassen können, ihre Erörterungen über 
das internationale Privatrecht an jene lexc anzuknüpfen. Schon 
Guy Coquille hat sich mit Bitterkeit über dieses rechtliche Domizil 
der Lehre ausgesprochen**), und er macht sich darüber lustig: ihm 



*) Die Berechtigung, Statuten zu erlassen, wurde ausserordentlich gründ- 
lich untersucht nnd wie begreiflich war sie stets praktisch bis in dieses Jahr- 
hundert hinein. Ich verweise z. B. auf S. de Cocceji, Jus civüe controversum 
lib.Itit. IV. Er erörtert, ob die civitates municipales et collegia statuta con- 
dere possint und ob sie bestätigt werden müssen {alii affirmant, alii utile di- 
cunt). Vinnius, Institutionum Commentarius lib. I tit. II (S. 9) deduzirt 
das Recht, Statuten zu erlassen, aus der Stelle der Institutionen (§ 1 de 
jure nat, 1, 2). Leyser, Meditationes ad Pandectas 1 spec. VIII § V führt 
ihre Kraft auf pacta zurück. Vgl. auch Heineccii, Anttquitates germanicae l 
c. VI (S. 499 fF.) und insbesondere noch Riccii, Zuverlässiger Entwurf von 
Stadtreohten oder Statutis (Frankf. u. Leipzig 1740) S. 21 , 315 ff., 329, 
437, 631. Zu den ältesten Statuten gehörten in Deutschland wohl die von 
Lübeck. Vgl. Sam, Strykii, Specimen usus modemi Fandectarum Discursus 
praeliminaris I § XIII. 

**) Ouy Coquille (1523—1603), Coutumes de Kivemois {Oeuvres II Que- 
etians, Biponses S. 211), Question 131 . . dont le domicile a accoiUume 
d'Hre en Vapparat de la loi cunctos pop. Und er fftgt bei : et comme ce do- 
micile aemhle avoir eti mal elii et choisi, parceque le texte n^y est atLcunC" 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 143 

folgte Froland*^, und selbst der religiöse Jurist Laurent spricht 
sehr unehrerbietig Über jene lokale Verbindung**). Indessen hat Lame 
jenen Vorgang ausgezeichnet erklärt***). Der Wirk ungs- und Gel- 
tungskreis des römischen Rechts wurde in Anlehnung an die 
Worte eundos populos untersucht . — es fehlte damals noch der Ge- 
sichtswinkel der Konflikte. AfMnirsms fand sich dann veranlasst, dazu 
eine Glosse zu machen: 

Quodsi Bonmiensis conveniatur Mutinae non debet judieari secun- 
dum statuta Mutinae quibus non subest, cum dicat quos nostrae cle- 
mentiae regit imperium, Videtur hictextus supponere quod non omnes 
populos regit imperator. 

An diese Glosse knüpfte sich die spätere italienische Doctrin 
äusfterlich an und diesem Gebrauche unterwarf sich auch Barfohts']')* 
Mit diesem grossen Juristen fHngt eine neue Zeitepoche des inter- 
nationalen Privatrechts an. Bartolus ist allerdings nicht der erste 
Schriftsteller über die Statutenkollisionen, wie er denn auch in seineu 
Erörterungen vielfach Dinns, Jacobtis de Arena , Cinvs , Speculator 
(G, Durantis) u. A. zitirt, aber Bartolus hat mit Geist die schwierigen 
Fragen behandelt^ und er darf deswegen als Haupt der ersten 
Schule über unsere Disziplin bezeichnet werdeuft) Seine 
Erörterungen finden sich in dem Buche : in primain Codicis partem 
Commentaria. Er betont zunächst den Ernst der lex^ unter deren 
Titel er schreibt {,. /eo: noti debet esse ludibrio'^), er stellt fest, wie die 



ment ä propoSy aussi la question y est traitie trop prolixement pour y etre 
Inen traitee. Mais le dessein du pr emier docteur qui a commencS, a He 
suM eomme par singerie et indiscrhte imitation par les autres 
svivans. 

*) Froland a. a. 0. I S. 15 und 16. Die Stelle sei kaum der rich- 
tige Sitz der Materie gewesen, und er Üigt bei: je persiste ä dire^ peut- 
Hre par un difaut de diseemement^ qü'il est Honnant que les uns et les 
autres ayent si mal choisi leur champ de bataille, 

**) Laurent a. a. 0. I Nr. 214: Quel rapport y at-il entre un dogme 
incomprihensible et une doctrine juridique? Et oü est le lien entre les 
mois cunctos populos et les Statuts? — Auch Phillimore^ Commentaries upon 
international lato IV S. 19 ruft aus: who wovld have expected such a trea- 
^Me (er spricht yoji Bartolus) in aGloss on the words „cunctos populos*" in a 
chapter de summa trinitatef 

**♦) Laine a. a. 0. I S. 104 und 105. 

t) Veh&[ Bartolus ist neben Savigny, Geschichte VI S. 137 ff., noch zu 
vergleichen Serafini's Architio giuridico XXI S. 537-548; C. Ber- 
nabei, Bartolo da Sassoferrato a la scienza delle leggi (1881), Montijn, 
Aanteekening or de leer van het intemationaal privatrecht hij Bartolus 
(Utrecht 1887), und Harrison im Journal de droit international VII 423 
und 424. 

tt) Mit Recht sagt auch Phillimore a. a. 0., dass die Erörterung von 
Bartolus sei „the fountain of private international jurisprudence*". Und er 
fügt bei: without a careful study of this commentary, nobody can be 
thouroughly versed in the history of the progre^s of the principles of pri- 
vate international law. Vgl. die kleinen Explikationen a. a. 0. S. 248 
und 249 und den Auszug 8. 254-257. 



1 14 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Ketzer bestraft wt»rden solleu und dauu geht er auf unsere Disziplin 
über. Bartolus beschäftigt sich mit zwei allerdings nicht richtig ge- 
Htellten Fragen, von denen er ausgeht und die seine Abhandlmig im 
Grossen und Ganzen auseinanderhält: 

1) uirum statutum xyorngatur extra terfitorium ad noa auhditos. 

2) utrum effectus statuti porrigatur extra territorium statuentium. 

Auf Bartohis ist die im internationalen Zivilprozessrechte wich- 
tige Unterscheidung von litis ordinatio und litis decisio zurückzuführen, 
und er ist bezüglich des materiellen Rechts fern von einer hölzernen 
AufPassung der Dinge. Allerdings bringt er auch eine Unterschei- 
dung der Statuten, die auf den ersten Blick befremdet: quaedani 
statuta sunt prohibitorin ^ quasdam permissiva. Entweder liegt eine 
prohibiiio fav&rahilis vor, z. B. der minor darf nicht testiren, oder 
eine prohibitio odiosa, z. B. wenn (in Statut die Tochter von der Erb- 
schaft ausschliesst. Im Keime findet sich hier jene Unterscheidung, 
welche auch in der gegenwärtigen Doctrin eine so grosse Bolle spielt: 
das Yerhältniss zwischen dem internen und internationalen Rechte*). 
Im Zusammenhange damit bringt Bartoltis einen wirklichen internatio> 
nalen Rechtsfall zur Erörterung: 

consueiudo est in Änglia, quod primogenittis succedit in ofnnibus loeis. 
Modo quidam Habens bona in Anglia et in Italia decessit: quaeri- 
tur quid juris? Jacobus de Bavenna et Gultelmus de Cuneo tenent^ 
quoi de bonis existentibus in Anglia judicetur secundum eonsuetu- 
dinem illius loci; de aliiSy quae sunt in Italia ^ stetur juri communi, 
ut dividantur inter fratres. 

Darüber referirt Bartolus weiter. Dann fUgt er hinzu: 

Mihi videtur quod verba statuti seu consuetudinis sunt diligetUer 
intuenda. Aut enim disponuntur circa rem, ut perhaee rerba: 
bona decedeiitium veniant in primogenitum. Et tunc de omnibus homs 
judicäbo secundum consuetudinem et statutum, ubi res sunt situaiae: 
quia jus afficit res ipsas, sive possideantur a cive sive ab advena. 
Aut verba statuti seu consuetudinis disponunt circa per- 
ftonam^ vt per haec verba: primogenitus succedat et tunc aut tue 
talis decedens non erat de Anglia, licet ibi haberet possessiones ; et 
tunc täte statutum ad eum et ejus ßlios non porrigitur, quia dispasitio 
circa personas non porrigitur ad forenses. 

Die hier anlässlich der Beurtheilung eines Einzelfalles ent- 
wickelte Unterscheidung in 

1 ) statuta circa rem, 

2) „ „ personam 

war vollkommen nebensächlich und fasste mit Nichten die ITieorie 
von Bartolvs zusammen. Denn die vorhergegangenen Erörterungen 
beweisen ja evident, wie fern es ihm lag, nach einem solchen ausser* 
liehen Kriterium das internationale Privatrecht zu behandeln. Indessen 
hielt sich die Nacliwelt an jene hingeworfene Bemerkung, selten 



*; Vgl. auch F. Laghi, 11 Dintto internasionafe privato uei suoi rapporti 
tolle leggi territoriali (Bologna 1888) vol. I S. 54 Note. 



Die Doctrin des internationalen PriTatrdchts. Uf) 

freilich ist es, daas mau sich darüber nicht lustig gemacht hätte*}, — - 
die Praxis des vorigeu Jahrhuuderts hielt sich uoch vielfach daran**). 
Auch heute noch ist es möglich, von ^der Bartolinischeu Regel***** l 
zu reden, — dem grossen Juristen geschieht Unrecht dadurch, das» 
man stets diese gelegentliche Bemerkung (die allerdings schief war) 
zum Zentralpunkte seiner Theorie hinaufschraubt. Jene Schemati- 
sirung der Statuten fand erst später statt. 

Die italienische Doctrin ging unter der Beleuchtung der Nach- 
folger des Bartolua (Baldu^, Salicet, Pavltia de CiistrOy Alexander Tar- 
tagnujt u. A.) nach Frankreich über, und es brach nun der Kampf 
aus zwischen ihr und der Feudalität. Als hervorragende juristische 
Fechter zeichnen sich die beiden Hauptantagonisten Carolas Molinaeus 
{Du Moulin) 1500 — 1566 und' Bertrandus Ai'gentraeiis {D'Argentre 
f 1590) aus. In diesen zwei Personen stellt sich die fran- 
zösische internationalrechtliche Doctrin des 16. Jahrhun- 
derts verkörpert dar. Molinaeus (ein Advokat in Paris) schrieb 
unter Anderem einen Commentarms in Codicem und unter dem Titel 
de summa trinitate machte er drei Erörterungen: 

1) conelusiones de staiutis et consuetudintbus localtbus. Er betonte : 

a) auf statuium loquitur de kis, qvae concernvnt nudam ardina- 
tianem actus et semper inspieitur sicUutum vel catisuetudo loci, iibi 
actus cehbratur, Ita quod testamentum factum coram duobus 
testibus in locis übt non requiritur major solemnitas valet ubique, 
Idem in omni alio actu; 

b) es sei zu unterscheiden: aut statutum agit in personam et tunc 
non includit exteros aut statutum agit in rem; 

2) de delictü, 

3) de praescriptionibus sive exceptionibus. 

Molinaeus ficht auch häufig'' mit der Annahme einer stillschwei- 
genden Unterwerfung und mit dem Satze: provisio hominis faeit ces- 
sare provisionem legis, ~— im Wesentlichen vertritt er die italienische 
Doctrin f ), Sein heftiger Gegner Argentraeus ff) (hervorragender 
Jurist der Bretagne) knüpfte juristische Erörterungen in den eommen- 
t4mi in patrias Briionwm leges seu consuetudines antiquissimi dfucahis 

♦; Tiraquellus, Opera omnia, Frankfurt 1574, 1 S. 482 meint allerdings: 
nt quis putet hujusmodi distinctionem vanam esse et verbaletn magis quam 
realem. Vgl. aber Laurent a. a. 0. I Nr. 215: si Von ne savait que Bartole 
etaii un jurisconsulte sSrieux et d'une immense reputation , on serait tente 
de prendre sa distinction pour une mauvaise plaisanterie. Auch B^-usa zu 
Casanova, Del diritto intemazionale II S. 355. Argentraeus machte sich 
über Bartolus besonders lustig : pudeat pueros talia aut sentire aut docere. 
•*) Froland a. a. 0. I S. 38/9. 

***) Brinz, Pandekten 2. Aufl. I § 23 und J^; Kahn in Iherings Jahr- 
büchern 30, N. F. 18 S. 9. 

t) Vgl. auch Laini I 223, 257. 

tt) Abr, a Wesel sagt in seinem tractatus de connubiali bonorum societate 
(Köln 1770) S. 30 mit Recht, dass Argentraeus zu scharf gegen Molinaeus 
verfahren sei. 



146 • Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Britanniae au den Art. 218 der Ooutumeß der Bretagne. Dieser 
Artikel bestimmte: 

twtt personne paurvue de sene peut danner U tiers de san hititage ä 
atUre qu^ä ses hairs. 

Dabei trat die Frage auf^ ob der disponible Dritttheil sich auch auf 
das in andern Provinzen liegende Vermögen beziehe, — man sieht, 
auch Ärgent7'aeus wählt ein eigenthümliches Domizil zu den Deduktionen 
Über interprovinziales und internationales Hecht. Aber er hat nur einen 
ganz geringen Respekt vor den früheren Schriftstellern, die er scho- 
lastiei scriptores nennt, die im Grunde nichts verstanden haben: aus 
falsa prificipia seien fahismim cotiseqventia entstanden. ArgerUraeujt 
betont dann bei seineu das Personen-, Güter- und Erbrecht betreffenden 
Erörterungen, es müsse folgendermassen unterschieden werden : 

1) statuta realia ut quae de modo dividendarum hereditatum comti- 
tuuntur in capita in stirpes . . . Idem de modo verum donandarum 
et de quota donationum. Diese Statuten bilden die Regel, weil 
die Gesetze strikt territorialer Natur sind : statuta extra territoria sua 
sine usu sunt, cum extra ea terreri nemo possit quae territorii defim- 
tio est. 

Die wenig geistreiche Etymologie der Römer wird hier in komi- 
scher Weise verwerthet. 

2) statuta personalia , cum principaliter de personarum jure con- 
ditione et qualitate statuitur abstracte ah omni materia reali veluii 
major aetate . . . aut cum nuptae interdieitur omni contrahendi aut 
obligandi sui potestate . . . aut cum prodigo bonorum adminisiratio 
interdieitur. 

Diese Statuten bilden die Ausnahme. 

S) statuta mixta: Sed in ea distinctione tertium quod erat adji- 
ciendum membrum omiserunt {sc. scholasiici scriptores). Darunter 
werden verstanden: dispositiones*qune in rem quidem conceptae re- 
periuntur sed tarnen rerum in his consideratio praecipua est. 

Diese gemischten Statuten sind dem Hauptprinsip 
CSr, l) unterworfen. 
Die Theorie von Argcntraeu.s fand kehien xVnklaug in Frank- 
reich, weil sie dort zu spjit gekommen war. Die territoriale Selb- 
ständigkeit und Herrschaft der Provinzen ging dem Ende entgegen. 
Dagegen wurde sie wieder aufgenommen in den Niederlanden, und es 
ist ein interessantes Zusammentreffen, auf welches ich hinweisen möchte. 
Die Rechtswissenschaft hatte in Frankreich in der Mitte des 16. Jahr- 
Inmderts ihren Höhepunkt erreicht, und sie blühte dann in den Nie- 
derlanden auf. — auch in der Rechtsgeschichte des interna- 
tionalenPrivatrechts beginnt mit der belgisch-holländischen 
Doctrin im 1 7. Jahrhundert eine neue Epoche. Nimmehr wer- 
den die letzten logisclien Konsequenzen der Lehre des Argentraeus 
gf?zogcn. Ein stattliches Heer von Juristen geht an die Arbeit: Burgundtis 
(1586 — 1649) mit seinem Werke ad consuetudincs Flandriae aUmnnnqur 
gentiiwi tracixtitus confroversrnrum, Ckristhmeu^'^ (1543 — 1631 ) mit seinen 
commentaria ae notae in leges munmpales (Meeh/irmnse^s), Ohr, Roden- 



Die Doctrin des internationalen PrivatrechtB. 147 

6ur^(1618- — 1668)mit seiner8chrift de jure eonjugum, dereine trada- 
tio pi'cteii/minaris vorhergeht, betitelt: de jure quod orüur ex statu to- 
mm vel cansuetudinum diver sUate. P. Voct (1619 — 167 7) mit seiner 
Broschüre de statutis eorumque cancursu, dessen Sohn «/. Voet (1647 
bis 1714k der im Cmnmentarius ad Pandecta^ Band I (Über I tit. lY 
pars II) eine Abhandlimg schrieb rfe statutis * ). Die ganze Geistesrich- 
tung der belgisch-holländischen Doctrin des 17. Jahrhimderts wird 
am kürzesten und schlagendsten wiedergegeben in den drei Axioniata 
des U. Huber (1636 — 1694^ der in seinen pi'aeieetiones juris romaui 
ei hodiemi (pars II liberl tit. III) eine kleine Abhandlung schrieb^ betitelt de 
coiiflictu legum diversarum in diversis imperiis. Diese Axiwnata enthalten 
übersichtlich das Kesume der genannten Periode: 

1) Leges eujusque imperii vim habent intra terminos ejusdem reipublicae 
omnesque ei subjedos obligant nee ultra. 

2) Pro subjectis imperio habendi sunt omnes qui intra terminos ejusdem 
reperiuntur sive in perpetuum sive ad tempus iln commorentur, 

3) Beetores imperiorum id comiter agunt, ut jura ct^usque populi intra 
terminos ejus exercita teneant %ibique suam virn, quatenus nihil po- 
testati aut juri alterius imperantts ejusque civium praejudieetur. 

Die Frage der Anwendung auswärtiger Gesetze war nun 
kraft dieser Theorie zu einer wesentlich politischen gestem- 
pelt: das ist der Sinn der tria aximnata. Grundsätzlich gilt das ter- 
ritoriale Rechte allein ex comitate gentium wird eine Ausnahme ge- 
maeht; soweit dies den einheimischen Staat und seine Bürger nicht 
schädigt 

Die holländische Doctrin ging auch auf Deutschland 
und England über. In Deutschland ist D, Mevius, f 1670 (carn- 
mentarius in jus Lubecense), wichtig, indem in der qtiaestio quurta unter- 
sucht wird: an et quatenus foi'enses li^gantur et utantur eis quae jure 
Lubeeensi scripta surU**\ iemer Lauterba^^h (1618 — 1678), der in den 
Dissertationes aead&fnicae t. III de societate bonorum conjugali cap. II 
Nr.X — XVII, namentl. XIII n. XIV ***) Erörterungen über unsere Mate- 
rie machte. Hertius (1652 — 1710 ) referirl über die Eintheilung der Sta- 
tuten, auch über die Axiome von Huber und sagt ganz richtig zu- 
nächst, dass die comitas gentium nicht der richtige Gesichtspimkt sein 
könne j), um dann doch zu adoptiren, was Huber festgestellt liat, - — 



*) §2 ftNobilissima statutorum divisio est, qua alia personalia sunt, 
alia reoHa, dlia mixta,*^ 

**) Mevius gehört freilich noch z. T. der italienischen Doctrin an. Vgl. 
Laini a. a. 0. I S. 410. 

***) Ganz anders geht Lauterbach vor: statutorum tres species ut et con- 
suetudinis nempe personale reale et mixtum j constituit Ärgentraeus, Nie. 
Bwrgundus, Allerdings constatirt er, dass Bodenburg die statuta mixta 
nicht anerkenne und fügt bei: quae realia sint quaeque personalia statuta 
et genuina eorundem differentiae nota unde sit sumenda, non anxie inter 
se minus disceptant autores, 

t) HeHius commentationes de selectis et ranonbus argumentis ex juris- 



148 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

nur sind es keine axiomatn sondern regiilae. Freilich besteht doch 
noch ein Unterschied, wie sich sofort zeigen wird: 

1) Prima sit regula: Qnando lex in personam dingitur^ respidendum 
est ad leges illius civitatis ^ quae personam ?Mbet sübjectam, 

2) Secunda regula Ht: Si lex directo rei imponitury ea locum habety uhi- 
cunque etiam loeorum et a quocunque actus celebretur, 

3) Begula tertia sit: Si lex actui formam dat, inspiciendus est locus 
actuSy non domicilii, non rei sitae. 

Die Trilogie von Hertius gibt derjenigen des Ärgentraetis eine 
neue Nahrung. Homtnel verweist auf Hertius. Da er aber den Prozess 
und das Strafrecht noch berücksichtigt, kommt er zu filnf Regeln *"!: 

Begula prima, Quando legum diversitas se ratione Status exerit et 
de persona quaeritur, respiciendumr est ad leges domicilii, 

Begula secunda, Batione bonorum mobilium respiciuntw jura do- 
micilii, quoniam mobilia quasi ossibus inhaerent, ratione bonorum immo- 
bilium autem praevalent jura loci, ubi sita sunt. 

Begula tertia. In contractibus aliisque actibus et rebus gestis, in- 
spiciendus est locus actus, non domicilii nee rei sitae. 

Begula quarta. In processualibus nunquam ad jura domicilii aui 
rei sitae respicitur, sed semper ad jura loci, ubi judicatur. 

Begula quinta. In delicto spectamus leges loci ubi commissum , si 
istae mitiores sint. Contra autem si sint duriores, spectamus jura loci, ubi 
accusatur. 

Im gleichen Geiste schrieben in Deutschland auch Riccius **), 
F, E, Puffendorf'^'^*\ Hofacker -{), Glück^"^), in der Schweiz H, Joe. 
L&u'\'\'W und in Frankreich trat das eigenthümliche Ereigniss ein, 
dass die dortige Doctrin des 18. Jahrhunderts zu Argentraeus 
imd zu seinen niederländischen Nachfolgern hinneigte. Aus dieser Pe- 

prudentia universali, I Sectio IV de coilisu legum positivarum inter se. Er 
sprach den berühmten Satz aus: verum in Ms statutis definiendis mirum 
est quam sudent doctores (§ I[I), •— er hat sicherlich um so weniger ge- 
schwitzt! Aber er sagt ganz richtig: . , . ex solis exemplis jus gentium 
adsiruere, quam sit fallax^ tum si sola populorum conniventia ii niti dica- 
mus quae juris sit efficacia ? Von Argentraeus spricht Hertius mit grosser 
Verehrung: „virum summae eruditionis*^ , An seine Regeln knüpft Übrigens 
Hertius S Fälle an, y^quia facile etratur in tarn diffusa materia*^, 

*) Hommely rhapsodia quaestionum in foro quotidie obvenientium ed. 
tertia 1769 Obs. 409. Primum generaliter monendum: homines quinque fere 
modis diversis potestatibus aut legibus subjici vel ratione personete vel ra- 
tione bonorum^ vel ratione actuum, vel ratione delictorum, vel ratione judicii 
in quo agunt conveniunturve, 

**) Biccii, ZuTerlässiger Entwurf von Stadtrechten oder Statutis (1740) 
S. 315, 329, 437 ntl., 520, 528, 542, 591. 

•**) Puffendorfy Observationes juris universi (Darmetadt 1787) T. I ob- 
serv. 28 § V; T. II obs. 27 f I-III. 

t) Hofctcker, PiHncipia juris civilis romano-germanici , Ed. II (1800) I 
§ 138—143. Er vertheidigt „circa coUisionem statutorum** unter Verweisung 
auf Argentraeus, Burgundus, Bodenburg, Huber, Cocceji^ Hert, Meier ver- 
schiedene „regulae generale»'^, 

tt) Glück, Pandekten, 2. Ausgabe (1797) S. 398—403. Auch er stellt 
drei Regeln auf. 

ttt) I^f Eydgenössisches Stadt- und Landrecbt (1727) I S. 41—44. 



bie Dootrin des internationalen Pmatrechts. I4f) 

riode sind die Schriften von Frohnd *\ Bovlimmjt **) und Botihier *** ) 
ausserordentlich wichtig. 

Die Statutenlehre ging denn auch in einzelne (jiesetzbttcher 
über, namentlich in den codex Ma^riniüian^is bavarieus von 1756 und 
in die Gerichtsordnung von 1753 fs in den französischen r4)(le cimi 
(1803) und in das preussische Laudrecht von 1794. Und es ist jetzt 
auch verständlich; wenn die Statuten lehre als allgemein angenommen 
erklärt wird. Aber es hat doch ein besonderes Interesse^ festzustellen, dasF« 
hervorragende deutsche Juristen im Anfange dieses Jahrhunderts drei 
Regeln aufstellten, — der Geist des Argenfraeufi feierte neue Tri- 
umphe! 

I. Thibaut, Pandektenrecht^ 8. Anfl. 1 ^ 38, sagt .,iu Gemäss- 
heit der Praxis*': 

1) Ein Unterthan ist im Ganzen in Ansehung aller Rechtsverhältnisse 
den Gesetzen des forty vor welchem er in der Regel belangt werden 
muBB (den statutis p€rsonaHbu8\ unterworfen und musa selbst aus- 
wärts darnach gerichtet werden, wenn ihm nicht die persönlichen 
Statute ein Auswärtigen lästiges Privilegium verliehen haben. 

2) Wenn von der Form des Prozesses, von der Form und Gültigkeit 
eines Geschäfts und den daraus entspringenden Folgen und endlich 
von der Strafbarkeit einer Handlung die Rede ist, so kommen die 
atatuta mixta zur Anwendung, d. b. die Gesetze, wo der Prozess zu 
fähren, das Geschäft errichtet oder das Verbrechen vollbracht ist — 
Dabei bemerkt Thibaut ^ ein nach den statutis tnixtis gültiges Ge- 
schäft sei in foro domicilii als ungültig zu behandeln, wenn es um 
die einheimischen Gesetze zu chikaniren errichtet war. 

3) Wenn die Gesetze des Orts, wo unbewegliche Güter und was den- 
selben gleich ist belegen sind, über Sachen etAvas bestimmen, so 
kommen dieee (statuta rcalia) vor jenen beiden Arten der Statute 
zur Anwendung. 

In Betreff beweglicher Sachen entscheiden die persönlichen Statute, 
sofern nicht die Statute des Orts, wo sie liegen, namentlich mit auf 
sie gerichtet sind. 

n. Kierulff, Theorie des gemeinen Zivilrechts, I. Bd. 1839 

S. 73—82: 

„Es gibt wirklich eine aus ursprünglich vereinzelten doktrinellen An- 
sichten hervorgegangene deutsche Praxis, welche wenigstens in den 

Hauptsätzen dem Richter einen festen Anhaltspunkt gewährt 

Der Gebranch will unterschieden wissen, ob es sich im einzelnen 
Fall um eine Person, eine Handlung oder eine Sache handelt, und 

*) Froland a. a. 0. I S. 82, 88, 149. Er opponirt gegen die statuta 
mixta, 

**) Boullenois schrieb a) QueHions sur les dimissions de biens (1727), 
b) ein zweibändiges Werk Traiti de la personnalite et de la realite des 
loiSf eouUtmes on Statuts par forme d' Observation s (1766) I und II. 

***) Bauhier schrieb zwei Bände Le$ coutumes du duchi de Bourgogne 
(1742). Vgl. auch Oeuvres compütes du Chanceliier d'Aguesseau neue Aus- 
gabe von Pardessus (Paris 1819) V. 256-258. 260— 262. D'Aguesseau folgt 
der ^exceUenie dissertation que M^. d^Argentre a fait sur cette matih*e,'* 
Vgl. auch XII 399. 

t) Vgl. meine Broschüre, Die ('odification des internationalen Civil- und 
Handelsrechte, S. 9—12. 



150 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

bestimmt, dass der Richter lediglich an diesen Merkmalen das kon- 
krete entscheidende Gesetz erkennen solle. ^ 

1) Handelt es sich in einem Fall um eine Person, so kommen die Ge- 
setze des Orts zur Anwendung, wo sie ihren universellen Gerichts 
stand hat, also in der Regel die Gesetze des Domizils (statuta per- 
sanalia), 

2) Handelt es sich um eine Sache, .so entscheiden die Gesetze des Orts 
wo sie gelegen ist (statuta realia), 

3) Ist eine -Handlung, eine Willensäusserung das vorherrschende Moment 
eines Falles, so sind die entscheidenden Gesetze die am Ort der 
vollendeten Handlung (des ein- oder zweiseitigen Geschäfts, des De- 
likts u. s. w.) geltenden (statuta mixta). 

Und das Fazit dieser summarischen Skizziruug der 
Rechtsgeschichte des interniationalen Privatrechts ist die- 
ses. Es müssen grosse historische Perioden scharf auseinander gehal- 
ten werden: 

1 ) Die Zeit des römischen Rechts ( Personal itätssystem). 

2) Die Zeit der Volksrechte (Racenrecht ). 

3) Die Zeit der Feudalität (l'erritorialitätsrecht). 

4) Die von Bartokis gegriindete italienische Theorie. 

5) Die ^anzösische Theorie des 16. Jahrhunderts. 

6) Die niederländische Theorie des 17. Jahrhunderts. 

7) Die französische Theorie des 18. Jahrhunderts. 

8) Die Statutentheorie des* 19. Jahrhunderts. 

Jede dieser Perioden muss im Einzelnen durchforscht werden, 
und es hedarf einer genauen Analyse der Schriften der hauptsächlichen 
Vertreter. Zu diesem Zwecke müssen die Erörterungen derselben 
zugänglicher gemacht werden: denn es ist schon eine ausserordentlich 
komplizirte Arbeit, die Schriften der alten Juristen nur zu sam- 
meln * ). 

Mit den Ausfuhr ungen von Thibaut und Kierulff hat unser 
kurzer historischer Abriss harmonisch und friedfertig abgeschlossen. £s 
ist eine bekannte That^ache, dass diese Statutentheorie, welche die 
beiden Juristen als in der Praxis fest begründet ansahen, von zwei 
hervorragenden Männern gründlich bekämpi^ worden ist : von Wä4^iier 
und Savigny. Niemand mehr glaubt an die Richtigkeit jenes Dogmas^ 
neue Prinzipien sind auferstanden und neue Foimeln wurden in deu 
Vordergrund gestellt. Jene Harmonie und jener Frieden sind gänz- 
lich gestört. Wir stehen mitten im blutigen Kampfe um grosse 
Prinzipien. 

VII. 

Welches sind diese neuen Prinzipien? Zunächst wurden neue 
Formeln aufgebracht , denen aber ein wirklich neuer Geist fehlte, 
die aber doch einen Fortschritt bedeuteten. 



*) Ich gedenke, später einzelne hervorragende Arbeiten früherer Ju- 
risten über internationales Privatrecht abdrucken zu lassen. Es wäre sehr 
zu wünschen, dass französische Kollegen die Werke ihrer bedeutenden In- 
ternationalisten der frühern Jahrhunderte neu auflegen würden. 



Die Doetrin des internationalen Prlvatreclits. l5l 

Ich erinnere namentlich an Schaffner, der als leitendes Prinzip den 
Satz an&tellte*): 

Jedes Rechtsverhältniss ist nach den Gesetzen desjenigen Ortes zn 
beurtheilen, wo es existent geworden. 

Ich verweise anf den Standpunkt der jura quaesita, den Eichhorn 
Y^rtheidigte **) nud auf denjenigen des unbeschränkten Territorialitftts- 
prinzips ***). 

Der neue Geist zeigt sich erst in den Theorien von Wächter, 
Thal und Scmgny, Zwar ruht die hauptsächliche Bedeutung der Er- 
örterung WäcMers im kritischen Theile und Wächter hatte wohl sel- 
ber das deutliche Greftlhl, dass seine Formeln sehr fragwürdig seien^ 
sagt er doch^ dass er „sehr schüchtern^ seine positiven Ansichten 
mittheile f ). 

1) Der leitende Grundsatz soll sein: Der Richter hat darauf zu sehen, 
ob nicht das positive Recht seines Landes eine ausdrückliche Ent> 
Scheidung der Frage enthalte. Dieses Recht ist dann anzuwenden 
(Civ. A. 24 S. 239/40 und 261). 

2) Wenn keine ausreichenden Satzungen vorliegen, hat der Richter zu- 
nächst im Sinne und Geiste derjenigen besonderen in seinem 
Lande geltenden Gesetze, welche das vor ihn gebrachte Verhältniss 
an sich zum Gegenstand haben, zu suchen ff) (Civ. A. 24 S. 261/2). 

3) Wenn ans Richtung, Sinn imd Geist des betreffenden besonderen 
Gesetzes eine Entscheidung über die Frage sich nicht mit Be- 
stimmtheit entnehmen lässt, so hat der Richter im Zweifel das 
Recht seines Landes in Anwendung zu bringen (Civ. A. 24 S. 265). 

Dies sind die drei Sätze von Wächter, welche nach meiner Ueber- 
zeugung viel Unheil angestiftet haben und immer noch anstiften ff f). 
Tköl glaubte die Au%abe des internationalen Privatrechts sei die, zu 
untersuchen ff ff ) : 

wie die möglicherweise anwendbaren Gesetze in ihrem Willen sich 
zu einander verhalten, wie weit sie sich gegenseitig nachgeben 
wollen. 

Savigny ist es, der dann eine wirklich neue imd zugleich tiefe 



*) Schaffner, Entwicklung des internationalen Privatrechts (Frankfurt 
1841) S. 40. Vgl. darüber Saijigny, System VIII S. 131/2, und o. Bar I, 
S. 68. 

**) Eichhom, Deutsches Privatrecht | 34—38. Vgl darüber Wächter, 
Civ. Archiv 25 S. 1, und Savigny a. a. 0. S. 132. 

***) PüUer, Das praktische europäische Fremdenrecht (Leipzig 1845) 
S. 5, 35, 69, 80, 81. Siehe aber die treffliche Bemerkung von Laurent II 
Nr. 68: Je viens de le conetater eher Fütter, rialiate plus outri que 
d^Argentri, 

t) Wächter im Civ. Archiv 24 S. 235. 

-fi-) Dieser elastische Satz kehrt wieder bei v. Wyae, Zeischrift für 
schweizerisches Recht II S. 37. 

ttt) Gegen Wächter siehe Ron im Civ. Archiv 27 S. 309—338 und 
Laurent U Nr. 68, V Nr. 2. 
tttt) Thöl, Einleitung in das deutsche Privatrecht (Göttingen 1851) S. 175. 
Im Handelsrecht I § 17 sagt der grosse Dogmatiker kurz: Der Richter hat 
zunächst seine Gesetze anzuwenden. 
Zeitschrift t intern. Privat- u. Strafrecht etc., Band I. W 



152 ProfeBSor Dr. P. Meili in Zürich. 

Formulinmg auffand*). Seine Theorie kann folgendermassen kurz 

zusammengefasst werden: 

L Bei jedem Rechtsverhältnisse muss dasjenige Rechtsgebiet aufge- 
sucht werden, welchem dieses Rechtsverhältniss seiner eigenthflm- 
lichen Natur nach angehört oder unterworfen ist, worin dasselbe 
seinen Sitz hat (Vin S. 28 und 108). Dieser Sitz liegt: 

1) im Domizil (Status, Erbrecht), 

2) in der Lage der unbeweglichen Sachen, 

3) im Erfüllungsorte (Obligationenrecht). 

II. Gesetze von streng positiver zwingender Natur (VIII S. 34—37; 
160—162) sind unbedingt im internen Staate anzuwenden. Fremde 
Rechtsinstitute, die im internen Staate nicht anerkannt sind (VIII 
S. 37/8, 163), können bei uns nicht geltend gemacht werden. 

Savigny war der Todtengräber der Statuteneintheilung. 

Die Lehre des grossen Juristen hatte einen ausserordeadichen 
IViumph davon getragen. Die Germanisten**) und Pandektisten***) 
leisteten ihr Heeresfolge und aus den Urtheilen des deutschen Reichs- 
gerichts ergibt sich, wie sehr sie auch heute noch accreditirt ist. Frei- 
lich fehlt es auch nicht an Stimmen, welche gewissennassen die Ver- 
zweiflung der Doctrin repräsentiren. Schon Schioeppe hatte die 
Bemerkung gemacht, es lassen sich in dieser Materie scharfe überall 
anwendbare Grundsätze Über das Verhältniss der verschiedenen Gesetze 
nicht geben f ) und damit stimmt auch Thöl ff). Diese Stimmen mehren 
sich in der modernen Zeit. 

So sagt Brinx, die Formel Scmgntfs komme vom Territorial- 
gedanken auch nicht los und sie falle der Unsicherheit der Bartolini- 
schen Regel in Gestalt der Ausnahmen anheim. Oder dann mache sie 
alle Gesetzbücher und Statuten der Welt zum Appendix unseres Land- 
rechts oder sie schaffe in dem ,.Sitz^ ein unlösbares oder ein nur 
willkürlich lösbares Problem, weil die Eechtsverhältnisse keinen Sits 
haben oder wie die Obligationen auf zwei Stühlen sitzen. Uebrigens 
meint Brinx, „der Schlüssel zur Lösung liege in dem Namen, den man dem 
gesuchten Rechte instinktiv oder kurz abfertigend wie Puchta gegeben 
hat^' : das Völkerrecht habe gewisse allgemeine Normen geschaffte und 



*) SafHgny^ System des römischen Rechts VIII S. 121 ff. 
**) Vgl Bluntschli, Deutsches Privatrecht I § 11; v. Roth, Bairisches 
Civilrecht, 2. Aufl. I S. 156; Derselbe, Deutsches Privatrecht §51; v. Oer- 
her, Deutsches Privatrecht § 32 ; Walter, System § 51, der freilich bemerkte, 
diese Theorie »passe auch nicht überall". — Auch Ünger, System des (taterr. 
allg. Privatrechts, 4. Aufl. (1876) I S. 162, nahm die Lehre auf, neuestena 
noch BarazeUi, Einführung in das französische Civilrecht (1889) S. 160. 
ferner Despagnet (1. Aufl.) Nr. 109, v. Martene-Lio, Droit international U 
§68. — Andere Formeln schlugen Bomemann, Erörterungen im Gebiete 
des preussischen Rechts (Berlin 1855) 1. H. S. 70/1, und Böhiau, Mecklen- 
burgisches Landrecht (1871) I S. 430. vor. 
*^*) Vgl. z. B. Windseheid, Pandekten § 34. 
t) Schweppe, Römisches Privatrecht, 4. Ausgabe (1828) I § 20a. 
tt) ^äl, Einleitung § 76 (S. 175). 



IMe Doctrin des internationalen Privatrechts. 153 

schaffe deren weitere*). Trügerisch nennt Dembwrg das Prinzip von 
Savignyi „Alle Yersnche, ans einem einzigen abstrakten Prinzipe 
heraus die sich hier ergebenden Schvierigkeiten zu lösen ^ sind von 
Yomhereia zur Unfruchtbarkeit verurtheilt. Sie erfüllen ihren Zweck^ 
der Praxis eine sichere Handhabe zu geben ^ nur scheinbar^ **). Das 
von Savigny verwendete Bild diene zur Klarstellung der Grundsätze 
nicht ***). Hartmann geht so weit, die Formel von Savigny über den 
Sitz der Obligationen als „eine viel verbreitete dunkle und my- 
stische Vorstellungs weise'' zu bezeichnen f) und Franken klagt 
darüber^ dass die Doctrin sich bis anhin vergeblich bemüht habe, lei- 
tende Sätze au£sustellen f f ). 

In dieser bedenklichen Situation scheint ein neues Prinzip mit 
den Gefühlen der Dankbarkeit angenommen werden zu müssen. In 
dör That hat die neue italienische Doctrin des 19. Jahr- 
hunderts Sätze aufgestellt; welche unter dem Namen des Nationa- 
litStsprinzips einen ausserordentlichen Einfluss auf unsere Doctrin 
ausgeübt haben. Als Mancmi zur Eröffnung des für ihn begründeten 
Lehrstuhls (1851) eine Rede hielt, entwickelte er voller Begeisterung 
den Gedanken, dass die Nationalität die Grundlage des internationalen 
Rechts sein müsse ff f). Dieser Gedanke war nicht neu, denn Mailher 
de Chassat hatte schon 1845 betont, dass der in Frankreich sich auf- 
haltende Fremde in vielen persönlichen Fragen, z. B. bezüglich seiner 
legitimen oder illegitimen Abstammung, bez. der Adoption, des Zi- 
vilstands „conformiment aux lots de sa pairie^ behandelt werden 
müsse tttt), iJlein er geräth dann mit seinen eigenen Ausführungen in 
unlösbare aber von ihm nicht bemerkte Widersprüche §). Eine neue 
tiefe und logische Begründung der lex patriae oder der lex originis 
erhielt das internationale Privatrecht erst durch Mandni und seine 
Nachfolger §§). Es lassen sich darin drei Hauptgesichtspunkte heraus- 
heben. 



*) Bn'nir, Pandekten 2. Aufl. I § 23. 
**) Dertiburg, Prenssisches Privatrecht I § 26. 
*) Demburg, Pandekten 2. Aufl. I § 45 Note 6. 
t) Hartmann, Internationale Geldschulden S. 33. 
tt) Franken, Lehrbuch des deutschen Privatrechts S. 55. Vgl. auch En- 
demannj Das deutsche Handelsrecht (3. Aufl.) S. 44. 

ttt) Mancini, Diritto intemazionale , Neapel 1873. Vgl, auch Revue de 
droit Internat. YU S. 329, 348. 

tttt) Mailher de Chassat, Traiti des Statuts ou droit international privi 
(1845) S. 217, 225/6, 208. 

§) Mailher de Chassat a. a. 0. S. 332/3, 335, 349/50, 358, 359. So sagt 
er (S. 324) : tfivre dans un pays c^est se soumettre en tous sens ä sa souve- 
raineti und femer (S. 325): le juge frangais ne sera jamais dans V Obliga- 
tion expresse d^appliquer la loi itranghre, 

§§) Vgl. JEsperson^ H prindpio di nazionalitä applicato aUe relazioni 
civüi intemasionali (1868). Derselbe im Journal du droit international VII 
329, Vni 206; LomimacOy Trattato di diritto eivile intemazionale (Neapel 
1874) S. 42ff.; Catellani, H diritto intemazionale UI Nr. 877. 

11* 



154 Professor Dr. F. MeiU in Zflrich. 

1 ) Im mtemationalen Leben soll das nationale Recht als Gnind- 
läge gelten ; soweit es sich mn Fragen handelt^ die mit den 
spezifisch nationalen Anschauungen zusammenhängen. Manemi 
unterscheidet einen Komplex von Elementen *), aus welchen sich 
die eigentliche Natur eines jeden Volkes zusanmiensetze, und er 
konstruirt daraus f^la propria natura di ciascun popolo per si di- 
stinto^, 

2) Immerhin wird anerkannt, dass Vorschriften und Verbote, welche 
für die soziale Wohlfahrt des betreffenden internen Staats ab 
noth wendig erachtet werden, auch auf Fremde angewendet wer- 
den müssen. 

3) £iu breiter Spielraum wird der Disposition der Parteien über- 
lassen und bemerkt, es sei anzunehmen^ dass die Angehörigen 
gleicher Staaten sich präsumtiv ihrem nationalen Rechte unter- 
werfen wollen. 

Das Nationalitätsprinzip hat ein eigenthümliches Schicksal. Lau- 
rent trat dafür mit wahrer Begeisterung ein **), Asser sprach sich da- 
für aus ***), Weiss ebenfalls unter der Bezeichnung der Personalität j\ 
selbst das deutsche Reichsgericht huldigte ihm ff) und das italienische 
Gesetzbuch (1865/6) nahm seine Sätze auf fft). Auch der 18. deutsche 

Jaristentag fasste eine Resolution zu Gunsten dieses Prinzips: 

In den die Rechts- und Handlungsfähigkeit, ferner die familienrecht- 
lichen und erbrechtlichen Verhältnisse betreffenden Kollisionsfallen 
des internationalen Privatrechts ist als Regel der Grundsatz aufzu- 
stellen, dass das Recht des Wohnsitzes durch das vermöge der Staats- 
angehörigkeit eintretende Recht zu ersetzen sei. 
Aber es fehlt auch nicht an Stimmen, welche das Nationalitäts- 



^ Besonders bedeutend ist nach Mancini das geographische Element, 
das Racenelement, das Sprachelement, die religiösen Anschauungen, soziale 
Einrichtungen , Geschichte , Tradition , das Gewissen der Nation {Mancini 
a. a. 0. S. 27—35^. 

**) Laurent I Nr. 427 sagt darüber unter Anderem : Si les lots d'Hat 
sont personelles^ c'esi parce qu'elles sont le produit de ces mille et une 
circonstances physiques, intellectueUes et marales^ qui constituent la natio^ 
tialiti: elles sont personnelles parce qü'eJles sont nationales \ elles doivaU 
par consiquent suivre la personne partout parce qu^elle porte sa natüma- 
liti avec eile; des lots nationales on peut dire tout ce que les anciens 
juristes disaient des Statuts personnels : elles tiennent plusqu^ä nos os, eUes 
circulent dans nos veines avec notre sang puisque nous recevons notre na- 
tionaliti avec le sang que nos parents nous transmettent. 

*•») Asser-Cohn S. 28. 
t) Weiss, 2. Aufl. S.241. 

tt) R.G. Oivs. IX, 408: „Man bemerkt eine allmälige Gravitation nach 
der hohem Schätzung der Bedeutung des in der Staatsangehörigkeit lie- 
genden idealen Bandes.** 

ttt) Vgl. meine Broschüre: Die Kodifikation des internationalen IQvil- 
u. Handelsrechts S. 29—32. Dortselbst S. 77 habe ich auch den Gesetses- 
vorschlag von Mowmsen abdrucken lassen, der das Nationalitatsprinzip 
ebenfalls anerkennt. 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 155 

prinzip bekämpfen und welche vor der allzugrossen Flügelweite der 
neueu italienischen Doctrin warnen *\ Besonders beachtenswerth ist 
die eingehende Kritik von Leo Strisower **). Unzweifelhaft 
stellt die neue italienische Doctrin des 19. Jahrhunderts 
die Sturm- und Drangperiode unserer Wissenschaft dar: 
sie ist das Gegenbild des grossen Argentraeus, Allein nach 
meiner Ueberzeugung enthält sie trotz allen Uebertreibungen einen 
richtigen Kern; denn es kann nicht bestritten werden, dass in der 
That einzelne Rechtsinstitute und Kechtsnormen mit dem nationalen 
Staate besonders intim zusammenhängen in einer Weise, dass dieselben 
auch auf der grossen Bildfläche des internationalen Rechtsbodens ge- 
schützt werden müssen. 

Wie sehr wir aber auch in der Neuzeit von einer Einstimmigkeit 
in dieser Frage entfernt sind, zeigt sich bei jeder einzelnen Streitig- 
keity hänge sie mit dem Personen-, Familien-, Sachen-, Obligationen- 
oder Erbrecht zusammen. Es ist also wahr, dass die Doctrin 
zerklüftet dasteht. Und wer es nicht glaubt, mag es aus einer kurzen 
Analyse der obligationenrechtlichen Prinzipien entnehmen. Ich i\ihre 
dieses Beispiel an, um kasuistisch zu zeigen, wie sehr wir verpflichtet 
sind, die aus dem internationalen Bechtsleben entstehenden Streitigkeiten 
einer ernsthaften gesetzlichen Lösung entgegenzufUhren. Im Allgemeinen 
wird anerkannt, dass die Kontrahenten auf dem obligationenrechtlichen 
Yertragsgebiete das Wesen und die Rechtsfolgen der Forderungsrechte***) 
ordnen können so wie sie wollen, soweit dadurch die öffentliche 
Rechtsordnung nicht gestört wird. Wenn aber die Parteien nichts 
sagen und uns die Umstände im Stiche lassen, nach welchem Rechte 
richten sich dann die Verbindlichkeiten? Zur Lösung der Konflikte 
wird bei den Vertragsobligationen vorgeschlagen: 

1) Die lex fori. Damit stimmt z.B. das Gesetzbuch des Kantons 
Graubtinden (1862) f). 



*) Vgl. Ässer-Rivier, EUments de droit intemcUtonal prive S 24 Note 1 ; 
Fusinato im Archivio juridico XXXIII S. 520—613 und dessen Introdu- 
zürne II § 97 ; Brusa, Noten zu Casanova^ Del diritto intemazionale I. Bd. 
CCCI ff. n. II. Bd. S. 353, besonders S. 363—366 ; v, Gerber, Deutsches Privat- 
recht § 32 Note 8, der kurz bemerkt, die Staatsangehörigkeit sei oft von 
geringerem Einflüsse för die persönlichen Verhältnisse als das vieljährige 
anseerhalb des Heimathsstaats gewählte Domizil, ferner v. Bar I S. 92 u. 
lievLi^iennJosephusJitta, La mithode du droit international prive (1890) S.137ff., 
376 u. 377. 

*♦) Abgedruckt in der Oesterreichischen Gerichtshalle 1881 Nr. 21—26. 
***) Zum Verständnisse der früheren literarischen Arbeiten u. des ita- 
lienischen Gesetzes ist zu betonen, dass mit den J^ormalitSs intrinshqiMs^ 
die Regeln über die Gültigkeit und Wirkung der Verträge verstanden werden 
(im Gegensatz zu den ^ormalitis eactrinsequee"^). Vgl. z. B. Boullenoie II, 
S. 445—538. 

t) Vgl. meine Broschtlre, Die Kodifikation des internationalen Zivil- u. 
Handelsrechts S. 59. Das schweizerische Obligationenrecht enthält keine 
EOBammenfassenden Regeln über unsere Materie, allein soweit der Bereich 



156 



Professor Dr. F. Meili in Zürich. 



2) Die lex loci contractus also das Recht des OrtS; wo die Obligation 
entstanden ist. Diese Theorie gilt namentlich in Frankreich^ wo- 
selbst früher Art. 1159 Code dvil dafür angerufen wurde fce qui est 
ambigu s'interprete par ce qm est d'usage dans le pays oü le conn 
trai est pasai). Auch in der englisch -amerikanischen Theorie 
wird die lex loci contractus (neben dem Erfüllungsort) vielfach 
in den Vordergrund gestellt. 

Ich verweise auch auf das Gresetzbuch des Kantons Aargau 
(§ 11), Solothum (Art. 6) und Luzem (Art. 26—27) *), femer 
auf das preussische Landrecht I 5 § 256 u. 257. 

3) Das Becht des Orts, an welchem die Obligation erfüllt 
werden soll. Die Lehre von Savigny ist zwar von WindsckM 
angefochten, aber vielfach wurde sie auch unterstützt **). 

Diese Theorie ist in§ 11 des sächsischen Gresetzbuchs adoptirt 
worden. 

4) Das Becht, das am Domizil des Gläubigers gilt. Vgl. 
z. B. Art. 84 des Schweiz. Obligat.B. 

5) Das Becht, das am Wohnorte des Schuldners gilt, v, Bar 
vertritt diese Ansicht ***), freilich mit einzelnen Vorbehalten 
und der Anerkennung, dass es besser sein dürfte, kein durch- 
greifendes Prinzip aufzustellen f ). 

6) es sei zu unterscheiden: 

a) de his qtuze oriunh^ secundu/m ipsius contractus naiuram tem- 
pore contractus, 

b) atU de his qvae ori%mtur ex post facto propter negUgenOam 
vel mora/m. 

Diese Ansicht ist die von Bartolus. 

7) es sei zu unterscheiden zwischen: 

a) effeis de eontrats, 

b) suites oder suites accidenteües. 

Foelix ist der Vertheidiger dieser Unterscheidung ft)« 

8) es sei zu unterscheiden zwischen: 

a) dem vinculum juris d. h. den Erfordernissen für die GKdtig- 
keit, den Inhalt und Umfang der Obligationen. Hier gelte 
die lex loci contractus, 



des Obligationenreohts geht, sind die kantonalen Normen aufgehoben. 
Indessen kann uns dies nicht hindern, die betreffenden Bestimmungen auch 
weiter zur Vergleichung heranzuziehen. 

*\ Vgl. meine erwähnte Broschüre S. 68, 66, 65. 

**) Z. B. von Förster-Eeciusj Theorie u. Praxis des heutigen gemeinen 
preuBsischen Privatrechts 4. Aufl. I S. 63, v. Wyss, Zeitschr. für Schweiz. B. 
il S. 90—96, obwohl er auch für das Becht des Wohnorts des Schuldners 
angerufen werden kann. 
**►) V. Bar U 8. 3, 17. 



t) V Bar II 8. 19, 23, 24, 25. 



tt) FoeUx, Droit international privi 1 8. 231. 



Die Doctrin des internationalen Priyatrechts. 157 

b) onus colwentwms d. h. Allem^ was die Ausführung der ohli- 
gestio betrefPe nnd hier komme dasjenige Greseta zur An wen- 
düng; das am Orte dieser Ausführung gelte. 

Der Urheber dieser Theorie ist PcLsquale Fiore*), 
9) es komme die lex patriae zur Anwendung wenigstens dann, 
wenn die Ang^Örigen der gleichen Nation im Auslande ein ob- 
ligationenrechtliches Rechtsgeschäft abschliessen. Vgl. Italieni- 
sdiesGresetz Art. 9 **) und Art. 14 i. f. des Entwurfes Laurent***). 
10) es sei, wenn man überhaupt eine Formel aufstellen wolle, fol- 

gendermaseen zu sagen: 
Inwieweit vertragsmässige Verpflichtungen nach ausländischem Recht 
zu beurtheilen sind, ist nach der Natur der Sache und mit Rück- 
sicht auf die von den Parteien ausdrücklich oder stillschweigend 
vorgesehene Art und Weise der Erledigning des Vertrags zu be- 
urtheilen. Inwieweit hiemach weder die Gesetze des Vertrags- 
schlusses noch die Gesetze des Orts der Erfüllung zur Anwendung 
kommen, entscheidet für Jeden der Kontrahenten das Gesetz seines 
Wohnorts und insoweit das an sich massgebende Gesetz zwingende 
Bestimmungen nicht entgegenstellt, können die Parteien auch einem 
beliebigen andern Rechte ausdrücklich oder stillschweigend sich 
unterwerfen. 

Diese Formel, die ich nicht als praktisch bezeichnen kann, 
rührt von v. Bar her f ). 
Die obligationenrechtlichen Verhältnisse thun allein schon die 
tiefe Spaltung unserer Doctrin dar und ich habe nicht nöthig, weiter 
KU beweisen, dass auch in den anderen Gebieten, z. B. des Eherechtes, 
der Ehescheidung, des Erbrechts u. s. w., die gleiche Uneinigkeit 
herrscht tf), — der Fall Bauffremont-Bibesco ist eine jener causes celebres, 
-welche die Augen zu öffiien im Falle sind. Es muss also energisch 
nach einem Heilmittel gesucht werden, — es müsste denn sein, dass 
die Doctrin wirklich an einer bleibenden Lösung verzweifeln wollte. 

vm. 

Wo liegt dieses Heilmittel? Wie ist die Doctrin des inter- 
nationalen Priyatrechts ernsthaft zu fordern? Mir scheint, Zweier- 
lei müsse ernsthaft betont werden: 

1) es sei nunmehr mit den allgemeinen Deklamationen und Dekla- 
rationen grosser Prinzipien au&uräumen und vielmehr an 
das Detail heranzutreten. 

2) Das Verhältnbs des internen Rechts zu dem auswärtigen 



*) Vgl. Pasquäle Fiore, Elementi di diriUo inUmaeionale private 
3. Aufl. S. 348. 

**) Meine Broschüre S. 30/1. 
*») Ebenda S. 19. 
^\ M Ri««* TT S 30 

tt) Vgl. auch F. Kahn in Ihering's Jahrbüchern N. F. XVIH S. 57—97 
u 97—100. Dieser Autor will unterscheiden: 1) ausdrückliche Gesetzes- 
kolliaionen S. 7, 2) Kollisionen der Anknüpfnngsbegriffe S. 56 und 3) latente 
Geeetzeskollisionen S. 107. 



158 Ptofessor Dr. F. Meili in Zürich. 

sei genauer zu fixiren und der beschrXnkte bisherige Stand- 
punkt aufzugeben. 

1. 
Nachdem das römische Recht in seiner Greltung durch Ccnäumes 
und Statuten verdrängt worden war^ verschwand auch der universale 
Blick: an die Stelle der kosmopolitischen Jurisprudenz trat die terri- 
toriale oder partikuläre. Die Juristen haben sich freilich abgemUht, 
Formeln und Lösungen zu finden. Allein es ist und bleibt unrichtig: 

1) die Rechtsnormen nach der Statuteneintheilung zu klassifiziren 
und zu meinen , dass mit dieser juristischen Katalogisirung das 
auf internationale Streitigkeiten anwendbare Recht implieUe ge- 
funden sei; 

2) das einheimische Recht einfach und brutal auf alle stsbdüi an- 
zuwenden *), 

3) allgemeine Wendungen zu fixiren^ wie sie z. B. Wächter ange- 
stellt hat. Im praktischen Leben kann damit nichts angefangen 
werden und re vera enthalten sie eine Verweisung auf die lex fori. 

Auch ist die Formel von Savigny, wonach der Sitz des Rechts- 
verhältnisses aufzusuchen sei, im Grunde in der That keine Lösung, 
weil auch nach dem Aufdecken des Sitzes in der Regel keine positive 
Norm vorhanden ist, welche für derartige intemationalrechtliche Ver- 
hältnisse geschaffen wäre. Das Prinzip von Savigny zeichnet desw^en 
nur das grosse Problem**). 

Die wahre Aufgabe der Doctrin kann, wie R, v. Mohl wenigstens 
angedeutet hat ***) nur darin bestehen: 

1) für die internationalen Rechtsbeziehungen der heu- 
tigen Zeit diejenigen Normen neu aufzufinden, welche 
auf die Thatbestände dieser Beziehungen am rationell- 
sten anwendbar sind. Die verschiedenen Nationen sollen in 
ihren Beziehungen zu einander nicht blos mit Soldaten und 
Waffen gerüstet sein, sondern auch mit positiven Normen: „t«/ 
utrumuiue temjnis et beUorum et paeis rede possit gubemari^. 

2) Die mangelhaften positiven Gesetze zu prüfen und 
bessere vorzubereiten, sei es: 



*) Hugo OroUus, De jure belli ac pacis 1. II c. XI, V Nr. 2 : Quare 
eHamsi peregrinus cum cive paciacatur^ tenebitur Ulis legibus: quia qui in 
loco alig^uo contrahit, tamquam subditus temporarius legibus 
loci subjieitur. Auf diesem Standpunkt steht wieder Art. 10 des schwei- 
zerischen Gesetzes, betreffend die persönliche Handlunffsf&higkeit. So be- 
schränkt territorial war nicht einmal Argen^Mus, der doch die superioritas 
territorialis zu handhaben verstand. 

**) Vgl. auch Jos^hus Jitta a. a. 0. S. 116—119 u. F, Kahn a. a, 0. 
S. 111: Das geflügelte Wort von Savigny ist nur eine Formulirun g der 
Frage, nicht eine Antwort oder Lösung, ... das Problem des internatio- 
nalen Privatrechts selbst 

♦*►) R, V. Mohl, Staatsrecht, Politik, Völkeirecht I S. ö86, 



Die Doctrin des internationalen Privatrechts. 159 

a) dass die interne Gresetzgebung beeinflnsst wird^ 

b) dass der Erlass von Staatsvert ragen befordert wird^ 

c) dass internationale Konferenzen {y^coUoqma^^ angeregt 
und ausgeführt werden^ welche die Ausarbeitung posi- 
tiver Privatrechtssätze für das internationale Le- 
ben Yomehmen. 

Gewiss ist es nicht richtig, wenn Brinx behauptet, dass ein inter- 
nationales Privatrecht überhaupt nicht bestehe *). Wir haben ja in 
den internen Gesetzgebungen positive Normen des internationalen 
Privatrechts. Dagegen darin hat Brinz recht, wenn er damit hat 
sagen wollen, dass wir noch kein rationelles internationales Privat- 
recht besitzen. Zweifellos nützt es nichts, allgemeine Grundsätze 
zu statuiren, sondern: 

1) es ist das Detail der Rechtsfragen ganz so an die Hand 
zu nehmen, wie wenn es sich um das interne Recht 
handeln würde. Die Ordnung der rechtlichen Fragen, welche 
mit dem internationalen Leben zusammenhängen, können gar 
nicht in grossen Zügen oder nach einzelnen wenigen 
dogmatischen Sätzen geordnet werden. Jedes Rechtsverhält- 
niss ist für sich allein zu analysiren**): warum soll es auf 
dem internationalen Boden anders sein als auf dem nationalen? 

2) Die Aufgabe muss auf dasjenige Gebiet beschränkt 
werden, an welchem die zivilisirten Nationen gleich- 
massig interessirt sind und in welchem politische Ge- 
sichtspunkte keine Rolle spielen: auf das Zivil- und 
Handelsrecht. 

Welcher Weg ist nun der praktische? Ich meine, es sei klar, dass die 
Regelung des internationalen Zivil- und Handelsrechts (oder einzelner Theile 
dieser Materie) am richtigsten auf dem internationalen Boden an die 
Hand genommen werde. Es gibt Au%aben, die, wie ich sagen möchte, nur 
von einer wissenschaftlichen Grossmacht gelöst werden können. Hier 
liegt aber ein internationales Tractandum vor und es kann 
deswegen zutreffend nicht auf einem beschränkten partiku- 
lären Rechtsboden erledigt werden. „Es ist allerdings denkbar, 
dass politische Grründe dazu führen können, eine gleichmässige 
Regelung dieser Materie in allen Kulturstaaten anzustreben^, — so 
schreibt C, BochoU, ein praktischer und literarisch sonst schon be- 
kannter Jurist (Senatspräsident des Oberlandesgerichts in Breslau), 
der sich die anerkennenswerthe Mühe genommen hat, statt der Be- 
quemlichkeit allgemeiner Ausstellungen Über den deutschen Zivilgesetzes- 
entwurf zu verfallen, ein in Paragraphen gefasstes Gegenprojekt aus- 



*) Brinz, Pandekten I § 23. 

**) Insofern möchte ich betonen, dass unsere Gesetzgebung und Doc- 
trin bei Batiolus in die Lehre gehen muss. 



160 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

zuarbeiten*). In jenem Satze von JRochoU steckt das Greheimniss der 
ganzen Lösnng, — die Priorität dieses Gedankens soll Boehoü unan- 
getastet verbleiben^ obwohl er diesen Ausweg nicht förmlich zu be- 
treten den Rath gibt**). Nach meiner Meinung sollte also 
eine internationale Staatenkommission ernannt werden^ die 
beauftragt würde^ das internationale Zivil- und Handelft- 
recht (mit Ausschluss aller andern Theile des internationalen Privat- 
rechts) zu Studiren und hernach einen Entwurf dazu auszu- 
arbeiten***). 

Es wird lange dauern^ bis diese internationale Kommission, wenn 
sie überhaupt ernannt wird, mit ihrer Arbeit fertig wird, — so ein- 
fach liegt eben das Thema nicht , di&ss es mit RochoU in einigen Pa- 
ragraphen erledigt werden könnte f). 

Das Deutsche Reich hat gerade jetzt ein gewisses In- 
teresse^ den Gedanken einer internationalen Kommission 
für die Ausarbeitung des internationlen Zivil- und Handels- 
rechts zu adoptiren. Darankann doch im Ernste nicht gedacht werden^ 
die positiven Satzungen des internationalen Zivilrechts , wie sie in den 
partikulären deutschen Gesetzbüchern niedergelegt sind, anlftsslich des 
Inkrafttretens des neuen deutschen Rechts zu konserviren. Dem neuen 
Gesetzbuch muss der ELarakter einer abschliessenden Kodifikation auf- 
gedrückt werden. Das neue Zivilgesetzbuch soll eine vaterländische 



*) C. BoehoUt Vorschläge zur Abänderung des Entwurfes eines deut- 
schen bürgerlichen Gesetzbuches (Breslau 1890). Erstes Buch. Allgemei- 
ner Theil. Vgl. speziell S. 4 u. Anm. 

**) Im Grunde spricht RochoU nur energisch dieAnsicht aus, dass das neue 
Zivilgesetzbuch eigentlich der Ort wäre, um die Materie zu ordnen: es ist 
in That und Wahrheit ein Nothsohrei ans der Praxis, um darzuthun, wie 
bedenklich es sein werde, wenn einstens nach der Annahme des neuen Ge- 
setzbuches alle partikulären Nonnen gemäss Art. 32 des EinfÜhrungs- 
gesetses aufgehoboi sein werden. BoehM meint, es fehle dann dem Richter 
„an jedem Anhalt zu einer Entscheidung**. 

***) Den ersten Gedanken einer internationalen Kommission äusserte 
A. de Domin-Petrußhevecjs, PrMs cPun Code du droit ifdemational S. 14. 
Seine Erörterungen sind sehr bemerkenswerth. Le moyen de riaUser une 
uniformiU plus grande et le moyen d^Sffectuer la rieeption tPun code comwmn 
du droit des gena (? est une eommission internationale gut, en faüaiU 
abstracUon des questions de la haute politique, tels que rintervenüon ou la 
non'intertfenHon, Viquüibre politique etc., chvrait Compiler des icriis et des 
Conventions innombrables ce que par Paveu presque unanime des auteurs et 
des gouvemements on peut consiairer rieüement comfne droit intematümsd 
commun; qui devraü tdcher de riunir pardes eoneessions ridproques les 
diffirends d?opinion eneore existants; p$i devrait enfin ridiger U tout dans la 
forme d'un code universel et articuU que tous les Hats adopteraient conven- 
tümellement et promulgeraient dans leurs territoires respecUfs. 

t) loh habe in meiner Broschüre die Kodifikation des internationalen 
Zivil- u. Handelsrechts S. 34 u. 35 die Vorschläge Rocholls mitgetbeilt Das 
Wörtchen „nur", der Ausdruck „Sitz** und die Bezeichnung ^zwingender 
Natur** sind charakteristisch. Boeholl hat freilich anerkannt (S. 4 Anm, zu 
§ 2 a), dass es sich bei ihm nnr um einen Yersnch handle. 



Die Doctrin des internationalen Priyatrechts. 161 

That ersten Bange sein^ die Einheit des deutschen Vaterlandes gegen 
Innen und g^en Aussen verkörpern und deswegen- lässt sich eine 
auch nur provisorische Anerkennung partikulärer Normen des preussischen 
LandrechtS; des sächsischen Gesetzbuchs, des bayerischen Kechts nicht 
rechtfertigen, zumal sie ja von ganz divergirenden Anschauungen 
ausgehen als getreue Spiegelbilder der verschiedenen historischen Zeitalter, 
denen sie entsprungen sind. Im Gregensatze zu RochoU würde ich es 
auch im höchsten Grade bedauern, wenn das Deutsche Reich jetzt 
einseitig für sich darauf übergehen würde, die grosse Materie des 
internationalen Zivilrechts im bürgerlichen Gesetzbuche zu ordnen. 
Der ^richtige Zeitpunkt^ ist jetzt da ^), um auf territoria- 
lem Boden sich nicht die Hände zu binden: von seiner freien 
Hand macht der deutsche Gesetzgeber jetzt den richtigen Gebrauch, 
wenn er von sich aus vorläufig nichts thut. Ja, wenn es in 
Deutschland möglich wäre, ,,in einfacher und klarer Weise^ die Be- 
gelang der Fragen vorzunehmen, dann allerdings wäre gar nicht ein- 
zusehen, warum der kommenden von RoehoU signalisirten Noth der 
Judikatur nicht sofort abgeholfen werden sollte. Allein es gibt keine Ma- 
terie, die so schwierig ist, wie das interationale Privatrecht, — darüber 
waren alle Juristen aller Zeiten stets einig***). Kein partikulärer 
Staat ist ftbr sich allein zu dieser Gesetzgebung berufen und wenn 
er noch so gross wäre. Die Philosophie hätte den Nachweis leisten 
sollen, dass weder das Bacenrecht, noch ein territoriales Becht den 
Ausgangspunkt unserer Doctrin darstellen darf und dass bei der Ord- 
nung des internationalen Bechts die grossen universalen Faktoren al- 
lein massgebend sein müssen. Anstatt dass wir uns an der terri- 
torialen Scholle festhalten, müssen wir uns auf die Bildfläche des inter- 
nationalen Weltgedankens stellen, wenn wir den hier auftauchenden 
Fragen gerecht werden wollen. 

Dies war denn auch der Weg, auf welchem die Staaten die bis- 
herigen Erfolge erreichten in der Ordnung des internationalen Bechts: 

1) betrefPend die Posten, Telegraphen und Telephone, 

2) „ die Eisenbahnen, 

3) yj das gewerbliche Eigenthum, 

4) „ das Autorrecht, 

5) „ den Schutz der internationalen Kabel. 



*) Boeholl meint, es sei jetzt der richtige Zeitpunkt, um fUi* Deutsch- 
land feste Normen aufzustellen, da der Gesetzgeber gerade jetzt die freieste 
Hand habe, um unbehindert von bestehenden Vorschriften in einfacher 
und klarer Weise die Materie in Arbeit zu nehmen. 

**) Vgl. z. B. J. VoSt ad Fandectas 1 tit. IV pars 11 Nr. 15: intricoHs- 
ainute ac prope inexpUcabües eontroversiae, Bouhier I S. 450; Fröland I 
p. 3, 8, 26. J. D. Bahn war einer der wenigen Glücklichen, die da glaub- 
ten, dass die Frage, nach welchen Landesgesetzen ein streitiges Bechts- 
yerh&ltniss beiurtheilt werden müsse, „in den meisten Fällen sich leicht 
entscheide'' (Zürcherische Monatsohronik ZI 1838 S. 327). 



162 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Ich habe früher schon auf diese und ähnliche Ergebnisse hin- 
gewiesen. 

Warum soll die gleiche Prozedur auf dem grossen Ge- 
biete des internationalen Zivil- und Handelsrechts nicht 
wenigstens Tfrsncht werden? 

Hier treten keine tiefliegenden Vorurtheile entgegen^ die mit den 
souveränen Staaten verknüpft wären ^ keine ernsthaften Reibungen in 
den politischen Auffassungen liegen hier in Sicht, es sind keine Vor- 
behalte und keine Kestriktionen nöthig, wonach gewisse Punkte von 
der Diskussion ausgeschlossen bleiben sollen. Die Materie ist streng 
sachlich begrenzt durch ein allen zivilisirten Staaten genau bekanntes 
Programm des Zivil- und Handelsrechts. 

Es handelt sich auch nicht um hochfliegende der Kealität der 
Dinge entrückte Fragen, denen die Aussichtslosigkeit der Lösung an 
der Stime geschrieben stünde: die Ordnung des täglichen Verkehrs 
zwischen den Angehörigen verschiedener Völker ist herbeizuführen. 
Das Zivil- und Handelsrecht ist, wenn ich so sagen darf, eine neu- 
trale Zone im Weltverkehre. 

Will die Sache praktisch und mit Aussicht auf Erfolg angegriffen 
werden y so müssen in jedem Staate mehrere hervorragende Juristen 
ernannt werden, die sich mit der Materie des internationalen Rechts 
eingehend befasst haben. Ohne das den Weltkongressen so häufig 
anhängende äusserliche Gepränge hätten hier einzelne Vorberathungen 
zu erfolgen Über die Ausgangspunkte, und es müsste dann eine Ver- 
theilung der speziellen Gebiete stattfinden, ganz ähnlich, wie wir dies 
anlässlich der in Deutschland projektirten Kodifikation des internen 
Zivilrechts gesehen haben. Allerdings müsste eine Art Speziallabora- 
torium für das internationale Recht errichtet werden, in welchem das 
ganze literarische Material gesammelt würde *). Die Mitglieder der 
Kommission wären auch von jeder weiteren Nebenarbeit gänzlich zu 
dispensiren. 

Dass auf diesem Wege ein positives und beachtenswer- 
thes Resultat erreicht werden könnte, ist für mich ausser 
Zweifel. Uebrigens wurde der Beweis hierfür schon geleistet durch 
die Ausarbeitung der fiüher erwähnten südamerikanischen Ver- 
tragsprojekte **). 

Die von mir vorgeschlagene Kommission würde in der Lage sein, auf 
dem eingezäunten Gebiete des internationalen Zivil- und Handelsrechts 
das elegante Wort Windscheids zur Wahrheit zu machen***): 

Die Staaten schliessen sich nicht eifersüchtig gegen einander ab, 
sondern erkennen sich gegenseitig als Mitarbeiter an der gemein- 



*) Bei dieser Arbeit könnten endlich auch die hervorragenden Resolu- 
tionen des Institut de droit international zur praktischen Geltung gelangen. 
**) Vgl. nunmehr die zitirte Broschüre: Die Kodifikation des internatio- 
nalen Zivil- n. Handelsrechts S. 91—138. 
Windscheidy Pandekten § 34. 



Die Doctrin des internatioDalen Privatrechts. 163 

satnen Arbeit des Meuschen^eechlechts und in dieser Arbeit als Glie- 
der einer höheren Gemeinschaft. 

Nun bin ich freilich nicht der Ansicht, dass es möglich sein 
werde, das vielgestaltige Rechtsleben auf dem internationalen Boden 
jemals in absolut scharfen Sätzen zu ordnen, auch wenn man sich 
dabei auf das dieser Behandlung so geeignete Zivil- und Handelsrecht 
beschränkt. Es sollten deswegen für bedeutende Streitfragen 
aus diesen Gebieten ständige internationale Appellations- 
gerichte errichtet werden für den Fall, als Angehörige 
neiirerer Staaten dabei bet heiligt sind^). 

2. 

Was das Yerhältniss des internationalen Privatrechts zu dem in- 
ternen Rechte anbetrifft, so scheint mir, es bestehen noch weitgehende 
Irrthümer. 

Man geht so vielfach davon aus, dass der einheimische Richter 
in der Anwendung des auswärtigen Rechts deswegen eine gebundene 
Marschroute habe, weil das Völkerrecht dabei engagirt sei oder die 
Souveränität des internen Staats in Frage komme**). In dieser Auf- 
fassung steckt nach meiner Ueberzeugung ein bedenklicker Fehler, der 
zu ganz unrichtigen Schlussfolgerungen geftlhrt hat. Und hier zeigt sich 
eben kasuistisch, wie die Vermischung des internationalen Zivilrechts 
mit allen andern Grebieten internationaler Rechtsbeziehungen (wie 
Völkerrecht, internationales Strafrecht und Prozessrecht) unter dem 
Sammelnamen ,, internationales Privatrecht "^ verderblich gewirkt hat 
und wirkt. Indem der interne Richter aigwärtiges Giril- oder laaileli- 
rrfht anwendet, begeht er nicht einen Eingriff in die interne 
Souveränität***): er wendet kraft seiner staatsrechtlichen 
Stellung als Diener des einheimischen Staats dasjenige Zi- 
vilrecht auf ein streitiges Rechtsverhältniss an, dem es 
nach seiner Ueberzengung unterworfen ist. Man streitet vielfach 
darüber, warum Überhaupt fremdes Recht im internen Staate ange- 
wendet wird. Savigny hat auf die internationale Rechtsgemeinschaft 
hingewiesen, — die convmimis hunumi generis sod&tas fand bei ihm 
eine neue Verwendung f). Unzweifelhaft ist dieser Gesichtspunkt 

*) Ich habe hierauf schon in meinen internationalen Unionen über das 
Recht der Weltverkehrsanstalten und des geistigen Eigenthums S. 68 hin- 
gewiesen. £in höchst interessanter Vorgang ist die Aufrichtung eines 
Appellations- und Kassationshofes fUr den Kongostaat in Brüssel. Vgl. 
üevue de droit international XXI S. 491—495. 

**) Vgl. JFV>e{M;a.a.O.IS.27. 31.33. Le principe de VappUcation des lois 
etranghres dans le territoire d^une nation appartient non au droit *privi 
mat« au droit des gena. Auch t;. Wyse sagte in der Zeitschrift für schwei- 
zerisches Recht II S. 37, die Kollisionslehre gehöre dem öffentlichen 
Rechte an. 

***) Anders liegt die Sache im internationalen Strafrecht u. Prozess- 
rechte. 

t) Savigny, System VIII S. 27. Vgl. auch I S. 33/4. QroHua spricht 
de jwre belli ctc paeie Froieg, 17 u. 23 von den jura magnae universita- 
tis^ Bourlamaquif Principe^ du droit naturel I S. 218 ff. u. 222 sagt: Vitat 



164 Professor Dr. F. Meili in Zttricb. 

durchschlagend; allein er bedarf doch einer genaueren Fassung. Unter 
keinen Umständen ist die comiias gentium als rechtliches Prinzip zn 
verwerthen. Seit die holländische Schule diese Argumentation auf- 
brachte; spielt sie überall noch eine Rolle sowohl in der französi- 
schen*) als in der englisch-amerikanischen**) als deutschen Litera- 
tur***). Aber Laurent hat auf die entschiedenste Weise erklärt, 
dass die comitas die Negation des Rechts sei^ und ich stimme ihm 
vollkommen bei f ). Es ist auch nicht richtig, wenn gesagt worden 
ist, die Staaten seien verpflichtet, sich gegenseitig Konzessionen 
zu machen, wiewohl beigefügt wurde, dieselben seien nicht als „Gimst- 
erweisungen" aufzufassen, sondern ergeben sich aus den Verpflich- 
tungen der Glieder der internationalen Rechtsgemeinschaft und es be- 
stehe daher für diese gegenseitig ein rechtlicher Anspruch auf sie ff). 
Gewiss kommt diese Konstruktion der Wahrheit ganz nahe, allein sie 
tritt doch unter einem schiefen Gesichtswinkel auf: sie lehnt sich an 
die Auffassung an, als ob die Berücksichtigung des fremden Rechts 
etwas Anormales sei, während sie sich auf die denkbar einfachste 
Weise erklärt, — sobald man nur das Zivilrecht im Auge hat. Wie 
so? Die Anwendung auswärtiger Zivilgesetze (oder fremden 
Grewohnheitsrechts) folgt aus dem Privatrechte selbst. Sobald 
ein auswärtiger Staat von dem einheimischen anerkannt ist, muss er 
als ein gleichberechtigtes staatsrechtliches Glied in der Völkergemein- 
schaft angesehen werden, — es entsteht dadurch eine Art Völker- 
rechtsindigenat f ff ). Daraus folg^ dass die Angehörigen dieser Staa- 
ten mit einander in rechtliche Beziehungen treten können ff ff)- 



nifiurel des Nations les unes ä VSgard des autres est un Hat de sociiti 
et de patx. Vor Savigny hat übrigens v, Kaltenbam, Kritik des Völker- 
rechts (1847) S. 258 ff., 261, den Gedanken der internationalen Rechtsge- 
meinschaft treffend entwickelt. Vgl. auch Despagnet a. a. 0. (1. Aufl.) 
Nr. 114 und Martern, Das Konsularwesen (1874) S. 5 ff. 
♦) Vgl. Foelix I S. 22 ff. 

**) Story a. a. 0. Nr. 35—38; Kent, Commentaries upon ameriean law 
12. Aufl. U S. 454 ff.; Phillimare a. a. 0. I S. 12/13; 213/4 u. IV S. 1 ff. 

***) Böhlau, Mecklenburgisches Landrecht I §72u.76; Stobhe, Deutsches 
Privatrecht 1 § 29 I. 

t) Laurent a. a. 0. I Nr. 402: la comite n^a rien de commun avee U 
droit, eile en est au contraire sa nigation. Vgl. auch W, B. Lawrence^ 
Commentaire sur les iUments du droit international deJS. WheatonUlS.59: 
Comment des questions de droit pourraient - elles etre rSsolues selon les 
vues de la politique qui est la chose du monde la pltis variable et la plus 
incertaine? Vgl. auch S. 67: il s'agit des prineipes de droit et le droit t^est 
pas une affaire de courtoisie. Ich verweise auch auf F. Kahn a. a. O. 
S. 129. 

tt) V. Bulmerincqy Das Völkerrecht oder das internationale Recht im 
Handbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart von Marquardaen I 2 
S 208 

ttt) Vgl. Stoerk in v. Holtzendorff's Handbuch des Völkerrechts II S. 588 
und 589. 
tttt) Das Völkerrecht spielt im internationalen Verkehre ganz die gleiche 



Die Boctrin des internationaleii Priyatrechta. 165 

Deswegen ist auf sie dasjeni^ Privatrecht anzuwenden^ das innerhalb 
dieser zwei (oder mehreren) Gebiete *) ftbr die Benrtheilong der Rechts- 
yerhttltaisse als das zutreffende oder adtfquate erscheint; denn es ist 
klar^ dass ftbr die Ordnung der privatrechtlichen Beziehungen die pas- 
sende Zivilrechtsnomi; sei sie einheimisch oder ausländisch^ 
gesucht werden muss. Allerdings wendet unser einheimischer Richter 
das fremde Recht nicht deswegen an, weil der fremde Staat einen Gre^ 
setzeebefehl erlttsst: jede Gresetzgebungshoheit findet an den geog^- 
phisehen Marksteinen des betreffenden Landes eine Schranke. Aber 
der einheimische Staat sagt zu seinem Richter: wende Du das 
richtige Privatrecht an. Und mit diesem Befehle ist das auswärtige 
Zivilrecht ganz ebenso gut gemeint, wie das einheimische, sofern der 
interne Gesetzgeber seinem Gesetze nicht speziell den Vorzug gibt. 
Alle Zivilgesetze der Welt stehen grindsäUlich gleich- 
werthig da und die lex fori htkt an sich nicht den mindesten 
priorittftischen Anspruch darauf, dass sie auf ein strei- 
tiges Rechtsverhältnis s angewendet werde, wenn nicht die 
Kompetenz des Gesetzes mit derjenigen des Gerichts zusammenfällt. 
Freilich geht der Pflicht des Richters, das auswärtige Zivilrecht ganz 
so zu berücksichtigen wie das einheimische, ein logisches Requisit 
voraus, das die Berührung mit dem Völkerrechte herstellt, allein darin 
li^ nur das Wiederspiel des internen Rechts. Bevor der einhei- 
mische Richter fremdes Zivilrecht anwenden kann, muss feststehen, 
dass der fremde Staat als völkerrechtliches Subjekt in der internatio- 
nalen Rechtsgemeinschaft anerkannt sei, — ähnlich wie im inter- 
nen Rechte ein Individuum erst dann rechtlich handeln kann, wenn 
es als Rechts Subjekt anerkannt ist. Aber wenn dies feststeht, so 
hängt die Anwendung des fremden Rechts so wenig vom Belieben des 
Richters ab, als der Richter sagen könnte, er wende das Recht nicht 
an: dem Richter ist vorgeschrieben, was er zu thun hat. Allerdings 
bedarf es darüber keiner weiteren Ausführung, dass er dem einhei- 
mischen Rechte zu gehorchen hat**), allein es ist zu beachten: 

1) dass über intemationalrechtliche Fragen die Gesetzgebung^! nur 
vereinzelte Bestimmungen getroffen haben, 

2) dass das interne Recht auf jene Verhältnisse häufig nicht passt. 



Rolle wie das Staatsrecht im internen: die Individuen erhalten in diesen 
Quellen die Anerkennung der Recbtsfahigkeit. Es wird ihnen gewisser- 
massen eine allgemeine juristische Legitimationskarte ausgestellt. 

'*') Ein und dasselbe Rechtsverhältniss kann ganz wohl verschiedenen 
Rechten zugleich nnterworfen sein. Auch deswegen passt die Bezeich* 
nuufc des Sitzes nicht. 

**) Aach F. Kahn betont dies in Ihering's Jahrbüchern N. F. XVin 
S. 54, allein darüber besteht nicht der mindeste Zweifel. Es kann nur die 
Frage jeweilen untersucht werden, ob die betreffende intemationalrecht- 
liche Norm des internen Staats einer Revision durch die Gesetzgebungs- 
Instanzen unterzogen werden solle. 



166 ProfeBBor Dr. F. Meili in Zürich. 

Deswegen ist eben mit dem Gedanken von Thöl nichts anzu- 
fangen ^ wonach in unserer Doctrin untersucht werden solle; wie die 
möglicherweise anwendbaren Gresetze in ihrem Willen sich zu einander 
verhalten*): an der Manifestation dieses Willens fehlt es ja in der 
Regel**). 

Der interne Richter ist also verpflichtet, /auswärtiges 
Zivilrecht anzuwenden dann, wenn es sich ergibt; dass das 
betreffende Rechtsverhältniss demselben unterworfen ist. 
Der Richter kann sich dieser Pflicht nicht beliebig entziehen: Rwier 
sagt ganz richtig, dass es sich dabei um eine y, Obligation juridique^ 
handle***). Dabei ist es eine Frage selbständiger Natur, ob der ein- 
heimische Richter den Parteien nicht vorschreiben solle, die Existenz 
und die Bedeutung der auswärtigen Rechtssätze zu beweisen: darüber 
muss im internationalen Zivilprozessrechte diskutirt werden. Mag es 
sich damit verhalten wie immer, so ist sicher, dass dadurch das aus- 
wärtige objektive Recht seinen Karakter nicht verliert und insbesondere 
nicht zu einer res facti heruntersinkt. Gegenüber jener Pflicht, auswärti- 
ges Recht anzuwenden, ist freilich die Antwort stets bereit, man könne 
unseren internen Richtern die Zumuthung nicht machen, französisches, 
englisch-amerikanisches, chinesisches Recht u. s. w. zur Anwendung 
zu bringen. W^enn aber ein privates Rechtsverhältniss diesen exotischen 
Gesetzgebungen unterstellt werden muss, so ist der Richter verpflich- 
tet, sie zu berücksichtigen und anzuwenden f), — die Frage, wie ihm 
das objektive Wissen und Yerständniss für jene Normen beigebracht 
werden muss, ist für sich ins Auge zu fassen, — gftuz so, wie jus 
und forvmi getrennt werden müssen. 

Unter diesen Umständen gibt es keinen verderblicheren und un- 
richtigeren Satz in der Doctrin des internationalen Zivilrechts als den, 
welchen WäckUr au%estellt hat, dass im Zweifel das einheimische 
Recht angewendet werden solle, — dieser Rath der Bequemlichkeit 
ist leider zu gründlich befolgt worden. Vermöge dieses juristischen 
Rezeptes werden ja die privatrechtlichen Rechtsverhältnisse u. U. voll- 
ständig denaturirt und es wird auf sie eine Norm angewendet, der 
sie niemals unterstellt werden müssten f f). 



*) Thöl, Einleitung § 76. 

**) Ich habe deswegen auch nie begreifen können, weswegen Broeher^ 
Caura de droit international privi I 25 sagt: le droit international privi 
peut Hre conaidiri comme itant la loi des lois. Etwa deswegen, weil die 
Gesetze entweder fehlen oder so lückenhaft sind? 

***) Asser-Bivier S. 30 Note 1. Auch Wharton, Conflict of laws 2 Aufl. 
I S. 1 Note 1 sagt: that a foreign law, tohen governing a case, is to be ae- 
cepted, not as a matter of comity, but as part of the case which it rules as 
a matter of right. 

t) Vgl. E. Schurter, Grundzüge des materiellen Beweisrechts in der 
schweizerischen Civilprozessgesetzgebung (Zürich 1890) S. 49. 

tt) Dies ist treffend auch von Qengler, Das deutsche Privatrecht § 15 
(S. 39) betont worden. 



Die Doctrin dee intern Ationalen Privatrechts. 167 

Allein es gibt noch eine andere verhängniBsvoUe Formel, welche 
in der Doctrin des internationalen Zivilrechts geradezu verheerend 
wirkt. Es wird geltend gemacht^ dass dem Eichter die Hände ge- 
bunden seien bezüglich der Anwendung fremden Eechts dann, wenn 
das einheimische Kecht exklusive Kechtssätze *) enthalte. Die Wen- 
dung der souveränen Regeln oder der absolut bindenden Normen des 
internen Rechts oder der „lois rieües-^ oder der Prohibitivgesetze ent- 
springt dem gleichen Gfedankengange. Dieses Verhältniss des internen 
zum auswärtigen Rechte berührt die Wurzel unserer Doctrin. Theorie 
und positive Gresetzgebung differiren zwar in dieser Beziehung erheb- 
lich, aber der Geist ist derselbe: es ist der schon früher er- 
wähnte Geist der territorialen Beschränkung, gegen den mit 
aller Energie gekämpft werden muss. Ich habe die Formel von 
Savigny schon vorgeführt: sie hat imter dem Glänze dieses Namens 
viele Anhänger gefunden**). Die italienische Schule des Nationa- 
litätsprinzips will die Unterscheidung des ju^ publicum und jus pri- 
mium auf den internationalen Boden ausdehnen. Damit stimmt 
Art. 12 der italienischen Disposixioni suüa piiblicazione deUe leggi. 
Derselbe behält ausdrücklich die einheimischen Gesetze vor, welche 
die öffentliche Ordnung und die guten Sitten angehen. Auch das 
sächsische Privatgesetzbuch sanktionirt eine sehr elastische Formel in 
Art. 19: 

Ausländische Gesetze sind nicht anzuwenden, wenn deren Anwen- 
dung durch inländische Gesetze nach der Vorschrift oder nach dem 
Zwecke derselben ausgeschlossen ist. 

Diese Formeln sind unrichtig. Auch halte ich die Ent- 
scheidung desInMitut de droit international nicht für zutreffend, wenn 
es folgende Konklusion annahm: 

En aucun caa les lots d'un Etat ne paurront öbtenir reconnaiasance 
et effet dans le territoire d^un autre Etat, si ellea y sont en Opposition 
avee le droit public ou avec Vordre public. 

Dieser territorialeEtdgoüt muss für die internationalen 
Rechtsfragen verschwinden. 

Eine neue imd selbständige Lösung schlug Laurent vor: er be- 
tonte, dass die Gesetze der sozialen Ordnung (les lois d' ordre social) 
den auswärtigen Normen absolut vorgehen sollen. In seinem Gesetzes- 
projekt findet sich folgende Bestimmimg***): 



*} BöMau a. a. 0. I S. 490. F. Kahn führt a. a. 0. S. 3 aus, dass 
«ich m Theorie und Praxis eher die Tendenz erkennen lasse, den „Prohi- 
bitivgesetzen" eine ungewöhnliche Ausdehnung zu geben. 

**) ünger, System des österreichischen Privatrechts I S. 163, v. Pütt- 
Ungen, S. 19/20, v. Wysa a, a. 0. S. 95/6. Franken, Deutsches Privatrecht, sagt 
S.56, dass internationale Rücksichten (!) nicht zur Geltung gelangen dürfen, 
»wo die Grundtendenzen des Staats ins Spiel kommen«. Vgl. auch iJ^örÄecr-J^^c- 
cti«. Preussisches Privatrecht, 4. Aufl. I S. 56. 

***) Vgl. auch Laurent, Droit civil international II Nr. 52, 58 (S. 105), 
193, 198-202, 204, VIII Nr. 95. • » v ;, 

Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafpecht etc., Band I. lo 



168 Professor Dr. F. Meili in Zürich. 

Lea lots relatives aux droits de la societi regoivent leur ap- 
plication quelle que soient le lieu du contraty la nationaliti des parties 
intSressies et la nature des hiens. 
Cette rlgle s^applique: 

1) aux lois qui dopenden* du droit public et du droit pSndl, 

2) aux lois qui coneement les bonnes moeurs. 

3) aux löis qui abolissent les priviUges politiques en matihre de suc- 
cession. 

4) aux lois qui rigissent les prescriptions. Im prescription acquisiUve 
est rigie par la loi de la sitiuttion des biens et la prescription 
extinctive par la loi du lieu oü Vöbligation a iti contractie. 

Die belgische Gesetzesrevisionskommission änderte diesen Vor- 
schlag wieder ab, indem sie in Art. 14 vorschlug: 

Nobobstant les articles qui pricedent , «7 ne peut etre pris igard aux 
lois itranghres dans le cas oii, leur application aurait pour resuliat 
de porter atteinte aux lois du royaume qui consacrent ou garantis- 
sent un droit ou un intSret social. 

Eine originelle Ordnung dieser Fragen besteht im argentinischen 
Zivilgesetzbuche (Art. 14): 

Die fremden Gesetze sollen nicht angewendet werden: 

1) Wenn deren Anwendung im Widerspruch steht zum öffentlichen oder 
Strafrecht der Republik, zur Staatsreligion, zur Kultustoleranz oder 
zur Moral und den guten Sitten; 

2) Wenn deren Anwendung unvereinbar wäre mit dem Geiste der Ge- 
setzgebung des gegenwärtigen Gesetzbuches; 

3) wenn sie blos ein Privileg bilden würden; 

4) wenn die Bestimmungen dieses Gesetzbuches in Kollision mit den 
fremden Gesetzen der Gültigkeit der Handlungen günstiger waren. 

Die französischen Juristen wollen unterscheiden*): 

a) lois d'ordre public absolues, 

b) lois d'ordre public relatives. 

Die richtige Lösung hat meines Erachteus Broclier gefunden, in- 
dem er unterscheidet**): 

a) ordre public international, 

b) ordre public interne. 

In der That stehen die internationalen Kechtsgeschäfte unter 
ihren eigenen Normen, die allerdings vorläufig in der Kegel noch 
nicht Gesetze sind. Ganz unrichtig ist es, wenn Savigny und seine 
Anhänger sagen, dass der Richter mitersuchen müsse, ob die betreffen- 
den Rechtsgeschäfte den einheimischen Gesetzen widersprechen, da 



*) Vgl. Despagnet im Journal de droit international prive XVT S. 217. 
Auch kam man auf die Idee sagen zu wollen: droit privS international 
public, weil es sich ja nicht um Völkerrecht handle, sondern um die öf- 
fentliche Ordnung im internationalen Privatrechte. 

**) Brocher^ Nouveau traite de droit international prive Nr. 141 ff. Ich 
bin durchaus nicht der Ansicht, dass diese Formel nichts anderes sei, als 
eine nicht ganz klar ausgeführte Anwendung der deutschen auf Savignp 
und Wächter beruhenden Theorie, — wie v, Bar I 99, 100 meint. Vgl. 
übrigens II S. 317. 



l)ie Dooirin des internationateii Privatrcclits. 169 

ja diese fast ausschliesslich den internen Verkehr im Auge zu haben 
pflegen. Nach meiner Ansicht sollte also gesagt werden: 

Diejenigen RechtsgeschXfte sind im internationalen 
Verkehre nicht zu schützen; welche entweder dem Tdlker- 
rechte oder den guten im iileriatit lalei Privatrechts- 
leben geltenden Sitten widersprechen. 

Im internationalen Rechtsverkehre erscheint das interne öffent- 
liche Becht und die interne Moral als das partikuläre Element^ das 
gegenüber den Rechtsgeschäften auf dem universalen Rechtsboden zii- 
rfickzutreten hat. 

Zum Schlüsse möchte ich meine Skizze Über die Doctrin des in- 
ternationalen Privatrechts kurz zusammenfassen: 

I. Das internationale Privatrecht ist als ein selbständi- 
ger Zweig der Rechtswissenschaft aufzufassen und zu 
behandeln. Diese Loslösung legt der Doctrin weit- 
gehende Pflichten auf, die speziell auch in Deutsch- 
land viel ernsthafter an die Hand genommen werden 
müssen; ähnlich wie dies von Seite anderer Staaten 
schon geschehen ist. 
II. Die einzelnen Theile des internationalen Privatrechts 
müssen aus doctrinellen Gründen auseinandergehalten 
werden; — ganz ähnlich wie dies auf dem Gebiete des 
internen Rechts erfolgt, 
m. Der Kodifikation des internationalen Privatrechts 
vorausgehend sind intensive historische; dogmatische; 
philosophische Untersuchungen nöthig. 
IV. Das internationale Privatrecht darf nicht diskreditirt 
werden durch die Chimäre eines allgemeinen Welt- 
rechts. 

V. Die Doctrin des internationalen Privatrechts muss 
grundsätzlich von der vergleichenden Jurisprudenz 
getrennt gehalten werden. 

VI. Zum Verständnisse unserer Doctrin ist eine zusam- 
menfassende und ins Detail gehende Darstellung der 
Rechtsgeschichte des internationalen Privatrechts als 
ganz besonders dringlich zu erklären. 

Vn. Auch die im 19. Jahrhundert neu entwickelten Prin- 
zipien des internationalen Privatrechts bedürfen einer 
gründlichen Revision. 
VUI. Es ist energisch anzukämpfen gegen zwei Haupt- 
gebrechen unserer Doctrin: 

1) g^gen den permanenten Drang; mit allgemeinen 
Prinzipien eine vermeintlicheLösung der grossen 
Schwierigkeiten herbeiführen zu wollen. Nur 
dann; wenn jede? einzelne internationale Rechts- 

12* 



170 Professor Dr. fimest Lehr in Lausanne. 

verhältniss für sich geregelt wird^ kann dem kos- 
mopolitischen Leben wirklich geholfen werden. 
Zur Uebernahme dieser grossen Detailarbeiten 
dürfte eine von den zivilisirten Staaten ernannte 
Kommission als zweckmässig angesehen werden. 
2) gegen die fortgesetzte Betonung des internen 
Rechts^ als ob das internationale Rechtsleben 
nicht gleichwerthig dem internen an die Seite 
treten dürfte *). 

Von der Vormundschaft Über die Minderjährigen nach 
dem gegenwärtig geltenden spanischen Rechte. 

Von Professor Dr. Ernest Lehr, 
Mitglied des Völkerrechtlichen Institnta, in Lausanne. 

Das Institut der Vormundschaft über die Minderjährigen gehört 
zu denjenigen Theilen des spanischen Zivilrechts^ welche das bürger- 
liche Gesetzbuch von 1888/1889 am gründlichsten abgeändert bat. 
Bis zur Verktindung dieses Gesetzbuchs, und nach Bestimmungen 
welche meistentheils bis zu den j^Siete PartidcLs-^ des Königs Alphous 
des Weisen zurückgingen, waren die Minderjährigen bis zu ihrer 
Mündigkeit (Pubertät), d. i. bis zum Alter von 14 Jahren für Knaben 
lind von 12 Jahren für Mädchen, einer Vormundschaft ftiUela) unter- 
worfen, welche sich von diesem Zeitpunkte an in eine Kuratel fcura-- 
duria) verwandelte. Die Tutel im eigentlichen Sinne war eingerichtet 
entsprechend dem in Deutschland unter dem Namen ,,obrigkeit- 
liehe Vormundschaft^ bekannten Systeme im Gegensatz zu der 
Familien-Tutel des heutigen französischen Rechts, der ^verwandt- 
schaftlichen Vormundschaft ^^ Aufgabe der staatlichen Obrigkeit war 
es, dafür zu sorgen, dass eine Vormundschaft für die einer solchen be- 
dürftigen Person bestellt werde, und Über die Erziehung und den 
Unterhalt der Kinder welche ihre Eltern verloren oder niemals ge- 
kannt haben, zu wachen. Ohne Zweifel sollte entsprechend der römi- 
schen Tradition der Wille des Vaters, in allen Fällen in denen er 
zum Ausdruck kam, massgebend sein; und, in Ermangelung eines 
durch den Vater bestimmten Vormunds, verkannte die Gresetzgebaug 
nicht die Bande, welche die Waisen mit ihren nächsten Verwandten 
vereinigten. Mit anderen Worten : Die testamentarische Ernennung des 
Vormunds seitens des Vaters oder, seit 1870, seitens der Mutter und 
die gesetzliche Vormundschaft der Aszendenten und einiger anderer 
sehr naiien Verwandten hatten den Vorrang vor der Datiwormnnd- 
schaft. Wenn aber die Eltern von dem Rechte, den Vormund für 

♦) Der auf Seite 12 Note f erwähnte Schriftsteller heisst Gondon (nicht 
Qoudon). 

Seite 146 Zeile 3 v. u. 1. aliarumque statt aliacumque, 
Seite 155 Note • Zeile 2 v. o. 1. giuridico statt juridico. 



Von der Vonnundschaft üb. d. Miudcrjähngün nach dem span. Rechte. 171 

ihre überlebenden Kinder zu ernennen, keinen Gebrauch gemacht 
hatten, oder wenn keine sehr nahen zur Uebemahme der Vormund- 
schaft fähigen Verwandten vorhanden waren, dann sind es nicht die 
übrigen Pamilienglieder oder Freunde, welche, in einem Familienrathe 
yereinigt, den Vormund wählten, sondern die Ernennung geschah durch 
den Bichter des Wohnorts entweder von Amtswegen oder auf Antrag 
jedweder Person oder des öffentlichen Ministeriums (der Staatsanwalt- 
schaft). Mit erreichtem Alter der Mündigkeit (Pubertät) änderte sich 
die Lage gänzlich; mit diesem Zeitpunkte gab es keine Tutel mehr, 
sojidern eine einfieushe Kuratel; und wenn der Kurator von dem 
überlebenden EUemtheil nicht bezeichnet war, konnte er auf das Ge- 
such des Minderjährigen selbst hin ernannt werden. Dem Gerichte 
stand nur die Bestätigung der £i^r gut befundenen Wahl zu, oder es 
konnte einen anderen Kurator verlangen, wenn es Einwendungen 
gegen die vorgeschlagene Person hatte. Mündige Minderjährige konn- 
ten durch ein Bescript des Begenten, analog der Emanzipation der 
schweizerischen Zivilgesetzbücher, eine vorzeitige Erklärung der Gross- 
jtthrigkeit und hiedurch selbst die Ermächtigung erhalten, ihr Ver- 
mögen persönlich imd ohne Beistand eines Kurators zu verwalten. 

Dies System wiude durch das neue Zivilgesetzbuch vollständig 
abgeändert, und wir glauben, dass man nicht ohne Interesse einige 
Angaben aus der an ihre Stelle getretenen Gesetzgebung lesen wird^). 

Das Gesetzbuch von 1888/89 macht bezüglich der Minderjährigen 
keinen Unterschied mehr zwischen der Tutel und Kuratel. Es unter- 
wirft die nicht in gesetzlicher Form emanzipirten Minderjährigen der 
Vormundschaft (tutela) ohne Unterschied, ob sie über oder unter 14 
besw. 12 Jahre alt sind; sie bleiben unter Vormundschaft bis zum 
zurückgelegten 23. Lebensjahre. Andererseits setzt das Gesetzbuch 
an die Stelle der obrigkeitlichen Vormundschaft des früheren 
Bechts eine Familien -Vormundschaft, welche in ihren Hauptzügen 
viel£Bu>h der des französischen Bechts gleicht. Es ist indessen eine 
Beibe interessanter Unterschiede zu bemerken. yJ^i^ Vormundschaft 
wird^, sagt Art. 201, ,, durch einen einzigen Vormund unter Aufsicht 
des Nebenvormunds (protutorj und des Famüienraths ausgeübt." Die 
Aemter des Vormunds und Nebenvormunds sind übrigens, wie die 
^guardia^ (tutela und curäduria), ein munus pMicwm, dem man 
sich nur aus einem gesetzlichen, gehörig nachgewiesenen Grunde ent- 
ziehen kann, und das, wenigstens soweit es die Vormundschaft be- 
triff einen Anspruch auf Vergütung in Geld (Honorar) gibt. 

Die Berufung zur Vormundschaft erfolgt gegenwärtig 1) durch 
Testament, 2) durch das Gesetz, 3) durch den Familienrath; mit an- 
deren Worten: die Vormundschaft ist eine testamentarische, gesetz- 
liche oder obrigkeitliche (Dativ-Vormundschaft). Diese verschiedenen 



1) Diese Gesetzgebung ist vollständig in meinem Buche „Eliments de 
draU dvU espagnol, deuonhme patüe^ 1890, Nr. 182 und folg., dargestellt. 



172 Professor Dr. Ernest Lehr in Lausanne. 

Vormundschaften treten in der angegebenen Reihenfolge ein^ die eine 
in Ermangelung der anderen. Das Rechte einen Vormund und einen 
Nebenvormund seinen minderjährigen Kindern zu ernennen, steht in 
erster Linie dem Vater, in zweiter der Mutter zu, aber in Bezug auf 
letztere mit dem Vorbehalte, dass ihre Wahl im Falle ihrer Wieder- 
verheirathung durch den Familienrath genehmigt werde. Bei dieser 
Grelegenheit ist zu bemerken, dass das spanische G^etzbuch zum 
Unterschiede vom französischen die beiden Eltern ermächtigt, nicht 
mu* den Vormund, sondern auch den Neben Vormund zu emennoi. 
Dasselbe Ernennungsrecht steht jeder Person zu^ die den MinderjShrigrai 
als Erben eingesetzt oder mit einem beträchtlichen Vermüchtniss 
bedacht hat, vorausgesetzt, dass der Familienrath die Ermächtigung 
zur Annahme des Nachlasses oder Vermächtnisses gegeben hat. Die 
Eltern können einem jeden ihrer Kinder einen Vormund ernennen 
und verschiedene Ernennungen bewirken, damit die eine in Er- 
mangelung der anderen in Wirksamkeit treten könne. Im Zweifel 
wird angenommen, dass sie den nämlichen Vormund allen ihren 
Kindern haben geben und den zuerst genannten vor den übrigen 
haben bezeichnen wollen. Wenn mehrere Personen einen Vor- 
mund für denselben Mindeijährigen ernannt haben, findet die Be- 
rufung folgendermassen statt: 1) des vom Vater oder von der 
Mutter erwählten Vormunds, 2) des vom Erblasser gewählten Vor- 
munds, wenn jener den Minderjährigen als Erben hinterlassen oder 
mit einem beträchtlichen Vermächtniss bedacht hat. Im Falle des 
ZusammentreiFens von mehreren durch verschiedene Erblasser bestimmten 
Vormünder, entscheidet der Familienrath, welcher unter ihnen vorge- 
zogen werden soll. Ist ein Vormund bereits in Ausübung seines Amtes 
und es meldet sich ein anderer, vom Vater ernannter, so soll die Vor- 
mimdschaft sofort auf diesen letzteren übergehen. Ist der neu er- 
schienene Vormund ein von einem Erblasser ernannter, so ist dessen 
Wirksamkeit, solang die Stelle des Vormunds nicht erledigt ist, 
darauf beschränkt, nur das aus dem Nachlasse oder dem Vermächt- 
nisse herrührend» Vermögen zu verwalten. 

Die Mutter Übt in Ermangelung des Vaters die väterliche Grewalt 
aus. In Spanien findet die Bestellung einer Vormundschaft nicht statt, 
solang die Mutter lebt und sich nicht wieder verheirathet. Für die 
Minderjährigen tritt der Fall der Vormundschaft nur ein, wenn beide 
Eltern todt sind. Folglich geschieht die Berufung zur Vormündschaft 
über ihre Deszendenten von Amtswegen ausschliesslich an die nächst 
höheren Aszendenten, nämlich 1) an den väterlichen Grrossvater, 2) an 
den mütterlichen Grossvater, 3) an die Grrossmutter väterlicher Seits 
und in deren Ermangelung an die mütterlicher Seits, solang die eine 
und andere Wittwen bleiben. Sind auch solche Aszendenten nicht vor- 
handen, so gebührt die gesetzliche Vormundschaft 4) dem ältesten der 
vollbtirtigen Brüder oder, wenn solche nicht vorhanden sind, dem 
ältesten der halbbürtigen Brüder von väterlicher oder mütterlicher Seite. 



Von der Vormundschaft üb. d. Minderjährigen nach dem Span. Kcchtc. 173 

In Ermangelung eines testamentarischen oder gesetzlichen Vor- 
munds steht es dem Familienrathe zu^ auf Betreiben und unter der 
persönlichen Verantwortlichkeit des Richters des Orts deu Vormund 
zu wählen. 

Die Nebenvormundschaft ist in Spanien eine neue Einrichtung^ 
welche mit einigen Abänderungen dem französischen Rechte entlehnt 
ist^ obgleich sie mit ihrer Benennung (protutela) auf den ersten Blick 
immer Irrthum hervorrufen könnte; denn das französische Recht 
kennt ebenso die y-protuieurs^, welche aber ganz verschieden sind von 
den Nebenvormtindem (subroges-tuteurs)^ um die es sich hier han- 
delt. Der Nebenvormund hat nach dem neuen Gesetzbuch^ wie in Frank- 
reich, die Aufgabe die Geschäftsführung des Vormunds zu überwachen 
und ihn in den Fällen zu ersetzen, wo der Vormund persönliche In- 
teressen hat, die mit denen seines Mündels im Widerspruch stehen; aber 
er ist nicht, wie in Frankreich, der erwählte Vertreter des Familienraths 
neben dem Vormund. Ebenso kann er, wie wir oben gesehen haben, 
gleichzeitig mit dem Vormund durch den Vater oder die Mutter er- 
nannt werden: nur wenn es durch diese nicht geschehen ist, steht die 
Wahl dem Familienrathe zu. Er hat das Recht, an allen Berathungen 
des letzteren Hieil zu nehmen, jedoch ohne Stimmrecht. Falls er 
seine Verpflichtungen nicht pünktlich erfüllt, ist er persönlich für den 
Schaden verantwortlich, der aus seiner Nachlässigkeit entsteht. Er 
soll nicht aus der nämlichen Yerwandtschafts-Linie genommen werden, 
wie der Vormund. Der Vormund kann seine Thätigkeit nicht eher 
ausiüben, bis der Nebenvormund ernannt ist; unterlässt jener diese 
Ernennung zu beantragen, so zieht er sich die Strafe der Absetzung 
und die Verantwortlichkeit für allen dadurch dem Minderjährigen 
verursachten Schaden zu. 

Der Familienrath hat ähnliche Befugnisse, wie die der französi- 
schen Familienrathe. Aber er tmterscheidet sich davon wesentlich 
darin, dass er, einmal bestellt, ein dauerndes Kollegium ist, das 
sich ohne weitere Mitwirkung des Gerichts unter dem Vorsitze eines 
seiner Mitglieder, das zu diesem Behuf e von den übrigen bestimmt 
wird, versammelt, so oft es nöthig ist. Andererseits besteht der 
Familienrath aus nur 5 Mitgliedern einschliesslich des Vorsitzenden. 
Sobald das öffentliche Ministerium (Staatsanwaltschaft) oder der Richter 
des Orts erfährt, dass sich in seinem Bezirke eine eines Vormunds 
bedürftige Person befindet, beantragt bezw. ordnen sie die Bestellung 
eines Familienraths an; der testamentarisch ernannte Vormund, die 
zur gesetzlichen Vormundschaft berufenen Verwandten, diejenigen, 
welche von Rechtswegen Mitglieder des Familienraths sind, sind ver- 
pflichtet, imverzüglich den Richter des Orts von der Schutzbedürftig- 
keit einer Person in Kenntniss zu setzen, und sind, falls sie diese 
Obliegenheit ausser Acht lassen, für allen daraus entstehenden Schaden 
haftbar. Der Richter beruft die Personen, welche den Familienrath 
bilden sollen, indem er ihnen den Gegenstand und den Termin der 
Zusammenkunft zu wissen thut. 



174 ProfeBSor Dr. ErocBt Lehr in Lausanne. 

Der Familienrath — und das ist auch eine Eigenthümlichkeit 
des spanischen Gesetzes — besteht zunächst aus den hiezu im Testa- 
mente der Eltern bestimmten Personen; in Ermangelung davon aus 
den m&nnlichen Aszendenten, Brüdern und Ehemännern der lebenden 
Schwestern des Minderjährigen ohne Bücksicht auf deren Zahl^ unter 
der selbstverständlichen Voraussetzung^ dass sie sich im Besitze und 
Genüsse ihrer vollen zivilrechtlichen Handlungsfähigkeit befinden. 
Die Gründe der Ablehnung, Unfähigkeit und der Entfernung^ welche 
im Gesetze für die Vormünder und Nebenvormünder vorgesehen sind, 
finden ebenfalls auf die Mitglieder des Familienraths Anwendung. Ist 
die Zahl der von Eechtswegen berufenen Mitglieder weniger als flin^ 
so wird diese Zahl durch Berufung der nächsten Seitenverwandten 
aus der väterlichen und mütterlichen Linie ergänzt imd^ wenn keine 
Verwandten vorhanden sind, aus angesehenen Personen unter den 
Freunden der Eltern. Bei Gleichheit des Grades soll der ältere den 
Vorzug haben. Uebrigens bestimmt das Gesetzbuch ausdrücklich, um 
Nichtigkeit der Entscheidungen wegen nicht gehöriger Bildung des 
Familienraths zu verhüten, dass, falls weder Arglist noch ein Nach- 
theil für den Minderjährigen in Frage sind, die Gerichte befugt sind, 
unter der Bedingung, dass der Irrthum für die Zukunft gehoben werde, 
die aus der Nichtbeobachtung der angegebenen Bestinmiungen sich 
ergebende Nichtigkeit zu decken (suhsanar). 

Die durch die Eltern vom Familienrath fl)rmlich ausgeschlossenen 
Personen können nicht Mitglieder desselben werden^ auch nicht als Vor- 
mund und Nebenvormund. Die Mitglieder, welche es von Rechtswegen 
sind und ihren Wohnsitz in einem Umkreise von 30 Kilometern 
oder darüber hinaus vom Sitze des für die Vormundschaft zuständigen 
Gerichts haben, sind befreit von der Theilnahme am Familienrath, 
können aber Mitglieder sein; wenn sie freiwillig sich hiezu erbieten. 
Der Kichter soll sie indessen bei Bildung des Familienraths berufen. 
Er führt den Vorsitz über die zu diesem Zwecke berufene Versamm- 
lung, aber mit Erreichung desselben hört seine Einwirkung auf. 
Sobald der Familienrath gebildet ist, steht es demselben allein zu, 
die Angelegenheiten des Minderjährigen zu besorgen, einen Vorsitzen- 
den aus seiner Mitte zu wählen und sich, so oft es nothwendig ist, 
zu versammeln. Der Vorsitzende beruft die Mitglieder, wenn er es 
für erforderlich hält, oder auf Antrag derselben oder auf den des 
Vormunds oder Nebenvormunds; er redigirt die gefassten Beschlüsse, 
lässt das Protokoll durch die anwesenden Mitglieder unterzeichnen und 
sorg^ für den Vollzug der Beschlüsse; im Falle der Stinmiengleichheit 
gibt seine Stimme den Ausschlag. 

Der Familienrath kann nur bei Anwesenheit von wenigstens drei 
seiner Mitglieder gültig beschliessen. Die Mitglieder haben allen 
Sitzungen, zu denen sie berufen sind, bei Vermeidung einer Geldstrafe 
von 50 Pesetas beizuwohnen, welche der Richter des Ortes im Falle 
nicht gerechtfertigten Ausbleibens über sie verhängt und zwar auf 



Von der YormaiidBcbaft üb. d. Minderjährigen nach dein Bpan. Rechte. 175 

eine Bekanntmachung des Vorsitzenden. Der Vormnnd und Nebenvor- 
mnnd nehmen an den Sitzongen ohne Stimmrecht Theil; ist der 
Mündel 14 Jahre alt^ so ist er gleichfalls befugt^ den Sitzungen bei- 
zuwohnen und soll auf sein Verlangen gehört werden. 

Der Familienrath erkennt über alle Angelegenheiten, welche das 
Gesetzbuch seiner Zuständigkeit überwiesen hat. Wir wollen sie hier 
nicht weiter au&ählen, als wir für nöthig fanden^ die verschiedenen 
gesetzlichen Befugnisse der Vormünder anzugeben; das spanische Gresetz- 
buch bietet in diesen Funkten keine Eigenthttmlichkeit dar. Nach 
allen Greaetzgebungen der Erde gibt es gewisse Handlungen ^ welche 
der Vormund allein vomehmen kann und soU^ andere^ für welche er 
der Bestätigung der unmittelbar vorgesetzten Obrigkeit bedarf; und 
die Vertheilung dieser Handlungen ist beinahe überall dieselbe. Es 
erübrigt nur noch hervorzuheben^ dass in Spanien alle Entscheidungen 
des Familienraths mittelst Berufung vor den Richter erster Instanz 
gebracht werden können^ entweder von den Mitgliedern^ welche mit 
ihrer Ansicht unterlegen sind^ oder von jedem anderen Verwandten 
des Minderjährigen. Die Mitglieder des Familienraths hafken dem 
Mündel für den Schaden, den sie demselben durch ihre Arglist oder 
Fahrlässigkeit verursacht haben. Diese Verantwortlichkeit ruht jedoch 
nicht auf denjenigen unter ihnen, welche gegen die nachtheilige Mass- 
regel gestimmt haben. 

Während in Frankreich der Bestand des Familienraths jedesmal 
wesentlich verschieden ist, indem derselbe dort für jede Sitzung aus 
den Personen gebildet werden soll, die sich im fraglichen Zeitpunkt gerade 
an Ort und Stelle befinden und ein besonderes Recht haben, daran 
Theil zu nehmen, so ist — wie wir schon oben angegeben haben — in 
Spanien der einmal aus fünf Mitgliedern gebildete Familienrath ein 
dauerndes Kollegium, in welchem, mit Ausnahme der eintretenden 
Fälle des Todes und etwa der Gründe der Befreiung oder Ausschlusses, 
keine Aenderung statthaft ist, und das bis zum Ende der Vormund- 
schaft selbst die Aufgabe der Fürsorge und Aufsicht übt, welche ihm 
vom Gesetze aufgelegt ist. Voreilig wäre es, am Ende von kaum 
einem Jahr ein Urtheil über die Verdienste dieser Neuerung abzu- 
geben; aber unzweifelhaft scheint sie auf den ersten Blick einen er- 
heblichen Fortschritt zu verwirklichen, indem sie einheitliche und 
dauernde Ordnung in ein Amt bringt, das schlechthin eine solche im 
Interesse des Handlungsunfähigen erfordert. 

Wenn man all' das hier Mitgetheilte überblickt, so zeigt es sich^ 
dass der spanische Gesetzgeber in der Fassung dieses wichtigen Ka- 
pitels den Beweis von ebenso viel Scharfisinn als Initiative geliefert 
hat, und es schien uns desswegen gerechtfertigt, die Aufriierksamkeit der 
Bechtsgelehrten auf sein Werk zu lenken. 



17(3 Gericlitsasscssor Dr. Delius in Hiclctckl. 

Rechtsgrundsätze des Deutschen Reichsgerichts in 

Auslieferungssachen. 

Von Dr. jur. Delius, 
Gerichtsassessor in Bielefeld. 

Während die Judikatiu: der ausländischen obersten Gerichtshöfe, z. B. 
in Italien, Frankreich, England u. s. w. eine recht umfangreiche ist, hat 
der höchste Gerichtshof des Deutschen Reiches trotz seines nunmehr 
lljälurigen Bestehens^ soweit bekannt geworden ist, nur drei Urtheile in 
Auslieferungssachen bis jetzt gesprochen. Es sind dies die Erkennt- 
nisse a^' vom 22. September 1885 (IV. Strafsenat), abgedruckt in den 
Entscheidungen in Strafsachen Bd. 12 S. 381, b) vom 29. August 1888 
(Feriensenat), abgedruckt im Preuss. Justizministerialblatt 1889 S. 120 
und in Goltdammer's Archiv fiir Strafrecht Bd. 36 S. 404, und c) vom 
3. Oktober 1890 (IV. Strafsenat), bisher noch nicht gedruckt), aus- 
führlich mitgetheilt am Schlüsse dieser Erörterung. Die beiden letzten 
Urtheile betreffen den preussisch-niederländischen Auslieferungsvertrag 
vom 17. November 1850 bezw. 20. Jimi 1867 (Preuss. Gesetz.-Samml. 
1850 S. 509 ff. bezw. 1867 S. 1219); das erste dagegen den deutsch- 
grossbritannischen Auslieferungsvertrag vom 14. Mai 1872 (Reichs- 
gesetzblatt S. 229). 

Aus den Gründen dieser Erkenntnisse lassen sich folgende Bechts- 
grundsätze entnehmen: 

1) Der deutsch-englische Vertrag ist deutsches Reichsgesetz, seine 
Bestimmungen sind daher Rechtsnormen, deren Verletzung die Revi- 
sion nach § 376 der deutschen Strafprozessordnung begründet (Erk. aU 
dasselbe gilt von dem preussisch-niederländischen Vertrage, welcher 
gemäss §§ 45, 48 und 106 der preuss. Verfassung Gesetz für Preussen 
geworden ist (Erk. b). 

2) Auslieferungsverträge sind in Folge ihrer internationalen Natur 
strikte zu interpretiren (Erk. a). 

3) Der deutsch-englische Vertrag beruht auf dem englischen Aus- 
lieferungsgesetze vom 9. August 1870 [The Extradition Act, 1870 U 
welches daher als Quelle des Vertrages zu betrachten ist (Erk. a). 

4) Der preussisch-niederländische Vertrag setzt fiir die genann- 
ten Staaten keine unbedingte imd allgemeine Pflicht ziu* Auslieferung 
flüchtiger Verbrecher fest, er beschränkt diese Pflicht auf einzelne be- 
stimmte Verbrechen und Vergehen und macht die Auslieferung selbst 
von gewissen formalen , das betreffende Verbrechen oder Vergehen 
und das darauf anwendbare Strafgesetz fixirenden Voraussetzungen ab- 
hängig (Erk. b). 

5) Das Einhalten dieser Beschränkung ist indessen lediglich ein 

1) Inzwischen im Auszuge veröffentlicht in der Juristischen Wochen- 
schrift 1890 S. 394. Red. 



Rechtsgrundsätze des Deatschcn Reichsgerichts in Ausliefcrungssachen. t7 7 

Recht des ausliefernden Staates und ihre Nichtinnehaltimg berechtigt 
weder den Ausgelieferten zum Einsprüche^ noch das ziir Strafver« 
folgimg berufene Gericht zur Nachprüfung und Beanstandung der er- 
folgten Ausslieferung''). Es kommt also z. B. gar nicht darauf an, 
ob die That wegen welcher die Auslieferung erfolgt ist , wirklich zu 
einer der nach dem Vertrage die Auslieferung begründenden Straf- 
thaten^) zu zfthlen ist^ und ob namentlich die ausliefernde Begierimg 
sie mit Recht dazu zShlen dnrffce; die thatsftchlich erfolgte Aus- 
lieferung unterwirft den Angeklagten jedenfalls bezüglich der sie ver- 
anlassenden Strafthat der Jurisdiktion des preussischen Grerichts nach 
Massgabe des diesseitigen Rechts und gestattet dementsprechend dem 
Angeklagten eine Anfechtung der ergangenen Entscheidimg nur inso- 
weit; als die Normen dieses diesseitigen Rechts verletzt worden sind 
(Erk. b). 

6) In dem preussisch-niederländischen Vertrage haben die kon- 
trahirenden Staaten^ wie sich aus den Artikeln 2, 4, 5 und 6 ergibt; 
selbst in unzweideutiger Weise das Prinzip der Spezialität der Sträf- 
that als für die Auslieferung massgebend anerkannt und für ihr gegen- 
seitiges Strafv^erfolgungsrecht bezüglich der ausgelieferten Verbrecher 
den Rechtsgrundsatz angenommen , dass dasselbe nicht unbegrenzt 
gegeben, sondern auf die Untersuchung und Bestrafung der konkreten 
Straf that eingeschränkt sein soll, wegen welcher die Auslieferung spe- 
ziell nachgesucht und bewilligt worden ist, selbst für den Fall, dass 
der die Auslieferung gewährende Staat wegen jener That, auf welche 
nunmehr der ersuchende Staat Untersuchung und Anklage gegen den 
Ausgelieferten auszudehnen wünscht, eine Auslieferung zu bewilligen 
verpflichtet ist (Erk. b). 

7) Nach demselben Vertrage darf ein wegen Thäterschaft Aus- 
gelieferter auch dann verurtheilt werden, wenn er nur der Beihülfe 
für schuldig zu erachten ist, denn für die Auslieferung und das da- 
durch begründete Recht der Strafverfolgung ist nach Inhalt des Ver- 



2) Die cour d'iiaHaes de la Vienne (vgl. Billot^ TraiU de Vextraditiony 
Paris 1874 S. 359) verwarf am 3. Dezember 1866 die Einreden des wegen 
groMer Veruntreuungen aus Kanada ausgelieferten Lamirande, welche dieser 
d&ranf gründete, dass seine Ansliefenmg seitens der kanadischen Behörden 
unter Ausserachtlassung wesentlicher, von dem kanadischen Auslieferungs- 
gesetze vorgeschriebenen Formen erfolgt sei. Ebenso entschied der Eas- 
sationshof von Turin am 15. März 1855 im Falle Gella, dass das erkennende 
€rericht kein Recht habe, die Frage zu prüfen, ob die Auslieferung unter 
Einhaltung der von dem Rechte des sie gewährenden Staates vorgeschrie- 
benen Formen erfolgt sei. (Vgl. Fiore-Antoine^ T^raüi de droit penal inter- 
national et de Veztradition, Paris 1880 Nr. 451.) Derselben Ansicht ist 
der f^ansösische Kassationshof in konstanter Praxis. (Vgl. Bülot a. a. 0. 
S. 355.) 

3) Vgl. das in demselben Sinne ergangene (Jrtheil des französischen 
Kassationshofes vom 9. Juni 1867 bei Benaut in der Betme de droit inter- 
national XIV 1882 S. 313. 



178 Gerichtsassessor Dr. Delius in Bielefeld. 

träges ausschliesslich die objektive That^ nicht die Art der Bethei- 
ligUDg an derselben massgebend^ und diese That bleibt auch Gegen- 
stand der Urtheilsfindung , wenn nicht Thäterschaft, sondern nur 
Beihülfe zu strafen ist (Erk. b). 

8) Wenn die That, welche zu dem Auslieferuugsantrage Veran- 
lassung gegeben hat, im Laufe des Strafverfahrens nicht nach den 
bei der Auslieferung ins Auge gefassten, wohl aber unter einem an- 
deren die Auslieferungspflicht ebenfalls begründenden*) rechtlichen 
Gresichtspunkte strafbar erscheint, so ist der die Auslieferung erhal- 
tende Staat zur Aburtheilung des Ausgelieferten nach Massgabe der 
anderen rechtlichen Beschaffenheit, welche sich für seine That ergibt, 
berechtigt (Erk. c). 

9) Der Art. 7 des deutsch-englischen Vertrags ist dahin zu ver- 
stehen, dass die Strafv^erfolgung der ausgelieferten Person wegen jeder 
strafbaren Handlung untersagt ist, welche vor der Auslieferung ver- 
übt und wegen welcher die Auslieferung nicht erfolgt ist. Diese 
Vorschrift bezieht sich auch auf deutsche Beichsangehörige, nicht 
blos auf Angehörige dritter Staaten; ausgenommen sind englische 
Unterthanen, welche ja auch vertragsmässig nicht ausgeliefert werden 
(Erk. a). 

10) Ob eine Strafthat unter den Begriff eines der im Vertrage 
genannten, zur Auslieferung verpflichtenden Delikte flAlt, ist nicht 
nach dem gegenwärtig in Kraft befindlichen, sondern nur nach dem- 
jenigen Strafirecht zu entscheiden, welches bei Errichtung und Ver- 
kündung des betreffenden Auslieferungsvertrags anzuwenden war'); 
in Preussen also bei einer Auslieferung aus den Niederlanden nach 
dem Strafrecht des Allg. Landrechts Theil 11 Titel 20 nebst Ab- 
ftnderungs- und Ergänzungsgesetzen (Erk. c). 



Das oben erwähnte Urtheil des Keichsgerichts (IV. Strafsenat) 
vom 3. Oktober 1890 hat im Wesentlichen folgenden Inhalt: 

Das Schwurgericht zn B. hat am 4. Juni 1890 in der Straf- 
sache ^1^ T., — Aktenzeichen K ^/^q — , als die Greschworenen bei 
dem aus den Niederlanden wegen Verdachts des Mordes ausgelieferten 
Angeklagten die Frage nach Mord oder Todtschlag verneint, dagegen 
die Frage nach Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge (§ 226 



4) Stellt sich also die die Auslieferung veranlassende That später als ein 
zur Auslieferung nicht verpflichtendes Delikt heraus, so ist nach Anffaaaang 
des Reichsgerichts die Strafverfolgung ausgeschlossen. Anderer Meinung 
ist der französische Kassationshof in seinen Urtheilen vom 2. Februar 1845, 
18. Dezember 1858 und 31. Mai 1877. (Vgl. Bombay und Oilbnn, 2Va^e 
pratique de Vextradüum. Paris 1886 S. 130 ff.) 

5) Gleicher Ansicht ist das arrU de la Chambre des mises en aeen- 
sation de la Cour de Bruxdlee vom 24. Dezember 1868. (Vgl. Büht a. a. O. 
S. 122.) 



Rechtsgrandsätze des Deutschen Reichsgerichts in Ausliefenmgssachen. 1 79 

E.8t.6.B.) bejaht hatten^ den Angeklagten von der Anschuldigung 
des Mordes freigesprochen, im Uebrigen aber das Verfahren eingestellt, 
weil der prenssisch- niederländische Auslieferungsvertrag die Körper- 
verletzung im Sinne des § 226 B.St.O.B. nicht als eine derjenigen 
Strafthaten anerkenne ^ wegen deren die Auslieferung statthaft sei. 

Auf die Revision der St.A., welche das Vorliegen eines ,,Todtsch)ags^ 
im Sinne des Art. 2 Nr. 1 des preussisch-niederlftndischen Auslieferungs- 
vertrages behauptete, ist dieses Urtheil, soweit durch dasselbe wegen 
der dem Angeklagten zur Last gelegten vorsätzlichen Körperverletzung 
mit tödtlichem Ausgange das Verfahren eingestellt worden ist, jedoch 
unter Aufrechterhaltung des Spruches der Geschworenen aufgehoben 
und die Sache zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an 
das genannte Schwurgericht zurückverwiesen worden. In den Grün- 
den ¥nrd ausgeführt: 

Nicht das gegenwärtig in Kraft befindliche Gesetz, sondern nur 
dasjenige, welches bei Errichtung und Verkündung des Auslieferungs- 
vertrages anzuwenden war, kommt daftir in Betracht, was unter 
,,Todtschlag^ im Sinne des Art. 2 Nr. 1 des preussisch-niederländi- 
schen Vertrags zu verstehen ist, und die sich hieraus ergebende Be- 
grifisbestimmung gilt für den Ausdruck ,,Todtschlag^ auch insofern, 
als er die Uebersetzuug des im franz. Texte gebrauchten Ausdrucks 
y^meuirtre^ darstellt. 

Da nun bei Errichtung und Verkündung des Auslieferungsver- 
trags vom 17. November 1850 für Preussen noch der 20. Titel 
II. Theil des Allg. Landrechts und die Allerhöchste Kabinetsordre 
vom 10. Juli 1887 (G.S. S. 128), betreffend die Unanwendbarkeit der 
§§ 797 — 799 II, 20 A.L.K. auf diejenigen vorsätzlichen Beschä- 
digungen, welche den Tod des Beschädigten zur Folge gehabt haben, — 
in Geltung waren, so ist der Begriff des Todtschlags im Sinne des 
Auslieferungsvertrags aus den §§ 806 II, 20 A.L.R. in Verbindung 
mit der gedachten mit Gesetzeskraft erlassenen Kabinetsordre zu ent- 
nehmen. Nach diesen Bestimmungen sind unter der allgemeinen Be- 
zeichnang „Todtschlag'' alle unvorsätzlichen Tödtungen begriffen, 
welche sich als Folge einer vorsätzlich zugefügten Beschädigung dar- 
stellen. Damit erweist sich aber die in § 226 R.St.G.B. vorgesehene 
Körperverletzimg, zu deren Thatbestand nur der auf die Körper- 
verletzung, nicht auch der auf den eingetretenen Erfolg der Tödtung 
gerichtete Vorsatz gehört, als unter den Begriff des Todtschlags 
frdlend^ wie solchen Art. 2 Nr. 1 des Vertrags im Auge hat. Im 
Einklänge mit dieser Auffassung steht es auch, dass unter den Ver- 
brechen und Vergehen, wegen welcher ausgeliefert wird, neben dem 
Todtschlag die Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge nicht in dem 
zwischen' Preussen und Frankreich am 21. Juni 1845, also ebenfalls 
unter der Herrschaft des Allg. Landrechts U, 20 und der Kabinets- 
ordre vom 10. Juli 1837 errichteten Auslieferungsvertrage erwähnt 
wird, auch nicht in dem von Preussen mit Luxemburg geschlossenen 



t80 ^r. Delius, KechtsgrundBatze etc. in ÄuBlieferungssacfaen. 

Auslieferungsverträge vom 11. März 1844^ wohl aber in den während 
der Geltung des Reichsstrafgesetzbuchs geschlossenen Ansliefenmgs- 
verträgen mit Italien^ der Schweiz ^ Belgien^ Luxemburg ^ Brasilien, 
Schweden-Norwegen, Spanien und Uruguay. 

Der Verurtheilung des Angeklagten auf Grund des § 226 
R.St.G.B. steht aber auch nicht der Umstand entgegen, dass seine 
Auslieferung wegen Verdachts des Mordes beantragt und erfolgt, 
hierbei also nui* dieses Verbrechen zur Sprache gekommen ist. Der 
preussisch-niederländische Vertrag enthält betreffs der Frage, in welchem 
Umfange der Ausgelieferte der strafrechtlichen Verfolgung seitens des- 
jenigen Staats unterliegt, an welchen die Auslieferung erfolgt ist, 
eine Bestimmung nur insofern, als nach Art. 4 die Auslieferung nur 
behufs der Untersuchung und Bestrafung der gemeinen Verbrechen 
und Vergehen erfolgen kann, welche in Art. 2 dieses Vertrags auf- 
geführt sind. Wenngleich nun aus dieser Einschränkung der Aub- 
lieferungspflicht, ungeachtet des Mangels der in den späteren Aus- 
lieferungsverträgen gewählten, die Untersuchung und Bestrafung ver- 
bietenden Fassung, auf die Unzulässigkeit der Verfolgung w^en vor 
der Auslieferung begangener, vertraglich nicht vorgesehener Strafthaten 
geschlossen werden muss, so fehlt es doch an jedem Anhalt dafür, 
dass die Verfolgung auch dann ausgeschlossen sein soll, wenn die 
That, welche zu dem Auslieferungsantrage Veranlassung gegeben hat, 
im Laufe des Verfahrens nicht nach den bei der Auslieferung ins 
Auge gefassten, wohl aber unter einem anderen die Auslieferungs- 
pflicht ebenfalls begründenden rechtlichen Gesichtspunkt strafbar er- 
scheint. Vielmehr muss für diesen Fall die Berechtigung zur Ab- 
urtheilung des Ausgelieferten nach Massgabe der anderen rechtlichen 
Beschaffenheit, welche sich für seine That ergeben hat, anerkannt 
werden. Insbesondere lässt sich die entgegengesetzte AufPassung auch 
nicht aus der im Art. 6 des Vertrages getroffenen Bestimmung her- 
leiten, wonach das zwecks der Auslieferung beizubringende Schriftstück 
(Strafurtheil, Haftbefehl u. s. w.) das in Rede stehende Verbrechen 
oder Verg^en und das darauf anwendbare Strafgesetz bezeichnai 
muss. Denn hieraus sind jedenfalls nicht weitergehende Schlüsse zu 
ziehen, als dass — obwohl eine ausdrückliche Festsetzung, wie die 
in Art 7 des Auslieferungsvertrags mit Grossbritannien getroffene, 
fehlt — dem Prinzip der Spezialität der Auslieferung in dem Sinne 
der Verfolgbarkeit nur bezüglich der konkreten That, welche den 
Anlass der Auslieferung gegeben, hat Rechnung getragen werden 
sollen und dass schon in dem Abschnitt des Verfahrens, in welchen 
der Auslieferungsantrag fällt, eine derartige Prüfung der That in straf- 
rechtlicher Hinsicht stattgefrinden haben muss, dass es gerechtfertigt 
erscheint, dieselbe nach dem damaligen Ergebniss Über die "Sachlage 
unter eine bestimmte Kategorie der im Vertrage vorgesehenen Ver- 
brechen oder Vergehen zu bringen. 



Scheuffler, Zur Frage der Bevor mun düng fremder Staatdangehöriger. 181 

Zur Frage der Bevormundung fremder Staats- 
angehöriger. 

Von Amtsrichter ScheufTler in Johanngeorgenstadt. 

Wenn ein im Inland aufhältliclier Ausländer durch den Tod sei- 
nes bisherigen Gewalthabers oder aus sonst welcher Ursache obervor- 
mimdschaftlichen Schutzes^ insbesondere der Bestellung oder Neube- 
stellung eines Vormundes bedürftig wird^ so fragt es sich: ist die 
Vormundschafitsbehörde seines Heimathsstaates oder die seines Aufent- 
halts allein oder doch in erster Linie berufen, solchen Schutz zu ge- 
währen? 

Die IVage beantwortet sich, wie eine Durchsicht des Handbuchs 
der internationalen Nachlassbehandlung von Böhm lehrt, in den ver- 
schiedenen Staaten der zivilisirten Welt sehr verschieden. Während 
in einzelnen Ländern (z. B. Bayern, Baden, Grossbritannien, Russ- 
land) auch für die Bevormundung St^iatsfremder lediglich der Aufent- 
halts- (oder Wohn-) Ort die Zuständigkeit zu begründen scheint und 
dann eine Keihe von Staaten Mittelglieder bilden, in denen Ueimath 
und Aufenthalt sich mehr oder weniger einträchtig in die Fürsorge 
filr schutzbedürftige Fremde theilen, wird in anderen Ländern grund- 
sätzlich die Errichtung der Vormundschaft über Ausländer deren Hei- 
mathsgerichten überlassen. 

Auf dem letzteren Standpunkte stehen namentlich die Nachbar- 
staaten Oesterreich und Sachsen. 

Für Oesterreich bestimmt § 183 des Ges. vom 9. Aug. 1854: 
Uinterlässt ein Ausländer ein im österreichischen Staat befindliches 
Kind, so hat das Gericht demselben einen Vormund für so lange 
zu bestellen, bis von der zuständigen ausländischen Behörde eine 
andere Verfügimg getroffen wird. 

Mit dieser Setzung eines ausualimsweisen Nothbehelfs ist die aus- 
schliessliche Zuständigkeit des auswärtigen Heimathsgerichts als Kegel 
anerkannt. 

Für das königlich sächsische Recht aber wird von der gemeinen 
Meinung (vgl. Siebenhaar, Komm, zum sächs. bürgerl. Gesetzbuch §16; 
(?rü/^ma7^n^ Sachs. Frivatrecht § 216) als oberster Grimdsatz au%estellt: 
Der Staat ist nur seineu Unterthanen ober vormundschaftliche Fürsorge 
scliuldig und hat die Bevormundung bei ihm aufhältlicher Nichtsachsen 
der auswärtigen Behörde zu überlassen: erste Voraussetzung der Be- 
vormundung ist die Staatsangehörigkeit des Mündels in Sachsen. 

Man sollte vermuthen, zwei so gleichgestimmte Nachbarn müssten 
gar glatt mit einander verkommen. Thatsächlich wird aber zwischen 
den österreichischen und sächsischen Grenzgerichten auf Erörterungen 
und Verhandlungen über die Zuständigkeit ziu* Vormundschaftseinleitung 
viel kostbare Zeit verwendet. Mancher Kompetenzkonflikt ver\vickelt 
sich noch dadurch, dass er österreichischerseits mit der Frage der ge- 



L 



182 Amtsrichter Schouffler in Johanngeorgenstadt. 

meindlichen Unterstützungspflicht verquickt wird. Er wird anschmnend 
unlösbar in dem keineswegs ersonnenen Falle^ wo der zu Bevormun- 
dende keinem der beiden Staaten angehört; z. B. weil ihm oder sei- 
nem bisherigen Gewalthaber zum Zwecke der Aufnahme in den Auf- 
enthaltsstaat die Entlassung aus dem Heimathsstaat gewährt^ jene 
Aufiiahme aber aus irgend welchem Grunde versagt worden ist: hier 
kann, so lange das Hindemiss der Heimathlosigkeit besteht, schliess- 
lich nur das arbiträre Eingreifen der Aufsichtsbehörde des einen oder 
andern Staates eine Bevormundung herbeiführen. Die bis dahin ver- 
flossene Zeit wird um so kostbarer sein^ je raschere Befriedigung oh 
das Bediir&iss der Bevormundung erfordert. 

Erbarmt sich aber endlich der Richter des Heimathsstaates seines 
ins Ausland verirrten, hier sesshaft gewordenen, der Heimath vielleicht 
von Generationen her entfremdeten Schaf leins, so weiss er sich zu- 
meist keinen bessern Kath^ als den Richter des Aufenthaltsorts zu bitten, 
dass er an seiner Statt und in seinem Namen einen Vormund bestelle, 
aber ja nicht — dies wäre ein Eingriff in des Heimathsrichters Rechte! — 
des Weiteren überwache. Das Ergebniss ist also thatsächlich das mög- 
lichst ungünstige: der inländische Richter des Aufenthalts führt keine 
Aufsicht, weil Solches nicht seines Amtes ist. Der ausländische Rich- 
ter der Heimath aber filhrt sie nichts weil hierzu der räumlichen Ent- 
fernung und der mangelnden Autorität halber ausser Stande. Muss er 
doch häufig aus Mangel an geeigneten Staatsgenossen am Wohnorte 
des Bevormundeten diesem einen Ausländer zum Vormund bestellen 
und damit der Staatsangehörigkeitstheorie in einem wesentlichen Stücke 
selbst untreu werden. So kommt es, dass z. B. der sächsische Vor- 
mimdschafrsrichter mit manchen ausländischen Vormündern alljährlich 
um die vorgeschriebenen Erziehungsberichte förmlich kämpfen ransfi, 
während den übrigen Theil des Jahres hindurch Vormund und Mündel 
für ihn gleichmässig verschollen sind. 

Es liegt auf der Hand, wie viel besser dem Wohle der Schutz- 
bedürftigen selbst wie derer, die mit ihnen in Verkehr treten, gedient 
wird, wenn der inländische Richter jedes in seinem Bezirke hervortre- 
tende Bedürfniss nach Bevormundung auch Staatsfremden g^entiber 
ungesäumt, selbständig und unbeschränkt zu befriedigen in der Lage 
ist. Vorausgesetzt wird hierbei als selbstverständlich, dass andrerseits 
auch in Bezug auf die Uebertragung der eingeleiteten Vormundschaft 
vom Richter des Aufenthalts auf den Richter der Heimath diejenige 
Freiheit der Bewegung stattfinde, welche durch den Wechsel der Um- 
stände, z. B. die Rückkehr des Mündels in die Heimath, bedingt ist. 
Dann aber wird insbesondere jenem wesentlichen Erfordemiss einer gedeih- 
lichen Vormundschaftspflege : dass Vormundschaftsgericht und Vormund 
einander auch räumlich nahe sind, am Weitestgehenden genügt sein. 

Andrerseits wird durch die Bevormundung von Ausländem in die 
Rechte und Interessen des Heimathsstaats der Mündel in keiner Weise 
eingegriffen, wofern nur die Bevormundung die durch den Aufenthalt 



Zur Frage der Bevormundung fremder Staatsangehöriger. 183 

gezogenen zeitlichen und räumlichen Grenzen einhält; insbesondere 
nicht in die öffentlichrechtlichen Beziehungen des Mündels zum Hei- 
mathsstaate einzugreifen versucht. Hierbei lässt sich vom staatsrecht- 
lichen Gesichtspunkte aus das Recht jedes Staates, auch die in seinem 
Gebiete wesentlich aufhältlichen Fremden, soweit sie dessen bedürftig, 
selbst unter seinen vormund schaftlichen Schutz zu »nehmen, nicht be- 
streiten. Rechtsgeschichtlich abei* ist es sehr bezeichnend, dass der 
Königsschutz, aus welchem in Deutschland die Obervormundschaft her- 
iroigegangen ist, von früher Zeit an sich insbesondere auf die Fremden 
im Lande erstreckte (vgl. Kraut, Vormundschaft, I, § 8 S. 72 f.), und 
dass die richterliche Vormundschaft von vornherein als ein Annexum 
der gewöhnlichen Zivilgerichtsbarkeit betrachtet wurde, sonach schlecht- 
hin demjenigen Gericht zufiel, vor welchem des Unmündigen (also 
auch des Fremden) allgemeiner Gerichtsstand gegeben war i^Krcmt, I, 
§ 10 S. 88). 

Nach alledem lohnt für jeden Staat, in dem bisher die Staats- 
angehörigkeit als eine allgemeine Voraussetzung der Bevormundung 
im Inland angesehen wurde, die Frage wohl der Mühe, ob dieser Satz 
auch wirklich im Rechte begründet sei? Nach Ansicht des Verfassers 
ist gerade für das Königreich Sachsen die Frage zu verneinen. 

Der Satz wird hier vornehmlich auf § 16 des sächs. bürgert. 
Gresetzbnchs gestützt. 

Allein wenn danach „die Vormundschaft nach den Gesetzen des 
Staates, dessen Unterthan der zu Bevormundende ist (der ursprüng- 
liche Zusatz: „und in welchem er sich wesentlich aufhält^ wurde in 
den Kommissionsberathungen als überflüssig und möglicherweise ver- 
wirrend gestrichen), beurtheilt wird^, so muss sie desshalb noch nicht 
von den Gerichten desselben Staates eingesetzt sein. Die „Beurthei- 
lung nach den Gesetzen eines Staates" schliesst hier so wenig wie in 
den §§ 7, 8, 13, 15 desselben Gesetzbuchs ein Thätigwerden der 
Organe dieses Staates nothwendig in sich. Der § 16 ist vielmehr, 
wie sich aus den Kommissionsprotokollen ergibt und von der sächsi- 
schen Rechtsprechung immer anerkannt wurde (vgl. Annalen des vorm. 
OAG. Dresden, N. F. Bd. 6 S. 379), nur auf die rein zivilrechtlichen 
Fragen des Vormundschaftsrechts (die Anlegung, Führung und Be- 
endigung der Vormundschaft), also nicht auf die, wesentlich dem 
öfFentlichen Recht angehörende Frage der Zuständigkeit des Vormund- 
schaftsgerichts zu beziehen. 

Die letztere ist vom sächsischen Gesetzgeber in internationaler 
Beziehung überhaupt nicht allgemein geregelt worden. Immerhin 
lassen die §§ 1877 bis 1879 des sächs. bürgerlichen Gesetzbuchs be- 
sondere Vormundschaften über Inländer im Auslande und über Aus- 
länder im Inlande zu, wenn der Bevormundete daselbst Vermögen hat 
oder Rechtsgeschäfte vornehmen oder Rechtsstreite ftihren soll. Sowohl 
diese positiven Vorschriften wie jenes Schweigen des Gesetzes weisen 
darauf hin, dass auch für Sondervormundschaften anderer Art, nament- 
Zeltftchrift f. intern. Privat- u. Strafrecht etc., Band I. 13 



184 Amtsrichter Scheuffler in Johanngeorgcnstadt. 

lieh aber för die allgemeine Vormundschaft über Ausländer die Zu- 
ständigkeitsvorschriften in §§22 ff. der sächs. Grerichtsordnung ein- 
schlagen, im Wesentlichen also auch hier die Gerichte des Wohnorts 
oder Aufenthalts^ nicht die der Heimath für zuständig zu gelten 
haben. 

Bezüglich der Abwesenheitsvormundschaft hat denn auch bereits 
die sächsische Kechtsprechung angenommen^ dass ihre Bestellung nicht 
die sächsische Staatsangehörigkeit des Abwesenden^ sondern nur zeit- 
weiligen Aufenthalt desselben in Sachsen voraussetze (vgl. Wetigl&r, 
Archiv für zivilr. Entscheidungen Bd. 3 S. 349). 

Ebenso hat in einem neuerlichen Fall das Oberlandesgericht 
Dresden (vgl. dessen Annalen Bd. 11 S. 430 ff.) für zulässig und 
geboten erachtet^ dass vom sächsischen Kichter einem in Sachsen auf- 
hältlichen^ zeitweilig in seiner Haudlungsföhigkeit beschränkten Russen 
zur Geltendmachung seiner in Sachsen zu verfolgenden vermögens- 
rechtlichen Ansprüche und nach Befinden Ordnung der sonstigen^ mit 
seinem Aufenthalt in Sachsen zusammenhängenden Schuld Verhältnisse 
ein Zustandsvormund auf so lange bestellt werde^ als nicht die russische 
Heimathsbehörde etwas Anderes verfüge. Allerdings betont das Ober- 
landesgericht; dass im vorliegenden Falle ein Bedürfniss alsbaldiger 
Vertretung nachgewiesen, dass die letztere vom Bussen selbst erbeten 
war, und dass es sich nicht sowohl um eine Beschränkung desselben 
in seiner Handlungsfähigkeit als vielmehr lediglich um die Wahrung 
seiner vermögensrechtlichen Interessen handelte. Aber mit diesen Vor- 
behalten wird doch gleichzeitig ausdrücklich die Verpflichtung jedes 
Staates anerkannt, auch den in seinem Gebiet auf hältlichen Ausländern 
vormundschaftlichen Schutz zu gewähren. Dabei wird festgestellt, dass 
die Bevormundung einer Person auch in den sächsischen Gresetzen 
nirgends ausdrücklich von deren Eigenschaft als Inländer abhängig 
gemacht ist. 

Zumal das letztere Argument lässt hoffen, dass die sächsische 
Praxis, gedrängt von dem mit dem Wachsen des Verkehrs wachsenden 
Bedürfnisse, die Verpflichtung des inländischen Kichters zur Bevor- 
mundung der bei ihm aufhältlichen Nichtsachsen immer allgemeiner 
anerkennen und von den aus der Beimischung der Staatsangehörigkeit 
herrührenden Beschränkungen immer gründlicher befreien werde. Dann 
dürfte sich zeigen, dass die hier vertretene Auffassung doch auch in 
Sachsen bereits zum positiven Ausdruck gelangt ist. 

Das Königreich Sachsen hat in den Jahren 1839 bis 1867 mit 
Preussen, Sachsen- Altenburg, den Beussischen Fürstenthümern, Sachsen- 
Weimar- Eisenach, Sachsen -Coburg -Gotha und Schwarzburg- Sonders- 
hausen Verträge abgeschlossen, denen zufolge die Bestellung der Per- 
sonalvormundschaft vor die Gerichte des Staates gehört, in welchem 
die zu bevormundende Person ihren Wohnsitz oder wesentlichen Auf- 
enthalt hat. Nach der Ansicht des Verfassers sind hierin nicht sowohl, 
wie behauptet wird, Ausnahmebestimmungen, als vielmehr Nieder- 



Zur Frage der Bevormundung fremder Staatsangehöriger. 185 

schlage eines auch in Sachsen lebendigen und sich auswirkenden Rechts- 
gedankens zu erblicken. 

Nur die Uebereinkunft Sachsens mit Baden erklärt im Art. 31 
zur Vormundschaftsbestellung die Behörde desjenigen Staates , in 
welchem der zu Bevormundende heimathsberechtigt ist und erst^ wenn 
ein Heimathsrecht nicht auszumitteln wftre^ die Behörde des Wohn- 
oder Aufenthaltsorts für zuständig. Allein diese Bestimmung ist aus- 
drGcklicli beschränkt auf den besonderen Fall^ wenn das Mündel in 
beiden Staaten Vermögen besitzt, und will, wie aus Art. 82 und 33 
ersichtlich, nur für die erste Zeit nach dem Eintritte des Vormund- 
schaftsbedürfnisses (zumeist dem Tode des Vaters) die Frage regeln, 
in welchem von beiden Staaten die ^Personal- oder Hauptvormund- 
schafk'^ einzusetzen ist und in welchem daneben eine „besondere 
Güterkuratel" errichtet werden kann. Ferner ist in Art. 84 aus- 
drücklich der spätere Uebergang der Personalvormundschaft von der 
Behörde der Heimath auf die des Wohnsitzes vorgesehen. Sonach 
scheint auch dieser Staatsvertrag (im Einklang mit der prinzipiellen 
Auffassung 'des badischen Kechts) stillschweigend für die Regel, 
d. h. abgesehen von der Vertheilung des Mündelvermögens auf beide 
Staaten, die Zuständigkeit der Vormundschafitsbehörde des Wohnsitzes 
in erster Linie vorauszusetzen. 

Endlich ist in einer im Jahre 1862 zwischen der sächsischen und 
der österreichischen Kegierung zur Kegelung der Verhältnisse ihrer im jen- 
seitigen Gebiet fungirenden Zollbeamten getroffenen Uebereinkunft zwar 
im Art. VI bestimmt, dass die Verfolgung der Amtsdelikte dieser Be- 
amten, die Behandlung ihrer Nachlässe und die Vormundschaften 
sowie die Kuratelen über ihr Vormögen den Grerichten des Heimath- 
landes zustehen soll. Allein diese Bestimmung kennzeichnet sich selbst 
schon ihrer Fassung nach als eine Ausnahme von der daneben aus- 
drücklich anerkannten Kegel, dass ,.im Uebrigen alle Ausländer der 
Polizei- und Justizgewalt des Staates unterworfen sind, in dem sie 
sich aufhalten". Sonach hat selbst für den Verkehr zwischen Oester- 
reich und Sachsen die regelmässige Zuständigkeit der Aufenthalts- 
behörde zur Vormundschaftsbestellung einen mittelbaren gesetzgebe- 
rischen Ausdruck gefunden. 

Ob auch im Uebrigen in Oesterreich sowie in denjenigen deut- 
schen Staaten, welche bisher die Zuständigkeit des Heimaths- als des 
Vormundschaftsgerichts begünstigt haben, eine ähnliche Strömung wie 
die im Vorstehenden für Sachsen dargestellte, Platz gegriffen hat, 
vermag der Verfasser nicht zu übersehen. Für das Verhalten der. ein- 
zelnen Glieder des Deutschen Reichs gegenüber den Angehörigen an- 
derer Bundesstaaten dürfte eine solche Rechtsentwicklung dem in Art. 3 
der Reichsverfassung zum Ausdruck gelangten Grundsatze des gemein- 
samen Indigenats aller Deutschen umsomehr entsprechen, als die Frage 
der Zuständigkeit des Vormundschaftsgerichts wesentlich öffentlich- 
rechtlicher Natur ist. In der ITiat wird sich Reichsangehörigen gegen- 

13* 



[ 



186 I^r* Ful<l in Mainz, StaatBangehörigkeit nach franz. Rechte. 

über der Satz^ dass der einzelne Bundesstaat nur seinen eigenen 
Unterthanen vorraundschaftlichen Schutz schulde ^ schon jetzt am 
Wenigsten aufrecht erhalten lassen. Für die Zukunft aber setzt ihm 
das grosse deutsche Gesetzgebungswerk in seinen Vorarbeiten für das 
Beichsgebiet ein Ende. 

Zwar ausdrücklich bestimmt der Entwurf zum deutschen bürgerl. 
Gresetzbuch nichts über die Zuständigkeit der von ihm in § 1634 
vorausgesetzten Vormundschaftsgerichte. Dieselbe soll nach der Anm. 1 
zum 4. Buche, §§ 1227 ff., und nach den Motiven Bd. IV S. 1008 
besonderen reichsgesetzlichen Vorschriften vorbehalten sein. 

Nach Art. 91 des Entw. zum Einführungsgesetz sollen die Vor- 
schriften der Landesgesetze Über die Zuständigkeit der Behörden und 
Beamten in Angelegenheiten der nichtstreitigen Rechtspflege unberührt 
bleiben, vorausgesetzt, dass nicht ein besonderes Keichsgesetz hierüber 
erlassen wird (Anm. 1 zu Art. 91 ; Begründung S. 232 — 234). Nur 
bezüglich der Frage, ob und inwieweit auch für Ausländer, d. h. 
für Nichtdeutsche, die Anordnung einer Vormundschaft im Inlande zu 
erfolgen hat, wird in der Begründung zu § 1634 des Entwurfes 
(Motive Bd. IV S. 1047) auf die Grundsätze des internationalen 
Privatrechts verwiesen. 

Dagegen wird mit dem Inkrafttreten des Gesetzentwurfs die Be- 
vormundung eines Deutschen ausserhalb seines Heimathsstaates, aber 
in Deutschland ihren internationalen Karakter ohne Weiteres selbst 
dann verlieren, wenn jene Voraussetzung: der Erlass eines besonderen 
Reichsgesetzes über die nichtstreitige Rechtspflege, ermangeln sollte. 
Denn wie auch danach die Einzelstaaten die Zuständigkeit ihrer Vor- 
mundschaftsgerichte regeln mögen, so wenig wie die Staatsangehörigkeit 
des deutschen Vormunds in einem anderen Bundesstaate für Jenen 
einen Ablehnungsgrund (vgl. Motive zu § 1639 Bd. IV S. 1063), 
wird die fremde Staatsangehörigkeit des deutschen Mündels für das 
inländische Gericht noch einen Grund ' der Unzuständigkeit abgeben 
dürfen. 



Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit nach fran- 
zösischem Rechte. 

Von Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fuld in Mainz. 

Die sedes nmteriae der Bestimmungen über den Erwerb und 
Verlust der französischen Staatsaugehörigkeit bildete bis in die jüngste 
Zeit der Code eivilj obwohl dessen hierauf sich beziehende Vorschriften 
allgemein als veraltet und den Bedürfnissen des heutigen Lebens nicht 
entsprechend erachtet wurden. Eine Reihe im Laufe zweier Menschen- 
alter erlassenen Gesetze hatte den Inhalt des Code in Ansehung dieses 
Gegenstandes in verschiedenen Punkten verändert^ so das Gesetz vom 
22. März 1849, die Gesetze vom 7. Februar 1851 und 16. Dexember 



Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit nach franz. Rechte. 187 

1874, vom 29. Juni 1867 und 28. Juni 1883. Die Ersetzung dieses 
zu grossen Zweifeln Anlass gebenden unklaren und lückenhaften 
Kechtszustandes durch ein Kecht^ welches die Zahl der „Nationalitäts- 
losen^ vermindere und den Erwerb der französischen Nationalität für 
diejenigen Personen erleichtere^ deren Interesse sie' an Frankreich 
fessele, wurde seit Beginn des letzten Jahrzehntes lebhaft erörtert, 
imd nachdem die Behandlung der Angelegenheit Jahre hindurch so- 
wohl in der Fach- wie in der politischen Presse einen breiten Raum 
eingenommen hatte, gelang im Jahre 1889 die Verabschiedung eines 
Gesetzes, welches nunmehr die Quelle für die Bestimmungen über den 
Erwerb der französischen Nationalität bildet; das Publä^ationsdatum 
desselben ist der 26. Juni 1889. 

Wir geben im Nachstehenden zunächst eine Uebersetzung seines 
Inhaltes '). 

Artikel 1. 

Die Artikel 7, 8, 9, 10, 12, 13, 17, 18, 19, 20 und 21 des bürgerlichen 
Gesetzbaches erhalten die folgende Fassung. 

Art. 7. Die Ausübung der bürgerlichen Rechte ist unabhängig von 
der Ausübung der politischen Rechte, welche in Gemässheit der Vorschrif- 
ten der VerfassungB- und Wahlgesetze erworben und erhalten werden. 

Art 8. Jeder Franzose geniesst die bürgerlichen Rechte. 

Franzosen sind: 

a) Alle Kinder eines Franzosen, die in Frankreich oder im Auslande 
geboren werden. Ein natürliches Kind, dessen Kindschaft während seiner 
Minderjährigkeit durch Anerkennung oder Urtheil festgestellt ist, besitzt 
die Staatsangehörigkeit desjenigen Eltemtheils, in Ansehung dessen der 
Beweis der ändschaft zuerst erbracht worden ist; enthält denselben in 
Ansehung des Vaters oder der Mutter derselbe Akt oder dasselbe Urtheil, 
80 erlangt das Kind die Staatsangehörigkeit des Vaters. 

b) Alle in Frankreich geborenen Kinder, deren Eltern unbekannt sind 
oder eine Ungewisse Staatsangehörigkeit besitzen. 

e) Alle in Frankreich geborenen Kinder eines Ausländers, welcher 
gleichfalls in Frankreich geboren ist. 

d) Alle in Frankreich geborenen Kinder eines Ausländers, welcher zur 
Zeit seiner Grossjährigkeit in Frankreich seinen Wohnsitz hat, sofern er 
sieht in dem auf die Grossjährigkeit folgenden Jahre die französische 
ünterihanenschaft abgelehnt, ferner durch eine in genügender Form aus- 
gestellte Bescheinigung seiner Regierung dargethan hat, dass er noch im 
Besitze der Staatsangehörigkeit seiner Eltern sich befindet und nicht 
aoBserdem eine weitere Bescheinigung vorlegt, wonach er der durch die 
Gesetze seines Landes geregelten Militärpflicht genügt hat; die in den 
Staatsverträgen enthaltenen Ausnahmen hiervon bleiben aufrecht erhalten, 
die erwähnte Bescheinigung muss der Erklärung beigefügt werden. 

e) Naturalisirte Fremde. 

Die Naturalisation können erhalten: 

a> Fremde, welche in Gemässheit des unten folgenden Artikels 13 die 
£rlaubniss erlangt haben, ihren Wohnsitz in Frankreich aufzuschlagen, 
und zwar nach £eijährigem Aufenthalt in Frankreich; diese Frist beginnt 



*) Im nächsten Hefte wird eine systematische Betrachtung und Ver- 
gleiehung der nunmehr geltenden Bestimmungen mit dem bisherigen fran- 
zösischen und dem deutschen Recht folgen. 



188 Kechtsaiiwalt Dr. Ludwig Fuld in Mainz. 

mit dem Tage der EinregiBtrining ihres Gesucbes bei dem MiniBterium der 
Jnstiz. 

b) Fremde, welche einen seit zehn Jahren nicht unterbrochenen Auf- 
enthalt nachweisen können; dem Aufenthalt in Frankreich wird der Auf- 
enthalt in einem fremden Lande gleichgeachtet, wenn derselbe in Aus- 
übung eines von der französischen Regierung übertragenen Auftrages 
geschieht. 

c) Fremde, welche zum Aufschlagen ihres Wohnsitzes in Frankreich 
zugelassen sind, nach einem Jahre, wenn sie dem französischen Staate 
wichtige Dienste geleistet haben, wenn sie nach Frankreich hervorragende 
Talente gebracht, eine Industrie oder nützliche Erfindung eingeführt, in- 
dustrielle oder andere Unternehmungen oder landwirthschaftiiche Betriebs- 
einrichtungen geschaffen oder in den französischen Kolonien und Schutz- 
herrschaften militärische Dienste irgend weicher Art geleistet haben. 

d) Der Fremde, welcher eine Französin geheirathet hat, nach einem 
Jahre seit seiner genehmigten Niederlassung. 

Ueber das Naturalisationsgesuch wird auf Grund einer über die 
Moralität des Fremden angestellten Untersuchung durch Dekret ent- 
schieden. 

Art 9. Jedes in Frankreich geborene Kind eines Ausländers, welches 
zur Zeit seiner Grossjährigkeit seinen Wohnsitz daselbst nicht hat, kann 
bis zur Vollendung des zweiundzwanzigsten Lebensjahres erklären, sich 
in Frankreich niederlassen zu wollen und sofern es sich innerhalb eines 
Jahres von dieser Erklärung ab daselbst ansässig macht, die Staats- 
angehörigkeit durch eine weitere im Ministerium der Justiz einregistrirte 
Erklärung erlangen. 

Die Erklärung muss, wenn es sich um eine Person unter 21 Jahren 
handelt, in deren Namen durch den Vater und im Falle des Ablebens 
desselben durch die Mutter abgegeben werden; sind Vater und Mutter 
verstorben oder von der Vormundschaft ausgeschlossen, so erfolgt dieselbe 
ebenso wie in den in Art. 141, 142 und 143 des bürgerlichen Gesetzbuches 
normirten Fällen durch den hierzu seitens des Familienrathes ermächtigen 
Vormund. 

Eine solche Person wird auch dadurch Franzose, dass sie, ohne aus 
ihrer fremden Staatsangehörigkeit einen Einwand zu erheben, an dem Re- 
knitirungswesen Theil nimmt auf Grund ihrer Eintragung in die Muste- 
rungslisten. 

Art, 10. Jedes in Frankreich oder im Ausland geborene Kind solcher 
Eltern, von denen der eine Theil das französische Staatsbürgerrecht ver- 
loren hat, kann dasselbe in jedem Lebensalter nach Massgabe der in 
Art. 9 präzisirten Bedingungen erhalten ; . vorausgesetzt wird dabei jedoch, 
dass der Betreffende in Frankreich seit seiner Grossjährigkeit seinen 
Wohnsitz besitzt, seine Militärpflicht erfüllt und keine fremde Staatsange- 
hörigkeit in Anspruch genommen hat. 

Art. 12. Die Ausländerin, welche einen Franzosen heirathet, erlangt 
die Staatsangehörigkeit ihres Ehemannes. 

Die an einen Ausländer verheirathete Frau, welche sich naturaltsiren 
lässt, und die grossjährigen Kinder können die französische Staatsangehö- 
rigkeit ohne Weiteres erhalten durch das Dekret, welches die Naturalisa- 
tion des Mannes, des Vaters oder der Mutter ausspricht oder in Geroäss- 
heit einer Erklärung, welche sie unter Wahrung der in Art. 9 enthaltenen 
Bedingungen abgeben. 

Die minderjährigen Kinder eines überlebenden Vaters oder einer über- 
lebenden Mutter, welche sich naturalisiren lassen, erlangen die franzö- 
sische Staatsangehörigkeit, sofern sie nicht in dem auf die Grossjährig- 
keit folgenden Jahre in Gemässheit des Artikels 8 lit. d dieselbe ab- 
lehnen. 



Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit nach franz. Rechte. 1^9 

Art 13. Der durch Dekret zur Errichtung seines Wohnsitzes in 
Frankreich ermächtigte Ausländer geniesst daselbst alle bürgerlichen 
Rechte. 

Die Wirkung dieser Ermächtigung erlischt nach Verlauf von fünf 
Jahren, sofern der Ausländer nicht die Naturalisation begehrt oder wenn 
sein hierauf gerichtetes Gresuch zurückgewiesen wird. 

Stirbt derselbe vor der Naturalisation, so kommt die Ermächtigung 
und die seitdem verstrichene Zeit der Frau und den Kindern zu gut, 
welche zur Zeit des Erlasses des die Ermächtigung enthaltenden Dekretes 
minderjährig waren. 

Art 17. Die französische Staatsangehörigkeit yerliert: 

a) Der im Auslande natnralisirte Franzose, wie auch derjenige, welcher 
die fremde Staatsangehörigkeit vermöge des Gesetzes auf sein Nachsuchen 
erhält. 

Ist derselbe noch der Militärpflicht in der aktiven Armee unterworfen, 
so hat die fremde Naturalisation den Verlust der französischen Staats- 
angehörigkeit nur dann zur Folge, wenn die französische Regierung ihr 
zugestimmt hat. 

b) Der Franzose, welcher in den in Art. 8 lit. d und Art. 12 und 18 
geregelten Fällen auf die französische Staatsangehörigkeit verzichtet. 

e) Der Franzose, welcher von der Regierung eines ausländischen Staa- 
tes mit der Besorgung öffentlicher Angelegenheiten beauftragt ist und 
es ablehnt, trotz der Aufforderung der französischen Regierung von der 
weiteren Verwaltung derselben binnen einer ihm gestellten Frist abzu- 
sehen. 

d) Der Franzose, welcher ohne Genehmigung der Regierung Militär- 
dienste im Auslande leistet; die Strafen wegen Entziehung von der Mili- 
tärpflicht werden hierdurch nicht berührt. 

Art. 18. Der Franzose, welcher die Staatsangehörigkeit verloren hat, 
kann dieselbe durch ein die Wiedereinsetzung aussprechendes Dekret 
wieder erhalten, sofern er sich in Frankreich aufhält. Durch dasselbe 
Dekret kann die Staatsangehörigkeit der Frau und den grossjährigen 
Kindern gewährt werden, welche darum nachsuchen. Die minderjährigen 
Kinder des Vaters oder der Mutter, deren Wiedereinsetzung stattgefunden 
hat, werden Franzosen, sofern sie nicht innerhalb des auf die Grossjährig- 
keit folgenden Jahres auf die französische Staatsangehörigkeit nach Mass- 
gabc der Vorschriften des Artikels 8 lit. d verzichten. 

Art. 19. Die Französin, welche einen Ausländer heirathet, erlangt die 
Staatsangehörigkeit ihres Mannes, sofern ihr die Heirath dieselbe über- 
trägt; ist diess nicht der Fall, so bleibt sie Französin. 

Wird die Ehe durch Tod oder Scheidung aufgelöst, so erlangt sie mit 
Genehmigung der Regierung die französische Staatsangehörigkeit wieder, 
sofern sie in Frankreich sich aufhält oder dahin zurückkehrt und erklärt, 
dort bleiben zu wollen. 

Wird die Ehe durch den Tod des Mannes aufgelöst, so kann die fran- 
zösische Staatsangehörigkeit durch dasselbe Dekret der Wiedereinsetzung 
den minderjährigen Kindern auf Grund eines Gesuches ihrer Mutter oder 
durch ein anderes Dekret gewährt werden, wenn das Gesuch durch den 
Vormund mit Genehmigung des Familienrathes eingereicht ist. 

Art. 20. Die Personen, welche die französische Staatsangehörigkeit 
in den durch die Artikel 9, 10, 18 und 19 vorgesehenen Fällen erlangen, 
können sich auf dieselbe nur zu Gunsten der seit diesem Zeitpunkte 
existent gewordenen Rechte beziehen. 

Art. 21. Der Franzose, welcher ohne Genehmigung der Regierung 
einem fremden Staate Militärdienste leistet, kann nach Frankreich nur auf 
Grund einer ihm durch Dekret gewährten Erlaubniss zurückkehren, die 
französische Staatsangehörigkeit erhält er nur dadurch wieder, dass er die 



190 I^r. Klöppel, die leitenden Grundsätze des intern. Privatreohts. 

in Frankreich dem Ausländer fQr die Erlangung der gewöhnlichen Natu- 
ralisation auferlegten Bedingungen erfüllt. 

Artikel 2. 

Das gegenwärtige Gesetz gilt für Algerien und die Kolonien Yon 
Guadeloupe, Martinique und R6union. Für Algerien behalten aber die er- 
lassenen besonderen Bestimmungen, insbesondere das Senatnskonault vom 
14. Juli 1865, ihre Gültigkeit. 

Artikel 3. 

Der naturalisirte Ausländer geniesst in Frankreich alle mit der fran- 
zösischen Staatsangehörigkeit verbundenen bürgerlichen und politischen 
Rechte, jedoch kann er als Mitglied der gesetzgebenden Versammlungen 
erst zehn Jahre seit dem Erlasse des Naturalisationsdekretes gewählt wer- 
den, sofern nicht ein Sondergesetz diese Frist abkürzt. Dieselbe kann 
bis zu einem Jahre vermindert werden. 

Die Franzosen, welche die verloren gewesene Staatsangehörigkeit 
wieder erlangen, treten sofort in den Genuss aller politischen und bürger- 
lichen Rechte ein, einschliesslich der Wählbarkeit zu gesetzgebenden Ver- 
sammlungen. 

Artikel 4. 

Die Abkömmlinge der durch den Widerruf des Ediktes von Nantes 
proskribirten Familien behalten die ihnen durch das Gesetz vom 15. Sep- 
tember 1790 zugesicherten Befugnisse ; jedoch muss ftir jeden Gesuchsteller 
ein besonderes Dekret erlassen werden, das nur in Ansehung der Zukunft 
Wirkung ausübt. 

Artikel 5. 

Behufs Ausführung des gegenwärtigen Gesetzes wird eine Vollzugs- 
verordnung bestimmen: 1) die Bedingungen, unter welchen seine Bestim- 
mungen auf andere als die in Art. 2 erwähnten Kolonien anwendbar sein 
sollen, sowie das in den Kolonien für die Naturalisation, einzuhaltende Ver- 
fahren, 2) die Formen und Bescheinigungen für die gewöhnliche Naturali- 
sation und die in den Art. 9 und 10 des bürgerlichen Gesetzbuches be- 
rücksichtigte begünstigte, sowie für den Verzicht auf die Staatsangehörig- 
keit. 

Artikel 6. 

Die Dekrete vom 6. April 1809 und 28. August 1811, die Gesetze vom 
22. März 1849, 7. Februar 1851, 29. Juni 1867, 16. Dezember 1874, 14. Fe- 
bruar 1882, 28. Juni 1883, sowie alle mit dem gegenwärtigen Gesetze in 
Widerspruch stehenden Bestimmungen werden aufgehoben. 

Ue b er gangs Vorschrift. 
Jede vor dem gegenwärtigen Gesetze erlangte Zulassung zum Wohn- 
sitz ist wirkungslos, wenn nicht innerhalb einer Frist von 5 Jahren seit 
der Verkündigung des Gesetzes ein Gesuch um Naturalisirung eingereicht 
oder dasselbe zurückgewiesen worden ist. 



leitenden Grundsätze des internationalen 

Privatrechts. 

Von D r. Klöpp e l , Rechtsanwalt b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

(Fortsetzung und Schluss.) 

IV. 
Wenn von dem Grundsätze^ dass jeder Richter die zu seiner Ent- 
scheidung gebrachten BeohtsfUle nach dem Rechte seines Staates zu 



Die leitenden Grundsätze des internationalen I*rivatrechtB. 191 

beiirtheilen hat, nur die im Auslande wohlerworbenen Bechte oder — 
was nur ein für gewisse Beziehungen passenderer Ausdruck sein soll — 
wohlbegründeten Rechtsverhältnisse auszunehmen sind^ so ergibt sich 
als Folge davon^ dass die Formen der Rechtsgeschäfte wie die Rechts- 
und Handlungsfllhigkeit der Personen, die an sich weder Rechte noch 
Rechtsverhältnisse sind, nur als Bedingungen in Betracht kommen, 
unter welchen am bestimmten Ort das fragliche Recht erworben oder 
das Rechtsverhältniss begründet werden konnte; nur wird gerade in 
dieser Richtung auch die Einschränkung der Ausnahme Anwendung 
finden, dass die absichtliche Umgehung inländischer Vorschriften 
über Form und Geschäftsfähigkeit vor dem inländischen Gericht keinen 
Bestand haben kann. Die „llieorie der wohlerworbenen Rechte ^^ in 
unserem Sinne kommt also keinenfalls, wie v, Bar (I 8. 384) meint, 
in die Lage, ,^ persönliche Eigenschaften^ als wohlerworbene Rechte zu 
behandeln. 

So viel nun die Formen der Rechtsgeschäfte anlangt, wird die 
obige Aufstellung durch die allgemeine Geltung des Satzes locus regit 
actum durchaus bestätigt und bedarf es gerade nach unserer Voraus- 
setzung nicht erst der Annahme eines besonderen Gewohnheitsrechts, 
um diese Geltung zu begründen. Andererseits aber folgt aus dieser 
Voraussetzung ebenso unmittelbar, dass der Satz nicht zwingender 
Natur ist. Wenn ein Recht deshalb vor dem diesseitigen Richter als 
wohlerworben angesprochen werden kann, weil das begründende Rechts- 
geschäft nach dem Rechte des ausländischen Abschlussortes gültig zu 
Stande gekommen ist, so ist für denselben Richter die gleiche Rechts- 
beständigkeit des von Inländern im Auslande nach inländischem Rechte 
geschlossenen Geschäftes nicht erst durch die völkerrechtliche Aus- 
nahme, sondern durch den staatsrechtlichen Grundsatz gegeben, ohne 
dass es für uns der weitausholenden Begründung bedarf, welche v.Bar 
(I S. B53 ff.) für die nur fakultative Bedeutung der Regel ^locus 
regit aetwn^ nöthig findet. Mit vollem Grunde aber weist er (S. 359) 
auf die Bestätigung dieser Auffassung durch die Gresetzgebungeu und 
Staatsverträge hin, welche Gesandte und Konsuln zur Beurkundung 
von Rechtsgeschäften und Vornahme von Rechtshandlungen unter den 
Angehörigen des von ihnen vertretenen Staates ermächtigen. — Dass 
auch die sonstigen Zweifel, welche über die Anwendung des Satzes 
f,locu8 regit actum^ bestehen, am einfachsten nach unserer Auffassung 
zu heben sind, wird sich bei den einzelnen Rechtsverhältnissen er- 
geben. 

Die Rechts- und H^ndlungsf^gkeit dagegen geht ganz in die 
^allgemeine Verwirrung" ein, welche (v.Äirl S.357) über das Gebiet 
des „Status" und der ,,Kapazität" (etat et capaeüe in Art. 3 des fir. 
Code dv.) herrscht — die aber nicht gerade dadurch geklärt wird, 
dass v,Bar unter das „Personenrecht" nur die Rechts- und Handlungs- 
fähigkeit ziehen will, daneben aber einen Begriff des ,^ persönlichen 
Rechts" beibehält^ unter den er doch wieder das ganze Familienrecht 



192 1^1". Klöppel, Rcchtsanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

bringt (1 S. 439). Was nun den römischen Ausdruck y.stcUus'^ an- 
langt, so hat derselbe richtig verstanden für das heutige Kecht über- 
haupt keinen Sinn mehr. Denn er bedeutet nicht jeden beliebigen 
^ Znstand *^ der Person« worunter dann überhaupt jedes dauernde Rechts- 
verhältniss verstanden werden müsste^ sondern die einheitliche Rechts- 
stellung der Person, die sich aus dem dreifachen möglichen Verhält- 
nisse ergab, ob sie unfrei oder frei, fremd oder Bürger^ rechtsabhängig 
icdieno juri subjecta) oder selbständig (stii juris) war, und zwar be- 
zog sich der letztere Unterschied auf die Fähigkeit, eigene Vermögens- 
rechte zu haben oder nicht. Nie aber ist es den römischen Juristen 
beigekommen^ die Handlungsfähigkeit unter den Begriff des Status zu 
bringen, denn der Sklave, der keinen Status hatte, war f^ seinen 
Herrn im ganzen Umfange des Vermögensrechts handluugsf^ig, wie 
der unter väterlicher Gewalt stehende Sohn; ebensowenig ist der Aus- 
druck auf die Ehe, abgesehen vom Verhältnisse der manus, und auf 
die Verwandtschaft, abgesehen von der väterlichen Gewalt, angewendet 
worden. Das Recht dex heutigen Kulturstaaten kennt keine Unfreiheit, 
keine Rechtsungleichheit der Fremden, und eine väterliche Gewalt nnr 
noch als Beschränkung der Handlungsfähigkeit gleich der Vor- 
mundschaft. Soweit aber sonst Beschränkungen der Rechtsf&igkeit 
gelten, werden diese allgemein (v, Bar \ S. 390 ff.) nicht nach dem 
Rechte der Heimath, sondern nach dem des Territorialstaates, also 
nicht als ,. Statusrecht ^^ behandelt, z. B. die Fähigkeit zum Erwerbe 
von Grundeigenthum, zu gewissen Arten der Erbfolge. Ebenso wird 
die Frage der Staatsangehörigkeit in jedem Staate nach dessen eigenem 
Recht beurtheilt. Nachdem so das Wort ,, Status^ seine ursprüngliche 
Bedeutung ganz verloren hat, kann es nicht mehr dazu dienen, be- 
grifflich die Anwendung des ,, persönlichen Rechts*^ zu begründen, viel- 
mehr dient es nur zur äusserlichen Zusammenfassung derjenigen Ver- 
hältnisse, welche nach den Traditionen des Personalstatuts oder nach 
der Willkür seiner Wiederbelebung durch die italienische Schule den 
Einwirkungen des Territorialrechts entzogen sein sollen. Wie weit dies 
im Einzelnen Grund hat, kann demnach nur bei Jedem für sich unter- 
sucht werden. 

Für die ,, Kapazität^ neben dem Status bleibt hiemach nnr die 
Handlungs- oder Geschäftsfähigkeit übrig. Dabei aber ist die gänzliche 
Unfähigkeit wegen Mangels des Unterscheidungs Vermögens scharf zu 
trennen von den blossen Beschränkungen der Handlnngsf^igkeit^ 
welche niur den Zweck haben^ gewisse wohl unterscheidungsfähige Per- 
sonen wegen ihrer angenommenen Willensschwäche gegen die Folgen 
unüberlegter Handlungen zu schützen. Keine verständige Rechtsord- 
nung kann Rechtsfolgen an die Handlungen von Kindern oder Wahn- 
sinnigen knüpfen, es hört auch Niemand auf, Kind oder wahnsinnig 
zu sein, wenn er die Grenzen seines Staates überschreitet, und ist der 
Eintritt der Geschäftsunfähigkeit wegen Wahnsinns in dem einen Staate 
durch einen gerichtlichen Akt der Entmündigung festgestellt worden, 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 19o 

so folgt ans der gegenseitigen Anerkennung der Reclitseinriclitungen, 
dass diesem Akte in jedem anderen Staate die gleiche Bedeutung zu- 
gestanden wird, als wenn er dort ergangen wäre. Darüber ist denn 
auch im Ernst kein Streit, und v, Bar (1 S. 892) betrachtet die Hand- 
longsfi&higkeit sogar nur unter dem Gesichtspunkte der Fürsorge fiir 
die Person. So weit aber dieser Schutz solchen Personen zu Theil 
wird, die nicht von Natur wegen eines überall erkennbaren Mangels 
des Unterscheidungsvermögens geschäftsunflähig sind, lässt sich völker- 
rechtlich, wie schon früher bemerkt, weder der Anspruch rechtfertigen, 
dass der fremde Staat in diesem Schutze weiter gehe als der heimische, 
noch dass er darin weiter gehe als in dem Schutze seiner eigenen 
Angehörigen. Wer also in seiner Heimath handlungsfähig ist, muss 
sich auch im Auslande als solcher behandeln lassen; aber auch der in 
seiner Heimath handlungsunfähige Ausländer ist als handlungsfähig 
anzusehen, wenn er es nach dem Becht des Ortes ist, wo er ein Ge- 
schäft abschliesst. Demnach konmit also die Handlimgsfähigkeit im 
Allgemeiner^ wie die Form des Geschäfts, nur als Bedingung der gül- 
tigen Begründimg eines Rechts durch das letztere in Betracht, beide 
gehen in die Voraussetzimgen eines wohlerworbenen Kechts auf. 

Sehen wir uns nun nach der Bestätigung dieser Annahme im 
positiven internationalen Privatrechte um, so muss v, Bar (I S. 397) 
zugeben, dass die nordamerikanische Jurisprudenz die Handlungsfähig- 
keit durchaus nach der lex loci contractus beurtheilt« dass dies auch früher 
durchaus die Auffassung der englischen Grerichte war, und diese erst seit 
Kurzem, besonders durch unklare Verallgemeinerung der Bedenken 
schwankend geworden, die allerdings bei der Eheschliessung aus 
deren besonderen Bedingungen sich ergeben und daher zweckmässig 
bei dieser besonders zu würdigen sind. — v, Bar fasst nun freilich diese 
Stellung der überseeischen Rechtsprechimg als ,, Nichtanerkennung'^ 
eines Gewohnheitsrechts auf, welches (S. 394) ,^wenigstens f\ir den 
europäischen Kontinent^ in dem Sinne gelten soll, dass die Fremden 
bezüglich ihrer Handlungsfähigkeit nach dem Gesetze ihres Domizils 
überall beurtheilt werden. Eine völkerrechtlich bindende Gewohnheit 
nun könnte dies nicht sein, da der europäische Kontinent keine be- 
sondere Rechtsgemeinschaft innerhalb des Bereichs des europäischen 
Völkerrechts ist. Auch ergibt die geschichtliche Herleitung desselben 
bei V. Bar, dass es unter dem staatsrechtlichen Gesichtspunkt der Sta- 
tutentheorie entstanden sein soll; und er vermag es denn auch nur 
aus denjenigen Gesetzgebungen, welche auf der alten oder neubelebten 
Statuten theorie beruhen, und aus Schriftstellern zu belegen, die mehr 
oder minder von dieser Theorie beherrscht sind und den völkerrecht- 
lichen Gesichtspunkt entsprechend verkennen. Hinterher muss er dann 
^eine Reaktion modemer Gesetzgebungen gegen jenes Gewohnheits- 
recht'' zugestehen, durch welche dessen wirkliches Dasein auch für den 
europäischen Kontinent noch fragwürdiger wird. In der That bestä- 
tigen das preussische Landrecht (Einl. §§ 23, 35) und die deutsche^ 



194 L>r. Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

Wechselordnung (Art. 84) ganz die hier vertretene AufTassung, wäh- 
rend das sächsische B.G.B. (§8) die Handlungsfähigkeit des Aus- 
länders in jedem Falle nach inländischem Recht beurtheilen will, wenn 
eine Verpflichtung aus einer im Inlande vorgenommenen Handlung in 
Frage ist. — Endlich ist noch zu bemerken^ dass neuerdings die fran- 
zösische Jurisprudenz y welche Überhaupt das angebliche Gewohnheits- 
recht^ so weit es zu Gunsten der Ausländer gelten soll; nur durch 
eine Schlussfolgerung aus dem nur von dem Franzosen sprechenden 
Art. 8 des Code eiv. ableitet^ sich daran in dem Falle nicht gebunden 
hält; ' wenn dem französischen Kontrahenten hinsichtlich der Erkun- 
digung nach der Handlungsfähigkeit des Ausländers keine Nachlässig- 
keit vorgeworfen werden kann, (v, Bar I S. 399.) — Nach alledem ist 
die Zähigkeit unverständlich; mit welcher v.Bar an diesem „Grewohn- 
heitsrecht" festhält, obwohl er sich (8. 898 ff.) dessen Unbilligkeit und 
Unzuträglichkeit fiir den einheimischen Verkehr nicht verhehlt und 
zuletzt nur dem französischen „ Vermittlungsprinzip ^ die Zukunft ver- 
spricht (S. 400). Aber woher sollte denn auch nur das ^vernünftige 
sein, dem Inländer , der in seiner Heimath vom Ausländer angesucht 
wird; eine Pflicht der Erkundigung nach der Handlungsfähigkeit des 
letzteren aufzubürden? Auch dass der Heimathstaat des im Inlande 
als handlungsfähig verurtheilten Ausländers dem Urtheile die Aner- 
kennung und Vollstreckung versagen kann^ ist kein Grund; dem In- 
länder den Schutz seiner Rechtsordnung zu entziehen; wenn und so 
weit sie den Ausländer innerhalb ihres Machtbereichs treffen kann. 
Aber wenn wirklich die Frage auf die rein völkerrechtliche Fassung 
gestellt wird; wie viel ein Staat für den Schutz seiner Angehörigen 
im Gebiete eines anderen Staates von diesem mit Grund verlangen 
kann; so handelt eben derjenige völkerrechtswidrig, der mehr verlangt 
imd dieses mehr innerhalb seines Machtbereichs durchsetzt. Es wäre 
also an der deutschen Rechtslehre und Rechtsprechung; die englische 
und amerikanische im Widerstände gegen das ,, Unvernünftige^ zu 
unterstützen; statt sie durch Ermuthigung unklarer und unbegründeter 
Doktrinen in Verwirrung zu bringen. — Davon ist ja in dieser ganzen 
Erörterung nicht die Rede; dass der Staat; der einen in seiner Hei- 
math minderjährigen Ausländer wegen eines im diesseitigen Grebiete 
geschlossenen Geschäfts als handl imgsfähig in Anspruch nehmen läast, 
damit die über dessen Vermögen in der Heimath geführte Vormund- 
schaft in Frage stellt. Denn mit dieser ist es an sich gar nicht un- 
verträglich; dass der Vormund die Verbindlichkeiten des Mündels ans 
gewissen Geschäften aus dessen Vermögen erfüllen muss. 

V. 

Im Sachenrecht sind die von v.Bar (IS. 598 ff.) entwickelten 
Sätze: dass nicht nur für Immobilien, sondern auch für Mobilien das 
Recht der belegenen Sache bestimmend ist; dass ein an letzteren hie- 
nach erworbenes Becht an sich keiner anderen Beurtheilung unterf allt^ 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 195 

wenn die Sache in das Grebiet eines anderen Staates geschafft wird^ 
dass aber von diesem Zeitpunkt an nicht nur die Veränderungen^ 
sondern auch die Wirkungen des begründeten BechtS; zumal im Yer- 
hSltniss zu anderen Bechten, durch das Gesetz des Ortes geregelt 
wirdy wo sie nunmehr belegen ist — der Ausdruck der weit über- 
wiegenden, zum Theil unwidersprochenen internationalen Hechts- 
anschauung. Sie sind aber auch mit der hier vertretenen grundsätzlichen 
Auffassung nicht nur wohl vereinbar, sondern am ungezwungensten 
aus derselben abzuleiten. 

Die im Gebiete eines Staates belegenen Sachen fallen ausschliess- 
lich in seinen Machtbereich und demnach ebenso unter seine Rechts- 
ordnung. Da die gegenseitige Anerkennung dieses Machtbereichs die 
nothwendigste Voraussetzung eines völkerrechtlichen Verhältnisses unter 
den Staaten ist, so muss nicht nur der Richter jedes anderen Staates 
annehmen, dass die nach dem Gesetz der belegenen Sache begründeten 
Rechte wohl erworben sind, er kann auch nicht annehmen, dass an 
der in einem anderen Staate belegenen Sache nach einem anderen Ge- 
setz als dem dieses Staates Rechte erworben werden können, auch 
nicht nach seinem eigenen, so weit nicht jenes Recht selbst es zu- 
lässt. Und dieser Ausgangspunkt muss festgehalten werden für den 
Reehtserwerb nicht nur durch Rechtsgeschäfte des eigentlichen Sachen- 
rechts, sondern auch durch Ehe und Erbgang. Der jetzt mehr und 
mehr zurückgedrängte Satz der Statutentheorie, „mobilia ossibus in- 
haereni'^ entsprang einer Verwechslung des Vermögens, welches als In- 
begriff der wirthschaffclichen Macht einer Person nur durch diese zur 
Einheit zusammengeschlossen wird und demnach auch als rechtliche 
Einheit von der Person unzertrennlich ist, und den einzelnen Sachen, 
welche imbeschadet jener Einheit aus derselben ausgeschieden wie ihr 
eingefügt werden können. Da aber die rechtliche Einheit des Ver- 
mögens nur kraft der Rechtsordnung bestehen kann, so hat auch jeder 
Staat für sich darüber zu befinden, ob und unter welchen Bedingungen 
er die in seinem Gebiet belegenen Sachen in eine Vermögenseinheit 
aufgehen lassen will, deren Träger seinen Wohnsitz im Auslande hat. 
So zweckmässig es in vielen Beziehungen ist, wenn die Staaten diese 
Einheit des Vermögens der im Gebiet des einen und des anderen woh- 
nenden Personen gegenseitig in vollem Umfange anerkennen, so 
überschreitet doch derjenige Staat seine völkerrechtlichen Befugnisse 
nicht,' welcher die in seinem Gebiet belegenen Sachen eines Auslän- 
ders, sei es nur die unbeweglichen oder auch die beweglichen, als be- 
sondere Vermögensmasse behandelt und diese einem besonderen Erb- 
gang, einer besonderen Vormundschaft unterwirft. — Aehnlich verhält 
es sich mit den kleineren Einheiten selbständiger Wirthschaftsbetriebe, 
in welchen bewegliche Sachen mit einer imbeweglichen als Zubehör 
verbunden sind. Auch diese Einheit hat ihre Geltung zunächst nur 
in dem Staate der belegenen Sache, dessen Bechtsordnung sie aner- 
kennt: sind aber bewegliche Sachen aus dieser Verbindung thatsäch- 



196 I)i** Klöppel, Rechtsanw. b. Reichsgericht ii. Priv»atdozent in Leipzig. 

lieh getrenut und in das Gebiet eines anderen Staates geschafft wor- 
den, so folgt daraus^ dass in letzterem ilas an ihnen bereits erworbene 
Recht Geltung behalten muss^ nicht dass ihnen auch gegen weitere Yer- 
filgungen die Eigenschaft als Zubehör gewährt werden muss^ wenn sie 
ihnen nach dem Rechte der belegenen Hauptsache bleiben würde. 

Dass aber nicht nur die Veränderungen, sondern auch die Wir- 
kungen des an der beweglichen Sache begründeten Rechts nach dem 
Gesetze des Orts zu beurtheilen sind, an welchem zarZeit ihres Ein- 
tritts die Sache belegen ist, folgt wieder aus dem Grundsatze, nach 
welchem der Ausländer immer gleiches Recht mit dem Inländer, aber 
niemals mehr verlangen kann. Die Wirkungen des im Auslande be- 
gründeten Rechts an der zur Zeit im Inlande belegenen Sache sind 
daher allemal gleich denjenigen des im Inlande begründeten gleich- 
artigen Rechts zu bestimmen. Wollte der Ausländer die stärkeren 
Wirkungen des Rechts seiner Heimath für sein dort erworbenes Pfand- 
recht an der jetzt zu einer inländischen Konkursmasse gehörigen 
Sache in Anspruch nehmen, so wäre dies ein völkerrechtlich nicht zu 
begründender Vorzug vor den inländischen Pfandgläubigem. Ebenso 
ergibt sich die Versagung einer Wirkung, welche das inländische 
Recht nicht zulässt, aus der zweiten Einschränkung des Grrundsatzes 
der Anerkennung wohlerworbener Rechte. Wer das Eigenthum einer 
beweglichen Sache an einem Orte erworben hat, wo er dasselbe gegen 
jeden dritten Besitzer verfolgen könnte, muss dieses Recht doch dem 
Satze: ,,Hand muss Hand wahren'^ weichen sehen, wenn die Sache 
an einen Ort gebracht ist, wo dieser Satz gilt. Das ausländische 
Recht kann nicht einen inländischen Rechtssatz durchbrechen, welcher 
zum Schutze des gutgläubigen Verkehrs besteht. 

Die Unterscheidung zwischen der Begründung eines Rechts und 
seinen Veränderungen und Wirkungen dürfte nun auch den zuver- 
lässigsten Führer durch die „heutzutage vielleicht noch am meisten 
bestrittene Materie'* des internationalen Obligationenrechts abgeben. 
Die Verwirrung ist aber in dieses Feld hauptsächlich von zwei Seiten 
hineingetragen. Einmal durch die in der neuesten französisch-italie- 
nischen Theorie beliebte Uebertrcibung der •, Autonomie"*, welcher 
freilich auch Savigfiy mit seiner ,. freiwilligen Unterwerfung der Par- 
teien" weit entgegengekommen ist. Dem gegenüber betont v. Bar mit 
vollem Grunde, dass auch hier die erste Frage bleibt ^was können 
oder dürfen die Parteien wollen" (II 8. 4). So weit die Rechtsord- 
nimg den Betheiligten überlässt, die Rechtsfolgen ihrer Geschäfte zu be- 
stimmen, kann dies selbstverständlich auch durch Bezugnahme auf die 
Bestimmungen eines beliebigen fremden Rechts, wie auf die Gebräuche 
eines Handelsplatzes geschehen. Aber wie weit diese ^ Autonomie'' 
reicht, liängt ja erst von der Zulassung derjenigen Rechtsordnung ab, 
welcher das Geschäft bei seinem Abschlüsse ohne den Willen der Be- 
theiligten unterworfen ist. Nur die Unterstellung der Partei, dass der 
Abschluss nach diesem oder jenem Rechte zu beurtheilen sei^ kann 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts. 197 

für die Entscheidung ausschlaggebend sein, ob sie sich durch ihre Er- 
klärung oder ihr Verhalten zu binden meinte^ und der Richter wird 
darauf Rücksicht zu nehmen haben, wenn völkerrechtlich die Möglich- 
keit der Anwendung verschiedener Rechte gegeben ist. Das wäre frei- 
lich ausgeschlossen, wenn sich für jede Obligation von vornherein ein 
pSitz^ bestimmen Hesse, dessen örtlichem Rechte sie dann ausschliess- 
lich unterworfen wäre. Aber nicht nur, dass man zur Bestimmung 
dieses Sitzes immer erst wieder im Kreise aus der ^.Absicht^ der Par- 
teien konunt, ist das Bild in dieser Anwendung geradezu widersinnig, 
denn die Obligation als zweiseitiges Rechtsverhältniss zwischen Per- 
sonen, die verschiedenen Rechtsgebieten angehören, kann gar nicht 
ihren ^Sitz^ in einem derselben allein haben. Der einseitige obliga- 
torische Anspruch aber, als Yermögensgegenstand für den Gläubiger, 
wird seinen „Sitz"* eben da haben, wo sich das Vermögen befindet, 
aus welchem er gutwillig oder zwangsweise zu realisiren ist — also 
regelmässig am Wohnsitze des Schuldners. Nach dessen örtlichem 
Rechte werden also auch durchweg die Veränderungen und Wirkungen 
des Rechts zu beurtheilen sein, und darin kommt auch v, Bar mit 
den n S. 13 genannten Schriftstellern überein, sodass die Ansicht 
Scmgjvi/Sy welche den Erfüllungsort voranstellt, in der Theorie als 
fiberwunden angesehen werden kann. Indess kann dadurch nicht aus- 
geschlossen sein, dass unter Umständen auch das Recht des Erfüllungs- 
ortes nicht als solches, aber als Recht des erkennenden Richters für 
massgebend erachtet wird. Wenn der Schuldner ausserhalb seines Hei- 
mathstaates Kredit gesucht und den ausländischen Gläubiger zur Kredit- 
gewährung dadurch veranlasst hat, dass er ihn auf eine in seinem 
Staate belegene Zahlstelle anwies, wird der beim Gericht dieser Zahl- 
stelle belangte Schuldner sich der Anwendung des dort geltenden 
Rechts nicht entziehen können, da er sich nicht auf ein im Auslande 
wohlerworbenes Recht zu berufen vermag, nur soviel oder in solcher 
Weise zu leisten, wie ihm das dortige Recht gestattet. — So wird 
auch der vom Gläubiger angegangene Richter des Erfüllungsortes jeden 
Anspruch zurückweisen müssen, der nach seinem Recht ausgeschlossen 
ist, gleichviel wie sich dazu das heimische Recht des Schuldners ver- 
hält. Handelt es sich aber nur um eine Einrede, die blos zum Schutze 
des Schuldners gegeben ist, so kann dieser von dem ausländischen 
Richter keinen Schutz verlangen, den ihm sein heimisches Recht 
nicht gewährt. Nach dieser Unterscheidung wäre der Fall zu beur- 
theilen gewesen, den das Reichsgericht Bd. 14 S. 235 ff. der Entsch. be- 
handelt hat. Wäre der Sinn der lex Anastasiana der, dass es als un- 
sittlich zu erachten ist, wenn der Zessionar den vollen Schuldbetrag 
einfordert, während er dem Zedenten nur einen Theil desselben als 
Zessionspreis gewährt hat, so wäre die Entscheidung richtig, zu welcher 
das Reichsgericht mittelst einer unhaltbaren Begründung nach dem 
vermeintlichen ,, Sitze ^' der Obligation gelangt ist. Will aber das Gesetz 
den Schuldner nur dagegen schützen, dass er au einen Dritten mehr 



198 I>r. Klöppel, Reclitsanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

zu zahlen hätte als sein ursprünglicher Gläubiger fUr die Forderung 
erhalten hat^ so kann er die lex Anastasiana nur anrufen, wenn sie 
an seinem Wohnsitze und zugleich am Orte des erkennenden Grerichts 
gilt; denn einen Schutz^ den das dortige Recht den Inländern nicht 
gewährt, kann auch der Ausländer nicht verlangen. Wenn dagegen 
anzunehmen ist, dass das deutsche Wuchergesetz die Ausbeutung der 
Nothlage, des Leichtsinns, der Unerfahrenkeit eines Andern, um sich 
Vortheile zu verschaffen, die in au^älligem Missverhältnisse zur Leistung 
stehen, als an sich unsittlich erachtet, so haben die deutschen Gerichte 
jeden derart wucherischen Anspruch zurückzuweisen, mag er gegen 
einen Inländer oder Ausländer gerichtet, im Inlande oder im Auslande 
begründet sein. Wird aber der Schuldner beim Gerichte seines Wohn- 
orts belangt und besteht nach dem dortigen Kechte eine solche Schranke 
des obligatorischen Anspruchs nicht, so kann sie dem Gläubiger nicht 
deshalb entgegengehalten werden, weil sie am Erfüllungsorte gilt: 
denn dessen Recht als solcher bestimmt die Wirkungen der Obligation 
nicht. Nur wenn der Mangel schon der Begründung der Obligation 
anhaftet, kann er überall gerügt werden, weil ein Recht, welches 
nicht wohl begründet worden ist, nirgendwo geltend gemacht wer- 
den kann. 

Denn zwar die Wirkungen der einmal begründeten Obligation 
und die Aenderung des obligatorischen Anspruchs durch Untei^ang 
der geschuldeten Sache, durch Verschulden und Arglist des Schuld- 
ners, durch neue Rechtsgeschäfte, aber nicht die erste Begründung 
des Verhältnisses kann dem am Wohnsitze des Schuldners geltenden 
Rechte als solchem unterstellt werden, da ja erst durch die Begrün- 
dung ein Schuldner bestimmt wird. Wenn es unb^enklich ist, das 
letzte Recht an einer beweglichen Sache als durch eine Folge von Ein- 
wirkungen verschiedener Rechtsordnungen bestimmt anzusehen, so wird 
es nicht mehr Bedenken haben, eine solche Folge auch bei der Obli- 
gation gelten zu lassen, — wie denn auch das Ergebniss, welches 
das Reichsgericht in dem angezogenen Urtheile vom privatrechtlichen 
Standpunkte „praktisch mindestens bedenklich" findet, „dass bei dem 
Zusammentreffen mehrerer Gerichtsstände die Zulässigkeit der Einrede 
von dem zufälligen Umstände abhängen könnte, wo die Klage erhoben 
ist" — fllr die völkerrechtliche Auffassung nach den angeführten 
Beispielen unvermeidlich ist. Dass die Noth wendigkeit, die Begrün- 
dung der Obligation für sich zu beurtheilen, verkannt wird, hat seinen 
Grund auch nur darin, dass man zwei wesentliche Bedingungen der 
Begründung, Form und Handlungsfähigkeit, statt in diesem natürlichen 
Zusammenhange vielmehr abgesondert jedes für sich behandelt. -- 
Dass nun ein von zwei Inländern im Auslande geschlossenes obligato- 
risches Greschäft nach ihrem heimischen Rechte beurtheilt werden kann, 
wird mindestens für den heimischen Richter nicht zweifelhaft sein, 
da man der Rechtsordnung seines Staates sich nicht dadurch zu entziehen 
vermag, dass man seine Grenzen überschreitet und diese Annahme wird 



Die leitenden Grandsätze des internationalen Privatrechts. 199 

■ 
z. B. durch Art. 85 der D.W.O. bestätigt. Gleichwohl ist Jeder, der 
sieh anch nur vorübergehend in einem fremden Staate aufhält, für diese 
Zeit auch dessen Rechte unterworfen, und der dortige Richter wird zwei- 
fellos danach urtheilen, wenn ein Fremder den andern bei ihm belangt. 
Aber auch der heimische Richter der Betheiligten wird das nach dem 
ausländischen Gesetze wohlerworbene Recht gelten lassen, wenn nicht 
erhellt, dass der angegangene Schuldner mit Rücksicht auf das hei- 
mische Recht sich in gutem Glauben noch nicht als gebunden erachtete, 
oder dass der Gläubiger den Aufenthalt im Auslande zur Umgehung 
des heimischen Rechts benut-zt hat. Wenn jemand einen Minder- 
jährigen über die Landesgrenze i\)hrt, um sich von ihm als nach dem 
Rechte des Nachbarlandes Handlungsfähigen ein unanfechtbares Schuld- 
versprechen ausstellen zu lassen, so kann daraus ein wohlerworbenes 
Recht nicht entstehen. Schliesst aber der Fremde mit dem Einheimi- 
schen ein Greschäf^ so ist die Begründung einer Obligation durch das- 
selbe allein nach dem örtlichen Rechte zu beurtheilen, da nur diesem 
beide Theile unterworfen sind. 

Die Begründung der Obligation in diesem Sinne umfasst die ganze 
Möglichkeit, ein Recht der bestimmten Art in dem bestimmten Um- 
fange zu erwerben. Nach dem Rechte des Orts der Begründung ist 
demnach zu beurtheilen, ob und unter welchen Bedingungen die Obli- 
gation z. B. wegen Betrugs anfechtbar ist; die Einrede der Arglist 
dagegen^ durch welche nur der erhobene Anspruch als unsittlich be- 
kämpft wird, nach dem fechte des erkennenden Gerichts. Eine ent- 
sprechende Unterscheidung wird bezüglich der Verjährung zu machen 
sein. Unterliegt ein obligatorischer Anspruch nach dem Rechte des 
Orts der Begründung einer kurzen Präklusiv- oder Verjährimgsfrist, 
so haftet ihm diese Beschränkung überall an, wo er geltend gemacht 
wird. Daraus folgt aber nicht umgekehrt, dass der erkennende Rich- 
ter die Verjährung auch dann nach dem ausländischen Rechte des 
Ortes der Begründung der Obligation zu beurtheilen hat, wenn 
das inländische Recht eine kürzere Verjährimgsfrist vorschreibt — 
wie vom Reichsgericht wiederholt aus unzutreffenden Gründen an- 
genommen wurde (Entsch. Bd. 2 S. 15; Bd. 7 S. 21). Zunächst 
ist der Unterscheidung, ob die Verjährung nur ein prozessuales 
oder ein „Institut" des materiellen Rechts sei, überhaupt kein 
Sinn abzugewinnen. Es gehört zum Wesen des „materiellen" Rechts, 
dass es nach der Rechtsordnung verwirklicht werden kann. Jede 
Rechtsvorschrift, welche diese Vei-wirklichung ausschliesst , trifft 
insoweit nothwendig das materielle Recht, gleichviel an welcher 
Stelle sie sich findet; ein „Recht", dem jede Art der Verwirk- 
lichung im Rechtswege abgeschnitten wäre, würde damit kein Recht 
mehr sein. Im Uebrigen sind beide Entscheidungen darauf gebaut, 
dass auf Rechtsverhältnisse, die im Auslande ihren „Sitz" haben, 
das inländische Recht überall keine Anwendung finde. Aber inwieweit 
der deutsche Richter Klagen annehmen darf, kann sich nur nach seinem 
Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. J4 



200 I^r- Klöppel, Kechtsanw. b. Keichsgericlit lu Privatdozent in Leipzig. 

Eechte bestimmen^ und insoweit gehören die Vorschriften ÜberKlagen- 
verjähmng zu den ^, materiellen^ Voraussetzungen des Prozesses; es 
ist nicht ersichtlich ^ wie er dazu kommen sollte^ einen Anspruch zu 
verwirklichen, dem nach seinem Gesetze die Verwirklichung versagt 
ist. Nach völkerrechtlichem Gesichtspunkte aber kann für das im 
Auslande begründete Hecht nur die gleiche Wirkung wie für das gleich- 
artige inländische Recht ^ niemals ein Vorzug verlangt werden. Wenn 
also in Amerika ausgestellte und zahlbare promissory riotes den 
deutschen eigenen Wechseln entsprechen und letztere in drei Jahren 
verjähren, so hat der deutsche Richter so wenig völkerrechtlich einen 
Anlass, wie es staatsrechtlich statthaft erscheinen kann, aus solchen 
promissory notes nach Ablauf von drei Jahren nach Verfall deshalb 
noch eine Klage anzunehmen, weil sie am Ausstell ungs- und Zahlungs- 
orte noch nicht verjährt sind. 

Wenn v. Bar (II B. 3) die „unmittelbar durch das Gesetz gegebenen, 
gegen oder doch ohne den Willen des Verpflichteten entstehenden^, 
insbesondere die sog. Deliktsobligationen in der Behandlung des inter- 
nationalen Heimathrechts von den durch Rechtsgeschäft begründeten 
strenger trennen will als in der privatrechtlichen Behandlung üblich 
ist, so liegt dazu melir Grund vor, als er selbst erkennt. Diese Rechte 
gehören gar nicht unter den Begriff der Obligation; sie entstehen „aus 
dem Gesetz" nicht mehr wie jedes andere Recht, auch die Vertrags- 
obligation, und ;.aus dem Delikt '^ nicht mehr wie jeder andere klag- 
bare Anspruch aus der Verletzung eines vorher als bestehend durch 
das Gesetz anerkannten Rechts. Sie gehörl&n mit den sog. Urheber- 
rechten zusammen in eine ,, dritte Kategorie '^ von Vermögensrechten, 
deren gemeinschaftlicher Inhalt die Bethätigung der wirthschaftlichen 
Kraft nach ihren leiblichen Unterlagen und geistigen Hülfsmitteln ist, 
deren Umfang aber erst durch die positive Rechtsordnung bestimmt 
werden muss, während er im Sachen- und Obligationenrecht durch die 
Sache selbst oder durch die Verfügung der Parteien bestimmt ist. 
(Vgl. die AusfÜhnmg bei Crrucliot-Bassow , Beiträge, Bd. 34 S. 7 ff., 
Bd. 35 S. 76ff.) — W^as nun fiir die vorliegende Aufgabe die sog. 
Deliktsobligationen des älteren Rechts anlangt, so entspringt die früher 
herrschende von v. Bar wieder angenommene Ansicht, dass die lex loci actus 
entscheide, gerade aus der unklaren Auffassung, dass das Recht ans 
der verletzenden Handlung entstehe, die doch, um rechtsverletzend zu 
sein, in ein schon bestehendes Recht eingreifen muss. Aber auch die 
Ansicht Wächter' s und Savigny'Sy dass nach dem Gesichtspunkte der 
absoluten Gerechtigkeit der Richter allemal sein heimisches Recht an- 
zuwenden habe, lässt sich in dieser Ausdehnung völkerrechtlich nicht 
begründen. Auf der einen Seite ist nicht abzusehen, warum der vom 
Ausländer im Auslände verletzte Ausländer dadurch mehr Recht als 
in seiner Heimath erlangen soll, weil er Gelegenheit findet, im Inlande 
zu klagen. Auf der andern Seite ist es nicht zu rechtfertigen, dass 
der vom Inländer im Auslände verletzte Inländer nicht sollte das ihm 



Die leitenden Grundsätze des internationalen Privatrechts* 201 

günstigere inländische Gesetz vor dem heimischen Richter anrufen dürfen, 
za dessen Verletzung der Aufenthalt im Auslande dem Inländer keinen 
Freibrief gab. Aber auch das würde nicht völkerrechtswidrig sein, 
dem Inländer den gleichen Schutz auch gegen den Ausländer, der im 
Inlande w^en einer auswärts begangenen Verletzung belangt wird, zu 
gewähren, während freilich der Heimathstaat des Beklagten keine völker- 
rechtliche Verpflichtung hätte, dieses Urtheil anzuerkennen. — Für die 
Urheberrechte würden ihrer allgemeinen juristischen Konstruktion nach 
die gleichen Unterscheidungen zutreffen, soweit nicht ihre Geltung der 
streng formellen Begründung gemäss auf das Gebiet des bestimmten 
Staats beschränkt ist. 

VT. 

Im Familienrechte ist das am meisten umstrittene Verhältniss 
die £he, und die tiefgreifenden Unterschiede der sittlichen Anschauung, 
die über sie noch bestehen, machen es zur Zeit unmöglich, einen Grund- 
satz aufzustellen, nach welchem jeder Ehe die gleiche Anerkennung 
in allen gesitteten Staaten zu sichern. Nur darin sind diese ins- 
gesammt einig, der Polygamie schlechthin die rechtliche Bedeutung 
der Ehe abzusprechen. Nur sollte dies, wie i\Bar (I S. 129) richtig 
bemerkt, nicht dahin führen, diesem Verhältnisse auch jede mittelbar- 
rechtliche Bedeutung zu versagen, z. B. jeden Sohn eines zur Zeit 
seiner Geburt in Polygamie lebenden Muhamedaners als illegitim zu 
bebandeln imd ihm deshalb die Erbfolge an der in einem europäischen 
Staate eröffneten Erbschaft des Vaters abzuerkennen. Mit um so viel 
mehr Grund aber müsste dies von den Nachkommen einer Ehe gelten, 
die in einem europäischen Staate als gültig, in einem andern als un- 
gültig behandelt wird. 

Auch bei der Ehe wird die Begründung des Verhältnisses, ein- 
schliesslich der ihr anhaftenden Nichtigkeits- oder Anfechtungsgründe, 
zu unterscheiden sein von seinen Wirkungen und seiner Auflösimg. 
Das müssen auch diejenigen zugeben, welche die Beurtheilung der Ehe 
dem „persönlichen^ Kechte der Staatsangehörigkeit unterst-ellen wollen; 
denn auch die Staatsangehörigkeit kann gewechselt werden, nur nicht 
ganz so leicht wie der Wohnsitz. — Zunächst nun wird kein Staat 
der von Ausländern im Auslande geschlossenen Ehe die Anerkennung 
versagen dürfen, welche an ihrem letzten Wohnsitze als gültig ge- 
schlossen behandelt wird — selbst wenn der Heimathstaat eines oder 
beider Ehegatten sie seinem Rechte gemäss als ungültig behandelt. 
Dahin muss schon der Umstand fuhren, dass in allen Kulturs taateu 
die Ehe durch eine Bechtshandlung des öffentlichen Rechts, sei es 
vor dem vom Staate dazu beglaubigten Pfarrer, sei es vor einem 
unmittelbaren Staatsbeamten, zu Stande kommt. Dieser öffentlich- 
rechtliche Karakter der Ehebegründung ist nach dem Grundsätze 
gegenseitiger Anerkennung der Rechtseinrichtungen für jeden unbe- 
tbeUigten Staat bindend. Dagegen kann es dem Ileimathstaate der 

14* 



202 ^^'' Klöppel, RechtBanw. b. Reichsgericht u. Privatdozent in Leipzig. 

Ehegatten oder eines derselben nicht verwehrt sein, ihre Ehe als un- 
gültig zu behandeln, wenn sie im Auslande zur Umgehung seines 
Bechts geschlossen ist. Das würde allemal anzunehmen sein, wenn 
die Ehe nur bei vorübergehendem Aufenthalt im Auslände geschlossen 
ist; es hat aber keinen ernsthaften Grund, wenn die Eheschliessung 
an einem Orte erfolgt, an welchem der Ehemann schon seit ge- 
raumer Zeit seinen Wohnsitz hat. Um Kollisionen möglichst zu ver- 
meiden, ist es daher schon empfehlenswerth, als Bedingung des Ehe- 
abschlusses an einem bestimmten Orte einen vorgängigen Wohnsitz 
von nicht zu kurzer Dauer an demselben zu fordern; und vollends 
ungehörig ist es, wenn die Eheschliessung jedem neu Zugereisten ge- 
stattet wird. Unter Voraussetzung eines solchen Wohnsitzes aber hat 
es völkerrechtlich keinen Grund, flir die Eheschliessung andere Be- 
dingimgen zu fordern als die am Orte derselben geltenden; dem Terri- 
torialstaat kann ein Vorwurf nicht daraus gemacht werden, wenn er den 
Ausländer, der sich in seinem Gebiet niedergelassen hat, nicht anders 
behandelt als seine Angehörigen. Andererseits hat aber auch der Aus- 
länder völkerrechtlich keinen Anspruch, im Staate seines Aufenthalts 
von der Beobachtung der Gesetze seines Heimathstaats entbunden zu 
werden, von welchen dieser die Anerkennung der Ehe abhängig macht. 
Es ist also dem Territorialstaate unbenommen, die Eheschliessung eines 
Ausländers von der Beobachtung der Vorschriften seines heimischen 
Bechts abhängig zu machen. 

Die Wirkungen der bestehenden Ehe auf die persönlichen Be- 
ziehungen der Ehegatten können nicht anders als nach dem Rechte 
der Behörde beurtheilt werden, welche von dem einen oder andern der 
Ehegatten zum Schutz seiner Hechte auch bei nur vorübergehendem 
Aufenthalt in ihrem Amtsbereiche angegangen wird. Dagegen ist 
kein Staat veranlasst, seine Gerichte Ausländern zum Zwecke der 
Trennung der Ehe anders zugänglich zu machen als wenn ein ehe- 
licher Wohnsitz in seinem Grebiete begründet ist. Dann aber können, 
wälirend Nichtigkeits - und Anfechtungsgründe nach dem Kechte des 
Ortes der Eheschliessung zu prüfen sind, als Ehescheidungsgründe nur 
solche zugelassen werden, welche das Recht des erkennenden Richters 
als solche gelten lässt, auch wenn die in Bezug genommenen Hand- 
lungen in einem andern Rechtsgebiete begangen sind. Denn alle Vor- 
schriften dieser Art sind der Niederschlag sittlicher Anschauungen, von 
welchen die Rechtsordnung eine Abweichung nicht gestatten kann, und 
dies gilt besonders auch von der Frage, ob Trennung dem Bande 
nach oder nur, nach katholischer Anschauung, von Tisch und Bett 
auszusprechen ist. Eine der unerbaulichsten Erscheinungen im deutschen 
Rechtsleben ist der Kampf, den die königlich sächsischen Gerichte mit 
dem Reichsgericht darüber führen, ob in den nicht seltenen FäUei, 
dass in Sachsen wohnende österreichische Staatsangehörige katholischen 
Bekenntnisses auf Ehescheidung antragen, nach dem Reichs-Zivilstands- 
gesetze auf Trennung dem Bande nach^ oder nach dem österreichischen 



Die leitendeu Grundsätze des intcniHtionHlen Privatrech ts. 203 

Rechte^ welches nach § 14 des Sachs. B.6.B. massgebend ist^ nur auf 
dauernde Trennung von Tisch und Bett erkannt werden soll. Obwohl 
das Reichsgericht stetig entschieden hat; dass hier das Landesgesetz 
als durch das Reichsgesetz aufgehoben zu erachten sei; wird gleich- 
wohl vom Dresdner Oberlandesgerichte jeder neue Fall durch entgegen- 
gesetzte Entscheidung in die Revisionsinstanz getrieben. — 

Dass die güterrechtlichen Verhältnisse der Ehegatten durch das 
Recht des ehelichen Wohnsitzes bestimmt werden ^ wenn keine andere 
nach diesem Recht zulässige Vereinbarung getroffen ist; wird allgemein 
angenommen. Dagegen darf das Dogma der unveränderlichen Be- 
stinunung des Güterstandes durch das Recht des ersten ehelichen 
Wohnsitzes als gebrochen angesehen werden. Im Einzelnen können 
die hier auftauchenden Fragen nur nach dem Grundsatze der Geltung 
erworbener Rechte gleichmässig entschieden werden. Ein erworbenes 
Recht ist demnach die eheliche Gütergemeinschaft; aber nur als An- 
spruch auf den ideellen Antheil an der jeweils vorhandenen Gemein- 
schafbmasse; nicht als Anspruch auf Fortbestand der Gemeinschaft bis 
zur Auflösung der Ehe; erworbenes Recht ist nicht die Freiheit des 
Einbringens der Ehefrau vor dem Zugriff der Gläubiger; jedenfalls 
nicht der Gläubiger; deren Forderungen entstanden sind; nachdem der 
eheliche Wohnsitz an einen Ort verlegt war; nach dessen gesetzlichem 
Güterstande diese Freiheit nicht gilt. 

Für das Erbrecht entscheidend ist die Vorfrage; ob die Erbfolge 
als Universalsuccession in das Vermögen des Erblassers; oder ob sie 
als Erwerb der einzelnen Vermögensrechte aufgefasst wird. Nach der 
ersten, wenigstens für das bewegliche Vermögen allgemein geltenden 
Annahme richtet sich die Erbberechtigung nach dem Rechte des letzten 
Wohnsitzes des Erblassers, der allein als „Sitz" der Vermögenseinheit 
angesehen werden kann. Nach diesem Rechte bestimmen sich auch 
Zulassung und Bedingungen der Erbfolge diu^h Testament oder Erb- 
vertrag. Da es ausserhalb der natürlichen Macht des Menschen liegt; 
über sein Vermögen für den Todesfall zu verfögeu; also nur die posi- 
tive Rechtsordnung eine solche Macht verleihen kanu; so besteht keinen- 
fiills eine Nöthigung, einen Erbvertrag deshalb als wirksam anzu- 
erkennen; weil er nach dem Rechte des Wohnsitzes des Erblassers 
zur Zeit des Abschlusses zulässig war, wenn das Recht der eröff- 
neten Erbschaft Erbverträge nicht kennt. Ein Recht ist hier nicht 
erworben, da die Rechtsordnung; unter welcher der Vertrag geschlossen 
wurde, über die Erbfolge nur unter der Voraussetzung bestimmen konnte, 
dass der Erblasser hier seinen Wohnsitz behielt. Ebenso wenig besteht 
eine Nöthigung, Testamente als gültig anzuerkennen, welche nicht den 
Vorschrifien des am Orte der Erbschafrseröffnung geltenden Rechts 
gemäss errichtet sind. Der Grundsatz loctis regit actu/m kann hier 
deshalb nicht durchschlagen; weil ja durch das Rechtsgeschäft noch 
frlr Niemanden ein Recht erworben >vurde. Die gegentheilige Auf- 
fassung entspringt nur daraus ; dass die Formen des Rechtsgeschäfts 



204 l'i'of. Zucker, Die räuml. Grenzen f. d. Wirksamkeit des Straf ge«. etc. 

für sich betrachtet werden statt lediglich als Bedingungen der Be- 
gründung eines Rechts. — Soweit die Erbfolge als Erwerb der ein- 
zelnen Nachlasssachen aufgefasst wird^ fällt sie wie schon oben be- 
merkt^ unter den Gesichtspunkt des Sachenrechts. — 

Die vorstehenden Ausführungen, über welche im Rahmen dieses 
Aufsatzes nicht hinausgegangen werden konnte, dürften auch genügen, 
um die aufgestellte Grundansicht gegen den Vorwurf einer gnind- 
stürzenden Umkehrung der bisher angenommenen Sätze des internatio- 
nalen Privatrechts zu sichern. Vielmehr wird sich ergeben haben^ 
dasa soweit solche Sätze allgemein oder auch nur überwiegend gelten^ 
sie aus den entwickelten Grundgedanken sich ungezwungener als ans 
irgend einem andern Systeme ableiten und begründen lassen, während 
sich ftlr die zahlreichen Zweifel und Widersprüche hier vielleicht eine 
leichtere Lösung und Vereinigung bieten dürfte als sonst irgendwo. 

Leipzig. Dr. Klöppel, 



Ueber die räumlichen Grenzen für die 
des Strafgesetzes vom Standpunkte des neuesten 
österreichischen Strafgesetzentwurfes. 

Von Professor Zuoker in Prag. 

Das zur Stunde noch geltende österreichische Strafgesetz vom 
27. Mai 1852 trägt dem sog. Territorialitätsprinzipe wie auch dem 
sog. Personalitätsprinzipe volle, dem sog. Beal- und Universal- 
prinzipe theilweise Kechnung. 

Es straft alle strafbaren Handlungen, die von wem immer im 
Iniande, d. h. in den im Reichsrathe vertretenen Ländern begangen 
werden (§§ 37 und 284), und es straft alle Delikte, die von einem 
Angehörigen des österreichischen Staates im Auslände verübt wurden 
(§§ 36, 235). 

Janka^) will die volle Herrschaft des sog. Personalprinzips nicht 
gelten lassen, weil die von einem Oesterreicher im Auslande begangenen 
Vergehen und Uebertretungcn gemäss § 235 St.G. in Oesterreich 
nur dann bestraft werden, wenn sie nicht im Auslande bereits gestraft 
oder nachgesehen worden sind. 

Wir halten diese Einwendung nicht fUr stichhaltig; wäre sie 
richtig, so würde man zur Schlussfolgerung gelangen, dass auch be- 
züglich der von einem Oesterreicher im Auslande verübten Verbrechen 
das Personalitätsprinzip nicht unverkürzt zur Anwendung gelangt, denn 
gemäss § 36 St.G.B. muss die im Auslande für ein Verbrechen er- 
littene Strafe in die nach dem österreichischen Strafgesetze zu ver- 
hängende Strafe eingerechnet werden, was unter Umständen dem 



1) Janka, Das österr. Strafrecht § 21. 



Ucber die räuml. Grenzen für die Wirksamkeit dos Strafgesetzes etc. 205 

Effekte nach der Behandlung der Vergehen und Uebertretnngen voll- 
kommen gleichkommt. Gleichwohl erkennt Janka in dieser Bestim- 
mmig keine Verkürzung des Personalitätsprinzips, er ist also auch 
nicht berechtigt, das Opportunitätsmoment, welches von einer Doppel- 
bestrafnng der im Auslande von einem Inländer verübten Vergehen 
oder Uebertretungen absieht, als einen Bruch mit dem Personalitäts- 
prinzipe anzusehen und zu erklären. 

Das sog. Realprinzip erfahrt in dem geltenden österreichischen 
Strafgesetze, wie wir bereits erwähnt haben, eine nur theilweise, ja 
wir möchten sagen, eine nur geringfligige Anerkennung. 

§ 38 des geltenden Österreich. Strafgesetzes bestimmt: ,,Hat ein 
Fremder im Auslande das Verbrechen des Hochverraths in Beziehung 
auf den österreichischen Staat ,,,.oder auf den deutschen Bund^^ 
(§ 58) oder das Verbrechen der Verfälschung österreichischer 
öffentlicher Kreditpapiere oder Münzen begangen (§§ 106 — 121), so 
ist derselbe gleich einem Eingeborenen nach diesem Strafgesetze zu 
behandeln"*). 

Nach dieser Bestimmung erscheint das sog. Real- und Schutz- 
prinzip nur soweit gewahrt, als Hochverrath und Verfälschung öster- 
reichischer Kreditpapiere und österreichischer Münzen im Auslande 
von wem immer begangen, im Falle der Betretung des Thäters im 
Inlande nach österreichischem Gesetze bestraft werden, ohne dass eine 
Aaslieferung solcher Thäter stattfinden darf. Das Gesetz enthält keine 
Bestimmung darüber, was zu geschehen habe, wenn der lliäter für 
diese Verbrechen bereits im Auslande bestraft wurde. 

Unzweifelhaft hat in einem solchen Falle die Analogie im Sinne 
des § 36 des Strafgesetzes platzzugreifen, und es muss die im Aus- 
lände erlittene Strafe in die nach dem österreichischen Strafgesetze zu 
verhängende eingerechnet werden. 

Die Anwendung des sog. üniversalprinzips erscheint in doppelter 
Beziehung beschränkt. 

Zunächst findet es auf Vergehen und Uebertretungen, die von 
einem Ausländer im Auslande begangen wurden, gar keine Anwendung 
— § 234 2. Abatz. — Die Thäter solcher strafbarer Handlungen 
sind weder an das Ausland auszuliefern noch im Inlande zu bestrafen ; 
weiters findet die Bestraftmg der von einem Ausländer im Auslande 
begangenen Verbrechen nur dann statt, wenn der auswärtige Staat, 
in dessen Gebiet das Verbrechen begangen wurde, die Uebemahme 
des ihm zur Auslieferung anzubietenden Verbrechers ausdrücklich 
verweigert. 



3) Der Prager Friede hat die bereits früher erfolgte Auflösung des 
Deutschen Bundes auch völkerrechtlich statuirt, seither (1866) ist das er- 
wähnte Delikt unmöglich geworden; gleichwohl hätte im Gesetzgebnngs- 
Wege die Aufhebung aller jener strafgesetzlichen Bestimmungen erfolgen 
sollen, die auf den Schutz der Integrität des Deutschen Bundes Bezug 
haben. 



206 Professor Zucker iu Prag. 

lu diesem letztem Falle wird das Verbrechen nach dem östeiTeichischeu 
Strafgesetze betraft; wenn aber nach dem Strafgesetze des Ortes^ wo 
die That begangen wurde, die Bestrafung gelinder ausfiele, ist die 
Strafe nach diesem gelinderen Gesetze auszumessen. 

Ungelöst ist die Frage, was zu geschehen hat, wenn die That des 
Ausländers im Auslande nach den Gesetzen des Thatortes straflos 
erscheint, während sie in Oesterreich als Verbrechen erklärt wird; 
unseres Erachtens hat in einem solchen Falle auch in Oesterreich eine 
Bestrafung zur Gänze zu entfallen. 

Die hier erwähnten Normen haben im Entwürfe des neuen 
österreichischen Strafgesetzes keine wesentlichen Abänderungen 
erfahren. 

Zunächst findet eine Uebereinstimmung zwischen dem geltenden 
Gesetze und dem Entwürfe darin statt, dass das Territorialitätaprinzip 
auch in dem Entwürfe zur vollen Wirksamkeit gelangt. Nach § 3 
des Entwurfes findet das Gesetz Anwendung auf alle im Inlande be- 
gangenen Handlungen, also auf Verbrechen, Vergehen und üeber- 
tretungen. 

Der Entwurf trifft auch Vorsorge für den Fall, als, was nicht 
unmöglich ist, die im Inlande begangene strafbare Handlung im Aus- 
lande gestraft wurde. 

Hier hat die Einrechnung in die nach dem österreichischen Ge- 
setze zu verhängende Strafe stattzufinden. 

Des Weiteren bestimmt der Entwurf in § 4 Abs. 1 und 2 
Folgendes : 

Verbrechen und Vergehen, welche nicht im Inlande verübt wer- 
den, unterliegen der Behandlung nach den Bestimmungen dieses (öster- 
reichischen) Gesetzes nur in folgenden Fällen: 

1) wenn eine der im I. Hauptstücke des zweiten Theils bezeich- 
neten hochverrätherischen Handlungen oder eines der im VII. Haupt- 
stücke des zweiten Theiles bezeichneten Verbrechen in Beziehung auf 
inländisches Geld oder auf inländische, dem Papiergelde gleichgeachtete 
Werthpapiere begangen wurde; 

2) wenn der Schuldige zur Zeit der That österreichischer Staats- 
bürger war. 

Wir finden hier die Bestimmungen des geltenden Strafgesetzes 
zm* Wirksamkeit gebracht, und ein Unterschied greift nur darin Fiats, 
dass die vom Inländer im Auslande begangene Uebertretung der Be- 
strafung im Inlande nur dann unterworfen wird, wenn dies durch be- 
sondere Gesetze oder durch Verträge angeordnet ist (§ 5 des Entwurfs), 
während das geltende Gesetz die vom Inländer im Auslande begangene 
Uebertretung ausnahmslos der Bestrafung unterwirft. — . Wir müssen 
der Bestimmung des geltenden Rechts den Vorzug einräumen, denn sie 
sucht zu verhindern, dass sich der Inländer zum Zwecke der straf- 
losen Begehung einer im Inlande verpönten strafbaren Handlung in 
das Ausland begebe. 



Ueber die raun]]. Grenzen für die Wirkeanikeit des Strafgesetzes etc. 207 

Eine gewisse Modifikation erfahren dagegen die vorher geltenden 
Bestimmnngen bezüglich der Strafbarkeit der im Auslande verttbten 
Verbrechen und Vergehen. 

Ver gehen; von Ausländern im Auslande verübt^ werden, wie 
schon erwähnt wurde , nach den Bestimmungen des geltenden Öster- 
reichischen Strairechts weder im Inlande bestraft, noch dürfen Aus- 
länder deshalb an das Ausland ausgeliefert werden, § 234 Abthl. 2. 

Nunmehr erscheinen die Vergehen den Verbrechen gleichgestellt 
und bezüglich beider Deliktsarten normirt § 7 Abth. 3, dass sie, im 
Auslande von Ausländem begangen, der Behandlimg nach den Bestim- 
mungen des österreichischen Strafgesetzes nur dann unterliegen, „wenn 
die Auslieferung des Schuldigen an die Behörden des Thatortes oder 
an jene seines Heimathslandes zur Untersuchung und Bestrafung ent- 
weder nicht zulässig oder nicht ausführbar ist und der Justizminister 
die Einleitung der strafrechtlichen Verfolgung anzuordnen findet". 

Während also bisher das sog. Universalprinzip insoweit zur vollen 
Wirksamkeit gelangte, als das im Auslande von einem Ausländer ver- 
übte Verbrechen im Falle der erfolgten Verweigenmg der üeber- 
nahme hierlands bestraft werden musste, wird nunmehr die Bestra- 
fung von einer besonderen Anordnung der Einleitung der strafrecht- 
lichen Verfolgimg abhängig gemacht und diese Anordnung wird der 
Verfolgung des Justizministers unterstellt. 

Die Beschränkung der Verfolgung der im Auslande von Aus- 
ländem verübten Verbrechen und Vergehen geht aber noch weiter. 

Zunächst darf nach § 4 letzter Absatz des Entwurfes in einem 
solchen Falle die Strafe keine strengere sein, als jene, welche nach dem 
Gesetze des Thatortes zu verhängen gewesen wäre; sodann ist die 
Verfolgung überhaupt nur unter denjenigen Voraussetzungen und Be- 
schränkungen zulässig, welche für die Bestrafung der begangenen 
Handlung nach den Gesetzen des Thatortes massgebend wären. 

In der Frage der Auslieferung gelangt zunächst das staats- 
rechtliche Verhältniss zu Ungarn zum Ausdrucke. 

Ungarische Staatsangehörige dürfen wegen der ausserhalb des 
österreichischen Staatsgebietes verübten Verbrechen oder Vergehen 
nur an Ungarn selbst ausgeliefert werden. 

Würde also beispielsweise ein ungarischer Staatsangehöriger in 
Berlin delinquiren und würde seine Ergreifung etwa in Prag statt- 
finden, so darf die Auslieferung seitens der österreichischen Behörde 
nicht an Preussen, sondern sie muss an Ungarn erfolgen. 

Fremdländische und ungarische Strafurtheile dürfen in Oesterreich 
niemals vollzogen werden, § 7. — Vergleichen wir nunmehr die hie- 
für angeführten Bestimmungen des Entwurfes mit jenen des deutschen 
Strafgesetzes über denselben Gregenstand. 

Eine volle Uebereinstimmung herrscht bezüglich der Anerkennimg 
des Territorialprinzips. 



^ 



208 Professor Zucker in Prag. 

§ 3 des deutschen Strafgesetzes: 

„die Stra%esetze des Deutschen Reiches finden Anwendung 
auf alle im Gebiete desselben begangenen strafbaren Hand- 
lungen^ auch wenn der Thäter ein Ausländer ist^ 
enthält sinngemäss dieselbe Bestimmung^ die in § 4 des Österreich. 
Entwurfes enthalten ist. Stilistisch scheint dem letzteren der Vorzug 
zu gebühren; sobald das Strafgesetz auf „alle^ iminlande begangenen 
strafbaren Handlungen anzuwenden ist, so ist es wohl überflüssig 
insbesondere noch der von dem Ausländer veriibten strafbaren Hand- 
lungen zu erwähnen; es kann ein solcher Beisatz, wie ihn § 3 des 
deutschen Strafgesetzes enthält, eher zur Verdunkelung als zur rich- 
tigen Auslegung der bezüglichen Bestimmung führen. 

Eine bedeutende Verschiedenheit tritt betreffs der Stellung zum 
Personalitätsprinzipe hervor. Der Entwurf bedroht alle von einem 
Inländer im Auslande verübten Verbrechen und Vergehen mit der ge- 
setzlichen Strafe des österreichischen Strafgesetzes; das deutsche Straf- 
gesetz (§ 4 Abs. 3) knüpft zunächst die Bestrafung der von einem 
Deutschen im Auslande verübten Verbrechen oder Vergehen an das 
Erfordemiss, dass die That durch die Gesetze des Ortes, an welchem 
sie begangen wurde, mit Strafe bedroht sei. 

Unter welchem Gesichtspunkte die That nach dem ausländischen 
Strafgesetze strafbar erscheint, ist gleichgültig; es kommt nur darauf 
an, dass die fragliche Handlung überhaupt als strafbar erklärt sei. — 
Weitere nicht unerhebliche Verschiedenheiten liegen in der Art der 
Verwirklichimg der in den beiden Gesetzen angestellten Grundsätze. 

Die von einem Oesterreicher im Auslande verübten Verbrechen 
und Vergehen werden so verfolgt, als ob sie im Inlande begangen 
worden wären; dagegen ist die Bestrafring der von einem Deutschen 
ausserhalb des deutschen Reichsgebietes verübten Verbrechen und Ver- 
gehen unangesehen der bereits zitirten Bedingung nach § 5 des St.G.B. 
ausgeschlossen, wenn 

1) von den Gerichten des Auslandes über die Handlung rechts- 
kräftig erkannt und entweder eine Freisprechung erfolgt, oder 
die ausgesprochene Strafe vollzogen, 

2) die Strafverfolgung oder die Strafvollstreckung nach den Gre- 
setzen des Auslandes verjährt oder die Strafe erlassen war; 

3) der nach den Gesetzen des Auslandes zur Verfolgbarkeit der 
Handlung erforderliche Antrag des Verletzten nicht gestellt 
worden ist. 

Dass durch derartige einschränkende Bestimmungen die Wirk- 
samkeit des sog. Personalitätsprinzips wesentlich abgeschwächt wird, 
bedarf keiner näheren Erörterung. 

Wir können nicht umhin, auch hier dem Entwürfe des österrei- 
chischen Strafgesetzes den Vorzug einzuräumen. 

Die Bestimmung desselben : „die von einem Inländer im Aus- 
lande verübten Verbrechen und Vergehen werden nach dem Straf- 



Ueber die räiunl. Grenzen für die Wirksamkeit des Str.HfgeBetzos etc. 209 

gesetze des Inlandes bestraft^, führt das Personalitätsprinzip voll imd 
ungeschmälert ohne jede weitere Nebenbedingung durch ^ und dies ist 
nur KU billigen y sobald man einmal die Richtigkeit des Prinzips an- 
erkennt; das deutsche Strafgesetzbuch schafft dagegen eine Art von 
mtacttiffi compositum in der Rechtssprechung und Rechtspflege, welches 
unmöglich zu befriedigen vermag und in konkreten Fällen zu grossen, 
schwer lösbaren Kontroversen fUhren muss. Da wird zunächst bei 
selbst geringfügigen Differenzen bezüglich der Feststellung der That 
darüber gestritten werden können, ob die nach dem deutschen Straf- 
gesetze zu verfolgende That den Gegenstand der ausländischen Judi- 
katur bereits gebildet habe, ob das Erkenntniss nach dem Gesetze des 
Auslandes die Rechtskraft beschritten, ob die ausgesprochene Strafe 
— im Falle der Beurlaubung oder des sog. bedingten Strafnachlasses 
als vollzogen zu betrachten sei; ob die Yerurtheilung und Bestrafung 
des Inländers im Auslande nach einem anderen Gesetze als dem des 
Ortes der Begehung der That von Einfluss auf die Verfolgung der 
That im Inlande sei u. s. w. 

Vollends eigenthümlich und der Einheit der rechtlichen Beurthei- 
lung widersprechend erscheint es ims, die Frage der Verjährung einer 
im Inlande zu verfolgenden strafbaren Handlung nach den Gesetzen 
des Auslandes zu beurtheilen und ftlr eine im Inlande von Amts- 
wegen zu strafende That einen Antrag des Verletzten zu verlangen, 
wofern das Strafgesetz des Auslandes in diesem Punkte von jenem des 
Inlandes differirt. 

Die Durchführung des Personalitätsprinzips unter derartigen Be- 
dingungen legt den Gedanken nahe, ob es unter diesen Umständen 
einer geregelten Rechtspflege nicht eher entsprechen würde, auf die 
Geltendmachung desselben überhaupt zu verzichten. 

Eine bis auf den Wortlaut der betreffenden Bestimmungen (§ 5 
des Entwurfes und § 6 des deutschen Strafgesetzes) sich erstreckende 
Identität greift bezüglich der im Auslande begangenen Uebertre- 
tnngen statt; dieselben werden ohne Rücksicht darauf, von wem sie 
begangen wurden, im Inlande nicht bestraft, es sei denn das Gegen- 
theil durch besondere Gesetze oder Verträge angeordnet worden. 

Es erübrigt uns nunmehr, die Verschiedenheiten rücksichtlich der 
Art der Verwirklichung des sog. Realprinzips im deutschen Straf- 
gesetze und im Entwürfe des österreichischen Strafgesetzes fest- 
zuBtellen. 

Der österreichische Entwurf (§4, 1) straft in Uebereinstimmung 
mit dem geltenden Strafgesetze die im Auslande begangenen hoch- 
verrätherischen Handlungen gegen den österreichischen Staat und das 
Verbrechen der Verflllschung inländischen Geldes und inländischer, 
dem Papiergelde gleichgearteter Werthpapiere; nach dem deutschen 
Strafgesetze (§4, 1) kann ein Deutscher oder ein Ausländer, welcher 
im Auslande eine hochverrätherische Handlimg gegen das Deutsche 



210 Rechtsprechung: Deutochland. 

Reich oder einen Bundesstaat oder ein Mtinzverbrechen begangen hat, 
verfolgt werden. 

Hier tritt zunächst der Unterschied hervor^ dass die Verfolgung 
nach österreichischem Kechte eine obligatorische ist^ während nach 
deutschem Strafrechte die Verfolgung der genannten Verbrechen in das 
Ermessen der Anklagebehörde gestellt erscheint. 

Ein weiterer Unterschied liegt darin ^ dass nach dem deutschen 
Stra%esetze ein Deutscher oder ein Ausländer verfolgt werden kann, 
wenn er als Beamter des Deutschen Reichs oder eines Bundesstaats 
eine Handlung begangen hat; die nach den Gresetzen des Deutschen 
Reichs als Verbrechen oder Vergehen im Amte anzusehen ist. 

Im österr. Entwürfe fehlt eine analoge Bestimmung; dieselbe kann 
jedoch um so leichter entbehrt werden, als zur Erlangung eines Staats- 
amtes in der Regel die österreichische Staatsbürgerschaft erforderlich ist 
und in diesem Falle das Verbrechen oder Vergehen im Amte nach der 
Bestimmung des § 4; 2 des Entwurfs der Bestrafung nach dem in- 
ländischen Stra%esetze unterliegt. 

Alles in Allem genommen lässt sich sohin den Bestimmungen 
des österreichischen Stra%esetzentwurfeS; so weit dieselben die räum- 
lichen Grenzen für die Wirksamkeit des Strafgesetzes betreffen, die 
Anerkennung innerer Folgerichtigkeit und der erforderlichen Klarheit 
wohl nicht versagen. 

Heclitsprecliung. 
Deutschland. 

A. Bürgerliches Recht einschliesslich des Handels-, 
Wechsel- und Konkursrechts. — Zivilprozess. 

§77 Abs. 2 des Reicksgesetxes über Personenstand und Ehe- 

Schliessung vom 6, Febr. 1875. 

Die Parteien sind durch ein Urtheil, welches nach dem 1. Januar 
18 7 6 ergangen und von einem ausländischen Gericht erlassen worden 
ist^ von Tisch und Bett getrennt worden. Der Klagantrag geht dahin^ 
die Ehe der Parteien vom Bande zu trennen. Die Klage ist vom 
Landgericht Dresden, dem sSchs. Oberlandesgerichte und dem Reichs- 
gerichte abgewiesen worden. Das Reichsgericht führt in seiner £nt- 
scheiduifg vom 14. Februar 1889 in wesentlicher Uebereinstimmung 
mit dem Berufungsgerichte aus: ^Eine ausdehnende Interpretation des 
§ 77 Abs. 2 des Reichsgesetzes vom 6. Februar 1875, welche dessen 
Anwendung im vorliegenden Falle rechtfertigen würde, erscheint schon 
deshalb nicht möglich, weil es an jedem Anhalte daftlr fehlt, dass es 
in der Absicht des Gresetzgebers liege ^ für den Fall, dass nach In* 
krafktreten des Gesetzes ein Gericht des Auslandes in Anwendung seines 



Bürgerliches Recht etc. — Zivilprozess. 211 

Rechtes auf beständige Trennimg von Tisch nnd Bett erkennen würde^ 
überhaupt Bestimmung zu treffen und für diesen Fall die Umwandlungs- 
klage des § 77 Abs. 2 — im Widerspruche mit dessen Wortlaute — 
zu geben. Insbesondere bietet hierfür die Entstehungsgeschichte des Ge- 
setzes keinen Anhalt, vielmehr kann aus derselben^ wie der Berufungs- 
richter ausgeführt hat, geschlossen werden, dass der Gesetzgeber 
nicht daran gedacht hat, örtliche Verschiedenheiten aus- 
zugleichen, welche zwischen inländischem undausländischem 
Recht bestehen. Eine analoge Anwendung des Gesetzes aaf Fälle, 
welche dasselbe nicht normirt hat und nicht normir^a wollte, erscheint, 
wie bereits in der Entscheidung des Reichsgerichts vom 1. Januar 1883 
(Entscheidungen Bd. IX S. 99) bemerkt wtirde, im Hinblick auf die 
Natiur des G^etzes als Ausnahmegesetz, ausgeschlossen. [Wengler's 
Archiv fllr zivilrechd. Entscheidungen sächsischer Justizbehörden, Jahr- 
gang 1889 S. 236 ff.) '). 

Brautkinder, 

Brautkinder erwerben durch ihre Geburt die Staatsangehörigkeit 
der Mutter und Ansprüche aus der Brautkindschaft sind nach dem 
Rechte desjenigen Staates zu beurtheilen, welchem das Kind ange- 
hört. §§ 6, 12 f., 1578, 1838 des b. G.B. für das Kgr. Sachsen. 
Urth. des k. sächs. Oberlandesgerichts in Dresden vom 9. Mai 1888. 
(Wengler's Archiv für zivilrechtliche Entscheidungen sächsischer Justiz- 
behörden, Jahrgang 1888 S. 561 ff.) 

Vormundschaft 

Aueh einem Aitsländer kann auf dessen Anstichen von dem Vor- 
mundschaftsriehter f in dessen Bezirke derselbe nach § 21 der 
Z.P.O. einen persönlichen Oerichtsstand hat, ein Zusta^idsvormund 
zur Vertretiuig in ve7'7nögensrechtliehen Angelegenheiten bestellt 
icerden, Gesetz vom 20. Febr. 1882 § 4. Beschluss des k. Ober- 
landesgerichts Dresden vom 19. November 1889, Nr. 1870 VI. 
Mitgetheilt von Herrn Amtsrichter Scheuffler in Johann -Georgenstadt. 

Es handelte sich um den Antrag, den X., einen russischen Unter- 
than, welcher sich zum Zwecke des Studiums am Polytechnikum seit 
mehreren Jahren in Dresden aufhält, auf vorgängige gerichtsärztliche 
Untersuchung unter vorläufige Zustandsvormundschaft zu stellen, weil 
derselbe in Folge von Misshandlnngen, die er am 18. Juni 1889 
von einem Landsmanne erlitten, ungeachtet der in seinem Zustande 
bereits eingetretenen Bessenmg nicht als in vollem Masse dispositions- 
föhig angesehen werden könne. 

Aus den Gründen: Das Amtsgericht hat die Anstellung von 
Erörterungen in der Sache — abgesehen von der an die hiesige Kaiserl. 
Russische Gesandtschaft ergangenen, bisher unbeantwortet gebliebenen 

1) Die dem Wengler^söhen Archiv entnommenen Entscheidungen sind 
von Herrn Landgerichtsrath Dr. Schanze in Dresden mitgetheilt. 



212 Rechtsprechung: Deutochland. 

Benachrichtigung — und die Bestellung eines Vormundes von vorn- 
herein unter Hinweis darauf abgelehnt^ dass das Grericht im Mangel 
eines mit Russland bestehenden Staatsvertrages nicht berechtigt sei, 
einen russischen Unterthan zu bevormunden. 

Dieser Auffassung vermag das O.L.6. für Fälle der vorliegenden 
Art nicht beizupflichten. Denn wenn auch die Beschafiung vormnnd- 
schaftlichen Schutzes in erster Linie Sache des Heimathsstaates der- 
jenigen Personen ist; welche dessen bedürfen^ so lässt sich doch nicht 
verkennen^ dass jeder Staat die GrewKhrung Vormundschaft ichen Schutzes 
auch den in seinem Gebiete sich aufhaltenden Ausländem insoweit nicht 
wird versagen dürfen; als dabei nicht sowohl die Beschränkung des zn 
Bevormundenden in der von ihm an sich zn beanspruchenden Hand- 
lungsfähigkeit; sondern lediglich die Wahrung der vermögensrechtlichen 
Interessen des schutzbedürftigen Ausländers in Frage steht; denen sich 
selbst in geeigneter Weise zu widmen derselbe zeitweilig behindert ist 
Selbst wenn man ein Einschreiten von Amtswegen bedenklich finden 
wollte; würde doch im vorliegenden Falle die Berechtigung des Staates 
ans dem eigenen Antrage deS; soviel jetzt anzunehmen; jedenfalls nicht 
als vollkommen handlungsunfähig zu betrachtenden Kranken sich her- 
leiten lassen; und es muss daher als ein Erfordern iss internationaler 
Rücksicht angesehen werden; den erbetenen Schutz auf so lange ein- 
treten zu lassen; als nicht seitens der HeimathsbehÖrden des Schutz- 
bedürftigen etwas Anderes verfügt wird. Ein Verbot derartigen Vor- 
gehens oder sonstiges formelles Hindemiss lässt sich nach der Ansicht 
des O.L.G.'s aus den bestehenden Gesetzen nicht entnehmen; da die 
Bevormundung einer Person nicht ausdrücklich von deren Eigenschaft 
als Inländer abhängig gemacht wird; während; soviel die Zuständigkeits- 
frage angeht (Ger.-Ordn. § 28); der zu Bevormundende seinen per- 
sönlichen Gerichtsstand nach § 21 der Z.P.O. wegen aller wider ihn 
zu erhebenden vermögensrechtlichen Ansprüche vor den Dresdner Ge- 
richtsbehörden hat. 

Nach alledem wolle sich das Amtsgericht nicht behindert finden; 
dem Antrage des genannten X. in der Weise zu entsprechen; dass 
demselben; falls bei der gerichtsärztlichen Untersuchung das BedUrfiiiss 
vormundschaftlicher Fürsorge als vorhanden anerkannt würde, ziu: 
Geltendmachung seiner im Inlande zu verfolgenden vermögensrecht- 
lichen Ansprüche und nach Befinden Ordnimg der sonstigen, mit seinem 
hierländischen Aufenthalte zusammenhangenden Schuldverhältnisse auf 
die Dauer des Bedürfnisses (Ges. v. 20. Februar 1882; § 4) ein Zu- 
standsvormund bestellt werde. ^) 

Vertrags^mässige Uiiterwerfimg unter ein örtliches RetM, 

Für die Anwendung eines bestimmten örtlichen Rechts kann auch 
der mutli massliche Wille der Kontrahenten entscheidend angesehen 
werden. Urth. des R.G. v. 4. Februar 1890 (Entsch. Bd. 26 S. 151). 

2) Vgl. oben S. 184. 



Bürgerliches Recht etc. — Zivilprozess. 213 

Aufrechjiung (Kom/pensaHon) . 

Die Voraussetzungen der Aufrechnung beurtheilen sich nach dem- 
jenigen Gesetz, unter dessen Herrschaft die Forderung bezw. Schuld 
steht ^ deren Erlöschung durch Kompensation behauptet wird. Urth. 
d. ß.G. V. 1. Juli 1890 (Entsch. Bd. 26 S. 66, Jur. Wochenschrift 
1890 S. 291). 

§ 4 des Patentgesetxes vmn 25. Mai 1877. 

Wegen Verletzung des in einem auswärtigen Staate ertheilteu 
Patents durch dort begangene Handlungen kann vor deutschen Ge- 
richten ein Schadensersatz nicht geltend gemacht werden. Urth. d. 
Reichsgerichts vom 18. Jimi 1890. Aus den Gründen: Da das eng- 
lische Patent nur fUr England ertheilt ist und nur für England er- 
theilt werden konnte, können Kläger einen Anspruch auf Schutz des 
ihnen für England ertheilteu Patentes auch nur in England erheben. 
Das durch die Ertheilung des Patents begründete Verbot, sich der ge- 
werblichen Anfertigung von Lampen und des gewerblichen Vertriebs 
derselben zu enthalten, wendet sich an diejenigen Personen, für welche 
das englische Gesetz geschrieben ist. Soweit die Machtmittel dieses Ge- 
setzes nicht reichen, soweit hat jenes Verbot keine Bedeutimg Erst 

wenn StaatsvertrSge dahin führen, dass Patente, welche in dem einen 
Staat ertheilt sind, auch für das Gebiet der anderen Staaten als er- 
theilt gelten, würde sich das Patentrecht als ein den kontrahirenden 
Staaten gemeinsames Rechtsinstitut ansprechen lassen, so dass ein in 
dem Staate^ welcher das Patent verliehen hat, begangener Eingriff in 

das Patent in dem andern Staat verfolgt werden könnte 

(Berliner Gerichtszeitung 1890 S. 451 ff.) 

Te8tatnentsvoUstrecku7ig. 
Alle eine Erbschaft betreffenden Rechtsverhältnisse, also auch 
die auf die Testamentsvollstreckung bezüglichen, werden nach den ge- 
meinrechtlichen Grundsätzen von der örtlichen Herrschaft der Privat- 
rechtsnormen von dem Rechte des letzten Wohnsitzes des Erblassers 
beherrscht. Es ist in dieser Beziehung durchaus gleichgültig, an wel- 
chem Orte das etwaige Testament errichtet ist, bezw. an welchem Orte 
der Testator zur Zeit der Errichtung desselben gewohnt hat. Urth. 
d. RG. vom 21. April 1890 (Entsch. Bd. 26 S. 380). 

Anforderungen an die Urtheilsbegründung bei Amvendmig aus- 
ländischer Rechtsnormen. 

Klägerin hatte vor dem kgl. Landgericht zu Leipzig auf Ehe- 
scheidungsstrafe nach preussischem Landrechte geklagt. Dmrch Urtheil 
des kgl. Sachs. Oberlandesgerichts zu Dresden vom 9. Dezember 1889 
wurde die Klage, welche seitens der ersten Instanz Beachtung ge^n- 
den hatte, abgewiesen. Im Eingange der Gründe des Berufongsurtheils 
heisst es: „Die Frage, welchem örtlichen Rechte der gegenwärtige 
Streitfidl zu unterstellen sei, darf nach Lage der Sache unerörtert 
bleiben. In Betracht kommen ausschliesslich das sächsische Recht und 



214 Rechtsprechung: Deutschland. 

das allgemeine preussische Landrecht; bei Anwendung des einen wie 
des anderen aber erscheint die ELlage unbegründet.^ Diess wird dann 
des Näheren dargethan. — Klägerin legte Revision ein und machte 
imter Anderem geltend : das Berufungsgericht hätte aussprechen sollen, 
welches Recht Platz greife. Die Revision wurde verworfen. In dem 
Urtheile des Reichsgerichts vom 17. April 1890 — VI. Zivilse- 
nat 24/90 — wird gesagt: ^Wenn die Klage weder nach sächsischem, 
noch nach preussischem Rechte zulässig erschien^ so bedurfte die Frage, 
welches von beiden Rechten gegenwärtig massgebend sei, nicht der 

Entscheidung. Ebenso brauchten lediglich die von den Parteien 

angerufenen ausländischen Rechtsnormen berücksichtigt zu werden. Die 
Klägerin stützte ihre Klage nur auf die Bestimmungen des allgemei- 
nen preussischen Landrechts. Demnach entsprach das Berufungsgericht 
den an die Urtheilsbegrl\ndung zu stellenden Anforderungen^ wenn es 
sich auf Betrachtungen über die Anwendbarkeit dieser Bestimmungen 
beschränkte.^ (Wengler^s Archiv für zivilrechtliche Entscheidungen, Jahr- 
gang 1890 S. 321 ff.) 

Nebeninterventwu des ausländiscJwn Konhirsvenvalters in einem 
gegen den Oevieinschuldner in DentscJdand anhängig gemaehten 

Prozesse, 

Nachdem am 9. Mai 1888 über das Vermögen der zu Wien unter 
der Firma M. Ab. W. und Sohn bestehenden offenen Handelsgesell- 
schaft durch das dortige Handelsgericht der Konkurs eröfinet worden, 
erhob die Klägerin gegen die gedachte Firma beim Landgericht in 
Leipzig eine Klage auf Bezahlung von 1460 Mk. 82 Pf. Kaufpreis ft)r 
Rauchwaaren etc., indem sie sich darauf bezog, dass die Beklagte in 
Deutschland keinen Wohnsitz, wohl aber in Leipzig Vermögensobjekte 
liegen habe. Auf diese Klage wurde die Beklagte durch Versäumniss- 
urtheil vom 22. November 1888 veriutlieilt. — Der in dem Konkurse 
der Beklagten bestellte Masseverwalter wendete mittels Schrifteatzes 
vom 9. Dezember 1888, worin er erklärte, dass er als Nebeninter- 
venient dem Prozesse beitrete, gegen das wider die Beklagte erlassene 
Versäumnissurtheil Einspruch ein. — Nach einer auf die Statthaftig- 
keit des Einspruchs und der Nebenintervention beschränkten münd- 
lichen Verhandlung zwischen dem Nebenintervenienten und der Klä- 
gerin wies das Prozessgericht erster Instanz die Nebenintervention als 
unzulässig zurück. Auf die Beschwerde des Nebenintervenienten wurde 
durch Entscheidung des kgl. sächs. Oberlandesgerichts vom 
17. Mai 1889 das erstinstanzliche Zwischenurtheil aufgehoben und 
die Nebenintervention für zulässig erklärt. In den Gründen heisst es: 

„Nach Ansicht des Oberlandesgerichtes mnss die Frage, ob der 
Nebenintervenient ein rechtliches Interesse im Sinne von § 63 ZJ^.O. 
daran habe^ dass die Beklagte, deren Konkursmasse er vertritt, im 
vorliegenden Prozesse obsiege, bejaht werden. 

Wenn die zwischen Sachsen und Oesterreich abgeschlossene in 



Bürgerliches Recht etc. -— Zivilprozess. 215 

der Minis terialerklänmg vom 6. Januar 1854 bekundete Uebereinkunft 
über die gegenseitige Behandlung von KonkursflQlen (sächs. Gesetz- u. 
Verordnungsblatt vom Jahre 1854 S. 66ff.) noch in Ejraft besteht - — 
diess wird vom sächs. O.L.G. wie vom R.6. angenommen, zu vgl. 
Entsch. des R.G. in Zivils. Bd. 24 S. 12 f. Bemerkung des Einsen- 
ders — j so ist das rechtliche Interesse des Intervenienten an der von 
ihm begehrten Aufhebung des wider die Beklagte erlassenen Versäum- 
nissurtheils ohne Weiteres klar. Denn dann würde er verlangen kön- 
neu; dass nach der Konkurseröffiiung ein Prozess wegen einer Schuld- 
forderung wider die Beklagte überhaupt nicht eingeleitet, der geklagte 
Anspruch vielmehr beim Konkursgerichte in Wien liquidirt werde und 
dass die in Leipzig befindlichen Vermögensstücke des Gemeinschuldners 
KU der von ihm, dem Intervenienten, vertretenen Konkursmasse aus- 
geantwortet würden, er brauchte alsdann Pfandrechte, die erst nach 
der Konkurseröffnung daran begründet worden sind, nicht anzuerken- 
nen, und es würden sogar die vor der Konkurseröffiiung angelegten 
Arreste den Konkursgläubigem kein Vorzugsrecht im Konkurs gewäli- 
ren. Es ist klar, dass wenn der Intervenieut mit seiner Ansicht 
durchdränge, dass der gedachte Staatsvertrag auf den vorliegenden 
Prozess Anwendimg leide, der Bestand der von ihm vertretenen Kon- 
kursmasse sich erhöhen würde. 

Aber auch wenn der entgegengesetzten Ansicht der Klägerin bei- 
zustimmen sein sollte, dass der erwähnte Staatsvertrag durch § 207 der 
K.O. ausser Wirksamkeit gesetzt worden sei, würde ein rechtliches 
Interesse des Intervenienten am Obsiegen der Beklagten in dem 
vorliegenden Prozesse anerkannt werden müssen. Denn dem auslän- 
dischen Konkursverwalter ist durch § 207 cit. keineswegs schlechter- 
dings das Recht abgesprochen, die in Deutschland befindlichen Ver- 
mögensstücke des Gemeinschuldners soweit nöthig im Wege der Klage 
gegen unberechtigte dritte Inhaber derselben zu der von ihm vertre- 
tenen Konkursmasse zu ziehen. Die gedachte Gesetzesvorschrift bestimmt 
Mos, dass, so lange als diese Yermögensstücke sich thatsächlich in 
Deutsehland befinden, der Konkursverwalter auch nach der Konkurs- 
eröffnung sich Zwangsvollstreckungen in dieselben (aus Schuldtiteln 
gegen den Gemeinschuldner) gefallen lassen muss. Hieraus wird im 
Wege der Auslegung weiter gefolgert, dass das Nämliche auch von 
Arrestpfändungen gelte und dass der ausländische Gemeinschuldner 
auch nach der Konkurseröffnung noch in Deutschland verklagt werden 
könne, wenn sonst hier ein Gerichtsstand gegen ihn begründet ist. 
Mit Ausnahme der sich hieraus ergebenden Beschränkungen wird da- 
g^en die Befugniss des ausländischen Konkursverwalters zur Vertre- 
tung der ihm anvertrauten Konkursmasse auch in Deutschland aner- 
kannt. Zu vergl. Entsch. des R.G. in Zivils. VI S. 407, XIV S. 413, 
XVI 8. 338. 

Wenn dem ausländischen Konkursverwalter aber die gedachte Be- 
fugniss zusteht, so hat er auch ein berechtigtes Interesse daran, dass 

ZeifeBcfarift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. Jg 



216 Rechtsprechung: Deutschland. 

die von ihm vertretene Konkursmasse nicht dadurch geschmälert werde, 
dass deren in Deutschland befindliche Bestandtheile mit Pfandrechten 
wegen unbegründeter Ansprüche dritter Personen behafltet werden. Denn 
wenn er auch die Zwangsvollstreckung wegen begründeter Ansprüche 
Dritter an den Kridar nach § 207 K.O. in Deutschland sich ge&llen 
lassen muss und insofern sein thatsächliches Interesse an die Abwen- 
dung solcher Vollstreckungen kein berechtigtes ist^ so lässt sich doch, 
insoweit es sich um unbegründete Ansprüche an den Gemeinschuldn^ 
handelt, gegen welche der letztere sich gar nicht oder nicht ausreichend 
vertheidigt, nicht blos das thatsächliche Interesse des Konkursverwal- 
ters an deren Bekämpfung, sondern auch seine Berechtigung, dieses 
Interesse im Rechtswege wahrzimehmen, nicht verkennen. Sein In- 
teresse am Ausgange des in Deutschland gegen den Gremeinschnldner 
angestrengten Prozesses kann der Konkursverwalter aber — abgesehen 
vom Falle der Kollusion zwischen den Hauptparteien, wo ihm ausser- 
dem die Anfechtungsklage zustehen würde — nur dadurch wahren, 
dass er an dem Prozesse gegen den Gemeinschuldner sich als Neben- 
intervenient betheiligt. Denn der Weg der Klage im Yollstreckungs- 
verfahren nach § 690 Z.P.O., auf welchen die vorige Instanz ihn 
verweist, ist ihm verschlossen, da, wenn einmal ein vollstreckbarer An- 
spruch an den Gemeinschuldner rechtskräftig feststeht, der Konkurs- 
verwalter mit der blossen Bezugnahme darauf, dass die deshalb ge- 
pfändeten Gegenstände zum Vermögen des Gemeinschuldners gehören, 
nach § 207 K.O. nichts erreicht. Die- Vollstreckung kann er hier- 
nach nicht henmien, die rechtskräftige Verurtheilung allein ist es, 
welche er bekämpfen muss, dafern er sich hiervon sachlichen Erfolg 
verspricht. Hierdurch unterscheidet sich seine Rechtslage wesentlich 
von der in den Gründen des vorigen Urtheils als Beispiel angezogenen 
Lage eines dritten Eigenthümers von Sachen, die sich in der Inhabung 
eines Beklagten befinden und im Falle der Verurtheilnng desselben 
möglicher Weise gepfändet werden können. Denn abgesehen davon, 
dass es sich im letzteren Falle nicht um ein gegenwärtiges Interesse, 
sondern blos um die Befürchtung eines ungewissen zukünftigen £Ir- 
eignisses handelt, welche keinen Interventionsgrund abgiebt (zu vgl. 
Wach, Handb. des deutschen Zivilproz. c. I § 55, II, 3 8. 618), wlöi- 
rend bei dem in Deutschland verklagten ausländischen Gremeinschuldner 
die Zwangsvollstreckung in dessen in Deutschland befindliches Ver- 
mögen das voraussetzliche Ziel des Prozesses bildet, kann der dritte 
Eigenthümer den ihm durch die Zwangsvollstreckung wider den Be- 
klagten etwa erwachsenden Nachtheil mit der Klage aus § 690 Z.P,0. 
abwenden, wogegen für den ausländischen Konkursverwalter diese 
Zwangsvollstreckung einen unersetzlichen Nachtheil bereiten würde. 
Der Umstand, dass auch für den Konkursverwalter nicht schon die 
Rechtskraftwirkung, sondern erst die Vollstreckungswirkung des gegen 
den G«meinschuldner ergangenen Urtheils einen Nachtheil herbeiführt, 
ist kein Argument dagegen , dass dieser Nachtheil als Interventions- 



Bürgerliches Recht etc. — Strafrecht nnd Strafprozess. 21*? 

gnmd anzusehen sei. Zu vgl. Wach a. a. O. § 55 JII^ 3 8. 630. 
[Wengkr'a Archiv für zivilrechtl. Bntscheiduagen sächsischer Justiz- 
behörden; Jahrgang 1889 S. 453 ff.) 

B. Strafreoht und Strafprozess. 

Begehung strafbarer Handlutigen Im Aicsla?ide. 

1. Es ist eine im Inlande strafbare Beihülfe , wenn dem ThKter 
im Auslande ein zur Begehung benöthigtes Werkzeug zu 'dem Zwecke 
des Grebrauches bei Vollendung des Deliktes im Inlande überlassen 
wird. Urth. d. R.G. v. 30. Dez. 1890 (Entsch. in Strafs. Bd. 20 S. 169). 

Der Angeklagte R.^ ein in Böhmen^ nahe der deutschen Reichs- 
grenze wohnender Oesterreicher^ hatte dem Bauern Georg J. von O. 
in Bayern eine Kuh verkauft; welche J. nebst einer zweiten in Böh- 
men erkauften Kuh trotz des bestehenden Einfuhrverbotes über die 
Grenze einschmuggeln wollte. R.^ der diese Absicht des J. kannte, 
lieh ihm hiezu einen Wagen , vor welchen J. zur Bemäntelung 
seines Viehschmuggels die Kühe spannte und mit welchem er auch 
mibehelligt Über die Grenze fuhr, während R., der seinen auf der 
deutschen Seite der Grenze in einem Gehölze versteckten Wagen spä- 
ter zurückholen wollte, hiebei betreten und festgenommen wurde. 

Das Reichsgericht nahm an, es komme nicht auf den formalen 
Akt des Gestattens, etwa den Augenblick, in welchem die Erlaubniss 
ertheilt wurde, sondern darauf an, in welchem Umfange die gestattete 
Benutzung des Werkzeuges vom Angeklagten gewollt und dem Thäter 
thatsächlich gewährt wurde. Die thatsächliche Ueberlassung des Wa- 
gens und damit die fortdauernde Wirksamkeit der wörtlich und thät- 
lich gewährten Beihülfe erstrecke sich aber, wie dargethan, über die 
Grenze hinüber auf die im Inlande verübte Hauptthat und sei daher 
als eine auch im Inlande begangene Beihülfe zu erachten. 

2. Im Auslande ausgestossene strafbare Rufe, welche im Inlande 
gehört werden, sind im Inlande strafrechtlich verfolgbar. Urth. d. R.G. 
vom 23. Dezember 1889 (Entsch. in Strafsachen Bd. 20 S. 146). 

3. § 17 des zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn ver- 
einbarten ZoUkartels (Anlage B zu dem zwischen den genannten Staa- 
ten geschlossenen Handelsvertrage vom 23. Mai 1881, R.6.B1. S. 133) 
schliesst die Anwendung des deutschen Strafgesetzes und die Zustän- 
digkeit der deutschen Gerichte zur Bestrafung der von einem öster- 
reichischen Staatsangehörigen in Deutschland begangenen Uebertretung 
der deutschen Zollgesetze nicht aus. Urth. d. R.G. v. 27. Februar 
1890 (Entsch. in Strafs. Bd. 20 S. 290). 

Ladung des im Auslande sich aufhaltenden Angeklagten, 

Die Vorschrift in § 321 der St.P.O. über die zu erlassende La- 
dung an den Angeklagten ist nicht auf den Fall zu beziehen, dass 
die ZuRtellung an den im Auslande an bekanntem Orte sich aufhal- 

15* 



218 Rechtsprechung: Deutschland. 

tenden Angeklagten nach den Vorschriften des Auslandes ausführbar 
und erfolgt ist. In solchem Falle genügt es, wenn die Ladung den 
allgemeinen Anforderungen in den §§ 212 ff., bezw. 231 St.P.O. ent- 
spricht. Urth. d. KG. v. 27. Februar 1890 (Entsch. in Strafs. Bd. 20 
S. 290). 

C. Rechtshülfe. 

a. Rechtshülfe unter deutsehen Gerichten. 

Rechtshülfe in G^^iindbtichsdchen seitens der rheinpreiissischen 

Amtsgerichte, 
Mitgetheilt von Herrn Landrichter Dr. Menztn in Hechingen. 

Seit dem 1. Januar 1889^ dem Tage des Inkrafttretens des Ge- 
setzes über das Grundbuchwesen und die Zwangsvollstreckung in das 
unbewegliche Vermögen im Geltungsbereiche des rheinischen Bechts 
vom 12. April 1888 haben auch die Amtsgerichte im Gebiete ^e» 
rheinischen Hechts in Grundbuchsachen den Amtsgerichten ausserhalb 
dieses Grebietes zum Zwecke der Anlegimg des Grundbuchs Rechtshülfe 
zu leisten. Beschluss des Königl. Oberlandesgerichts Köln (lY.Senat) vom 
16. Januar 1889. 

Das Amtsgericht zu Frankenberg hat in dem Verfahren^ betreffend 
die Anlage des Grundbuchs der Gemarkung Frankenberg, das Amts- 
gericht zu Aachen unter dem 12. Dezember 1888 ersucht^ von einer 
zu Aachen wohnenden Miterbin des Weissgerbers Werner B. eine Er- 
klärung darüber außsimehmen, ob sie bewillige, dass Grundstücke^ 
welche in der Grundsteuermutterrolle bezw. im alten gerichtlichen 
Buche auf den Namen ihres Erblassers vermerkt stehen, in dem anzu- 
legenden Grundbuche auf den Namen von Wilhelm B. eingetragen bezw. 
der Wittwe B. zugeschrieben werden, der Miterbin aber, falls sie selbst 
Ansprüche auf die Grundstücke erheben sollte, zu eröffnen, dass sie 
binnen bestimmter Frist Erhebung der Klage nachzuweisen habe. Das 
Amtsgericht zu Aachen hat die nachgesuchte Rechtshandlung abgelehnt 
als ausser dem Geschäftskreise der rheinischen Grerichte liegend und 
auf wiederholtes Ersuchen vom 31. Dezember 1888 auf Grund der 
§§ 70 und 71 des Gesetzes vom 12. April 1888 in dem weiteren 
Bescheide vom 4. Januar 1889 seine Ablehnung aufrecht erhalten. 

Die gegen diese Beschlüsse des Amtsgerichts erhobene Beschwerde 
ist begründet. 

Der § 87 des Ausftihruugsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze 
vom 24. April 1878 hat, wie die Materialien zu diesem Gesetze er- 
kennen lassen, zur Voraussetzung seiner Anwendung, dass, wie es 
§37 des Rechtshülfegesetzes vom 21. Juni 1869 vorschreibt, die 
Vornahme der beantragten Handlung zum Geschäftskreise des ersuchten 
Gerichts gehört. Die im Wege der Rechtshülfe nachgesuchte Auf- 
nahme Öffentlicher Urkunden Über Willenserklärungen in Grnndbuch- 
sachen ist daher von den Gerichten des Gebiets des rheinischen Rechts 



Rcchtshülfe. 219 

gtets mit Grund abgelehnt worden und musste abgelehnt werden ^ da 
die betreffenden Urkunden mangels Zuständigkeit der betreffenden Be- 
hörden die Beweiskraft Öffentlicher Urkunden nicht gehabt haben 
würden. 

Durch das mit dem 1. Januar 1889 in Kraft getretene Gesetz 
vom 12. April 1888 ist jedem Amtsgerichte im Gebiete des rheinischen 
Rechts aber die freiwillige Gerichtsbarkeit insoweit übertragen^ als aus 
Anlass der ihm obliegenden Anlegung und Weiterführung des 
Gnmdbuchs die Aufnahme von Urkunden zu erfolgen hat; und diese 
durch § 70 begründete Zuständigkeit der Amtsgerichte hat durch den 
§ 71 insofern eine Erweiterung erhalten, als für die Aufnahme der 
zum Zwecke der Anlegung der Grundbücher erforderlichen Urkunden 
wie für die entsprechenden Verhandlungen die Amtsgerichte , welche 
das Grundbuch; iiir welches sie bestimmt sind, nicht selbst anzulegen 
haben, sich Rechtshülfe zu leisten haben. Dass diese Rechtshülfepflicht 
nicht nur den Gerichten gegenüber besteht, welche dem nur für den 
Geltungsbereich des rheinischen Rechts erlassenen Gesetze unterstehen, 
wie die Fassung des § 71 zulässt, folgt sowohl aus der Bezugnahme 
des § 87 des Ausfuhr ungsgesetzes vom 24. April 1878 und mit dem- 
selben der betreffenden Bestimmungen des Gerichtsverfassungsgesetzes, 
nach welchen sich Rechtshülfe zu leisten alle Gerichte verbunden sind, 
wie auch aus dem Grunde der betreffenden Bestimmung, die Anlage 
d^ Grundbuchs durch die gemäss § 69 kostenfreien Verhandlungen 
möglichst zu fordern, welcher für die Bezirke ausser dem Greltungs- 
bereiche des rheinischen Rechts dasselbe ist. 

Da die von dem Amtsgerichte Frankenberg beantragte Handlung 
lediglich zur Anlegung des Grundbuchs nachgesucht wird, so fUUt sie 
gemäss § 7 1 a. a. O. in den G^schäftskreis der Amtsgerichte des rhei- 
nischen Rechts und ist von denselben nach Massgabe der Vorschriften 
des § 73 des Gesetzes zu erledigen, soweit nicht der § 159 des Ge- 
richtsverfassungsgesetzes entgegensteht. Dieses steht im vorliegenden 
Falle nicht in Frage; das ersuchte Gericht hat daher dem Ersuchen 
vom 12. imd 31. Dezember 1888 stattzugeben. 

Beschiverde in Rechtshülfesacken, 

Die in § 160 des Gerichtsverfassungsgesetzes in Beziehung auf 
Kechtshülfe vorgesehene Beschwerde an das Oberlandesgericht, bezw. 
das Reichsgericht, kann in dem Falle nicht Anwendung finden, wenn 
in einer schöffengerichtlichen Strafsache der zur Strafvollstreckung zu- 
ständige Amtsrichter einen anderen Amtsrichter, in dessen Bezirke der 
Verurtheilte wohnhaft ist, um den Vollzug der vom Schöffengericht 
erkannten Freiheitsstrafe ersucht und sodann zwischen den beiden, in 
verschiedenen Oberlandesgerichtsbezirken angestellten, Amtsrichtern über 
die Strafvollstreckung Meinungsverschiedenheit entsteht. Urth. d. R.G. 
V. 9. Dez. 1889 (Entsch. in Strafs. Bd. 20 S. 101). 

Aus den Gründen: Aus der Fassung des § 160 geht mit Klar- 



220 Rechtsprechung. 

heit hervor, dass derselbe sicli nur auf diejenigen Fälle von Rechts- 
hülfe bezieht, in welchen ein Gericht als solches ein anderes Ge- 
richt um die Yomahme einer an sich dem ersteren obliegenden 
Amtshandlung ersucht. Die Bestimmungen über die Yollstrecknng von 
Freiheitsstrafen im Wege der Kechtshülfe folgen dem § 160 nach. 
Die requirirte Strafvollstreckung ist aber kein vom Gerichte als 
solchem vorzunehmende Handlung, sie ist vielmehr nach der Anord- 
nung der Strafprozessordnung (§ 483 Abs. 1) ein, prinzipiell der 
Staatsanwaltschaft zugewiesener, Akt der Administrativpflege. Wenn 
in § 488 Abs. 8 St.P.O. der Landesjustizverwaltimg die Befugnis« 
eingeräumt ist, für die zur Zuständigkeit der Schöffengerichte ge- 
hörigen Sachen die Strafvollstreckung dem Amtsrichter zu über- 
tragen, so ist in denjenigen Bundesstaaten, in welchen von dieser 
Befugniss Gebrauch gemacht worden, hiedurch die rechtliche Natur 
der Strafvollstreckung nicht geändert; die von den Amtsrichtern in 
Ausführung jenes ilmen von der Landesjustizverwaltung ertheilten Auf- 
trages an Stelle der Staatsanwaltschaft zu entwickelnde Thätigkeit ist 
kein Ausfluss des Richteramts, sondern fallt, wie die strafvollstreckende 
Funktion der Staatsanwaltschaft, in das Gebiet der administrativen 
Rechtspflege. Es kann daher nicht eine Beschwerde nach § 160 G.V.G., 
sondern nur eine Beschwerde im Di ens tauf sich tswege in Betracht 
kommen. 

b. Reehtfihfilfe ST^ST^ntiber dem Aafilaiide« 

S. oben S. 176 Rechtsgrundsätze des Reichsgerichts in Aus- 
lieferungs Sachen, 



Belgien. 

Entscheidungen der belgiseheu Gerichtehöfe 

aus den Jahren 1889 und 1890. 

Mitgetheilt von Herrn Maurice Vauthier, Advokat am Appellhof zu 

Brüssel und Universitäts-Professor daselbst. 

NtchtigJceitsbeschwerde (Kassation). AnsUindüdie^ Gesetz. 

Wegen Verletzung eines ausländischen Gesetzes ist Einlegung 
des Rechtsmittels der Nichtigkeitsbeschwerde unstatthaft. (U. des Kassa- 
tionshofs vom 30. April 1889 und 14. Juli 1890, Pasien 1889, 1, 
196 und 1890, 1, 265.) 

Indem der Kassationshof entschied, dass die Auslegung der aus- 
ländischen Gesetze sich seiner rechtlichen Beurtheilung entzieht, be- 
harrte er auf der in Belgien bisher feststehenden Rechtsanschauung. 



Belgien. 221 

Ausländer. Schuldverliältnisse eingegangen xt(ische?i emiem Fran- 
xosen und Belgier, Zuständigkeit der belgischen Gerichte, 

Der Frauzose^ welcher eine Schuld Verbindlichkeit mit einem Bel- 
gier eingegangen hat, kann in Belgien vor dem Gerichte des Wohn- 
sitzes seines Gläubigers verklagt werden. Anders ist es nur dann, 
wenn der Gläubiger vertragsmässig auf den Gerichtsstand vor den 
belgischen Gerichten verzichtet haben sollte. (U. des Appellhofes Grent 
vom 17. Mai 1890, Pasien 1890, 2, 366.) Das belgische Gerichts- 
standgesetz vom 25. März 1876 entscheidet, dass der Ausländer grund- 
sätzlich durch einen Kläger, der Belgier ist, vor ein belgisches Ge- 
richt vorgeladen werden kann. Er kann die Zuständigkeit des letzteren 
(abgesehen von einer Reihe besonderer Fälle) nur ablehnen, wenn 
dem belgischen Beklagten in seinem, des Ausländers, Lande das gleiche 
Recht zusteht. In Frankreich, wo der Art. 14 des Code Napoleon 
noch in Geltung ist, geniessen die Belgier diese Befugniss nicht. Folg- 
lich haben die Franzosen dieselbe auch nicht in Belgien. Dieser Punkt' 
ist unbestreitbar. Kann aber ein Belgier vertragsmässig darauf ver- 

; ziehten, einen französischen Schuldner vor ein Gericht seines Landes 

zu laden? Ja, wenn ein Verzicht der nämlichen Art in Frankreich 
zulässig ist. Der Appellhof zu Gent hat solches aus folgenden Grün- 
den bestätigt: „In Erwägung, dass der Beklagte (Franzose) behauptet, 
dass die Kläger (Belgier) stillschweigend auf die Zuständigkeit der 
belgischen Gerichte verzichtet haben; dass eine solche Uebereinkunft 
rechtgtiltig ist; dass die Rechtswirksamkeit derselben in Frankreich 

! anerkannt ist, und dass dort die Ausländer dieselbe gegenüber Fran- 

i zoseu geltend machen können: dass folglich der Beklagte nach dem 
Grundsätze der Gegenseitigkeit die Zuständigkeit der belgischen Ge- 

1 richte ablehnen kann etc.^ 



Cautio jvdieatum solvi. Der Ausländer als Beklagter. 

Ein Ausländer kann die cautio judicatum solvi nur fordern, wenn 
er vom König die Ermächtigung erlangt hat, seinen Wohnsitz in Bel- 
gien zu nehmen. Unerheblich ist in dieser Hinsicht, dass er eine Bel- 
gierin geheirathet und in Belgien geborene Kinder hat. (U. des 
Appellbofs Brüssel vom 11. Juni 1890, Pasien 1890, 2, 402.) Der 
Ausschluss des ausländischen Beklagten von der Rechtswohlthat, vom 
ausländischen Kläger eine cautio judicaium solm zu fordern, ist ein in 
der Rechtsprechung fesstehender Grundsatz. 

Zuständigkeit, Arrest erudrkt seitens eines Belgiers gegen ei/nen 

Ausländer, 

Die belgischen Gerichte sind zuständige um über die Klage auf 
Gültigkeit eines Arrestes zu erkennen, den ein Belgier im Auslande 
zum Nachtheil eines Ausländers erwirkt hat. - - Jedoch kann der 
Schuldner, gegen den ein Arrest verhängt ist, die Zuständigkeit des 
belgischen Gerichts ablehnen, wenn er beweist, dass dem Belgier in 



222 Rechtsprechung. 

Beinern, des Schuldners, Land eventuell eine entsprechende Befo^iss 
zukommt. (U. des Appellhofs Brüssel vom 16. Februar 1889, Pasien 
1890, 2, 95.) 

Diese Entscheidung ist eine vollkommen richtige Anwendung der 
Grundsätze des belgischen Gesetzes über die Zuständigkeit. Art. 52 
des Gesetzes vom 25. März 1876 zählt genau die einzelnen beson- 
deren Fälle auf, in welchen der Ausländer unbedingt der Gerichtsbar- 
keit der belgischen Gerichte unterworfen ist. Art. 54 fiigt bei, dass 
der Ausländer in den übrigen Fällen diese Gerichtsbarkeit ablehnen 
kann, wenn dies Recht dem Belgier in dem Lande des Ausländers 
zukommt. Nach Art. 52 ist der Ausländer unbedingt den belgischen 
Gerichten unterworfen, wenn es sich um die Klage auf Gültigkeit 
eines in Belgien erwirkten Arrestes handelt. Wenn es sich jedoch um 
einen im Auslande erwirkten Arrest handelt, soll die Zuständigkeit 
des belgischen Gerichts nur mit den in Art. 54 aufgeführten Be- 
. schränkuugen zulässig sein. Der Umstand^ dass der Drittschuldner 
Ausländer ist, oder dass das Schuldverhältniss, auf das sich der Arrest 
stützt, im Auslande entstanden ist, kann nach der Yerhängung des 
Arrestes an der Anwendung der oben aufgeAihrten Bestimmungen 
nichts ändern. 

Atisländisches UrfkeiL VoUstreckharkeits- Erklärung. Rücksicht 

auf die Rechte des Beklagten. 

a. Ein belgisches Gericht kann ein ausländisches Urtheil nur für 
vollstreckbar erklären, wenn ihm eine öffentliche urkundliche (authen- 
tische) Ausfertigung dieses Urtheils vorgelegt wird. Nicht genügt die 
Vorlage einer Urkunde, in welcher bestätigt wird, dass ein Urtheil er- 
ging, welches eine bestimmte Verurth eilung ausgesprochen hat. 

b. Vor der Vollstreckbark eits-Erklärung muss das belgische Ge- 
richt die Ueberzeugung haben, dass die Rechte des Beklagten vom 
ausländischen Gerichte berücksichtigt wurden. Es kann diese Ueber- 
zeugung nur gewinnen, wenn festgestellt ist, dass die verurtheilte Par- 
tei geladen war, um ihre Einwendimgen geltend zu machen, und dass 
die erhobene Klage als begründet befunden wurde. (U. des Appell- 
hofes von Gent 9. April 1890, Pasien 1890, 2, 220.) 

Die Kläger beantragen die Vollstreckbarkeits-Erklärung zu Gunsten 
eines Versäumnis surtheils, das von dem ,, hohen Gerichtshofe'' zu Lon- 
don, Abtheilung der Bank der Königin, erlassen wurde. Sie be- 
schränken sich, eine Urkunde vorzulegen, welche von dem Einen von 
ihnen unterzeichnet ist und das Vorhandensein des Urtheils bestätigt: 
,,In Erwägung, dass — sagt der Gerichtshof von Gent, die Be- 
rufimgskläger Rechtsanwälte {solidtors) in England sind; aber dass^ 
welches auch die Machtbefugniss sei, die das englische Gresetz der Er- 
klärung eines Rechtsanwalts, der für sich selbst einen Antrag stellt, 
beimisst, diese Erklärung keine öffentliche urkundliche Ausfertigung 
der ergangenen Entscheidung in dem Sinne bildet, wie es das bel- 
gische Gesetz erfordert; dass dasselbe nämlich unter Ausfertigung des 



Belgien. 223 

Urtbeilti eine solche versteht, iu welcher die Entscheidung ihrem 
ganzen Inhalte nach wiedergegeben ist etc."^ 

Art. 10 des belgischen Gesetzes vom 25. März 1876 verlangt 
eine Ausfertigung der ausländischen Entscheidung. Derselbe Artikel 
legt dem Richter die Pflicht auf zu prüfen, ^ob die Rechte des Be- 
klagten berücksichtigt wurden '^ Der Appellhof von Gent hat entschie- 
den, dass die ihm vorgelegte Urkunde in dieser Hinsicht nicht ge- 
nügend beweise, weil „sie allein nur das bestätigt, dass der Beklagte, 
nachdem er nicht erschienen war, verurtheilt worden sei, die einge- 
klagte Summe zu bezahlen; dass sie dagegen nichts darüber besagt, 
dass der Beklagte vorschriftsmässig geladen war, und dass die zu 
seinem Gunsten erhobene Klage vom Richter für begründet erklärt 
wurde; dass man demnach nicht sagen kann, dass die Rechte des 
Beklagten berücksichtigt wurden, da durch Nichts festgestellt ist, dass 
die verurtheilte Partei geladen war, ihre Einwendungen vorzubringen, 
und dass die Klage zu seinem Gunsten für gerechtfertigt erklärt wurde '^. 

Ehescheidung, Avsläiider, Persoiialstatui. 

Die Ehescheidung und ihre Gründe hängen vom Personalstatut ab. 
Die belgischen mit einer Ehescheidungsklage befassten Gerichte sollen 
auf ausländische Ehegatten die Vorschriften dieses Statuts anwenden, 
sofern nicht Erwägungen der öfiPentlichen Ordnung entgegenstehen. 
(U. des Appellhofs Brüssel vom 17. April 1889. Pasien 1890, 2, 13.) 

Diese Entscheidung . entspricht der belgischen Rechtsprechung. 
Der Kassaüonshof hat schon dieselbe Lehre im Urtheil vom 9. März 1882 
bestätigt. Diese Lehre leitet sich von nachstehenden Voraussetzungen 
ab, die sämmtlich begründet erscheinen, aber doch, beinahe alle, noch 
streitig sind: 

1) Der belgische Richter kann über eine Ehescheidungsklage 
zwischen ausländischen Ehegatten, die in Belgien ihren Wohn- 
sitz haben, erkennen ^). 

2) Die Ehescheidungsgründe werden grundsätzlich nach dem per- 
sönlichen Gesetz der Ehegatten (hier das nationale Gesetz) 
beurtheilt ^). 

3) Das persönliche Gresetz der Ehegatten wird jedoch nicht be- 
achtet, wenn es gegen die öffentliche Ordnung verstösst^). 

Im vorliegenden Falle sind die Ehescheidungsgründe, auf die 
sich die Klage des Ehemanns stützt, sowohl nach belgischem als auch 
nach dem eidgenössischen Schweizer Rechte zulässig, ein Widerstreit 
zwischen den beiden Gesetzgebungen war also nicht möglich. Es ist 



1) Dagegen v. Bar N. 173 Thl. 1 S. 483, Despagnet S. 358. Siehe 
auch Weiss S. 542, Asser und Bivier S. 121. 

2) Dagegen Asser und Bitner S. 117. 

3) In diesem Sinne Weiss S. 537, v. Bar neigt für dieselbe Lösung. 
(1. Thl. S. 482.) 



224 Rechtsprechung. 

uicht zweifelhaft 7 daBS, weuu der klägerische Ehemann einen Ehe- 
Bcheidiingsgriind behauptet hätte^ der zwar in der Schweiz, nicht aber 
in Belgien zulässig ist (z. B. Geisteskrankheit), die Anwendung seines 
Personalstatuts als der öffentlichen Ordnung zuwider ausgeschlossen 
wäre. Bezüglich der Ehescheidung, welche offenbar mit der öffent- 
lichen Ordnung in Verbindung steht ^ hat der belgische Richter die 
Anwendung des ausländischen Gesetzes nur zuzulassen, wenn sie nicht 
gegen das belgische Gresetz verstösst. Die Berücksichtigung des 
Personalstatuts findet jedoch seine Grenze bei Beurtheilung der der 
Ehescheidungsklage zu Grunde liegenden thatsächlichen Handlung, 
flir welche die ylex ((/n^^ ausschliesslich massgebend ist. 

Minderjährigkeit und Vormundschaft. Verkauf von belgischen 
Grundstücken, die minderjährigen Aivsländern gehören. 

Das Gesetz vom 12. Juni 1816, das den Verkauf von Liegen- 
Hchafkeu, welche Minderjährigen gehören, regelt, erklärt hierfür so- 
wohl den Gerichtsstand der Person als auch den der belegenen Sache 
als begründet. Letzterer gilt, soweit jenes Gresetz zugleich be- 
stimmt, welche Vorschriften des Verfahrens zu beobachten sind. Folg- 
lich ist die Veräusserung einer belgischen Liegenschaft, die einem 
minderjährigen Holländer gehört, nichtig, wenn sie nach den Formen 
des holländischen Prozessgesetzes bewirkt wird. (U. des Tribunals 
Brügge vom 18. November 1889. Pasien 1890, 3, 50.) 

Das liegenschaftliche Vermögen mindeijäliriger Holländer, das in 
Belgien gelegen ist, war in Holland von dem Vormund, welcher der 
Vater war, nach den Vorsciirifiten des holländischen Gesetzes verkauft 
worden. Der Erwerber hatte dasselbe au einen Dritten weiter ver- 
kauft. Später nach dem Tode des Vaters klagte der Datiwormund 
der minderjährigen Kinder auf Nichtigkeit der stattgefundenen Verkäufe. 
Er stützte die Klage darauf, dass die Förmlichkeiten des belgischen 
Gesetzes in Bezug auf den Verkauf von Liegenschaften, die Minder- 
jährigen gehören, nicht beobachtet worden seien. Das Gericht erster 
Instanz zu Brügge gab der Klage statt und zwar in der Erwägung, 
dass nach dem Gesetze vom 12. Juni 1816 zwei Arten von Förmlich- 
keiten, die genau bestimmt sind, zu unterscheiden sind: „einerseits die 
vom Familienrath zu erholende Ermächtigimg und deren gerichtliche 
Bestätigung durch das Zivilgericht, Massnahmen, welche dem Gresetze 
des Wohnsitzes der Minderjährigen unterworfen sind, und andererseits 
die Ernennung des Notars durch das Gericht, die öffentliche Ver- 
steigerung durch den vom zuständigen Friedensrichter bestimmten Notar 
in GJegenwart der Vormünder oder Neben Vormünder , Förmlichkeiten, 
welche prozessualer Natur sind. Sie unterliegen ausschliesslich dem 
Gresetze des Orts der belegenen Sache und müssen bei allen Verkäufen 
von Liegenschaften, welche Minderjährigen gehören, beobachtet werden, 
ohne dass ein Unterschied besteht, ob diese Belgier oder Ausländer 
sind". 



Belgien. 225 

lieber die vom Gericht zu Brügge aufgestellte Uuterscheidung 
l%80t sich streiten. Wenn man der Ansicht ist, dass die Vormund- 
schaftsgesetze nach dem Gesetze des Wohnsitzes zu beurtheilen sind, 
so ist es logisch, zuzugeben, dass der Uebergang von Liegenschaften, 
selbst der im Auslande gelegenen, gleichfalls durch das Gesetz des 
Wohnsitzes geregelt wird. Das ausländische Gresetz kann nur soweit 
augegangen werden ^ als gewisse, durch das Gresetz des Wohnsitzes 
vorgeschriebene Förmlichkeiten im Auslande erfUllt werden müssen ^ ). 
£s geschieht solches nur in Anwendung der Rechtsregel: r locus regit 
acium^. Willkürlich erscheint es jedoch zu sagen, wie das Grericht 
von Brügge, dass rein ftusserliche Förmlichkeiten nach dem Gesetze 
der belegenen Sache zu beurtheilen und auch dann zu beobachten 
sind, wenn das Gesetz des Wohnsitzes des Minderjährigen nichts 
Gleiches erfordert. Es wäre entsprechender, zuzugeben, dass der 
Uebergang der Minderjährigen gehörigen Liegenschaften ganz und 
gar durch das Gesetz der belegenen Sache bestimmt wird. Die Be- 
gründung des Grerichts von Brügge stellt sich als nicht juristisch dar. 

Eigenhändig geschriebene Testament. Locus regit actum. 

Das eigenhändig geschriebene Testament ist der Rechtsregel: 
^locus regit actv/m'^ unterworfen. Dieselbe ist unbedingt ohne jegliche 
Abweichung. Der Ausländer hat nicht die Wahl, sich in Bezug auf 
die Fertigung eines solchen Testaments auf die in dem Gesetze seines 
Landes zugelassenen Formen zu berufen. (U. des Appellhofs Brüssel 
vom 13. Februar 1889. Pasien 1889, 2, 170.) 

Eine Belgien bewohnende Engländerin hatte nach den durch das 
englische Gesetz vorgeschriebenen Formen (Unterzeichnung des Testa- 
ments in Gregenwart von Zeugen) ein eigenhändig geschriebenes 
Testament gemacht. Die in demselben als Testamentsexekutor be- 
stimmte Person beantragte die Auslieferung der von der Verlebten bei 
der Nationalbank hinterlegten Werthpapiere. Der Appellhof lehnte 
diesen Antrag aus folgenden Gründen ab: „In Erwägung, dass die 
als eigenhändig geschriebenes Testament und Kodizill bezeichneten 
Urkunden der in Frage stehenden Person nicht den in Art. 970 des 
B.O.B. vorgeschriebenen Voraussetzungen entsprechen und nicht die 
Natur von Testamenten im Sinne des belgischen Gesetzes an sich 
tragen; dass nach einer allgemeinen Regel die Förmlichkeit der 
Rechtshandlungen sich nach dem Gesetze des Ortes richtet, wo der 
Akt hierüber aufgenommen wurde, imd zwar ohne Rücksicht auf die 
Persönlichkeit ihrer Urheber; dass der Titel, auf Grund dessen der 
Antragsteller als Testamentsexekutor handelt, dem Gesetze wider- 
spricht imd in Belgien ohne Werth ist; aus diesen Gründen kann 
dem Antrag nicht stattgegeben werden.^ 



4) Ebenso v. Bar Tbl. 1 S. 373—374; Weiss S. 415—417; Despagnet 
S. 390—391. 



226 Rechtsprechung. 

Ungeachtet des in diesem ürtheil aufgestellten Satzes wird der- 
selbe weder durch die Doktrin noch durch die Jurisprudenz unterstützt ^). 
Er scheint uns sehr streitig. Es ist ein sonderbares Versehen, zn 
sagen, wie im Urtlieil, dass eine allgemeine Kegel verlange, dass die 
Testamente den Gesetzen des Ortes, wo sie errichtet sind, entsprechen 
müssen ohne Rücksicht auf die Persönlichkeit ihrer Urheber. Das bei- 
nahe allgemein geltende Prinzip spricht dagegen aus, dass die Rechts- 
regel ,^locus regit aetum^ eine fakultative Natur habe, so dass der Erb- 
lasser die Wahl habe zwischen den Formen seines Wohnortes und denen 
des Gesetzes seines persönlichen Rechts '*). Diese Schlussfolgerung 
scheint stillschweigend durch den Chde civü gebilligt, indem Art. 999 
sagt, dass der Franzose, der sich im Auslande befindet, ein eigen- 
händig geschriebenes Testament in Gemässheit der Vorschriften des 
französischen Gesetzes machen kann "'). Wenn, wie wir glauben, 
dieser Artikel nur auf einem allgemeinen Grundsatz beruht, muss man 
zugeben, dass der Ausländer in Frankreich und Belgien gegenseitig 
die Förmlichkeiten seines Landesgesetzes gebrauchen kann. Wir sehen 
nicht ein, warum diese Lösung eine andere sein sollte, weil die 
Testamentsexekution in Belgien beantragt wurde. 

Testament. Lock^s regit actum. Holländisches Oeseix. 

Derjenige, dem sein persönliches Recht verbietet, ein eigenhändig 
geschriebenes Testament, selbst im Auslande, zu machen, kann in 
dieser Form in Belgien nicht gültig testiren. Der Niederländer, 
welcher in Folge eines Aufenthalts im Auslände seine Nationalität 
verloren hat, kann ein eigenhändig geschriebenes Testament nach den 
Formen des belgischen Gesetzes machen. (U. des Appellhofs zu Lüttich 
vom 27. März 1890. Pasien 1890, 2, 241.) 

Es handelte sich um ein eigenhändig geschriebenes Testament, 
das von einer Person niederländischer Herkunft in Belgien errichtet 
war. Hätte der Erblasser seine ursprüngliche Nationalität behalten, 
so würde er in Anwendung seines persönlichen Gesetzes (Art. 962 
des holländischen B.G.Bs.) auch in Belgien nicht das Recht zur 
Fertigung eines eigenhändig geschriebenen Testaments gehabt haben. 
Die hier zur Entscheidung vorliegende reine Thatfrage war, ob der 
Testator seine Nationalität verloren hatte oder nicht. Es wurde fest- 
gestellt, dass er sie verloren hatte. Mit Recht hat deshalb der 
Appellhof aus dieser Thatsache nachstehende Schlussfolgerung gezogen: 
„In Erwägung, dass in Bezug auf die in Rede stehende Person das 
persönliche Recht zur Zeit der Errichtung des Testaments nicht mehr 
gilt, da dieselbe damals ihre frühere Heimath nicht mehr hatte; dass 



5) Asser und Eivier N. 30; Laurent Thl. 2 S. 245—249; Talit (Ausgabe 
Duvangeat) N. 83. — U. des franz. Kassationshofs vom 9. März 1853. 

6) V. Bar Thl. 1 S. 353; Thl. 2 S. 321-323; Weiss S. 707 u. 711. 

7) In diesem Sinne Despagnet S. 283. 



Dänemark. 227 

daraus folgt^ dass der testamentarische Akt nach dem Gresetze, wo sein 
Urheber seinen Wohnsitz genommen hatte^ beurtheilt werden muss etc/' 
Hieraus entnehmen wir^ dass es für den Niederländer rechtlich 
immöglich ist, in Belgien ein eigenhändig geschriebenes Testament 
zu machen (wie von der belgischen Becht sprechung anerkannt ist). 
Diese Folgerung bestätigt aber indirekt den Grundsatz, dass die 
Recbtsregel j^Iogus regit actum'^ keinen obligatorischen Karakter hat^). 

Dänemark. 

Dftnische Bechtsprechnng 0« 

Persönliche Hamllungsfähigkeit, 

Die Mündigkeit wird beurtheilt nach dem Gesetze des Heimaths- 
ortes, ohne Kücksicht auf die Nationalität oder das Unterthanen- 
verhältniss. Selbst wenn eine Person, als sie ihr Domizil in Däne- 
mark nahm, nach den Gesetzen ihres früheren Heimathsortes mündig 
war, wird sie unmündig durch die Niederlassung hier; doch bleibt 
dies natürlich ohne £influ8s auf Eechtshandlungen, welche vor dem 
Umzüge vorgenommen worden waren. Von neueren Kechtseatschei- 
dangen in dieser Eichtung hat man ein Urtheil des See- und Handels- 
gerichts vom 24. August 1871 (ügeskrift for Retsvaeseu S. 734), 
Obergerichtserkenntniss vom 11. September 1871 (ebenda S. 949), und 
Obergerichtserkenntniss vom 28. August 1885 (ü. f. R. 1886 S. 49). Wie 
anderwärts wird man indessen auch in Dänemark kaum annehmen, dass 
Bechtsgeschäfte, welche hierzulande mit Inländern von Personen ab- 
geschlossen werden, die nach den Gesetzen ihres Heimathsortes un- 
mündig, aber nach unseren Gesetzen mündig sind, unbedingt ungültig 
seien. Präjudikate in dieser Richtung gibt es nicht, da der Fall 
schwer vorkommeu wird, naclidem der dänische Termin für die Voll- 
mündigkeit so hoch ist (25 Jahre) ^). 

Verlöbniss. 

Ob die Wirkung eines Eheversprechens (Verlobung) nach der 
ter fori beurtheilt werden soll, wenn entweder auf ErflUlung oder 



8) Dies wird richtig bemerkt von v, Bar ThI. 2 S. 323 Anm. 17. 

1) S. oben S. 104 Note 2. 

2) Auf der nordischen Juristenversammlung in Kopenhagen, 28.— 30. Au- 
gust 1890, wurde die Frage geprüft, ob ein neues Gesetz bezüglich der 
Mflndigkeit bei deren Benrtheilung das Domizil oder die Nationalität zu 
Gninde legen solle. Nach schwedischem Recht sieht man auf die Natio- 
nalität, nach dänischem und norwegischem Recht auf das Domizil. Die 
Meinungen waren getheilt; aber die meisten und gewichtigsten Stimmen 
hielten am Domizil fest, und selbst von schwedischer Seite wurde geltend 
gemacht, dass es nicht angehe, ohne nähere Modifikationen sich auf die 
Nationalität zu stützen. Es wurde auch bezweifelt, ob man dies nach 
geltendem Rechte könne; aber dieser Zweifel ist doch vielleicht ein ganz 
vereinzelter. 



228 Rechtsprechung. 

Ersatz wegen Nichterfüllung geklagt wird^ oder nach dem Recht des 
Ortes y wo dasselbe abgegeben wurde und wo beide Parteien damals 
ihr Domizil hatten ^ ist bestritten (dabei ist zu bemerken^ dass nach 
dänischem Recht eine Verlobung^ wenn nachfolgende Schwängenmg dazn 
kommt^ in der Regel die Verpflichtung mit sich bringt^ das Weib zu hei- 
rathen zufolge einer Verordnung vom 5. März 1734). In einem Ober- 
gerichtserkenntniss vom 5. Juli 1880 wird angenommen^ dass die Frage 
nach dänischem Recht, d. h. der lex fwi zu beurtheilen sei; aber zwei von 
den fünf Votanten dissentirten und meinten, dass die Frage nach den 
Gesetzen des Landes abzuurtheilen sei, wo die Verlobung erfolgte 
u nd wo auch angenommen war, dass damals die Parteien gesinnt waren, 
dass die Ehe eingegangen werden sollte, vgl. U. f. R. für 1881 
S. 41. 

Formen der Eingehung der Ehe, 

Sowohl von den Gerichtshöfen als von der Verwaltung ist in 
zahlreichen Fällen anerkannt worden, dass die Regel Umis regit actum 
in Bezug auf die Formen der Eingehung der Ehe gelte, zumal 
in der Verbindung, dass die Zivilehe, in Frankreich oder jetzt in 
Deutschland eingegangen, gültig ist, obwohl hier kirchliche Trauung 
verlangt wird, wenn beide Parteien Lutheraner, Katholiken, Refor- 
mirte oder Juden sind. (Als eine rein kirchliche Verpflichtung wird 
gefordert, dass Personen, welche der Staatskirche angehören, wenn sie 
im Auslande nur eine bürgerliche Ehe eingegangen haben, diese durch 
eine kirchliche Trauung bekräftigen lassen, wenn sie hier ihren Wohn- 
sitz nehmen.) Dagegen ist, soviel ich weiss, die Frage nie zur Ent- 
scheidung gelangt, ob eine im Auslande eingegangene Ehe gültig ist, 
wenn sie den dänischen, aber nicht den eigenen Formen des Aus- 
landes genügt, z. B. wenn eine kirchliche Trauung in einem Lande 
vorgenommen wurde, wo die obligatorische Zivilehe besteht. Die 
Frage würde, wenn sie entstünde, gewiss in verneinendem Sinne be- 
antwortet werden, ausgenommen natürlich den Fall, da die Ehe in 
barbarischen oder halbbarbarischen Ländern eingegangen worden wäre, 
wo die Dänen nicht unter den Gresetzen des Landes, sondern unter 
ihrer eigenen Gesetzgebung fCkmstdarjurisdiction) leben. (An der- 
artigen Orten kann die Ehe entweder durch eine vom Konsul vor- 
genommene bürgerliche Trauung eingegangen werden oder durch eine 
von einem protestantischen Geistlichen vorgenommene kirchliche Trau- 
ung; vgl. Justizministerialerlass vom 4. Oktober 1882 im Zusammen- 
halte mit einem gleichen Erlasse vom 5. Oktober 1872, Ministerial- 
Tidende 1882 S. 138.) 

Oüterrechtliche Verhältnisse der Ehegatten, 

Was die Vermögensverhältnisse unter den Ehegatten betrifft, so 
ist zu bemerken, dass hier in Dänemark eine vollständige, das ge- 
sammte Vermögen umfassende Gütergemeinschaft unter den Eheleuten 
gilt, sofern diese nicht durch einen Ehevertrag, welcher, um in allen 



Danemark. 229 

Biehtungen Gültigkeit zu erlangen, durch das Justizministerium be- 
stätigt werden muss^ eine andere Ordnung angenommen haben; sie 
können aber ziemlich jede Ordnung annehmen^ welche sie selbst 
wollen. Doch muss der Ehevertrag am Ding verlesen werden ^ge- 
richtliche Publikation), um Dritten gegenüber Wirkung zu erlangen. 
Wenn Eheleute, welche vorher im Auslande gewohnt haben, hieher 
ziehen^ wird angenommen, dass die Ehe vertrage, welche sie nach aus- 
Ulndiflcfaem Recht errichtet haben, hierzulande in Geltung bleiben, ohne 
daza der obenerw&hnten Bestätigung zu bedürfen; doch scheint an- 
genommen zu sein, dass die Vorlesung am Ding hier nach erfolgter 
Einwanderung Dritten gegenüber nöthig ist, vgl. Obergerichtserkennt- 
niss vom 2. September 1878 in der U. f. R. för 1879 8. 159. Ob 
das ^so jure, also ohne Ehevertrag, nach dem ausländischen Rechte 
geltende Regime, soweit es von der vollständigen Gütergemeinschaft 
unseres Rechtes abweicht, nach dem Umzüge hieher ins Land in Gel- 
tung bleibe, ist durch keinerlei Präjudikat entschieden. Formell wird 
hier die Schwierigkeit eintreten, dass kein Dokument zum Vorlesen 
am Ding vorliegt, weil das Regime lediglich auf dem Gresetz beruht. 
Aber ganz unbestritten ist, dass solche einwandernde Eheleute sofort, 
nachdem sie hier ihren Wohnsitz genommen haben, einen Ehevertrag 
abschliessen können, durch welchen das bestehende Vermögensverhält- 
niss fixirt wird, und dieser kann dann bestätigt und am Ding verlesen 
werden. 

Erbrecht Inhalt und Form der Testamente, 

Die Frage, nach welchen örtlichen Gresetzen die Erbfolge und 
die damit zusammenhängenden Rechtsverhältnisse zu be- 
urtheüen sind, ist in Dänemark nach der herrschenden Meinung dahin 
entschieden, dass der Uebergang des Vermögens eines Erblassers, ohne 
Unterschied, ob es sich am bewegliches oder unbewegliches Vermögen 
handele, zufolge des Prinzips der Universalsukzession dem Personal- 
st a tute des Erblassers zu unterstellen ist, wobei nur eine Ausnahme 
bezüglich der Fideikommiss-, Lehens-, Stammgüter u. dergl. gemacht 
wird, für welche das Recht des Ortes, wo sie belegen sind, besondere 
von den erbrechtlichen Bestimmungen abweichende Grundsätze aufstellt. 
Als Personalstatut gilt in Dänemark das Recht des Domizils. In Ueber- 
einstimmung hiemit wurde angenommen, dass der Inhalt von testa- 
mentarischen Bestimmungen, welche von einem Dänen getroffen worden 
waren, der bei seinem Tode sein Domizil im Auslande (Loschwitz bei 
Dresden) hatte, nach den an diesem Orte geltenden Regeln zu be- 
urtheilen sei; s. die Entscheidung in der U. f. R. für 1878 8. 329. 

Was die Form der Testamente betrifft^ so ist die Doktrin und 
Praxis in Dänemark eine etwas andere als die allgemeine. Es wird 
nämlich angenommen, dass ein im Auslande errichtetes Testament nicht 
gültig ist, wenn der Testator vor seinem Tode hier sein Domizil ge- 
nommen hat, und nach unseren Gesetzen in Bezug auf die Formen Etwas 
fehlt, vgl. die Entscheidung in der U. f. R. für 1876 S. 1028. Die 



230 Rechtsprechung. 

Meinung ist also die^ dass eine Person, die hier ihr Domizil genommen hat« 
ihr Testament in den hier geltenden Formen wiederholen muss, jedenüeJls 
wenn sie vor ihrem Tode hiezu genügende Zeit gehabt hat. Der wahr- 
scheinliche Grund filr diese Doktrin ist, dass das geltende Erbrechts- 
gesetz vom 21. Mai 1845 in § 33 bestimmt, dass in den iüteren, 
minder strengen Formen errichtete Testamente nicht aufrecht erhalten 
werden sollen, wenn nicht des Testators Tod oder andere Umstände 
verhindern, dass er seinen letzten Willen in den von diesem G^etze 
vorgeschriebenen Formen wiederholen kann (eine ähnliche Bestimmung 
im Gesetze für Schleswig vom 4. Februar 1854 § 7). Als eine Folge 
des Angeführten kann vielleicht angenommen werden, dass die lex 
loci testamenti factionis gelte, wenn der Testator im Auslande stirbt, 
nachdem er ein Testament in' den dort geltenden Formen errichtet hat, 
oder doch so kurz nach seinem Umzüge oder seiner Rückkehr hieher ins 
Land, dass ihm keine Zeit blieb zur Wiederholung des Testationsaktes 
in unseren Formen. Die hier erwähnte Frage könnte leicht eintreffen, 
da unsere Testamentsformen ziemlich strenge sind; so wenlen testor 
menta holographa nicht anerkannt; in der Regel wird die Errichtung 
vor einem Notare unsern Testamentsformen genügen, wenn der Notar 
zwei Zeugen zugezogen hat,imd wenn der Notariatsakt ein ausdrückliches 
Zeugniss darüber enthält, dass der Testator bei der Errichtung des 
Testamentes im vollen Besitz seiner Vernunft sicli befand. 



Grossbritannien. 

Englische Entscheidongen ans dorn Jahre 1889, 

niitgethellt von Herrn Dr. Ernst Schuster, Barristtr-at-Law in London. 

/. Oericktsstand im Falle auswärtiger Beklagter. 

1. Gerichtsstand der Niederlassung. 
a) Bei Aktiengesellschaften. 

Wenn eine auswärtige Aktiengesellschaft eine Niederlassung in 
England hat und daselbst einen wesentlichen Theil ihrer Greschafte 
betreibt, so können Klagen gegen diese Gesellschaft vor dem eng- 
lischen Obergericht erhoben werden, und die Zustellung der Prosess- 
ladung kann in analoger Weise wie bei einer englischen Aktiengesell- 
schaft erfolgen. (Haggin v. Comptoir d'Escompte, Law Reports 23 
Qu^en's Bench Division 526.) 

b) Bei offenen Handelsgesellschaften. 

Der Gerichtsstand der Niederlassung ist fllr Klagen gegen eine 
im Auslande errichtete und aus Ausländern bestehende offene Handels- 
gesellschaft nicht dadurch begründet, dass sie in England eine Nie- 
derlassung hat. Die Bestimmung der englischen Prozessordnung (ßuks 
of tke Supreme Cou/rt, Order 9 nUe 6), laut welcher die Zustellung 
einer Prozessladung an den Geschäftsführer, der mit der Leitung der 



GroBsbritannien. 581 

• 

Geschäfte im Hauptlokal in England betraut ist; als Zustellung an 
die Gresellschaft anzusehen ist^ ist in einem derartigen Falle nicht an- 
wendbar. (Russell V, Cambefart, Law Beports 28 Q,B,D, 526.) 

2. Gerichtsstand des Erfüllungsorts. 

Eine Klage wegen Vertragsbruchs gegen einen auswärtigen Be- 
klagten ist zulässige wenn der Vertrag in England zu erfllllen war 
und in England verletzt wurde. England gilt nicht als Erflillungsort 
für den Verkäufer im Sinne dieser Bestimmung, wenn ein auswärtiger 
Verkäufer an einen englischen Käufer vom Ausland nach England zu 
verschiffende Waaren zu einem Originalkosten, Fracht und Versiche- 
rung einschliessenden Preise (df) verkauft^ da nach der Auffassung 
des englischen Grerichts ein solcher Vertrag erfüllt ist, sobald die 
Waare verschifft ist. (Wcmeke v, Wingren 58 Law Journal Beports, 
Queen's Bench 519,) 

3. Vereinbarter Gerichtsstand. 

Wenn eine auswärtige Aktiengesellschaft in einem Vertrage be- 
stimmt, dass derselbe nach englischem Rechte zu interpretiren sei imd 
in demselben Vertrage einen Zustellungsbevollmächtigten für den Fall 
eines Streites in England bestellt, so werden hierdurch die englischen 
Gerichte für die aus dem Vertrage entstehenden Rechtsstreitigkeiten zu- 
ständig. Die betreffende Bestimmung wird durch den Konkurs der 
auswärtigen Aktiengesellschaft nicht aufgehoben. 

4. Streitverkündung an auswärtige Dritte. 

Die Streitverkündung an auswärtige Dritte ist nach englischem 
Recht in denselben Fällen zulässig, in welchen eine Klage gegen aus- 
wärtige Beklagte zulässig ist. (DitboiU v. McUpherson, Law Beports 23 
QM,D, 340.) 

IL Ersatxztistellufig im Falle auswärtiger Beklagter. 

Die Bestimmung der englischen Prozessordnung (KS.C. Order 9 
rwte 2), laut welcher, wenn die persönliche Zustellung nicht sofort er- 
folgen kann, Ersatzzustellung vom Prozessgericht angeordnet werden 
darf, ist im Falle auswärtiger Beklagter nicht anwendbar. Ist aber 
eine derartige Ersatzzustellung erfolgt und hat der Beklagte darauf 
eine Prozesshandlung vorgenommen, so kann er die Rechtmässigkeit 
der Zustellung nicht mehr anfechten. fFry v. Moore, Law Beports 23 
Q.BJ). 395.) 

III. Rechtshängigkeit. 

Das deutsche Konsulargericht in Konstantinopel erliess einen 
Arrestbefehl gegen ein im dortigen Hafen liegendes Schiff, machte aber 
die Vollstreckbarkeit des Befehls von einer Sicherheitsleistung durch 
den Kläger abhängig (vgl.D.Z.P.O. § 801); die Sicherheit wurde nicht 
geleistet; trotzdem hinterlegte der Beklagte die zur Hemmung der Voll- 
ziehung erforderliche Geldsumme (1. c. § 803). Das Schiff wurde we- 
gen desselben Anspruchs in England mit Arrest belegt und ein Antrag 
des Beklagten auf Aufhebung des Arrestes wurde abgewiesen, da die 

Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. \Q 



232 Rechtsprechung. 

Hinterlegnng der genannten Summe in Konstantinopel durch den Be- 
klagten gar nicht in Folge des Arrestbefehls des deutscheu Gerichts 
erfolgt sei, sondern als. freiwillige Handlung angesehen werden müsse. 
(Tke Reinbeck 60 Law Times Reports 209,) 



Italien. 

Italienische Sechtsprechnngy 

mitgetheilt von Herrn Francesco P. Contuzei, Professor des internationalen 

Rechts an der k. Universität in Neapel. 

Vollstreckung ausländischer Ziviliirtheile, — Art. 941 des codiee 

di proc, civile. 

Im Verfahren wegen Vollstreckung ausländischer Zivilurtheile 
(Delibationsverfahren) hat der italienische Richter die materielle Gre- 
setzmftssigkeit der zu vollstreckenden ausländischen Entscheidung nicht 
zu prüfen. Art. 941 des codiee di proc. civ. verlangt lediglich Prlifimg: 

1) ob dasUrtheil von einem zuständigen Gerichte erlassen wurde, 

2) ob die Partei ordnungsmässig geladen war, 

3) ob sie in gesetzlicher Weise vertreten war, oder ob ein Ver- 
säumnissurtheil in gesetzlicher Weise ergangen ist, 

4) ob nicht das Urtheil gegen die Öffentliche Ordnung oder gegen 
das im Königreiche Italien geltende öffentliche Recht verstösst. 

Die. ersteren drei Pimkte sollen gegen jede Ueberraschong 
schützen, welche durch die Nichtbeachtung jener wesentlichen Förm- 
lichkeiten herbeigeführt würde und sollen Bürgschaft des regelmäs- 
sigen und richtigen Ganges des Verfahrens sein. Der letztere Punkt 
ist im Interesse der Aufrechthaltung der Ordnung und des öffentlichen 
Rechtes gelegen. Eine weitere Eingehung in die Sache selbst kann 
nicht verlangt werden, es würde sonst der nationale Richter in jene 
Jurisdiktion des ausländischen Richters, die er selbst anerkennt, ein- 
dringen und möglicher Weise sich in Widerspruch mit demjenigen 
setzen, was der ausländische Richter auf Grund des vor ihm legal 
vorgegangenen Verfahrens festgestellt hat. Entsch. des Appellho& 
Venedig vom 20. Februar 1890, i. S. Dika Levy c. Gajo. — 

Es wird nützlich sein, frühere Entscheidungen der italienischen 
Jurisprudenz in Bezug auf Vollstreckimg ausländischer ürtheile hier 
anzuführen: 

1. Urtheil des Kassationshofes Neapel v. 6. Dezember 1866 

i. S. Jeraud und Dreyfuss. 

Der Appellationsgerichtshof erklärte mit Urtheil v. 20. Juni 1866 
kraft der ihm nach Art. 941 ff. des italien. Zivilprozessgesetzes zu- 
kommenden Jurisdiktion nach vorhergegangenem Verfahren ein vom 
französischen Gerichtshofe in Kolmar erlassenes Urtheil für vollstreck- 
bar. Auf gegen die Entscheidung des Appellationsgerichtshofes beim 



Italien. 233 

obersten Grerichtshofe in Neapel eingelegten Rekurs ergaben sich 
folgende Streitfragen: 

a) Ob der Bekurs gegen die Entscheidung des Appellation sge- 
richtshofes; als eine nicht in der Appellationsinstanz erlassene^ zulässig sei. 

Entscheidung des Kassationshofes: 

Art 517 des Gesetzbuchs über Zivilprozess verfahren^ welcher be- 
stimmt , dass gegen die in der Appellation gefällten Urtheile Rekurs 
zam Kassationshofe eingeleg*t werden könne ^ ist dahin auszulegen, 
dass diese Bestimmung auf alle mit den gewöhnlichen Rechtsmitteln 
nicht bestreitbaren Urtheile im Allgemeinen anwendbar ist, demnach 
auch gegen die von den Appellationsgerichtshöfen im Delibationsver- 
£fthren wegen Vollstreckung ausländischer Urtheile in I. Instanz er- 
lassenen Entscheidungen der Rekurs zum Kassationshofe zulässig ist. 

b) Ob der italienische Vollstreckungsrichter im Delibationsver- 
fiihren die materielle Gesetzmässigkeit der ausländischen Entscheidimg 
präfen darT? 

Entscheidung : Die Prüfung des Appellationsgerichts im Delibations- 
veifiEdiren erstreckt sich nicht auf die materielle Gesetzmässigkeit des 
ausländischen Urtheils, sondern nur auf das Gegebensein der im 
Art. 941 des Gesetzbuchs über das Zivilprozessverfahren vorausge- 
setzten vier formellen Punkte. 

c) Ob der Appellationsgerichtshof bei Prüfung der Kompetenz 
des ausländischen Richters (Art. 941 Zi£F. 1) auf das italienische Ge- 
setz oder das Gesetz des ausländischen Richters zu sehen habe. 

Entscheidung: Um zu prüfen, ob das ausländische Urtheil von 
einem kompetenten Richter erlassen wurde, ist das Prozessgesetz des 
ausländischen Richters zu berücksichtigen. 

d) Inwieweit sind die durch das ausländische Urtheil verordneten 
Vollziehungsmittel zu berücksichtigen? 

Entscheidung: Die durch ein ausländisches Urtheil verordneten 
Vollziehungsmittel sind von dem italienischen Richter zu billigen, 
soweit solche auch vom italienischen Gesetze in Schutz genommen 
sind. ( Oiurisprudenxa italiana 1866 — 67, Vol. I P. 1 p. 120.) 
2. Aus dem Urtheile des Kassationshofs Flore nzv. 23. Dez. 186 7 
(Sanno c. Dubose) ergeben sich folgende mit den obigen Entscheidungen 

übereinstimmende Rechtsgrundsätze : 

a) Die von den Appellationsgerichtshöfen im Verfahren wegen 
Vollstreckung ausländischer Urtheile gefällten Entscheidungen können 
mit dem ELassationsrekurse angefochten werden. 

b) Die Appellationsgerichtshöfe haben in solchem Verfahren wohl 
die Kompetenz des ausländischen Richters, nicht aber die materielle 
Gresetzmässigkeit der ausländischen Entscheidung zu prüfen. [Omris- 
prudenm italicma 1868, Vol. II P. I p. 85.) 

B. Urtheil des Appellationsgerichtshofs zu Genua vom 
22. Dezember 1888 (Ärpad Spitz c, Noaro e Dodero). 
Vom k. k. Handelsgerichte in Wien war die beklagte Firma im 

16* 



234 Rechtsprechung. 

Versäumnisswege zur Bezahlung von 633 Liren verurtheilt worden, 
nachdem sie gemäss § 4 des österr. Gesetzes vom 16. Mai 1877 und 
des Kammerdekretes vom 16. Mai 1883 rite vorgeladen worden war. 
Dem Antrage der Klägerin, das Urtheil in Italien vollstreckbar zu 
erklären, wurde vom Appellhofe in Genua stattgegeben. Zunächst 
wurde der Einwand, dass das Handelsgericht in Wien nicht zuständig 
gewesen sei, aus dem Grunde verworfen, weil nach der klägerischen, 
bei der Yorsäumniss des Beklagten als erwiesen anzunehmenden Be- 
hauptung der Klagspartei, dass die Zahlung in Wien erfolgen sollte, 
die Zuständigkeit des dortigen Handelsgerichtes begründet war. So- 
dann wurde auch das Verlangen der Beklagten, sie noch zum Beweise 
ihrer Behauptung, dass die Zahlung nicht in Wien, sondern in Genua 
erfolgen sollte, zuzulassen, zurückgewiesen, da sie mit solcher Be- 
hauptung im Verfahren wegen Vollstreckbarkeitserklärung vor dem 
italienischen Richter nicht mehr gehört werden kann, solche vielmehr 
vor dem Handelsgerichte in Wien oder im Wege des dort zu- 
lässigen Instanzenzuges vor den dortigen Obergerichten hätte vor- 
bringen müssen. (Qiurisprudenxa Ualimia 1889, Vol. 41 P. 2 p. 137.) 

Francesco P. Cantuxxi. 

Kur- niid. Verpflegungskosten für einem fremden Staate atige- 

hörige Hülfshedürftige, 

Die Verbindlichkeit zur Bestreitung der Kosten für Unterbringung 
der einem fremden Staate angehörigen unbemittelten Geisteskranken 
triflPt nicht die Provinz, wo der Hülfshedürftige von der Geisteskrank- 
heit ergriffen und in eine Anstalt aufgenommen wurde, sondern den 
Staatsschatz, insbesondere dann, wenn zwischen dem italienischen und 
jenem Staate, welchem der Geisteskranke angehört, eine Konvention 
besteht, wonach die von einer Krankheit ergriffenen imbemittelten 
Angehörigen des einen Staates in den Spitälern oder Irrenanstalten des 
anderen Staates unentgeltlich gepflegt werden müssen. Entsch. des 
Appellhofes zu Mailand vom 3. Juni 1890. 

Die Frage konzentrirte sich darauf, ob die den Provinzen durch 
Art. 174 des Gemeinde- und Provinzial-Gesetzes vom 20. März 1865 
obliegende Verbindlichkeit, für die Pflege der unbemittelten Geistes- 
kranken der bezüglichen Gebiete Sorge zu tragen, sich auch auf den 
Unterhalt der in der Provinz erkrankten und untergebrachten Aus- 
länder sich bezieht, ohne dass vom italienischen Staate hiefür 
Ersatz verlangt werden kann und zwar hauptsächlich dann, wenn 
gegenseitige internationale Uebereinkunft über unentgeltliche Pflege 
besteht. Diese Frage wurde verneint, ungeachtet der Staatsrath in 
einem ähnlichen Falle, den Geisteskranken Eduard H. von Stuttgart 
betr., mit Gutachten vom 6. Juni 1883 im entgegengesetzten Sinne 
sich ausgesprochen hat. Es wurde hiebei insbesondere erwogen, obige 
Gosetzesstello sei dahin auszulegen, dass jede Provinz nur den Unter- 



Italien. 235 

halt und die Pflege der zu ihrem Gebiete gehörenden Geisteskranken 
zu tragen habe und dass eine Verbindlichkeit der Provinz, für aus- 
wärtige Kranke die Kosten zu bestreiten^ nicht bestehe^ eine sonstige 
gesetzliche Bestimmung, wonach der Provinz die Kosten für aus- 
wärtige Geisteskranke au&ubtirden seien, existire nicht, auch habe 
das Ministerium selbst in verschiedenen andern Fällen sich dahin aus- 
gesprochen, dass die Kosten für ausländische Geisteskranke nicht der 
Provinz, sondern dem Staate zur Last fallen. Dies treffe auch dann 
KU, wenn der Staat in einer internationalen Konvention mit einem andern 
Staate die unentgeltliche Pflege der Angehörigen des anderen Staates 
ßbernomuien habe, da der Staat solche Verbindlichkeit in internationalen 
Verträgen nur auf seine eigene Rechnimg, nicht zu Lasten einzelner 
Pro\Tnzen, übernommen habe. — 

Ausser in dem oben erwähnten Gutachten vom 6. Juni 1883 hat 
der Staatsrath auch in dem zu einer anderen Sache abgegebenen Gut- 
achten vom 25. März 1887 sich dahin ausgesprochen, dass die Pflege- 
kosten fiir den betreffenden ausländischen unbemittelten Geisteskranken 
nicht vom Staate, sondern von der betreffenden Provinz zu bestreiten 
seien. Solches wurde damit begründet, dass die Konvention, zufolge 
deren der italienische Staat zur unentgeltlichen Pflege der Angehörigen 
des anderen kontrahirenden Staates sich verpflichtet habe, von der 
italienischen Regierung rechtmässig eingegangen worden sei, dass es 
zu einer solchen Uebereinkunft insbesondere der Genehmigung des 
Parlaments nicht bedürfe, dass selbst eine auf thatsäclilicher üebung 
bestehende stillschweigende Konvention rechts wirksam sei, dass, nach- 
dem also zufolge der Konvention von der fremden Regierung ein Er- 
satz der Pflegekosten nicht verlangt werden könne, die Gesetze des 
Inlandes über die Bestreitung der Kosten zur Anwendung zu bringen 
seien, nach solchen aber in Italien von der Provinz zu tragen seien, 
wo der Geisteskranke zuletzt seinen Aufenthalt gehabt habe. 

Diese Ansicht der Administrativstelle kann jedoch nicht gebilligt 
werden, vielmehr ist der in der Entscheidung des Appellhofes zu 
Mailand niedergelegten Anschauung der Vorzug zu geben. Denn jeder 
Staat hat seine internationale Persönlichkeit imd kraft dieser Persön- 
lichkeit kann er Verpflichtungen gegenüber anderen Staaten überneh- 
men. Kontrahirt aber der Staat mit einem fremden Staate, so handelt 
er im Namen des ganzen, auf dem nationalen Gebiete lebenden Vol- 
kes: die Verpflichtungen, welche der Staat gegenüber einem anderen 
Staate übernimmt, betreffen das Wesen des Staatsgutes, hiedurch wird 
das Vermögen der Provinz oder der Gemeinde in keiner Weise ver- 
pflichtet. Folglich trifft die Verbindlichkeit im obigen Falle nicht die 
Provinz, sondern den Staat. Franxesco P. Gontuxxi. 



L 



236 Rechtsprechung. 



Oesterreich. 

Rechtsprechnng der osterreichisehen Oerichtshofe. 

2^ir Frage der Kuratelspflege über AusUiiider^). 

Das über Ansuchen der Kinder des^ wie sich herausstellte , nach 
Budapest zuständigen E. G. um Prodigalitätserklärung desselben ein- 
geleitete Verfahren wurde im Sinne des Justizministerialerlasses vom 
10. Oktober 1860 Z. 1493 mit dem Bescheide des k. k. städt.-deleg. 
Bezirksgerichts Leopoldstadt in Wien vom 3. November 1888 Z. 50766 
mit Kücksicht darauf^ dass E. 6. in der diesseitigen Reichshälfte kein 
wie immer geartetes bewegliches oder unbewegliches Vermögen be- 
sitzt^ und dass die Voraussetzimgen fehlen, unter denen das Gr^richt 
berufen erscheint, definitiv oder interimistisch die persönliche B[and- 
lungsföhigkeit des Grenannten einzuschränken oder eine vermögens- 
rechtliche Fürsorge zu treffen, über den von E. G. erhobenen Protest, 
dass er als Ausländer im Sinne des § 4 a. b. G.B. weder die Zulässig- 
keit der Einleitung eines Prodigalitätsverfahrens, noch die nach den 
§§ 176 und 568 a. b. G.B. verknüpften Bechtsfolgen des Verlustes 
der väterlichen Grewalt und der Einschränkung der Fähigkeit zur 
Testamentserrichtung anerkenne, eingestellt. 

Das k. k. Oberlandesgericht in Wien hat mit dem Erlasse vom 
18. Dezeidber 1888 Z. 17172 diese Verfügung bestätigt und dem 
Gerichte I. Instanz aufgetragen, die Kuratelsakten der kompetenten 
ungarischen Gerichtsbehörde zur weiteren Amtshandlung zu über- 
senden. 

Der k. k. oberste Gerichtshof hat laut Entscheidung vom 28. Fe- 
bruar 1889 Z. 1449 dem ausserordentlichen Revisionsrekurse der Ein- 
schreiter keine Folge zu geben befunden, denn da die Eigenschaft 
des E. G. als ungarischer Staatsbürger ausser Zweifel steht und der- 
selbe diese seine Staatsangehörigkeit durch seinen Aufenthalt in Wien 
nicht verloren hat, so muss die Beurtheilung, ob das Erfordemiss zur 
Kuratelsvorhängung über ihn wegen Verschwendung nach den Landes- 
gesetzen vorhanden und in welcher Weise dieselbe durchzuftihren sei, 
dem zuständigen Gerichte in Ungarn überlassen werden ^ und könnte 
mit einer sofortigen Vorkehrung von den hierländischen Grerichten nur 
im Falle einer dringenden Noth wendigkeit, imd auch dann nur pro- 
visorisch, vorgegangen werden. Eine solche Dringlichkeit ist aber 
im vorliegenden Falle um so weniger vorhanden, als vorliegt, dass 
derselbe kein wie immer geartetes, in der diesseitigen Reichshälfte 
gelegenes bewegliches oder unbewegliches Vermögen besitzt und die 



1) Vergl. die im Justizministerialverordnungsblatte pro 1890 sab Nr. 538 
publizirte Entscheidung. 



OeBterreich. 237 

Tou den Rekurrenten angedeutete blosse Möglichkeit^ dass er in Zu- 
kunft wieder zum Besitze eines YermögenB kommen^ oder gar von 
seiner yäterliclien Gewalt einen Missbrauch machen könnte, hiezu 
nicht hinreicht. Bei dieser Sachlage kann demnach in den angefoch- 
tenen Entscheidungen eine nach § 16 des Gresetzes vom 9. August 
1854 Z. 208 R.6.B1. zu deren Abänderung berechtigende Gesetz- 
widrigkeit nicht wahrgenommen werden ^ weshalb dem ausserordent- 
lichen Bevisionsrekurse keine Folge gegeben werden konnte. 

Was aber die als Nullitätsbeschwerde und Rekurs bezeichnete Ein- 
gabe des E. G. betrifft^ in welcher er sich gegen die obei^richtlich 
verfugte Uebersendimg der Kuratelsakten an die kompetente ungari- 
sche Gerichtsbehörde beschwert^ so wird diese Beschwerde zurück- 
gewiesen^ weil er auf den Verkehr zwischen den hierländischen und 
dem migarischen Gerichte keinen Einfluss zu nehmen hat und ihm 
eine Berechtigung zur Anfechtung einer diesöilligen Verfügung über- 
haupt nicht zusteht. 

Die Zivilabtheihing des Budapester königl. Gerichtshofes hat mit 
Beschluss vom 6. April 1889 Z. 11512 die übersendeten Akten^ da 
die im § 53 der Justizministerialverordnung Z. 3263 ex 1881 nor- 
mirte amtliche Einmengimg nicht am Platze ist^ in die Registratur 
gelegt. Oesterr. Notariatszeitung 1890 Nr. 43. 

Zustellung von Klagen auf Requisition preussischer Gerichte, 

a. Der Requisition preussischer Gerichte um Zustellung von Kla- 
gen, über welche dieselben nach § 29 der deutschen Ziviiprozessord- 
nung (forum corUradus) zu entscheiden zuständig sind, ist stattzugeben. 
Entseh. des obersten G.H. v. 27. März 1888 Z. 2813 (Jur. Blätter 
17. Jahrg. BeU. zu Nr. 22 S. 264). 

Aus den Gründen: Die auf die Bestimmung des Hofdekretes vom 
4. August 1840, Nr. 460 J.G.S., und der Verordnung des k. k. Ju- 
stizministeriums vom 14. August 1857, Nr. 153, vom k. k. Oberlandes- 
gerichte gestützte Zurückweisung der vom k. preuss. Landgerichte zu 
D. requirirten Zustellung der Klage ist nicht begründet, weil die im 
Königreiche Preussen früher zu Recht bestandenen Vorschriften der 
allgemeinen Gerichtsordnung (§§ 150, 151 Theil I Tit. 2) über den 
Gerichtsstand des Vertrages laut Verordnung des Justizministeriums 
vom 8. August 1885 Z. 11324, Nr. 56 Verordnungsblatt, durch den 
§ 29 der deutschen Zivilprozessordnung abgeändert wurden und der 
Gerichtsstand des Vertrages an die Bedingung, dass der zu belangende 
Kontrahent an dem Orte, wo der Kontrakt verbindliche Kraft erlangt 
hat oder in Erfüllung gebracht werden soll, sich antreffen lässt, nicht 
mehr geknüpft ist. 

b. Dem Ersuchen preussischer Gerichte um Zustellung von Kla- 
gen ist auch in Ermangelung eines Rechtshülfevertrages Folge zu ge- 
ben. Entseh. des obersten G.H. vom 18. September 1889, Z. 10627 
(Jur. Blätter 18. Jahrg. Beil. z. Nr. 45 S. 540). 



238 Rechtsprechung. 

In der bei dem k. preuss. Landgerichte zu B. anhängig gemach- 
ten Rechtssache gegen die k. k. priv. Kaiser Ferdinands-Nordbahn in 
Wien als Geklagte hat das k. k. Handelsgericht in Wien die vom 
k. preuss. Landgerichte zu B. angesuchte Zustellung der Klage an die 
geklagte Firma in Vollzug gesetzt. Dem Rekurse der Geklagten hat 
das k. k. Oberlandesgericht in Wien mit Verordnung vom 7. August 
1889 keine Folge gegeben^ in der Erwägunge dass es sich nach dem 
Inhalte des Ersuchschreibens des k. preuss. Landgerichtes zu B. ledig- 
lich um die Zustellung einer Klage an die geklagte Firma und um 
die Bestätigung dieser Zustellung handelt^ dass das requirirte Gericht 
sich um die Rechtsfolgen der geschehenen Zustellung nicht zu küm- 
mern braucht und die Kompetenz des ausländischen Gerichtes nicht zu 
prüfen hat^ sondern es der geklagten Partei tiberlassen ist, ihre all- 
fälligen Einwendungen gegen die Klage gehörigen Ortes anzubringen. 
Der ausserordentliche Revisionsrekurs der Geklagten, in welchem aus- 
geführt wurde, die österreichischen Gerichte hätten solche Zustellungen 
nicht zu verfügen, da ein entsprechender Rechtshülfevertrag zwischen 
Oesterreich und Preussen nicht besteht, es handle sich hier nicht um 
Prtifimg der auswärtigen Kompetenz, sondern um den Beruf der öster- 
reichischen Gerichte, Klagen von Ausländern, die von auswärtigen 
Gerichten erledigt sind, an die belangten Oesterreicher im Inlande zu- 
zustellen; übrigens widerstreite die angefochtene Verfügung auch der 
mit der Justizministerialverordnung vom 17. Januar 1857, Nr. 15R.G.BL, 
dem österreichischen Richter bei auswärtigen Requisitionen aufgetra- 
genen Prüfung der Kompetenz der auswärtigen Justizbehörde, da der 
zur Kompetenzbegründung angegebene umstand, dass die Nordbahn 
dort Vermögen besitzt, nach österreichischen Gesetzen wieder die- 
selbe nicht die Kompetenz des Landgerichtes zu B. begründe, — wurde 
vom obersten Gerichtshof mit obenbezeichneter Entscheidung unter Be- 
zugnahme auf die Anordnung des Hofdekretes vom 15. Februar 1883, 
Nr. 2593 J.G.S.> dessen Voraussetzungen in diesem Falle nicht zu- 
treffend zu erachten, zurückgewiesen. 

Vollstreckbarkeit ausländischer Urtheile in Oesterreich, 

1. Die Wiedergabe des Rechtssatzes zur Entscheidung des obersten 
Gerichtshofes in Wien vom 30. Januar 1890 (s. oben S. 85), als 
seien Urtheile rumänischer Gerichte in Oesterreich nicht vollstreck- 
bar, ist nicht richtig. Vielmehr ist die Vollstreckbarkeit durch Aus- 
tausch von Ministerial-Erklärungen (J.M.V. vom 27. Oktober 1871, 
R.G.B1. Nr. 131) gegenseitig zugesichert: „Die von den kompetenten 
Gerichten des einen Theiles gefällten und exekutionsfähig gewordenen 
.... Erkenntnisse sind auch im Staatsgebiete des anderen Theües 
vollstreckbar." Die Entscheidung vom 30. Januar 1890 hat sich kei- 
neswegs mit dieser Verordnung in Widerspruch gesetzt, sondern die 
Vollstreckung nur deshalb abgelehnt, weil die Kompetenz des Er- 
kenntnissgerichtes zur Entscheidung nicht als begründet erachtet wurde. 



Oesterreich. ' 239 

2. Eine Entscheidung des k. k. obersten G.H. in Wien vom 4. März 
1890 (mitgetheilt in der östei-r. Gerichtshalle Nr. 47 S. 403 bis 405) 
spricht folgende Sätze ans: 

a) Um die Zwangsvollstreckung aus dem Urtheile eines auslän- 
dischen Gerichts zu bewirken, ist nach dem Hofdekrete vom 
15. Februar 1805, Nr. 711 J. G. S., die Anbringung einer formellen 
Klage nicht vorgeschrieben, vielmehr verfügt dieses Hofdekret aus- 
drücklich, dass im Falle, als das Yollstreckungsbegehren von Seite 
der Parteien gestellt wird, nach der allgemeinen Gerichtsordnung vor- 
zugehen sei, woraus sich ergibt, dass Rir die Form des Delibations- 
verfahrens das inländische Eecht zu gelten hat. Wird femer erwogen, 
dass mit einem Gesuche kein materieller Rechtsanspruch durchgesetzt, 
sondern lediglich ein prozessualer Akt ermöglicht werden soll, und 
dass für die Geltendmachung derartiger Ansprüche die Form des Ge- 
suches nach den hier ländischen Gesetzen die Kegel bildet, anderer- 
seits aber auch das Gesuch ein völlig deutliches und bestimmtes Be- 
gehren enthält und unterlassen wurde, gegen den das Delibationsverfahren 
einleitenden Bescheid rechtzeitig den Rekursweg zu betreten, so kann 
die nur in Form eines Erkenntnissbescheides ergangene Entscheidung 
auch keinen Anlass einer besonderen Beschwerde bilden. 

b) Da der Wortlaut der §§ 660 und 661 der deutschen Reichs- 
Zivilprozessordnung mit Ministerialerlass vom 28. März 1880 Z. 3938 
bekannt gegeben wurde, muss der inländische Richter den Wortlaut 
dieser Bestimmungen gerade so wie das inländische Gesetz kennen 
and bedarf es nicht des Beweises durch ein Amtszeugniss des preussi- 
schen Justizministeriums über die Geltung dieser Bestimmimgen. 

c) Bei Streitigkeiten aus Handelsgeschäften ist die Vollstreck- 
barkeit der bezüglichen auswärtigen Urtheile bei dem Handelsgerichte 
anzusuchen, bei welchem die Firma des Geklagten protokollirt ist. 

3. Sobald ein ausländisches ürtheil durch die im Delibationsver- 
fahren erflossene Entscheidung erster Instanz fUr im Inlande vollstreck- 
bar erklärt worden ist, ist auf Grund desselben die Exekution zur 
Sicherstellung zu bewilligen, auch wenn die Vollstreckbarkeits- 
erklärung noch nicht rechtskräftig geworden ist. Entsch. d. obersten 
G.H. vom 22. Februar 1888, Z. 1803 (Jur. Bl. 17. Jahrg., Beil. zu 
Nr. 31 S. 372). 

Aus den Gründen: Sobald ein ausländisches Urtheil durch die 
nach durchgeführtem Delibationsverfahren gefällte Entscheidung erster 
Instanz für im Inlande vollstreckbar erklärt worden ist, ist dasselbe 
einem im Inlande erflossenen ürtheil erster Instanz gleich zu halten 
und kann daher auf Grundlage der vom Richter erster Instanz aus- 
gesprochenen, wenn auch noch nicht rechtskräftigen Vollstreckbarkeits- 
erklärung ebenso wie über ein noch nicht rechtskräftiges Urtheil erster 
Instanz im Sinne des § 259 A.G.O. und § 12 der Verordnung des 
Justizministeriums vom 18. Juli 1859, Nr. 130 R.G.BL, die Exekution 
zur Sicherstellung bewilligt werden, wenn, wie vorliegend, es sich um 



240 Rechtsprechnng. 

Zahlung einer Geldsumme handelt^ für welche bisher noch keine 
Sicherstellung besteht. 

Konkurs, 

Der Gerichtshof des vorübergehenden Aufenthaltes ist zur Eröff- 
nung des Konkurses über einen Inländer, der im Auslande einen stän- 
digen Wohnsitz hat, nicht kompetent^). Entsch. d. obersten G.H. vom 
11. Januar 1887 Z. 24 (Jur. Bl. 16. Jahrgang, Beil. zu Nr. 36 S. 435). 

Aus den Gründen: Nach § 58 K.O. ist der Konkurs in der Regel 
bei demjenigen Gerichte zu eröffnen, in dessen Sprengel der Gemein- 
schuldner seinen ordentlichen Wohnsitz hat. Als solcher kann aber 
das k. k, Landesgericht in K. deshalb nicht angesehen werden, weil 
der die Konkurseröffnung beantragende Gemeinschuldner E. im dor- 
tigen Sprengel seinen ordentlichen Wohnsitz nicht gehabt hat, nach 
eigener Angabe schon seit 19 Jahren in J. im Auslande als Bank- 
und Wechselgeschäftsinhaber etablirt und dort ständig wohnhaft ist, 
der Umstand, dass E. auf einer Geschäftsreise begriffen, auf Requisi- 
tion des k. k. Generalkonsulates zu J. in K. verhaftet wurde und ein 
östen*eichischer Staatsangehöriger sein soll, im Hinblick auf die Vor- 
schrift des § 16 J.N. die Personalgerichtsbarkeit des k. k. Landes- 
gerichts in Krakau nicht zu begründen vermag. 

Krida in Frafikreieh, OestefTeichiscker Sekuldner des Kridatars. 
Ertverh mier Oegenfmderung nach der Konkurseröffnung. Zu- 
lässigkeit der Kompensation. Klagslegitimation des ausländische^^ 

Ma^severwalters^). 

(Juristische Blätter 1887 Nr. 46.) 

Am 2. Februar 1882 wurde über die SociSte de l' Union gemrale 
vom Pariser Handelsgerichte der Konkurs eröffnet. 

Die Konkursmasse hatte bei der Bank B. in Wien ein Guthaben. 
Der geklagten Bank B. war am 4. März 1882 von Gustav Baron B. 
eine diesem wider die Soeiete de F Union gen&ale zustehende Forderung 
und am 14. Juni 1882 eine Forderung der Versicherungsgesellschaft 
,,Oesterr. Phönix'^ wider die Soeiete de V Union gSnerale abgetreten 
worden. Der von der geklagten Bank erhobenen Einwendung der 
Kompensation gaben das k. k. Handelsgericht Wien mit Urtheil vom 
15. März 1887 Ziff. 27023 imd das k. k. österr. Oberlandesgericht 
mit Urtheil vom 21. Juni 1887 Ziff. 7174 statt. — Die ebenfalls 
erhobene Einwendung der mangelnden Klagslegitimation des Masse- 
verwalters wurde verworfen. 

Aus den Gründen des Handelsgerichtes: 

Aus dem Begriffe der staatlichen Souveränität und aus dem Be- 
griffe des Richteramtes ergibt sich unzweifelhaft, das der österreichische 



2) Vgl. Journal du dr. i. pr. tom. 15 p. 285 und v. Bar II. Aufl. Bd. 2 
S. 563 Note 16. 

3) Vgl. t;, Bar II. Aufl. Bd. 2 S. 564 und S. 584. 



Oesterreich. 241 

Richter bei seiner Rechtsprechung einzig und allein das österreichische 
Gesetz anzuwenden hat, folglich ein ausländisches Gesetz vom öster- 
reichischen Richter nur dann angewendet werden darf, wenn er hiezu 
durch ein österreichisches Gesetz angewiesen wurde. Bei Prüfimg der 
von der Geklagten bestrittenen Legitimation des Klägers zur Sache 
sind § 64 a. G.O. und § 84 a. b. G.B. massgebend. Die erstere der an- 
gefahrten Gresetzesstellen weist die Vertretung der Konkursmasse der 
Soeiete de l' Union ginirale deren gesetzlichem Vertreter zu; die letztere 
Gesetzesstelle ordnet an, dass in dieser Richtung das französische Gesetz das 
massgebende sei. Die Thatsache aber, dass der Kläger zum Kon- 
karsmasseverwalter bestellt wurde, und der Umfang seiner rechtlichen 
Vertretungsbeftigniss ist durch die Urkunden B, C und W als öflFent- 
liehe Urkunden vollständig erwiesen. Aus deren Inhalte ergibt sich, 
dass der Kläger als Konkursmasseverwalter zur Eintreibung von For- 
derungen und zur Empfangnahme von Geldern legitimirt ist. Die in 
dieser Hinsicht erhobenen Einwendungen der Geklagten sind also un- 
stichhaltig, und es muss jeder Zweifel darüber schwinden, nachdem 
die Greklag^te laut ihrer eigenen Dupliksangaben den weitaus grössten 
Theil der Streitsumme im Laufe des Prozesses an den Kläger bezahlt hat. 
Die Geklagte hat dargethan, dass sie Forderungen wider die 
fidlite Union generale erworben hat. Es ist zu prüfen, ob es zu- 
lässig sei, dass die Geklagte ihre Gegenforderungen im Wege der 
Kompensation geltend machen darf oder nicht. Wenn nun erwogen 
wird, dass die österreichische Konkursordnung ein organisches Ganzes 
ist und entweder überhaupt anzuwenden oder von der Anwendung 
auf einen Kechtsfall auszuschliessen ist, dagegen aber die Anwendimg 
blos einzelner, aus ihrem Zusammenhange gerissener Bestimmungen 
der Konkursordnung der aus Art. I des Gesetzes vom 25. Dez. 1868, 
Nr. 1 R.G.B1. vom Jahre 1869, klar hervorgehenden Absicht des 
Gesetzgebers widerstreiten würde, so muss man nicht nur daraus, 
dass kein österreichischer Richter über die Union generale den Kon- 
kurs verhängt hat, auf die Unanwendbarkeit der österreichischen 
Ronkursordnung als Ganzes auf den vorliegenden Rechtsstreit schliessen, 
sondern auch dann diese Unanwendbarkeit erkennen, sobald aus an- 
deren gesetzlichen Bestimmungen unzweifelhaft folgt, dass diese und 
nicht Bestimmungen der Konkursordnung wirksam werden. Gemäss 
§§6, 7, 42 und 103 K.O, würde nun die bestehende Gegenforderung 
der Anmeldung im Konkurse der Union gömrale unterliegen und ge- 
mäss §§ 130 und 134 beim Konkursgerichte einzubringen gewesen 
sein. Diese Kompetenz des Konkursgerichtes ist aber für die Ge- 
klagte nicht massgebend, denn in der zumeist streitigen Theorie des 
sogenannten internationalen Privatrechtes ist man wenigstens darüber 
einig, dass derjenige Ausländer, welcher seinen Anspruch bei einem 
Gerichte einklagt, sich den prozessualen Bestimmungen desjenigen 
Staates, in welchem er seine Klage anbringt, vollständig unterwirft. 
Folglich sind alle Bestimmungen der allgemeinen Gerichtsordnung 



242 Rechtsprechung. 

wider den Kläger wirksam, selbstverständlich auch § 62 der a. G.Ol, 
die Resolution vom 11. September 1784, Nr. 336 J. G. S. lit. g, und 
Hofdekret vom 27. September 1792, Nr. 54 J. G. S. lit. a, wonach 
die Geklagte zur Entscheidung über die ihr gegen die Union generale 
zustehenden Forderungsrechte den österreichischen Richter anzurufen 
das Recht hat, ohne ihre Forderung beim Tribunal de la Seine 
geltend machen zu müssen. Aus dieser hiernach erwiesenen ün- 
anwendbarkeit der österreichischen Konkursordnung auf die An- 
sprüche der Geklagten aus ihren Zessionen folgt weiter, dass der 
österreichische Richter zur Ertheilung der Exekution in Gemässheit der 
Prozessgesetze berufen und verpflichtet wäre, somit die Greklagte, 
wenn sie eine Widerklage behufs Geltendmachung ihrer Gegenforde- 
rungen angebracht hätte, auch ein Verbot imd Pfandrecht auf die 
wider sie selbst eingeklagte Forderung zu erwirken in der Lage ge- 
wesen wäre. Dasselbe Resultat, welches mit der Einwendung der 
Kompensation erreicht werden will, hätte somit durch Benützung des 
österreicliischen Prozessrichters erreicht werden können, und was dem 
materiellen Ergebnisse nach durch Rechtsmittel bewirkt werden kann, 
kann aus Gründen materiellen Rechtes nicht ausgeschlossen sein. 
Uebrigeus ergibt sich aus dem Inhalte der von Oesterreich in An- 
sehung der Ausfolgung eines in eine fremdländische Konkursmasse 
gehörigen Vermögens geschlossenen Staatsverträge, dass die Exekution 
und Kompensation bezüglich desselben vertragsmässig ausgesclilossen 
wird; daraus aber folgt a contrario, dass Exekution und Kompen- 
sation zulässig sind, wenn sie nicht vertragsmässig ausgeschlossen 
wurden, wie dies bezüglich Frankreichs der Fall ist. Auch entspricht 
die Unbeschränktheit des Richters und Ertheilung der Exekution auf 
ein Fremden gehöriges, jedoch im Inlande befindliches Vermögen der Fülle 
der staatlichen Souveränitätsrechte. Das Auseinandergesetzte gilt für den 
vorliegenden Streitfall umso gewisser, als es sich hier nicht einmal 
um ein hierlands befindliches, in eine ausländische Konkursmasse ge- 
liöriges Vermögen handelt, sondern lediglich um ein einzelnes, der 
Union generale zustehendes Vermögensrecht, welches noch nicht reali- 
sirt ist, sondern sich in dem Zustande eines prozessualen Anspruches 
befindet. Besagtes Forderungsrecht ist aber eine unkörperliche Sache, 
und es kann der Natur derselben nach von einem Orte, wo sich die- 
selbe befindet, gar nicht gesprochei) werden; denn nur körperliche 
Sachen sind von einer gewissen Oertlichkeit untrennbar. Erwägt man 
noch, dass die Union getierale sich nie in Oesterreich, stets in Frank- 
reich befand, während bei der Bank B. stets das umgekelute der Fall 
war: dass das Rechtsverhältniss beider Theile von Anfang an bis 
jetzt eine vollständige, bilaterale Gleichheit hatte und noch heute 
jeder Streittheil wechselseitig als Gläubiger und Schuldner erscheint» 
so ergibt sich, dass die Uni<yn gen&ale durch Zulassung der Kompen- 
sation nicht einmal eine Zurücksetzung erleidet, sondern mit voll- 
kommener Rechtsgleichheit gegenüber der Geklagten behandelt und 



OeBterreich. 243 

ihr nur ein von ihr beanspruchtes Privilegium aberkannt wird. Dass 
aber ein Privilegium, nämlich das des Ausschlusses der Kompensation 
ihr gegenüber, aucli einer österreichischen Konkiirsmasse in Frank- 
reich eingeräumt sei, ist von dem Kläger nicht bewiesen und umso 
weniger anzunehmen, als nicht einmal erwiesen vorliegt, dass ein 
Oesterreicher in Frankreich gegenüber einem Franzosen in dem hier 
behandelten Punkte die gleichen Rechte geniesst wie ein Franzose. 
Was aber § 61 K.O. anbelangt, so ist zu bemerken, einmal dass 
von d^r Ausfolgung eines im Inlande befindlichen beweglichen Ver- 
mögens der Union generale nicht gesprochen werden kann, weil ein 
solches noch nicht realisirt ist und eben die Vorfrage, ob ein solches 
realisirbar ist, mit anderen Worten, ob imd welchen Betrag der 
Kläger rechtlich zu fordern hat, der Entscheidung des österreichischen 
Richters unterliegt und bis zu dem Zeitpunkte, als diese Entscheidung 
in bejahendem Sinne erfolgt ist, aus § 61 Z.O. keine Norm für die 
Entscheidung dieser Vorfrage unternommen werden kann; zum zweiten, 
dass das auszufolgende Vermögen selbstverständlich nur das im Mo- 
mente des Begehrens um Ausfolgung frei verfügbare sein kann, und 
bis znm Momente des Begehrens um Ausfolgung, im vorliegenden 
Falle bis zum Klagstage, auf welchen das Urtheil zurückzubeziehen 
ist, dem Richter unbenommen bleibt, durch Ertheilung eines Ver- 
botes einer Exekution oder auch durch Anerkennung einer vor 
der Klage eingetretenen Kompensation jenes Vermögen zu mindern, 
re^. frei zu erkennen, was der ausländischen Konkursmasse rechtlich 
^bührt und was ihr nicht gebührt. Aus allen diesen Gründen 
er^bt sich, dass der Einwendung der Kompensation stattgegeben 
werden musste. 

Aus den Gründen des Oberlandesgerichtes: 

Es muss im Hinblicke auf die Bestimmung der §§ 4 und 36 des 
a. b. G.B. als zweifellos angesehen werden, dass der gegenwärtige 
Rechtsstreit von dem österreichischen Bichter ohne Bedachtnahme auf 
ein fremdes Gesetz und nur nach österreichischem Rechte zu beurthei- 
len ist. Es ist daher vollkommen gleichgültig, was der französische 
Code de commerce über die rechtlichen Wirkungen der Konkurseröff- 
nung und insbesondere im ^aelberufenen und verschieden kommentirten 
Art. 446 über die hier in Bede stehende Frage der Kompensirbarkeit 
einer föUigen oder nicht fälligen Forderung gegen eine Konkursmasse 
mit einem Ansprüche der letzteren bestimmt. Es ist aber auch un- 
bestritten, dass die Forderung, welche die Union genSrale in Paris zur 
Zeit der Konkurseröffnung über dieselbe am 2. Februar 1882 an die 
Bank B. in Wien zu stellen hatte, im Sinne der §§ 293 und 298 
a. b. G.B. als ein bewegliches im Inlande, das ist in Oesterreich, be- 
findliches Gut anzusehen ist, was sich insbesondere auch aus § 4 des 
Hofdekretes vom 7. Mai 1845, Nr. 883 J.G.S. (Preussen), und Art. II 
des ministeriellen Erlasses vom 2. März 1864, Nr. 54 R.G.Bl. (Sachsen), 
ganz zweifellos ergibt. Es ist nun dargethan, dass die Bank B. in 



1 



244 Rechtsprechung. 

Wien nach der Konkurseröffnung mit Zession vom 4. März 1882 eine 
Forderung des Gustav Baron B. und mit Zession vom 14. Juni 1882 
eine Forderung der Versicherungsgesellschaft „Oesterr. Phönix" an die 
Konkursmasse der Union generale erwarb^ welclie beide im Zessions- 
wege übernommenen Forderungen dieselbe nun von ihrer Schuld an 
die Union generale, resp. deren Konkursmasse^ in Abrechnung bringen 
will. Es entsteht nun die Frage, ob die Kompensation dieser beiden 
erst nach der Konkurseröffnung über die Union generale erworbenen 
Forderungen gesetzlich zulässig ist. Dass sie nach Art. 446 d^ Code 
de commerce nicht statthaft erscheint, ist ebenso zweifellos^ als wie 
eine solche Unstatthaftigkeit der § 21 der Österreichischen Konkurs- 
Ordnung vom 25. Dezember 1868 normirt. Auf das französische Gre- 
setz ist jedoch, wie bereits Eingangs erwähnt, bei Entscheidung dieses 
Rechtsstreites kein Bedacht zu nehmen, und es ist daher nur zu unter- 
suchen ^ ob die Bestimmung des § 21 der österreichischen Konkurs- 
Ordnung auf den vorliegenden Fall, wo es sich um eine ausländische 
Konkursmasse handelt, Anwendung finden kann. Diese Frage ist nun 
zu verneinen. Bichtig ist es, dass der § 21 der Konkursordnung 
eigentlich eine Bestimmung des materiellen Rechtes ist und eine Aus- 
nahme von den Bestimmungen der §§ 1438 ff. des a. b. G.B. nor- 
mirt. Allein nach dem Einftihrimgsgesetze zur Konkursordnung und 
nach § 1 derselben ist es wohl als gewiss anzunehmen, dass sich die 
Bestimmungen, welche die Konkursordnung vom 25. Dezember 1868, 
sei es in materiell-, sei es in formellrechtlicher Beziehung, enthält, 
nur auf jene Konkurse bezielien, welche im Inlande durch ein inlän- 
disches Gericht eröffnet wurden, weil die Wirksamkeit des Ge^aetse« 
sich nur auf im Inlande befindliche und der Verfügung inländischer 
Gerichte unterstehende Konkursmassen erstrecken kann. Abgesehen 
jedoch davon enthält der § 61 der Konkursordnung Bestimmungen, 
welche deutlich zeigen, dass das Gesetz einen wesentlichen Unterschied 
zwischen einer inländischen und ausländischen Konkursmasse und Kon- 
kursverhandlung macht. Der § 61 lit. b der KonkursordijiLung nor- 
mirt, ,,dass das im Inlande befindliche bewegliche Vermögen eines 
ausländischen Gemeinschuldners der ausländischen Konkursmasse aus- 
zufolgen ist". Das im Inlande befindliche Vermögen bildet also so 
lange keinen Bestandtheil einer ausländischen Konkursmasse, als nicht 
dessen Ausfolgung begehrt oder bewerkstelligt ist. Die Forderung, 
welche die Union generale zur Zeit der Konkurseröfl&iung an die Bank 
B. in Wien zu stellen Hatte, ist als ein im Inlande befindliches be- 
wegliches Vermögen anzusehen und zu behandeln. Es ist nun darge- 
than, dass erst am 5. August 1882 (also lange nach Zession der For- 
derimgen des Gustav Baron B. und des „Oesterreichischen Phönix"^) 
die Inventinmg der in die Konkursmasse der Union gSnSrale gehö- 
rigen, in Wien befindlichen Wertheffekten und Forderimgen, darunter 
auch der hier in Rede stehenden Forderung an die Bank B. ange- 
sucht, am 8. August 1882 bewilligt und am 8. Oktober 1882 vor- 



Schweiz. 245 

genommen wurde. Nachdem nun der § 21 der österr. Konkursord- 
nung im vorliegenden Falle keine Anwendung findet, die Einbeziehung 
der Forderung der Konkursmasse der Union generale an die Bank B. 
durch deren Inventirung erst lange nach den hier in Rede stehenden 
Zessionen vom 4. März und 14. Juni 1882 erfolgte, konnte die Bank 
B. die Forderimgen des Gustav Baron B. und des ^Oesterreichi sehen 
Phönix" an die Konkursmasse der Union generale mit der vollen 
Kechtswirkung des § 1438 a. b. G.B. erwerben, und es erscheint 
daher die Kompensation dieser beiden Forderungen mit dem der Höhe 
derselben entsprechenden Betrage von der der Konkursmasse der Union 
generale seitens der Bank B. geschuldeten Summe rechtlich zulässig. 



Schweiz. 

Reehtsprechang des sehweizerischen Bandesgerichts. 

I. Entscheidungen in Zivilsachen. Mitgetheilt von Ilerrn Bundesrichter 

Dr. Hafner in Lausanne. 

Art, 7 B.Oesetx über die persönliche Handlungsfähigkeit. Ent- 
zug der ehelichen Vormundschaft; kantonales oder eidgenössisches 

Recht massgebend? 

Nach Art. 7 des Bundesgesetzes, betreffend die persönliche Hand- 
lungsflLhigkeit, wird die Handlungsfähigkeit der Ehefrauen für die Dauer 
der Ehe durch das kantonale Hecht bestimmt (mit Vorbehalt einzig 
der bunde^esetzlichen Bestimmungen betreffend die Handelsirauen). 
Das kantonale Recht, nicht das Bundesgesetz, bestimmt also darüber, 
ob und in welcher Weise die Handlungsfähigkeit der Ehefrauen durch 
das eheliche Yerhältniss beschränkt werde; das kantonale Kecht nor- 
mirt Bestand und Umfang der ehemännlichen Vormundschaft ebenso 
wie die Gründe, aus welchen der Ehemann derselben verlustig geht, 
die Sichernngsmassregeln, welche zum Schatze des Frauen Vermögens 
zu ergreifen sind u. s. w.; denn es handelt sich dabei überall nicht 
um Beschränkungen der Handlungsfähigkeit der Ehefrau in Folge in- 
dividueller Eigenschaften oder um eine privatrechtliche Zurücksetzung 
des weiblichen Geschlechtes, sondern um Wirkungen des ehelichen 
Verhältnisses, welche nur im Zusammenhange mit dem gesammten 
Eherechte, speziell auch dem ehelichen Güterrechte geordnet werden 
können und deren Norminmg daher dem kantonalen Rechte überlassen 
werden musste (s. Botschaft des Bundesrathes , Bundesbl. 1879, UI 
S. 769, 786). Die Bestellung eines Vogtes jür eine Ehefrau, womit 
natürlich dem Ehemann derselben die eheliche Vormundschaft; entzogen 
wird, quali&zirt sich nicht als eine bundesgesetzwidrige Entmündigimg 
einer nach dem Bimdesgesetze privatrechtlich selbständigen Person, 
sondem als eine zur Sicherung des Frauen Vermögens getroffene Mass- 
regel (vgl. Buber, schweizerisches Privatrecht I S. 312), deren Statt- 



246 Rechtsprechung. 

hai^igkeit sich ausschliesslich nach dem kantonalen Gesetzesrechte be- 
urtheilt. Das Bundesgesetz nomiirt die Flandlungsföhigkeit der Ehe- 
frauen nicht und bestimmt auch nicht darüber, unter welchen Voraus- 
setzungen dem Ehemanne die eheliche Vormundschaft zu entziehen 
oder inwiefern als Massnahme zur Sicherung des Frauen Vermögens 
die Stellung der Ehefrau unter obrigkeitliche Vormundschaft anzuordnen 
sei. Entscheid, v. 6. Juni 1890 i. S. Dörig; A. 5 XVI, Nr. 43 
(Revue etc. Bd. 8 S. 142). 

Art, 56 des Bundesgesetxes über Zivilstand und Ehe, Können 
die schweizerischen Gerichte Ehescheidwngsldagen deutscher An- 
gehöriger an Hand nehmen? 

K. aus dem Königreich Württemberg, seit dem Jahre 1880 in 
der Stadt St. Gallen niedergelassen, wo er seit 1884 ein eigenes Ge- 
schäft als Buchhändler betreibt und seit 1888 verehelicht ist, produzirt 
einen Bescheid des württemb. Landgerichts Hall, welcher besagt: Falls 
K. seinen allgemeinen Gerichtsstand nicht in Württemberg, sondern 
in der Schweiz habe, seien die wtirttembergischen Gerichte zur Be- 
ivtheilung des Ehescheidungsstreites nicht zuständig und es sei das 
in demselben vom zuständigen schweizerischen Gerichte seiner 2ieit er- 
gehende Urtheil nach Massgabe der Art. 660 und 661 der dentschen 
Reichs-Zivilprozessordnung auch in Württemberg vollstreckbar, wenn die 
Voraussetzungen dieser beiden Gresetzesbestimmungen gegeben sein werden. 
Durch diesen Bescheid erachteten die Eheleute K. den in Art. 56 des 
Bundesgesetzes über Zivilstand und Ehe geforderten Ausweis als ge- 
leistet. Das Bundesgericht theilte jedoch diese Auffassung nicht. 
Gründe: Der Bescheid des Landgerichtes Hall enthlQt keine Zu- 
sicherung, dass das im vorliegenden Falle zu erlassende Urtheil im 
Königreich Württemberg werde vollstreckt werden; er spricht nur aus, 
dass, wenn der Ehemann K. seinen allgemeinen Gerichtsstand nicht 
in Württemberg sondern in der Schweiz habe, das an dem zuständigen 
schweizerischen Gericht zu erlassende Urtheil nach Massgabe der 
Art. 660 und 661 d. K.Z.P.O. auch in Württemberg vollstreckbar sei, 
wenn die Voraussetzungen dieser beiden Gesetzesbestimmungen gegeben 
seien. Nun hat allerdings das Bundesgericht prinzipiell wiederholt 
ausgesprochen, dass Art. 56 d. Z.St.G. nicht die Beibringung einer Er- 
klärung der Regierung des ausländischen Staates erfordere, sondern 
dass es genüge, wenn aus der Gesetzgebung oder Gerichtspraxis des 
betreffenden Staates der Nachweis erbracht werde, dass das schweize- 
rische Scheidungsurtheil dort anerkannt werden müsse. Allein auf der 
andern Seite hat das Bundesgericht stets daran festgehalten, dass dieser 
Nachweis strikte erbracht sein müsse. Fragt sich nun, ob dies hier 
der Fall sei, so muss die Frage verneint werden. Es ist insbesondere 
von den Kekurrenten ein Nachweis über die Bedeutung, welche Aesm 
durch § 661 Ziff. 5 der deutschen Reichs-Zivilprozessordnung für die 
Vollstreckbarkeit fremder Urtheile aufgestellten Requisite der Verbürgiing 



Schweiz. 247 

der Cregenseitigkeit zakomme, nicht erbracht worden^ und es ist daher 
nicht mit Bestimmtheit dargethan^ dass nach der Lage der St. Grallischen 
und Schweizerischen Gesetzgebung mit Rücksicht auf den Mangel einer 
einheitlichen, für die ganze Schweiz geltenden Regel über Vollstreckung 
fremder Urtheile^ die bestrittene Auslegung des § 43 d. Z.St.G. u. s. w.^ 
dieses Req[uisit durch das deutsche YoUstreckimgsgericht als erfüllt 
würde betrachtet werden: in Ermangelung eines solchen bestimmten 
Nachweises können aber die schweizerischen Gerichte eine Scheidimgs- 
klage deutscher Angehöriger^ angesichts der schwerwiegenden Folgen^ 
die aus. einer Nichtanerkennung des Urtheils im Heimathsstaate ent- 
stehen könnten^ nicht an die Hand nehmen, ßntsch. v. 3. Mai 1890 
i. S. Eheleute K.: A. S. XVI Nr. 49 (Revue etc. Bd. 8 S. 143). 

Von gleichen Grundsätzen ist das Bundesgericht ausgegangen gegen- 
über einem Hamburgischen Staatsangehörigen^ der eine Bescheinigung 
des Justizministers seines Heimathsstaates Hamburgs bzw. des Senators 
Vorstandes ftir das Justiz wesen dahin beigebracht hatte ^ dass, wenn 
die Ehe desselben von einem schweizerischen Grerichte auf Grund seines 
schweizerischen Domizils geschieden werde, dieses Urtheil auch in 
Hamburg als rechtsgültig werde anerkannt werden^ in der Entsch. vom 
13. Juni 1890 i. S. Tiarks, A. S. XVI Nr. 41 (Revue etc. Bd. 8 S. 145). 

Markenschutz. Internationale Konvention zum Schutz des ge- 
werblichen Eigenthums v. 20. März 1883^) mit Zusatz von Rom 
ro?n 29. April 1886y Reglement für die Vollziehung dieser Kon- 
vention vom 11. März 1886 Ziff. III. B. Gesetz, betr. den Schutz 
der Fabrik- und Handelsmarken vom 19. Dezember 1879, Art. 7, 

9 und Art. 20 Abs. 3. 

In der Entscheidung des Bundesgerichts vom 18. Juli 1890 i. S. 
Malis (Revue etc. Bd. 8 S. 139) sind folgende Sätze ausgesprochen: 

1) Die spanischen Kolonien Cnba^ Portorico tmd die Philippinen 
gehören der Union zum Schutze des gewerblichen Eigenthums 
schon durch den Umstand an^ dass das Mutterland derselben bei- 
getreten ist. 

2) Bis zum Beweise des Gegentheils genügt die Eintragung einer 
fremden Marke im schweizerischen Register für die Annahme, 
dass dieselbe in dem betreffenden fremden Staate hinreichend ge- 
schützt ist. 

3) Solang die Uebertragung einer Marke im schweizerischen Marken- 
register nicht eingetragen ist, kann der Erwerber die an die 
Eintragung der Marke geknüpften Rechte nicht beanspruchen, 



1) Die Konvention wurde angenommen von Belgien, Brasilien, St. Do- 
mingo, Frankreich, Grossbritannien, Guatemala, Italien, den Niederlanden, 
Norwegen, Portugal, Salvador, Serbien, Schweden, der Schweiz, Spanien, 
Tnnis. Deutschland ist bislang nicht beigetreten. 
SSeitselirift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. ]7 



248 Rechtsprechung. 

insbesondere also weder ZivO- noch Strafklage ^egen den Nach- 
ahmer erheben. 

Ebensowenig kann der urspröngliche Inhaber der Marke 
nach der Abtretung derselben diese Rechte geltend machen. 

IL Entscheidungen in Strafsachen. Aus der Zeitschrift für Schwei- 
zer Strafrecht, herausgegeben von Dr. Stooss. 

Ort der begangenen Handlung. 

Rekurrent V. ist beschuldigt^ ein verfälschtes Genussmittel aus 
Chaux-de-Fonds nach dem Territorium des Kantons Bern zum dortigen 
Verkauf geliefert, d. li. dorthin verkauft zu haben. Das Bundesgericht 
hat *mit ürtheil vom 4. Juli 1890 (mitgetheilt in der Zeitschrift £&• 
Schweizer Strafrecht, III. Jahrgang, 1890, 8.461) konform mit firUhe- 
reu Entscheidungen ( s. u. A. Entsch. in S. Kern, Amtl. Samml. Bd. 1 3, 
8. 377, in S. Beü und Nigg, Erw. 4 ibid. Bd. 8 S. 420 ff.) «) erkannt, 
dass hier das strafbare Handeln auf das Gebiet des Bestimmungsstaates 
sich erstrecke, resp. die strafbare Handlung sich dort vollende, und 
dass denmach bundesrechtlich der Thäter dort, also hier bei den ber- 
nischen Gerichten, verfolgt werden könne. Wo zivilrechtlich der Er- 
ftillungsort sich befinde, sei gleichgiUtig; die strafbare Handlung des 
Verkäufers verfälschter Waaren erstrecke sich auch dann auf das Ge- 
biet des Bestimmungsstaates, wenn der vertragliche Erfüllungsort sich 
nicht in letzterem befinde, sondern die Waare durch den Verkäufer 
vom Erfüllungsorte nach dorthin, als an den Ort der thatsächlichen 
Ablieferung versandt worden sei: auch in diesem Falle werde die Lie- 
ferung zum Verkauf am Bestimmungsorte durch eine vom Verkäufer 
in Bewegung gesetzte Kraft bewirkt. 

In gleichem Sinne wurde entschieden durch Urtheil der Polizei- 
kammer des Obergerichts des Kantons Bern vom 12. Februar 1890 
(Zeitschrift für Schweizer Strafrecht Bd. 3 S. 570). 

Auslieferung von Verbrechefm. Deutsch- sehweixerischer 

Ä?isliefeni?igsr ertrag. 

Der Auslieferungsrichter hat nur zu prüfen, ob das Delikt, wel- 
ches dem Auszuliefernden zur Last gelegt wird, ein Auslieferungs- 
delikt ist: ob der Auszuliefernde des Deliktes schuldig sei, hat nicht 
der Auslieferungsrichter, sondern der erkennende Strafrichter zu ent- 
scheiden. Zur Bewilligung der Auslieferung genügt es, dass die That, 
so wie sie im Haftbefehle behauptet ist, die sämmtlichen Begriffsmerk- 
male eines Auslieferimgsdeliktes enthält. Urth. des Bundesg. v. 8. No- 
vember 1890 (Zeitschr. f. Schweizer Strafr. Bd. 3 S. 569). 



2) Auch entsprechend der Praxis des deutschen Reichsgerichts. 



Uesetzgeban^, Verordnungen, Erlasse etc.: Deutschland. 249 



Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse der obersten 

Justizverwaltungsstellen etc. 

I. Deutsohland. 
1. BeiehsgesetzOy kaiserliche Yerordnungen etc. 

1. Im Reichsgesetzblatt (1890 Nr. 31 S. 189) ist eine kaiserl. 
Verordnung vom 29. Oktober 1890, betr. die Konsulargerichts- 
barkeit in Samoa^), veröffentlicht, wonach die deutsche Konsular- 
gerichtsbarkeit auf Samoa sich nicht erstreckt: 

1 ) auf Zivilprozesse, betreffend Grundeigenthum in Samoa und alle 
darauf bezüglichen Rechte, 

2 ) auf Zivilprozesse irgend welcher Art zwischen Reichsangehörigen 
und Schutzgenossen einerseits und Eingeborenen oder Fremden 
anderer Nationalität andererseits, 

3 ) auf Verletzungen der vom Munizipalrath von Apia ordnimgs- 
mässig erlassenen Gesetze, Verordnungen und Vorschriften. 

Die deutschen Reichsangehörigen und Schutzgenossen unterstehen 
hinsichtlich der unter Nr. 1 und 2 aufgeführten bürgerlichen Rechts - 
Streitigkeiten der Grerichtsbarkeit des obersten Gerichtshofes für Samoa, 
hinsichtlich der unter Nr. 3 bezeichneten strafbaren Handlungen der- 
jenigen des Munizipalmagistrats von Apia^ S^g^T^ dessen Entschei- 
dungen in den Fällen, in welchen die verhängte Strafe Geldbusse von 
zwanzig Dollars oder Geföngnissstrafe von zehn Tagen übersteigt, die 
Berufung an den obersten Gerichtshof gestattet ist. 

Die Zuständigkeit des Konsuls zur Entscheidung von Streitigkeiten 
zwischen Personen der Besatzung deutscher Schiffe bleibt unberührt. 

2. Reichsgesetz, betreffend die Vereinigung von Helgoland mit 
dem Deutschen Reich, vom 15. Dezember 1890 (R.G.B1. 1890 S. 207). 

Die Insel wird dem preussischen Staate einverleibt. Mit dem 
Tage der Einverleibung in den preussischen Staat tritt die Verfassung 
des Deutschen Reichs, mit Ausnahme des Abschnitts VI über das Zoll- 
und Handelswesen, auf der Insel in Geltung. 

3. Das Zentralblatt für das Deutsche Reich (1890) enthält in 
Nr. 50 S. 378 eine Bekanntmachung des Reichskanzlers v. 10. Dez. 1890, 
womit die vom Bundesrath beschlossenen Vorschriften, betr. die Aus- 
weisung von Ausländern auf Grund der §§ 39, 284 und 362 
des St.G.B. veröffentlicht und wobei zugleich die Reichsgrenzstationen, 
nach welchen gemäss jener Vorschriften die Transporte ausgewiesener 
Aasländer zu leiten sind und die für diese Stationen zuständigen 
Grrenzpolizeibehörden bekannt gegeben werden. 



1) S. oben S. 100 und 116 f. 

17 



250 Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 

2. Gesetze^ Yerordnangen etc. der einzelnen Bundesstaaten. 

Prenssen. 

1. Mit allgemeiuer Verfügung des Jost.-Min. vom 9. Dezember 1890 
(Ju8t.Mm.Bl. 1890 S. 345), betreffend die Kosten im Rechtsbülfe- 
verkehre mit Oesterreich-IJngarn, werden die Justizbehörden 
unter Hinweis auf Ziff. 33 Abs. 5 der allgem. Verfügung vom 
20. Mai 1887; betr. die im Auslande zu erledigenden Ersuchschreiben 
der Justizbehörden (Just.Min.Bl. 1887 8. 189 ff.), darauf aufinerksam 
gemacht; dass bei der Erledigung von Ersuchen um Rechtshnlfe 
österreichischer und ungarischer Behörden die gleichen Grundsätze 
Über den Ansatz der Kosten zur Anwendung zu bringen, insbesondere 
also auch jenen Behörden für die auf ihren Antrag erfolgte Zu- 
stellung oder Aushändigung gerichtlicher Verfi\gungen oder Urkunden 
weder Gebühren noch haare Auslagen zu berechnen sind. 

Gleichzeitig ist auf die Bekanntmachung des Heichskanzlers 
vom 31. Oktober 1873, betr. die portopflichtige Korrespondenz zwischen 
den Behörden des Reichs und Oesterreich-Ungarns (R.G.B1. S. 366), 
hingewiesen und die Befolgung der dort ausgesprochenen Grundsätze 
in Erinnerung gebracht. Sollte eine unfrankirte oder nicht genügend 
frankirte Sendung aus Oesterreich oder Ungarn bei einer prenssischen 
Behörde eingehen, so ist die Sendung zwar anzunehmen, jedoch über 
die Angelegenheit unter Beifügung des betr. Brie^mschlags an den 
Justizminister auf dem Jnstanzenwege zu berichten. 

2. Mit allgem. Verfügung des Just. -Min. vom 3. November 1890, 
die Strafregister betreffend (Just.Min.Bl. S. 280), ist unter Bezii^> 
nähme auf die Ausführungsverfügung vom 12. Juli 1882 (Just.Min.Bl. 
S. 200) und allgem. Verf. vom 6. Oktober 1887 (Just.Min.Bl. 8. 272) 
ein Erlass des Ministers des Innern vom 11. Juli 1890 über Evident- 
haltung der Strafregister und die deshalb den Standesämtern, Orts- 
polizeibehörden, Gefängnissdirektionen etc. zukommenden Obliegen- 
heiten bekannt gegeben. 

Bayern. 

1. Laut Just.-Min.-Bekanntmachung vom 10. Dezember 1890 
(Just.M.Bl. S. 396) beträgt die Gebühr für die Beglaubigung 
von Urkunden durch die italienischen Konsulate nunmehr 
10 Lire = 8 Mk. 

2. Verzeichniss der sämmtlichen im Königreiche Bayern fiinktio- 
nirenden auswärtigen Konsularbehörden, bezw. Konsularbeamten 
nach dem Stande vom Ende November 1890, s. Just.Min.Bl. 1890 
S. 398. 

Haebfiien (Königreich). 

Zustellung von Klagen, welche bei einem k. sächsischen 
Gerichte gegen österreichische Staatsangehörige oder in 
Oesterreich befindliche Ausländer eingebracht werden, s. unter 
Oesterreich-Ungarn Nr. 2. 



[ 



Deatsohland. Einzelne Bundesstaaten. — Auswärtige Staaten. 251 

Baden. 

Bekanntmachung des grossherz. Ministeriums der Justiz, des 
Kultus und Unterrichts vom 15. Oktober 1890, die im Auslände 
zu erledigenden firsuchschreiben der Justizbehörden be- 
treffend (Ges. u. V.Bl. 1890 8. 643). — Ergänzung der Bekanntm. 
vom 15. Februar 1888, Ges. u. V.Bl. 1888 8. 103 ff. - (Inhalt 
entspricht der hessischen Bekanntm. vom 8. Oktober 1890: s. oben 
S. 103.^ 

Haebsen-Weimar-liisenaeh. 

Behandlung der beweglichen Nachlässe von Ange- 
hörigen der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder der 
österreichisch-imgarischen Monarchie, s. unter Oesterreich-Üngarn 
Nr. 1. 

(S^aebsen-Altenburip. 

Behandlung von Nachlässen österreichischer 8taatsauge- 
höriger im Herzogthum Sachsen- Altenburg, s. unter Oesterreich- 
Ungarn Nr. 3. 

II. Auswärtige Staaten. 

Dftneiiiark i). 

1. Auslieferung von Verbrechern. Ueber die Auslieferung 
von Verbrechern besteht kern Traktat mit Deutschland'^) (auch nicht 
mit Schweden und NorwegenX In der Kegel wird die Auslieferung 
auch ohne Vertrag gewährt und sind hiebei die allgemeinen völ- 
kerrechtlichen Grundsätze massgebend. Doch wird dänischerseits 
der Anspruch auf Reziprozität nicht erhoben und die Auslieferung 
wird sogar in Fällen bewilligt, in welchen der requirirende Staat (die 
nordamerikanischen Freistaaten) erklärt, keine Eeziprozität gewähren 
ZQ können, gleichwie auch nicht als anerkanntes Prinzip gilt, dass die 
Auslieferung bei politischen Verbrechen nicht stattfindet. In mehreren, 
sogar neueren Traktaten, z. B. mit England vom 28. September 1862 
und mit Russland vom 22. Dezember 1866 ist keine spezielle Aus- 
nahme gemacht in Hinsicht auf politische Verbrechen, vielmehr hat 
sicli die dänische Regierung unbedingt zur Auslieferung verpflichtet, 
z. B. wegen Mord und Mordversuch, wegen Brandstiftung u. dgl. Es 
wird deshalb die Auslieferung von Personen nicht verweigert werden, 
welche sich allgemeiner bürgerlicher Verbrechen schuldig gemacht ha- 
ben, wenn diese auch Bestandtheile politischer Verbrechen sind oder 



1) S. oben S. 104 Note 2. 

2)' Ausser dem Vertrage zwischen Deutschland und Dänemark vom 
14. Jnni 1881 über die Ergreifung und Ablieferung entlaufener Seeleute ht 
noch eine Konvention mit Prenssen (nicht mit anderen deutschen Staa- 
ten) über die Auslieferung von militärischen Deserteuren und entwichenen 
Dienstpflichtigen abgeschlossen, welche durch Plakat vom 24. März 1821 
bekannt gegeben wurde (der Nachbarschaft wegen von grosser praktischer 
Bedeutung und häufiger Anwendung). 



252 Geaetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 

iu politischer Absicht begangen vnirden^ und es wird dabei nicht in 
Betracht kommen, ob mit dem requirirenden Staate ein Traktat besteht 
oder nicht. Man würde z. B. die Auslieferung einer Person nicht ver- 
weigern^ welche in einem solchen Lande ein Mordattentat auf einen 
fremden Fürsten begangen hätte. 

Bezüglich des Verhältnisses zwischen Deutschland und Dänemark 
lässt sich die allgemeine Bemerkung machen, dass die Auslieferung 
von Verbrechern beiderseits ausserordentlich koulant zugestanden und 
dass der Mangel eines Traktates nicht gefühlt wird. 

Hinsichtlich des Verfahrens in Auslieferungssachen gilt als 
Grundsatz, dass jegliche Beweisprüfung der Schuldfrage seitens der 
Gerichte ausgeschlossen ist. Die Erledigung des Auslieferungsbeg^.hreus 
ist ganz in die Hände der obersten Verwaltung gelegt. 

Wenn ein Verbrecher ausgeliefert wird, werden dem requirirenden 
Staate theils Abschriften der über ihn aufgenommenen Verhöre und 
Polizeirapporte übergeben, wenn dies gewünscht wird, theils die ror- 
pora delicti und andere das Verbrechen betreffende Gegenstände, 
welche bei dem Verbrecher vorgefunden wurden oder welche er mit- 
gebracht hat. 

2. Nacheile. Das Recht der Nacheile der Behörden eines £rem- 
den Staates auf dänisches Grebiet wird nicht eingeräumt. 

3. Armenrecht iu Strafsachen. Bei Antragsdelikten ist keine 
Rede vom Armenrecht, da gegen den Antragsteller kein Anspruch auf 
Bezahlung der Kosten erhoben wird: in civiliter verfolgten Strafsachen 
aber (z. B. in Injuriensachen) gelten bezüglich des Armenrechts die- 
selben Regeln wie in den übrigen Zivilsachen. Nur ist zu bemerken, 
dass Beamte, welche es für nöthig halten, Injurianten gegenüber ein 
ürtheil auf Strafe imd Mortifikation der Beleidigung zu erlangen, freien 
Prozess erhalten, nicht blos, wenn die Beleidigimg in Bezug auf die 
Amtsthätigkeit erfolgt ist, sondern auch wenn dieselbe den Privat- 
karakter des Beamten und seine private Handlungsweise in ehren- 
rühriger Weise angriff. 

4. Beweisaufnahme in Strafsachen auf auswärtige Re- 
quisitionen. Wenn in Dänemark Erhebungen zum Gebrauche iu 
einer ausländischen Strafsache gewünscht werden, müssen diese auf 
diplomatischem Wege begehrt werden. Ausnahmsweise findet an den 
Grenzen direkte Korrespondenz innerhalb der Nachbarjurisdiktionen 
statt. Das Justizministerium weist dann die Polizeibehörden an, die 
gewünschten Erhebungen zu veranstalten, wenn diese auf administra- 
tivem Wege möglich sind, und wenn sie auf gerichtlichem Wege be- 
schafft werden müssen, z. B. durch Zeugenverhör, fordert es den be- 
treffenden Gerichtsstuhl auf, sie zu erbringen. Da in Strafsachen der 
inquisitorische Prozess gilt, kann das Gericht die Zeugen ex officio 
verhören (im Gegensatz zu Zivilsachen ). Die Beschaffimg von Erhe- 
bimgen in Strafsachen ist in der Regel für den requirirenden Staat 
mit irgendwelchen Ausgaben nicht verbunden. 



Auswärtige Staaten. 253 

Diinen sind natürlich nicht verpflichtet^ als Zeugeu vor auslän- 
dischen Grerichten sich zu stellen: aber die Behörden werden, obwohl 
hierüber im Gesetz nichts bestimmt ist, sich nicht weigern, auf Ver- 
langen den Zeugen ,. aufzufordern^, gegen Ersatz der Auslagen zum 
ausländischen Gerichtsstuhle zu reisen. 

Wie weit hier verhaftete Personen, welche in eine im Auslande 
anhängige Strafsache verwickelt sind, ausländischen Gerichten zuge- 
Mehickt werden können, um mit dortigen Angeschuldigten oder Zeugen 
konfrontrirt zu werden, ist im Gesetz nicht bestimmt, imd es ist kein 
Beispiel dafür bekannt, dass es jemals geschehen wäre. Indessen be- 
steht kein legales Hinderniss dagegen, dass es geschehen könnte^ und 
es ist wahrscheinlich, dass ein desfallsiges Begehren berücksichtigt 
werden würde, wenn die Sache, um welche es sich handelt, eine be- 
deutende ist. Die Auslagen müssten in solchem Falle von dem re- 
quirirenden Staate bezahlt werden. 

Frankreteb. 

1. Dekret des Präsidenten der Republik vom 9. Juli 1890, be- 
trifft die Reorganisation der Justizverwaltung in den franzö- 
sischen Niederlassmigen von Ozeanien. (Journal offieiel du 12. Juillet 
1890. Bulletin des lois, 1890, XIL Ser. Nr. 2262S p. 433). 

2. Dekret des Präsidenten der Republik vom 12. Juni 1890, er- 
klärt die Bestimmungen des Dekretes vom 8. August 1873 über 
Markenschutz auf die Kolonien von Obock, Die{;o-8uaraz, das TeiTi- 
torium von Kotcmou und die Niederlassuno-eu von Ozeanien anwendbar 
(BtUletinetc. Nr. 22448). 

3. Dekret des Präsidenten der Republik vom 12. Juni 1890. er- 
klärt das Gesetz vom 3. Mai 1890, welches den Art. 2 des Gesetzes 
vom 23. Juni 1857 über den Markenschutz modifizirt, auf die 
französischen Kolonien anwendbar (Bulletin etc. Nr. 22449). 

Mexiko. 

Patentgesetz vom 7. Juni 1890 ( D. Handel sarchiv 1890, 1 
S. 486ff.\ 

Xorweg^eii« 

(Mitgetheilt von Herrn Reichsanwalt B. Getz in Christiania.) 
Während der vierhundertjährigeu Vereinigung Norwegens mit 
Dänemark bis zum Jahre 1814 näherten sich die beiden Königreiche 
immer mehr auf fast allen Gebieten ihrer Rechtsverfassung. Die ge- 
setzgebende Gewalt war dieselbe, die höchste Instanz der Rechts- 
sprechung ebenso, und die Hochschule der Wissenschaften für die bei- 
den Länder nur eine. Die natürliche Folge dieser Umstände unter- 
blieb nicht Als im Anfange des jetzigen Jahrhunderts die Scheiduufi; 
stattfand, konnte auch das ganze Recht der Länder in allem Wesent- 
lichen dasselbe genannt werden. 

Seit dieser Zeit sind die Verschiedenheiten wieder grösser gewor- 
den. Es fussen aber doch immer die Rechtsverfassungen der beiden 



254 Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 

Länder auf der gemeinschaftlicheii Gesetzgebung ^ vor allem auf den 
mehr als zweihundertjäbrigen Kodifikationen Christians V., die nament- 
lieh die Grundlagen des allgemeinen bürgerlichen Rechts, insofern 
dies auf geschriebenem Gesetze ruht, noch jetzt bilden. Und auch 
was die durch Rechtsprechung und Wissenschaft entwickelten Reehts- 
satzungen betriflBt — und dazu gehören ja die meisten Satzungen des 
internationalen Rechts — , gilt ungefähr dasselbe. Der überwSÜtigende 
Einfluss des grössten dänischen Juristen, Oersteds, dessen Wirksam- 
keit schon in den Zeiten der Vereinigung begann, hat hier die Grund- 
linien geschaffen, durch welche dieser Theil des Rechtsgebäudes end- 
lich bestimmt worden ist. 

Wenn ich meiner Darstellung diese Bemerkung vorausschicke, 
geschieht es hauptsächlich, weil schon an einer früheren Stelle in 
dieser Zeitschrift eine kurze Uebersicht einiger der wichtigsten Regeln 
des internationalen dänischen Privatrechts veröffentlicht worden ist (siebe 
S. 104). Es folgt aus dem oben Gesagten, dass eine Besprechung der- 
selben Theile des norwegischen Rechts sich der schon vorliegenden Dar- 
stellung des dänischen natürlich anschliesst, indem sie sich wesentlich 
darauf beschränken kann, die UnÜbereinstimmungen zu nennen und 
die verschiedenen Lösungen, welche einige Streitfragen gefunden haben, 
hervorzuheben. Ich glaube aber, dass es auch ausserhalb dieser Dar- 
stellimg einige Punkte gibt, von deren Erwähnung hier nicht wohl 
abgestanden werden kann. Das norwegische Recht ist selbstverständ- 
lich auch in seinen Grundlinien nur den wenigsten der Leser dieser 
Zeitschrift bekannt, und so muss darum als beinahe nothwendig be- 
zeichnet werden, die chronologischen Berichte der in diesem Rechte 
auf dem internationalen Gebiete stattfindenden Ereignisse durch eine 
wenn auch ganz kurze, so doch einigermassen vollständige Uebersicht 
derjenigen Hauptsätze unseres Rechts einzuleiten, welche mit den 
internationalen Fragen in engster Verbindung stehen. In den folgen- 
den Zeilen soll ein Versuch einer solchen Uebersicht angefangen 
werden. 

1. Staatsangehörigkeit. Was die Staatsangehörigkeit betrifft, 
galten bis zum Jahre 1888 in Norwegen und Dänemark dieselben 
Grundsätze. Es wurde die Staatsangehörigkeit durch Aufenthalt im 
Reiche in der Absicht, daselbst zu verbleiben, erworben. Durch Ver- 
lassen des Staatsgebietes in der Absicht, im Auslande zu verblei- 
ben, ging sie verloren. Im erwähnten Jahre wurde aber diese Materie 
durch ein neues Gesetz in besserer Uebereinstimmung mit den meisten 
neueren Gesetzgebungen geregelt. 

Diesem Gesetze zufolge wird jetzt norwegische Staatsangehörig- 
keit erworben: 1) durch Geburt von einem norwegischen Eltemtheil: 
2) durch Verheirathung mit einem Norweger: 3) durch feste Ansiede- 
lung im Reiche, wenn der Eingewanderte entweder von norwegischen 
Eltern geboren oder im Lande naturalisirt worden ist; 4) durch Ein- 
treten in den Dienst des norwegischen Staates, und 5) durch könig- 



Auswärtige Staaten. 255 

liehe Bewilligung; welche jedoch unr unter gewissen , hier nicht zu 
erörternden Bedingungen ertheilt werden kann. Die Staatsangehörig- 
keit geht dadurch verloren, dass man entweder eine fremde Staats- 
angehörigkeit erwirbt oder das Land verlftsst in der Absicht, nicht 
znriickxukehren. Im letzten Falle kann doch der geborene Norweger 
dieselbe durch eine darauf gerichtete Erklärung bewahren. 

Die praktische Bedeutung dieses G^esetzes ist aber gar nicht ho 
gross, als man hätte glauben sollen. Freilich ist durch dasselbe die 
Staatsangehörigkeit m abstracto bestimmt. Es fragt sich indessen, 
welche Rechtsfolgen die Gresetzgebung daran knüpft, und dann ist her- 
vorzuheben, dass § 8 des Gresetzes, was die Einwohner des Lan- 
des betrifft, nur die politischen Wahlrechte und das Recht, im Reiche 
Grundeigenthum zu besitzen, Yon der Staatsangehörigkeit abhängen, 
in jeder anderen Beziehung aber die früheren Rechtsverhältnisse un- 
verändert bestehen lässt. Eine Folge dessen ist es, dass ein Ausländer 
auch jetzt wie früher in den meisten privatrechtlichen Beziehungen 
durch feste Ansiedelung im Reiche uugeföhr dieselbe Stellung wie ein 
norwegischer Staatsbürger erlangt-, nur dass er, wenn der Aufenthalt 
nicht eine längere Zeit gedauert hat, wegen Verbrechen, Armuth oder 
ans politischen Gründen ausgewiesen werden kann. 

2. Erwerbung von Grundeigenthum. Was das Recht, Grund- 
eigenthum im Lande zu erwerben^ betrifft, unterlag dasselbe früher 
bei uns keiner Begrenzung; fremde Staaten wie ausländische Privat- 
personen konnten solches durch Kauf, Gabe oder Erbschaft ebenso gut 
erlangen wie die Staatsbürger selbst. Durch das eben besprochene 
Gfesetz ist, wie schon angedeutet, dies verändert worden und zwar in 
der Weise, dass künftig nur norwegische und schwedische Staatsbürger 
ohne besondere Erlaubniss Grundeigenthum oder Gebrauchsrecht an 
Grundstücken erwerben können. Hat ein Ausländer einen solchen Er- 
werb gemacht, wenn auch durch Erbschaft, und kann die geforderte 
Erlaubniss nicht erlangt werden, wird das Erworbene, nöthigenfalls 
durch Zwangsversteigerung, veräussert. 

3. Vollstreckung ausländischer Urtheile. Auch auf diesem 
Felde ist die norwegische Theorie ungefähr dieselbe wie die dänische 
(8. 106). Es mag doch bezweifelt werden, ob es unbedingt auf der 
«inen Seite erforderlich, auf der anderen hinreichend ist, dass das 
ausländische Grericht nach unseren Gesetzen als zuständig bezeichnet 
werden kann. Während die gegen Angehörige eines fremden Staates 
in diesem ergangenen Urtheile gewiss in allen Fällen anerkannt wer- 
den sollten, wenn sie nach den Gresetzen des Heimathlandes Rechts- 
kraft erlangt haben, glaube ich, dass es, wenn es sich um ein gegen 
pinen hier ansässigen Norweger ergangenes Urtheil handelt, gefordert 
werden muss, dass dasselbe von einem Grerichte gefällt sei, dessen 
Zuständigkeit nicht nur als ftir inländische Rechtsstreite aufgestellt 
angesehen werden kann (z. B. vom forum rei sitae). Sonst unterliegt die 
Vollstreckung ausländischer Urtheile hier einer anderen schwer zu er- 



25ti Gesetzgebaugy VerordDungen, Erlasse etc. 

füllenden Bedingung. Es wird ja ein VoUstreckungsurtheil gefordert 
werden müssen, und dies Urtheil muss auch von einem zuständigen 
Grerichte gefallt sein. Da aber das norwegische Recht weder ein forum 
r&i sitae beiMobilien, noch ein foru/m executionis oder wie das dänische 
ein forum arresti kennt, wird es oft unmöglich sein, ein zuständiges 
Gericht nachzuweisen. In dieser Lage steht auch die Sache zwischen 
Norwegen und Schweden ^ indem ein zu seiner Zeit gemachter Ver- 
such, den Urtheilen dieser Länder gegenseitige Vollstreckbarkeit zu ge- 
ben, gegen die Bedenken der norwegischen Volksvertretung scheiterte. 
4. Konkurs. Hier ist erstens zu bemerken, dass das in der 
Darstellung des dänischen Rechts (S. 106) erwähnte Plakat von 1821 
nur i\ir Dänemark gilt und dass das norwegische Recht einer analogen 
Bestimmung ermangelt. Welche Bedeutung dann einem im Auslande er- 
öffneten Konkurs im lulande zugelegt werden kann, ist im Ganzen 
sehr zweifelhaft, und das Wenige, was davon gesagt werden kaiuL, 
freilich recht unbefriedigend. Als leitende Grundsätze unseres Rechts 
sind vielleicht die folgenden zu nennen. Durch einen in internatio- 
nalen Verhältnissen anzuerkennenden^ d. h. am ausländischen Wohn- 
sitze des Schuldners erfolgten Konkurseröffiiungsbeschluss erlangt die 
Konkurs Verwaltung ein Recht, den Besitz des gesammten Vermögens 
desselben zu ergreifen, um dasselbe im Interesse der Gläubiger zu vex- 
werthen. Dadurch ist doch noch keine dingliche Sicherung erworben, 
die gegen die im Inlande Exekution suchenden Gläubiger geltend ge- 
macht werden kann, sondern dazu muss noch, was Mobilien betrifft, 
wirkliche Besitzergreifung, und was Immobilien betrifft, Inregistrirung 
gefordert werden. (Fortsetzung folgt.) 

Oesterreieh- Uuiparii. 

1. Verordnung des österr. Justizministeriums vom 21. August 1890 
Z. 16717 (Just.Min.V.Bl. 1890 S. 162), womit der Vorgang bekannt 
gegeben wird, welchen die Behörden in dem Grossherz ogthume Sach- 
sen-Weimar-Eisenach in Bezug auf die Behandlung der be- 
weglichen Nachlässe von Angehörigen der im Reichsrathe 
vertretenen Königreiche und Länder der Österreichisch- 
ungarischen Monarchie einhalten: 

Den Gerichten wird wegen entsprechenden Vorgehens im Sinne 
des 55 23 des Gesetzes über das gerichtliche Verfahren in Rechtsange 
legenheiten ausser Streitsachen bekannt gegeben: 

Das grosslierzoglicli-sächsiscbe StaatsniinisteriuDi hat auf eine Anfra^^e. 
betreffend die Beli.nndluug beweglicher Nachlässe nach österreichischen 
.Staatsangehörigen iui Grosslicrzogthume Sachsen-Weimar-Kisonaoh Folgen- 
des eröffnet: 

„Nach der unter dem 24. März 1843 wiederholten Bekaniitniachnng der 
vormah'gm grossherzogliehen Regierung zu Weimar vom 23. Februar I81(> 
zrehört die Nachlassregulirung sowohl in Ansehung der Mobilien als der 
Immobilien stets vor das persönliche Forum des Verstorbenen, insu- 
fovnc er im G rossherzogt hume domizilirt war. Von der Nnchlassregulirunga- 



Auswärtige Staaten. 257 

pfiicht anabhängig hat nach der Bekanntmachung vom 24. März 1843 der 
fiichter des Ortes, wo der Todesfall erfolgt oder wo Nachlassgegenstände 
sich befinden, die nach 4en Umstanden erforderlichen ersten Schritte zur 
Sicherstellnng des Nachlasses zu thun. 

Weiter kommt in Betracht die Vorschrift im § 152 des Gesetzes vom 
6. April 1833 über die Erbfolge ohne Testament und Vertrag , dass anch 
das ausserhalb Landes befindliche, frei vererblicbe, bewegliche und un- 
bewegliche Vermögen eines Erblassers, der zur Zeit seines Ablebens 
seinen ordentlichen Gerichtsstand im Grossherzogthume hatte, dem eben 
erwähnten Gesetze unterliegt, soweit nicht Staatsverträge oder die beson- 
deren fremden Landesgesetze entgegenstehen und dass, wenn der Erblasser 
zur Zeit seines Ablebens zugleich im Grossherzogthume und im Auslände 
emen ordentlichen Gerichtsstand hatte, hinsichtlich der Erbfolge die Ge- 
setze desjenigen Domizils einzutreten haben, wo der Erblasser sich zuletzt 
wirklich aufgehalten hat, es sei denn, dass Staatsverträge ein anderes be- 
stimmen. 

Bei dem Mangel einschlagender Staataverträge zwischen dem Gross- 
herzogthume Sachsen und der österreichisch-ungarischen Monarchie und an 
der Hand der vorerwähnten Vorschriften ergabt sich : 

1. Wenn ein österreichischer Staatsangehöriger, welcher im Gross- 
herzogthume Sachsen sein letztes Domizil hatte, verstorben ist, so ist sein 
Nachlass durch das betreffende sächsisch-weimarische Amtsgericht zu re- 
pliren. Und zwar erstreckt sich diese Regnlirung auf den ganzen Nach- 
lass des Verstorbenen, mithin nicht blos auf das im Inlande, sondern auch 
anf das im Auslande befindliche Vermögen, es wäre denn, dass die beson- 
deren fremden Landesgesetze entgegenständen. 

Wird dem Nachlassgerichte dagegen der Beweis geführt, dass nach 
österreichischen Landesgesetzen die Regnlirung des in Oesterreich befind- 
lichen Nachlassvermögens nach anderen, als den im Grossherzogthume gel- 
tenden Rechtsgrundsätzen zu erfolgen hätte, so sind diese Normen fttr den 
inländischen Richter als massgebend zu erachten. 

2. Wenn der Verstorbene zwei Domizile, und zwar eines im Gross- 
herzogthume und ein zweites im Auslande hatte, so findet Im Gross- 
herzogthume die Regnlirung des Nachlasses nur dann statt, wenn der 
Verstorbene in seinem weimarischen Domizile verstarb, während die Nach- 
lassregulirung dem betreffenden Gerichte des auswärtigen Staates zu über- 
lassen ist, wenn der Erblasser in seinem dortigen Domizile sein Leben 
beschlosB. 

3. Wenn der österreichische Erblasser sein Domizil im eigenen Vater- 
lande hatte, so hat der inländische (weimarische) Richter keine Berech- 
tigimg und keine Verpflichtung, den Nachlass, soweit derselbe etwa im 
Grossherzogthume sich befindet, zu reguliren, seine Thätigkeit hat sich anf 
die Vornahme der die Sicherstellnng des beweglichen Nachlassvermögens 
abzielenden Schritte zu beschränken. 

4. Genau ebenso liegt die Sache, wenn ein weimarischer Staatsange- 
höriger, der aber in Oesterreich sein Domizil hatte, verstorben ist und zwar 
mit Hinterlassung von Vermögen, welches sich im weimarischen Staate be- 
findet. Auch hier hat sich der weimarische Nachlassrichter in die Regu- 
lirang nicht einzumischen, sondern nur für die Sicherstellung des im Gross- 
herzogthume befindlichen beweglichen Vermögens zu sorgen. 

Die Erbfolge der Verwandten und Ehegatten des Erblassers regelt sich 
in beiden Fällen (3 und 4) lediglich nach Österreichischen Gesetzen,- soweit 
nicht in Bezug auf das in Weimar befindliche Vermögen des Verstorbenen 
weimarische Gesetze Abweichendes bestimmen, welchen Falls der inlän- 
dische Richter dieses weimarische Recht als massgebend anzusehen hat. 



L 



2r)8 Gesetzgebung, Verordnungen, Kriasse etc. 

Wenn also beispielsweise das im Grossherzogthume befindliche unbe- 
wegliche NachlassYermögen Lehengut ist, so kann die Vererbung desselben 
nur nach den einschlagenden weimarischen Gesetzen erfolgen. 

5. Hatte der Österreichische Staatsangehörige sein Domizil in einem drit- 
ten Staate und hinterliess er im Grossherzogthume Vermögen, so findet 
in dem letzteren eine Nachlassregulirung nicht statt, vielmehr wird nur 
auf Sicherstellung des etwa vorhandenen beweglichen Nachlassvennögens 
Bedacht zu nehmen sein. 

6. Wenn sich das Domizil des Erblassers nicht feststellen lässt, wäh- 
rend dessen Sterbeort, bezüglich letzter Aufenthaltsort und dessen Oster- 
reichische Staatsangehörigkeit bekannt sind, so hat, falls der Verstorbene 
im Grossherzogthume bewegliches Vermögen hinterlassen hat, das betref- 
fende grossherzogliche Amtsgericht flir dessen Sicherung zu sorgen und 
an das grossherzogliche Staatsministerium, Departement des Aeussem, zu 
berichten, damit die österreichische Gesandtschaft von dem Erbfall Kennt- 
niss erlangt. Der Nachlass ist denjenigen Personen hinauszugeben, welche 
sich durch ein ordnungsmassiges Erbzeugniss einer österreichischen Behörde 
als Erben legitimiren." 

2. Verordnung des österr. Justizmiuisteriums vom 8. Oktober 1890 
Über die Beobachtung der Gegenseitigkeit in Ansehung der Zu- 
stellung von Klagen, welche bei einem k. sächsischen Gerichte 
gegen österreichische Staatsangehörige oder in Oesterreich 
befindliche Ausländer eingebracht werden (Oesterr. K.G.Bl. LIII. St., 
Nr. 189): 

Laut einer Eröfixiiing der königlich-sächsischen Kegierung wird 
im Königreiche Sachsen die Rechtshülfe zur Zustellung von prozess- 
einleitenden Verfügungen (^Ladungen ^ Klagsbescheide, Zahlungsanf- 
lagen u. dgl.) österreichischer Gerichte nur dann unbedingt gewährt, 
wenn diese Verfügungen für in Sachsen befindliche österreichische 
Staatsangehörige bestimmt sind. Wenn dagegen derartige Verfügungen 
für sächsische Staatsangehörige oder für im Königreiche Sachsen be- 
findliche Angehörige der anderen Staaten des Deutschen Reiches oder 
Ausländer (^mit Ausnahme der Österreichischen Staatsaugehörigen) be- 
stimmt sind^ so werden dieselben nur dann zugestellt; weim der Adres- 
sat die Annahme der Verfügung nicht verweigert. 

Die k. k. Gerichte werden angewiesen, sich nach dem Grundsatze 
der Reziprozität zu benehmen und demnach die Rechtshülfe für Zu- 
stellimg von prozesseinleitenden Verfiigungen königlich sächsischer Ge- 
richte hierlands nui* bezüglich der sächsischen Staatsangehörigen, an 
welche diese Verfügungen gerichtet sind, unbedingt, dagegen bezüglich 
aller anderen nicht sächsischen Staatsangehörigen nur dann zu ge- 
währen, wenn der Adressat die Annahme der Verfügung nicht verweigert. 

3. Verordnung des Österr. Justizministeriums vom 16. November 1890 
Z. 20917 (Just.M.V.Bl. 1890 S. 209f.), betreffend die Behandlung 
von Nachlässen österreichischer Staatsangehöriger im Her- 
xogthum Sachsen-Altenburg: 

Den Gerichten wird wegen entsprechenden Vorgehens im Sinne 
des § 23 des Gesetzes über das gerichtliche Verfahren in Rechts- 
angelegenheiten ausser Streitsachen bekannt gegeben: 



Aoflw&rtiire fltaaten. 259 

Die herzoglich sachBen-altenbnrgiBche Begierung hat auf eine An- 
frage^ betreffend die Behandlung beweglicher Nachlässe nach öster- 
reichischen Staatsangehörigen im Herzogthume Sachsen-Altenburg, die 
einschlägigen^ dortlands geltenden Vorschriften^ unter Ertheilung nähe- 
rer Erläuterungen mitgetheilt, wonach sich Folgendes ergibt: 

a) In Ansehung der Gerichtskompetenz bei Nachlassregulirungen 
enthält die herzogliche Verordnung vom 22. Oktober 1873 im § 2 
die Bestimmung: 

„Für die Regulirung des Nachlasses eines verstorbenen Staats- 
angehörigen ist fortan dasjenige Zivilgericht kompetent, in dessen 
Sprengel der Verstorbene im Augenblicke des Todes seinen festen 
Wohnsitz (Domizil) gehabt hat."^ 

Diese Bekanntmachung regelt allerdings nur die Kompetenz zur 
Eegulirung des Nachlasses eines verstorbenen Staatsangehörigen. 
Allein in einem Spezialfälle ist von Seite des herzoglichen Ministe- 
riiuns, Abtheilung für Justizangelegenheiten, ausgesprochen worden, 
dass es sich empfehlen dürfte, auch gegenüber NichtStaatsangehörigen 
bei der Entscheidung der Frage über die Kompetenz zu Nachlass- 
regulirungen (und Bevormmidungen) dieselben Gesichtspunkte wie für 
Staatsangehörige zunächst und bis dahin gelten zu lassen, wo sonstige 
Gründe und etwaige Vertragsbestimmungen etwas Anderes bedingen. 
Dementsprechend hat sich auch die Praxis der Gerichte gestaltet, und 
es sind dem herzoglichen Ministerium keine Fälle bekannt geworden, 
in denen diese Praxis in ihrer Anwendung auf Nichtdeutsche, insbe- 
sondere auch auf österreichische Staatsangehörige zu Beschwerden oder 
sonstigen Beanstandungen beziehungsweise Schwierigkeiten geführt 
hätte. 

b) Was das bei der Nachlassregulirung anzuwendende Recht be- 
triff^ so enthält das in Sachsen-Altenburg bestehende Gresetz über die 
Intestat-Erbfolge und die damit in nächster Verbindung stehenden 
Bechtsverhältnisse vom 6. April 1841 den Grundsatz, dass hiebei das 
im letzten Domizile des Verstorbenen geltende Recht zur Anwendung 
komme. 

Die einschlägige, im § 158 des bezogenen Gesetzes gegebene 
Vorschrift lautet wörtlich: 

§ 158. 

^Auch das ausserhalb Landes befindliche, frei vererbliche, be- 
wegliche und unbewegliche Vermögen eines Erblassers, der zur Zeit 
seines Ablebens seinen ordentlichen Gerichtsstand (forum domidli) im 
Herzogthume hatte, unterliegt dem gegenwärtigen Gesetze, soweit nicht 
Staatsverträge oder die besonderen fremden Landesgesetze entgegen- 
stehen. 

Ebenso ist auch — vorausgesetzt, dass die einschlagenden Staats- 
verträge oder fremden Landesgesetze nicht ein Anderes bestimmen, in 
welchem Falle dasselbe auch im Herzogthum beobachtet werden soll — 
das im Herzogthume befindliche Vermögen eines im Auslande domizi- 



260 Gesetzgebung, Verordnungen, Erlasse etc. 

lirten Erblassers hinsichtlich der Erbfolge der Verwandten und Ehe- 
gatten lediglich nach den Gesetzen jenes Grerichtsstandes zu beur- 
theilen. 

Hatte der Erblasser zur Zeit seines Ablebens zugleich im Her- 
zogthume und im Auslande einen ordentlichen Grerichtsstand, so treten 
hinsichtlich der Erbfolge die Gesetze desjenigen Domizils ein^ wo er 
sich zuletzt wirklich aufgehalten: es sei denn, dass Staatsverträge ein 
Anderes bestimmen.'* 

4. Nach Gesetz vom 16. Dezember 1890, die Konsularge- 
richtsbarkeit in Egypten betr. (Oest. R.G.B1. 1890 Nr. 218 S.476), 
kann die mit dem Gesetze vom 11. Februar 1881 (R.G.Bl. Nr. 10) 
für einen Zeitraum bis zu 10 Jalireu zugelassene Einschränkung und 
theilweise üebertragung der Gerichtsbarkeit der österr. - ungarischen 
Konsulargerichte in Egypten nach Ablauf des zehnjährigen Zeitraums 
durch kaiserliche Verordnung weiterhin verfügt werden. 

5. Eine Verordnung des k. ungarischen Ju^tiz-Min. vom 19. De- 
zember 1890 Z. 46402 betrifiPt die Requisitionen der ungarischen 
Gerichte um Auslieferung von in Serbien und sonst in aus- 
ländischen Staaten sich auflialtenden Verbrechern. 

Gremäss Art. V des mit Serbien abgeschlosseneu Ausliefenmgs- 
Staats Vertrages (G.A. XXXIV, 1882) ist in dem Urtheile, in dem An- 
klagebeschluss, in dem Verhaftsbefehle (xler in dem mit dem Verhafts- 
befehle identische Kraft besitzenden Dokumente genau anzugeben: 
a) die Natur, die Schwere und die Benenmmg der zu bestrafenden 
Handlung; b) jene wortgetreue Verfügung des ungarischen Straf- 
gesetzes, welche auf die obschwebende strafbare Handlung anzuwenden 
ist und welche auch die fiir dieselbe bemessbare Strafe enthält: 
c) ausserdem, — wenn von einer strafbaren Handlung gegen das Ver- 
mögen die Rede ist, - - der wirkliche Schaden oder jene Schadens- 
summe, welche der Verbrecher verursachen wollte. Die als Basis der 
Ausliefei'ung dienenden Dokumente sind dem Justizministerium in 
Original oder in legalisirter Kopie zu unterbreiten imd sofern dies 
möglich, mit der Persouenbesclireibuug des auszuliefernden Individuums 
• oder mit anderen die Feststellung der Identität ermöglichenden Daten 
zu instruiren. Diese Weisungen sind auch jenen Staaten gegenüber 
zu beachten, mit welchen kein Staats vertrag, sondern die Reziprozi- 
tätspraxis als Basis der gegenseitigen Auslieferung von Verbrechern 
dient. Jenen Staaten gegenüber, mit welchen ein Auslieferungsvertrag 
besteht, sind die Bestimmungen des betreflPeudon Staatsvertrags einzu- 
halten. 



Internationale Verträge. 261 



Internationale Terträge. 

1. Das 3. Heft des 15. Bandes (IL Serie), 1891, d,Nauveau Reeueü 
QSn&ral de Traüis ete, (Continuatian du Orand Becueil de O, Fr. 
de Martens) v, Felix Stoerk enthält u. A. den Wortlaut nachbezeich- 
neter Auslieferungsverträge: 

vom 21. September 1888 zwischen Bolivia imd Venezuela 

(8. 757 ff.): 
vom 16. April 1886 zwischen Bolivia und Peru (S. 766 ff.): 
vom 12. August 1886 zwischen Belgien und Argentinien 

(S. 736 ff.): 
vom 12. Oktober 1889 zwischen Dänemark und Spanien 

S. 792 ff.). 
Ferner sind dortselbst abgedruckt die Konsularverträge: 

zwischen Frankreich und der Dominikanischen Republik 

vom 25. Oktober 1882 (S. 831), und 
zwischen Bolivja und Venezuela vom 28. September 1883 

(8. 762). 

2. Neuere Verträge, betr. den Schutz des literarischen, 
künstlerischen oder gewerblichen Eigenthums: 

a. Erklärung zwischen Oesterreich-Ungarn und Brasilien 
vom 28. August 1886, den gegenseitigen Markenschutz betreffend 
[MartenS'Stoerk, Becueil etc. tom. 15 IL Ser. p. 598). 

b. Erklärung zwischen Frankreich und Bolivia vom 8. Sep- 
tember 1887, den Schutz des literarischen, künstlerischen und 
gewerblichen Eigenthums betr. {Journal officiel v. 1. Juli 1890, 
D. Handelsarchiv 1890 I S. 497). 

c. Uebereinkunft zwischen Oesterreich- Ungarn und Däne- 
mark vom 9. Febr. 1888, den gegenseitigen Schutz der Fabrik- 
and Handelsmarken betr. (Oest. R.G.B1. 1888 Nr. 86, Martens- 
Stoerk ibid. p. 717). 

3. Uebereinkunft zwischen Oesterreich -Ungarn und Luxem- 
burg vom 12. November 1888, zur Regelung der gegenseitigen Zu- 
lassung der beiderseitigen Angehörigen zur Rechts wo hlthat des 
Armenrechtes und derBefreiung von der Leistung der Cautio 
judicatum solvi (Oest. R.G.BL 1889 Nr. 131, Martens- Stoerk, ib. 
p. 718). 

4. Vertrag zwischen Oesterreich -Ungarn und Italien vom 
B. Juli 1890, betr. den gegenseitigen Schutz der Urheber von Werken 
der Literatur oder Kunst und der Rechtsnachfolger der Urheber 
(Oest. R.6.BL 1891 Nr. 4 S. 3): das Uebereinkommen mit Sardinien 
vom 22. Mai 1840 ist ausser Wirksamkeit getreten. 



262 



Internationale Verträge. 



5. Unterm 31. Juli 1889 wurde zwischen der k. k. Öster- 
reichischen und der k. sächsischen Regierung ein Uebereinkommen 
wegen Durchführung von Gefangenen durch die beiderseitigen Grenz- 
gebiete abgeschlossen (Oest. R.G.B1. 1889 Nr. 155, Mdriens-Stoerk, 
Recueil etc. Bd. 15 (ü. Ser.) S. 732). 

Die Sicherheitsmannschaften dürfen ausser der Begleitung und 
Bewachung der Gefangenen Amtshandlungen auf fremdem Staatsge- 
biete nicht vornehmen (§ 2). Wenn ein Gefangener die Flucht er- 
greift, so sind die begleitenden Sicherheitsmannschaften befugt^ den 
Flüchtling innerhalb des Grenzgebietes zu verfolgen, zu ergreifen und 
seiner Bestimmung zuzuführen. Im Falle der Ergreifung ist der 
nächsten Sicherheitsbehörde Anzeige zu machen. 

6. Freundschafts-, Handels- und Schiffahrts- Verträge: 

a) Handels- und Schiffahrtsvertrag zwischen Italien und der 
Dominikanischen Republik vom 18. Oktober 1886 nebst Znsatz- 
akte vom 5. Januar 1889 (MeistbegUnstigimgsvertrag) ; Oaxzeita uffidak 
vom 21. Aug. 1890, D. Handelsarchiv 1890 I S. 635. 

Enthält in Art. 16 ff. Vorschriften über gegenseitige Behandlung 
der Nachlässe von Angehörigen der beiden Länder und in Art. 22 
Bestimmungen über gegenseitige Vollstreckung der in Zivil- und Handels- 
sachen von den Gerichtshöfen eines der vertragschliessenden Theile er- 
gangenen Urtheile. 

b) Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen der Südafrika- 
nischen Republik und Oranjestaat vom 9. März 1889 (Staats- 
Courant der Südafr. Republik vom 27. März 1889; D. Handelsarchiv 
1890 I S. 745). 

c) Freundschafts-, Handels- und Auslieferungsvertrag 
zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Oranje- 
Frei Staat vom 22. Dezember 1871 (D. Handelsarchiv 1890 I 8. 739). 

Nach Art. 4 sind Streitfragen zwischen Personen, welche auf das 
Eigenthum eines Verstorbenen Anspruch erheben, gemäss den Gesetsen 
und durch die Richter des Landes zu entscheiden , in welchem das 
Eigenthum gelegen ist. 

Nach Art. 8 erfolgt die Auslieferung auf die seitens der diplo- 
matischen oder konsularischen Agenten gestellten Anträge wegen der 
in Art. 9 näher bezeichneten Verbrechen unter der Bedingung, dass 
die Thatsache des begangenen Verbrechens in solchem Masse feststeht, 
dass die Verhaftung und Ueberweisung des Verbrechers an die Gerichte 
erfolgen würde, wenn das Verbrechen in dem Lande begangen worden 
wäre, in welchem die beschuldigte Person betroffen wird. 



/ 



Vermischte Mittheilangeli. ^63 



Vermischte Mittheilungen. 

1. Inwiefern unterliegt der in Preussen befindliche Mo- 
biliarnachlass eines Erblassers^ welcher bei seinem Able- 
ben Ausländer (Nichtpreusse) war, der preussischen Erb- 
schaftssteuer? Urtheil des königl. Oberlandesgerichts Köln (I. Senat) 
vom 5. Februar 1889 '). 

Mitgetheilt von Herrn Landrichter Dr. Menzen in üechingen. 
Der am 28. Juli 1885 zu Mailand verstorbene M. M. ist 
nnter Anderen beerbt worden von L. M., Kaufmann zu Köln. Der 
preussische Fiskus beanspruchte von dem lediglich in beweglichem 
Vermögen bestehenden Nachlasse Erbschaftssteuer und hat dafilr eine 
Forderung des L. M. an den A. Schaafhausen'schen Bankverein in 
Höhe von 21500 Mark gepfändet. 

L. M. erhob gegen den Fiskus, vertreten durch die Provinz ial- 
Steuerdirektion zu Köln, Klage zum Landgerichte daselbst mit dem 
Antrage, zu erkennen, dass der Beklagte zur Erhebung von Erbschafts- 
steiier von dem Nachlasse nicht berechtigt sei, demgemäss die Pfän- 
dung aufzuheben. 

Das Landgericht sprach durch Urtheil vom 29. März 1888 der 
Klage zu, und die hiergegen eingelegte Berufung verwarf das Ober- 
landesgericht, soweit es hier interessirt, aus folgenden Gründen: 

Mit dem Landgerichte ist die Rechtsprechung des Reichsgerichts, 
welche insbesondere in dem Urtheile in Sachen Schuster gegen Fiskus 
vom 25. September 1884 auf eingehende Erörterung der Gesetzgebungs- 
verhandlungen begründet ist, beizutreten, dass nach den Bestimmungen 
des preussischen Erbschaftssteuergesetzes vom 30. Mai 1873 der in 
Preussen befindliche Nachlass eines Erblassers, welcher bei seinem 
Ableben Ausländer war, von der preussischen Erbschaftssteuer grund- 
sätzlich frei ist und derselben nur ausnahmsweise unterliegt im Falle 
des § 10 Absatz 2 daselbst, wenn in dem Staate, wohin dieser Nach- 
lass verabfolgt werden soll, nicht die gleiche Rücksicht hinsichtlich 
des Nachlasses diesseitiger Staatsangehöriger beobachtet wird'^). (Fol- 
gen Ausi^hrungen thatsächlicher Natur, aus denen hergeleitet wird, 
dass der Erblasser nach den Bestimmungen des Gesetzes vom 31. De- 
zember 1842 § 23 ziur Zeit seines Todes Ausländer gewesen sei.) 



1) Archiv für das Zivil- und Kriminalrecht der königl. preuss. Rhein- 
Provinz, 80. Band, Abtheilung I Seite 48. 

2) Durch Urtheil desselben Senates vom 1. April 1889 in Sachen eines 
anderen Erben, nämlich des zu Paris wohnenden Kaufmannes Gr. M. gegen 
den Steuerfiskus wurde erkannt, dass auch der nach Frankreich gehende 
Machlass eines im Auslande verstorbenen Fremden von der Erbschaftssteuer 
frei sei, sofern der Fremde bei seinem Ableben nicht in Frankreich effek- 
tiv domizilirt war, indem nach den einschlägigen gesetzlichen Bestim- 
mmigen unter gleichen Voraussetzungen auch in Frankreich Erbschaftssteuer 
nicht erhoben werde. 

Zeitaehiift f. intern. Privat- u. Strafrecht etc., Band 1. Jg 



264 



Vermischte Mittheilnngen. 



2. Die Frage des Beweises des ausländischen Rechts nach 
§ 33 des österreichischen bürgerlichen Gresetzbuches wird in einer Ab- 
handlung von Dr. Schwarz in Nr. 42 der österreichischen Gerichts- 
halle 1890 S. 357 besprochen. Referent gelangt zu dem Ergebniss. 
dass die Ansicht Ungern (1, 306) richtig sei, wonach Notorietät 
genügenden Beweis des ausländischen Rechts liefere, wenn dieselbe 
über die Behandlung der österreichischen Unterthanen im Auslände 
bestehe, ,,da in diesem Falle der Grundsatz gelte: jus novit juria und 
die Behandlung der österreichischen Staatsbürger im Auslande nicht 
iinter die Kategorie einer blossen Thatsache falle"^. Mit Rücksicht 
darauf wurde in einem konkreten Fall entschieden, „dass das Hof- 
dekret vom 23. Oktober 1801 Nr. 542 J.G.S. der Anwendimg eines, 
wenn auch von der Partei nicht erwiesenen, so doch allgemein be- 
kannten ausländischen Gesetzes oder Gewohnheitsrechts nicht entgegen- 
stehe " . (Ch'üneivald,) 

3. (Erbrechtliches aus dem Staate Minnesota. Mitgetheilt vom 
Herrn Geheimen Jnstizrath Stegemann in Celle.) Die auf eineKanf- 
geldschuld belangte Beklagte Witwe I). H. Dreessen, welche bis dahin 
im Grebiete des preussischen Landrechts gelebt hatte, war im Laufe 
des Prozesses mit ihrer Tochter, der Ehefrau Martje Dreessen geb. Dreessen 
nach Manteville im Staate Minnesota ausgewandert und daselbst am 
10. April 1886 verstorben. Das in Folge dieses Todes ausgesetzte 
Verfahren wurde von dem Kläger gegen die Tochter aufgenommen, in- 
dem der Kläger behauptete, dass sie die ihr deferirte Erbschaft ihi^ 
Mutter nicht ausgeschlagen, auch nicht mit Vorbehalt angetreten, viel- 
mehr sich als Intestaterbin ihrer Mutter in den Besitz des beweglichen 
Nachlasses gesetzt und • darüber verfügt, jedenfalls denselben be- 
nutzt habe. 

Die Ehefrau Dreessen bestritt ihre Verpflichtung zur Aufiiahme 
des Prozesses. Das Gericht erbat sich hierauf vom Justizmiaister die 
Erwirkung eines Rechtsgutachtens von einem angeseheneu Rechtsan^ 
walt in Minnesota und erlangte das nachfolgend Mitgetheilte: 

„In der von dem königlichen Oberlandesgericht in Celle, Deutsch- 
land, anhängigen Prozesssache — folgt das Rubrum — verlangt das 
genannte königliche Oberlandesgericht ein Rechtsgutachten über fol- 
gende Frage, nämlich: 

ob nach den Gesetzen von Minnesota die Beklagte, Ehefrau Martje 
Dreessen, geb. Dreessen, Erbin ihrer am 10. April 1886 zu Manteville, 
Minnesota, verstorbenen Mutter, der Witwe D. H. Dreessen, geworden ist 
und ob sie daher für die Bezahlung der Schulden ihrer besagten ver- 
storbenen Mutter haftbar ist in Anbetracht, dass sie 



Dagegen wurde in derselben Prozesssache ein von dem G. M. festellter 
Antrag auf Aufhebung einer vom Fiskus wegen der geforderten Erbschafts- 
steuer angelegten Pfändung wegen Unzulässigkeit des Rechtsweges zarttcÄ:- 
gewiesen. 



Vermischte Mittheilungen. 265 

1) die Erbschaft ihrer beBag:ten verstorbenen Mutter nicht aus- 
(irücklich ausgeschlagen hat: 

2) die Erbschaft ihrer genannten verstorbenen Mutter ohne Vor- 
behalt oder Beschränkung bezüglich ihrer Verpfliciitung, die Schulden 
ZQ bezahlen^ angetreten hat; 

3) sich als Erbin ihrer genannten verstorbeneu Mutter in den 
Besitz des Nachlasses gesetzt und darüber verfügt oder doch we- 
uigstens die Nachlassgegenstände benutzt hat. 

Die Antwort auf die gestellte Frage oder Fragen ist einfach : Nein. 

Im Staate Minnesota ist das bürgerliche Gesetz über die Ver- 
pflichtungen und Haftbarkeit der Erben nicht eingeführt^ sondern es 
bleibt durch statutarische Bestimmung das hinterlassene Eigenthum 
eiucr verstorbenen Person in erster Linie fiir die Schulden haftbar. 

Weder die Testaments- noch die gesetzlichen Erben gehen eine 
Verbindlichkeit bezüglich der Schulden ein über den Werth des Eigen- 
thums hinaus^ welches sie thatsächlich erhalten haben. 

Nach unseren Statuten würde es behufs Erlangung des im Besitz 
eines oder mehrerer Erben befindlichen Vermögens einer verstorbenen 
Person nöthig sein^ dass das Nachlassgericht auf den Antrag eines 
Gläubigers oder einer anderen an dem Nachlass interessirten Person 
einen Administrator bestellt^ dessen Pflicht es sein würde, den oder 
die betreffenden Erben, in deren Besitz sich solches Vermögen be- 
findet , zu zwingen 7 wenn es bewegliches (personal property) ist, das- 
selbe oder dessen Gregenwerth an den Administrator auszuliefern. 

Wenn der Nachlass indessen aus Grundeigenthum besteht ^ so 
könnte der Administrator beim Gerichte um die Erlaubniss einkommen, 
dasselbe behufs Bezahlung der Schulden zu verkaufen^ ohne Rücksicht 
darauf^ in wessen Namen der Besitztitel durch Uebertragung seitens 
des Erben übergegangen ist^ da ein derartiger Nachlass stets für die 
Zahlung der Schulden haftbar bleibt^ so lange bis eine völlige Regu- 
linmg des - Nachlasses stattgefunden hat. 

Die Absicht eines solchen Gesetzes ist klar; es gewährleistet den 
Gläubigern eine gleichmässige Vertheilung des Nachlassvermögens und 
rerhfitet eine Kumulirung von Klagen (mtUtiplicity of suits). 

Wir sind der Ansicht, dass nach den Gesetzen von Minnesota 
das bewegliche Eigenthum (personal property), welches von einem hier 
wohnhaften Erben ohne vorangegangene gehörige Regulimng in Besitz 
genommen ist, in erster Linie ^ir die Schulden haftet ^ die der Ver- 
storbene in diesem Staate kontrahirt hat, sowie für die im Auslande 
kontrahirten Schulden, welche in diesem Staate gehörig nachgewiesen 
worden sind, und dass die Erben im Auslande nicht zur Rechenschaft 
gezogen werden können für die im Auslande (therein) kontrahirten 
Schulden. 

Unter keinen Umständen haftet der Erbe für mehr als den Werth 
des von ihm aus dem Nachlass erhaltenen beweglichen Eigenthums. 

Den 5. April 1890. Brown & Schrader, Rechtsanwälte.'^ 

18* 



^ 



266 Vermischte Mittheilongen. 

Der Kläger stellte nuu den Antrags die Ehefrau Dreessen für 
verpflichtet zii erklären^ das Verfahren wieder aufisunehmen^ und sie 
nach dem Klagantrage zu verurtheilen; jedoch unter der Beschränkung, 
dass sie nicht weiter haftbar sei, als ihr Besitz von Nachlasssachen 
reicht. 

Das Oberlandesgericht wies jedoch durch Urtheil vom 3. Nov. 
1890 die Klage^ insoweit sie gegen die Ehefrau Dreessen als Bechts- 
nachfolgerin ihrer Mutter gerichtet ist^ ab, indem es aussprach: 

^^Nach dem Kechtsgutachten der Rechtsanwälte Brown & Schrader 
kennt das Recht des Staates Minnesota eine Haftung der heks 
in dem Sinne eines Eintritts in die volle Persönlichkeit des Ver- 
storbenen nicht ^ sondern lediglich^ falls sie Nachlasssachen be- 
sitzen ^ eine solche Haftung derselben, wie sie jedem Besitzer 
von Nachlasssachen obliegt.'^ 

4. (Justizreform in Japan.) In Japan haben lange, meh- 
rere Jahre dauernde Verhandlungen stattgefunden , laut welchen die 
Konsularjurisdiktion der europäischen und amerikanischen Mächte 
Über ihre Angehörigen aufzuhören hätte und gemischte, nämlieh 
von Ausländern und Eingeborenen besetzte Tribunale berufen ge- 
wesen wären, über die zivilisirten Fremden sowie in den Angelegen- 
heiten zwischen diesen Fremden und den Eingeborenen Recht zu 
^rechen. In Folge der letzten japanesischen Revolution ist jedoch 
dieses Projekt fallen gelassen worden, und das Bestreben der japane- 
sischen Regierung geht dahin, die fremden Regierungen zur Auflassung 
der Konsularjurisdiktion zu bewegen. Dies kann natürlich nur dann 
geschehen, wenn Japan durch entsprechende Gesetze und durch eine 
den heutigen Anforderungen des Rechtsstaates entsprechende Gerichts- 
verfassung eine Gewähr dafür bietet, dass die Justiz so wie in zivili- 
sirten Staaten eingerichtet wird. Die neuesten Reformen Japans be- 
wegen sich in dieser Richtung. Unlängst wurde ein Handelsgesetzbuch 
publizirt, welches am 1. Januar 1891 ins Leben tritt. Dasselbe zer- 
fällt in drei Bücher mit 32 Abschnitten und 1064 Paragraphen. 

Das erste Buch in 12 Abschnitten enthält den allgemeinen Theil, 
die Bestimmungen über Handelsverbindungen, Verträge, Wechsel- 
recht u. s. w. Das zweite Buch enthält in 9 Abschnitten Seerecht 
imd anderen Transport sowie Versicherungsrecht. Das dritte Buch 
handelt in 11 Abschnitten vom Konkurse. 

Gleichzeitig wurde auch eine Zivilprozessordnung publizirt, welche 
ebenfalls am 1. Januar ins Leben tritt. 

Nur theilweise kund gemacht wurde das noch nicht in allen Thei- 
len vollendete Zivilgesetzbuch, für welches der Geltungstermin auf den 
1. Januar 1893 anberaumt ist. Der Zivilcodex wird in fünf Bücher 
eingetheilt sein. Publizirt wurden das zweite über Obligationen, das 
dritte über die Erwerbung von Eigenthum mit Ausnahme der Ab- 
schnitte über Erbrecht, Schenkimg unter Lebenden und Ehevertrag. 
Fem er Mnirde publizirt das vierte Buch über Pfandrecht and über 



Vermischte Mittheilungen. 267 

dicherstelliing von Forderungen und das ftinfke Über Beweis und Ver- 
jährung. Es sind noch rückständig das erste Bucli und die erwähnten 
Theile des dritten. 

Das erste Buch hat vom Standpunkte des internationalen Privat- 
rechtes besonderes Interesse, weil es die Bestimmungen über Gresetzes- 
anwendung, über die Rechtsfähigkeit, die Staatsangehörigkeit, über Fa- 
milien- und Eherecht, Adoption, väterliche Gewalt und über den Zivil- 
stand enthalten wird. (Dr, A. Alexi.) 

5. Wegen Einleitung eines Strafverfahrens findet di- 
plomatische Intervention nicht statt. Eine ausländische Han- 
delsfirma, welche in Rnssland Geschäftsreisende hat, wendete sich an 
den diplomatischen Verti-eter ihres Heimathslandes, damit gegen einen 
ihrer Handelsreisenden, welcher nicht Rechnung legte, wehren Verun- 
treaung das Strafverfahren bei dem kompetenten russischen Gerichte 
eingeleitet werde. Das russische Ministerium des Aeussern hat erklärt, 
das8 in diesem Falle die diplomatische Intervention nicht stattfinden 
kann, indem die betreffende geschädigte Partei die Strafanzeige bei 
dem kompetenten Staatsanwälte eiuzm*eiclien hat, der darüber zu ent- 
scheiden benifen ist, ob Grund zur Einleitung des Strafverfahrens nach 
den russischen Gesetzen vorliegt oder nicht und dem entsprechend 
auch das Geeignete zu verfügen berufen ist. (Dr. A» AUxL^ 

6. lAuslieferungsrecht.) Die Regierung Grossbritanniens be- 
absichtigt eine Sammlung aller jener Gesetze imd Verordnungen an- 
zulegen, welche in den verschiedenen Staaten das Ausliefenmgsrecht 
regeln. Zu diesem Zwecke wurden die diplomatischen Vertreter Gross- 
hritanniens angewiesen, von den Regierungen, bei welchen sie akkre- 
ditirt sind, um Mittheihmg aller derjenigen gesetzlichen Vorschriften 
xn ersuchen, welche sich auf dan Auslieferungsrecht in den betreffen- 
den Staaten beziehen. (Dr, A. Alexis) 

7. Nach dem uns vorliegenden XII. Jahresbericht des Erdkunde- 
vereins in Metz (S. 53) hielt Herr Amtsgerichtsrath Grünewald dort- 
oelbst einen Vortrag über die Rechts sitteu und Recht sanschau- 
nngen der Urvölkerstämme Afrikas, zu welchem er das Material 
ans den Reisewerken^ Barth's, Brehm'sy Johnston's, MaUzan's, NaclUi- 
ga^8, Zöüer's, Bastian's, Wüson's und aus Post's afrikan. Jurisprudenz 
geschöpft und systematisch geordnet hat. Beleuchtet werden darin zu- 
nächst die gesellschaftlichen Bildimgen der Stämme nach dem ursprüng- 
lichen Mutterrechts-, dann nach dem weiter fortgeschrittenen Vater- 
rechtssystem. die Mischung und das theilweise Vorkommen beider bei 
den einzelnen Stämmen, endlich das Eltemrechtssystem, das sich nur 
hei den schon vom Islam oder Christenthum beeinflussten Stämmen ) 
findet. Daran schliesst sich die Darlegung der mannigfachen Entwick- 
hingen der geschlechtsgenossenschaftlichen Verbände und ihrer Schutz- 
bündnisse, der Gau- und Clangeuossenschaften, der Häuptlingschaften, 
ihrer Thronfolge, Würden und Rechte, der Volksversammlungen (Pa- 



208 Literaturberiohte. 

laver), der mehr oder minder schwachen Spuren einer Regierung (Ge- 
setzgebung, Rechtspflege und Vollzug) in bunter Gestaltung. 

Bezüglich der Bevölkerung der Stämme selbst sind die Verhält- 
nisse und Zustände bei den Adeligen, Freien, Hörigen und Sklaven, 
der Kasten und Stände sowie Geheimbünde berührt. Die Kriegs- 
hoheit nebst Art der Kriegführung ist berücksichtigt. Von den pri- 
vatrechtlichen Anschauungen der Stämme werden die Stellung der 
Weiber und Frauen in deren wunderlichen Erscheinungen, die mannig- 
fachen Formen der Eheverhältnisse, sowie die erbrechtlichen Grundsätze 
mitgetheilt. Auf dem Gebiete des Strafrechts und Strafprozesses wer- 
den die herrschenden Formen der Selbsthülfe, Blutrache, die Lebens- 
und Verstümmelungsstrafen, Friedloslcgungs- und Ehrenstrafeu, end- 
lich die mannigfachen gebräuchlichen Beweismittel, namentlich die viel- 
gestaltigen Ordalien geschildert. 



Literaturberichte. 

a) Büclieraiiseitreii. 

1. Contuzzi, JP, Francesco, La codificazione del diritto iniemazianaU 
privaio, commento agli articoli 6 — 12 disposiziani preliminari, ariieoU 
3 — 15 codice eivile, art. 58 codice dt commercio e relativif articoli 105, 
107, 941, 950 procedura civile. Napoli 1886, 8», 97. 
Diese Abhandlung war bestimmt, die italieniBche Uebersetzung von 
Durand'a Essai de droit international prive bei dem italienischen Publikum 
einzuführen und erschien sodann auch in einer Separatausgabe. Der Ver- 
fasser, Professor des Rechts an der Universität von Neapel, untersucht vor- 
erst die Frage, ob eine allgemeine Kodifikation des gesammten bürger- 
lichen Rechtes denkbar oder auch nur wünschbar sei und spricht sich in 
ablehnendem Sinne aus. Handelsrecht und Seerecht haben einen univer- 
sellen Karakter; eine einheitliche Regulirung dieser Materien ist daher 
nicht undenkbar ; dagegen müssen die Bestimmungen über Zivilstand, Hand- 
lungsfähigkeit, Familien- und Eigenthumsrecht dem Karakter der verschie- 
denen Länder sich anpassen und entziehen sich daher einer einheitlichen, 
universellen Kodifikation. Dagegen hält er es für nothwendig, dass sich die 
verschiedenen Staaten über die Grundsätze verständigen, nach welchen Kon- 
flikte der verschiedenen Gesetzgebungen entschieden werden sollen, und 
zu dem Behufe die nöthigen Staatsverträge abschliessen. Diese Verein- 
barungen sollten sich namentlich darauf beziehen, nach welcher Gesets- 
gebung nachstehende Fragen und Rechtsverhältnisse entschieden werden 
sollen und zu beurtheilen seien : Einfluss der Geburt und der Ehe auf die 
Staatsangehörigkeit; Wirkung des Verzichtes auf dieselbe und Erwerbung 
einer neuen auf Frau und Kinder, ob die Handlungsfähigkeit nach der 
Staatsangehörigkeit oder den Gesetzen des Wohnsitzes zu beurtheilen sei; 
die Wirkungen des Eheabschlusses auf das Vermögen der Ehegatten und 
die Legitimation voreheliöh geborener Kinder; Anerkennung unehelicher 
Kinder und Adoption; die Rechte an beweglichen und unbeweglichen 
Sachen; Erwerbung, Verlust und Verpfändung derselben; Bedeutung des 
Grundsatzes loctts regit actum; soll die Erbfolge als eine successio in Uni- 
versum jus behandelt oder nach dem Grundsatz verfahren werden: qitot 
territoria tot hereditates-, welche Gesetzgebung soll massgebend sein für 
die testamentarische imd die Intestaterbfolge sowie die Dispositionsbefug- 
niss des Erblassers, Fideikommisse u. s, w. ; welchen Gesetzen endlieh 



Bücheranzeigeu. 269 

aoHen Quaaikontrakte, Wechsel und Eonkurserklärungen unterliegen. Die 
Frage ist dabei keineswegs, wie diese Rechtsverhältnisse geregelt werden 
sollen, sondern nach welcher Gesetzgebung die in einem Lande entstan- 
deneu iii einem anderen zu beurtheilen seien. In einem dritten Abschnitte 
nun stellt der Verfasser die Forderungen zusammen, welche mit Bezug auf 
diese Verhältnisse von der Wissenschaft gestellt und von der italienischen 
Gesetzgebung und Rechtssprediung anerkannt worden sind, und von wel- 
chen er daher auch den Wunsch ausspricht, sie möchten durch interna- 
tionale Verträge sanktionirt werden. Dieser Abschnitt S. 15—57 ist der 
bedeutendste der ganzen Abhandlung, indem er kurz, vollständig und genau 
die Grundsätze erörtert und begründet, welche in Italien mit Bezug auf 
das internationale Privatrecht zur Anerkennung gelangt sind. Der folgende 
vierte Abschnitt hat das internationale Prozessrecht zum Gegenstande, 
namentlich die Gleichberechtigung Fremder und Einheimischer zur Kechts- 
verfolg^ng, die Kompetenz der Gerichte mit Bezug auf Auswärtige und 
die Vollziehung fremder Urtheile im Inlande und eigener Urtheile im Aus- 
lande. Die beiden folgenden Abschnitte handeln von den Wirkungen der 
Strafgesetze und der im Interesse der öffentlichen Sicherheit erlassenen, wo- 
bei ein Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden nicht gemacht 
werden kann, und von denjenigen der Prohibltivgesetze etc. Der siebente 
und letzte Abschnitt endlich ist der kritischen Besprechung einiger Ver- 
träge gewidmet, welche Italien mit anderen Mächten abgeschlossen hat. 
Die ganze Arbeit des Verfassers reiht sich würdig denjenigen an, durch 
welche die italienischen Gelehrten in neuerer Zeit die Wissenschaft des 
internationalen Privatrechtes bereichert haben. König. 

2* Coniuzzif B. Francesco. La Isationalitä e la Neutralizzazione nel 

diritto internazionale. Milano e Napoli 1668, 8^, 24. (Separatabdruck 

aus der Zeitschrift H Filangiert.) 
Der Verfasser erörtert in dieser Abhandlung die Rechtsstellung der neu- 
tralen und der neutralisirten Staaten gegenüber den übrigen, deren Handlungs- 
fähigkeit nicht beschränkt ist. Er unterscheidet zwischen der Neutralitä per- 
fetta e naturale und der imperfetta condizionale o determinata, je nachdem die 
Neutralität eine selbständig gewählte oder eine aufgezwungene ist. Letztere 
ist die Wirkung einer „dura necesaitä^^ welcher sich nur ein schwächerer Staat 
unterwirft, um schlimmeren Folgen zu entgehen. Ein solcher „stato neu- 
tralizzato^ geniesst nach Contuzzi ein Privilegium odiosum^ welches ihn von 
der Gemeinschaft der Übrigen Staaten trennt und ihm eine untergeordnete 
Stellung verschafft, welche ihn jedes politischen Einflusses beraubt. Der 
Verfasser malt sich aber dieselbe zu düster aus, wenn er sagt, in der societä 
internazionale erscheine ein solcher Staat „can un segno di egoiama mlla^ 
fronU^ con un marchio d'impotenza sul viso^. Nichts könne den Grundsätzen 
des öffentlichen Rechtes widersprechender sein, als eine solche kleinen 
Staaten von grossen gegen ihren Willen auferlegte Stellung, welche nichts 
anderes sei als ein Protektorat. Zu den Staaten nun, deren Neutralität von 
den Mächten garantirt worden ist, gehört auch die Schweiz ; allein sie selbst 
hatte die Garantie ihres Gebietes und ihrer Neutralität verlangt, von einem 
Schweizer, lAhtet de Rochetnont, rührt die Redaktion des Aktenstückes her 
und im allgemeinen Interesse wurde ihrem Begehren entsprochen. Das 
nsegno sulla fronte** und die „marchio d'impotenza sul viso'* haben sie nicht 
gehindert, ihre ganze politische Organisation in zeitgemässer Weise zu ver- 
ändern und zu kräftigen und sich die Achtung der grösseren Staaten zu 
erwerben. Mit Vorliebe werden ihr internationale Verkehrsinstitute zur 
Obhut anvertraut; eine grosse internationale Eisenbahn durchschneidet sie 
von Norden nach Süden, und im gegenwärtigen Augenblicke ist sie sogar 
von zwei Mächten zar Schiedsrichterin in nicht unerheblichen Streitigkeiten 
erkoren , wie früher in der Alabama-Streitsache. Was daher Contuzzi von 
der bedauerlichen Stellung der neutralisirten Staaten bemerkt hat, findet 



270 Literaturberichte. 

jedenfalls auf die Schweiz keine Anwendung. Hievon abgesehen werden 
die Rechte und Pflichten der neutralisirten Staaten gegenüber den anderen 
in Krieg und Frieden richtig geschildert, und was die Schweiz anbelangt, 
so stimmt Contuzzi in den meisten Punkten mit Prof. Hilty überein. Mit 
Recht macht sodann C. im Verlaufe seiner Abhandlung auf die Thatsache 
aufmerksam, dass trotz aller Friedensliebe und aller Friedensversicherangen 
die Militärausgaben der yerschiedenen Länder in stetem Wachsen begriffen 
seien, wodurch auch die neutralisirten Staaten zu erheblichen Mehrausgaben 
genöthigt werden. Als Beispiel fvÜiTt er Italien an, welches bei einer Ein- 
wohnerzahl von 30 Millionen ein Kriegsbudget von 300,000,000 Fr. auf- 
weise, während die Schweiz bei einer solchen von 2,600,000 Seelen ein 
solches von 20 Millionen besitze. Die von C. angefahrte Einwohnerzahl 
war für die Schweiz richtig im Jahre 1870, während sie nach der neuesten 
Zählung 3 Millionen aufweist ; auch die 20 Millionen Franken repräaentiren 
nur die Ausgaben des Bundes, lassen aber diejenigen der Kantone un- 
berücksichtigt. Rechnet man dieselben dazu, so stehen sich die Militär- 
ausgaben der Schweiz und diejenigen von Italien verhältnissmässig gleich, 
nämlich 10 Fr. per Kopf Die alte Maxime si vis pacem para bellum gelte 
daher noch immer, nur bezeichne es die gegenwärtige Richtung, dass Kraft 
und Stärke in den Dienst des Rechtes gestellt seien, und an Stelle der 
Behauptung, dass Ideen die Welt regieren, sei der Grundsatz getreten: 
dove non vi ha forza , non vi ha vita , ni reale ni ideale , und den besten 
Schutz gewähre daher immer noch eine gut organisirte eigene Militärmacht. 
Italien habe sein dolce far niente e la sua indifferenza per U armi in 
Knechtschaft gestürzt, und es würde verloren sein, wenn es seine Militar- 
ausgaben beschränken wollte. An einen ewigen Frieden glaubt C nicht, 
aber den Tag seines Anbruches würde er begrüssen und hofft, die nächste 
Generation werde wenigstens die Morgenröthe desselben erleben. Gegen- 
wärtig schweben noch zu viele von ihm namhaft gemachte Streitpunkte 
unerledigt in der Luft und erst nach deren Beseitigung könne Raum ge- 
wonnen werden für friedlichere Bestrebungen. Alsdann sei es auch mög- 
lich, zwar nicht die stehenden Heere aufzuheben, wohl aber durch ein wohl 
geordnetes Milizsystem mit beschränktem Dienste zu ersetzen; auch die 
Regierungen können alsdann ihre Streitigkeiten auf diplomatischem Wege 
erledigen und den Normalstand der Armeen vertraglich und obligatorisch 
herabsetzen. Dies führt nun den Verfasser auf die internationalen Schieds- 
gerichte als eine nothwendige Stütze der immerwährenden Neutralität, wobei 
er auf die bisher gemachten günstigenErfolge hinweist. Damit würde der 
Grund, politisch zwischen grossen und kleinen Staaten zu unterscheiden, 
dahinfallen. Von einer Durchführung im gegenwärtigen Augenblick kann 
nach C. schon deshalb keine Rede sein, weil der Begründung einer immer- 
währenden Neutralität ein europäischer Kongress vorausgehen müsste, 
welcher die Grundlagen einer neuen politischen Ordnung unter sorgfaltiger 
Berücksichtigung der Nationalitäten der verschiedenen Völker festzusetzen 
hätte. König. 

3. Contuzzi 9 P, Francesco. 11 conflitto Änglo - Portughese nelV Afriea- 

Australe dinanzi al diritto intertiazionale ad alla diplomazia europea. 

Firenze 1890, S», 34. 
Die Interessen, welche Italien in Afriea neuerdings verfolgt, lassen es 
natürlich erscheinen, dass die italienischen Gelehrten den Streitfragen, welche 
sich neuester Zeit dort entwickelt haben, ihre volle Aufmerksamkeit zu- 
wenden. Dahin gehört namentlich der seit einem Jahre ausgebrochene und 
zeitweise akut gewordene Streit zwischen England und Portugal mit Rück- 
sicht auf den Jumbo - Distrikt, welcher durch k. Dekret vom 7. Nov. 1889 
geschaffen worden ist. Derselbe bildet einen Theil des Mashonalandes, von 
welchem sowohl England als Portugal behaupten, es gehöre zu ihrer In- 
teressensphäre, und ob das Vorgehen Portugals berechtigt oder eine Ver- 



Bticheranzeigen. 271 

letzmig^ der englischen Interessen gewesen sei, bildet die Streitfrage. Ein 
Aufsatz im f,Lato Magazine and Review'^ spricht sich mit grosser Bestimmt- 
heit für das Recht Englands aus, während ein wahrscheinlich von Mognier 
herrührender in „Afrique explot'i et dviliai'^ das Recht auf Seiten Portugals 
findet, und da auch die Handelsinteressen einer englischen Gesellschaft ins 
Spiel kommen, so war eine etwas schwierige Abwickelung der Streitfrage 
voraussichtlich, und Vorsicht ist doppelt geboten. Contuzzi nimmt weder 
för die eine noch für die andere Regierung augenscheinlich Partei, sondern 
begnfigt sich damit, die Thatsachen wohlgeordnet mitzutheilen, welche den 
Streit herbeigeführt haben und einer rechtlichen Beurtheilung zu Grunde 
gelegt werden müssen. Er anerkennt die vielfachen Interessen, welche für 
die streitenden Parteien und die Zukunft eines Theiles des schwarzen Kon- 
tinentes auf dem Spiele stehen, und spricht sich daher für Berufung einer 
diplomatischen Konferenz für Ostafrika aus, um die vorliegende Streitfrage 
zu entscheiden und die Entstehung späterer zu verhüten. Der Streitfall 
bietet nach verschiedenen Seiten ein grosses juristisches Interesse dar, und 
Niemand wird die Abhandlung Contuzzt's ohne Befriedigung aus der Hand 
legen, allein das internationale Privatrecht ist bei diesen Verhandlungen 
so wenig betheiligt, dass auf ein Eintreten auf die einzelnen Streitpunkte 
und Argumente in dieser Zeitschrift Verzicht geleistet werden muss. 

König. 
d, ViUario de Ro8»i, 1) Studi di diritto intemazionale privato in rela- 

sione alla legge italiana, Livomo 1880, 8 ^, 207, f. ö. 
2) La Esecuzione delle Senienze e degli aiti esteri in Italia, 2* ed, Li- 
vomo 1890, 8 •, 401, /. 8. 
1. Das erstere der beiden Werke erschien bereits vor längerer Zeit, und 
da mir keine deutsche Besprechung bekannt geworden ist, so benutze ich 
gerne das Erscheinen des zweiten, grösseren Werkes, um auch die Erinnerung 
an das frühere aufzufrischen. Dasselbe ist kein Lehrbuch des internatio- 
nalen Privatrechtes, sondern enthält Studien über einzelne Fragen desselben 
mit Beziehung auf das italienische Recht. Von den sechs Abhandlungen, 
welche zu einem Bande vereinigt sind, hat die erste die Hypothek zum 
Gegenstande, welche sich auf einen auswärtigen Titel gründet: auf einen 
im Auslande abgeschlossenen Vertrag, ein auswärtiges Gesetz oder das 
ürtheil eines fremden Gerichtes. Stützt sich die Hypothek auf einen im 
Auslände geschlossenen Vertrag, so steht der Inskription in Italien kein 
Hindemiss entgegen, und es bedarf hiezu auch nur der Legalisation 
des Aktes, nicht aber eines richterlichen Urtheiles, denn die Gültigkeit 
des Vertrages und die Wirksamkeit der Hypothek hat nicht der Hypo- 
tbekenbewahrer zu prüfen, sondern das Gericnt, wenn vom Gläubiger das 
dingliehe Recht in Anspruch genommen und der Verkauf des Pfandes ver- 
langt wird, denn dadurch werden die Schranken des Privatrechtes über- 
schritten. Auf dem Gebiete des öffentlichen Rechtes aber hat der Richter 
zu prüfen, bevor er die Ausübung eines Rechtes gestattet. Geht dagegen 
der Gläubiger nicht selbst gegen den Pfandschuldner vor, sondern verlangt 
er nur im Konkurse desselben zur Theilnahme an der Vertheilung des 
Massevermögens zugelassen zu werden, dann können nach Bossi in der 
Praxis „varie eleganti auestioni^ entstehen, deren Prüfung und Erörterung 
Gegenstand der folgenden Kapitel ist. Eine Anweisung auf den Erlös des 
Pfandes kann nur unter der Bedingung erfolgen, dass der Titel von der 
kompetenten Behörde exekutorisch erklärt wird. Unter dieser Voraussetzung 
aber wird die Erklärung rückwirkend, und es werden Datum und Rang der 
Forderung nach dem Datum der Einschreibung beurtheilt. Beruht der Pfand- 
anspruch auf dem Gesetze, so ist zu unterscheiden, ob er neben dem Ge- 
setz noch auf einem Vertrage beruhe oder nicht, z. B. einem Ehekontrakt. 
Im ersteren Falle kann, gestützt auf den auswärts abgeschlossenen Vertrag, 
die Einschreibung der Hypothek ohne weiteres erfolgen, im letzteren da- 



272 Literaturberichte. 

gegen die Auslegung und die Tragweite des fremden Gesetzes nur Sache 
richterlicher Beurtheilung sein. lieber die Frage nun, ob eine auswärtige 
Frau eine gesetzliche Hypothek auf Liegenschaften des Mannes dflrfe ein- 
tragen lassen, welche in einem anderen Staate liegen, herrscht noch keine 
Uebereinstimmung zwischen Theorie und Praxis. In Frankreich wird theils 
einer Fremden die gesetzliche Hypothek auf die Güter ihres Mannes gar 
nicht zugestanden, oder nur unter gewissen Bedingungen z. B. des autori- 
sirten Domizils oder von Verträgen, oder der Reziprozität; Proplong und 
Pont nehmen sie unbeschränkt an. Die italienischen Juristen und Gerichte 
dagegen machen die Entscheidung davon abhängig, ob die gesetzliche 
Hypothek der Frau oder der Pupillen sowohl von der ausländischen als 
von der inländischen Gesetzgebung anerkannt sei oder nicht Diese Auf- 
fassung wird auch von den neueren französischen Schriftstellern, Despagnety 
Weiss und Milhaud getheilt Mit Bezug auf die gerichtliche Hypothek 
wird dagegen sowohl in Frankreich als in Italien eine Inskription ohne vor- 
herige Bewilligung des exequatur nicht zugelassen. Die zweite Abhandlung 
handelt del diritto di reciprocitä e dt rittorsione, bezieht aber hauptaächlich 
auf Art. 14 c. c. fr., wonach ein Fremder, welcher im Auslande mit einem 
Franzosen kontrahirt hat, von demselben vor die französischen Gerichte ge- 
laden werden kann mit Umgehung des ordentlichen Gerichtsstandes des 
Wohnsitzes. Gegen solche Urtheile kann nicht Retorsion zur Anwendung 
kommen, dagegen wird ihnen die Anerkennung versag^ und das exequatur 
verweigert. Die dritte sehr ausführliche Abhandlung S. 71 — 139 handelt 
von der rechtlichen Stellung der Fremden im Auslande, namentlich nach 
italienischem Recht. In derselben werden auch die Vormundschaft sowie 
Ehe und Scheidung nach den Grundsätzen des internationalen und italieni- 
schen Rechtes erörtert. Den Inbegriff der Formen, welche sich auf den 
Zivilstand, die Handlungsfähigkeit und nach italienischem Rechte auch die 
Familienrechte beziehen, bezeichnet mau mit dem Ausdruck Personalstatut, 
und macht alle diese Rechts Verhältnisse von der Gesetzgebung des Staates 
abhängig, welchem die Parteien angehören, Nationalitätsprinzip, im Gegen- 
satz zu derjenigen des Domiziles, welche noch vielfach als massgebend 
vertheidigt wird, und es in England und Amerika auch wirklich ist. In- 
dem der cod. civ. ital. dem Personalstatut auch die Familienrechte unter- 
wirft, geht er weiter als die meisten übrigen Gesetzgebungen und hat viel- 
fach eine scharfe Opposition gegen zu weit getriebene Berücksichtigung 
der Nationalität hervorgerufen. Den Italiener begleitet sein weit gehendes 
Personalstatut auch ins Ausland, und eine daselbst abgeschlossene Ehe ist 
nur unter der Bedingung in Italien gültig „die le condizioni essenziali twnio 
positive che negative prescritte dal nostro codice siano rigorosamente osser- 
vatae^ (S. 113). Eine zweite Bedingung der Anerkennung der Gültigkeit 
einer auswärts geschlossenen Ehe in Italien ist die Beobachtung der Formen, 
welche an dem Abschlussorte vorgeschrieben sind, und es ist die Ehe auch 
dann gültig, wenn diese Formen nicht die in Italien anerkannten sind. Mit 
Bezug auf die Scheidung macht ebenfalls die heimathliche Greaetz^^ebang 
Regel, und da der italienische c. c. die Ehe unzertrennlich erklärt, so hst 
auch ein auswärtiges Urtheil, wodurch die Scheidung italienischer Ehegatten 
ausgesprochen wird, in Italien keine Wirkung, und keiner der beiden ge- 
schiedenen Ehegatten könnte in Italien zu einem neuen Eheabschlusse zu- 
gelassen werden. Nachdem Bossi noch die im internationalen Verkehr von 
Italien beobachteten Grundsätze betreffend die Vormundsohaftspflege mit 
Rücksicht auf die abgeschlossenen Staats vertrage erörtert hat, geht er über 
zu den Fragen des internationalen Prozessrechtes und behandelt nament- 
lich die Vollziehung englischer Urtheile in Italien und italienischer Urtheile 
in Frankreich mit Inbegriff der Rogatorien. Die beiden letzten Abhand- 
lungen endlich, auf welche wir nicht weiter eintreten können, behandeln 
Fragen des Seerechtes und des Konkurses im internationalen Verkehr. 



Bttcheranzeigen. 273 

2. Das zweite in der Uebersohrift genannte Buch des nämlichen Ver- 
fassers erscheint in zweiter stark veränderter und ergänzter Auflage. Alle 
Vorzüge des zuerst besprochenen finden sich hier in erhöhtem Maasse wieder, 
klare systematische Darstellung, vollständige Sammlang, Beherrschung und 
Verarbeitung des Stoffes, welche kein Urtheil, kein Aktenstück und keine 
abweichende Ansicht unbeachtet lasst, eine sichere und von grosser Sach- 
kenntniss zeugende Kritik und eine schöne, elegante Sprache, welche auch 
den trockensten Stoff anziehend zu behandeln versteht. Rossi beginnt seine 
Abhandlung mit der Aufsuchung der allgemeinen Grundsätze, welche aus 
der Wissenschaft und der Logik sich mit Nothwendigkeit ergeben , und es 
enthSlt dieser einleitende Theil eine kritische Uebersicht der bisherigen 
Systeme und Grundsätze, welche theils in der Gesetzgebung und Recht- 
sprechung der verschiedenen Staaten, namentlich in -Frankreich, zur An- 
erkennung und Anwendung gekommen sind, theils in der Literatur be- 
achtenswerthe Vertreter gefunden haben. Nachdem diese Grundlage ge- 
funden ist, geht der Verfasser zu dem eigentlichen Gegenstand seiner Arbeit 
über, zu der italienischen Gesetzgebung, um auch hier zuerst die allgemeinen 
Grundsätze aufzusuchen, welche in derselben diese schwierige Materie be- 
herrschen. Das Urtheil muss von einer fremden gerichtlichen Behörde er- 
lassen sein, und als solche gilt ein Konsul nicht; es muss ferner exekutorisch 
sein im Lande, wo es ausgefällt worden ist, somit nicht der Berufung unter- 
liegen. Die verschiedenen Fälle, in denen Zweifel obwalten können, ob 
einem Entscheide die Vollziehbarkeit beizulegen sei oder nicht, werden an 
der Hand einer Reihe gerichtlicher Entscheidungen verschiedener Länder 
geprüft und sodann erörtert, auf welche Weise und durch welchen Richter 
ein Urtheil di deltbatione ausgewirkt werden könne. Daran schliesst sich 
der besondere Theil der Abhandlung, welchem die besonderen Fragen aus 
dem Gebiete des Zivil- und Handelsrechtes gewidmet sind, welche der 
Richter ins Auge zu fassen und die Einwendungen, welche gegen die Voll- 
ziehung erhoben werden können, und die er zu prüfen hat, bevor er die- 
selbe bewilligt und das exequatur ertheilt. Dabei werden die Staatsverträge, 
welche mit verschiedenen Staaten abgeschlossen worden sind und welche 
der Richter berücksichtigen muss, sowie die massgebenden gerichtlichen 
Entscheidungen überall in sorgfältige Erwägung gezogen. Da ein aus- 
wärtiges Urtheil nicht auf einseitiges Begehren einer Partei vollziehbar 
erklärt wird, sondern nur nach Anhörung derjenigen, gegen welche die 
Vollziehung gerichtet ist, und nach Prüfung ihrer Einwendungen, so werden 
nun in den Kapiteln 6 — 9 die hauptsächlichsten Einreden geprüft, welche 
gegen die Ertheilung des exequatur erhoben werden können, namentlich 
solche gegen die Kompetenz des auswärtigen Gerichtes oder Richtigkeit 
des fremden Urtheiles. In letzterer Beziehung wird anerkannt, dass das 
Gericht, von welchem das exequatur verlangt wird, kein Revisionshof sei 
und daher keine Befugniss habe, die materielle Richtigkeit des auswärtigen 
Urtheiles zu prüfen; mit Bezug auf die Kompetenz wird dagegen das 
Prüfungsrecht ausdrücklich vorbehalten mit Rücksicht auf die Gerichtsbar- 
keit des urtheilenden Richters, die streitige Frage zu entscheiden, somit 
mit Rücksicht auf seine Kompetenz ratione materiae. Eine fernere Ein- 
wendung, welche der Richter zu prüfen hat, bezieht sich auf die Gültig- 
keit der Vorladung der Parteien vor den auswärtigen Richter. Die Par- 
teien müssen das richterliche Gehör genossen haben und gehörig ge- 
laden worden sein. Die Streitfragen, welche hierüber entstanden sind, 
werden von Rossi sehr eingehend besprochen und meines Erachtens voll- 
kommen richtig entschieden. Eine dritte Einwendung beruht auf der Be- 
hauptung, dass der Inhalt des ausländischen Urtheiles dem öffentlichen 
Rechte des Inlandes zuwiderlaufe; das Gericht hat zu untersuchen: se la 
sentenza contenga disposiziofii contrarie alV ordine publica o al diritto publico 
interna nel regnOf Art. 941 cod, diproc, civüe. Das Urtheil kann gesetzlichen 



274 Literaturberichte. 

Verboten zuwiderlaufen, z. B. die Anerkennung eines unehelichen Rindes 
durch einen Italiener im Auslande, oder einer Adoption desselben im Wider- 
spruch mit dem cod. civile, oder es kann darin die ZurückfÜhrung einer 
Ehefrau in das eheliche Domizil manu militari vorgeschrieben sein. Der 
letzte Fall, namentlich Rössel c. Rössel, gab Anlass zu weitläufigen gericht- 
lichen Verhandlungen, wobei schliesslich anerkannt wurde, dass eine solche 
Verfügung dem öffentlichen Rechte nicht zuwiderlaufe. Die Widersprüche 
können sich aber auch beziehen auf Verfügungen über liegende Güter, Er- 
richtung von Fideikommissen, Belastung mit ewigen Renten etc. Für alle 
Entscheidungen werden die Beispiele mitgetheilt. Die folgenden Kapitel 10, 
11, 12 beziehen auf die Vollziehung von Entscheidungen in Konkurssachen, 
Arresten, Erbstreitigkeiten, Schadensersatzansprilchen und Scheidungs- 
sachen. Letztere können gegen eine in Italien domizilirte Partei nicht 
vollzogen werden, da das italienische Zivilgesetzbuch die Ehescheidung nicht 
zulässt. Der ganze Abschnitt über die Wirkungen eines ausländischen Aktes 
oder Urtheiles auf die Begründung eines dinglichen Pfandrechtes zu Gunsten 
der Frau und der Pupillen und die Möglichkeit, durch Inskription ein 
solches gestützt auf gerichtliches Urtheil oder einen Theilungs- oder Ver- 
äusseruDgsvertrag zu begründen, ist dem erstangezeigten Buche entnommen 
und bedarf daher keiner weiteren Erwähnung. In besonderen Kapiteln 
werden sodann die Fragen erörtert, welche mit der Exekution von Schieds- 
sprüchen zusammenhängen, und die Rechtsmittel gegen die Bewilligung der 
Vollziehung. Nachdem der Verfasser die Grundsätze des italienischen 
Rechtes mit Bezug auf den Gegenstand seiner Abhandlung dargelegt hat, 
widmet er den mit anderen Staaten abgeschlossenen Verträgen eine be- 
sondere Betrachtung und unterzieht dieselben mit Rücksicht auf die bis- 
herigen Ausführungen und Erfahrungen einer kritischen Beurtheilang, wo- 
bei die Fragen, welche streitig geworden sind und Anlass zu gerichtlichen 
Entscheidungen gegeben haben, einer umsichtigen Erörterung unterzogen 
werden, welche für eine allfallige Revision der Verträge beachtenswerthe 
Winke enthält. Schliesslich werden die gewonnenen allgemeinen Resultate 
in einem Vertragsprojekte zusammengefasst, welches bei künftigen Staats- 
verträgen über Vollziehung auswärtiger Urtheile als Vorbild dienen kann. 
Ein Exkurs über die Vollziehung auswärtiger Strafurtheile und die Be- 
strafung von im Auslande begangenen Verbrechen nach den Vorschriften 
des cod, pen» italiano schliesst die ganze Untersuchung würdig ab. Soll 
schliesslich noch etwas gesagt werden über die äussere Ausstattung des 
Buches, so kann dies nur etwas Lobendes und Anerkennendes sein, denn 
Druck und Papier sind schöner und eleganter als wir es sonst bei itiüieni- 
Bchen Büchern gewohnt sind, und freuen soll es mich, wenn das hierseits 
der Alpen über das Buch gefällte Urtheil jenseits der Alpen im giudino 
dt delAazione zu bestehen vermag. 

26. XU. 90. Kämg. 

'T. Coniuzzif F. !*• Diritto internazionale privato. Milano, Ulrico Hoepli, 
1890, 13^, 391, f. 3. 

Das Buch gehört zu der Sammlung kleiner Handbücher, welche von 
der Verlagshandlung Hoepli in Mailand herausgegeben wird, und zu welcher 
auch des nämlichen Gelehrten Handbücher über Diritto costituei(male und 
internazionale püblico gehören. Das Buch zerfällt in 10 Kapitel, von welchen 
das erste als Einleitung dient und das zweite S. 5 — 105 eine hiatoriBche 
Uebersicht der Lehre von dem internationalen Privatrechte oder der Kollision 
der Statuten enthält vom Alterthum durch das Mittelalter bis auf die 
neueste Zeit, wo durch die italienische Schule Mancini's das Prinzip der 
Nationalität in den Vordergrund gedrängt worden ist. Neue Resultate oder 
Gesichtspunkte sind in einem solchen Handbuche weder zu erwarten, noch 
treten solche hervor. Einigermasseu auffallen musste es aber doch, von 
Lainffs Introduction au droit international privi keine Erwähnung zu finden, 



i 



Bticheranzeigen. 275 

obgleich er für die Theorie der Statuten in der italienischen und der fran- 
s(toi8chen Schule theilweise neue Gesichtspunkte und von den bisherigen 
abweichende Ansichten eröffnet hat. Das 3. und 4. Kapitel bandeln von 
dem Inhalte und Umfange des internationalen Privatrechtes, seiner Ab- 
grenzung gegen das Gebiet des öffentlichen Rechtes und der Nothwendig- 
keit seiner Kodifikation. Da Contuzzi das Strafrecbt und das Prozessrecht 
dem öffentlichen Rechte zuweist, so werden beide in diesem Handbuch 
nicht besonders berücksichtigt. Das fOnfte Kapitel enthält einen Commen- 
tar zu den Artikeln 6 — 12 und führt den etwas sonderbaren Titel: La 
imuiativa preso dallo Stato italiano nella codificazione del Diritto inter- 
nasionale Privaio. Die Initiative besteht nur in der Aufstellung der keines- 
wegs allgemein anerkannten Grundsätze der italienischen Schule in den 
erw&hnten Artikeln und in der Durchführung des Nationalitätsprinzipes. 
Allein Contwsei geht zu weit, wenn er aus der unbedingten Zustimmung 
Laurents auch auf diejenige aller, oder wenigstens der Mehrzahl der nicht 
italienischen Juristen glaubt schliessen zu dürfen, und sein betsta citare fra 
tutti il Laurent ist nicht zutreffend; vielmdir muas die italienische Natio- 
nalitatentheorie noch einen langen Weg machen, bevor von einer Ein- 
stimmigkeit der nicht italienischen Juristen im Ernste gesprochen werden 
kann. In dem folgenden, sechsten, Kapitel werden die übrigen Artikel des 
eod. civiU iial., des Handelsgesetzbuches und des Zivilprozesses mit Rück- 
sicht auf das internationale P.R. und dabei auch die Frage der Ehe- 
scheidung von Ausländern in Italien besprochen. Das ital. Zivilgesetz- 
buch lässt eine Scheidung italienischer Ehegatten in Italien nicht zu und 
anerkennt ein auswärts ausgefaUtes Ehescheidungsurtheil nicht, soweit 
es sich auf italienische Staatsbürger bezieht, wogegen die italienischen 
(Berichte kompetent sind, die Ehescheidung gegenüber Ausländern auszu- 
sprechen, deren Gesetzgebung eine solche zulässt. Nach Conttuizi liegt der 
Grund dieser etwas auffallenden Erscheinung darin, dass die Grundsätze 
des Heimathrechtes zur Anwendung kommen über die persönliche Handlungs- 
fähigkeit und somit nicht ein der eigenen Gesetzgebung widerstrebendes 
Recht anerkannt wird. In dem folgenden, siebenten, Kapitel wird die Frage 
dea Beweises und der Beweismittel mit Bezug auf das ausländische Recht 
erörtert. Im achten Kapitel macht der Verfasser den Leser mit den Yer- 
trSgen bekannt, welche Italien mit anderen Staaten bezüglich dieser Ver- 
hiütniBse abgeschlossen hat, mit Inbegriff der Auslieferungsverträge. In 
den bisherigen Kapiteln gelangt der grösste und wichtigste Theil des 
internationalen Privatrechtes zur Darstellung, soweit seine Anwendung nach 
der italienischen Gesetzgebung zu beurtheilen ist und den dortigen Ge- 
richten obliegt. Die beiden noch übrigen Kapitel gehören daher, streng 
genommen, nicht in eine Darstellung des internationalen Privatrechtes. 
Das neunte Kapitel schildert nämlich die Bemühungen Italiens, unter der 
Leitung MancitWs eine vertragliche Regelung der Fragen des internationalen 
P.R. unter den verschiedenen europäischen Staaten herbeizuführen, welche 
jedoch bis jetzt ohne das gewünschte Resultat geblieben sind, lieber die 
gepflogenen Verhandlungen wurde von Net^auer in der Zeitschrift für 
Handelsrecht XXXVI, 397 ff. ausführlich berichtet. An das letzte Kapitel 
endlich könnte man die Frage richten Die cur hie? da es von der Kodi- 
fikation des internationalen P.R. in den Staaten Südamerikas handelt und 
namentlich von dem Kongresse derselben in Lima. Einen besonderen Be- 
zug auf Italien haben diese Verhandlungen nicht und eine sorgfaltige Be- 
richterstattung über dieselben von Pradter-FodM findet sich in der JRevue 
de droU international XXI, 217 ff , 

Bern, 29. XH. 90. König, 

6. Jamea Loritner. Studiea national and internationalf being oeeaaional 
leetures ddivered in the tlniveraity of Edingburgh 1864— 1869^ with bio- 
graphdeal notiees by B, Flint and Bolin Jaequemyns, Edingburgh. 
W. Green and Sons, 1890^ 8^ J^91. 



1 



276 Literaturberichte. 

Larimer hatte eiDen Theil seiner juristischen und philosophischen Er- 
ziehung Deutschland zu verdanken. In Berlin war er Schüler TrendeUn" 
hurg*8 und in Bonn derjenige Dahlman^a gewesen, und nie hat er vergessen, 
was er diesen beiden Meistern schuldete. An der Hochschule von £din- 
burg vertrat er als Rechtslehrer eine philosophische Richtung und erwarb 
sich in kurzem als Lehrer und Schriftsteller einen Ruf, welcher weit fiber 
die Grenzen seines Vaterlandes hinausreichte. Uolin Jaequemyna widmete 
seinem philosophischen Systeme zwei gehaltvolle Artikel in der Revue de 
droit international Vol, 17 et 18 und Emest Nysa bearbeitete seine IneütuUs 
of the Lato of nations für französische Leser, indem er dieselben in etwas 
verkürzter Gestalt, aber ohne etwas Wesentliches wegzulassen, unter dem 
Titel: Frincipes de droit international im Jahr 1885 veröffentlichte. ZiOri- 
mer selbst anerkannte „Vargumentation est demeurie intaete, et la quintes- 
sence de la doctrine est reproduite avec une scrupuleuse fideliti*^. Seine erste 
Vorlesung widmete er jeweilen einer grossen Tagesfrage oder sonst einem 
Gegenstande von allgemeinem Interesse, um seine Zuhörer nicht gleich am 
ersten Tage in seine besondere Wissenschaft einzufahren, sondern ihren 
Blick auf höhere Ziele zu richten. So entstanden die Studies^ welche er 
noch selbst zum Drucke vorbereitete, deren Erscheinen er aber nicht mehr 
erloben sollte. Seinem Sohne war es vorbehalten, an die Ausgabe die letzte 
Hand zu legen und den Druck zu besorgen. Das von W, Green tit Sons 
schön und würdig ausgestattete und mit dem Porträt des Verstorbenen 
gezierte Buch enthält neunzehn Abhandlungen, welche als einleitende aka- 
demische Reden gehalten, und bereits in verschiedenen Zeitschriften — 
Juridical Bevieto, Law Magazine and JRevieto^ Law Quarterly Beview tt 
Journal of Jurisprudence — veröffentlicht worden waren. Dieselben sind 
naturgemäss sehr verschiedenen Inhalts; die einen beziehen sich auf das 
akademische Studium des Rechts, die Aufgabe einer Rechtsfakultät, das 
Verhältniss zwischen Jurisprudenz und Theologie (Nr. 1, 4, 17, 18, 19); 
andere haben einen mehr politischen Inhalt und wurden veranlasst durch 
wichtige Tagesereignisse, namentlich die Kriege von 1866 und 1870, die 
Alabama-Streitigkeit zwischen England und Nordamerika, die Neatrali- 
sirung von Konstantinopel zu internationalen Zwecken. Das Institut für 
Völkerrecht, welchem er von Anfang an angehörte, und die von ihm ver- 
folgten Zwecke bilden den Gegenstand der Reden 7 und 12. Die Land- 
frage in sozialer und politischer Beziehang wird in Nr. 13 behandelt nnd 
Home Bule wird wenigstens gestreift in Nr. 15 Gentralisation and Decen- 
trali8ation\ dem Kriegsreoht, namentlich der Behandlung von Kriegsge- 
fangenen und den Lehren des Korans in dieser Beziehung ist Nr. 11 ge- 
widmet, wozu dem Verfasser namentlich die Ermordung von Gefangenen 
im russisch-türkischen Kriege den unerfreulichen Anlass geboten hat. Das 
internationale Privatrecht lag Lorimer ferner und die Ausbeute seines 
hinterlassenen Buches kommt mehr der Philosophie des Rechts nnd dem 
Völkerrechte zu gut. 

29. Dez. 1890. KlM^. 

7. Alexander I^o^'ter Mo§*8e, Counsellor ofthe Supreme Courty Washmffitony 
Is there a Law of the Flag as distinct from the Law of the Port t» Be- 
spect to Merchant Vessels in foreign Waters? A study of inlematünud 
Law. (Separatabdruck aus dem Albany Law Journal November, 1. No- 
vember 1890.) 
Die Frage, ob und inwieweit ausländische Kauffahrteischiffe der Ge- 
richtsbarkeit des Hafens, in welchem sie sich vorübergehend aufhalten, be- 
ziehungsweise des denselben begreifenden Uferstaates, oder aber deijenigen 
des Heimathlandes für die Dauer ihrer Anwesenheit in dem ersteren unter- 
worfen sind, war und ist bis auf den heutigen Tag in Wissenschaft nnd 
Praxis des Völkerrechts sowohl für das Gebiet des Zivil- als anch für daa 
des Strafrechts streitig. 



Bücberanzeigen . 277 

Wilirend nämlich Heffter^ PhiUimorey Twiss und Hall die Ausschliess- 
lichkeit der Ortlichen Gerichtsbarkeit {loeal Jurisdiction) yerfechten, 
räumen angesehene Völkerrechtslehrer, wie Webster, Wheaton, Bluntschli, 
Ortolau, Calvo, Hallack, Dana, v. Bar, Negrin, Masse und Lawrence der 
Gerichtsbarkeit des Heimathstaates bald eine mit der „lokalen" konkur- 
rirende, bald eine ausschliessliche Bedeutung ein. Der Verfasser hat nun 
in dem oben betitelten Aufsatze in erschöpfender Zusammenstellung der 
verschiedenen auf diesem Gebiete zu Tage tretenden älteren Ansichten in 
Lehre und Rechtsprechung die hier in Rede stehende Streitfrage unter den 
beiden Gesichtspunkten : „Flaggen- oder Hafen recht ? '^ zusammengestellt 
und die sich daraus ergebenden Satze in Folgendem zusammengefasst: 

1) Hinsichtlich der Kauffahrteischiffe schliesst in Ermangelung vertrags- 
massiger oder gesetzlicher Bestimmungen, nach völkerrechtlichem 
Brauche, das Flaggenrecht das Hafenrecht ans. 

2) Unter Umständen greift die Gerichtsbarkeit nach Flaggen- und 
nach Hafen recht konknrrirend Platz. 

3) In einzelnen Fällen schliesst das Hafen- das Flaggenrecht aus. 

4) Zwischen einzelnen Staaten findet eine auf Gegenseitigkeit be- 
ruhende, bald vertragsmässige , bald gesetzliche Anwendung sowohl 
des einen als des anderen Prinzips statt. 

Die erste Klasse umfasst nach Morse alle Handlungen und Ereignisse, 
welche auf hoher See befindliche Kauffahrteischiffe betreffen, mit alleiniger 
Ausnahme des Seeraubes, in welchem die konkurrirende Gerichtsbarkeit 
(fioneurreni Jurisdiction) Platz greift ; ingleichen alle Verbrechen, mit Aus- 
schluss des Mordes oder anderer Kapitalverbrechen, begangen von Offizieren, 
Mannschaften und Passagieren an Bord des Schiffes, sofern die Ruhe des 
Hafenortes dadurch nicht beeinträchtigt wird. 

Die zweite EJasse umfasst die geringeren Vergeben, welche 
von Offizieren, Mannschaften und Passagieren begangen werden, bei welchen 
die Ruhe des Hafenortes nicht gefährdet ist und bei welchen Vorkomm- 
nissen, sei es aus Noth, sei es aus irgend einem anderen zureichenden 
Grande, das Flaggenrecht die Anwendung des Hafenrechts entweder ge- 
stattet oder selbst anruft. 

Die dritte Klasse umfasst den Mord und andere schwere, an Bord 
eines in fremdem Hafen befindlichen Kauffahrteischiffes von Offizieren, 
Mannschaften und Passagieren begangenen Verbrechen, welche den Frieden 
des Hafenorts stören oder gefährden; sowie alles dasjenige, was mit der 
Schiffahrts-, Hafen- und Sanitätspolizei im Zusammenhang steht, in welchen 
Fällen die Hafengerichtsbarkeit ausschliesslich massgebend ist. 

Zivilprozessualische Massregeln, insbesondere Arreste, abseiten der 
bierzn befugten Organe des Uferstaates sind innerhalb derjenigen Gebiete, 
welche der Gerichtsbarkeit der letzteren unterliegen, unbedenklich zulässig. 

Einige Autoritäten nehmen fremde Territorialgewässer passirende Kauf- 
fahrteischiffe, oder solche, welche infolge von Seestürmen in einen fremden 
Hafen verschlagen werden, von der Gerichtsbarkeit des Uferlandes ans. 

Der Verfasser gelangt zu diesem Ergebnisse auf Grund einer recht 
ansfOhrlichen, zum Theil unter wörtlicher Wiedergabe der betreffenden Aus- 
lassungen erfolgenden Zusammenstellung der Aussprüche der Rechtslehrer 
und Gerichtshöfe. Als Repräsentanten des Tenitorialprinzips (Hafen recht) 
zitirt er Hall {International Law 166—171, ed. 1880), welchem das von Webster, 
bei Gelegenheit einer amtlichen Korrespondenz mit Lord AsKburton im 
Jahre 1842 (betreffend den Fall des „ The CreoW) vertretene Flaggenprinzip 
(Gerichtsbarkeit des Heimathsstaates) entgegengesetzt wird. Der Verfasser 
Qtttersncht sodann die schwierige Frage, welcher Gerichtsbarkeit an der 
Kflste entlang fahrende Kau^ahrteischiffe („passing vessels") unterworfen 
sind, und stellt die Ansichten kontinentaler Juristen den in der englischen 
und amerikanischen Rechtsprechung zu Tage getretenen gegenüber. 



278 Literaturbericbte. 

Wie dies in der Natur der Sache begründet liegt ^ hat Herr Marse die 
ihm am nächsten liegende englische und nordamerikanische Theorie imd 
Praxis in erster Linie berücksichtigt, die kontinentale Literatur nur in- 
soweit, als sie von der ersteren reproduzirt wird. Hierher ist namentlich 
Ortölau und die altem Rechtssprüche französischer Gerichtshöfe, sowie yon 
den deutschen Rechtslehrern nur Heffter und v, Bar zu rechnen. Es sei 
daher noch heryorgehoben, dass die jetzt in Deutschland herrschende Theorie, 
in Betreff der Rechtsstellung der Kauffahrteischiffe in fremden Eigen- 
gewässern auf dem von Stoerk (Holtzendorff, Handbuch des Yölkerrechts 
Band ü S. 448 ff.) folgendermassen formnlirten Standpunkte steht: „In An- 
sehung aller rechtlich relevanten Lebensverhältnisse, hinsichtlich welcher 
weder die volle aktive und passive Gleichstellung der Fremden mit den 
Inländern, noch die Aufhebung besonderer, die Verhältnisse der Erstem 
betreffenden gesetzlichen Normen erfolgt ist, tritt im gesammten Staats- 
gebiete, somit auch in den Eigengewässern, die subsidiäre Wirksamkeit 
des heimathlichen Rechtes des fremden Schiffes ein.** 

Vergleicht man nun diese, gewiss nicht bedenkenfreie und für die prak- 
tische Anwendung keinen unfehlbaren Massstab darbietende Definition mit 
den von Herrn Morse als Ergebniss seiner Untersuchung zusammengestell- 
ten Sätzen, so tritt auf den ersten Blick der durchgreifende Unterschied 
zwischen englisch - amerikanischer Kasuistik und kontinentaler, von der 
französischen Doktrin beherrschter Systematik entgegen. Dort ein 
fast unbegrenzter Spielraum für die unberechenbaren Gestaltungen des 
Lebens, hier das Bestreben, nach einem die mannigfaltigen Erscheinungen 
einem einheitlichen Gesichtspunkte unterordnenden leitenden Rechtsge- 
danken. — Uebrigens fehlt es auch in Deutschland nicht an Anhängern 
der englisch-amerikanischen Auffassung. So v, Bar in seiner Theorie und 
Praxis des internationalen Privat rechts (Hannover 1889) Bd. II S. 185 ff. 
V. Bar erachtet die Opposition gegen die „lex fori*^ für um so begrfindeteT, 
als die modernen Prozessgesetzgebungen ihre „polypenartig" wirkende^ „oft 
zu einseitiger Begünstigung des einheimischen Klägers ausgedehnten und 
das natürliche Verhältniss der Streitsachen verkennenden, neue Gerichts- 
stände auch in Seesachen anzuwenden gebieten, ein Fehler, von welchem 
zwar das englisch- nordamerikanische Recht bis jetzt sich frei erhalten hat^ 
in den aber z. B. die deutsche Zivilprozessordnung , bis zu einem gewissen 
Grade die französische Gesetzgebung nachahmend, entschieden verfallen 
ist". Erwähnt sei hier auch der einstimmige Beschluss des Antwerpener 
Handelsrechts-Kongresses (1885) : „f'n cas de conflict des lots marUimeSj %l 
ne faut pas appliquer une rhgle ginirale, mais distinguer suivant les cos.* 
Auf diesem Standpunkt stehen auch der holländische Rechtslehrer Asser 
und der französische Lyon- Caen, sowie die Rechtsprechung des Reichs- 
oberhandelsgerichts (17. Bar a. a. 0. S. 187). Dagegen stellt Wagner a. a. 0. 
(S. 131 — 135) eine nur schwer zu widerlegende Präsumtion zu Gunsten der 
lex fori auf (cf. auch de Courcy, Quesiions de droit maritimes Bd. I S. 70 ff.; 
Wharton, A treatise on conflict of Law Bd. XI §§ 859 ff.). — Die äussere Ver- 
anlassung zu der vorstehend besprochenen Studie bot sich dem Herrn Morse 
in dem in der Presse vielbesprochenen Fall der Ermordung des (Generals 
Barmudia dar, eines Staatsangehörigen der Republik Guatemala durch 
guatemalaer Soldaten oder Polizeibeamte an Bord eines nordamerikanischen 
Kauffahrteischiffes. 

Der gelehrte Verfasser unterlässt es mit begreiflicher Zurückhaltung, 
seine Rechtsansicht über diesen, von den Gerichten noch nicht rechtskräftig 
entschiedenen Fall, dessen Einzelheiten noch nicht aufgeklärt seien, sn 
äussern. Es wird daher von Interesse sein, aus der Feder des Herrn Marse 
seiner Zeit zu erfahren, ob, beziehungsweise in welchem Umfange die von 
ihm gewonnenen Rechtssätze in dem Falle Barmudia, welcher weit fiber 
die Grenzen der neuen Welt hinaus das grösste Aufsehen erregt hat, anir 
Anwendung gelangt sind. J. Qcidschmidu 



Hüoheranzeigen. 279 

S^ Ihr. Mufen MusknU^ Gerichts- Assessor. Der yormundschaftliche Schutz 
der geistig oder körperlich gebrechlichen Personen. Nach dem Entwürfe 
eines bürgerlichen Gesetzbuches fttr das Deutsche Keich. Breslau 1889. 
PreusM dt Jünger, 

Die Abhandlung enthält zunächst eine kurze systematische Darstellung 
von Rechtsverhältnissen der geistig oder körperlich Gebrechlichen nach 
gemeinem und preussischem Rechte, sowie der entsprechenden Bestimmungen 
des Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich. 

Hieran schliesst sich eine Kritik der letzteren mit Reformvorschlägen. 

Der Verfasser versucht den Nachweis, dass der vormundschaftliche 
Schatz, welchen der Entwurf gewährt, einer Verstärkung, dass der Per- 
sonenkreis, auf welchen dieser Schutz sich erstreckt, einer Erweiterung und 
dass endlich der Einfluss der Vormundschaft auf die Geschäftsfähigkeit 
einer wesentlichen Umgestaltung bedarf. 

Insbesondere wird ein genügender Schutz der Geisteskranken vor Be- 
antragung der Entmündigung vermisst. 

Die nach § 1739 zulässige Anordnung einer Pflegschaft genüge 
nicht, da diese auf die Vermögensangelegenheiten beschränkt sei und sich 
nicht, wie die Vormundschaft, auf die körperliche Fürsorge erstrecke, 
währ^id gerade diese oft ein schleuniges von einem Antrage unabhängiges 
Eingreifen des Vormundschaftsrichters erfordere. 

Aach die Möglichkeit der vorläufigen Vormundschaft des § 1737 sei 
unsnlänglieh, da sie von einem Antrage abhänge, der unterbleiben könne. 

Ferner müsse die nur für Taube, Blinde und Stumme vorgesehene Er- 
klärung der Schatzbedürftigkeit des § 1727 und die dadurch her- 
beizuführende Vormundschaft auf körperlich Gebrechliche aller Art, sowie 
aaf die Geistesschwachen ausgedehnt werden, fUr die der Entwurf nur die 
Anordnung der lediglich das Vermögensinteresse wahrenden Pflegschaft er- 
mögliolie. 

Da aber nicht alle des Schutzes bedürftigen Gebrechlichen geschäfts- 
nnf^ihlg sind, so würde der Erklärung der Schutzbedürftigkeit eine Ein- 
wirkung auf die Geschäftsfähigkeit nicht eingeräumt werden dürfen. 

Der Verfasser bekämpft deshalb und aus andern Gründen auch den 
§ 71 des Entwurfes, indem er davon ausgeht, dass, wie überhaupt die Vor- 
mundschaft, so auch die durch jene Erklärung herbeigeführte ihrem Wesen 
nach nur ein Schutzmittel sei und nur Schutz bewirken solle. 

Der § 71, der die also Bevormundeten — sowie auch die vorläufig Be- 
vormundeten — in der Beschränkung der Geschäftsfähigkeit den Minder- 
jiUirigen über sieben Jahre gleichstelle (§ 65), sei daher unannehmbar. 

Die Aufhebung der Geschäftsfähigkeit oder die Beschränkung derselben 
will der Verfasser von dem Grunde der Bevormundung abhängig sein lassen, 
wie denn nach § 64 Geisteskranke wegen ihrer Geisteskrankheit geschäfts- 
nnfähig seien. — 

Darnach würde also bei Prüfung der Rechtswirksamkeit von Hand- 
langen Bevormundeter in jedem Einzelfalle auf die Ursache der Anordnung 
der Vormundschaft zurückzugehen sein. Der Bevormundete als solcher 
würde durchaus selbständig neben dem Vormunde disponiren können. — 

Dass die somit ermöglichten Kollisionen sehr entfernt lägen, wie der 
Verfasser meint, kann nicht zugegeben werden. 

losbesondere ist die Annahme, dass der Vormund bei seinen Rechts- 
bandlangen den Wünschen und Intentionen seines Mündels, welche derselbe 
in geschäftsfähigem Zustande äussert, Rechnung zu tragen habe, nicht ohne 
Weiteres zutreffend. 

Dem gegenüber verdient die gesetzliche Regelung des Entwurfes, nach 
welcher die Erklärung der Schutzbedürftigkeit und Anordnung vorläufiger 
Vormancbchaft die Beschränkung der Geschäftsfähigkeit zur Folge hat, wie 
die Entmündigung wegen Geisteskrankheit die Geschäftsunfähigkeit, schon 

2i«it8Chrift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. \^ 



280 Literaturberichre. 

im Interesse der Sicherheit des geschäftlichen Verkehres aobedingt den 
Vorzug. 

Wenn es sich dabei nicht empfiehlt, die Erklämng der Schntzbedfirftig- 
keit des § 1727 mit ihren gesetzlichen Rechtsfolgen aaf Gebrechliche aller 
Art auszudehnen, so ist doch die Anrege, die staatliche Fürsorge fttr die- 
selben, sowie für die vorläufig Bevormundeten auch auf ihre persönlichen 
Verhältnisse zu erstrecken, beachtenswerth. 

Derselben dürfte aber in einfacher Weise durch Erweiterung einerseits 
der vorläufigen Vormundschaft und anderseits der Pflegschaft Rechnung 
getragen werden können. 

Vergl. z. B. Lübeckische Vormundschaftsordnung § 91 ff. 
Leipzig. Dr, DeUs. 

9, Ih\ Eugen Muskat^ Gerichts- Assessor. Das zukünftige Deutsche Zivil- 
recht. Allgemeiner Theil. Breslau 1890. Preuas dt Jünger. 

Der Verfasser giebt eine kurz gehaltene übersichtliche Darstellung der 
allgemeinen Grundsätze des Zivilrechtes nach dem Entwürfe eines bürger- 
lichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich und des Einführungsgesetxes 
zu demselben unter Verwerthung seiner Motive zur Auslegung der einzel- 
nen Vorschriften. 

Die Systematisirung wird erschwert durch die den ganzen Entwurf 
durchziehenden Verweisungen von einem Paragraphen auf andere und von 
diesen wiederum auf fernere. 

Um so mehr verdient die vorliegende Arbeit als Beitrag zum Verständ- 
nisse des Gesetzeswerkes Anerkennung. 

Der die Entwickelung des Themas bisweilen allzusehr abkürzende Text 
wird ergänzt durch ein reiches Material an Verweisungen auf den Entwurf 
und die Motive. 

Kritische Bemerkungen sind nicht gegeben. 

Allein das Gebotene regt ebensowohl zur Kritik wie zum Studium des 
Entwurfes an. 

Leipzig. Dr, Deiss, 

10. JDie schweizerischen Sirafgeseizbilcher, zur Vergleichung zusammen- 
gestellt und im Auftrage des Bundesraths herausgegeben von Carl Stoan. 
Basel u. Genf, Kommissionsverlag von H. Georg. 1890. 

Schon seit mehreren Jahren besteht der Plan, statt der dermalen noch 
bestehenden Zersplitterung des Strafrechts in den einzelnen kantonalen 
Gesetzgebungen ein einheitliches eidgenössisches Strafgesetzbuch zu schaffen. 
Mit den Vorarbeiten hiezu hat das eidgenössische Justizdepartement bereits 
im Jahre 1889 den um das Schweizerische Recht hochverdienten Heraus- 
geber der Zeitschrift für Schweizer Strafrecht beauftragt. Der Bundesratfa 
hatte eine Vergleichung der verschiedenen Gesetzgebungen unter Hervor- 
hebung desjenigen, worin sie miteinander übereinstimmen, und desjenigen, 
worin sie von einander abweichen, als eine Hauptaufgabe der Vorarbeiten 
far die Vereinheitlichung des schweizerischen Strafrechts bezeichnet Ver- 
schiedene, insbesondere in dem Reichthum des Gesetzesstoffes begründete 
Erwägungen und insbesondere die besondere Bedeutung, welche dem Straf- 
gesetzesworte zukommt, führten dazu, nicht eine umschreibende Zu- 
sammenstellung der schweizerischen Strafgesetze, sondern eine systematisch 
geordnete Zusammenstellung der Gesetze selbst zu geben. Diese syste- 
matische Znsammenstellung der strafrechtlichen Gesetzestexte liegt 
nun hier vor. Die 867 Seiten enthaltende Arbeit, deren grosse Schwierig- 
keiten nur mit besonderem Geschick und mit grösster Sorgfalt überwunden 
werden konnten, wird neben ihrem eigentlichen Zwecke auch der Wissen- 
schaft und bei der naturgemässen Wechselwirkung, die zwischen Wissen- 
Schaft und Praxis besteht, auch der Praxis zu Gute kommen. Insbesondere 
werden ausländische Forscher und Praktiker bei der bisherigen Schwierig- 
keit, sich von der schweizerischen Strafgesetzgebung Kenntniss zu ver- 
schaffen, besonderen Gewinn aus dem vorliegenden Werke ziehen. B, 



l 



Bttcheranzeigen. 281 

Um Dtm JFV. MeUif ordentl. Professor an der Universität Zürich, Asaocü 
de VInstüut de droit international^ advocat etc. 

1. Die Kodifikation des internationalen Zivi]- und Handelsrechts. Eine 
Materialiensammlang. Leipzig, Duncker & Humblot, 1891. 

2. Gutachten und Gesetzesvorschlag , betreffend die Errichtung einer 
eidgenössischen Rechtsschule. Im Auftrage des schweizerischen 
Departements des Innern ausgearbeitet. Züricn, OrellFttssli&Co., 1890. 

Dr, Meili, Professor für das internationale Privatrecht und für ver- 
gleichendes Recht an der Universität Zürich, der Verfasser des unsere 
Zeitschrift eröffnenden geistvollen Aufsatzes über die Doktrin des inter- 
nationalen Privatrechts (is. Heft 1 S. 1 ff. u. oben S. 135) hat in obigem 
ersteren Werkchen die positiven Normen des internationalen Zivil- und 
Handelsrechts gesammelt und hiemit eine wichtige Grundlage für das 
Stadium des internationalen Rechts geliefert, zugleich aber in anerkennens- 
werther Weise für das Bedürfniss der Praxis gesorgt. Die Einleitung ent- 
hält eine vollständige Literatur Übersicht. Im ersten Theile werden die 
bestehenden positiven Gesetzesnormen unter Berücksichtigung der von 
einzelnen Regierungei\ eingebrachten Gesetzentwürfe unter besonderer 
Anführung der bezüglichen Literatur gegeben. Der zweite Theil bringt 
die privaten Gesetzes vorschlage von Momnuten und von Domin-PetrushevecZj 
der dritte die drei Yertragsprojekte der südamerikanischen Staaten über 
internationales Privatrecht aus den Jahren 1878 und 1889. Im vierten 
Theile sind die Bestimmungen der bestehenden Staatsverträge über Fragen 
des internationalen Erbrechts zusammengestellt. 

In der zweiten Schrift untersucht der Verfasser auf Veranlassung des 
eidg^enössischen Departements des Innern die Frage, ob die kantonalen 
Bildungsstätten die durch die Anforderungen des modernen Rechts gestellten 
Aufg'aben zu bewältigen im Stande seien und ob nicht der Bund durch 
Gründung einer eidgenössischen Rechtsschule helfend interveniren sollte. 
Der gelehrte Verfasser spricht seine Meinung, wie er in der Einleitung 
selbst sagt, frank und frei aus, ohne andere Rücksichten als diejenigen, 
welche Wahrheit und Ueberzeugung auferlegen. Der erste Theil ist der 
Erörterung der grossen Prinzipienfragen gewidmet. Im zweiten Theile 
werden die Bedenken gegen die schweizerische Rechtsschule und anderseits 
die besonderen Gründe für die Errichtung derselben dargelegt mit dem 
Sehlussresultate , L die Errichtung einer schweizerischen Rechtsschule ent- 
spreche einem wirklichen Bedürfiiisse und liege im Interesse der schwei- 
zerischen Rechtswissenschaft. II. Eine solche Anstalt wäre in hervor- 
ragender Weise dazu bestimmt, eine wissenschaftliche Eigenart zu reprä- 
seatiren durch die besondere und intensive Kultur 1. des internationalen 
Rechts und zwar a) des Völkerrechts und internationalen Verwaltungsrechts, 
b) des internationalen Privatrechts, c) speziell des Rechts der internationalen 
Bureaus; 2. der vergleichenden Rechtswissenschaft; 3. des modernen 
sozialen Rechts; 4. des modernen Rechts überhaupt. Der dritte Theil 
behandelt den Umfang der eidgenössischen Rechtsschule, die auch die 
Staatswissenschaften, also staatsrechtliche und staatswirthschaftliche Dis- 
ziplinen, umfassen soll. Der vierte Theil betrifft die Zusammenfassung der 
Lebrgegenstände. insbesondere die Behandlung des römischen Rechts als 
präjudizielle Vorfrage, welches Recht auch künftighin die Hauptgrundlage 
des Rechtsstudiums sein und bleiben soll, woran ein ft5rmliches Programm 
der einzelnen Lehrgegenstände der Rechtsschule angeschlossen wird. Der 
fünfte Theil enthält eine summarische Erörterung einzelner Detailfragen 
und der sechste Theil den Vorschlag eines Bundesgesetzes, betreffend die 
Errichtung einer eidgenössischen Rechtsschule. B. 

12. I>r, Mensen, Landrichter in Hechingen, Deutsche Auslieferungsverträge 

und das behufs Erwirkung von Auslieferungen zu beobachtende Verfahren. 

Paderborn, Ferdinand Schöningh, 1891. 

19* 



282 Literaturberichte, 

• 

In dem vorliegenden, zum praktischen Gebrauch für Staatsanwälte, 
Untersuchungsrichter, Amtsrichter, Rechtsanwälte und Polizeibehörden 
bestimmten Werkchen sind zunächst die in Preussen bestehenden Vor- 
schriften über das von den Justizbehörden behufs Erwirkung von Aus- 
lieferungen zu beobachtende Verfahren bezüglich der Auslieferungs- 
verträge des Deutschen ßeiches, des früheren Norddeutschen Bundes und 
Preussens (Just.M.Bl. 1889, nichtamtlicher Theil S. 8 if.) im Wortlaute wieder- 
gegeben. In den Noten sind sodann in einer für die Anwendung dieser 
Vorschriften sehr zweckdienlichen Weise alle hiezu bezüglichen Bestimmungen 
der Gesetze und Verordnungen des Reichs und von Preussen, sowie all- 
gemeine Justizministerialerlasse u. dgl. angeführt. Bei der Abtheilung 
„Besondere Bemerkitngen bezüglich einzelner Länder** sind in den Noten auch 
die desfallsigen Auslieferungsverträge zum Abdruck gebracht, welchen 
selbst wieder in besonderen Anmerkungen die hierauf bezüglichen instruk- 
tioneilen Vorschriften etc. beigegeben sind. Ausserdem sind auch die 
preussischen Bestimmungen über die im Auslande ausserhalb eines 
Festnahme- und Auslieferungsantrages zu erledigenden Requisitionen der 
Justizbehörden (Allg. Verf. des Preuss. Just.Min. vom 20. Mai 1887, Just.M.Bl. 
S. 139) wiedergegeben. Bezüglich der Auslieferungsverträge ausser- 
pren ssischer Bundesstaaten beschränkt sich der Verfasser lediglich auf 
eine Uebersicht der desfallsigen Verträge. 

Das Buch erfüllt seinen Zweck, insofern es dem preussischen 
Praktiker in übersichtlicher Zusammenstellung das gesammte in Aualiefe- 
rungsfragen und für Requisitionen im Auslande nothwendige Material behufs 
rascher und sicherer Orientirung an die Hand giebt B, 



b. Zeitsekriften. 

Revue p^'oHque tle droit inteimoHonal privS par M. JRenS ViticetU^ 

avec le concours et la collahoration de pltMteurs jurisconsultes fran^aü 
et Hrangersy 1890—1891, Paris, L. Larose dt Forcel, 22 rue Souffiot, 
1891. 

Diese im Anschlüsse an das „Dictionnaire de droit international privS'^ von 
Vincent und Fernand und in Fortsetzung der Ergänzungsbände desselben 
für 1889 und 1890 von Vincent herausgegebene, vom 1. Januar 1891 ab 
zweimonatlich erscheinende Zeitschrift für internationales Recht (Preis in 
Frankreich und den Kolonien 20 Frcs., im Auslande 21 Frcs.) verfolgt die 
Aufgabe, die französische und ausländische Rechtsprechung auf dem Ge- 
biete des internationalen Rechts, insbesondere über Fragen der Nationalität, 
der Rechtsstellung der Ausländer, Kollision der verschiedenen Gesetze mit- 
zutheilen, sodann aber auch wissenschaftliche Aufsätze, offizielle Erlasse 
sowie Mittheilungen über internationale Verträge n. dgl. m. zu bringen. 

Die vorliegende erste Nummer enthält denn auch eine stattliche An- 
zahl, hauptsächlich französischer Urtheile, welche zumeist mit Anmerkungen 
begleitet werden, femer einen Kommentar zum französisch-schweizerischen 
Staatsvertrag vom 15. Juni 1869, betr. die Zuständigkeit der Gerichte und 
die Zwangsvollstreckung auf dem Gebiete des Zivil-, Handels- und Prozess- 
rechts, eine Reihe von internationalen Verträgen, sowie amtliche Erlasse 
u. dgl. m. Bei der Reichhaltigkeit des Stoffes, insbesondere auf dem Ge- 
biete der Rechtssprechung, wird die Zeitschrift der Praxis, wie der Wissen- 
schaft, wesentliche Dienste leisten und darf es als ein Zeichen des 
vermehrten Interesses für die internationalen Rechtsverhältnisse betrachtet 
werden, dass neben den bereits bestehenden, bekanntermassen vorzüglich 
geleiteten: Journal du droit international privi von Clunet und Revue de 
droit international von Asser , Rivier u. A. zu gleicher Zeit eine weitere 
französische und unsere neue deutsche Zeitschrift für internationales 
Recht in's Leben gerufen worden. B. 



ZeitschrifteD. 283 

TiäMkrifi /or Metmfidenskab , udgivet af BestyreUm fot den Sian^she 
Stiftelse i Christiania; Ckrtstiania^ H. Aechehoug & Co, 

Unter vorstehendem Titel erscheint seit dem Jahre 1888 eine Zeitschrift, 
welche die Rechtswissenschaft der drei Reiche des germanischen Nordens 
fördern und zugleich deren Verbindung mit der ausländischen, znmftl 
deutschen Jurisprudenz aufrecht halten will. An deren Redaotion ist dem- 
^emäes je ein Theoretiker und Praktiker aus Dänemark (Professor Dr. 
C. Goos und Obergerichtsassessor Dr. N. Laseen in Kopenhagen), Schweden 
(Professor Dr. JB, Trygaer in Upsala und Revisionssekretär Dr. Ivan Af- 
teUua in Stockholm), und Norwegen (Professor Dr. Fr. Ha^erup und Höchste- 
geriehtsadvokat Johannes Bergh in Christiania) betheiligt, doch so dass 
Professor Hagerup die HauptredakÜon föhrt. Das ebenso zeitgemässe als 
gut geleitete Unternehmen wurde von mir bereits gleich bei seinem ersten 
Auftreten in der Kritischen Vierteljahresschriit fQr Gesetzgebung und 
Rechtswissenschaft, Bd. 80 S. 612—17 besprochen, und findet man ebenda 
Bd. 31 S. 618—19 und Bd. 32 S. 471—72 den Inhalt der beiden ersten Jähr- 
ige verzeichnet; ebenso hat Professor Dr. K, Lehmann in Rostock in 
GMsehmides Zeitschrift für das gesammte Handelsrecht, Bd. 35 S. 319—20, 
auf dasselbe aufmerksam gemacht und ist in Bd. 37 S. 589 — 90 nochmals 
darauf zurückgekommen. Indem ich bezüglich der beiden früheren Jahr- 
gänge auf diese Besprechungen verweise, bemerke ich, dass die bisher er- 
schienenen drei Hefte des dritten Jahrganges folgende grössere Abhand- 
lungen enthalten : C Torp, über Rechtsgeschäfte zu Gunsten Dritter (S. 1—60) : 
£. Olicecrona, über ZanardelUs Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches für 
das Königreich Italien und über die darin aufgenommenen Strafen (S. 61—101) ; 
Br, Morgenstieme, über das Ausbleiben des Beklagten in der ersten Instanz 
(S. 129— 55); E, V. Nordling, über die fortwährende Haftung des Bürgen 
f&r eine vom Hauptschuldner einmal eingelöste Schuld (S. 156—80) ; C. Üs- 
sing, die Uebertragung von Fahrhabe (S. 181—206) ; M, Werpeland, die ätt- 
leiding (S. 257—80), eine zuerst in deutscher Sprache erschienene Züricher 
Doktordissertation einer norwegischen Dame; 0. W. Staäl von Holstein, 
des neuen Gesetzgebungsausschusses Vorschlag eines Gesetzes über die 
gerichtliche Beweisführung (S. 281 — 326). Ausserdem werden aber auch 
noch üebersichten gegeben über die Gesetzgebung der nordischen Reiche 
(S. 102— 13); sowie über die juristische Literatur des Nordens (S. 114—27, 
207—20 und 327-36) und des Auslandes (S. 224— 46 und 338—42), Ver- 
seichnisse neuer Bücher (S. 127—28, 223, 336—37 und 347), sowie Verzeich- 
nisse über den Inhalt von Zeitschriften (S. 220—23 und 342—46), an welche 
Bich noch ein Verzeichniss der juristischen Literatur über die drei nor- 
dischen Reiche für das Jahr 1889 anreiht (S. 348—60), welche Dr. V, Secher 
in Kopenhagen nach demselben Plane abgefasst hat, welcher Ä. Aagesen^s 
einschlägiger Arbeit (1876) und seinen eigenen Fortsetzungen derselben für 
die Jahre 1876—83 und 1884—88 zu Grunde lag. Endlich kommen noch 
kleinere Mittheilungen zu erwähnen (S. 247—56 und 361—68), welche unter 
Anderen Nekrologe für jüngstverstorbene nordische und ausländische Juristen 
?on hervorragender Bedeutung bringen. 

Dem deutschen Juristen, soweit er der Kenntniss ausländischer Rechte 
bedarf y sind zumal auch diese legislativen und literarischen Üebersichten 
sehr zu empfehlen. 

Hünchen, den 15. Dezember 1890. Dr. K Maurer, 

Das inzwischen weiter erschienene 4. Heft der Tidaskrift for üeisviden' 
skab enthält: Stail von Holstein, Nya Lay beredningens förstag tili lag 
angaende bevisning införrätta; Storm, Bem<ierkninger til de i Norges gamie 
Love 5te Bind optagne oldnorsk-islandske Lovtexter; Morgenstierne, 
Hvorvidt bor Testaiionsfriheden begraenses til Fordel for Slaegtsarvinger, 
Oversigi over vigtigere fremmede Lave i 1889 und Mindre Meddelelser. 



284 Literaturberichte, b. Zeitschriften. 

The Law Quarterly Review ^ ed, hy Sir Frederick Polloek^ Bart^ M, Ä. 
L. L. D. Corpus Professor of Jurisprudence in the üniversity of Oa^ord, 
London^ Stevens and Sons. Vol. VII^ Nr. 25, January^ 1891 \ Chalmers, 
Trial hy Jury in civil cases; Barclay, the definition of general average; 
Millidge, Statutes of limitations and tnortgagees ; Mu rray, hankruptcy 
of partners; Maitland, Grueber, the decline of roman jurisprudence; 
Matthews, ought bills of sale to he aboUshed?; Shadwellj the natu- 
ralisation act 1870, s. 7. 

ItivUfta petUMle di dottrina, legislazione e giurisprudema, diretta da Lmgi 
Zucchini, prof ord. nelV Universitä di Bologna (Bologna), Ser. IIL, 
Novembre 1890 : Mortara, della Calunnia „per retorsionem'^ o „perexcep- 
tionem^ ; Barsanti, diritto transitoria; Castelbolognesi, VarttcoU 
866 del codice di commercio; Piccolo-Lipari, discordanse eleUoraUt 
concordanza interpretativa degli articoli 73 n 182, 197, 205 e 206 proe, 
penale in ordine dl reati di competenza pretoriale. 

Die Sjßruchproücis, Revue über die Rechtsprechung in den obersten In- 
stanzen der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder, unter 
Mitwirkung einer grösseren Anzahl Rechtsgelehrter und Geschäftsmänner. 
Herausgegeben von Dr. Anton Biehl, Advokat in Wr. Neustadt, im Selbst- 
verlag des Herausgebers, Vertretung im Buchhandel: Moritz Perles, Wien, 
hat mit dem am 1. Januar 1891 ausgegebenen Hefte den achten Jahr- 
gang begonnen. Dieselbe bringt Entscheidungen nach folgenden Ab- 
theilungen geordnet: L Verfassungsrecht (internationales Recht), IL Ver- 
waltungsrecht, HL Allg. materielles Privatrecht, IV. Sonder-Privatrecht 
(Handels- und Seerecht, Inhaberpapierrecht, Bergrecht), V. Offiziöses 
Verfahren, VI. Kontentiöses Verfahren, VII. Materielles Strafrecfat uod 
VIU. Strafprozessrecht. Erscheint in 6 Heften A 4 Bogen und kostet 
ganzjährig sammt Postzusendung 4 Frcs. 

Zeitschrift für Schweizer Strafrecht. Herausgegeben von Carl Stooss, 
Professor der Rechte in Bern. IH. Bd. 5. Heft: Türler, strafrechtliche 
Gutachten des geistlichen Konventes der Stadt Bern; Schenk, die Ver- 
brechermessung nach Bertillon; Picot, La nouvelle loi genoise sur le jury. 
6. Heft: Meyer, die Psychiatrie in ihrem Verhältnisse zum Strafrecfat 
und zu den Vorschlägen der internationalen kriminalistischen Vereinigung; 
Ladame, Congres international d^Anvers pour Vetude des questions relatives 
au patronage des detenus et ä la protection des enfants moralement 
abandonnis; Ladame, de la nicessite d'un examen anthropologique des 
enfants mis ä la Charge de Vautoriti publique. 

Zeitschrift für die gesatumte StrafrecJUswissenscJuift von Dr. v. Liszt, 
Dr. v. Lilienthal und Dr. Bennecke, XL Bd. 1. u. 2. Heft, 1891: Was- 
mann, der Thatbestand der Urkundenfälschung; Altsmann ^ die Zwangs- 
erziehung jugendlicher Verbrecher in Preussen ; Fuld, die Zwangseniehimg 
in ihrer prophylaktischen Bedeutung. Literaturberichte. Bibliographische 
Notizen. 



Der Gerichtsstand für Klagen gegen Ausländer nach 

österreichischem Rechte. 

Von 
l^r. Josef Bosenblatt , 

UniversitHtsprofessor nnd Rechtsanwalt in Krakan. 

Bei der gegenwärtig-en Ausdehnung des internationalen Verkehrs 
gehören Streitigkeiten zwischen In- und Ausländem nicht mehr zu 
den Seltenheiten^ und die Frage der Kompetenz der Gerichte für Kla- 
gen gegen Ausländer gewinnt immer mehr an Wichtigkeit und prak- 
tischer Bedeutung. Der Inländer entschliesst sich ungern dazU; den 
Ausländer vor dem ausländischen Gerichte zu klagen; er wird es stets 
vorziehen, wenn irgendwie möglich^ den Ausländer vor seinen (des 
Klägers) Gerichten zu belangen. In welchen Fällen ist dies nun aber 
möglich und zulässig? 

Dies ist die Frage; welche wir vom Standpunkte des Öster- 
reichischen Prozessrechtes darstellen und erörtern wollen. Es handelt 
sich hiebei eigentlich um Beantwortung zweier Fragen und zwar: 

I. der Frage: in welchen Fällen nach den Grundsätzen der 
österreichischen Prozessgesetze die österreichischen Gerichte für Kla- 
§oi^ S^S^^ Ausländer zuständig erklärt sind? und 

n. der Frage: in welchen Fällen das österreichische Prozess- 
recht die Zuständigkeit ausländischer Gerichte für Klagen gegen öster- 
reichische Unterthanen anerkennt? 

Die letzte Frage, die wir zuerst erörtern wollen, ist um so wich- 
tiger und praktischer, als das um die Vollstreckung des ausländischen 
Urtheiles angegangene inländische Gericht nach den Bestimmungen fast 
sämmtlicher neuerer Prozessgesetze ^) zu prüfen hat, ob das auslän- 
dische Grericht, dessen Urtheil vollstreckt werden soll, zur Fällung 
des Urtheils gegen den Inländer zuständig war. 

So ist bekanntlich nach § 661 Ziff. 3 der deutschen Zivilprozess- 
ordnung das VoUstreckungsurtheil nicht zu erlassen, wenn nach dem 
Bechte des über die Zulässigkeit der Zwangsvollstreckung urtheilen- 
den deutschen Richters die Gerichte desjenigen Staates nicht zu- 
ständig waren, welchem das ausländische Gericht angehört. 

Auch in Oesterreich wird zur Bewilligung der Exekution eines 
ausländischen Urtheiles nach den Hofdekreten vom 18. Mai 1792 Nr. 16 
und vom 15. Februar 1805 Nr. 711 d. Justizgesetzsammlung verlangt, 
yfdass der auswärtige Gerichtsstand zur Schöpfung des Urtheiles wider 
„den» hiesigen Unterthan berechtigt gewesen ist". — 

Nach welchem Rechte die Kompetenz des auswärtigen Gerichtes 
zu beurtheilen sei, wird im Gesetze nicht bestimmt, und es ist daher 
Au%abe der Theorie und Praxis, die Lücke auszufüllen. 

1) Siehe die Zusammenstellung derselben bei Constant: de Vexecution 
des jugemenis Hrangers dans les divers pays^ Paris 1883. 

Zeitschrift f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. 20 



286 Professor Dr. J. Rosenblatt in Krakau. 

Die hier zu erörternde Frage ist nun sowohl in der Theorie wie 
in unserer Praxis streitig und wollen wir daher der Wichtigkeit halber 
die Hauptansichten skizziren und a^uch unsere Ansicht in Kürze dar- 
stellen und begründen. 

Die zu besprechende Frage ist in der österreichischen Literatur 
zuerst von Holxgethan in einer Abhandlung „über die Vollstreckung 
auswärtiger Zivilurtheile im österreichischen Kaiserstaate" (veröffent- 
licht in der Zeitschrift für österreichische Rechtsgelehrsamkeit 1833, 
I; S. 103 ff.) näher erörtert worden. Der erwähnte Verfasser äussert 
sich namentlich hierüber in folgender Weise: 

„Die Zuständigkeit eines Gerichtes kann in zweifacher Beziehung 
,, betrachtet werden, und zwar sowohl in Hinsicht der streitenden Per- 
„sonen, als des Streitgegenstandes. Jede dieser Beziehungen muss bei 
„der Fällung des Urtheiles vom auswärtigen Richter beachtet worden 
„sein; allein derselbe wird hierbei nach den Gesetzen seines Landes 
„ vorgehen ; und an der Hand derselben und in G^mässheit der von 
„den Parteien vorgebrachten Thatumstände ein Urtheil gefüllt haben. 
„Sollte daher, um die Vollstreckung eines auswärtigen Urtheiles zu 
„erwirken, die Zuständigkeit in diesem Sinne ausser Zweifel gesetzt 
„werden, so ist es offenbar, dass man auf diese Art den grössten 
„Theil der Verhandlung reassumiren, die auswärtige richterliche Ent- 
„ Scheidung einer neuen Prüfung unterwerfen, und zum Grundsätze 
„der iranzösischen Gerichtsordnung gelangen würde, nach welcher die 
„Exekution nur nach vollbrachter neuerlichen Verhandlung ertheilt 
„wird. Dieser Sinn kann aber in der österreichischen Verordnung nicht 
„liegen, denn da, wie schon erwähnt wurde, unser Richter die aus- 
„ ländischen Gesetze zu kennen nicht verpflichtet ist, so würde ihm 
„hierdurch eine unmögliche Handlung auferlegt, bei welcher auch stets 
„die Gefahr vorhanden wäre, dass der ausgesprochene Grundsatz dar 
„Vollstreckbarkeit ausländischer Urtheile in der Wirklichkeit in den 
„meisten Fällen nicht bestehen würde. Es ist daher die Benr- 
„theilung der Zuständigkeit des Gerichtes ein zum Wir- 
„kungskreise des auswärtigen Richters gehöriger Gegen- 
„stand, der seine Ansicht durch die Fällung des Urtheiles selbst 
„ausgesprochen hat. Wenn aber nichtsdestoweniger vorgeschrieben 
„ist; dass die Kompetenz ausser Zweifel gesetzt werden soll, so kann 
„hienmter wohl nichts anderes gemeint sein, als dass ausser dem 
„Urtheile noch ein anderer Beweis dieser Kompetenz beige- 
„ bracht und daher mit dem blossen Vorliegen des Urtheiles sich 
„nicht begnügt werde. Die Art dieser Beweisführung ist in dem 
„Gesetze nicht bestimmt. Am natürlichsten scheint es wohl zu sein, 
„dass dieser Beweis dem österreichischen Richter dadurch verschafft 
„wird, wenn ihm die Prozessakten vorgelegt, zugleich aber gesetzliche 
„Deduktionen mitgetheilt werden, und er auf diese Art die eigene 
„Ueberzeugung sich verschaffen kann.^ 

Nach dieser Ansicht hätte also die gesetzliche Bedingung der 



Crerichtsstand für Klagen gegen Ausländer nach Österr. Hechte. 287 

Kompetenz des fremden Grerichtes nur die Bedeutung; dass sich das 
um die Vollstreckung des Urtheiles angegangene österreichische Ge- 
richt die Ueberzeugung verschaffen müsse^ dass das Erkenntnissgericht 
nach dem für dasselbe geltenden Bechte kompetent gewesen war. Eine 
besondere Verhandlung darüber resp. eine im Instanzenzuge anfecht- 
bare Entscheidung über die Kompetenz würde gar nicht Platz greifen. 

Vesque von Püttlingen (Handbuch des in Oesterreich-Üngarn gel- 
tenden internationalen Privatrechts 1878, S. 473) ist der Ansicht, 
d&ss der fremde Richter nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen 
in der Sache die Gerichtsbarkeit auszuüben kompetent gewesen sein 
müsse, worüber in zweifelhaften Fällen von ihm selbst oder von dem 
Exekutionsführer die erforderliche nähere Aufklärixng verlangt wer- 
den kann^). 

Die Ansicht wird jedoch nicht weiter begründet noch erörtert. 

Menger (System des österreichischen Zivilprozessrechts 1876, I, 
S. 178 ff.) meint, das Erfordemiss der Kompetenz des auswärtigen 
Gerichtes könne in dreifacher Weise aufgefasst werden. „Man kann 
„nämlich entweder blos verlangen, dass das auswärtige Gericht nach 
„dem Örtlichen Prozessrechte seines Landes kompetent gewesen sei, 
„oder dass es nach österreichischen Gesetzen die Zuständigkeit zur 
„Urtheilsschöpfung besessen habe, oder endlich, dass das Erkenntniss- 
„gericht nach allgemeinen, völkerrechtlichen Ghrundsätzen zurEntschei- 
„dung der Rechtssache befugt gewesen sei. Die erste Auffassung des 
„Erfordernisses der Zuständigkeit ist deshalb zu verwerfen, weil da- 
„durch die oft ausserordentlich drückenden und ungerechten Kompe- 
„tenzbestimmungen der auswärtigen Prozessrechte in ihrer Totalität 
„als f^ das österreichische Verfahren massgebend anerkannt würden. 
„Ebensowenig kann die Zuständigkeit des auswärtigen Gerichts nach 
„den österreichischen Gesetzen beurtheilt werden, weil die österreichi- 
„ sehen Kompetenzgesetze, wie diess in der Natur der Sache begründet 
„ist, die Österreichische Gerichtsverfassung zur Grundlage haben, folg- 
„licli zur Beurtheiltmg der Kompetenz eines auswärtigen Grerichts nur 
„mit sehr willkürlicher Abänderung benützt werden können. Die rich- 
„tige Ansicht ist also, dass jene Frage als eine internationale Rechts- 
„ frage zu betrachten und deshalb nicht nach dem positiven Prozess- 
„recht der betheiligtea Staaten resp. also nicht nach dem österreichi- 
„schen Gesetze, sondern nach allgemeinen völkerrechtlichen 
„Prinzipien zu beurtheilen sei." 

Diesbezüglich sei aber nur so viel unzweifelhaft, dass alle Ge- 
richtsstände, welche auf dem Wohnsitze beruhen, von den österreichi- 
schen Gerichten auch im internationalen Verkehre zu beachten sind. — 
EQebei mache es keinen Unterschied, ob der Rechtsstreit in Folge des 



2) Derselben Ansicht waren die alten Kommentatoren: Nippel in sei- 
nen Erläuterungen der allg. Gerichtsordnung 1845, II S. 162 und Wessely^ 
Handbuch 1846, I S. 441 Note. 

20* 



^ 



288 Professor Dr. J. Rosenblatt in Erakan. 

Wohnsitzes vor den ordentlichen Gerichten des auswärtigen Staates 
oder von einem besonderen^ z. B. dem Handelsgerichte^ in dessen 
Sprengel der Beklagte sein Domizil hatte, verhandelt worden ist^ denn 
nur die örtliche Verknüpfung eines Kechtsstreites mit dem Sprengel 
eines auswärtigen Gerichts (örtliche Kompetenz) habe der öster- 
reichische Richter vor der Vollziehung des Urtheiles zu prüfen; die 
Vertheilung der Bechtsstreite unter die verschiedenen Gerichte, welche 
einen bestimmten Sprengel beherrschen (sachliche Kompetenz) sei 
dagegen lediglich dem Ermessen des auswärtigen Staates überlassen. 

Als ein weiteres Forum, welches im internationalen Verkehre zu 
beachten sei, gilt nach Menger der Gerichtsstand der gelegenen Sache, 
jedoch nur so weit, als sich derselbe auf unbewegliche Sachen be- 
zieht. 

Mit diesen beiden Grerichtsständen des Wohnsitzes und der ge- 
legenen Sache hält aber Menger die Zahl der im internationalen Ver- 
kehre anzuerkennenden Gerichtsstände für abgeschlossen. Alle anderen 
Gerichtsstände, welche sonst als international bezeichnet werden, wie 
der Gerichtsstand des Arrestes, des Vertrages, der geführten Verwal- 
tung etc. seien vorherrschend positiver Natur und deshalb auch nicht 
allgemein anerkannt. 

Bar (Theorie und Praxis des internationalen Privatrechts 1889, 11 
S. 424 ff.), welcher bekanntlich auf demselben Standpunkte steht, be- 
kämpft insbesondere die Meinung, wonach das Gericht, von dem das 
Urtheil ausging, nach den Gesetzen desjenigen Staates kompetent sein 
muss, in welchem die Zwangsvollstreckung stattfinden soll, weil manche 
Gerichtsstände nur auf die Verhältnisse der inländischen Gerichte zu 
einander nach der Absicht des Gesetzgebers anzuwenden sind und bei 
weitgreifenden Kompetenzbestimmungen der einzelnen Staaten sehr 
häufig die Gerichte mehrerer Staaten in Ansehung eines und desselben 
Ausspruches zuständig sein würden. 

Richtig bemerkt Bar, dass die Ansicht, welche die Vollstreckung 
nur dann zulässt, wenn das Prozessgericht sowohl nach seinen Ge- 
setzen, wie nach denjenigen des Vollstreckungsgerichtes zulässig ist, 
praktisch von der ersten, wie oben bekämpften Ansicht nicht ver- 
schieden ist, denn das Prozessgericht hat, indem es entschied, auch 
seine Zuständigkeit angenommen; eine Nachprüfung aber der Kom- 
petenz des Prozessgerichts bei dem Vollstreckungsgerichte hätte kei- 
nen Sinn. 

Deshalb bleibt nach Ansicht Bar's nur übrig, die Kompetenz- 
gründe nach allgemeinen Grundsätzen des internationalen Rechts fest- 
zustellen. 

Die Ansicht Menger's theilt auch UUmann (das österreichische 
Zivilprozessrecht 1887 S. 663), indem er verlangt, dass über die 
sachliche Zuständigkeit des fremden Gerichts das fremde Recht ent- 
scheide, dagegen die örtliche Zuständigkeit nicht nach dem Prozess- 
gesetze des bezüglichen Staates und auch nicht nach den in Oesterreich 



Gerichtsstand für Klagen gegen Ausländer nach Österr. Rechte. 289 

gelteuden Kompetenzvorschriften ^ sondern nur nach völkerrechtlichen 
Grundsätzen beurtheilt werde. Diesbezüglich sei unbestritten anerkannt 
das forum domicilii und bezüglich Immobilien das forum rei sitae, 
mit Anfechtung angenommen das foru/m contractus , prorogatum und 
ddidi commissi. 

Eine Begründung dieser Ansicht gibt UWmann nicht. 

Canstein (Lehrbuch der Greschichte und Theorie des Österreich. 
Zivilprozessrechts 1882, II S. 776) vertritt endlich gegen Menger die 
Ansicht, dass die Kompetenz der fremden Gerichte, deren Urtheile in 
Oesterreich vollstreckt werden sollen, nach österreichischen Gesetzen 
zu beurtheilen sei. Eine Begründung der Ansicht fehlt auch bei 
Qinstein. 

Es sind somit bezüglich der streitigen Frage der Beurtheilung 
der Kompetenz des fremden Gerichts drei Ansichten in der öster- 
reichischen Literatur vertreten: 

1) Die Ansicht Holxgethan's , wonach die Kompetenz des aus- 
ländischen Gerichts eigentlich gar nicht zu überprüfen, sondern die- 
selbe auf Grund des Urtheils des ausländischen Gerichts als vorhan- 
den vorauszusetzen sei, eventuelle Bedenken aber nach ausländischem 
Rechte zu entscheiden wären; 

2) die Ansicht Vesqvs v. PütÜingen's ausführlich begründet von 
Menger und getheilt von Ulhiann, nach welcher die Kompetenz nach 
den Grundsätzen des internationalen Prozessrechts zu beurtheilen 
wäre; endlich 

3) die Ansicht Cansteins, dass die Kompetenz nur nach öster- 
reichischen Gesetzen zu beurtheilen sei. 

Die erste Ansicht, auf die wir noch unten zurückkommen werden, 
würde eigentlich das Recht und die Pflicht des österreichischen Rich- 
ters, die Kompetenz der fremden Gerichte zu prüfen, zu einer über- 
flüssigen Formalität machen imd die Prüfung selbst wäre eventuell nur 
eine zwecklose Verzögerung des Verfahrens. 

Die zweite Ansicht erscheint, abgesehen davon, dass im Gesetze 
gar kein Anhaltspunkt für dieselbe gegeben ist, für die Praxis schon 
aus dem Grunde unbrauchbar, weil eben, wie Menger, Ulimann und 
Bar selbst zugeben, die Grundsätze der Gerichtskompetenz im inter- 
nationalen Prozessrechte nicht allgemein festgestellt und anerkannt 
sind« daher die Praxis auf unsicherer Grundlage stets schwankend 
wäre und die Vollstreckbarkeit der Urtheile im Auslande nur selten 
mit Bestimmtheit erwartet werden könnte. 

Es bleibt daher unserer Meinung nach nur übrig, die Kompetenz 
der fremden Gerichte nach den Grxmdsätzen der österreichischen Ge- 
setze zu prüfen, diese Prüfung aber auf die örtliche Kompetenz zu 
beschränken, wie dies die deutsche Zivilprozessordnung im zitirten 
§661 Ziff. 8 bestimmt. Richtig bemerkt zur angeführten Bestimmung 
Wach (in seinem Handbuch des deutschen Zivilprozessr. I S. 232), 
dass es Zweck derselben ist, das Inland vor Uebergriffen ausländischer 



290 Professor Dr. J. Rosenblatt in Krakaii. 

Jurisdiktion in unserem Jurisdiktionsgebiet zu schützen^ und dass sich 
das Inland nicht dazu hergeben kann^ Urtheile des Auslandes zu ap- 
probiren und zu vollstrecken, welche die Usurpation einer unserer 
Gerichtsbarkeit unterworfenen Sache sind^). 

Die Gerichtsbarkeit des Auslandes kann somit nur durch die 
Kompetenzgrtlnde unseres Gesetzes normirt werden, weil nur in dem 
inländischen Recht die Grundlage Rir die Anerkennung der auslän- 
dischen Gerichtsbarkeit gefunden werden kann*). 

Mit Menger und U Umarm stimmen wir jedoch darin tiberein, dass 
die in den Hofdekreten vom 18. Mai 1792 und 15. Februar 1805 
angeordnete Prüfung der Kompetenz des auswärtigen Gerichts sich 
nur auf die örtliche, nicht auch auf die sachliche Zuständigkeit des 
fremden Gerichts bezieht, denn — sagt Wach treffend — ,,68 läge 
wenig ratio darin, dem ausländischen vom Ausland selbst respektirten 
voUkräftigen Urtheil die Anerkennung zu versagen, weil ein anderes 
ausländisches Gericht desselben Staates nach unserer Kompetenz- 
ordnung in der Sache hätte sprechen mtissen. Wir würden uns damit 
zum Wächter der fremden Kompetenzordnung aufwerfen und ihr eine 
grössere Sorge beilegen, als der ausländische Staat für nöthig hält" 

In einer unlängst in Grünhufs Zeitschrift für das Privat- und 
öffentliche Recht (Band XVm, 1890 S. 64 ff.) veröffentlichten Ab- 
handlung „über das Forum prorogaiu/m in der österreichischen Juris- 
diktionsnorm" vertheidigt Dr, Rudolf PoUak neuerdings die Ansicht, 
dass die Ueberprtifung der Kompetenz des ausländischen Richters nach 
ausländischem Rechte vorzunehmen sei. Die r^ratio legis^ fUr die 
Ueberprüfiing der Kompetenz — meint der zitirte VerfSasser — kann 
nur die sein, dass sich der österreichische Richter von der JSntschei- 
dungsfähigkeit des auswärtigen Gerichts überzeuge. Da nur unter zi- 
vilisirten Staaten Reziprozität geübt wird und man zur Gerichtsver- 
fassung derselben mit Recht das Vertrauen hegt, dass sie weder un- 
sinnige noch unsittliche Bestimmungen enthalten, verbleibt nur die 
Ueberprüfiing und diese kann natürlich nur nach dem ausländischen 
Rechte erfolgen. 

Dieses scheint uns denn doch nicht so natürlich zu sein, denn 
das auswärtige Gericht, welches das Urtheil gefallt hat, hat doch eo 
ipso seine Zuständigkeit nach seinen dafür geltenden Gesetzen aner- 
kannt; eine Ueberprüfimg dieser Kompetenz durch den inländischen 
Richter nach ausländischem Rechte wäre gewissermassen eine Appel- 
lation a melius informato ad pe^us informatum judicem und findet 
übrigens in dem Gesetze keine Stütze; es würde unserem Richter zu- 
gemuthet werden, die Bestimmungen des ausländischen Rechts, welches 
er zu kennen nicht verpflichtet ist, zu prüfen und in Anwendung zu 



3) Vgl. jedoch Bülowy Erläut. zu der Z.P.O. 1882 S. 482 Note 4 zu 
§ 661. 

4) Vgl. die Motive zur deutseben Z.P.O. und Wach a. a. 0. Note 39. 



Gerichtsstand für Klagen gegen Ausländer nach österr. Rechte. 291 

bringen, was aber eben mit der Bestimmung des zitirten HofdekretS; 
„dass der Richter nie nach anderen Gesetzen als nach jenen des Staates, 
wo er das Richteramt verwaltet, Recht zu ertheilen habe^^, in Wider- 
spruch stünde. 

Das Hofdekret vom 28. Mai 18B8 Justizgesetzsammlung Nr. 272, 
auf welches sich der Verfasser beruft, kann keineswegs die Ansicht 
des Verfassers unterstützen, denn dasselbe wurde auf Grund einer be- 
sonderen Vereinbarung mit dem Grossherzogthume Baden erlassen 
und galt eben nur bezüglich der Urtheile des Grossherzogtiiums Baden 
auf Grund gegenseitiger Vereinbarung. Uebrigens ist auch der Inhalt 
dieses Hofdekrets, welches später mit Ministerialverordnung vom 27. Juli 
1856 Nr. 136 R.G.B1. theilweise abgeändert worden ist, nicht danach, 
die Ansicht des Verfassers zu unterstützen, denn in demselben war 
zwar betreffs des Grossherzogthums Baden bestimmt, ,^daBS die Frage, 
ob das grossherzoglich baden' sehe Gericht, dessen Urtheil zum Voll- 
zuge gebracht werden soll, zur Entscheidung kompetent war, nach 
der dortigen Gresetzgebung zu beurtheilen sei", jedoch wurde gleich 
hinzugeftigt, dass diese Kompetenz in der Regel keiner noch- 
maligen Prüfung zu unterziehen, sondern die Entscheidung, welche 
das requirirende Gericht in dieser Beziehung ausdrücklich oder 
stillschweigend gegeben hat, als massgebend anzusehen sei. — 
Sollten sich gegen diese Entscheidung erhebliche Zweifel aufdringen 
oder von der Partei, gegen welche das Urtheil zum Vollzug kommen 
soll, vorgebracht werden, so hat das requirirte Gericht ohne eine 
Parteiverhandlung diesfalls anzuordnen, diese Zweifel dem 
reqnirirenden Gericht bekannt zu machen und dasselbe um Aufklärung 
anzugehen. Wenn die Aufklärung nicht genügend erschien, sei die 
Sache dem Obersten Grerichtshofe resp. dem Justizministerium vorzu- 
legen und dessen Verfügung abzuwarten. 

In Wirklichkeit fand also hier eine Ueberprüfung der Kompetenz 
des auswärtigen Gerichtes gar nicht statt, um so mehr als die Ur- 
theile unmittelbar über Ansuchen des urtheilenden Richters in Vollzug 
gesetzt wurden ; eine Part ei Verhandlung über die Kompetenzfrage, eine 
Entscheidung darüber durch das requirirte Gericht und eine Anfech- 
tung derselben im ordentlichen Instanzenzuge war ganz ausgeschlossen 
und nur ex officio konnten Aufklärungen verlangt werden. 

Das zitirte Hofdekret spricht somit nach der Regel exceptio fir- 
mat regulam eher gegen als für die von Polldk vertretene Ansicht. 

Was die fernerhin von Dr. Pollak a. a. O. in der Note 46 zitirte 
Entscheidung des Obersten Gerichtshofes Nr. 4455 der Sammlung an- 
belangt, so bekräftigt diese Entscheidimg keineswegs die erwähnte An- 
sicht, denn es ist in dieser Entscheidung vom 24. Januar 1872 Z. 612 
die Kompetenz des preussischen Gerichts eben nur in reziproker An- 
wendung des § 29 der österreichischen Jurisdiktionsnorm anerkannt 
worden, es ist also eben die Kompetenz des fremden Gerichts nicht 



292 ProfoBSor Dr. J. RoBenblatt in Krakau. 

im Grande des fremden Rechtes, sondern im Grunde der österreichi- 
schen JnrisdiktionsYorschriflten festgestellt worden. 

Dieses sind die Ansichten unserer Literatur in der in Bede 
stehenden Frage. 

Nun zu unserer Praxis tibergehend wollen wir gleich bemerken, 
dass dieselbe ebenfiftlls in der Beantwortung der in Bede stehenden 
Frage nicht konstant ist; — bald wird erkannt, dass nur das öster- 
reichische Gesetz massgebend sei, bald wird verlangt, dass das aus- 
wärtige Grericht sowohl nach dem ausländischen wie nach dem öster- 
reichischen Gesetz zur Fällung des in Bede stehenden Urtheils kom- 
petent gewesen sei, — bald werden aber auch allgemeine, völkerrecht- 
liche Geltung besitzende Gerichtsstände als entscheidend erklärt, oder 
es wird verlangt, dass die Kompetenz des fremden Gerichts nach den 
im Inlande bestehenden Gesetzen und nach den allgemein gel- 
tenden Prozessmaximen zu prüfen sei. 

Von den neueren in dieser Frage ergangenen Entscheidungen 
unseres Obersten Grerichtshofes seien hier folgende wichtigere erwähnt: 

Mit Entscheidung vom 6. August 1884 Z. 8782 (mitgetheilt in 
den Juristischen Blättern 1884 Nr. 18) wurde ausgesprochen, dass 
die Kompetenz des erkennenden deutschen Grerichts, dessen Urtheil 
vollstreckt werden soll, nach der österreichischen Jurisdik- 
tionsnorm zu beurtheilen sei und zugleich anerkannt, dass die Sub- 
mission des Beklagten im Sinne des § 48 der österreichischen Juris- 
diktionsnorm die Kompetenz des ausländischen Gerichts (forti/m pro- 
rogatum) begründe. 

Dass die Kompetenz des Erkenntnissgerichts, dessen Urtheil voll- 
streckt werden soll, nach österreichischem Bechte zu untersuchen und 
festzustellen sei, wurde ferner ausgesprochen in den Entscheidungen 
des Obersten Gerichtshofes vom 30. Januar 1884 Z. 765 und vom 
30. März 1886 Z. 3666 (Nr. 9870 resp. 10.981 der Olaser-Ühger' sehen 
Sammlung der Entscheidungen des obersten Gerichtshofes). 

In demselben Sinne wurde in der, im Verordnungsblatt des k. k. 
Justizministeriums vom Jahre 1888 sub Nr. 336 veröffentlichten, Ent- 
scheidung des Obersten Gerichtshofes vom 14. März 1888 Z. 3106 
mit Berufrmg auf die Bestimmungen der §§660 imd 661 der deutschen 
Z.P.O. die Zulässigkeit der Vollstreckung von Urtheilen preussischer 
Gerichte in Oesterreich ausgesprochen, weil für die Gegenseitigkeit 
blos mehr die §§ 660 und 661 der deutschen Z.P.O. massgebend 
sind und weil gemäss § 40 der österreichischen Jurisdiktions- 
norm im vorliegenden Falle die königlich preussischen Grerichte znr 
Fällung des zu vollstreckenden Urtheils zuständig waren. 

Der in der zitirten Entscheidung bezogene § 40 der österreichi- 
schen Jurisdiktionsnorm bestimmt, dass Streitigkeiten, welche mit einer 
anhängigen und noch nicht mittelst rechtskräftigen Endurtheiles ent- 
schiedenen Streitsache aus dem Grunde zusammenhängen, weil sie aus 
der nämlichen Thatsache entsprungen sind, bei dem nämlichen Gre- 



n 



Gerichtsstand f^r Klagen gegen Ausländer nach österr. Rechte. 293 

richte angebracht werden können^ bei welchem der erste Prozess ein- 
geleitet worden ist. 

Mit Entscheidung vom 18. Dezember 188B Z. 11.162 (mitge- 
theilt in der AUgem. österr. Gerichtszeitung ex 1884 Nr. 15 sub I) 
wurde das Begehren um Vollstreckung eines Urtheils des Pariser 
Handelsgerichts abgewiesen^ weil schon die erste Voraussetzung, 
d. i. die Kompetenz des ausländischen Richters, und zwar im gege- 
benen Falle die Zuständigkeit des Pariser Handelstribunals nicht zu- 
trifft. 

^Die Zuständigkeit könnte nur dann angenommen werden — wird 
vom Obergericht ausgeflihrt — wenn das französische Gericht nicht 
blos nach französischem Rechte, sondern auch nach den 
in Oesterreich geltenden Jurisdiktionsbestimmungen kom- 
petent gewesen wäre, oder wenn doch einer der im internatio- 
nalen Rechte allgemein anerkannten Gerichtsstände des Wohnsitzes, 
des Vertrages oder das forwm rei sitae vorliegen würde. 

Da aber keines der Fall ist und da das Pariser Handelsgericht 
weder nach einem der allgemeine völkerrechtliche Geltung besitzenden 
Gerichtsstände, noch auch im Sinne des § 29 der Jurisdiktionsnorm-'*) 
kompetent war, so fehlt die erste Voraussetzung der Vollstreckbarkeit. 

Der Oberste Gerichtshof bestätigte die Abweisung des Voll- 
streckungsbegehrens, denn es müsse die Zuständigkeit des französischen 
Gerichts nicht blos nach französischem Rechte, sondern auch nach den 
in Oesterreich geltenden Jurisdiktionsbestimmungen vorhanden sein. 

Jedes in dem Staate, von dessen Gerichten es gefällt wurde, 
überhaupt exekutionsfähige Urtheil schliesst selbstverständlich auch die 
Kompetenz des urtheilenden Gerichts in sich, sie möge an und für 
sich vorhanden gewesen, oder durch freiwillige Unter werftmg des Ge- 
klagteu; durch Unterlassung der Einwendung der Inkompetenz oder 
wie immer sonst entstanden sein. 

Wenn daher für die Beurtheilung der Exekutionsfähigkeit eines 
französischen Urtheils in Oesterreich lediglich französisches Recht und 
nicht auch die Vorschriften der hierländischen Ziviljurisdiktionsnorm 
betreffs der Zuständigkeit des französischen Gerichts massgebend sein 
sollten, so wäre nicht abzusehen, weshalb das Hofdekret vom 18. Mai 
1792 Nr. 16 J.G.S. die Bedingung enthalte, dass der auswärtige Ge- 
richtsstand zur Schöpfung der Urtheile kompetent sei.^ 

Mit Entscheidung vom 29. April 1875 Z. B897 (Nr. 5764 der 
Qlaser-Ungev^f^heü. Sammlung zivilrechtlicher Entscheidungen des Ober- 
sten Gerichtshofs) wurde folgendes zu Recht erkannt: „Unter der Kom- 
petenz des ausländischen Gerichtes kann nur eine nach völker- 
rechtlichen Grundsätzen anerkannte oder nach den öster- 
reichischen Gesetzen begründete verstanden werden. Dies er- 



5) Die Bestimmung des § 29 der österreichischen Jurisdiktionsnorm 
werden wir unten anführen und erörtern. 



294 Professor Dr. J. Rosenblatt in Krakau. 

gibt sich aus dem Hofdekret vom 7. November 1812 J.G.S. Nr. 1010, 
worin der Gerichtsstand des Wohnorts, der gelegenen Sache, des Ar- 
restes, des Verbotes, des Vertrages und der geführten Verwaltung als 
völkerrechtlich anerkannte Gerichtsstände bezeichnet werden^). 

Aus dem § 29 folgt, „dass auch österreichische Unterthanen, in- 
sofeme nicht in Beziehung auf einzelne Staaten besondere Vorschriften 
bestehen, im Auslande nur dann belangt werden können, wenn sie 
daselbst ihren Wohnsitz genommen haben, wenn sie daselbst getro£Pen 
werden wegen Verbindlichkeiten, welche daselbst entstanden oder zu 
erfüllen sind, und drittens, wenn der Fall eines besonderen Grerichts- 
Standes eintritt". — 

In einer unlängst veröffentlichten Entscheidung des Obersten Ge- 
richtshofes vom 4. März 1890 Z. 2439 (Gerichtshalle ex 1890 Nr. 474) 
ist endlich in einem Falle, wo es sich um die Vollstreckbarkeit eines 
vom Berliner Handelsgerichte gefällten Urtheiles gehandelt hat, 
zu Recht erkannt worden, dass anlangend die Frage der Zuständigkeit 
des Berliner Handelsgerichts, bei Beurtheilung derselben nur die 
österreichischen Jurisdiktionsvorschriften, insbesondere die 
§57 und 43 der Jurisdiktionsnorm zur Anwendung kommen kön- 
nen und zwar sowohl betreffs der Frage, ob ein Handelsgericht im 
Allgemeinen zuständig, wie auch betreffs der Frage, ob das Berliner 
Handelsgericht insbesondere zuständig war, es sei somit sowohl 
die sachliche wie die Örtliche Kompetenz nach österreichi- 
schem Prozessrecht zu beurtheileu. 

Die Ansicht, dass die Kompetenz des ausländischen Gerichts nach 
österreichischem Kechte zu prüfen sei, ist somit vorwiegend, und es 
wird meistens auf die österreichische Jurisdiktionsnorm Bezug genom- 
men. Ob dieselbe nur für die örtliche, oder auch für die sachliche 
Kompetenz zu gelten habe, ist nur in der letzten Entscheidung und 
zwar im bejahenden Sinne entschieden worden. In den übrigen Ent- 
scheidungen wird nur auf die örtliche Kompetenz Rücksicht genom- 
men imd mit Recht, denn sobald die Kompetenz der Grerichte des 
fremden Staates im Allgemeinen feststeht, muss man es den dortigen 
Gerichten überlassen, ihre sachliche Kompetenz zu prüfen und festzu- 
stellen. Aus dem Wortlaute und Geiste der anfangs zitirten Bestim- 
mung der Hofdekrete vom 18. Mai 1792 und 15. Februar 1805 folgt 
auch offenbar, dass es sich bei der Prüfung der Kompetenz des aus- 
wärtigen Gerichts nur darum handelt, dass der auswärtige Gerichts- 
stand im Allgemeinen zur Schöpfung des Urtheils wider den hiesigen 
Unterthanen berechtigt gewesen sei, dass aber eine weitere Prüfimg 
der sachlichen Kompetenz des fremden Gerichts nicht verlangt werde. 



6) Das hier zitirte Hofdekret war nur ein Spezialgesetz für das Yer- 
hältniss zu Bayern und ist bereits zufolge der bayerischen Prozessordnang 
vom 1. Juli 1869 ausser Kraft gesetzt worden. Vgl. hierüber Menger z,ik.O. 
S. 181 Note 26. 



Gerichtsstand fUr Klagen gegen Ausländer nach österr. Rechte. 295 

Wir sind daher, wie bereits oben erwähnt, entgegen der in der Ent- 
scheidung des Obersten Gerichtshofs vom 4. März 1890 ausgesproche- 
nen Ansicht, der Meinung, dass die in den Hofdekreten vom 18. Mai 
1792 und vom 15. Februar 1805 vorgeschriebene Prüfung der Zu- 
ständigkeit des auswärtigen Gerichtsstandes die Bedeutung hat, dass 
nur die örtliche Kompetenz des auswärtigen Gerichts vom öster- 
reichischen Kichter, der die Exekution des ausländischen Urtheils zu 
bewilligen hat, nach den Grundsätzen der österreichischen Jurisdik- 
tiottsnorm zu prüfen sei, die sachliche Kompetenz dagegen keinen Ge- 
genstand der Ueberprüfung nach österreichischem Kecht bilde. 

Auf demselben Standpunkt steht auch der österreichische Entwurf 
einer neuen Zivilprozessordnung vom Jahre 1881. Im § 748 dessel- 
ben heisst es, dass die Exekutionsklausel auf einen der im §740 
bezeichneten Exekution stitel, d. i. unter anderen auch auf Urthoile 
auswärtiger Zivilgerichte nicht zu ert heilen sei, wenn das Ge- 
richt, welches das Erkenntniss gefällt hat, nach keiner 
der in diesem Gesetze über die örtliche Zuständigkeit ent- 
haltenen Bestimmungen als zuständig angesehen werden 
könnte. 

Dass diese Bestimmung des Entwurfs eine Abweichung vom gel- 
tenden Bechte sei, wird in den Motiven des Entwurfs nicht behauptet. 
Wie dem nun aber sei und welche Ansicht man auch fUr die rich- 
tigere ansehen will, so viel steht fest, dass die angesuchte Exekution 
des ausländischen Urtheils dann nicht wird verweigert werden dürfen, 
wenn das ausländische Gericht zur Fällung des « in Rede stehenden 
Urtheils sowohl nach dem österreichischen wie nach dem eigenen 
Rechte zuständig war, d. i. wenn der Kompetenzgrund des Frozess- 
gerichts in den Frozessgesetzen beider Staaten anerkannt ist. 

Da nun aber die Zuständigkeit des ausländischen Gerichts flir Klagen 
gegen österreichische Bürger dann nicht wird bestritten werden können, 
wenn sich dieselbe auf einen derjenigen Kompetenzgründe stützt, in 
denen die österreichische Jurisdiktionsnorm die Zuständigkeit österrei- 
chischer Gerichte für Klagen gegen Ausländer anerkennt, so erscheint 
die erste der anfangs formulirten Fragen, nämlich die Frage, in wel- 
chen Fällen die österreichischen Gerichte für Klagen gegen Ausländer 
zuständig erklärt sind, von grosser Wichtigkeit. 

Wir kommen nun zur Beantwortung dieser zweiten Frage. 

Die österreichische Ziviljurisdiktionsnorm vom 20. November 1852 
(Nr. 251 des R.G.B.), welche die Grundsätze über die Gerichtsver- 
fassung, über den Wirkungskreis und über die Zuständigkeit der Ge- 
richte in bürgerlichen Kechtsangelegenheiten enthält, bestimmt nun 
darüber in § 29 folgendes: 

„Unterthanen auswärtiger Staaten können in folgenden Fällen 
vor den österreichischen Gerichten belangt werden: 

a) bei dem allgemeinen Gerichtsstande des Wohnsitzes (domici- 
lium)y wenn sie diesen in dem österreichischen Staate genommen haben; 



296 Professor Dr. J. Rosenblatt in Krakau. 

b) bei dem hierzn bestimmten besonderen Gerichtsstande in 
allen denjenigen Fällen^ in welchen auch österreichische Unterthanen 
nach den Bestimmungen der Jurisdiktionsnorm (§31 ff.) ausser dem 
Gerichtsbezirke ihres Wohnsitzes belangt werden können; 

c) im Falle, als weder ein besonderer, noch der allgemeine Ge- 
richtsstand des Wohnsitzes eintritt, anjedemOrte, wo sie getroffen 
werden, wegen aller Verbindlichkeiten, welche in dem österreichischen 
Staate entstanden oder daselbst zu erfüllen sind; 

d) in Folge der Gegenseitigkeit (Reziprozität) in allen Fällen, 
in welchen der Staat, welchem sie angehören, auch Klagen gegen 
österreichische Unterthanen zulässt. 

Die angeführten Bestimmungen sollen hier mit Rücksicht auf die 
Praxis in Kürze kommentirt und erörtert werden. 

Ad a). Der erste Fall ist der einfachste und dürfte wohl keine 
Veranlassung zu Kompetenzstreitigkeiten bieten, es wäre denn, wenn 
zweifelhaft wäre, ob im Allgemeinen der Ausländer einen Wohnsitz 
in den österreichischen Ländern genommen habe. Diesbezüglich müsste 
man den Grundsatz des § 16 der Jurisdiktionsnorm in Anwendung 
bringen, wonach der Ort, wo sich jemand in der erwiesenen oder 
aus den Umständen deutlich hervorgehenden Absicht niedergelassen 
hat, daselbst seinen bleibenden Aufenthalt zu nehmen, als sein ordent- 
licher Wohnsitz zu gelten hat. 

In Konsequenz der Bestimmung des § 29 lit. a der Jurisdiktions- 
norm wird auch der auf den Kompetenzgrand des Domizils gegrün- 
dete Gerichtsstand «usländischer Gerichte gegen österreichische Unter- 
thanen in unserer Praxis allgemein anerkannt und zwar nicht nur in 
Streitsachen über Vermögensrechte, sondern sogar in Ehestreitsachen. 
So wurde namentlich mit Entscheidung des Obersten Gerichtshof 
vom 29. April 1884 Z. 4624 (Nr. 10010 der Glaser'Bchen Samm- 
lung) in Abänderung beider gleichlautend abweisender Entscheidungen 
der unteren Instanzen die Vollstreckbarkeit des Urtheils eines 
bayerischen Gerichts über die Trennung einer in Oester- 
reich von österreichischen (protestantischen) Staatsbürgern ge- 
schlossenen Ehe anerkannt und ausgesprochen, dass die Kom- 
petenz des bayerischen Gerichts (Landgerichts Nürnberg) mit Rücksicht 
auf den im Urtheile des erwähnten Landgerichts konstatirten letzten 
gemeinschaftlichen Wohnsitz der Gatten in Nürnberg nach allgemeinen 
Grundsätzen und insbesondere nach § 14 lit. a der Österreichischen 
Jurisdiktionsnorm begründet erscheint. 

Ad b). Von den sogenannten besonderen Gerichtsständen unserer 
Jurisdiktionsnorm werden bezüglich der Klagen gegen Ausländer fol- 
gende insbesondere in Frage stehen können: 

1) der Gerichtsstand der Aufforderungsklage: 

2) der Gerichtsstand der Widerklage und der zusammenhängen* 
den Streitsachen; 

8) der Gerichtsstand des Vertrags; 



Oerichtflstand für Klagen gegen Ausländer naeh österr. Rechte. 297 

4) der Grerichtastand der freiwilligen Unterwerfung; endlich 

5) der Gerichtsstand des Arrestes, Verbotes oder sonstiger Sicher- 
steUungsmittel. 

Ad 1. Bezüglich des Gerichtsstandes der Aufforderungsklage 
bestimmt die Jurisdiktionsnorm im § 31, dass Aufforderungsklagen 
(provoeaiio ex lege diffamari) bei demjenigen Gerichte eingebracht 
werden müssen, vor welchem der Auffordernde in der Hauptsache zu 
belangen wäre. Wenn also beispielsweise ein Ausländer sich berUhmen 
würde, dass ihm wider einen österreichischen, in Oesterreich domizi- 
lirenden Bürger ein Recht zusteht, so wäre der letztere berechtigt, 
den Ausländer vor das inländische, für den Kläger mit Rücksicht 
auf seinen Wohnsitz zuständige Grericht mit der Aufforderungsklage zu 
belangen. Falls dem aufgeforderten Ausländer für die anzustrengende, 
angeforderte Klage ein Wahlrecht zwischen mehreren Gerichten zu- 
stände, so kann er sich das Gericht wählen und die angeforderte 
Klage entweder vor dem Gerichte der Aufforderungsklage oder aber 
Tor einem anderen, gegebenenfalls sogar ausländischem Gerichte, an- 
strengen, falls die Kompetenz der letzteren neben der Kompetenz des 
Gerichts des ordentlichen Wohnsitzes des geklagten Oesterreichers 
(forum ekcHvum) begründet wäre. 

Wenn aber der angeforderte Ausländer die Aufforderung be- 
streitet und sachffdlig wird, dann kann er nach der Bestimmung des 
§ 31 al. 2 der Jurisdiktionsnorm das ihm sonst zustehende Wahl- 
recht nicht mehr ausüben, sondern muss die Klage bei dem näm- 
lichen Grerichte anbringen, vor welchem der Aufforderungsprozess an- 
hängt war. 

Ad 2. Nach § 33 der zitirten Jurisdiktionsnorm können Wider- 
klagen (reconventiones) , auch wenn sie mit dem Gegenstande der 
ersten Klage keinen Zusammenhang haben, solang Über diese nicht 
durch rechtskräftiges Endurtheil entschieden ist, bei dem nämlichen 
Gerichte angebracht werden, bei welchem die erste Klage überreicht 
worden ist. Nur dann, wenn die Klage oder Widerklage ihrem Gregen- 
stande nach vor den Real- oder einen besonderen Kausalgerichtsstand 
(Handels-, See-, Berggerichtsbarkeit) gehört, darf die Widerklage bei 
dem Gerichte der ersten Klage nicht angebracht werden. — Es kann 
somit ein von einem Ausländer bei einem österreichischen Gerichte 
Belangter bei demselben Gerichte die Widerklage gegen den Ausländer 
anstrengen. 

Die Bestimmung des § 40 über den Gerichtsstand für zusammen- 
hängende Streitsachen haben wir bereits oben angeführt. Es unter- 
scheidet sich dieser Gerichtsstand von dem der Widerklage darin, 
dass zur Begründung der Gerichtskompetenz für die Widerklage nur 
Identität der Prozessparteien, nicht aber Zusammenhang des Streit- 
gegenstandes verlangt wird, während ein Zusammenhang der Streit- 
gegenstände selbst dann die Kompetenz des Gerichts begründet, wenn 
Identität der Prozessparteien nicht vorhanden ist. Wenn z. B. ein Ans- 



298 Professor Dr. J. Rosenblatt in Ktakan. 

länder einen Inländer bei einem österreichischen Gerichte klagt; so kann 
eine dritte Person den klagenden Ausländer vor demjenigen Gericht be- 
langen^ in welchem er seine Klage anhängig gemacht hat^ wenn diese 
dritte Person einen Anspruch aus der nämlichen Thatsache erhebt, 
welcher die Grundlage des anhängigen Streites bildet. 

Die angeführte Bestimmung der österreichischen Jurisdiktionsnorm 
über die Widerklage unterscheidet sich von der korrespondirenden Be- 
stimmung des § 33 der deutschen Zivilprozessordnung darin, dass 
nach der letzteren eine Widerklage bei dem Gerichte der EJage nur 
dann zugelassen wird, wenn der Gegenanspruch mit dem in der Klage 
geltend gemachten Ansprüche oder mit den gegen denselben vor- 
gebrachten Yertheidigungsmitteln in Zusammenhang steht, während 
das österreichische Gesetz einen Zusammenhang der beiden Streitsachen 
nicht verlangt. 

Dass die Österreichischen Gerichte im Falle vorliegenden Zu- 
sammenhanges von Streitsachen für Klagen gegen Ausländer zuständig 
sind, resp. dass ausländische Gerichte für Klagen gegen in Oester- 
reich domizilirende Belangte zuständig sind, fedls der Gerichtsstand 
des Zusammenhangs von Streitsachen nach § 40 der Österreichischen 
Jurisdiktionsnorm begründet erscheint, ist in der bereits oben zitirten 
Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Wien vom 14. März 1888 
sowie in einer Entscheidung vom 30. Januar 1884 Z. 765 (mit- 
getheilt in der Gerichtszeitung ex 1884 Nr. 15, II) zu Recht erkannt 
worden. 

Ad. 3. Was den Gerichtsstand des Vertrages anbelangt, so ist 
derselbe ähnlich wie in der deutschen Zivilprozessordnung (§ 29) 
normirt; nur verlangt die österreichische Jurisdiktionsnorm im § 43, 
dass der Erfüllungsort der Verbindlichkeit im Vertrage ausdrück- 
lich bestimmt sein soll und erklärt für zuständig nicht einfach das 
Gericht des Ortes, wo die streitige Verpflichtung zu erfüllen ist, wie 
die deutsche Prozessordnung, sondern dasjenige Gericht, welchem der 
Geklagte unterstünde, wenn er sich an dem Orte befände, wo der Ver- 
trag erfüllt werden soll. 

Wenn also jemand einem privilegirten Gerichtsstande unterliegt, 
wie z. B. der Gutsbesitzer dem Landes- oder Kreisgerichte, so wird 
für ihn, wenn der Vertrag an einem Orte zu erfüllen ist, wo nur 
ein Bezirksgericht amtirt, nicht dieses Bezirksgericht, sondern das 
Landes- oder Kreisgericht, in dessen Sprengel das betreffende Bezirks- 
gericht resp. der verabredete Ort der Erfüllung des Vertrags liegt, 
zuständig sein. 

Dass .die unbeanstandete Annahme einer Waare mit der Faktnra, 
an welcher ein bestimmter Zahlungsort ausgedrückt ist, die Kompetenz 
des forwm contracttcs für den in der Faktura angegebenen Zahlungs- 
ort begründet, kann gegenwärtig als konstante Praxis des Obersten 
Gerichtshöfe gelten und wird in der Jurisprudenz (trotz manchen Wider- 
spruches) allgemein angenominen. Es kann daher der Ausländer^ der 



GeriehtBStand für Klagen gegen Ausländer nach Osten. Rechte. 299 

die Yon einem österreichischen Kaufmanne bestellte Waare sammt 
Faktura anstandslos annimmt^ vor dem zust&idigen Österreichischen Gre- 
richte belangt werden^ wenn im Inhalte der Faktura ein in Oesterreich 
liegender Zahlungsort bezeichnet war. 

Betreffend den Gerichtsstand des Vertrags hat der Oberste Ge- 
richtshof in Wien in der oben angeführten Entscheidung vom 4. März 
1890 erkannt, dass die Zuständigkeit des Berliner Handelsgerichts, 
dessen Urtheil in Oesterreich vollstreckt werden soll, bejaht werden 
rnosS; weil das österreichische Prozessrecht den Gerichtsstand des Er- 
füllungsortes eines Vertrags in § 43 der Jurisdiktionsnorm ausdrück- 
lich anerkennt und durch das zu vollstreckende Urtheil nachgewiesen 
erscheint, dass nach § 1 der Bedingungen für Geschäfte an der Ber- 
liner Fondsbörse für alle an dieser Börse geschlossenen Handels- 
geschäfte Berlin als Erfüllungsort zu gelten habe, weil somit das 
Berliner Handelsgericht für Klagsansprüche aus an der Berliner 
Fondsbörse geschlossenen Geschäften sowohl sachlich nach § 57 der 
österreichischen Jurisdiktionsnorm wie örtlich nach § 43 derselben zu- 
ständig war. 

Ebenso ist der Gerichtsstand der Erfüllung des Vertrags bedingt 
anerkannt worden in einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs 
vom 17. Dezember 1879 Z. 13.546 (Nr. 7698 der Qlaser'ßohen 
Sanmilung). 

Bezüglich des forum contractus bemerkt Bar ganz richtig 
(1. c. S. 438), dass dasselbe in Wahrheit eines der Haupthindemisse 
der internationalen Anerkennung und Vollstreckung der richterlichen 
Erkenntnisse ist, umsomehr, als nach einigen Prozessgesetzen der Ort 
des Vertragsabschlusses, nach anderen aber der Ort der Erfüllung das 
forum contractfM begründet. So wurde namentlich die Exekution eines 
italienischen Urtheils vom Obersten Gerichtshofe mit Entscheidimg 
vom 29. April 1875 Z. 3897 Nr. 5704 der ö^ör'schen Sammlung 
verweigert, weil die Kompetenz des ausländischen Gerichts sich auf 
den Ort des Abschlusses des Vertrags stützte, welcher Kom- 
petenzgrund in der österreichischen Jurisdiktionsnorm nicht aner- 
kannt ist. 

Ad 4. Nach § 47 der Jurisdiktionsnorm steht es den Parteien 
frei, sich einem anderen als dem zuständigen G-erichte durch ausdrück- 
liches Uebereinkommen zu unterwerfen; doch können durch eine solche 
Üebereinkunft Angelegenheiten, welche einem besonderen Elausal- 
gerichtaatande ausschliesslich zugewiesen sind (Handels-, Wechsel-, 
See-, Bergprozesse) nicht vor ein Gericht anderer Art gezogen, oder 
für eine gemeine Eechtssache ein besonderer Elausalg^chtsstand ge- 
wählt werden, noch kann für Bechtssachen, welche vor ein Bezirks- 
gericht gehören, die Verhandlung vor einem Gerichtshofe erster Instanz 
bedungen werden. 

Nach § 48 ibidem wird ferner ein sonst inkompetentes Gericht 
zuständig, wenn der Geklagte die Einwendung des ungehörigen Gk- 



300 Professor Dr. J. Rosenblatt in Rrakftu. 

richtsstandes nicht in der durch die Prozessordnung bestimmten Frist 
angebracht hat. 

Bezüglich des Gerichtsstandes der freiwilligen Unterwerfung hat 
der Oberste Gerichtshof in der oben angeführten Entscheidung Yom 
6. August 1884 Z. 8782 anerkannt^ dass die Submission des Belang- 
ten die Kompetenz des ausländischen Gerichts begründe, femer in 
einer Entscheidung vom 30. M&rz 1886 Z. 3656 (Nr. 10.981 der 
Sammlung) bemerkt, dass die Zurückziehung der Berufung gegen das 
im Kompetenzstreite ergangene Erkenntniss als Anerkennung der 
Kompetenz des fremden Gerichts aufgefasst werden müsse. Dngegen 
hat der Oberste Gerichtshof in einer in der Grerichtszeitung vom 
23. Dezember 1890 mitgetheilten Entscheidung vom 25« September 
1890 Z. 9032 zu Recht erkannt, dass § 47 der Jurisdiktionsnonn nur 
die Unterwerfung unter ein sonst nicht zuständiges österreichisches 
Grericht meint, nicht aber dahin ausgelegt werden könne, dass es einem 
österreichischen Unterthan freistünde, sich der Gerichtsbarkeit des ein- 
heimischen Richters zu entziehen, um sich einem ausländischen Grerichte 
zu unterstellen; endlich wurde in der Entscheidung vom 18. Dezember 
1833 Z. 11.162 ausgesprochen, dass die unterlassene Bestreitung 
der Kompetenz des ausländischen Gerichts nicht als eine stillschwei- 
gende Anerkennung derselben analog dem § 48 angesehen wer- 
den kann. 

In der obenerwähnten, in Qrünhui^s Zeitschrift für Privatrecht ver- 
öffentlichten Abhandlung über die Gerichtsstände der §§ 47 und 48 
der Österreichischen Jurisdiktionsnorm vertritt der Verfasser Dr. Pöüak 
die Ansicht, dass die Kompetenz des auf Grund eines Prorogations- 
vertrags zuständigen ausländischen Gerichts nacli ausländischem Rechte 
zu prüfen sei. 

Dagegen meint aber der Verfasser, dass im Falle des § 48 — 
unterlassene Einwendung der Inkompetenz — keine fingirte Proro- 
gation, sondern nur eine gesetzliche Fiktion des bei der aufrechten 
Klagserledigung angenommenen Zuständigkeitsgrundes angeordnet sei; 
auch in diesem Falle wäre aber nach Ansicht des Verfassers die 
Frage, ob das ausländische Gericht zufolge unterlassener Inkompetenz- 
einwendung als zuständig gelten kann, nach dem Rechte des frem- 
den Staates, welches das zu vollstreckende Urtheil gefällt hat, zn 
prüfen. 

Ad 5. Nach § 46 der Österreichischen Jurisdiktionsnorm können Ge- 
suche um Bewilligung eines gerichtlichen Verbotes, provisorischen Arrestes, 
einer provisorischen Sequestration oder einer anderen mittlerweiligen 
Vorkehrung nach der Wahl des Klägers entweder bei dem in der 
Hauptsache zuständigen Gerichte oder bei demjenigen Bezirksgerichte 
angebracht werden, in dessen Sprengel das provisorische Sieher- 
stellungsmittel vollzogen werden soll. Binnen 14 Tagen nach Be- 
willigung des Verbots hat der Verbotserwerber die Klage, mit welcher 
das Verbot gerechtfertigt werden soll, entweder bei dem ordentlichen, 



Oenohtastand Air Klagen gegen Aoflländer nach ((sterr. Itechte. ^Oi 

d. i. sonst znstSndigen Gerichte; oder auch bei demjenigen Ge- 
richte anzubringen^ welches das Verbot bewilligt hat (§ 3 
des Patentes vom 27. Dezember 1790 Nr. 99 Ju8t.6e6.Samml. und 
§ 384 der galiz. Grerichtsordnung). Dadurch wird also das Verbots- 
geriebt auch für den fi[auptprozess kompetent; jedoch sind Klagen^ 
welche nach den Bestimmungen der Jurisdiktionsnorm vor einen Ge- 
richtshof gehören, nicht bei dem Bezirksgerichte, welches das provi- 
sorische Sicherstellungsmittel bewilligt hat, sondern nur bei dem Ge- 
richtehofe erster Instanz anzubringen, in dessen Sprengel dasselbe 
gelegen ist (Min.Verordnung vom 19. Juni 1855 Nr. 106 R.G.B1.). 

Bezüglich des in Rede stehenden Gerichtsstandes provisorischer 
Sicherstellungsmittel muss bemerkt werden, dass mit Entscheidung des 
Obersten Gerichtshofes vom 18. M»rz 1879 Z. 3091 (Nr. 7377 der 
Sammlung Glaser-Ühger) die Vollstreckung des ürtheils eines schwei- 
zerischen Gerichts, welches als Gericht der Beschlagnahme 
sich kompetent erklärte, versagt wurde, weil der österreichische 
Richter, der gegen einen Ausländer ein provisorisches Sicherstellungs- 
mittel bewilligt hat, dadurch allerdings seine Kompetenz zurUrtheils- 
fUliiBg gegen denselben begründet (§ 29 lit. bund § 46 Jurisdiktionsnorm), 
weU aber in dem Falle, wenn aus dem gleichen Grunde die Kom- 
petenz eines auswärtigen Grerichtsstandes gegen einen Inländer be- 
hauptet wird, bei Prüfung derselben untersucht werden muss, ob das 
provisorische Sicherstellungsmittel nach den inländischen Gesetzen 
gegebenenfalls hätte bewilligt werden können, da diese Vorfrage allein 
Über die Grundlage der auswärtigen Zuständigkeit entscheiden kann; 
nun ergebe sich aber im vorliegenden Falle keinesfalls, dass die Be- 
dingungen zur Bewilligung eines Verbots oder einer Sequestration nach 
österreichischem Rechte vorhanden gewesen wären, und sei daher das 
ausUbidische Gericht auch zur Fällung des Ürtheils nicht kompetent 
gewesen. 

Mit Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom 18. April 1884 
Z. 4078 (Nr. 9998 der O'^er'schen Sammlung) wurde die Vollstreck- 
barkeit eines deutschen (preussischen) ürtheils anerkannt, weil die 
beim dortigen Gerichte angebrachte Klage sich als eine Verbotsrecht- 
fertigongsklage darstellt und nach den §§ 29 lit. b und 46 der 
österreichischen Jurisdiktionsnorm sowie nach der Ministerialverordnung 
vom 19. Juni 1855 Nr. 106 R.G.B1. bei dem Gerichte des Ortes, 
wo das Verbot vollzogen war, angebracht werden durfte, somit die 
Kompetenz dieses auswärtigen Gerichts, mit Zugrundelegung des 
Österreichischen Gesetzes, begründet ist. 

Ad c. Im Falle 8 des § 29 ist das forum oofUrachM zu Gimsten 
des österreichischen Klägers bedeutend erweitert. Es werden Klagen 
gegen Ausländer von den österreichischen Grerichten als forwm con^ 
traetus selbst dann zugelassen, wenn die Verbindlichkeit im Inlande 
auch nur entstanden ist, sowie auch dann, wenn der Erfüllungsort 
nieht ausdrücklich verabredet worden ist, wie es § 43 verlangt, son- 

ZettMhrlfl f. intern. Privat- n. Strafrecht etc., Band I. 21 



302 Professor Dr. J. Rosenblatt in Krakaa. 

dem beispielsweise aus der Natur des Vertrags erhellt^ dass die Er- 
füllung im Inlande zu erfolgen hatte. In beiden Fällen wird jedoch 
die Klage nur bei jenen Gerichten angebracht werden dürfen^ in deren 
Bezirke der ausländische Belangte getroffen worden ^ d. h. wo ihm 
die Klage zugestellt werden kann. Wird ihm die Klage im Inlande 
nicht zugestellt; dann ist die Kompetenz des inländischen Grerichts 
nicht begründet. 

Bezüglich dieses Kompetenzgrundes bemerkt Menger (a, a. 0. 
S. 149) ganz richtig, dass in dieser Bestimmung des § 29 lit. c augen- 
scheinlich die beiden Ansichten von dem Wesen des forum% con^ 
tracttis (Ort des Vertragsabschlusses und Ort der Vertragserfüllung) zu 
einem erweiterten Gerichtsstande vereinigt worden sind^ weil ein aus- 
gedehnter Schutz der vertragsmässigen Rechte gegen Fremde von be- 
sonderer Wichtigkeit ist, da sich der internationale Verkehr vorherr- 
schend in den verschiedenen Formen des Vertrags vollzieht. 

Ad d. In dem letzten der anfangs zitirten Fälle des § 29 unserer 
Jurisdictionsnorm bildet die Reziprozität oder eigentlich die Retorsion 
den Kompetenzgrund des österreichischen Gerichts. Es werden näm- 
lich die österreichischen Gerichte in denjenigen Fällen für zuständig 
erklärt; in welchen nach fremdem Rechte die Grerichte des firemden 
Staates für Klagen gegen Österreichische Bürger zuständig sind. 

Hierher würden insbesondere folgende Fälle gehören: 

Nach § 24 der deutschen Zivilprozessordnung ist für Klagen 
wegen vermögensrechtlicher Ansprüche gegen eine Person^ welche 
im Deutschen Reiche keinen Wohnsitz hat, das Gericht zuständig, in 
dessen Bezirk sich Vermögen desselben oder der mit der Klage in 
Anspruch genommene Gegenstand befindet. Bei Fordenmgen gilt als 
der Ort; wo das Vermögen sich befindet; der Wohnsitz des Schuld- 
ners und; wenn für die Forderung eine Sache zur Sicherheit haftet, 
auch der Ort; wo die Sache sich befindet. Dasselbe müsste nun viee 
versa gegen in Deutschland wohnende Personen Anwendung haben, 
welche bei uns Vermögen besitzen. 

Wenn also z. B. ein deutscher Bürger in Oesterreich ein Vermögen 
hat; z. B. eine Forderung an eine in Oesterreich domizilirende Per- 
son; so kann er wegen vermögensrechtlicher Ansprüche vor demjenigen 
österreichischen Gericht belangt werden; in dessen Bezirk der Schuldner 
des deutschen Forderungsberechtigten domizilirt. 

Auf dieser Grundlage wurde auch mit Entscheidung des Obersten 
Gerichtshofs vom 29. Januar 1885 Z. 745 Nr. 11.344 der Sammlung 
unter Bezugnahme auf die Bestimmung des § 29 d die Kompetenz der 
österreichischen Gerichte zur Klage auf Ausfolgung von in Oesterreich 
lagernder Waare gegen deutsche ünterthanen in reziproker Anwen- 
dung des § 24 der deutschen Zivilprozessordnung anerkannt. 

Ebenso können ungarische Staatsbürger in reziproker Anwendung 
des § 35 des ungarischen Gesetzartikels 55 ex 1868 wegen Buch- 
forderungen bei demjenigen österr. Gerichte belangt werden; in dessen 



GeriehtBBtand für Klagen gBgen Aasländer nach Osterr. Eadite« 30S 

Sprengel die Bttcher geführt werden^ weil eben das zitirte ungarische 
Gesetz diesen Kompetenzgnmd ftir Klagen gegen AaslMnder statuirt 
(Entscheidung des Obersten Gerichtshofs vom 3. Februar 1881 Jur.BL 
Nr. 12)'). 

Aus der hiemit dargestellten Bestimmung des § 29 der öster- 
reichischen Jurisdiktionsnorm ist nun ersichtlich; dass dieselbe den 
InlSnder begünstigt ^ indem sie ihm die Klageführung gegen den 
Ausländer vor dem inländischen Gerichte in ausgedehnter Weise er- 
mSglieht. 

Es folgt aber auch andererseits aus dieser Bestimmung, wie dies 
der Oberste Gerichtshof in mehreren der oben angeführten Entschei- 
dungen ausgesprochen hat, dass auch Inländer vor ausländischen Ge- 
richten geklagt werden können, wenn sich die Kompetenz des aus- 
wärtigen Gerichts auf den Gerichtsstand des Wohnsitzes (§ 29 Uta) 
oder auf einen der sogenannten besonderen Gerichtsstände der öster- 
reichischen Jurisdiktionsnorm (der Aufforderungsklage, der Widerklage, 
des Zusammenhangs, der Vertragserfüllung, des Arrestes § 29 b) stützt, 
endlich wegen im Auslande eingegangener Verbindlichkeiten dann, 
wenn sie im Auslande getroffen werden können, d. i. wenn ihnen dort 
die Klage zugestellt werden kann. 

Auf Grund obiger Erörterungen bezüglich der Gerichtskompetenz 
im internationalen Verkehr gelangen wir somit zu folgenden, im Öster- 
reichischen Frozessrechte Geltung habenden Sätzen: 

I. Bei der Prüfung der Vollstreckbarkeit ausländischer ürtheile 
haben österreichische Grerichte im Sinne der Hofdekrete vom 18. Mai 
1792 Nr. 16 und vom 15. Februar 1805 Nr. 711 der Justizgesetz- 
sammlung die Kompetenz des Erkenntnissgerichts, dessen ürtheil in 
Oesterreich vollstreckt werden soll, nach den Grundsätzen der öster- 
reichischen Jurisdiktionsnorm zu prüfen und festzustellen. 

II. Diese Kompetenz ist als begründet anzuerkennen, wenn sich 
dieselbe auf einen derjenigen Kompetenzgründe des § 29 lit a, b und c 
der österreichischen Jurisdiktionsnorm stützt, in denen die österreichi- 
schen Grerichte fUr Klagen gegen Ausländer als zuständig erklärt sind. 

m. Die Prüfung der Kompetenz des ausländischen Gerichts hat 
sich jedoch nur auf die örtliche Kompetenz zu erstrecken; bezüg- 
lich der sachlichen Kompetenz des auswärtigen Gerichts ist das 
Recht des Prozess- resp. Erkenntnissgerichts massgebend und die sach- 
liche Kompetenz daher kein Gegenstand der Ueberprüfung nach öster- 
reichischem Recht. 

IV. Nach den Bestimmungen der österreichischen Jurisdiktionsnorm 
sind die österreichischen Gerichte für Klagen gegen Ausländer nicht 
nur in den im internationalen Prozessrechte allgemein anerkannten 
Fällen des forum domieüii und forum rei sitae für zuständig erklärt, 



7) Siehe das Nähere über den Kompetenzgnmd der Betorsion Menger 
L c 3. 147. 

21* 



304 Reehtsanw. Voigt, BechtsYerhältn. aaBaereheLKinder, GetetseakoUision. 

sondern es sind auch die Gerichtsstibide des forv/m ooniraelns, forum 
arresH, fomm prorogaiwn und forum reoonventionis gegen AuslXoder 
anerkannt nnd überdies nach dem Betorsionsprinsip alle diejenigen 
Grerichtsstftnde ^ in denen nach dem Rechte des Ausländers, der in 
Oesterreich geklagt werden soll, auch Oesterreicher im Auslände ge- 
klagt werden können. 



Die räumliche Kollision der Gesetze bei Feststeliiing 

der Rechtsverhältnisse zwischen einem ausserehe- 

liehen Kinde und seinem natürlichen Vater, unter Zu* 

grundelegung des Allgemeinen Landrechts. 

Vom Rechtsanwalt Voigt tu Halle a./S. 

§ 1. 

Die Mannichfaltigkeit der bisherigen Ansichten. 

Bei den rechtlichen Beziehungen zwischen einem natürlichen Vater 
und seinem Kinde ist vor allem die Alimentationspflicht des Vaters 
von praktischer Bedeutung. Die Frage^ ob einem ausserehelich^i 
Kinde gegen seinen natürlichen Vater Ansprüche auf Unterhalt zu- 
stehen^ ist von den verschiedenen Rechten sehr verschieden beant- 
wortet. Insbesondere gelten in jedem der drei grossen Bechtsgebiete 
Deutschlands hierüber von einander abweichende Bestimmungen. Das 
französisch-rheinische Eecht versagt bekanntlich jeden derartigen An- 
spruch schlechthin^); das gemeine Eecht erkennt ihn bedingungslos an; 
und das preussische Recht gewährt einen Anspruch mit den durch 
das Gesetz vom 24. April 1864 gesetzten Einschränkungen. 

Häufig ist es zweifelhaft^ welches dieser Rechte im einzelnen 
Falle Anwendung findet. Denn mangels positiver gesetzlicher Regelung 
kann man an sich bei der Eigenart der in Betracht kommenden thal- 
sächlichen Verhältnisse das anzuwendende Recht nach mehrfachen Ge- 
sichtspunkten bestimmen. 

Man kann an das Recht denken^ welches am Orte der Schwän- 
gerung oder der erhobenen Klage gilt; femer an das Recht am Wohn- 
sitze des Schwängerers^ der Greschwächten oder des Kindes; endlich bei 
wechselndem Wohnsitz an das Recht am Wohnsitze einer dieser Per- 
sonen zur Zeit der Schwängerung oder zur Zeit der Greburt. Alle 
diese Auffassungen haben ihre Vertreter gefanden. Es hat daher nicht 
ausbleiben können^ dass man über das hier behandelte Thema in 
Theorie und Praxis zu den auseinandergehendsten Ergebnissen ge- 
kommen ist 



1) Art. 340 Code civil : la recherche de la patemiU est itUerdüe, Zwei 
Ausnahmen gelten: Der Schwängerer, welcher die Mutter yerftthrt hat, 
muss Alimente zahlen, Art 340 code civil; ebenso derjenige, welcher seine 
Vaterschaft in einer öffentlichen Urkunde anerkannt hat, Ajrt 384 c. c. 



ReobtsverhSltniBse aasserehelicher Kinder, Gesetzeskollisioii. 305 

Hinsichtlich des prenssischen Rechts waren bis zum Jahre 1879 
die Entscheidungen des Obertribonals der Leitstern^ welchem wenig- 
stens die Gerichte unbedingt folgten. Seitdem durch das R.G.V.O. 
die Ansprüche aus ausserehelichem Beischlaf ausschliesslich den Amts- 
gerichten überwiesen sind^) und also f%Lr Klagen der in Rede stehenden 
Art das Landgericht die höchste Instanz bildet; ist es sonach zur Zeit 
kaum möglich, dass eine einheitliche Rechtsprechung über den bereg- 
ten Punkt erzielt wird. 

Hit Rücksicht auf die Wichtigkeit der in Rede stehenden Frage, 
namentlich auch fUr die Xrmeren Klassen der Bevölkerung und ihr 
häufiges Auftauchen vor den Grerichtshöfen, dürfte eine Besprechung 
derselben am Platze sein. 

Abschnitt I. 
Geschichtlicher lleberUick. 
§ 2. 
Die rechtliche Onmdlage des Alimentenanspruchs, 

Darüber herrscht kein Zweifel, dass der Richter nicht ausnahms- 
los alle vor sein Forum gebrachte Rechtsstreitigkeiten nach dem in 
seinem Bezirk geltenden Recht zu beurtheilen hat. Vielmehr muss er 
in jedem einzelnen Falle untersuchen, welches Recht anzuwenden ist. 
Die einzelnen Rechte geben selbst für diese Untersuchung — mehr 
oder weniger genügenden — Anhalt. 

Für das gemeine Recht hatte man früher der Entscheidung die £in- 
theilnng der Rechtsverhältnisse in statuta personalia, realia und mixta 
zu Grunde geleg^. Man verstand darunter folgendes: 

Die Rechtsverhältnisse der Person an sich richten sich nach den 
Gesetzen des Wohnsitzes derselben; die Rechtsverhältnisse von Sachen 
nach den Gfesetzen des Ortes, wo sie sich befinden, und die Rechts- 
verhältnisse aus Handlungen nach den Gresetzen des Ortes, wo die 
Handlung stattgefunden hat. 

Später hat von Savigny den Grundsatz aufgestellt, dass für jedes 
Rechtsverfaältniss sein örtlicher Sitz, d. h. der Punkt des Raumes auf- 
zusuchen sei, welchem es angehört. Dem an diesem Orte geltenden 
Recht sei das Rechtsverhältniss unterworfen. 

Diese Anschauung ist im gemeinen Recht die herrschende ge- 
blieben, obwohl sich auch hier widersprechende Stimmen erhoben 
haben •). 

Den Verfassern des preussischen A.L.R. hat bei dem Entwürfe 
dieses Gesetzbuchs ebenfalls die gemeinrechtliche Lehre der statuta 
personalia, realia und mixta vorgeschwebt. Doch haben sie dieselbe 
selbständig verwerthet. Nach A.L.R. hat man bei Feststellung des 



2) fi 28 Nr 2 G.V.G 

3) Vgl. Windscheid, Lehrb. der Pandekten Bd. I § 34 Anm. 3 und die 
dort 2ätirten. 



306 Rechtsanwalt Voigt in Halle a./S. 

anzuwendenden Sechts zu prüfen^ ob es sich um persönliche Eigen- 
schaften und Befugnisse handelt — §§ 28 ff. Einl. zum A.L^ — , 
oder um bewegliches Vermögen — §§ 28 ff. Einl. — , oder um un- 
bewegliches — § 32 Einl. — oder endlich um die Form der Elaiid- 
lungen — § 33 Einl. — Das zur Anwendung kommende Beeht 
bestimmt sich für jede dieser vier Kategorien nach besonderen Gfrond- 
sStzen. Um daher zu entscheiden, nach welchem Recht ein Becht»- 
verhältniss zu beurtheilen ist, muss man zuvörderst entscheiden, welcher 
juristischen Kategorie dasselbe angehört, man muss also die rechtliche 
Natur eines konkreten Anspruchs feststellen, um erkennen zu können, 
nach welchem Recht seine Begründetheit zu prüfen ist. 

Diesen Grundsatz hat man auch nie ausser Acht gelassen, so oft 
man sich mit dem gegenwärtig erörterten Stoff befasst hat. Man ist 
dabei von zwei Haupttheorien, von denen jede wieder Abarten erzeugte^ 
ausgegangen. 

Man hat nämlich entweder die Alimentenansprüche des ausserehe- 
lichen Kindes als Entschädigungsansprüche aus einem Delikt 
karakterisirt, oder man hat ihre rechtliche Grundlage in der durch 
Zeugung und Geburt begründeten natürlichen Verwandtschaft 
zwischen Kind und Vater gefmaden. 

Zu der ersteren Auffassung ist man durch die Erwägung gelangt, 
dass der aussereheliche Beischlaf eine unerlaubte Handlung sei und 
mithin die daraus entspringenden Ansprüche Entschädigungsansprüche 
für den durch die Handlung zugefugten Schaden darstellen. Man hat 
hierbei das rechtliche Wesen der Ansprüche der Geschwächten gegen 
den Schwängerer und des Kindes gegen den Erzeuger vermischt. 

Die andere Haupttheorie beruht dagegen gerade auf einer schar- 
fen Sonderung dieser beiden Ansprüche. 

§ 3. 
Die Kollision nach gemeinem Recht, 

Nach gemeinem Recht war die ältere und lange Zeit herrschende 
Theorie die Deliktstheorie ^). Die Verpflichtung des Konkumbenten 
zur Alimentenzahlung beruht danach auf dem Delikt des ausserehe- 
lichen Beischlafs. Nach einer anderen Ansicht haftet der Schwängerer 
auf Grund des zwischen ihm und dem Kinde bestehenden Verwandt- 
schaftsverhältnisses'). Indem einige Schriftsteller für letztere Ansidit 
nicht genug Anhalt in den Quellen zu finden glaubten und doch an- 



4) So Bülow und Hagemann ^ Erörterungen IV 70. Elvers* Thmis 
Bd. II 8. (Kaemmerer 1829) Arch. für civ. Praxis Bd. XII 7. {DunUe 
1829) Puehta, Pandekten § 316. 

5) Geit, lieber die Rechtsverhältnisse aus der ausserehelichen Ge- 
schlechtsgemeinschaft, 1836, § 28. Olück XXVIII S. 184. Hurwadt im 
Archiv für civ. Praxis XIV S. 435—442; XVII S. 3, 9. MarHn, ArchiT 
für pr. R. W. N. F. V S. 244 ff. Emminghaus, ebenda VIII S. 176 ff. BMau, 
Mecklenburg. Landrecht II S. 21 ff. 



Beoht8verh&ltni8se ansserehelioher Kinder, GesetzeskolliBion. 307 

dererseitB die Deliktstheorie verwarfen, stellten sie als dritte Ansicht 
üher den Onind der Alimentationspflicht des Schwängerers den Satz 
auf, derselbe hafte ans der That